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XICöATL: Ausgabe 88
INHALT:
Cristina Castello (Argentinien): Journalistin und Dichterin, Kultur- und Lyriksendungen im Radio und Fernsehen. Dieses Jahr erscheint in Frankreich ihr Band Sed / Soif (Durst). Schreibt regelmäßig für Cuadernos Hispanoamericanos, ein Kulturmagazin aus Madrid, und für andere Medien in Europa und Argentinien. Ihre Website, www.cristinacastello.com verbindet Lyrik, Musik und Malerei. Im Pop Verlag: Rodica Draghincescu: Schreibenleben. (FRAGMENTARIUM Sammlung) Literaturkommentar in ungewöhnlicher Form: Interviews mit Kulturpersönlichkeiten.
Webseite: http://www.cristinacastello.com E-Mail: info@cristinacastello.com
Erzählt mir, wie ein Baum ist./ Erzählt mir vom Gesang eines Flusses/ wenn er sich mit Vögeln bedeckt. Marcos Ana Almodóvar wird das Leben des Mannes verfilmen, der wegen des Spanischen Bürgerkrieges die meiste Zeit im Gefängis verbrachte. Ohne Rachegefühle kämpft Marcos Ana weiterhin gegen den Faschismus. Seine Geschichte ist Zeugnis für die Vögel ohne Flügel in jener Barbarei; und gleichzeitig ein Fest der Zärtlichkeit, welche die Güte über jeden Horror stellt. Marcos Ana, Dichter und Quijote. Universelles Zeichen für den Freiheitskampf – heute 89 Jahre alt-, verbrachte er die Zeit zwischen 1939 und 1961 in den franquistischen Gefängnissen. Er erfuhr den Schrecken am eigenen Leib, in seinem Herzen und mit den Augen seiner Kameraden; er entdeckte die Schande in den Händen der Folterer: Hände, denen das Leben fremd war, die nur an Sonntagen niemanden massakrierten, denn da beteten die Henker in der Kirche und mit dem Kaplan. Aber er lernte auch Freuden kennen: In den Verliesen des spanischen Faschismus „adoptierte“ Marcos Ana – so, wie man ein Kind adoptiert - eine unschuldige Blume, die in der finsteren Ritze der grausamsten Mauer sprießte. So, wie er für jeden Vollmond schwärmte, den er – dank seiner Beharrlichkeit – genießen konnte, obwohl er auf die Gitterstäbe kletterte und dafür streng bestraft wurde. So, wie er, von Gitter zu Gitter, die Poesie von Neruda und seine eigenen Verse schmuggelte, wie eine Litanei, die die Freiheit heraufbeschwört. Er war erst 19 Jahre alt, als er der Hölle des Regimes zum Opfer fiel und dreiundzwanzig Jahre älter, als er – wie ein Schwarm glücklicher Vögel – den Käfig verlassen konnte, um von der Helligkeit des Lichts erfüllt zu werden. Ein blendendes Licht für ihn, der nichts als Dunkelheit kannte. Aber das Leben, das sich ihm nur von seiner geizigen Seite gezeigt hatte, reichte ihm schließlich doch noch die freigebige Hand. Von all seinen Gaben schenkte es ihm die Reisen, weltweite Anerkennung – die Umarmung der Menschheit – und die Möglichkeit zu kämpfen. Es gab ihm die Poesie, und es enthüllte ihm Liebe und Sex... ganz neu im Alter von 42 Jahren. Sie war jung und dunkelhaarig, schlank, schön und zart. Sie hieß Isabel Peñalba und hatte den blauen Blick. Werden es die Augen von Penélope Cruz sein, Almodóvars bevorzugter Schauspielerin, die ihn aus jenem Blau Isabels anblicken werden? Wer weiß. Zuerst wird er die Arbeit an „Los abrazos rotos“ beenden, und vielleicht „La piel que habito“ drehen. Und danach wird er sich „Decidme cómo es un árbol“ widmen, dem letzten Buch von Marcos Ana; ein Werk, das die Welt mit seinen „memorias de la prisión y de la vida“ bereist, Funken sprühend vor Humor, der Poesie seiner Prosa und dem Verständnis von der Existenz als eine transzendente Tatsache. Wie viele Filme ließen sich mit jedem Herzschlag dieses Quijote drehen? Jedenfalls entschloss sich Almodóvar, die Geschichte von Marcos, einem „Überlebenden“, auszuwählen, als er bereits ein frei fliegender Vogel war, der beim Verlassen der Hölle den Himmel durchpflügte. Den Filmemacher beeindruckt, dass der Dichter, der so lange vom Tod umgeben war, von Gerechtigkeit und Frieden, Brüderlichkeit und Saat, von Imagination und Hoffnung zu erzählen weiß anstatt von Zorn. Seine Leidenschaft für das Leben des Nächsten überrascht ihn. Er ist gerührt, weil unser Autor in „Decidme cómo es un árbol“ erzählt, dass er eine seiner beiden Verurteilungen zum Tode wegen eines Mithäftlings erhielt, der ihn denunzierte, und trotzdem dessen Namen nicht preisgibt um den Angehörigen des Verräters keinen Schaden zuzufügen. Seltsames Wagnis, das Almodóvar da eingeht, ein Künstler mit einer barocken, brillanten Bildsprache, dessen Themen bis dahin von der Liebe zu seiner Mutter und den Frauen, zur Sexualität, der Bindung zwischen Liebe und Tod und der Seelenwanderung reichten. Und selbst wenn einige Aspekte der Geschichte, die er filmen wird, auf den ersten Blick seine Auswahl rechtfertigen – das wird man noch sehen – gibt es etwas zentrales, viel neueres als alles andere. „Marcos Ana ist einem Engel sehr ähnlich“, erklärte der Regisseur, „ich habe bisher noch keinen so guten Menschen wie ihn kennengelernt.