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XICöATL: Ausgabe 85
INHALT:
Aldo Medeiros. Musiker, Komponist, Lyriker, Dramaturg, Deutschlehrer und Übersetzer aus Rio de Janeiro (1961). Studium der Literaturwissenschaft; Magister im Bereich Wissenschaftsphilosophie. Veröffentlichungen: Deixa eu te dar um toque (CD mit brasilianischer Musik und Lyrik, 2002) e Poemas que cansaram da gaveta (Gedichte, die der Schublade müde waren, 2005). Leiter und Autor bei der Theatergruppe Cia. Agradável (Angenehme Gesellschaft); Aufführung von Ex-Atuais-Futuros (Ex-Aktuelle-Künftige), 2007. Entwickelt zurzeit das Projekt MusiLyirk, eine kulturelle Brücke, die brasilianische Musik und deutschsprachige Lyrik verbindet. Adresse: Rua Edmundo Lacerda, 91, Petrópolis - RJ - 25640.240, Brasil
E-Mail: aldomedeiros1@terra.com.br Webseite: www.aldomedeiros.com.br
Nachricht von E.T.A. Hoffmann Der Typ begibt sich mal auf meine Spuren Wer gab ihm so `ne spannende Aufgabe? Darf ich nicht ruhig ruhen in dem Grabe, Wenn durch die Zeit verrosten leis die Uhren? So lustig diese Menschen aus den Tropen! Die kommen auf so seltsame Ideen Und glauben, alles wird einfach gut klappen. (Vielleicht beraten von heimlichen Feen) Ja, stimmt, dass ich in jener Jägerstraße War öfters auf der Suche nach den Musen Und traf das Schicksal, ewige Sackgasse, Und sah die Mädchen mit so schönem Busen Ich gebe es zu, ich trank gern, wie mein Vater Bin Ernst im Namen, aber niemals stur. Wie üblich war am nächsten Tag der Kater Doch der war nett und hieß übrigens Murr. Beamter, Zeichner, Musiker, Schriftsteller Das Leben lief so schnell und wie in Trance Oh, gern holt` ich `ne Flasche aus dem Keller Und würd` neu anfangen, hätt` ich die Chance! um die Einsamkeit zu schälen ruf sofort einen Freund an falls er nicht da ist geh spazieren und begrüβ alte Leute falls sie es nicht merken geh in einen Park und sieh dir Kinderspiele an falls es regnet leg eine alte Platte auf und sing mit falls der Strom ausgefallen ist back einige Brötchen und ruf den Freund nochmals an denn er ist bestimmt schon wieder zu Haus der Fachidiot das Huhn, vom indischen Bankivahuhn abstammendes Haustier (Aussehen ist nett) das Ei, weibliche Fortpflanzungszelle der vielzelligen Lebewesen (wäre es nicht gewesen, nichts wäre komplett) das Öl, unter normalen Temperaturbedingungen flüssiges Fett die Pfanne, flaches Gefäß, in dem man Fisch, Fleisch, Kartoffeln brät nun... wie bereite ich eigentlich das Omelett ? Augen wie Jademagneten Augen wie Jademagneten sie geht leise durch den Flur lässt auf dem Boden den Regenbogen als Spur Sterne passen auf lernen aber kaum, nach ihrer Art auszustrahlen die Stimme eröffnet eine Landschaft aus lila Seidenwolken berührt mich ihre Haut dann taut es in meinem Herzen (dem kleinen Planeten !) Augen wie Jademagneten... mein Land mein Land ist ´ne besofenne Hebamme Kinder werden geboren meistens blind an den Stadtmauern ´ne alte Reklame wirbt weiter für den nächsten guten Wind Zukunftsstaub liegt schon lange im Regal programmierte Hoffnung ist das Motto fleißig warten alle auf den Karneval oder, wer weiß, auf die Glückszahl im Lotto mit Handys, Selbsthilfe und faulem Glanz poliert die Elite ihre Ignoranz (doch hier soll ich ehrlich sein – und kalt: die Sklaven werden pünktlich schlecht bezahlt) Landlose, Obdachlose, Analphabeten; aus tausend Stämmen entstandene Familien - wie lange wirst du um Almosen bitten? mein armes reiches schönes Land Brasilien Lied an eine reisende Freundin guck mal diesen lächelnden Ball, die Welt übervölkertes verzauberndes Zelt ganz geeignet zu deinem neugierigen Besuch (und sind nicht die Reisen genau das ewige Tuch, das man mit unermüdlicher Geduld webt, indem man durch jeden Schritt einen Traum sät?) jedes Dorf, Stadt, Land oder Kontinent wird zum bunten, geistigen Pergament. du fährst weiter, Sterne begleiten dich still mein Gedächtnis zeichnet dein süßes Profil und bevor zu Zeit hast, zu sagen tschüss nimm dieses kleine Gedicht wie ein Kuss Aldo MEDEIROS Rio de Janeiro - BRASILIEN
Eduardo García Aguilar. Geboren in Manizales, Kolumbien, am 7. September 1953. Er ist Autor der Romane Tierra de Leones, Bulevar de los héroes, El viaje triunfal, Tequila coxis und der Gedichtbände Llanto de la espada, Animal sin tiempo, Nada perpetua. Seine Bücher wurden auf Englisch übersetzt und bei Aliform (www.aliformgroup.com) und LARP herausgegeben. Sie wurden auch ins Französische und ins Bengalische übersetzt.
