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XICöATL: Ausgabe 89
INHALT:
Alejandro José López Cáceres (Tuluá, Kolumbien, 1969) ist Professor an der Universidad del Valle, studierte Literatur, ist Spezialist für audiovisuelle Praktika; Magister in kolumbianischer und lateinamerikanischer Literatur; hat eine Chronik/Reportagen publiziert: Tierra posible (1999), außerdem Bücher mit Aufsätzen: Entre la pluma y la pantalla: reflexiones sobre literatura, cine y periodismo (2003), ein Buch mit Kurzgeschichten: Dalí violeta (2005), und noch eines mit Interviews und Reportagen: Al pie de la letra (2007). Jetzt widmet er sich seiner Funktion als Direktor der Escuela de Estudios Literarios, an der Universidad del Valle.
Adresse: Calle 34 Nº 94 - 143, casa M 7, Jardín del Lili, Cali, Kolumbien. E-Mail: alejolopz@hotmail.com Webseite: www.alejandrojoselopez.com .
1. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nach der Erfindung des Kinos und seiner unvermeidbaren Kolonialisierung der Zuhörerschaft, diagnostizierten viele Kritiker den bevorstehenden Tod des Theaters. Einige Jahrzehnte später tauchte das Fernsehen auf und noch andere Kulturanalytiker jener Zeit verkündeten gemeinsam, dass dies zweifellos den Tod des Kinos bedeuten würde. Zu Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die elektronischen Formate wie Disketten, CD-Roms, und, um die absolute Katastrophe herbeizuführen, das Internet, erfunden. Letzteres führte zur wahrhaften Einigkeit unter den Kulturzensoren, die sich zu einem kollektiven Wehklagen über den unerbittlichen Tod des Buches hinreißen ließen. Und plötzlich befanden wir uns an diesem verblüffenden Beginn des 21. Jahrhunderts, ohne den Grabestraum so vieler Kulturkritiker mit Hang zur Apokalypse verwirklicht gesehen zu haben. Was aber am meisten erstaunt ist nicht die Anzahl der unbewohnten Grabstätten, sondern die gute Gesundheit der Verstorbenen. Es werden weiterhin Bühneninszenierungen in jedem Viertel jeder Stadt veranstaltet und das Kino wird im Multiplex angesehen, was Woche für Woche die Wahlmöglichkeit zwischen zig Filmen bedeutet. Das Kabelfernsehen überschwemmt uns das Haus mit themenbezogenen Programmen in Form von Zeichentrickfilmen, Musikvideos, Dokumentationen, Nachrichten und Pornofilmen. Das Internet ist ein riesiges Spinnennetz, dessen Gewebe sich immer feiner über den Erdball legt und niemals wurden in der Geschichte der Menschheit so viele hunderttausend Bücher gedruckt wie heute. Ja, sagen wir es endlich einmal: eine der Hauptcharakteristiken der zeitgenössischen Welt ist das kulturelle Überangebot. 2. Ein anderer Aspekt, den man untersuchen muss, ist die Demokratisierung der notwendigen Mittel zur Herstellung kultureller Produkte. Die Technologie hat uns Hunderte von Apparaten geschenkt, die den Menschen diese Möglichkeit nahe bringen. Vielleicht ist das offenkundigste Beispiel jenes der audiovisuellen Geräte. Die enormen Kosten, die auf jemanden bis in die 80-er zukamen, der sich an die Umsetzung eines Kinoprojektes wagte, machten aus dem Kino eine absolut elitäre Kunst. Die Dinge änderten sich nach der Erfindung des Videos. Sowohl die Basiswerkzeuge als auch die Ausstattung – Kameras, Lichter, Mikrophone, etc. – sind viel billiger in diesem neuen Format als in dem des traditionellen Zelluloids. Dieses Phänomen hat sich ausgedehnt auf andere ästhetische Darbietungen. In der Welt des gedruckten Wortes ist etwas Ähnliches passiert. Dank Systemen wie dem Offset ist es jetzt möglich, kleine Auflagen zu machen, ohne dass die Kosten der Ausgaben exzessiv wären oder den Einzelpreis der Bücher in Mitleidenschaft ziehen würden. In anderen Worten, vom finanziellen Aspekt aus ist es heute einfacher, einen Film, eine Zeitschrift, eine CD oder ein