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XICöATL: Ausgabe 86
INHALT:
JORGE ISAÍAS (1946, Los Quirquinchos, Santa Fe) hat 30 Bücher veröffentlicht, unter denen im Bereich Lyrik hervorstechen: Oficios de Abdul (zwei Auflagen); Crónica gringa (fünf Auflagen); Poemas de Amor (drei Auflagen); Áspero cielo; Donde supura el aire. In Prosa: El país de la infancia; La mano sobre el recuerdo; Como un caballo salido del mar; Futboleras und Las más rojas sandías del verano. Er wählte aus und gab heraus: Antología de los mejores cuentos del litoral; Papeles inéditos de José Pedroni und Palabras a mi padre y a su digna herramienta. Seine Gedichte wurden ins Französische, Englische und Italienische übersetzt. Seine Arbeiten wurden in mehrere in- und ausländische Anthologien aufgenommen. Seit 1990 arbeitet er mit der Zeitschrift Rosario/12 und mit zahlreichen Publikationen des Landes zusammen. Für sein Werk hat er zahlreiche nationale Preise erhalten. Er leitete die Lyrikzeitschrift „La Cachimba“, dann leitete er den gleichnamigen Verlag. 1990 gründete er die Cooperativa Editorial Gauderio und hatte die Leitung derselben über.
Adresse: Italia 749, dpto 4, (2000) Rosario, Santa Fe, Argentinien E-Mail: jisaias46@yahoo.com.ar
ONETTI: DIE LEKTION DES MEISTERS Das Werk des großen Schriftstellers Juan Carlos Onetti (Montevideo, 1909 – Madrid, 1994) ist von Nicht-Begegnungen geprägt – die erste mit der blinden Kritik, und dann mit dem Publikum, das nicht darauf vorbereitet war, ein schriftstellerisches Werk dieser Dimension aufzunehmen – die ihm, auch wenn er sehr originell war, immer die zweiten Preise einbrachten, wo er sich auch bewarb. 1939 erschien in Montevideo auf das Ersuchen seines Freundes hin, des Dichters Juan Cunha, der improvisiert als sein Herausgeber fungierte, die erste Ausgabe von „El pozo“, wo Eladio Linacero, sinnbildliche Figur des urbanen Sujets, von der Angst und Anonymität erdrückt, über die Sinnlosigkeit des Daseins monologisiert. “La náusea“ sollte einige Jahre später erscheinen, zu Kriegsende, das heißt, dass Onetti unbemerkt blieb, einfach weil er im Vorhof der Welt lebte. Er war Lateinamerikaner. Der pathetische Erfolg dieses Buchs, das die literarische Landkarte des Río de la Plata verändern sollte, beruhte auf dem fehlenden Interesse, da Angel Rama, der es Jahre nach seinem Erscheinen wieder auflegte, behauptete, es seien einige der 500 Pakete mit Exemplaren, die weggeworfen wurden, übrig geblieben (dreißig Jahre nach jener geheimen Auflage). Der Buchdeckel enthielt die Reproduktion eines apokryphen Picasso und das Papier des Buches war aus himmelblauem Packpapier. In diesen Gefilden herrschte Eduardo Mallena, an den sich heute niemand erinnert, nicht einmal die zerstreuten Literaturprofessoren nehmen ihn in ihre Programme auf. Mit „La vida breve“ erging es ihm 1950, als er schon in Buenos Aires lebte, nicht besser. Er erntete fast keine Kommentare, dieses wahrhaft avantgardistische Werk blieb unbemerkt. Sechs Jahre später sollte Antonio Di Benedetto mit „Zama“ dasselbe passieren. Das sind, zusammen mit „Los siete locos“, nach Juan José Saer die drei besten Romane, die in Argentinien im 20. Jahrhundert herauskamen. Die „Schiffbrüche“ beeindruckten Onetti in seiner Verblendung nicht. Er fasste weiterhin den Wahnsinn dieser absurden Welt wie kein anderer im Rhythmus seines Atems eines eingefleischten Rauchers und halsstarrigen Alkoholikers in Worte. Seine Galerie von Huren und Säufern, sein „Hof der Wunder“, in dem es von Gescheiterten, Verrückten, Pyromanen, Zuhältern, an den Rand Gedrängten wimmelt, die nur in seinen erbarmungsvollen Worten ein Schicksal haben, und die einzigen Wesen, die vor seiner grauenvollen Welt gerettet werden: die Jungen, da sie nach seinen Worten noch nicht die Reinheit verloren haben, die ein Leben im Elend ihnen sicherlich sehr bald entreißen wird. Griesgrämig, nörgelnd und skeptisch ging er durch diese Welt und schrieb „aus Notwendigkeit, für mich selbst, auch wenn ich wüsste, dass niemand je meine Bücher lesen wird“, wie er in einer der wenigen Reportagen sagte, die er in seinem Leben der uruguayischen Journalistin María Esther Giglio gewährte. Die Obszönität, die der Wegweiser des sozialen Lebens vieler SchriftstellerInnen ist, die nichts anderes tun, als in der Öffentlichkeit schlecht über die KollegInnen zu sprechen, so als verliehe ihnen dies