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XICöATL: Ausgabe 91
INHALT:
ESSAY: Die Ballade des Haroldo Conti. Jorge Isaías. LYRIK: Gedichte. Emilse Zorzut. - Gedichte. Gabriel Ruiz Arbeláez. ERZÄHLKUNST: Erzählungen. Aymer Waldir Zuluaga Miranda. ÖSTERREICH: Ein Abend mit A. Alfred Ziermayr.
Jorge Isaías (1946, Los Quirquinchos, Santa Fe) hat 30 Bücher veröffentlicht, unter denen im Bereich Lyrik hervorstechen: Oficios de Abdul (zwei Auflagen); Crónica gringa (fünf Auflagen); Poemas de Amor (drei Auflagen); Áspero cielo; Donde supura el aire. In Prosa: El país de la infancia; La mano sobre el recuerdo; Como un caballo salido del mar; Futboleras und Las más rojas sandías del verano. Er wählte aus und gab heraus: Antología de los mejores cuentos del litoral; Papeles inéditos de José Pedroni und Palabras a mi padre y a su digna herramienta. Seine Gedichte wurden ins Französische, Englische und Italienische übersetzt. Seine Arbeiten wurden in mehrere in- und ausländische Anthologien aufgenommen. Seit 1990 arbeitet er mit der Zeitschrift Rosario/12 und mit zahlreichen Publikationen des Landes zusammen. Für sein Werk hat er zahlreiche nationale Preise erhalten. Er leitete die Lyrikzeitschrift „La Cachimba“, dann leitete er den gleichnamigen Verlag. 1990 gründete er die Cooperativa Editorial Gauderio und hatte die Leitung derselben über. Adresse: Italia 749, dpto. 4, (2000) Rosario, Santa Fe, Argentinien. E-Mail: jisaias46@yahoo.com.ar
In Contis Texten sagen die Jahreszeiten das Schicksal der Menschen voraus und führen die zukünftigen Handlungen und Zwischenfälle der Personen an, beeinflussen ihren Gemütszustand, färben die Macht und Dichte der Erinnerungen ein. Die wechselnden Farben übersetzen sich in Wahrnehmungen, um leicht und allmählich dem Ton einzuführen, mit dem die Erzählung in einem Lichtkegel weiterwandert, der alle Sinne überdeckt. Die Dialoge sind glaubwürdig und wie in der Hemingway’schen Saga stellen sie immer eine innere Welt zur Schau, die hinter der Geschichte liegt, die jenseits ihres Lakonismus und ihrer Ökonomie der Ausdrucksmittel reicht. Der Unterschied zwischen dem nordamerikanischen Autor, den Contis Generation bewunderte, und Conti selbst liegt darin, dass der Diskurs des ersteren nie oder beinahe nie die Gefühle preisgibt, während der argentinische Schriftsteller mit ähnlichen Mitteln eine nostalgische und nie spröde Zuneigung entwickelt, die sich an den großen Wert hält, der den Dingen und Lebewesen zugeschrieben wird, die für immer verloren gehen und die aus irgend einem nicht näher genannten Grund der Erinnerung als mit ihm verbunden dargestellt werden. Das Werk Haroldo Contis erscheint uns bescheiden, langsam und darum bemüht, das Geringe zu wahren, das niemanden interessiert, nur seine Schrift, die sich nicht damit abfinden will, sterben zu lassen, was weggeht. Damit, so glaube ich, beschäftigt sich die Poesie aller Zeiten, denn vielleicht hat Barthes Recht und die Schriftsteller versuchen ewig, zwei Schlüsselfragen zu beantworten: Warum liebe ich dich?, Warum habe ich Angst vor dem Tod? Es gibt keine Themen außerhalb dieser, denn die Macht und der Ruhm bleiben nicht gleichgültig, sondern werden in diese Barth’schen Darlegungen eingebunden. Die Bedächtigkeit und die Liebe, mit denen Haroldo Conti die Entwicklung der anonymen, an den Rand gedrängten und oft erbärmlichen Leben seiner Personen herausarbeitet, die wie im Falle von El Boga, aus Sudeste, nicht einmal einen eigenen Namen haben. Die Bedächtigkeit seiner Erzählungen, die Conti selbst wählte, um eine poetische Welt voll der Reflexionen zu erschaffen, wo er ständig die repräsentative Macht des Wortes anzweifelt, sich der Tatsache bewusst, dass er seine Bemühungen diesen „Antihelden“ widmet, die ganz offensichtlich nicht beispielhaft