Buch zu machen. Und es ist eine Tatsache, dass sich dies in der immensen Menge kultureller Produkte bemerkbar macht, die das Publikum jeden Tag zur Verfügung hat. Welche Folgen haben diese Umstände für die Arbeit des Schriftstellers? Bleiben wir vorerst bei einer. Aufgrund des kulturellen Überangebots ist es wahrscheinlich, dass es früher nie so schwierig war, Leser zu finden. Der zeitgenössische Autor hat die tragische Gewissheit, dass sein Buch nur schwer eine gute Aufnahme und eine angemessene Verbreitung finden wird, solange sein Copyright sich in den Buchhandlungen nicht positioniert hat. Und wahrscheinlich könnte jemand vermuten, dass diese vermeintliche Ausweglosigkeit noch so schlimm ist, wenn man bedenkt, dass es schlicht und einfach ein Problem des Marktes ist. Demnach ist der Fall viel komplizierter und präsentiert sich in verschiedenen Nuancen. Setzen wir nun mit dem Thema des Bücherkaufs fort – das ja klarerweise nicht jenes der Lektüre impliziert. Sagen wir, dass der Literat, was das Finden eines „dus“ anbelangt, Wechselfällen ausgesetzt ist, die diametral jenen entgegengesetzt sind, die zB ein plastischer Künstler erlebt. Wer das Werk eines unbekannten Regionalkünstlers zu kaufen pflegt, kennt genau die Reichweite seiner Ressourcen, und, so sehr er es auch wollte, weiß er, dass es ihm nicht möglich ist, in seiner Sammlung einen Botero oder Dalí zu haben. Die Dinge sind anders für den Käufer eines Buches. Der Preis eines Cervantes oder eines Gabriel García Márquez entspricht dem eines Joselito de las Mercedes; sodass, außer in pathologischen Fällen, die Wahl nicht schwer fallen wird. 3. Wahrscheinlich ist es Italo Calvino, der sich die besten Gedanken darüber gemacht hat, was die zeitgenössische Welt von der Literatur verlangt. Er tat dies 1985 unter dem Vorwand darüber nachzudenken, welche literarischen Werte sich im nächsten Jahrtausend – dem, in dem wir uns bereits befinden – erhalten sollten. Ich teile glücklicherweise den Ansatz, den man in seiner Apologie der Kurzgeschichte liest: „Die Nachfrage am Buchmarkt ist ein Fetisch, das das Experimentieren mit neuen Formen nicht lähmen darf.“ (1) Und nach jüngsten Phänomenen zu urteilen, wie dem der Ablehnung eines breiten und dickköpfigen Verlagssektors, keine Texte zu publizieren, die nicht Romane oder Anleitungen zur Selbsthilfe sind, so soll das von Calvino Gesagte als Mahnung gelten. Es ist klar, dass ich es nicht wegen des Romans sage, der einen der großen Erbstücke des Abendlandes darstellt. Aber diese andere Gattung deren Voraussetzung die Unterschätzung des Lesers ist, erscheint mir verwerflich. Zu vermuten, dass sich jemand für ein Buch mit dem Titel „Wie man Frauen an der Bar erobert“ interessieren könnte – abgesehen aus dem Grund, sich amüsieren zu wollen, kommt dem gleich, zu akzeptieren, dass die Leserschaft an Aphasie leiden und alle Frauen ständig in Bars verweilen würden und obendrein noch dumm und ungebildet wären. Diese verdorbene Idee vom Leben ist ein Antonym der Literatur. Und das Schlimmste endet nicht dort: Der Ton, in dem diese unglücklich bezeichneten „Selbsthilfe“-Bücher verfasst sind, ist schwerfällig, doktrinär und umsichtig. Schon Milan Kundera hat in seinem schönen und weisen Buch über die Kunst des Romans davor gewarnt, dass die Leute, die nicht lachen können – die Agelasten – so gefährlich für die Zukunft der Literatur sind. (2) Das bis jetzt Gesagte erscheint widersprüchlich. Einerseits wird der Kontext des kulturellen Überangebots umrissen – mit der daraus resultierenden Schwierigkeit, Leser zu erhaschen – andererseits wird die Verweigerung jener Anforderungen betont, die der Buchmarkt diktiert. Also gut, diese offensichtliche Dichotomie wird ihre Fragilität zeigen, wenn wir es schaffen, das