“ Ausgehend von dieser Erfahrung: Können wir unter seine Gründe für die Auswahl eines Drehbuches den unendlichen Wert der Güte reihen? Der blaue Blick Erzählt mir, wie der Kuss/einer Frau ist. Sagt mir den Namen/ der Liebe: Ich erinnere mich nicht daran. Nach 23 Jahren hinter Gittern, war das schwierigste die Freiheit. Lernen, frei zu sein. Marcos wusste, wie man im Gefängnis lebte, wo ihm die Zuneigung für (und von) seine Kameraden Unterstützung und Antrieb waren. Obwohl er fast zu Tode gefoltert wurde; obwohl er sah, wie so viele Leben und auch seine Jugend vernichtet wurden, haben sich auf seiner Haut und in seinem ganzen Wesen das Lachen und die Großzügigkeit seiner Freunde eingebrannt. Mit ihnen teilte er den Hunger und das Brot, die Träume und die Hommagen, mit denen sie – in den Schatten der Schatten und erfindungsreich – den großen Dichtern huldigten. Das Gefängnis war eine „demokratische Universität“, ein Heim. Marcos gründete literarische Zirkel, obwohl die Imagination brutal verfolgt wurde. Die Wachen mussten die physische Flucht der Gefangenen verhindern; der Kaplan die spirituelle Flucht. Man musste die Poesie verbieten, denn sie war Feindin des Systems, war ein weiteres Wesen, das eingesperrt werden musste. Die Sonne einsperren? Ach! In den 50er Jahren ließen ihm seine Kameraden in eine menschenunwürdige Zelle – sie wussten, oh, was für eine Gnade die Imagination doch ist! - ein Federpennal sowie Gedichte von Neruda und Rafael Alberti zukommen. Er las sie über tausendmal und... begann zu schreiben! Aber... wie das eigene geschriebene Wort bewahren? Und hier wieder die Kreativität. Seine „Kollegen“ im Gefängnis lernten seine Verse auswendig, und jene, die die Freiheit wiedererlangten, waren „wandelnde Gedichtsammlungen“ von Marcos Ana, den man damals noch als Fernando Macarro Castillo kannte. Einige Zeit später erhielt er ein gedrucktes Büchlein mit seinen Gedichten... Welches Glück! Es waren die ersten beiden Ausgabe von „Te llamo desde un muro“, die damals in Mexiko und Peru veröffentlicht wurden. Wie ein unendliches Spiegelkabinett wird Almodóvar den unruhigen Geistern der Welt das Leben dieser Persönlichkeit und seines Landsmannes... Ja, was für eine Folge von Zufällen: der Filmemacher wurde in La Mancha geboren, ebenso wie das Meisterwerk der Weltliteratur: „Don Quijote“; ebenso wie Don Miguel de Cervantes Saavedra, dessen Autor, der das Licht der Welt in Alcalá de Henares erblickte, einer Stadt, die in der berühmten Region liegt, wo Marcos seit seinem neunten Lebensjahr wohnte und wo er zum ersten Mal inhaftiert wurde... Gibt es den Zufall tatsächlich? Jungfrau bis zu seinem 42. Lebensjahr, war die Außenwelt für Fernando Macarro eine Legende, eine Fabel, eine Fiktion. Es gab keine Mauern, sondern Himmel; es gab Speck! - Speck, von dem er, der Hungernde, während der 9000 Tage und Nächte seiner Gefangenschaft träumte -; es gab Autos, Leuchtreklamen, Geschäfte... Frauen! Es gab ein „normales“ Leben, und das hatte er nach so vielen Jahren hinter Gittern vergessen. An den Horror und die Notwendigkeit gewöhnt, verursachten ihm die Lichter Übelkeit, er gab das Essen zurück, nach dem er sich gesehnt hatte: er fühlte sich wie in einer anderen Galaxis... bis seine blaue Nacht kam. Sie. Sie glaubte, das er betrunken war und versuchte, ihm sein Geld zurückzugeben; das Geld, das er ihr eigentlich bezahlen sollte, immerhin war das Mädchen eine Prostituierte. Fernando Macarro wusste nicht, was er tun sollte, allein mit einer Frau in einem Hotelzimmer. Er fühlte sich ungeschickt, fremd, desorientiert, bis er ihr die Wahrheit sagte: über die 23 Jahre im Gefängnis und seine sexuelle Unerfahrenheit. Und sie widmete sich ihm mit Liebe: sie nahm in auf einen Spaziergang durch die Gran Vía in Madrid mit, sie gingen Abendessen während er redete und redete, wie ein Samenkorn, das fruchtbare Erde nach der Dürre findet. Die blauen Augen weinten. Sie weinten so sehr, während er ihr von der einzigen Welt erzählte, die er kannte. Sie weinten um all die Dinge, die Tränen verdienen (Jorge Luis Borges). Isabel Peñalba – ja, es war sie – brachte ihn dann ins Hotel und schaffte es, dass Fernando mit ihr Liebe machte. Sie wollte ihn neu gebären, ihn einweihen. Dann am Morgen, „Chocolate con Churros“ gemeinsam im Bett, und als der Dichter, der als „Mann“ aufgewacht war, wieder zu Hause ankam, fand er in seiner Geldbörse die fünfhundert Peseten des Lohnes, den sie nicht annahm. Und ein Zettel, ein Appell, eine Bitte aus Liebe: „damit du heute nacht wiederkommst“. Er dachte den ganzen Tag voll Verlangen und Emotionen an sie, aber die Angst, sie mit dem Geld zu beleidigen – das außerdem ihr gehörte – mischte sich mit seinem männlichen Verlangen und der Furcht, die Erinnerung an jene Nacht voller Reinheit und Magie zu zerstören. Er wusste nicht, ob er zu ihr gehen sollte oder nicht, und ein weiteres Mal war es eine Blume, die ihn neuerlich rettete und ihm zur Entscheidung verhalf. Er kaufte Dutzende Blumen, die ebenso strahlend waren wie jene, die er – der grausamsten Mauer entsprungen – wie ein Kind adoptiert hatte. Die 500 Peseten – der Preis der Bezahlung – verwandelten sich in ein Bouquet voller Orchideen- und Magnolienknospen. Er hinterlegte es an der Hotelrezeption, mit einer Karte: „Für Isabel, meine erste Liebe“. Franz Kafka schrieb: „Solange du nicht zu steigen aufhörst, hören die Stufen nicht auf, unter deinen steigenden Füßen wachsen sie aufwärts.