E-Mail: egarciagui@aol.com
Chroniken aus dem Paris des ausgehenden 20. Jahrhunderts Ein Bloody Mary in Harry’s Bar Morgens kommen die Millionäre übernächtig aus dem Hotel Ritz. Frauen, eingehüllt in üppige Pelzmäntel, gehen in der Sonne über den Place Vendôme. Ein berühmter Stierkämpfer gibt Autogramme. Ein Model posiert für Fotografen und Paparazzi. Die Limousinen warten auf dem weiten Platz. Wie viele kommen für ein Wochenende hierher, um sich wie Lady Di vor ihrer letzten, schicksalhaften Nacht zu fühlen? Es gibt sogar eine Tour, die den Touristen zum Pont de l’Alma führt, wo die sexy Prinzessin starb. In diesem außergewöhnlichen Winter erlebt Paris häufig Sonne und die Temperatur sinkt nicht unter zehn Grad. Sonne und Wärme haben Paris in eine semitropische Stadt verwandelt, es ist kein Schatten dessen zu bemerken, was sie einst mit ihren Jännerfrosten war. Es schneite nur an einem einzigen Tag, das war so besonders, dass die Leute hinaus liefen, um Fotos zu machen, aber 24 Stunden später standen die Tische und Stühle schon wieder auf den Gehsteigen, vor den Cafés, zur Freude der Plaudernden. Jedes Wochenende regieren Salsa und kubanische Restaurants, Mojitos, Celia Cruz und Compay Segundo. Das bunte Afrika schäumt im 18. Arrondissement und in Barbès-Rochechouart mit seinen Trommeln über, und nicht weit davon, in der Passage Brady kann man darauf wetten, dass es beim Markt für exotische Waren aus Indien und Pakistan Schlangenbeschwörer gibt. Jemand verkauft billig Aladins Wunderlampe. Aber kehren wir in die Nähe der Opéra-Allee zurück. In Harry’s Bar sind attraktive amerikanische Touristinnen, die einem Woody Allen-Film entsprungen zu sein scheinen, hinter dem Mythos der Schriftsteller der 20er Jahre aus den USA her, der verlorenen Generation, also auf den Spuren Hemingways und seines Bloody Mary, des Erfolgs und Unglücks Scott Fitzgeralds oder der Strenge Gertrude Steins und Alice Toklas’ zusammen. Hierher kann man siebzig Jahre nach Hemingway kommen, um einige Bloody Marys zu je zehn Dollar zu sich zu nehmen, unweit der Oper, um an dieses Paris zu denken, das sich vom 20. Jahrhundert verabschiedet, so wie sich jene einst vom 19. Jahrhundert verabschiedet hatten. Ezra Poud gegen Verlaine, Joyce gegen Pierre Loti. Ein Bloody Mary in Henry’s Bar… In den letzten Jahren haben die Behörden einen Plan zur Renovierung Tausender alter Gebäude entwickelt, die jetzt wie neue, saubere, strahlende, unechte Törtchen aussehen. Die großen Denkmäler wie der Invalidendom, wo Napoleons Überreste ruhen, erstrahlen wieder neu in der vergoldeten Pracht ihrer Kuppeln. Es hat den Anschein, als putzte jemand allmorgendlich die metallenen Verzierungen der Brücken und Denkmäler, wie eine nostalgische alte Frau, die an ihren feinen preußischen General denkt. Die Stadt, eine touristische Perle, scheint entschlossen, die graue Patina der Zeit wegzuwischen. Aber diese minutiöse Arbeit geschieht nur in den von den Millionen Touristen, die sich Jahr für Jahr mit ihren Kameras und Reisetaschen vor den Kirchen drängeln, am meisten überströmten Stadtteilen. Jetzt in der Nähe der historischen Orte herumzulaufen, heißt, dies auf einem Modell in Lebensgröße zu tun, fernab der Wirklichkeit, von AIDS, Arbeitslosigkeit, Rassismus und Diskriminierung. Perfekt, schaurig. Der Pont des Arts, der Cour Carré des Louvre, die Pei-Pyramide, der Königspalast, der Jardin de Luxembourg. In der Ferne die spitzen konischen Türme der Conciergerie, der mittelalterliche Tour Saint Jaques, die vornehmen Gebäude am Fluss, erfüllt von der Geschichte und von Erinnerungen an Louis XIV, Colbert und Mazarino. Diese touristische Stadt ist eine virtuelle, künstliche, die von hundertfachem, vergangenem oder auch