sind noch jemals sein werden. Dabei präsentiert er die Absätze mit der Ironie, mit der er seine eigene Schwierigkeit und Distanz zugibt, sein Misstrauen, dass er Beachtung finden könnte bei diesem Abhandeln seiner Geschichten, die, wie es der Erzähler einer seiner Geschichten sagt, eine Geschichte erzählt, die nicht von ihm sondern von einem anderen ist, und die ihm noch dazu berichtet wurde, und die „wirklich niemanden interessiert“, so als wäre er sich des Umgehens der großen Themen bewusst, die das Ansehen der Literatur aller Zeiten begründeten. Haroldo Conti setzte auf eine Poetik, diesen Blick auf das, was fehlt, was immer dahinter steht, diese Skizze, die auftaucht, wo nichts existiert. Die disjunktiven Konjunktionen, die indirekten Sätze, die Reflexiva, die progressive Inkorporation und das Überwiegen unsicherer Sätze betonten die Beziehung zwischen dem Erzähler und seiner Materie. Diese Sätze, die die Geschichte in Zweifel ziehen, die der Erzähler selbst erzählt, so als zweifle er ständig in diesen unendlichen Vermittlungen, die durchblicken lassen, was er von einer Geschichte erzählen will, die er vom Hörensagen kennt. Er erfüllt den Rat Borges, der sagt, man müsse Geschichten so erzählen, als kenne man sie nicht zur Gänze. Der Fluss fungiert in den Texten Contis als eine Metapher der Zeit, es ist nichts anderes als der Fluss, den El Boga unermüdlich unter dem Vorwand des Fischfangs durchmisst, oder die des Alten in der Erzählung „Todos los veranos“, wo der kindliche Erzähler über die Wechselfälle des Lebens seines Vaters berichtet, eines Fischers, der auf der Suche nach Fisch die turbulenten oder ruhigen Wässer des Deltas befährt, im Grunde aber ist es der Sinn seines vagabundierenden, umherirrenden Lebens, den er sucht. Die Zeit, eine wichtige Person der Conti’schen Erzählkunst, wie sie sich durch sein ganzes Werk zieht, als Beispiel möge dieses Zitat aus seiner Erzählung „Los novios“ aus seinem Buch „Todos los veranos“ dienen. „Hipólito sprach gern von der Zeit, genauso wie sein Vater. Das war im Grunde alles, woran er sich von seinem Vater erinnerte. Da war er, in seiner Erinnerung, und sprach ganze Stunden lang im Italienischen Club oder in der Bar Alsina. Es war wirklich ein Riesenthema. Sie erinnerten einander an Dinge, sie wünschten einander Dinge, und man wurde selbst auch Ding und Zeit“. Wer aufmerksam (die einzige Art, Literatur zu lesen) das Werk Haroldo Contis durchgeht, wird auf die häufigen Sinnkerne stoßen, die er unaufhörlich entfaltet, mit Sätzen, die aus der Ellipse eine Rhetorik machen, und in der Betonung auf der semantischen Zwiedeutigkeit auf seine Säule, worauf er eine Ästhetik begründet. (Ich erkläre dazu, dass ich hier das Wort Ästhetik in seinem klassischen Sinn verwende und nicht, wie es heute verwendet wird, um von einer Mode zu sprechen). In Sudeste ist El Boga der Fluss, aber auch die Zeit, auch das Bewusstsein der Gleichgültigkeit des Menschen gegenüber den anderen Menschen, wo nicht einmal der Fluss, den er als Schutz aufsuchte, ihn rettet. In dieser Teilnahmslosigkeit, in diesem Vagabundieren, wandert El Boga umher und sucht vergeblich sich selbst, ohne es zu wissen, oder er verstrickt sich beim intuitiven Versuch, seiner eigenen Existenz einen Sinn zu geben, gleichgültig, wie ein Held der griechischen Tragödie einigen Schmugglern begegnet und am Ende das Vorhersehbare geschieht: der dunkle Tod in einem Rinnsal unter den Kugeln der Polizei. Wie man sieht, ein ganz und gar nicht episches Ende, wie es einer Figur Contis zusteht. Man könnte vielleicht ohne Übertreibung sagen, dass die Person beharrlich nichts anderes sucht, als dieses Leben eines ewig sinnlos Reisenden zu beenden, um „ihren Sinn“ zu finden, der kein anderer war als ihr Tod. Wie so viele dunkle Leben des wirklichen