“ Isabel war die Treppe zur Liebe. Almodóvar erfreut sich so sehr an diesem morgendlichen Wendepunkt und tut dies mit einer derartigen Zärtlichkeit, dass seine Kamera übersetzen möchte. Früher, viel früher, war Marcos' Leuchtturm die absolute Zuneigung zu seinen Eltern gewesen, an die er bei der Wahl seines Pseudonyms dachte. Er wählte Marcos, nach seinem Vater: Ach, jenes Bild einer einsamen Mütze, die am Ast eines umgestürzten Baumes hängt, als ein Bombenangriff ihn tötete; die verzweifelten Augen des Sohnes waren 17 Jahre alt. Er beschloss, sich den Nachnamen Ana zu geben, nach seiner Mutter. Opferbereit unter ihrem ewigen schwarzen Kopftuch, war sie gekommen, um ihn im Gefängnis zu besuchen. Noch einmal, aber man ließ sie nicht hinein. Voll innerer Qual, verursacht durch das Wissen, dass ihr Sohn zum Tode verurteilt war, begann sie, denselben Weg noch einmal zurückzugehen. Mamá Ana stürzte zu Boden, die Wachen schlugen und erniedrigten sie und sie starb in einem Graben an Weihnachten im Jahr 1943: „dass sie auf Knien starb, sagten sie mir/gekreuzigt an einem Holz aus Tränen,/ mit meinem Namen auf ihren Lippen/Gott um das Ende meiner Strafe bittend“. Rampenlicht Meine Sünde ist schrecklich;/Die Herzen der Menschen/wollte ich mit Sternen erfüllen Marcos Ana Seit seiner Freilassung im Jahr 1961, die Dank internationalen Drucks erfolgte, nachdem er zu 60 Jahren Gefängnis verurteilt worden war, bereiste er Europa und einen großen Teil Südamerikas. Er lernte Louis Aragon, Pablo Neruda, endlich auch Rafael Alberti und María Teresa León kennen, Salvador Allende, Nicolás Guillén, Picasso, Yves Montand, Michel Piccoli, Prévert, Jean-Paul Sartre, Joan Baez, Miguel ÁngelAsturias, Pedro Vianna und viele mehr. Er widmete sein Leben der Verteidigung der Freiheit gegen jeglichen Autoritarismus. Er gründete und leitete in Paris bis zum Ende des Franquismus, das Centro de Información y Solidaridad con España (CISE), dessen Präsident Picasso war. Und jede Person, die ihn interviewt, selbst heute noch, stellt ihm diese Frage: „Haben Sie im Gefängnis den großen Dichter, die Seele aus Glas, Miguel Hernández getroffen?“ Ja, er hatte ihn getroffen. „Die blaue Flamme der Dichtung“, wie Neruda ihn nannte -; der Franquismus hatte ihn mit 31 Jahren getötet, mit einer Tuberkulose, die seine Henker niemals behandelten. Zwei Jahre nach seiner Freilassung lernte Marcos Vida Sender kennen, die viele Jahre lang seine Frau war. Heute leben sie getrennt, haben sich aber eine tiefe Freundschaft bewahrt und ihre Liebe zu „Marquitos“, mit dem er lebt. Es ist ihrer beider Sohn – heute Kameramann, Fotograf und Dokumentarfilmer - , das größte Opfer, das er von der Freiheit erhielt. Aber es gab noch andere. Wie das Treffen mit jener Musik für Akkordeon und Violine, die er, gespielt von einem fernen Orchester, im Gefängnis von Burgos zu Weihnachten 1960 gehört hatte. Er erfuhr nie den Titel und, obwohl er sie wie besessen suchte, ohne dieses Datum und ohne sie summen zu können, war es unmöglich sie zu finden. Danach führte ihn der Strudel der Reisen nach Kopenhagen, wo man ihn im Haus von … Karen unterbrachte. Groß, schön, Faszinierend, konnte sich die nordische Göttin mit ihm nur über Zeichensprache verständigen. Marcos sprach kein Wort Englisch, von Dänisch ganz zu schweigen. Von einem Sessel aus betrachtete er sie schüchtern – und von Minute zu Minute wurde er befangener -, ohne ein Wort herauszubringen; und sie verstand es: sie machte es ihm auf dem Canapé gemütlich, löschte das Licht um eine sanfte Atmosphäre zu schaffen, die helfen sollte, zu entspannen, spielte eine gewisse Musik auf dem Plattenspieler und wollte ihn eigentlich verlassen, damit er sich ausruhen konnte. Dann, das Lächeln des Lebens. Das Wunder. Die Melodie, die der Dichter hörte, stammte aus dem Film „Rampenlicht“, war dieselbe Musik von jener Weihnacht; die, die er so sehr gesucht hatte. Die Musik überraschte ihn so sehr, dass Karen beunruhigt zurückkam und sich zu ihm – beinahe auf ihn – setzte. Der Rest war eine schweigende Umarmung, ein Vibrieren im Einklang, und die Sprache der Liebe und der Leidenschaft. Während seines fünftägigen Aufenthalts in Dänemark und während so vieler anderer Tage seines Lebens in Freiheit erfüllte die Verzauberung den Helden mit Sternen, der die Herzen der Menschen mit Sternen erfüllt. „Erzählt mir, wie ein Baum ist“, forderte Marcos Ana in dem Gedicht, das seinem letzten Buch den Titel gab. Heute haben ihm schon alle Wälder, alle Vögel und alle Flüsse ihre Geschichte erzählt. Heute wird er als „Wunderbaum“ betrachtet, weil er weiterhin die Conditio Humana würdigt. Und er schließt sich dem Wort des von ihm bewunderten Paul Éluard an: „Diejenigen werden belohnt werden, die vor Entsetzen lachen“. Artikel veröffentlicht bei „Lyrsa editores“ - Mexiko, Oktober 2008 Cristina CASTELLO Buenos Aires / Paris Übersetzung: Judith MOSER-KROISS