Problem der Rezeption als Kern der Debatte einzufü-gen. Denn es ist wahr, dass der derzeitige Autor ein Vielfalt an kulturellen Objekten zur Verfügung hat – unter denen sich das Buch befindet – und diese besagte Vielfalt ist bestimmend in der Gestaltung neuer Rituale der Lektüre. Aber, und man sollte hier Aufklärungsarbeit leisten, nicht auf mechanische Art, wie es zahlreiche Verlage heute glauben. Vor dieser riesigen Auswahl an Möglichkeiten ist es eine Tatsache, dass die Zeit der Rezeption sich reduziert. Und das ist ein Aspekt, der sich in ein generelles Phänomen einschreibt, das schon von einigen Soziologen als „Beschleunigung der Geschichte“ benannt wurde. Ebenso wie Octavio Paz dies seinerzeit scharfsinnig erklärte, handelt es sich nicht darum, dass die Zeit schneller vergeht, sondern dass mehr Dinge in kürzerer Zeit passieren (3). Sagen wir es so: der Leser von heute lebt schnell in einer beschleunigten, hastigen Welt. 4. Nun gut, es gibt viele Möglichkeiten, literarisch auf geschichtliche Konditionierung zu antworten. Man könnte zB Kürze und Einfachheit einfordern. Gegen die erste habe ich nicht nur keine Einwände, sondern ich stimme sogar zu. Man kann nicht aufhören, sich zu beschweren anlässlich der Feststellung dass die Verlage sich immer abgeneigter zeigen, Kurzgeschichten zu publizieren, diese außergewöhnliche Gattung, die uns das XIX. Jh. hinterlassen hat. So als müssten wir das Vermächtnis zahlreicher Giganten vergessen, alles, was von Poe bis Kaftka, von Maupassant bis Cortázar, von Tschechow bis Rulfo, von Hemingway bis Borges, von Steinbeck bis Ribeyro, von Juan Carlos Onetti bis María Luisa Bomba, von Raymond Carver bis Clarice Lispector reicht. Das Potential der Kurzgeschichte in der zeitgenössischen Welt zu negieren ist, um es gelinde auszudrücken, eine Unvernünftigkeit. Dafür aber akezptieren wir zustimmend törichte Einfachheit. Und da bin ich nun aber vollkommen dagegen. Eine explizite, schwammige Lektüre setzt einen inkompetenten Autor voraus, und ich bin der Überzeugung, das Unteschätzung die schlimmste Form von Beleidigung ist. Ich vermute, dass das Vorgefallene in diesem Punkt eine bedauernswerte Konfusion zwischen Einfältigkeit und Schlichtheit ist. Der Unterschied besteht darin, dass die eine Konzentration ächtet, und die andere Scharfsinn verlangt. A propos Einfachheit, man sollte hinzufügen, dass es sich um ein literarisches Werk von großer Kraft handelt. Es ist sogar möglich, dass es größere Gültigkeit hat als die Kürze. Ich beziehe mich auf die Tatsache, dass diese die Flüssigkeit garantiert, etwas höchst Wünschenswertes, worüber der Leser dankbar ist in diesen Zeiten kultureller Überfülle. Ich werde mir eine Analogie erlauben, um diese Idee besser erklären zu können: die Stadt und das Buch. Einer der vorherrschenden Faktoren, um die Lebensqualität einer Stadt zu messen, ist die, ob man sie rasch durchlaufen kann. Für die heutigen Fußgänger ist der angehaltene Verkehr ein Alptraum und ein Stau kommt der Vorstellung der Hölle gleich. Mit dem Leser passiert etwas Ähnliches. Er ist weder bereit, eine schwer zugängliche Syntax zu entschlüsseln noch verworrene Strukturen aufzulösen, noch, eine undurchschaubare Prosa zu ertragen. In anderen Worten, die Zeiten des inneren Monologs sind vorbei. Und während ich das sage strebe ich nicht danach, geringschätzige Abstufungen in der Bewertung wunderbarer Werke wie „Ulysses“ von Joyce oder „Schall und Wahn“ von Faukner einzuführen. Aber unbestritten ist, dass wenn ein Autor von heute auf diese Art von Schreiben setzt, er nur schwer eine Leserschaft finden wird. 5. Ich möchte diese Gedanken abschließen mit der Erwähnung eines Wertes, der mir vorrangig erscheint für die Literatur in diesen Zeiten: dem der Unterhaltung. Obwohl