Lebens, wie so viele andere Personen der Conti’schen Saga, die der Erzähler mit unvergleichlicher Zärtlichkeit behandelte, dieser Zärtlichkeit, die er für alle am Rande der Gesellschaft Stehenden hatte, die diese Erde bevölkern. In der Erzählung „Perfumada noche“, aus dem Buch La balada del álamo carolina, positioniert der Erzähler den Leser, ich zitiere: „Das Leben eines Menschen ist ein erbärmlicher Entwurf, eine Faust voll Traurigkeit, die in ein paar Zeilen passt. Aber manchmal, so wie es ganze Jahre einer langen und dichten Dunkelheit gibt, ist eine Minute des Lebens eines Menschen ein überwältigendes Licht. Herr Pelice hatte diese Minute und dieses Licht“. Wahrscheinlich könnten wir diesen Absatz mit jener immer wiederholten Behauptung Borges in Verbindung bringen, in welcher er versichert, dass es eine Minute im Leben eines Menschen gibt, in der er für immer weiß, wer er ist. Wahrscheinlich braucht man ein ganzes Leben, um bei sich selbst den eigenen körperlichen Mut zu finden, aber in der Erzählung Contis findet die Figur das Glück in einer platonischen Liebe, bei der der Platonismus so perfekt ist, dass das Objekt seiner Liebe nie etwas davon erfährt. Der Höhepunkt seines Glücks wird erreicht, als er durch die Saavedra-Straße geht, in der das Fräulein Haydée Lombardi wohnt, und sie ihn grüßt, während er als Zeichen seiner Bewunderung, Galanterie und seines Respekts den Panamahut zieht. Aber dieses angedeutete oder eingebildete Lächeln des Fräulein Lombardi verlieh Herrn Pelice, der der angesehenste Feuerwerker der Gegend war, für immer Sinn und Glück, und von da an perfektionierte er seine Technik zu Ehren des Fräuleins. Von da an und über all die Jahre, da das Fräulein noch am Leben war, schrieb er ihr täglich einen Brief, den er nie bei ihr ankommen ließ, außer an dem Tag, da sie starb, damals schickte er ihr ein glühendes und tief empfundenes Beileidsschreiben, in dem er sie bat, auf ihn zu warten, um die ganze Ewigkeit gemeinsam zu ruhen, wie sie es in diesem Leben nicht getan hatten. „Herr Pelice fühlte einen Knoten im Herzen und er liebte sie ab diesem Augenblick. Nie wechselten sie ein Wort, aber er zog seither seinen Panamahut vor jener Tür, um sechs Uhr Nachmittag im Winter und um acht Uhr im Sommer, und sie neigte eine Spur den Kopf und lächelte beinahe“. Dies allein genügte Herrn Pelice, um der Glücklichste unter den Sterblichen zu sein. Die Personen erscheinen und handeln immer in diesem Mittelpunkt der Ausstrahlung, der bei der Rede entsteht, nicht als lebendige Gegenwart sondern als diffuse Schatten und Erinnerungen, die eine Aura seltsamer und inniger Langsamkeit darstellen, wo es unmöglich ist, diesen unzulänglichen Wesen nicht zugeneigt zu sein, die in ihrer Rolle eine Phantasmagorie von Schatten spielen, die durch diese schließlich zu lebendiger Fleischlichkeit gelangt, unvergessliche Kreaturen, die man als Leser nicht aufhören kann zu lieben und sich ihrer zu erinnern: Onkel Hipólito und Fräulein Adela in den Novios, Herr Pelice und Fräulein Lombardi in Perfumada noche, Der Boga in Sudeste, Silvestre und Milo in Alrededor de la jaula, Oreste in En vida, und der andere Oreste von Mascaró y el cazador americano, der namenlose Bub aus der Erzählung Como un león in Con otra gente, Basilio Argimón en Adastra, der unvergessliche, namenlose Alte, der Fischer der Erzählung Todos los veranos, etc. Contis Textualität hat reichlich dazu beigetragen, dass seine Literatur in jener Prämisse Cesare Paveses vertreten ist: „Erzählen ist monoton. Und jeder authentische Schriftsteller ist wunderbar monoton“. (1) Haroldo Conti wurde am 25. Mai 1925 in Chacabuco in der Provinz Buenos Aires geboren. Er war Dorfschullehrer, Schauspieler, Laientheaterregisseur, Seminarist, Transportunternehmer, Zivilpilot, Philosophieprofessor. Er