eine Patina der Genialität, sie sollten seinem Beispiel des Asketentums folgen. Onetti ließ, gleich wie sein bewunderter Meister Faulkner, eine lange Kielspur von Schriftstellern zurück, die ohne sein Werk niemals existiert hätten. Ich sage es ohne Umschweife: er hinterließ eine große Anzahl von Schülern, die dank ihm zu schreiben lernten. Einige dankten es ihm (Carlos Fuentes, García Márquez, Vargas Llosa, Saer) und andere enthalten ihm den Dank vor und verleugnen dies, wenn man sie danach fragt, aber sie kommen nicht weit mit ihrer Lüge. Man merkt es leicht, wenn man sie liest. Es scheint, als wären sie „guachos“, wie auf dem Land die Waisenkinder genannt werden, deren Vater man nicht kennt, die Kinder „des Nichts“. Sie tun so, als hätte die Welt auf sie gewartet, um ihren Lauf zu beginnen, das sind ihre bescheidenen Beiträge zu dieser erbärmlichen Welt. Wie sie meinen. Auf jeden Fall hat uns Onetti eine beträchtliche Handvoll Erzählungen und mindestens vier Romane hinterlassen, die Meisterwerke des Genres sind: „La vida breve“ („Das kurze Leben“), „El astillero“ („Die Werft“), „Los adioses“ („Die Abschiede“) und „Juntacadáveres“ („Leichensammler“). Dieser „Leichensammler“ Larsen, oder einfach der „Sammler“, der schon in früheren Romanen vorgekommen war, und der im „Astillero“ die Hauptfigur gewesen war, aber es ist im „Juntacadáveres“, wo er auftritt, so dass es eine ganze Sinfonie ist: der perfekte Traum eines Bordells. Dachte der „Astrologe“ in der Arlt’schen Saga etwa nicht dasselbe, um „seine“ Revolution zu finanzieren? Der „Leichensammler“ lässt sich in der Stadt Santa María nieder, die von Juan María Brausen erfundene Stadt in „La vida breve“ und versucht, seinen Plan zu verwirklichen, den er minutiös ausgearbeitet hat, und den er durch früheres Scheitern schon aufgegeben hatte, aber er muss sich mit Doktor Díaz Grey auseinandersetzen (noch einer sinnhaften Figur Onettis, der die lebendige Kraft der Stadt darstellt). Es findet ein Gespräch zwischen den beiden statt, das sehr nützlich ist. Dabei versucht der Leichensammler, den Arzt davon zu überzeugen, dass sie verschiedene Berufungen, aber eine gemeinsame Leidenschaft haben. Onetti wurde einmal nach dem Ursprung dieser Figur gefragt. Und er erzählte, dass, als er in Buenos Aires für die Firma Reuter arbeitete, eines frühen Morgens einmal eine Gestalt in der Tür einer Bar erschien, die seine Aufmerksamkeit erregte. Als er sich nach ihr erkundigte, sagte man ihm: „Ah, das ist der Sammler. Man nennt ihn Leichensammler, weil er alte Huren aufklaubt“. Das genügte, um danach eine seiner eindringlichsten Figuren zu schaffen, selbst noch in ihrem Elend am Ende und in ihrer Niederträchtigkeit. In seiner meisterhaften Erzählung „El posible Baldi“ („Der mögliche Baldi“), betont er, dass wir für ein langsames idiotisches Leben verantwortlich seien. „Weil Doktor Baldi“, sagt der Erzähler, „nicht fähig war, eines Tages auf das Deck einer Barkasse, beladen mit Säcken oder Holz, zu springen. Er hatte sich nicht dazu durchgerungen, zu akzeptieren, dass das Leben etwas anderes ist, dass es nicht in der Gesellschaft treuer Frauen oder vernünftiger Männer gelebt werden kann“. Einmal fragte man ihn, warum er nur die Jugendlichen in seinen Büchern verschonte. „Weil den Menschen die Politik und die Ehe zerstören“, antwortete er. Er, der viermal verheiratet war. Zu den absurden Dingen eines in der Repression versinkenden Kontinents, die seine eigenen Staaten gegen ihre Völker anzettelten, gehört die schmerzliche Anekdote, die Onetti ins Gefängnis brachte, da er als Jurymitglied an einem Wettbewerb der legendären Zeitschrift „Marcha“ teilnahm und eine Erzählung von Nelson Marra prämierte, in der die Hauptperson ein Unterdrücker / Folterer ist. Marra war fünf Jahre lang in einem Gefängnis für besonders gefährliche Häftlinge. Onetti, Mercedes Rein, Mitglieder der Jury, sechs Monate, zusammen mit Carlos Quijano und Hugo Alfaro, der eine Direktor, der andere Redaktionschef dieser Publikation, deren erster Sekretär Onetti 1939 war. Diese Festnahmen fanden unter der Regierung Bordabberry statt, der den Kongress auflöste und mit einer Militärjunta herrschte. Das war im Jahr 1974. Als man ihn freiließ, setzte er mit einem Koffer voller Bücher nach Buenos Aires über, dort nahm er ein Flugzeug, um nach Madrid zu fliegen, wohin er eingeladen worden war, als Juror des