uns der Hausverstand sagt, dass Langeweile niemanden verführt, ist es die Mühe wert, ein kulturelles Phänomen aufzuzeigen, das auf der Tagesord-nung steht und das wir das Gesetz des zapping nennen könnten. Mit diesem Wort beziehen sich Fernsehzuschauer auf diese tägliche Praxis, die darin besteht, die Fernbedienung in die Hand zu nehmen und vor dem Fernseher sitzend, Kanäle allein beim geringsten Interessensverlust zu wechseln. Die Verantwortlichen über die audiovisuellen Medien wissen, dass sie beherrscht werden von dieser Tyrannei und nehmen die Herausforderung an, die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu erregen und zu bewahren. Aber dies ist etwas, das sich auf die Rezeption anderer kultureller Medien ausdehnt, auch auf das Buch. Viele Schriftsteller haben das auch so verstanden und man merkt es in der Gestaltung ihrer Texte. William Somerset sagte in seiner provozierenden Studie über den Roman: „Eine vernünftige Person liest keinen Roman, als ob er eine Pflicht wäre. Sie liest ihn als Unterhaltung“ Und später endet er folgendermaßen: „Das Ziel eines Autors fiktionaler Texte ist nicht, zu belehren, sondern zu gefallen.“ (4) Der große Balzac seinerseits behauptete, dass die erste Bedingung eines Romans darin bestünde, Interesse zu wecken. Bestimmt hat die Vorrangstellung dieser Gattung in der heutigen Welt der Verlage mit dieser Auffassung zu tun. Leider gibt es aber immer noch welche, die Unterhaltung mit Banalität verwechseln. Und der Unterschied zwischen diesen beiden Optionen des Schreibens ist so groß wie der, den ich vorher angeführt habe, um Einfachheit von Einfältigkeit abzugrenzen. Da ich nun aber selbst Gefahr laufe, mich nicht an die vorher angeführte Leidenschaft für die Kürze zu halten, ist es besser, nun doch endgültig aufzuhören.
(1) Calvino, Italo, Seis propuestas para el próximo milenio, Madrid: Ediciones Siruela, 1989 (1985), S. 63. (2) Kundera, Milan, El arte de la novela, Barcelona: Tusquets Editores, 1994 (1987). (3) Paz, Octavio, Los hijos del limo, Barcelona: Editorial Seix-Barral, 1987. (4) Maugham, William Somerset, Diez novelas y sus autores, Bogotá: Editorial Norma, 1993 (1954), S. 11, 17. Bibliographie: Calvino, Italo, Seis propuestas para el próximo milenio, Madrid: Ediciones Siruela, 1989 (1985). Kundera, Milan, El arte de la novela, Barcelona: Tusquets Editores, 1994 (1987). Maugham, William Somerset, Diez novelas y sus autores, Bogotá: Editorial Norma, 1993 (1954). Paz, Octavio, Los hijos del limo, Barcelona: Editorial Seix-Barral, 1987. Alejandro José LÓPEZ CÁCERES Cali – KOLUMBIEN Übersetzung: Elisabeth HOFER
Mayamérica Cortez wurde in San Salvador, El Salvador, geboren, wuchs aber in Sonsonate – einer Stadt im Westen des Landes – auf. Ihr größter Wunsch war, Malerin zu werden, aber da sie keine Möglichkeit hatte, eine Kunstakademie zu besuchen, widmete sie sich dem Schreiben. Ihre Mutter brachte ihre Texte zu Claudia Lars, einer bekannten salvadorianischen Dichterin, die in ihnen eine ungewöhnliche Qualität erkannte und um Mayaméricas Besuch bat, um sie kennenzulernen. Diese Annäherung ermutigte sie, ihre Schüchternheit tatsächlich zu überwinden und zu publizieren. Wegen des Bürgerkriegs in El Salvador emigrierte sie 1980 in die USA und lebt in der Nähe von Washington DC, wo sie sich durch die Kraft ihres dichterischen Schaffens einen Namen gemacht hat. Sie hat drei Kinder: Alvaro, Carmen Elena, Karla Cecilia – Karlisíma, und eine Enkelin, Daniella Rodas. Veröffentlichungen: “Lumbre de Soledad” (1976); “Nostalgias y Soledades” (1995); “Cantos del Silencio” (2008); “El Libro Abierto de la Revelación” (Übersetzung aus dem Englischen, 2008). Ihre Gedichte sind auch in zahlreichen Anthologien, Zeitschriften und Zeitungen erschienen.