war dem Kinobetrieb auch als Drehbuchautor verbunden, und im Zuge dessen arbeitete er an La muerte de Sebastian Arache, einem Film von Nicolás Sarquis. Sein Roman Alrededor de la jaula erhielt 1966 den Preis des Lateinamerikanischen Wettbewerbs, der von der Universität Veracruz ausgeschrieben wurde, und wurde später von Sergio Renán unter dem Titel Crecer de golpe verfilmt. Er erhielt auch den Preis der Casa de las Américas für Mascaró, el cazador americano, den Preis der Zeitschrift Life und den städtischen Preis der Gemeinde Buenos Aires. Sein narratives Werk, das sich aus seinen so unterschiedlichen Erfahrungen speist, verfügt über eine seltene deskriptive Dichte, die streckenweise beinahe lyrisch wird, und einem wenig üblichen Umgang mit der Welt der einfachen Affekte, die jeden simplen Sentimentalismus vermeidet. Er wurde 1976 von der Militärdiktatur entführt und steht bis zum heutigen Tag auf der Liste der Verschwundenen. Unter seinen Romanen finden sich: Sudeste (1962); Alrededor de la jaula (1966), En vida (1971), Mascaró, el cazador americano (1975); unter seinen Erzählungen: Todos los veranos (1964), Con otra gente (1967), La bala del álamo carolina (1975).
Jorge ISAÍAS Rosario - ARGENTINIEN Übersetzung: Ulrike ZOMORRODIAN-SANTNER
Emilse Zorzut wurde in La Plata, Argentinien geboren und lebt auch dort. Sie ist klinische Psychologin und schloss ihr Studium an der Universidad Nacional de La Plata ab, wo sie auch Journalismus belegte. Sie schrieb Prosa (Erzählungen und Roman), Lyrik und Theaterstücke, Drehbücher für Kino und Fernsehen. Veröffentlichungen: „Sobre mundos abismales” (1990), “Al compás de la ronda” (1995), “Morada de los cuatro vientos” (2000), “Morada de mi sombra” (2000), Caleidoscopio” (2003), “Síndrome X” (2006) und “Peregrinaje” (2008). Sie erhielt etliche Preise und Auszeichnungen, sowohl nationale als auch internationale. Ihre Werke wurden in nationale und internationale Anthologien aufgenommen. Sie schreibt für diverse Web-Zeitschriften in Argentinien, Spanien, Honduras, Mexiko und Italien. E-Mail: zurmy@yahoo.com.ar
DAS ZUHAUSE DER VIER WINDE MEIN GESANG Vermodertes Wort, liegen gelassen am Rande des Weges. Um dich zu schützen, werde ich ein Nest bauen, damit du die Schale durchbrechen und wieder leuchten kannst. Nichts wird mehr gleich sein, deinen Inhalten wirst du eine neue Richtung der ins Ziel getroffenen Pfeile hinzufügen. Ich werde so geborene, am Wegesrand aufgesammelte Wörter singen. Arme verlassene Kieselsteine! Die Liebe des Kunsthandwerkers wird deine Form wieder erstehen lassen, offenbart meinen Gesang. TROST Mein Freund, meine Porzellantassen gehen über von gemeinsam getrunkenem Tee. Mit deinen Träumen füllst du die Leere meiner Seele. In meinem Körper hast du einen zärtlichen Abschied hinterlassen, als du dachtest, dass ich sterben würde. VERGÄNGLICHES Meine Hände formten Symbole aus Spinnennetzen um, deine Wüste durchquerend, zu dir zu gelangen. Ich glaubte neben deiner Opfergabe eine Quelle sprudeln zu sehen. Aber du hast nur die Holzscheite angezündet, um deine Kälte zu lindern. Ich habe meine Nachricht ins brennende Holz geworfen und die Wärme der soeben erloschenen Flamme angebetet. DAS ZUHAUSE MEINES SCHATTENS (PLATERO Preis 2000,UNO Genf) IN STILLE Die dunkelste Ecke meines Schlafzimmers zieht mich am meisten an, dort wo sich der Lärm festsetzt, bevor er den Rand berührt. Ich werde ganz klein, wie ein Wassertropfen, der in den Teich fällt und ich finden mich in meinem Wesen wieder, Schatten und Stille vereinend. MEIN SCHATTEN UND ICH Kreatur desselben Sterns, wir gehen Hand in Hand in endlosem Zusammenleben. Der Dialog gleicht sich im Rhythmus an. Er ist gleich in der Zeit auch wenn er sich in tausend Polemiken ausweitet. Die Zwistigkeiten konkretisieren sich