Verlags Seix Barral zu fungieren. Seine letzte Ehefrau, die Argentinierin Dorotea Muhr, folgte ihm. Da er der Freiheit beraubt war, setzten sich alle würdigen Intellektuellen Europas und Lateinamerikas für ihn ein, angefangen von Jean Paul Sartre. Von dort kehrten sie nie zurück, nicht einmal als der demokratisch gewählte Präsident Sanguinetti ihn telefonisch dazu einlud. „Danke, aber ich weiß nicht, was ich dort wieder machen sollte“, antwortete er, der Einladung ausweichend. Er verbrachte seine letzten Jahre, indem er noch vier Romane und einige Erzählungen, schrieb, ein Teil seines Werks wurde in Spanien und in anderen europäischen Ländern neu aufgelegt, er aber blieb in seinem Bett liegen und trank Whisky, rauchte mehrere Päckchen Zigaretten und las pausenlos Kirminalromane, ohne irgend ein Interview zu geben. Er hatte ein Plakat anfertigen lassen, das er mit einem Reißnagel an der Tür aufhängte, mit folgendem Text: „Onetti ist nicht zuhause“. Die Neugierigen oder Geduldigen, die ihn vergeblich suchten, fanden dieses Plakat vor… sowie die Töne der Geige, die die Übungen seiner Frau verursachten, die Musikerin war. Als ihm der Cervantes-Preis verliehen wurde (die höchste literarische Auszeichnung spanischer Sprache), der nie sonst so zurecht verliehen wurde, das sei angemerkt, dankte er dem König mit einer Rede, in welcher er erklärte, dass er in seinem Leben immer „no placé“ gezahlt hatte, und als er sich schon nichts mehr erwartete, fiel ihm diese Auszeichnung zu. Als er bei der Presse der ganzen Welt begehrt war, fragte ihn ein spanischer Journalist, was der Preis ihm bedeutete. „Hundertsiebzehntausend Dollar“, antwortete er lakonisch. Der spanischen Presse gefiel diese Antwort nicht so sehr. Sie vergaß, dass er Juan Carlos Onetti war, ein bis zum Ende wirklich Harter. Jorge ISAÍAS Rosario – ARGENTINIEN Übersetzung: Ulrike ZOMORRODIAN- SANTNER
AMELIA ARELLANO wurde in San Luis in Argentinien geboren, wo sie auch lebt. Sie ist Psychologin in einem Krankenhaus, Sozialpsychologin und ehemalige Dozentin in der Escuela de Psicología Social in Mendoza. Sie schreibt sozial- und kulturkritische Artikel für lokale und nationale Zeitungen. Arellano hat auch auf verschiedenen Webseiten Kurzgeschichten, Aufsätze und Gedichte publiziert. Sie ist Gründungsmitglied der künstlerischen und literarischen Bewegung „Poetas del Exilio“ und hat sowohl Preise als auch nationale, regionale und internationale Auszeichnungen gewonnen. Arellano identifiziert sich mit den Bewegungen, die die Populärkultur fördern und mit Geschlechterkämpfen. Sie glaubt, dass die Rolle des Schriftstellers dynamisch und engagiert sein soll.
Adresse: Pringles 1537, (5700) San Luis, Argentinien. E-Mail: arellano.amelia@yahoo.com.ar
DIE NAMENLOSEN Diese Geschichte ist wahr. Es wurden einige literarische Elemente hinzugefügt, aber die Personen lebten in einem Dorf im Landesinnern der Provinz. Der Handlungsort existiert noch, aber nicht die Personen der Erzählung, deren Geschichte sich in den 50-er Jahren zutrug. Im Ort war sie bekannt als Chumbita. Niemand wusste, ob das ihr wirklicher Name, ihr Beiname oder Nachname war. Sie ging weder ins Dorf, noch zum Einkaufen, noch in die Kirche. Auch nicht auf den Friedhof. Sie teilte diese den Einheimischen eigenen Alltagsarbeiten nicht. Auch nahm sie die bürgerlichen Verpflichtungen nicht wahr. Sie lebte inmitten eines Landstücks, das auf zwei senkrecht verlaufenden Straßen erreicht werden konnte. Man musste einen langen von Bäumen gesäumten Weg zurücklegen, um zur Wohnstätte zu gelangen. Man erfuhr nie, wer der Besitzer dieser Ländereien war. Das Haus war ein aus Lehm und Stroh gebauter geräumiger Rancho ohne Fenster, mit einem Strohdach und einem Fußboden aus Erde. Sie teilte ihn mit „Mataco“, den sie ihren Sohn nannte. Früher musste Chumbita einmal eine junge und schöne Frau gewesen sein, noch heute hatte sie diesen ungestümen Blick, dem nicht einmal die Zeit etwas anhaben konnte. Ihre dunkelfarbige Haut ähnelte aufgrund der tiefen und unregelmäßig verlaufenden Falten, die das Leben als Spuren hinterlassen hatte, der Erde. Ihr Haar war vielleicht weiß, aber der Rauch des Herdes, der sich mit jenem ihrer Zigarre vermischte, machte aus ihrem Haar zwei lange Zöpfe, die aus Stroh zu sein schienen und grau und golden schimmerten. Sie war groß und schlank und hatte einen leicht gekrümmten Rücken und