Fernando Macarro Castillo, bekannt als Marcos Ana (ein Pseudonym, das sich aus den Namen seiner Eltern bildet), wurde in San Vicente, Gemeinde Alconada, Salamanca, am 20. Jänner 1920 geboren. Seine bewegende Biografie machte ihn zu einem der Symbole der antifaschistischen Kultur. Als Bauernsohn verbrachte er die Kindheit in seinem Geburtsort, bis er 1929 mit seiner Familie nach Alcalá de Henares übersiedelte. Er erhielt keine gute Ausbildung und musste einen Großteil seiner Zeit Arbeiten widmen, die zum Familieneinkommen beitrugen. Beim Ausbruch des Bürgerkrieges im Jahr 1936 schloss er sich der sozialistischen Jugendorganisation Juventudes Socialistas Unificadas an und ging an die Front. Auf Grund seiner Jugend musste er das Schlachtfeld aber wieder verlassen. Ab 1938 war er an verschiedenen militärischen Aktionen beteiligt und arbeitete als Politkommissar der Kommunistischen Partei. Er kam im Alter von 19 Jahren ins Gefängnis und wurde erst 1961, mit 41 Jahren, entlassen. In den Gefängnissen sollte er dafür bekannt werden, dass er eine seelische Stütze für seine Mitgefangenen war, während er selbst auf den Vollzug eines Todesurteils wartete. Er war gemeinsam mit Miguel Hernández inhaftiert und kam schließlich in die Haftanstalt Burgos, wo er von 1946 bis 1961 gefangen war. Als Verantwortlicher für Flugblätter, die im Gefängnis kursierten und die Gefangenen zum Widerstand aufriefen, hob er sich von seinen Mithäftlingen ab. Dies und die Bildung organisierter Gruppen sowie die Herausgabe einer geheimen Zeitung mit dem Titel „Juventud“ brachten ihm 1941eine weitere Verurteilung zum Tode ein. Sein streitbarer Charakter war Grund für schärfste Unterdrückung während seiner Haftzeit, so wurde er oft geschlagen und häufig in Einzelhaft verbracht. Mitte der 50er Jahre begann er seine ersten Gedichte unter dem Pseudonym Marcos Ana zu schreiben, die heimlich nach draußen geschmuggelt und von vielen Regimegegnern gelesen wurden. Seine herzzerreißenden Gedichte regten zur verbalen Bekämpfung der Diktatur an und riefen zur Befreiung der politischen Gefangenen auf. Seine Werke erreichten zahlreiche spanische Intellektuelle, die im Exil lebten, sowie Amnesty International. Von dieser Seite wurde seine Befreiung eingefordert, die am 17. November 1961 erfolgte. Er musste nach Frankreich gehen, wo die Kommunistische Partei Spaniens – deren Mitglied er war – ihn einlud, eine Organisation ins Leben zu rufen, die es sich mit Hilfe von Persönlichkeiten des französischen kulturellen Lebens zum Ziel machen sollte, die spanischen politischen Gefangenen zu unterstützen: das Zentrum für Information und Solidarität mit Spanien - Centro de Información y Solidaridad con España – unter dem Vorsitz von Pablo Picasso. In dieser Funktion reiste er durch Europa und Südamerika, wo er großen Einfluss auf die Jugend in den Diktaturen von Argentinien und Chile hatte. Er kehrte 1976 mit der Amnestie nach Spanien zurück. Auch während der Demokratie ist er weiterhin sehr aktiv in der Kommunistischen Partei geblieben, für die er als Kongressabgeordneter kandidierte und verschiedene Ressorts betreute, so unter anderem den Bereich der Internationalen Solidarität. Werke:
AUTOBIOGRAPHIE Meine Sünde ist schrecklich; Die Herzen der Menschen wollte ich mit Sternen erfüllen. Darum verlor ich hier, hinter Gittern, in zweiundzwanzig Wintern meine Lenze. Gefangener seit meiner Kindheit und verurteilt zum Tode, versickert das Licht meiner Augen in den Steinen. Dennoch gibt es keinen rachsüchtigen Schatten, der durch meine Venen huscht. Spanien! Das ist nur der Schrei meines Schmerzes, der träumt... MEIN HAUS UND DAS HERZ Wenn ich eines Tages ins Leben hinausgehe, wird mein Haus ohne Schlüssel sein: Stets geöffnet den Menschen, der Sonne und der Luft. Die Nacht möge eintreten und der Tag und der blaue Regen. Der Abend. Das rote Brot des anbrechenden Tages. Das Feld: seine grünen Stängel. Die Freundschaft möge in meiner Nähe ihre Schritte nicht verhalten. Nicht die Schwalbe ihren Flug. Nicht die Liebe ihre Lippen. Niemand. Das Haus und das Herz niemals verschlossen: Die Vögel, die Freunde, die Sonne und die Luft mögen eintreten. WIE IST DAS LEBEN? Erzählt mir, wie ein Baum ist. Erzählt mir vom Gesang eines Flusses, wenn er sich mit Vögeln bedeckt. Sprecht mir vom Meer. Sprecht mich vom weiten Duft des Feldes. Der Sterne. Der Luft. Redet mir von einem Horizont ohne Schloss und ohne Schlüssel, wie die Hütte eines Bettlers. Erzählt mir, wie der Kuss einer Frau ist. Sagt mir den Namen der Liebe: ich erinnere mich nicht daran. (Sind die Nächte noch erfüllt von Liebenden, die vor Leidenschaft im Mondlicht beben? Oder ist nur noch diese Gruft übrig, das Licht eines Schlüssellochs und das Lied meines Grabsteins?) 