nie, alles wird gedämpft, gemildert, unter dem Licht der Lampe, das uns erleuchtet. INMITTEN DES PRISMAS Mein Schatten, je nach dem Einfall des Lichts verlängert oder auch zusammengezogen, spornt mich an, mutig zu sein oder macht mich verletzbar. Ich lerne und vergesse wieder, so als ob ich mich inmitten des Auges des Hurrikans befände. PERSPEKTIVE Ich werde über die Maske hinaus sehen, über die Eklipsen hinaus. Der unsensible Fels wird sich vielleicht in einem Rinnsal vergnügen oder wie ein Kind spielen, mit Zügen ohne Schranken… Ich werde durch Mauern dringen können nur mit meinen Händen, die fliegen… Der Nebel, der seine Grenzen verdrängt, wird sein heimliches Wesen auflösen. Weit entfernt werde ich sein von Jammer und Gebet … Hand in Hand mit meinem riesengroßen Schatten werde ich den restlichen Weg einschlagen, bis ich nur mehr eine einzige Form bin … ANGST Mein Schatten scheint auf dem Weg, den ich beschreite, wie aufgeprallt. Der Schattenwurf macht mir Angst, ich fürchte, ihn zu verlieren, fürchte, dass er das Maß der Zeit überschreitet, dass er mich alleine lässt. Ohne seine Funktion als Widerhall würde der Süden in einer Würste zerbersten. ZUKUNFT Ich habe meinen Schatte an den Wegesrand gepflanzt, er hat sich in eine Pappel verwandelt und sich der Landschaft angepasst. Die Nahrung meiner Eingeweide wird seine Erlebnisse stärken vielleicht über lange Zeit hindurch. Danach wird es die Erde sein mit ihrer ewigen Gnade, die ihn aufrecht halten wird. REFERENZPUNKTE Mit aller Kraft klammere ich mich an den Magnet des Südens. Ich versuche, die Magie des Vergessens zu finden. Von Norden her sabotieren die lebendigen Gespenster. Ich habe den Osten um einen Dolch gebeten. Der unerbittliche Finger des Westens buchstabiert Schuld. MEIN ORT Mit einem universalen NEIN bestücke ich ein dämmriges JA. Vielleicht steige ich in die Höllen hinab, wie Orpheus auf der Suche nach Eurydike. Vielleicht erhebe ich mich und lerne fliegen, Adler oder Schwalbe, der Genuss des Weltraums wird wohl der gleiche sein. Die Unendlichkeit wird dort sein, und auch mein Schatten. ZWISCHEN GRENZEN Ich blieb hinter der Morgendämmerung stehen, gleich weit entfernt vom Ende wie vom Anfang, Referenzpunkte unendlicher Suchen in einer meiner Hände geht die Sonne auf mit der anderen beschütze ich die Schatten. Zwischen beiden das Leben. WIEGENLIED DER GEFÜHLE Meine Haut brennt bei der Suche nach der bedingungslosen Umarmung ohne Forderungen, rein geflochten aus Gaben. Mein Weinen leidet unter dem Verwaistsein ohne Beherrschung, unter dem kalten Loch des Kissens, das sich in einen Kelch ohne Zuneigung verwandelt. Die Einsamkeit nährt meinen Schatten, sie macht ihn riesengroß, um ihn in mein Fehlen zu verwandeln. Ich fühle, dass er mich einhüllt, mich wiegt, meine Tränen trocknet mit zärtlichen Bewegungen. So schlafe ich schließlich ein.
Emilse ZORZUT La Plata – ARGENTINIEN Übersetzung: Mag. Elisabeth PRANTNER-HÜTTINGER
Gabriel RUIZ ARBELÁEZ (Pereira, Kolumbien, 1492). Er wohnt seit mehr als einem halben Jahrhundert in Cali und legte dort sein Studium ab. Diplomchemiker und Magister in gewerblicher Verwaltung auf der „Universidad del Valle“. Ex-Professor dieser Institution. Er arbeitete vor allem in den Bereichen Finanzen, Investmentprojekte und Management von Firmen. Er war schon immer ein Liebhaber der Literatur, besonders der Poesie. Beim Beenden seiner berufsbezogenen Arbeiten, im Jahr 2000, begann er in diesen Disziplinen Seminare und Workshops zu besuchen. Seit diesem Datum ist er Gründer und Direktor von “Boletín Cultural Electrónico NTC ... Nos Topamos Con ...” (=kulturelle, elektronische Mitteilung NTC … Wir begegnen zufällig …). Er hat “Peldaños de arena” (=Sandstufen) veröffentlicht und er hält Lesungen seiner Gedichte auf verschiedenen nationalen Bühnen.