eine Adlernase mit schwarzen kleinen Punkten. Ihre Stimme war von einer dunklen Klangfarbe, und sie verschwendete keine Worte. Sie war nüchtern und präzise in ihrer Ausdrucksweise, kurz, ein Kind des Berges. Sie ging trotz ihrer langen Röcke, die am Boden streiften, stets mit energischem Schritt. Immer wenn die Sonne drückend wurde, pflegte sie ihren Kopf mit einem Tuch von zweifelhaft grauer Farbe zu bedecken, wobei die Enden hinten zusammengebunden, und am Kopf noch zusätzlich durch ein Haarband festgehalten wurden. Man wusste nichts von einem Ehemann oder irgendeinem Mann in ihrer Jugend. Ihre einzige Gesellschaft war Mataco. Der brünette Mataco mit dem Kopf, der einem Fremdkörper glich, jener mit der platten Nase und dem großen Mund, der das untrügliche Kennzeichen der Schwarzen hatte. Das Rassenvorurteil, das wenngleich verborgen, nicht weniger wirksam war, hatte in ihm den Archetypus einer sozialen Schicht verdichtet. Faul, betrunken und streitlustig. Auch kannte man seinen richtige Namen nicht. Sie nannten ihn Mataco. Nicht in Anspielung auf die Ureinwohner dieses Namens, sondern auf das Säugetier mit dem kleinen Kopf. Eine spitze Schnauze und ein mit Hornhautschuppen bedeckter Rücken, genauso wie die Hände und die Füße des Mannes. Aber die Beobachtungsschärfe, die die Leute vom Land für Beinamen haben, bezog sich auf die Momente, wenn Mataco wütend wurde und sich ebenso wie sein Namensvetter, in seinen Panzer zurückzog, indem er ein unzugängliches Gefüge bildete. Immer wenn er betrunken war, hörte man seine grobe und laute Stimme bereits von weitem, egal ob er redete oder schrie. Wenn er hingegen wütend war, ging er stillschweigend und nahm eine starre Körperhaltung an. Auch Chumbita war nicht leicht zugänglich. Sie schien immer in der Defensive zu sein, und die einzige, der sie sich widmete, war die Dorflehrerin. Chumbita nannte sie Patin und sie war die einzige, die ihren wirklichen Namen wusste. Sie hatte den Namen einer Blume. Eine Vereinigung aus Weiß und Gelb. Aus Unschuld und Verstoß. Chumbita lebte vom Ertrag ihrer Bienenstöcke, die rustikale Kästen aus Brettern waren. Ebenso wie von den Bienen konnte man sich von ihr den wohlschmeckenden Honig oder den spitzen Stachel erwarten. Im Dorf klatschte man, dass sie mit ihren „Kräften“ die Bienen verhext hatte, da diese unerbittlich jeden angriffen, der sich den Kästen näherte. Zu ihr hingegen waren sie zahm und von weitem konnte man beobachten, wie sie über ihre Arme und ihr Gesicht emporkletterten und sich auf Chumbitas gelblichen Kopf setzten. Außerdem sagte man, dass man in Vollmondnächten im Rancho das Weinen von Kindern, Gackern von Hühnern und Musik und Gelächter hörte. Sie nahm nie etwas von Politikern, vom Priester oder der Schule an. Wenn die Lehrerin zu ihr ging, so tat sie dies nie, um die Schule zu repräsentieren. Sie tauschten stillschweigend Produkte aus. Zucker, Kräuter, Nudeln, Reis, Honig, Obstmus, verschiedene Früchte. Außer Mate mit Minze teilten sie im finsteren Rancho die Einsamkeit. Chumbita setzte sich auf die einzige Bank im Zimmer, die Lehrerin auf das Bett, das ein improvisiertes Hühnernest war und weswegen es nicht selten vorkam, dass man ein Ei dort fand. Die längliche Bank, die „Sitzbank“ genannt wurde, und ein rustikaler, stabiler Tisch vervollständigten das Mobiliar des „Zimmers“. Es gab auch noch einen Herd, der mit aufgeklebten Ziegeln und schrägen Eisen versehen war. In ihm brannte immer das Feuer mit den Scheitern, die die Chumbita vom Berg mitbrachte. Ein unentwegt rauchender schwarzer Kochtopf aus „Eisen“ mit drei Beinen und einer Pute stand stets auf dem Herd. Daneben hingen an der Wand Küchengeräte aus Eisen wie ein emaillierter Schaumlöffel und ein verbeulter Schöpflöffel aus Aluminium. Aus einem mit dem Abbild Napoleon Bonapartes versehenem Einmachglas ragte bronzefarbenes Besteck heraus. Der Ruß der Decke, die Spinnweben und die Feuchtigkeit formten stalaktitengleiche schwarze Gebilde. Chumbita schien, auf ihre Art glücklich zu sein. Über ihre Zeiteinteilung entschied sie selbst. Ihre Arbeit hing nicht von vorgegebenen Zeiten ab sondern wurde von natürlichen Zyklen bestimmt: der Zeit der Bewässerung, der Blüte, der Ernte von Früchten und Honig. Von der Zeit, die Hühner hinauszujagen. Davon, Süßigkeit oder Obstmus mit Honig oder Chañar (1) zu machen. Davon, Gelee aus Kaktusfeige zuzubereiten. Im