E-Mail: mayamerica@comcast.net
AN MEINE DOÑA CLAUDIA DEL RECUERDO Für Claudia Lars (Carmen Brannon), ausgezeichnete salvadorianische Dichterin Mein Pfad hat seine Berufung als Reise verloren. In der Zeit flattert die verirrte Absicht einer Rückkehr und es führt eine Spur weg von jenem Ort, wachsam, immerwährend, betrübt. Selten waren die Abende, an denen ich mich deinem Land aus Lehm und Licht nähern konnte um deine Erinnerungen zu entflechten. Ich kam zu einer beliebigen Stunde und trank von deinen Händen und Lippen die Tiefe des Lebens. Du zeigtest deine Bilder – du warst wie eine Königin - und die Erwartung ging dir im weißen Haar verloren. Ich kam, meine Doña Claudia del Recuerdo, um langsam in deinen Erinnerungen aus Opal und Hermelin aufzutauchen. Selten waren die Abende...! Erinnerst du dich jetzt daran, im stilllen Nicht-Sein von Katafalk und Schatten? Ich sage nicht, dass du fortgegangen bist, denn mit dem Ende deines Leidens erschien ein neuer Stern. Ich bedaure nur, dass ich nicht zu dir zurückkehren konnte wie ein Blatt um Neuigkeiten über deinen Winter zu erfahren. Ach, meine Doña Claudia, könnte doch nur jene Zeit zurückkehren! Aber du gingst fort... Die Stimme von Cuzcatlán wird nicht singen und die Kinder werden die Großmutter mit der Stimme einer Turteltaube beweinen, die die Silben der Margeriten entdeckte und Trupiale und Sterne über ihren Locken brach. EINGEBORENE KLAGE Für alle Immigranten Wenn mich meine tiefen Wurzeln schmerzen Wenn mich der Schrei der Erde aus zahllosen offenen Furchen ganz still erreicht. Wenn die Spur der Karren und das Raunen der Maisfelder, das Zittern der Guarumos, der Kakaoblüte und das Prasseln des Flusses und der Wasserfall ein reissender Strom aus eingeborener Klage über mein Geschlecht von Pipil und Maya sind, über meine zimtene Farbe und mein schwarz akzentuiertes Haar. Wenn ich als Fremde auf nordischem Boden spüre, wie sich in mein Fleisch das glühende Messer aus fremden Bräuchen, computerisierten Technologien und der Kälte blauer Pupillen bohrt, die meinen Latino-Augen fremd sind. Wenn ich kämpfe im wilden, aber raffinierten Urwald aus komplizierten Gebäuden mit hunderten gläsernen Fenstern Super-Autobahnen Unterirdischen Zügen Dosensuppen Maschinen, die alles waschen, alles reinigen, alles aufnehmen, alles schlucken... Dann erinnere ich mich daran, dass ich reiner Lehm aus Llobasco bin, ein Stückchen aus Panchimalco ein Gutteil aus Nahulingo und Nahuizalco und ein Ganzes aus Caluco, Guayamango und Zacatecoluca. Mayamérica CORTEZ San Salvador / Washington DC Übersetzung: Judith MOSER-KROISS
Reynaldo García Blanco (Cuba, 1962). Hat mehrere Gedichtbände veröffentlicht. Ist Koordinator des Centro de Promoción Literaria José Soler Puig.