Webseite: "Peldaños de arena" , NTC ... Nos Topamos Con ... E-mail: ntcgra@gmail.com SCHWARZER SCHWAN An Rubén Darío Wärmende Dunkelhäutige, mit gelocktem Unterleib, im afrikanischen Sturzbach deines Fleisches, am Strand, beim Murmeln der Wellen, dort mit dir, die Einheit des Universums. DIOSTEDÉ ... An Rainer Maria Rilke Wie in den chocoanischen Wäldern meiner Kindheit, hindern dich die Gitter nicht daran die Worte Diostedé-te-dé weiterzusingen. Wir, die dich heute hören, frei?, gehend auf der anderen Seite der Gitter, empfangen wir weiterhin … WIE WIRD ES SEIN ZU STERBEN ... An César Vallejo Vater, zu dieser Stunde, bin ich nicht zum Meer zurückgekehrt. Dort, verblieben in der Ferne die Regenschauer, die Strände und die Wellen. Es sind keine Tage diese meine Tage ... Und ich weiß nicht, wie es sein wird, zu sterben ohne Pelikane, ohne Fischer und ohne Ancachí, den Fluss meiner Kindheit ... DANKE, MEER An Antonio Machado Noch ist der Mond am Himmel und er will sich im Rhythmus der Wellen verstecken. Die Sonne hat den grauen Horizont noch nicht gefärbt. Im Dunst sehe ich den schwarzen Harpunenfischer kommen, leise und achtsam. Der Schaum der Wellen liebkost sein langsames Gehen ... Der Maifisch verrät sich in feinem und unmerklichem Kielwasser und einen Augenblick plätschert er. Freudig holt der Harpunenfischer das Seil ein und singt, "nicht für die Beute, sondern für das Meer" WÄSSER... An Alvaro Mutis
"Er fällt und fiel. Der Regen ist eine Sache, die ohne Zweifel in der Vergangenheit geschieht. J.L. Borges In glücklichem Treffen der Wässer, in sangesfreudigen Sternen verwandelte sich der Regen als er über den Fluss fiel, als er über das Meer fiel ... In meiner Kindheit war alles klar: der Regen kam vom Himmel, der Fluss aus dem Wald und das Meer ... und das Meer …? ... vom Meer. Was für ein Glück ist es die Welt zu verstehen! Alles war einfach und schön. Und alles zusammen: der Regen, der Fluss, das Meer, meine Geschwister, der Weiler und ich. Mein Vater - wanderlustig und verrückt - machte mich wissentlich zum Bruder der Gewässer. MIT RÜCKENWIND An Konstantinos Kavafis Im letzten Hafen, zu dem ich fast nicht gelange, lief ich, überladen mit starken Erinnerungen, ein. Dort lebe ich, ein altes Schiff, verlassen. Mit Rückenwind kommst du zu mir zurück und, erneut, überkommst du mich. Wie in den leidenschaftlichen Reisen, die wir machten, werden wir wieder ein einziger Körper sein … “Die Masten haben sich mit Nestern gefüllt” und meine Erinnerung ... Die Vögel, welche dort geboren werden werden singen und erzählen, plötzlich, etwas über mich ... In kurzer Zeit werden uns die Hafenleute und die Meinigen nicht mehr sehen ... In kleinen Stücken werden uns die Wellen und die Winde zum Meer zurückgebracht haben ...