22 Jahre. Mir entgleitet schon die Dimension der Dinge, ihre Farbe, ihr Aroma... Ich schreibe aufs Geratewohl: „Das Meer“, „Das Feld“... Ich sage „Wald“ und habe die Geometrie des Baums verloren. Ich spreche um von Dingen zu sprechen, die mir die Jahre ausgelöscht haben. …........................................................................ (Ich kann nicht fortfahren: ich höre die Schritte des Aufsehers). ICH RUFE DICH VON EINER MAUER AUS Horch, Bruder, ich rufe dich von einer Mauer aus; eingekeilt zwischen Steinen, in denen die Schatten nisten. Ich spreche vom Schmerz aus. Hinter den blanken Knochen der Pein rufe ich Dich. Meine Stimme ist rein geblieben wie diese Kräuter, die in den Ritzen eines Felsens wachsen! Weder hat sie auf ihre Fahne gespuckt, noch hat sie nachgegeben oder verlogene Lieder gesungen, noch ist sie in der Dunkelheit verschwunden. Zwanzig Mal kam der Frühling vorbei und meine Flügel an einen Pfahl gebunden, und das Feuer meines Blutes in Ketten. Heute aber ruft meine Stimme – ohne Tränen – nach dir! Meine Zunge ist eine Flammende Wunde, wie ein brennender Vogel an deinem Fenster. Keinen Tag länger, mein Freund. Lass dieses Gefängnis aus blinden Mauern nicht zu; so viel Licht ohne Ausweg, so viele geschlossene Türen vor meinen Augen. Mein Herz ersehnt dich, erwartet dein Wort und, wie ein aufgestauter Fluss, schlägt es an die Mauern. DEN KATHOLIKEN Hör mich an, wer immer du auch sein magst, wenn die Liebe zu Gott dir die Seele erleuchtet; du kannst von dieser Welt so nicht gehen, die weite Reise mit leeren Händen antreten, vor den Toren Gottes, die dein Glaube erträumt, ankommen und sagen: „Herr, ich bringe nichts; schenk mir einen kleinen Funken Liebe aus deiner göttlichen Flamme.“ Denn der Herr, dein Gott, würde antworten: „Geh fort, brich dir die Beine auf dem endlosen roten Eis, stütze dich auf den knorrigen Stock deines Hasses, du wirst für immer auf Wanderschaft sein, wenn du nicht den Palmzweig der Liebe findest, den du nicht von dem Baum brechen wolltest, der aus Meinem Blut entsprang.“ DER TAG Es schneit, Das Gefängnis ist weiß wie ein Grab. Der Himmel ist ein kalter Schatten. Man hört zehn Glockenschläge in den Schnee fallen. Um eine Mauer im Norden heult der Wind wie ein Stier aus Eis. Marcos ANA Salamanca / SPANIEN Übersetzung: Judith MOSER-KROISS
Alfredo Pérez Alencart (Puerto Maldonado, Peru, 1962). Dichter und Essayist peruanisch-spanischer Abstammung. Seit 1987 ist er Titularprofessor für Arbeitsrecht an der Universität Salamanca. 2005 wurde er in die kastilisch-leonesische Akademie für Dichtung aufgenommen. Er ist außerdem Leiter des Zentrums für iberische und amerikanische Studien in Salamanca (CEIAS), der Gesellschaft für literarische und humanistische Studien "Alfonso Ortega Carmona" (SELIH) sowie der Zeitschrift "El cielo de Salamanca". Zwischen 1992 und 1998 war er Sekretär des Poetik-Lehrstuhls "Fray Luis de León" der päpstlichen Universität Salamanca. Von 1998 bis 2005 war er Koordinator der "Encuentros de Poetas Iberoamericanos", die jährlich von der Stiftung "Salamanca Ciudad de Cultura", der Stiftung "Camino de la Lengua Castellana" und dem Kulturministerium organisiert werden. Er schreibt für spanische und iberoamerikanische Zeitschriften. Publikationen: La voluntad enhechizada (2001. Es gibt eine portugiesische Version, die 2004 erschienen ist.), Madre selva (2002), Ofrendas al tercer hijo de Amparo Bidon (2003) und das Heft Itinerario de los huéspedes (2005, mit Stiche von Miguel Elías). Seine Dichtung wurde ins Deutsche, Englische, Italienische, Portugiesische, Arabische, Serbische und Koreanische übersetzt.
Postadresse: Apartado 164, E-37080 Salamanca, Spanien. E-Mail: alen@usal.es
Erstes Mandat KROKODILSTRÄNEN Und Bush tränten die Augen sah er die Mütter weinen, die ihre Söhne im Irak verloren. Er und andere werden sagen Iksquiusmi oder: “Mein herzlichstes Beileid”, aber wir alle wissen, dass der Saurier nicht weint, wenn er die Beute frisst: Durch seine Augen fließt reichlich Speichel des üblen Nachgeschmacks. Zweites Mandat WÄHREND DIE WALL STREET ZUSAMMENBRICHT Ich, der ich wertvolle Aktien weder habe noch hatte. Ich, der nur ein bald schrottreifes Auto mit zwei Türen sein eigen nennt sowie ein billige Wohnung in den Randbezirken meiner kleinen Stadt, ich bekenne, keine Trübsal zu blasen, wenn ich die Überschrift lese: “Schwarzer Montag an der Börse von New York”. Und an den Ufern des Tormes frühstücke ich gelassen, während die Wall Street zusammenbricht. Alfredo PÉREZ ALENCART Puerto Maldonado / Salamanca Übersetzung: Sigrid BECHER
Gustavo Tatis Guerra Staatspreis für Journalismus Simón Bolívar, 1992. Bekam 2003 den Preis für Journalismus “Álvaro Cepeda Samudio”. Autor der Lyrikbände “Conjuros del navegante” (1988), “El edén encendido” (1994), “Con el perdón de los pájaros” (1996), “La ciudad amurallada”, Crónicas de Cartagena de Indias (2002) und “Alejandro vino a salvar los peces” (2002). Ein noch nicht veröffentlichter Roman und ein Essay über die Lyrik von Luis Carlos López und Raúl Gómez Jattin. 2004 veröffentlichte er seinen Essay “Bailaré sobre las piedras incendiadas”, über Virginia Woolf.