Winter blühten die Espinillos (2), die den Rancho umgaben, wieder auf wenn Chumbita auf den Dornen des Baumes mit Kuchenguss versehenen (3) Zwieback zum Trocknen aufspießte. Es scheint auch, dass Chumbita in der Liebe selbst wählte. Er war ein Greis von mittlerer Größe, schlank und mit freundlichem Gesichtsausdruck. Wenn ihm die Kinder nachliefen, verteilte er immer Bonbons und einige Kekse in Tierform, die köstlich nach Kindheit schmeckten… und nach Moder. Er ging langsam und unter Schwierigkeiten, deswegen, weil die blinden Zufälle des Lebens eine Lähmung des Beins verursacht hatten. Er half sich mit einem Stock und bedeckte sein schütteres weißes Haar, das länger war als es damals der Brauch war, mit einem Strohhut. Als wichtiger Mann im Dorf, war er der Vertreter der politischen Macht gewesen. Er hatte einen sehr großen dunklen Bücherschrank mit aufwändig geschnitzten Holzfiguren. Er war der Dichter des Dorfs. Seine leserliche Handschrift schien gezeichnet. Er schrieb mit einem Füller aus „Stahlfeder“ und unterschrieb mit einem komplexen Unterschriftschnörkel, der einer aufgestützten Acht mit vier Mal wiederholten Kurven glich. Er war verheiratet und hatte drei Kinder, einen Sohn, der am Land lebte und zwei Töchter, die ebenfalls Familien hatten. Zu Hause leistete ihnen eine junge Frau Gesellschaft, die er Nichte nannte und die seinen Familiennamen trug. Seine Frau ging nicht viel aus, außer zum Friedhof und in die Kirche, wohin sie sich einen eigenen Stuhl bringen ließ um sich zu setzen. Ihr Gesichtsausdruck war mürrisch, und sie hatte die Angewohnheit, die Kinder zurechtzuweisen, wenn sie sich in der Kirche bewegten oder sprachen. Jeden Nachmittag, Winters wie Sommers, an kalten wie an heißen, an trockenen wie an regnerischen Tagen, ging sie dorthin. Chumbita ging hinaus, um ihn zu empfangen, und half ihm, den schwachen Steg über den Bewässerungsgraben zu überqueren und Hand in Hand gingen sie auf den Rancho zu. Manchmal tranken sie zusammen Mate, holten die Eier von den Legehennen, und wenn die Mandelbäume blühten, spazierten sie durch den Gemüsegarten oder sammelten Früchte der Saison auf. Danach teilten sie ein Universum, zu dem nur sie Zutritt hatten. Im Rancho erhellte das Licht des Feuers und des Kerosinbrenners das sich bewegende Halbdunkel. So gegen Mitternacht wiederholten sie die Zeremonie des Nachmittags, aber umgekehrt. Hand in Hand verließen sie den Rancho, Chumbita half ihm, den Bewässerungsgraben zu überqueren und jeder der beiden ging in die Richtung davon, die das Leben ihm bestimmt hatte. Die Kinder, denen der Dichter Bonbons anbot, wuchsen zu Jugendlichen heran und wählten verschiedene Wege: ein Studium, eine Arbeit, die Stadt, das Land. Andere Kinder nahmen ihren Platz ein. Was sich jedoch nicht veränderte, was das Verliebtheitsritual. Es war natürlich, ihn vorbeigehen, weggehen und kommen zu sehen. Eines Nachmittags ging der Dichter jedoch nicht zu ihr. Chumbita wusste, als die Glocken der Kirche festlich läuteten, dass sie für sie weinten. Sie selbst sollte nicht mehr lange leben. Dieses Mal erklangen die Glocken nicht. Eines Nachts, in irgendeiner Vollmondnacht, als Mataco am Ufer des Bewässerungsgrabens gestürzt war, wusste er nicht, ob es an seinem Rausch lag oder ob es tatsächlich passiert war: Im Obstgarten, wo die Mandelbäume standen, fuhr ein Lichtstrahl blitzschnell nieder und traf auf einen Kegel voller Schatten. Anschließend gab es eine Explosion, die die Nacht erhellte. In jenem Moment zerbrach Mataco seinen Schutzpanzer und weinte zum ersten Mal. Das heisere Schluchzen klang in der klaren Nacht nach. Er bekreuzigte sich und trat in den Rancho ein. Ein Kind weinte und die Hühner gackerten. Auf dem Dorffriedhof gibt es eine Tafel aus weißem Marmor mit den Namen der Familie des Dichters. Von Chumbita lässt sich keine Inschrift ausfindig machen, nicht einmal in den groben Holzkreuzen, die in die Erde eingegraben worden waren. Die Mandelbäume blühen immer noch jedes Frühjahr Amelia ARELLANO San Luis – ARGENTINIEN Übersetzung: Elisabeth HOFER
(1) Chañar: Mit Dornen versehener Baum der Familie der Schmetterlingsblütler. Seine Früchte sind süß und essbar. (2) Espinillo: (Argent.) Baum der Familie der Mimosengewächse, mit Zweigen voller Dornen. (3) Im Originaltext: „blanquear“: den Bienen Kuchenguss geben, damit sie sofort nach dem Winter zu arbeiten beginnen.