E-Mails: regabla@cultstgo.cult.cu und centrosoler@cultstgo.cult.cu
NICHT STERBEN BIS MAN ALLES GESEHEN HAT Meine Frau, wie sie um zehn Uhr abends Alfonsina singt Ein paar Mädchen, die auf den Sandbänken liegen Einen Dichter, der die Gesammelten Werke von Severo Sarduy stiehlt Drei Prostituierte in Medellín, die mich mit einem Nicaraguaner verwechseln Einen Blinden, der mit dem Rücken zum Meer steht Fayad Jamis, wie er El ahorcado del Café Bonaparte liest Eine Buchhandlung mit allen Werken von Borges und Gides Die Früchte der Erde Einen toten Pinguin an der Küste von Talcahuano Noch einmal meine Frau, wie sie Fliegen aus Papier macht Meine Mutter, wie sie einige sehr weiße Laken aufhängt Einen Polizisten, der Rainer Maria Rilke liest Thiago de Melo und Maria de Aparecida, die mich nach Kuba fragen Meinen Vater, der fast stirbt, als er Tee mit Bergamotte trinkt Einen Tisch voll mit schwarzen Trauben und anderem mir unbekanntem Ambrosia Drei lächelnde Bettler in der Avenida paulista Zwei Ausgaben der Zeitschrift Orígenes in der Buchhandlung Renacimiento Ein paar Kühe, die im Meer bei Manzanillo schwimmen Einen kaputten französischen Zug auf der Ebene von Camagüey Einen Nadelverkäufer, der Gedichte veröffentlicht Einen verletzten Hirsch, der mi Zoo Hilfe sucht Meine Schwester beim Verlassen eines Operationssaales Die leere und dunkle Plaza de la Revolución Die Mauern des Moncada um drei Uhr nachmittags und mi August Das habe ich gesehen und ich hoffe, dass ich nicht sterbe, bevor ich alles gesehen habe. CLOWN Für Oscar Cruz und Familie Er kam nicht zum Fest. Wir warteten die ganze Zeit auf seine Nase seine himmelblauen Hosen Die Kinder langweilten sich bemalten die Wände mit Blätterteiggebäck und Melancholie Vielleicht, wenn erim Voraus kassiert hätte! Vielleicht! In der Geschichte unserer Familie war das noch nie passiert Es war ein Debakel Das noch nie Dagewesene Niemand wagt es, die fotos herzuzeigen alle gehen an den Rand Er kam nicht Sein Lachen hallt dort draussen mi Patio wider wie zu einer anderen Zeit wie auf einem anderen Fest als wäre er kein Clown. VIRGIN ISLANDS / Klassischer Tee Für Mirna Figueredo Silva Es ist nicht der Geschmack von Tee auf Marcel Prousts Lippen oder das Aroma in der Erinnerung Die wilden Schokoladen von früher die unmöglich zu importierenden Geschäfte oder Früchte, die es nicht mehr gibt Es ist ein Virgin Islands um drei Uhr nachmittags blaue Porzellankanne Das Land vom vierten Stock aus betrachten bemerken, dass du nicht da bist Ich koste die Bitterkeit aus, die aufsteigt die sich ausdehnt mi Raum und in den Büchern Es formen sich Kreuze am Himmel vielleicht regnet es wie es sich gehört sage ich mir Virgin Islands klassischer Tee um mich an dich zu erinnern. Reynaldo GARCÍA BLANCO Santiago - KUBA Übersetzung: Judith MOSER-KROISS
Graciela Bucci wurde in Buenos Aires, Argentinien, geboren. Sie studierte an der Fakultät für Biochemische Wissenschaften der Nationaluniversität von La Plata (Buenos Aires). Sie veröffentlichte einige ihrer Werke in Zeitungen und literarischen Zeitschriften unter anderem Argentiniens, Venezuelas, Chiles und Spaniens. Im Oktober 2001 brachte sie ein Buch mit Kurzgeschichten heraus: “Hinter den Worten... das Echo”. Ihre Werke werden wegen ihrer Betonung des psychologischen und sozialen Aspekts in Literaturworkshops an Hauptschulen und Gymnasien behandelt. Sie nahm an mehreren Literaturwettbewerben im In- und Ausland teil, wobei sie zahlreiche Erwähnungen und Preise erzielte, darunter den “José Donoso 2000”-Preis in Chile und den “Álvaro Paradela 2001” in Ferrol, Spanien. In Kürze wird sie ihren zweiten Erzählband herausgeben.