Gabriel RUIZ ARBELÁEZ Cali – KOLUMBIEN Übersetzung: Stefan STANGASSINGER
Aymer Waldir ZULUAGA MIRANDA (1967, Medellín, Kolumbien). Schriftsteller und Schauspieler. Gewann den Wettbewerb “Toma la palabra“ von Casa Domecq – 2001 und war Finalist in einer großen Zahl von nationalen und internationalen literarischen Wettbewerben. 2003 veröffentlichte er sein erstes Buch: Tríptico de un juntaletras profesional, Medellín, Verlag L. Vieco e Hojas Ltda, 150 Seiten, ISBN 958-33-5348-5. Webseite: www.sanesociety.org/es/Aymer E-Mail: puntoaparte@linuxmail.org
DILEMMA Immer entschieden sie für ihn. Beim Begräbnis kam die Gelegenheit, aber er blieb versteinert vor der Kreuzung stehen: Kaffee? Oder Tee? Welches warme Getränk wird Ihre Majestät wählen, kurz zuvor Waise und jetzt Witwer? BEGIERDE Mit lieblicher Stimme, sagte die Fee: „Erbitte einen Wunsch, schließ die Augen und puste die Kerzen aus, damit er sich erfüllt.“ Er schloss die Augen, erbat den Wunsch und es gab keine Fee, nachdem er sie öffnete. APPETITLOSIGKEIT Teilnahmslos vor der Tastatur seiner Schreibmaschine nimmt er seinen Bleistift, aber aus der Mine kommen nur Flecken. Er schaltet den Computer ein und der flackernde Cursor lädt ihn dazu ein, irgendeine Taste zu drücken, aber er schaltet ihn aus. Er öffnet sein Notizheft auf der Suche nach Leidenschaft, aber er findet sie nicht. Geschlagen, geht er zum Kühlschrank und nimmt nichts. Erschöpft, legt er sich neben seine Geliebte, aber dort erwacht seine Lust auch nicht. Dann gähnt er, ohne sich zu fragen, welchen Appetit er zuerst verlor. SZENE Sie hält sich fest am Kragen ihrer Jacke während ihre Füße unter den Boden einsinken. Ihre Augen erbitten Milde und er, unveränderlich, sticht sie immer wieder rachsüchtig nieder. Als der Akt beendet ist, wird das Licht eingeschaltet und das Publikum applaudiert. Der Schauspieler kehrt dankbar zur Bühne zurück, grüßt, verabschiedet sich und die Zuschauer beginnen zu gehen. Der Vorhang fällt und niemand bemerkt, dass die Schauspielerin noch immer nicht aufsteht. GEGENLICHT Für Adriana González Botero Sie bestand darauf, dass Indigoblau die Farbe des Glücks war. Ich, vorsichtig, sah sie grau. Weder ihre schlagkräftige Stimme war ausreichend, um mich zu überzeugen, noch veränderten ihre rationalen Argumente den Farbton. Plötzlich, führte sie mich mit Vorsicht in Richtung Licht. Und dann sahen meine Augen, gewöhnt an die Schatten, für eine Tausendstel Sekunde die direkte Helligkeit, die sie wieder blind machte. OFFENSICHTLICHKEIT Dann ließ Eva den Kinnbacken des Esels in der Hand des schläfrigen Cain. PRÜFSTAND Die Schneider des Palastes schwindelten ihn nicht über den neuen Anzug an. Es war klar, dass das Kleid die Dummen und Unfähigen nicht sehen würden; auch der Rest des Hofstaates nicht. Alles erwies sich als eine List des exhibitionistischen Kaisers. SCHMUTZIGE WÄSCHE Die Großmutter nahm den Wäschekorb und trug ihn zum Waschplatz. Als sie dort war, nahm sie eine königsblaue Seife heraus und begann die Unterwäsche ihrer geliebten Enkelin zu waschen. Die winzigen Tangas voll von Flugasche vom Kamin brachten sie nicht einmal dazu von dieser stürmischen Beziehung zwischen Caperuza und dem Aschenputtel, entstanden durch den düsteren Einfluss verbreitet von Hollywood, Verdacht zu schöpfen. AUSSCHWEIFUNG Die Königin, zurückgedrängt, weiß mit Gewissheit, dass in Kürze die Bauern über sie herfallen würden. In der Dunkelheit wird einer nach dem anderen die majestätische Figur überfallen. Sie werden sie angreifen, abtasten, reizen und mit ihr schlafen in andauerndem Hexensabbat. Jemand muss auf diesem kürzlich geschlossenen Schachbrett Ordnung schaffen. ARBEITSLOSE Die Reihe der unvernünftigen Bewerber wächst, die die freie Stelle zu füllen versuchen. Die dummen Anwärter kommen von verschiedenen Seiten. Die Parade der Unfähigen, die die Stelle besetzen wollen vergrößert sich tagtäglich. Alles wegen eines Gerüchts, das Nietzsche verbreitete, welches sagt, dass ein hohes Amt leer bliebe nach dem Tod dessen, der es bekleidete.