JOAN MATEU i MARTI wird in Cassa de la Selva (Girona - Katalonien) geboren. Seine Großmutter "L'avia Gracieta" (Großmutter Gracieta) lehrte ihn lieben. Sein Großvater, "Avi Pitu" (Großvater Pitu) lehrte ihn, ein Kind zu sein. León, ein Fischer, zeigte ihm das Meer. Sein Vater brachte ihm das Leben bei. Niemand lehrte ihn, wie man schreibt, aber er versucht es weiter…
Adresse: Apartado de Correos 189, E-08820. El Pral de Ll. Barcelona – SPANIEN E-Mail: joan@cimat.es
SCHLOSSVERKAUF Die Modeerscheinung, Schlösser in Europa zu kaufen und diese Stein für Stein in die USA zu transportieren, ist nun auch bis zu den Golfstaaten vorgedrungen. Es ist also nicht verwunderlich, dass die reichen Ölscheichs diese Vorgangsweise mit Öldollar nun auch für sich in Anspruch nehmen und es ein Zeichen von Reichtum, Macht und Kultur ist, ein Schloss inmitten einer Düne in der Wüste sein Eigen zu nennen. Die Preise, die mittlerweile für so ein Schloss bezahlt werden, sind weitaus höher als jene in den Zeiten, als die Mode begann. Deshalb bestehen die Käufer jetzt auch darauf, dass beim Transport nichts verloren geht. Jedes kleinste Detail des am Tag des Erwerbs erstellten Inventars wird besonders genau kontrolliert. Zu diesem Zweck wurden eigene Kontrollorgane eingeführt, die im Scherz „Controleitors“ genannt werden, und deren Aufgabe es ist, die Sicherheit beim Transport zu gewährleisten. Erst wenn diese „Controleitors“ ihre Unterschrift auf das Inventarblatt gesetzt haben und somit bescheinigen, dass all das, was gekauft wurde auch an den neunen Ort gebracht wurde, werden die restlichen 80 % des Kaufpreises beglichen, die zuvor als Garantie auf einem schweizer Bankkonto eingefroren wurden. Trotzdem gibt es immer wieder Fälle, die strittig sind, wie zum Beispiel die im vergangenen Monat erfolgte Übersiedlung des Schlosses Plumkier aus dem Rheinland: bei der Kontrolle des Inventars durch die "Controleitors" nach der Ankunft wurde die Zahlung eingefroren, da die drei Gespenster, die beim ersten Inventar erfasst wurden, fehlten. ASCHENPUTTEL Aschenputtel bekam eine Geldstrafe, weil es auf der Treppe Glas und auf der Straße Kürbisse liegen ließ. Weil es nicht recycelte, wurde es als unzivilisiert bezeichnet, zudem als unpünktlich, aber was ihm wirklich niemand verzieh war, dass es seine feinen Glasschuhe gegen Sportschuhe von Nike tauschte. Ihm aber war das egal, da es dafür eine Verkaufsprovision erhielt. TROMPE-L’ŒIL (OPTISCHE TÄUSCHUNG) Für den Sommer mietete ich ein Haus mit zwei Stockwerken und einigen Metern Garten. Das Erdgeschoss war perfekt, mit Küche, Bad und Wohnzimmer; bei gutem Wetter konnte man außerdem den Wohnraum durch die Verwendung der Veranda vergrößern. Auch das obere Stockwerk mit drei Zimmer und zwei Bädern genügte unseren Anforderungen. Im Hauptzimmer befand sich eine Treppe, die wohl zum Dachboden führen musste, obwohl das Haus von außen gesehen, eigentlich gar keinen zu haben schien. Ich ging also diese Treppe hinauf und stand vor einer Tür, die ich vergebens zu öffnen versuchte, es war mir unmöglich, da sie keinen Türgriff hatte. Bei genauerem Hinsehen bemerkte ich, dass es sich um eine sehr gut gelungene Illusionsmalerei handelte, da die Tür wirklich echt zu sein schien. Tag um Tag wuchs die Neugier in mir und das Verlangen, zu wissen, was wohl hinter dieser Tür verborgen sein mochte. Ich war besessen vom Gedanken, wie ich es wohl am besten herausfinden könnte. Schlussendlich malte ich mich mit dem Blick nach innen gewandt auf die Tür. DAS MÄDCHEN UND DIE BLUME Das Mädchen, dessen rot gelockte Mähne sich als Kontrast vom Grün des Feldes abhob, ging mit seinem treuen Sultan spazieren. Während der Hund jeden Busch beschnupperte, entdeckte das Mädchen einen frühen Mohn, der zwischen dem grünen Weizen herausleuchtete. Im ersten Moment wollte es den Mohn pflücken, besann sich dann aber eines Besseren und setzte sich neben die Blume. Es näherte sein Näschen, um an ihr zu riechen. Die Blume, zwar etwas erschrocken über die Anwesenheit des Mädchens, wandte sich nicht ab. Sie rührte sich auch nicht, als das Mädchen ihre Blütenblätter streichelte. Mit einem Lächeln blies das Mädchen die Blume an, sodass diese sich im Windhauch hin und her wiegte. Die Blume war von dem Spiel des Mädchens begeistert. Das Mädchen ließ seine Fingerchen sanft über die Blütenblätter der Blume gleiten, streichelte und liebkoste sie. Die Blume dachte: "Ich finde es reizend, andere Blumen kennen zu lernen". DER APFEL Wilhelm zielt und hält dabei den Atem an. Sanft löst er das Bogenseil damit der Pfeil sich direkt in den Apfel bohrt, der auf dem Kopf seines Sohnes liegt. Der jüngste aus der Familie Tell hofft mit geschlossenen Augen und mit dem Rücken gegen einen Baum gelehnt, dass sein Vater nicht daneben trifft. Der Apfel, vom Pfeil durchbohrt, bleibt am Baum hängen und fällt nicht auf den Boden. Deshalb kann Wilhelm auch nicht das Gesetz der Schwerkraft aufstellen, dies war die Aufgabe Newtons, der dies zwei Jahrhunderte später machte. HOROSKOPE In Rouen, in der Normandie, wird am 18. Mai 1847 Charles Perigot Damûet als Bauernsohn geboren. Nach einer entbehrungsreichen Jugend trifft er die Entscheidung nach Paris zu ziehen, um dort sein Glück zu suchen. Zum selben Zeitpunkt gebiert in Kuala Lumpur, der Hauptstadt Malaysias, eine junge Aristokratin der Familie Yap einen Sohn, der den Namen Woti erhält und in den besten Schulen des Landes unterrichtet wird. Nach einigen Jahren zieht er nach Paris, um seine Ausbildung dort abzuschließen. Im Sommer des Jahres 1869 arbeitet Mademoiselle Fournarin als Kellnerin in einem Wirtshaus in der Rue Rivoli wo auch gerade ein Normanne mit Namen Perigot zu arbeiten begonnen hat. Sie fühlt sich vom ersten Moment an von diesem Mann angezogen. Fournarin, eine sehr streng religiös erzogene Frau, ist von sich selbst überrascht, als sie die Anträge des gelbhäutigen Mannes, der auf den Namen Woti hört und jeden Abend am Tisch in der Ecke über seinen Bücher sitzt, ebenfalls erwidert. Beide Beziehungen wachsen gleichzeitig im Herzen der jungen Magd, bis die beiden Liebhaber eines Tages das Doppelspiel der Dame entdecken. Dies führt dazu, dass sich die beiden in der Nähe des Bois de Bologne duellieren. Einzig Woti wird bei dem Duell nicht verletzt und der Tod Perigots lastet wie ein Stein voller Schuldgefühlen auf dem Herzen der jungen Frau. Beim Begräbnis bemerkt sie die Übereinstimmung der Geburtsdaten der beiden Männer und sie fragt sich, warum zwei Menschen mit demselben Horoskop zwei so unterschiedliche Schicksale erwarten. Einer hat das Glück der Liebe, den anderen ereilt der Tod. Sie beschließt, nicht an das Schicksal zu glauben, dass die Sterne für uns vorzeichnen, aber nach gründlicher Überlegung räumt sie ein, dass es vielleicht doch nicht falsch ist, denn vielleicht sind ja die Liebe und der Tod dasselbe.