Postanschrift: French 895- Banfield (1828)- Bs.As. Argentinien. E-mail: grabucci@speedy.com.ar
“... diese Trägheit des Herzens, das ist der Tod, der sich in uns einnistet. Noch nicht, jetzt noch nicht.” Simone de Beauvoir. Ich lernte Marcos zufällig kennen, so geschahen viele der bedeutsamen Dinge meines Lebens. Wir saßen an verschiedenen Tischen derselben Bar, wie kopiert, hinter der Tasse Kaffee. Ich erfand die Zeit, resignierte Zaungästin des Lebens, das immer außerhalb von mir ausgestreut wurde. Woran er wohl dachte, weiß ich nicht. Er blicke ins Nichts, wobei sich sein Abbild im Glas spiegelte, das sich bemühte, den Zigarettenrauch zurück zu werfen, geöffnete Arme, die die Luft auflöste. Unsere Blicke kreuzten sich ein paar Mal. Ich betrachtete sein festes, beinahe geometrisches Gesicht, ein hintergründiges und rätselhaftes Oval. Ich sah, wie er sich angesichts meiner Verstörung, die ich zwecklos versuchte, wie Gleichgültigkeit erscheinen zu lassen, näherte. Ein paar Worte genügten. Unvorsichtig meine, viel kräftiger die von Marcos. Wir ahnten die glückliche Begegnung zweier Einsamkeiten voraus. Wir sahen uns weiter an. Je mehr sich unsere Beziehung vertiefte, umso mehr entdeckten wir einander, stellten wir fest, wieviel uns verband: eine Gewohnheit, eine Handlungsweise, Meinungen, Vorlieben, Genüsse. Es war ein ausgeglichenes Zusammenleben. Wir verstanden unsere Stillen, wir suchten Zuflucht unter dem gemeinsamen Code der Verliebten. Es war wohl deswegen, wegen dieser Gelassenheit, wegen dem Fehlen von Höhen und Tiefen, wegen des bedingungslosen Verständnisses, dass ich überrascht war, als er mir eines Nachmittags, als wir den Tee einnahmen, von den Klammern sprach. Von ihrer Bedeutung für unsere künftige Ruhe, von ihrem Wert angesichts eines Konflikts im Zusamenleben, von ... Ich hörte ihm aufmerksam zu und zerklaubte dabei die Gedanken; sie wollten aus meinem Mund heraussprudeln, verschlungene und stumme Worte in einem Gedankenchaos, das mich vom stumpfen Gehirn aus zu bewohnen schien. Ein Fluss von Gefühlen kämpfte gegen meinen Menschenverstand an: Überraschung, Angst, Ungläubigkeit, Niedergeschlagenheit. Mit einigen Vorbehalten verstand ich ihn. Wie immer zeigte mir Marcos mit seiner tadellosen Argumentation die Vorzüge seiner Theorie auf. Das Thema wurde jedoch bei mehreren Gelegenheiten besprochen, so viele, wie nötig waren, um jeglichen Zweifel zu zerstreuen. Und ich zerstreute sie alle. So sehr, dass auch ich Teil der Anhängerschaft der Bewunderer von Klammern wurde; ich ging so weit, sie für unsere Partnerschaft als so unerlässlich wie einen Erste-Hilfe-Koffer zu betrachten. Wir beschlossen, sie gemeinsam einkaufen zu gehen. Wir hatten Mühe, sie auszuwählen. Es gab sie in allen Formen und Größen; sie mussten genau die richtigen Maße haben, und es war nicht einfach, sie zu finden. Wären sie sehr klein gewesen, wären sie unzireichend gewesen, um den erwünschten Effekt zu erzielen; die größeren hingegen konnten eine lange unterbrochene Beziehung in Gefahr bringen, ja, sie zum Gespenst einer verschwommenen Erinnerung machen. Nach mehreren Anläufen und Rückzügen brachte uns ein gegenseitiger Blick in stillem Einverständnis zur Entscheidung, wir wählten dasselbe Paar aus. Wir fühlten uns glücklich. Endlich hatten wir unsere Klammern. Der Verkäufer konnte einen Seufzer der Erleichterung nicht verheimlichen; er verzierte das Paket mit einer blauen Schleife und verabschiedete sich hinter einem zarten und zwiedeutigen Lächeln von uns, das mich noch heute schreckt. Die Zeit verging und unser Glück, abgeschliffen von Situationen, die das Leben für uns erfand, löste sich nach und nach auf; wir konnten es nicht verhindern. Bis wir und an die Existenz der Schachtel mit der blauen Schleife erinnerten. Wir waren uns einig, dass dies der richtige Augenblick war, um sie zu Hilfe zu nehmen. Ich war es, die ihr Fehlen auf der obersten Brett des Wandschranks bemerkte. Und die Suche begann. Eine lange, langweilige und beängstigende Suche. Wir wurden zu zwei besessenen Wesen. Mit arrogantem Blick, zeitweilig anklagend, liefen