Aymer Waldir ZULUAGA MIRANDA Medellín - KOLUMBIEN Übersetzung: Jelena RATKOVICA
Alfred Ziermayr (1963 Steinbach/Steyr). Seit ca. 12 Jahren schreibt er und in dieser Zeit sind an die 100 Kurzgeschichten- skurriler und anderer Art, Lieder, Gedichte, Satiren, und ein Kriminalroman (ein zweiter ist in Arbeit) entstanden. 2004 veröffentlichte er „Dunkeltintenschwarze Geschichten“ (Kurzgeschichten), im Eigenverlag. 2008 veröffentlicht er „Jeder ist verdächtig“, Kurzgeschichten und Satiren, Verlag Federfrei. Zahlreiche Lesungen in Österreich. Initiator der ersten Gmundner Literaturtage 2009 im K- Hof, welche 2010 ihre Weiterführung erfahren. E-Mail: schostal@yahoo.de
EIN ABEND MIT A. Träumen Sie nicht auch manchmal von einem Abend, einer Nacht, mit einem, oder einer jener, die uns allenthalben aus diversen Hochglanzmagazinen, von Plakaten, oder aus dem Fernsehen entgegenlächeln!? Geben Sie es ruhig zu, leugnen ist zwecklos, machen sie sich nicht erhabener, als sie sind. Jeder, der so souverän vorgibt, über den Dingen zu stehen, steht für gewöhnlich genau darunter. Ist doch menschlich, nicht? Welcher potente Bursche träumt nicht von einer Nacht mit Pamela Anderson, welche frustrierte Ehefrau nicht von einer heißen Affäre mit 007. Welcher reifere Jahrgang ließe sich nicht gerne von Humphrey Bogart in die schmachtenden Augen schaun, oder, andererseits, würde sich nicht gern von Marilyn „Kiss me Tiger“ ins Ohr hauchen lassen? Ist so, machen wir uns nichts vor: Die sternengleiche Unereichbarkeit dieser Objekte der Begierde macht sie für uns nur noch attraktiver. Meine Frau zum Beispiel ... Also wenn die nur den Namen Brad P... ! Stört mich nicht. Brad P. ist weit weg, die Wahrscheinlichkeit, dass die beiden einander über den Weg laufen ist geringer als ein meinerseitiger Besuch auf dem Mond. Außerdem – ich habe selbst eine Amour-Illusion` - mit A. Wenn sie auf der Matsche erscheint, schmelze ich schneller wie Pulverschnee im Hochofen. Ihre Eleganz, ihr energisches Auftreten, der selbstbewußt schwingende Gang, der verschmitzte, herausfordernde Blick, ihr Teint eines Cafe`Creme, die wie Zinnsoldaten in Reih und Glied stehenden Perlmutzähne. Von einer Sekunde auf die andere bin ich wie elektrisiert. Ein Dinner for two mit ihr bei Kerzenlicht und Champagner, und anschließendem, na, Sie wissen schon! – alleine der Gedanke läßt mir das Blut in den Ohren rauschen und mein Herz Kapriolen schlagen wie einst den Hofnarren im Schloss Sanssouci! Schön..., ja..., hm... Aber, mal ehrlich, ist die Verpackung nicht so gut wie immer attraktiver als der Inhalt? Denken Sie mal darüber nach, zum Beispiel an das eine oder andere Geschenk dass Sie erhielten? Raffiniert verpackt, hier ein Glöckchen, da ein Löckchen, Glitter, Glatter, ein Diadem, kommt es ihnen in den Sinn, eine Rolex. Atemlos zerren Sie an dem güldenen Band, mit zittrigen Fingern reißen Sie am funkelnden Papier des Päckchens, was ist drinnen? Ein Kartoffelschäler!, ein Nasenhaarentferner!, ein Dosenöffner! Sehen Sie? Da hat es Sie wieder, das Leben! Das Praktische, das Schnöde, das wunderbare Leben! Schein und Sein. Knall und Fall. Ernüchterung. Selten hält die Realität unserer überspannten Erwartungshaltung stand und bei den meisten Päckchen wäre es vermutlich vernünftiger sie ungeöffnet zu lassen, um sich auch weiterhin uneingeschränkt an deren reizvollen Verpackung zu erfreuen.
Alfred ZIERMAYR Steinbach