DORNRÖSCHEN Verwundert küsste der Prinz sie zum x-ten Mal auf die Lippen, aber Dornröschen, eine Nymphomanin, tat so, als ob sie weiter schliefe. ALBTRAUM Ich befand mich im Zirkus Plumkier, in einem Käfig mit 10 Tigern die immer näher kamen und ich musste über das Gitter springen, um ihnen zu entkommen. Das Pech dabei war, dass ich dabei in das Gehege der Krokodile fiel. Sofort stürzten sich zwei riesige Exemplare mit weit aufgerissenen Mäulern auf mich, um mich aufzufressen. Ich konnte mich vom ersten durch eine Drehung befreien und dem zweiten entkam ich durch einen Sprung ins Wasser. Leider befanden sich aber dort die drei weiteren Kollegen der Krokodile die, als sie mich ins Wasser springen sahen, mit einer Riesengeschwindigkeit auf mich zu schwammen. Glücklicherweise konnte ich mich an einem Trapez festhalten und schwang mich somit durch die Luft. Nach einer komischen Pirouette verhedderte sich einer meiner Füße im Seil und ich fiel bleischwer aus einer Höhe von 15 m direkt nach unten. Ich landete auf der elastischen Matte und wurde von dort direkt in den Wagen mit den Bären katapultiert. Ein riesiger und behaarter Bär näherte sich mir mit offenem Maul und bewegte angriffslustig die Pranken. Er war wie wild geworden und sehr wütend. Ich schwöre, dass ich die ganze Zeit über keine Angst verspürt habe. Als ich aber aufwachte, überkam mich das wirkliche Grauen, denn mir wurde klar, dass der Albtraum nun zu Ende war. Nun musste ich dem wahren Leben ins Auge blicken. Joan MATEU i MARTI Barcelona – SPANIEN Übersetzung: Elisabeth PRANTNER-HÜTTINGER
BLANCA HELENA MUÑOZ DE ESCOBAR wurde in Pereira (Kolumbien) geboren, absolvierte ihre Ausbildung in Manizales und lebt seit 30 Jahren in Cali. Sie hat ein Kunststudium an der Katholischen Universität von Manizales absolviert und war dort Universitätsprofessorin für Kunstgeschichte, Farbtheorie und Perspektive. Sie ist Mitglied der Dichtergruppe „La Fuerza de la Palabra“ und Mitglied des „Comité de Veeduría“, einer Organisation, die sich für das kulturelle und historische Erbe von Cali einsetzt. Sie hat eine CD mit ihren Gedichten „A la vera de tu aroma“ aufgenommen, den musikalischen Hintergrund liefert Juán Nicolás Estela. Zwei weitere Bücher, „Espumas de algodón“ und „Bombón y Chocolate“, befinden sich im Druck.
Adresse: Calle 10 A • #125-71, Cali, KOLUMBIEN
Infos im internet: El palabreo: 22-ene-2009
E-Mail: blancahelena@telesat.com.co
DRITTENS Heute Nacht ändert sich die Richtung nicht. Verstrickt im Zweifel, unter dem Blick der Eule auf dem nackten Baum, kann deine Kleidung wortlos am Morgen vielleicht meine Haut umhüllen. FÜNFZEHN Zur Zeit des Wartens: Die Katze leckt ihren Schwanz der im Nebel herabhängt; die Schellenringe verleihen dem Glühwürmchen und dem Leuchtkäfer Glanz; im Karneval von Blättern und Monden lauert die Nacht dem Jaguar auf. Indessen öffnet mein Herz dem Mysterium und der Fabel eine Tür. ZWANZIG Erhebt das unvollendete Wort. Hört die Klage, täuscht die Stimme des Alphabets vor und ruft die Rückkehr an den Grenzen des Verses. Der Weg ist das Halbdunkel des Schreibens in der Stille und der Tod ist die Geißel auf den Seiten ohne Epigraph, im Flug eines Rebhuhns, versteckt in den Bäumen. DUENDE Hinterließe der Duende nicht seine Spur aus Licht im Halbdunkel, niemand verstünde meine Reise in die Nostalgie. Aber ich weiß, dass die Nacht hereinbrechen wird ohne Erinnerung und dass der Morgen erneut dem Vergessen ein Lied pfeifen wird. Blanca Helena MUÑOZ de ESCOBAR Cali – KOLUMBIEN Übersetzung: Judith MOSER-KROISS
WOLFGANG KAUER wurde 1957 in Linz an der Donau geboren. Er arbeitet als Schriftsteller, Maler und Gymnasiallehrer für Deutsch, Geografie / Wirtschaftskunde und Bildnerische Erziehung in Salzburg. Veranstalter der Salzburger Autorenlesereihe FREITAGSLEKTÜRE IN DER VORSTADT, Mitglied der Salzburger Autorengruppe. 1980 ein Jahr lang freier Kulturreporter für den Aktuellen Dienst des ORF, 1989 - 1999 engagierter freier Journalismus für SN, Der Standard u.a. Lehrauftrag für Phonetik an der Linzer Bruckner-Universität.