E-mail: gtatis@hotmail.com
NIEMAND WEINT FÜR GELD Niemand weint für Geld. Es ist gar nicht so lange her, als das Haus noch nicht so heruntergekommen war und der Kapitän dieses Schiffes, dieses verrückten Landes, den Kompass noch nicht aus der Hand gegeben hatte. Auch hatten wir uns noch nicht so abgerackert, um mehr oder weniger überleben zu können. Zu dieser Zeit war es nicht ungewöhnlich, jemanden zu finden, der sich für Geld zum Weinen hergab. Wenn jemand starb, gab es niemanden, der nicht Etelvina empfohlen hätte, die gegen Bezahlung ihre Tränen verlieh. Es waren Tränen fremder Trauer, ein Frauengewerbe, der zur Zeit Cervantes Saavedras unter dem Begriff der „Klageweiber“ bekannt war. Man sprach von einer Jüdin aus Zaragoza, die vom vielen Weinen unbeteiligter Trauer blind geworden war. In Sahagún, so wie in der gesamten kolumbianischen Karibik hießen sie „Plañideras de velorios“, was soviel bedeutet wie „Klageweiber der Totenwache“. Der Krieg setzte dem Gewerbe einen fremden Toten zu beweinen ein Ende, da wir ständig die eigenen und fremden Verluste beweinen mussten, waren unsere Tränen versiegt. Als ich noch ein Kind war, hatte eine Nachbarin, deren Vater gestorben war, Etelvina das berühmte Klageweib engagiert. Ich sah sie kommen, mit ihrem Rosenkranz in der Hand, dem langen, gelblichen Gesicht und dem silbernen Haar, das unter einem kleinen schwarzen Kopftuch zurückgebunden war. Sie war so ausgezehrt und hager, dass es schien, als ob sie den Tod um Erlaubnis bitten würde, sich auf Füßen halten zu dürfen. An der Haustür begann die Frau so dramatisch und herzzerreißend zu weinen, dass die Hinterbliebenen dachten, es handle sich um eine unbekannte Verwandte. Sie schlug mit ihrem Rock gegen den Boden, und zählte vor dem Sarg eine Litanei von Tugenden auf, die der Tote niemals besessen hatte. „Erinnere dich, Herr, als dieser Engel auf die Welt kam. Erinnere dich. Wofür brauchst du ihn im Himmel, grundgütiger Gott, wenn sie auf Erden nach ihm verlangen. Warum nahmst du nicht diese hinkende Alte, warum entschiedest du dich nicht für mich, die ich dich so angefleht hatte, mich zu dir zu nehmen, bevor der Sommer über meine Knochen einbricht. Bevor der Wind die letzten Palmblätter meines Hausdaches fortreißt. Weshalb, frage ich dich, Herr, nahmest du diesen Mann zu dir, wenn doch die Männer gezählt sind, Herr, und du lässt uns zurück mit einem weniger.“ Etelvina brachte sogar den Härtesten zum Weinen. Während der Totenwache wurde diese Frau, die aussah wie ein Haufen Knochen, der in einem Rock steckte, von Frauen und Männern getröstet. Sie hoben sie vom Boden auf und gaben ihr eine Tasse Melisse mit Zimt, um die Nerven zu beruhigen. Zu guter Letzt erholte sie sich wieder und ging zur Warteschlange im Hof, um die Tochter des Verstorbenen zu umarmen. „Das war eine Stunde Weinen“, sagte das Mädchen. Die Frau trocknete sich die Tränen mit einem weißen Taschentuch, das an den Spitzen mit lilafarbenen Blumen bedruckt war. Um den Preis von 15 Centavos für eine Stunde Weinen zu bezahlen, drückte das Mädchen der Frau 20 Centavos in die Hand. Auf das Geld blickend entgegnete die Frau: „Ich kann die fünf restlichen nicht herausgeben“. Die Frau verwahrte das Geld unter ihrem Büstenhalter, an ihrer gepuderten Brust, und fragte: „Soll ich für die restlichen fünf Centavos noch weiter weinen?“ Das Mädchen verneinte, aber sie bestand darauf: „Mein Kind, es sind nur fünf mickrige Centavos in Tränen, nicht mehr. Wenn du willst, bekommst du sie mit Anfällen und Krämpfen." Das Mädchen willigte durch Kopfnicken ein, benommen vom vielen Weinen, worauf die hagere Frau neuerlich das Zimmer betrat und sich abermals vor den Sarg warf. Die bloße Anwesenheit Etelvinas, feierlich, ergreifend und untröstlich, brachte alle erneut zum Weinen. DER SCHIFFSKONTROLLEUR Der Hafen von Cartagena war ruhig bei Tagesanbruch gegen sechs Uhr fünfundvierzig. Einer der alten Hafenarbeiter, die in der Warteschlange vor dem Eingang standen, wollte sich vordrängen und entriss seinem Vordermann sanft den Personalausweis. „Wart mal: der auf dem Foto, das bin doch ich, oder?“, fragte der Mann verblüfft und mit einer verdächtigen Ernsthaftigkeit. „Geh zum Teufel“, sagte der andere. Die Warteschlange besaß die Strenge einer Zweierreihe von Schülern, fröhlich, undiszipliniert und albern. Jemand schaltete ein Handradio ein, und wie jeden Morgen ertönte wieder dieselbe Leier:„Es werden vier Verladearbeiter, zwei Wasserträger und fünf Stauer am Schiff benötigt“. Ich war einer aus der Reihe. Die Hafeneinfahrt von Cartagena war ein brennender Ameisenhaufen: wohlriechend nach Kaffee aus Einwegbechern und Maisbrei, gefüllt mit frühmorgendlichen Stimmen von verschlafenen Fernfahrern und Hafenarbeitern mit losem Mundwerk, die den Wind um sechs Uhr morgens verfluchten. An jenem Morgen der frühen Achtzigerjahre hatte mir mein älterer Bruder, der gerade aus Sahagún eingetroffen war, von der Möglichkeit erzählt, als Schiffskontrolleur