wir einander wie Fremde in den Ecken des Hauses über den Weg. Es war wichtig, dass sie auftauchte, sollte dies nicht geschehen, wäre unsere Glückseligkeit von gestern entschieden getrübt.; vielleicht würden wir sie sogar vergessen. Das Bewusstsein, dass dieser Verlust unwiederbringlich sein könnte, machte unser Vorgehen noch zwanghafter. Es gab keine Tage, Nächte, Wochenenden, Termine... nichts. Wir hatten ein klares und ausschließliches Ziel: die Schachtel mit der blauen Schleife zu finden. Wir zerlegten nach und nach dies ganze kleine Haus, das uns bei unserem fieberhaften Hantieren riesig erschien. Wir fielen in einem irrationalen Zwang über jeden Winkel des Schranks, jedes Möbelstück, jede Schublade, jede einzelne Ecke her, die uns mit blinden Augen nachspähten, so als blickten sie uns an ohne zu sehen, oder vielleicht sehend, aus ihrer unbelebten Stummheit heraus, die Hoffnungslosigkeit derer, die wir, ohne Pause, auf ein immer irrigeres Verhalten zuliefen. Eines Wintermorgens kam Marcos zu mir, mit einer seltsamen, verlorenen Geste. Seine Augen leuchteten, während er mir mit unsicheren Händen die Schachtel zeigte, unsere große Spötterin. Da sah ich in ihr die Bedrohung, die Verkörperung der Angst, ich fühlte die Niederlage voraus, allzu nah, um ihr zu entkommen, ja, der Mund füllte sich mir mit Galle, einem unreinen Gerinnsel, das entschlossen meine Kehle durchlief. Ich glaube, dass ich in einem Blick alle Fragen konzentrieren wollte: Wo war sie gewesen? Wie hatte er sie gefunden? Vielleicht hatte er sie selbst versteckt? Ohne Worte und mit der Langsamkeit dessen, der keine Eile mehr zulässt, stellte er sie auf den Tisch, löste die etwas ausgebleichte Schleife, die nicht mehr viel Blaues an sich hatte, und öffnete sie vor mir. Wir beugten uns über den Inhalt wie Automaten. Wir sagten nichts. Wir wahrten unsere Stille in einem beinahe religiösen Akt. Hier war er. Auf einem Bett aus rosa Baumwolle, rund, imposant, hartnäckig schwarz: unser Schlusspunkt. Graciela BUCCI Buenos Aires – ARGENTINIEN Übersetzung: Ulrike ZOMORRODIAN-SANTNER
ROSEMARIE SCHULAK wurde 1933 in Niederösterreich geboren und ist Doktorin der Philologie. Sie begann bereits früh zu schreiben; ihre ersten Texte wurden 1951 in der Zeitschrift „Neue Wege“ veröffentlicht. Viele ihrer Gedichte wurden ins Spanische, Italienische, Galizische, Englische, Französische, Griechische, Rumänische, Bulgarische und ins Japanische übersetzt und in verschiedenen europäischen Ländern sowie in Indien und in Nord- und Südamerika veröffentlicht. Sie erhielt für ihr Werk verschiedenen Auszeichnungen. Unter ihren Publikationen finden sich acht Gedichtbände, einer davon zweisprachig Deutsch / Rumänisch, erschienen im Jahr 2000, und ein Erzählband mit dem Titel „Die vergessen sind“, Edit. Doppelpunkt, Wien, 1997. Adresse: Vogelweidplatz 2/3, A-1150 Wien VERSTRICKUNG Zitternde Bilder wirf der Mond mir über den Leib Ohne Schlaf bin ich ohne Traum verloren im Nichts Die Eule im Gezweig spreizt ihr Gefieder In welches böse Netz hat dein Wort mich verstrickt? GEFLÜSTERT Worte wie Schnee, treiben im Wind mit heißer Atemluft wirbeln sie hin transparent, unge- festigt, zerstörbar INKRUSTATIONEN (mit Blattgold, 23 Karat) Im Augenblick Ewigkeit Im Licht Dunkelheit In der Angst Zuversicht Im Mut Bitternis In der Hoffnung Sorge Im Schweigen Redlichkeit Im Leben der Tod Im Tod die Liebe KRUG UND SCHALE (Bleistiftskizze) Wie entgleiten der träumerischen Hand doch die Bilder! Sie steigen und schweben ... Sei achtsam mit mir! Verschütte nicht den kostbaren Trunk Deiner Schale mein Leben ... IM SPIEGEL (Terra Siena, Aquarell) Beim genauen Betrachten vibrieren im Mittagslicht hell die Spiegelbilder Geteilt erscheint mir das Liniengefüge meine zwei Hälften Gern halbierte ich auch den zweifachen Fluß meiner Trauer und verdoppelte wärst du im Bild die Freudentränen AUGENBLICKE WIE STERNENBLUMEN Augenblicke wie Sternenblumen, in den Räumen der Ewigkeit so kurz nur da und vorüber wachsen in der Erinnerung uns in den Mund, unausrottbar im Herzen, Wurzeln der Welt Rosemarie SCHULAK Wien