Buchpublikationen: DIE DONAU HINAUF. Maskenprosa. Linz. Kultur.Texte 1996. NACHTSEITE. Kurzprosa. Arovell, Salzburg/Wien, Mai 2007. AZUR-FENSTER. Prosa und Lyrik. Arovell, Salzburg/Wien, Mai 2008.
E-Mail: kauer@utanet.at
ES IST WIE Von fern heimkehren, obwohl man nie fort gewesen ist, zur eigenen Sprache zurückkehren, in den eigenen vier Wänden. Innerlich heulen, dass den vielen prägenden Erlebnissen nichts mehr Gegenwärtiges anhaftet, dass man alle Vertraulichkeiten, alles Zusammen-Fühlen, alles Gleichzeitig-Denken verdrängen muss, dass für den gemeinsamen Kose-Code kein Adressat mehr existiert. Und doch ist da eine Freude über die Heimkehr zur angeborenen Sprache, zu den Traditionen und Ritualen des angeborenen Landes, zu den Speisen der Heimat, zu den Leuten der eigenen Ethnie. Das Leben wird leichter. Aber man hat etwas zurückgelassen, von sich selbst. Man merkt auf, wenn die Leute der Heimat etwas Schlechtes, Herabwürdigendes, Unfaires über die Menschen der anderen Heimat verkünden, man hasst sie dann dafür, man steht ein für die Ethnie der zweiten Heimat, obwohl sie unerreichbar weit weg zu sein scheint, weil das Budget nicht reicht oder die Vernunft es zu gebieten scheint. Er ist entwurzelt, sagen sie so leicht hin und meinen damit, dass man zu verteidigen versucht, auch wenn dies aussichtslos zu sein scheint. Man tut es nur für die eine, für sie, die wieder zurückgetreten ist, in die Reihen ihres Volkes, man tut es für die Erinnerung an sie. Eine Ehe auf Zeit, nennen sie so etwas gefühllos, was ich nicht aus meinem Herzen zu bringen vermag.. NEUSTART Den Vogel in der Hand, den Fahrradlenker im Arm, das Pendel auf dem Rücken, so brach er auf ... und ließ die Beziehung hinter sich. DIALEKTIK DES GRÜßENS Anfangs grüßten sie, weil man sich hier ansiedelte. Später grüßten sie nicht mehr, weil man nicht bei ihnen kaufte. Heute grüßen sie wieder, weil man verkaufen will. Anfangs grüßten sie, weil man noch nicht miteinander geredet hatte. Später grüßten sie nicht mehr, weil man auch mit dem Nachbarn redete. Heute grüßen sie wieder, weil man mit niemandem mehr redet. Anfangs grüßten sie, weil man für ihr Anliegen eine Initiative startete. Später grüßten sie nicht mehr, weil sie sich kaufen ließen. Heute grüßen sie wieder, weil die Initiative unbeachtet blieb. Anfangs grüßten sie, weil man neu im Team war. Später grüßten sie nicht mehr, weil man Ideen hatte. Heute grüßen sie, weil man einen anderen Arbeitsplatz gefunden hat. Zuerst grüßten sie, weil sie Gerüchte über einen gehört hatten. Dann grüßten sie nicht mehr, weil sich diese als falsch erwiesen hatten. Heute grüßen sie wieder, weil sie selbst Gerüchte über einen erfinden. Zuerst grüßten sie, weil man sich noch nicht kannte. Dann grüßten sie nicht mehr, weil sie einen zu kennen glaubten. Heute grüßen sie wieder, weil man sie nicht mehr kennen will. Zuerst grüßten sie, weil sie sich eine Rolle für einen ausgedacht hatten. Dann grüßten sie nicht mehr, weil man die Rolle nicht annehmen wollte. Heute grüßen sie, weil man die Rolle mitspielt, die sie einem zubilligen. Zuerst grüßte man, weil man freundlich sein wollte. Dann grüßte man nicht mehr, weil man angewidert war. Heute grüßt man doch wieder, weil man ein Narr ist! AUF DIE ARCHE DAMIT Rette deine Samen, Mensch, nimm von den Pinienkernen welche, von den Zypressen, sichere der Ananas ihr Fortkommen wie auch dem Wein und den Melonen! Rette die Samenbänke, Mensch, bevor sie einbricht, die Künette, und deine Oliventöpfe auf ewig begräbt! Rette deine Samen, Mensch, und ... rette die Kritik! Wolfgang KAUER Salzburg