im Hafen von Cartagena zu arbeiten. Ich kam zum Hafen wie ein Fremder, der sich auf Arbeitssuche begibt, ohne irgendjemanden davon in Kenntnis zu setzen, dass ich der Neffe eines der arbeitsamsten und am weitesten aufgestiegenen Angestellten des örtlichen Hafens war: Jaime Guerra. Er war als Botenjunge dorthin gekommen, bis er schließlich zum Betriebsleiter befördert wurde. Der Unternehmer sagte mir, dass es an jenem Morgen keine freie Stelle als Schiffskontrolleur gab, sondern nur als Schaufler auf einem der mit Gerste beladenen Schiffe. Mein Bruder rechnete schon mit meiner negativen Antwort, aber ich überraschte ihn mit einem unverhofften „Ja“, welches mir ein unvergessliches Erlebnis in meinem Leben bescheren sollte. Ich verweilte einige Zeit, um die Unermesslichkeit jenes Schiffes zu betrachten, sowie den Gersteberg im Frachtraum, der kein Ende zu nehmen schien. Die Aufgabe bestand darin, die Tonnen von Gersten zu verringern und am Ende das, was die Maschine nicht erwischen konnte, einzusammeln. Ich sah, wie die vierzehn Maschinenarbeiter eine unendliche Leiter bis zum Grund des Frachtraumes hinabsteigen. Die Arbeiter warfen ihre Schaufeln auf den Boden. Ich tat das gleiche. Niemand bemerkte weder in meinen Bewegungen noch in meinen Gesten meine Unerfahrenheit. Das erste Gefühl, das ich beim Hinuntersteigen verspürte, war Schwindel, doch ganz unten angekommen, fühlte ich eine riesige Freude, die eiskalten Gersten zu berühren. Ich tauchte ein in eine gewaltige Stille, und grub meine Schaufel in die Gerste. Ich beobachtete meine Kollegen, und auf einmal hatte ich das unangenehme Gefühl, ein Eindringling zu sein. Plötzlich wurde ich vom Blick des Kranführers überrascht, der mir von oben herab ein Zeichen gab, dass ich mich vor dem Herabsenken des riesigen Greifers in Achtung nehmen solle. „He, Alter, schlaf nicht ein! Pass auf, dass dir der Greifer nicht auf den Kopf fällt!“ schrie er mir zu, während meine Augen von den Schalen der Gerste bereits getrübt waren. Bei diesen teuflischen Schichten von 7 Uhr morgens bis 1 Uhr mittags, und von 2 bis 6 Uhr 30 nachmittags, sowie von 7 Uhr 30 abends bis 1 Uhr früh, lernte ich, dass das Leben trotz dieses Arbeitsrhythmus schön und verrückt sein kann. Die Leute am Hafen sind die glücklichsten und unlogischsten, die ich jemals kennen gelernt habe, und vielleicht auch die unkontrollierbarsten. Vielleicht war diese ungehemmte Glückseligkeit, die sehr nach Verantwortungslosigkeit aussieht, der Grund für das Chaos, das am örtlichen Hafen herrschte. Ich durfte in diesen vierzehn Tagen die Unermesslichkeit des Hafens in seiner Tiefe kennen lernen. Überfluss und Wahnsinn der Arbeiter: vom Plündern der Produkte bis zum Wahnsinn jenes Hafenarbeiters, der sich einen Finger abschneiden ließ, um eine höhere Entschädigungszahlung zu bekommen. Einmal haben die Hafenarbeiter selbst ein russisches, mit Wodka beladenes Schiff geplündert, um danach heimlich einen Cocktail mit Wodka und Corozo-Saft in einem riesigen Krug zuzubereiten. Die Flaschen hatten sie zuvor heimlich zusammengebunden und an eine Seite der Hafenmole geworfen. Bei der erstbesten Gelegenheit zogen die Dockarbeiter die Flaschen nach oben und tranken sie hastig, in heimlichen Schlucken. Neben dem Wodka und dem Corozo-Most, den sie für den Cocktail stahlen, entwendeten sie auch noch Rosinen. Es gab Zeiten, an denen der Arbeitstag unterbrochen werden musste, weil die Arbeiter alle an Durchfall litten, da sie so viele Rosinen gegessen hatten. Der Arbeiter, der für das Bedienen des Staplers verantwortlich war und die in Holzkisten verpackten Ladungen bewegte, bohrte die Scheren des Staplers in die Kisten, um somit absichtlich für das Plündern die Verpackungen kaputt zu machen. An einem Tag kamen alle Hafenarbeiter dick und fett aus den Höfen des Hafens: sie hatten von einem Gringo-Schiff Äpfel gestohlen und sich damit den Bauch voll geschlagen. Wenn man sie schüttelte, fiel immer irgendetwas Verstecktes heraus, was sie im Hafen an sich genommen hatten. Das Wasser, das sie aus Krügen tranken war nicht nur Wasser, sondern Wodka oder Zuckerwasser. Einer von ihnen deutete einem alten Gringo-Kapitän, griff nach seinen Genitalien und prahlte mit der Länge seines Geschlechtes. „Der Gringo, der nicht aufpasst, wird von mir gevögelt“, sagte er. Eines Nachts stieg er maskiert zu einer Kajüte hinauf und nahm den Mann her. Aber der andere hatte eine unerwartete Idee. Beim Hinaufklettern wurde er selbst von hinten genommen. Der vorher Gefickte war derjenige der nun hinaufstieg. Je später die Nacht wurde, desto mehr bekamen diese Geschichten das intime Merkmal des Maßlosen und des Hungers. Ich erinnere mich an einen Abend, an dem die Hafenarbeiter zum Himmel blickten und Wasser! Wasser! riefen, weil sie wollten, dass es regnete, damit sie mit der Arbeit aufhören konnten. Der Vorarbeiter dieser Schicht meinte, ich hätte auch geschrien und schmiss mich hinaus. Ich sagte ihm, dass er irgendwann in einer meiner Erzählungen als Schwuler wieder auftauchen würde. Danach wurde ich nicht nur mehr als Schaufler, sondern als Kehrer, Sacknäher und, was der bequemste Job war, als Schiffskontrolleur angeheuert. Das war die einfachste, routinemäßigste und dümmste Aufgabe: man musste in eine Liste eintragen, wie viele Ladeeinheiten am Tag und in der Nacht abgeladen wurden. Jede Einheit bestand aus zwanzig Säcken und bedeutete einen Strich auf dem Papier. Wenn fünf Ladeeinheiten fertig waren, machte man ein Rechteck mit einem Querstrich, was dann 100 Säcke bedeutete. Beim Beobachten der heruntergelassenen Ladungen schrieb ich Wortfragmente für ein unvollendetes Gedicht auf. Ich sah das heimliche Licht der Kajüten, die Silhouette eines zu weißen Mädchens, mit langen, roten Haaren, eine schlanke und himmlische Russin, deren Schatten einen Dunsthauch an den Scheiben hinterließ. Ich beobachtete alles in Stille und manchmal setzte ich mich mit den anderen Hafenarbeitern in eine Ecke, um mit ihnen gemeinsam ein Maisbrot mit Käse oder eine Empanada mit Ei zu essen. Beim Morgengrauen wollte ich dann mit niemandem mehr sprechen. Mein Körper juckte von der Gerste und ich hatte Lust auf ein Bier. Gemeinsam mit meinen Brüdern (sie hatten andere Aufgaben) kehrten wir nach Hause in Pié de la Popa zurück. Wie Zombies, nach mehr als 15 Stunden Arbeit am Tag. Es war mein Onkel Jaime, der vorschlug, ich sollte auf eine bessere Gelegenheit für eine Arbeit am Hafen warten. Die habe ich nie wahrgenommen. Ich danke nur meinem ältesten Bruder, dass er mir das Privileg ermöglicht hat, eine kurze aber unvergessliche Erfahrung im Hafen von Cartagena zu machen, Damit ich ein für alle mal meinen Hochmut der spanischen Rasse ablege, der immer noch bei den Kariben vorherrscht. Damit ich tatsächlich vom Bauch eines Schiffes aus davon träume, nur ein Journalist und Schriftsteller zu sein, genau von jenem Schiffsbauch aus, in dem ich durch diese unerklärlichen göttlichen Fügungen den größten Schriftsteller Kolumbiens näher kennen lernen durfte. Der Hafen war zweifelsohne das Leben für zwei meiner Onkel mütterlicherseits und diese Zeit der Achtzigerjahre eine Chance für meine Sinne. Gustavo TATIS GUERRA Cartagena – KOLUMBIEN Übersetzung: Rike STREIBER, Maria MORSCHITZKY und Elisabeth PRANTNER-HÜTTINGER
Peter Blaikner wurde 1954 in Zell am See (Österreich) geboren. Er studierte Germanistik und Romanistik in Salzburg, war anschließend zwei Jahre Lektor an der Universität von Poitiers (Frankreich) und lebt seither als Autor, Liedermacher und Kabarettist in Salzburg. Er begann als Liedermacher und Übersetzer der Lieder des Franzosen Georges Brassens, spielt Chanson- und Kabarettprogramme, schreibt Lyrik, Geschichten, Theaterstücke, Musicals (u.a. "Till Eulenspiegel" mit Konstantin Wecker). Das Buch "Aus dem Innergebirg" ist ein Bestseller in seiner Pinzgauer Heimat. Seine Kindermusicals (Musik: Cosi M. Goehlert) sind weit über die Grenzen hinaus bekannt, werden mit großem Erfolg aufgeführt und erreichten bisher über 800.000 Theaterbesucher im deutschsprachigen Raum ("Ritter Kamenbert", "Das Hausgeisterhaus", "Alex, die Piratenratte", "Astromaxx, der Sternfahrer", "Pommes Fritz und Margarita"). 2005 erhielt er den Rauriser Förderpreis für Literatur für seinen Roman "Verteidigung des Sommers", eine Geschichte über den ersten Bauernaufstand im Land Salzburg (1462).
Webseite: www.blaikner.at E-Mail: blaikner@gmx.at
Cerro Rico Die Minenarbeiter des Cerro Rico, jenes bolivianischen Berges, der seit fünfhundert Jahren Edelmetalle gegen Menschenleben tauscht, verbringen zwanzig Jahre in seinem Bauch. Dann sterben sie. An Silikose. Auch Kinder. Ich fragte ihn, wie alt er sei, er sagte schüchtern: vierzehn. Ich muß ihm wie ein ferner Bote seines Todes vorgekommen sein. Ich war gerade vierunddreißig. Weil ich für mein Leben gern lebe Weil ich für mein Leben gern lebe, Liebe ich die Menschen nur bedingt, Stelle ich dem Zufall ein paar Fallen, Insofern das überhaupt gelingt. Weil ich für ein Leben gern lebe, Übe ich mich in Bescheidenheit, Freu mich über die gefundnen Stunden Auf der Suche nach verlorner Zeit. Weil ich für zwei Leben gern lebe, Grüße ich den Teufel wie den Gott, Komm ich aus den Jahren in die Jahre, Hab ich keine Angst vor meinem Tod. Doppelhaushälfte Als das Eigenheim Endlich fertig war Trug er seine Frau Wie sein Eigentum Über die Schwelle Des gemeinsamen Eigentores Anfang Mit der Nase Die Buchstaben riechen Mit der Zunge Die Wörter kosten Mit den Händen Die Sätze begreifen So lösen die Dichter Sofern sie welche sind Ihren Knoten im Kopf Den es nicht gab Als wir noch Kinder waren Als mir der Himmel auf den Schädel fiel Als mir der Himmel Auf den Schädel fiel War ich allein Unter der Sonne Weil ich versäumt hatte Mir wie die anderen Ein Haus zu bauen Aus neuem Schnee Als mir der Himmel Auf den Schädel fiel Ging ich in die Knie Und stand Wie nie zuvor Auf den Dächern Der Erde Meiner Welt Peter BLAIKNER Salzburg