heutigem Ruhm lebt. Saint Germain ist nicht mehr die bewegte Welt der Brüche der Nachkriegszeit, des Jazz und der Poesie, sondern eine leblose Karikatur. Um den Pantheon, bei der hübschen Kirche Saint Etienne du Mont, wo sich das Grabmal der heiligen Genoveva befindet, gibt es die Unruhe nicht mehr, die mit Vautrin und Rastignac, die sich in Unterkünften für Studenten oder Reisende unterhalten, den Romanen Balzacs entströmte. Es ist nur eine Choreografie zum Fotografieren. Der Markt von Les Halles, der von Zola in Le ventre de Paris beschrieben wird, ist ein eisiges und gefährliches Loch voller Gewalt und Schmutz. Der Montparnasse eines Rivera, Picasso, Chagall, Modigliani, Foujita, der berühmten Kiki oder des legendären Hemingway ist eine Reihe duftender Cafés: La Coupole, Le Select, die Closerie de Lilas, Namen für Ikonografien der künstlerischen Explosion der Zwischenkriegszeit. Der Montmartre Picassos und Van Dongens, mit der entsetzlichen Kirche Sacré Coeur, erbaut um die Spuren der Kommunarden zu verwischen, ist noch immer die Kulisse für eine Prozession gelangweilter Touristen vorbei an traurigen, schlechten Malern. Das Moulin al la Galette, berühmt wegen Renoirs Gemälde, ein schwarzer Schatten am Nachmittag, ohne Tanz, ohne Rauch, ohne Toulouse-Lautrec noch den Zöllner Rousseau. Nur an anderen Orten, in einigen Gässchen wie Mouffetard oder Montergueil, blieben noch einige alte Bistros erhalten, die bald in McDonald’s, Quicks oder Kentucky Fried Chicken umgewandelt werden. Und das unterirdische Leben hat beschlossen, das Szenario zu wechseln: Das Saint-Germain-des-Prés und der Montparnasse der großen künstlerischen und intellektuellen Revolutionen des Jahrhunderts, mit seinen verrückten Jungen, eingehüllt in die Rauchwolken der Zigaretten, übersiedelte in die Gegend von La Bastille mit ihrem Café de l’Industrie oder der Bar Lèche Vin, oder in die legendäre Rue de Lappe mit ihrem Balajo und ihren Latino-Bars oder dem Faubourg Saint Antoine, erfüllt von Leben, Rock und Nachtschwärmern. Drogenabhängige, Verrückte und Taschediebe herrschen hier und übergeben sich im Morgengrauen. Oben, im 11. Arrondissment, in der Rue Oberkampff, trinken und reden die Neuen im Café Charbon und in einer fröhlichen Reihe von In-Bars, die erst seit einigen Monaten in den großzügig angelegten Lokalen bestehen, die sich bis vor kurzem Aktivitäten widmeten, welche von der modernen Zeit ausgelöscht wurden. Mit großen granatfärbigen Vorhängen, New Yorker Flair, harter Musik, stets schwarz gekleideten Menschen, Mädchen mit Piercing und schwarz angemalten Lippen, haben diese Orte, wo die neue Jugend brodelt, dem alten Paris der touristischen Zuckerbäckerei den Schauplatz gestohlen. Beim Friedhof Père Lachaise gehen Paare mit ihren Hunden und mit ihren langen Mänteln spazieren oder warten in den arabischen Cafés. Es riecht nach Couscous und Bratwurst. Dort erahnt man schon diese Welt, die im Film La Haine (der Hass) beschrieben wird, oder in den jüngsten: L’Ennui (die Langeweile) oder Louise: Die arabisch stämmigen oder schwarzen Jugendbanden aus Randgruppen, die einer sie diskriminierenden Gesellschaft gegenüber stehen, die aus den nördlichen Vororten herauskommen und unter den Touristen, die Pigalle besuchen oder sich nach Strasbourg Saint-Denis mit seinen Prostituierten vorwagen, Unordnung stiften. Hass, Gewalt, Rap, Rock. Razzien. Schizophrenie. Spritzen. Selbstmord. Schreie. Serienmörder. Einsamkeit. Verwünschungen. Armut. Alte, die in Altersheime gepfercht werden. Zahnlose alte Frauen, die in den Mülltonnen kramen. Obdachlose, die in den kalten Nächten in den Suppenküchen Schlange stehen, die vom verstorbenen Humoristen Colouche gefördert wurden. Kinder aus den ehemaligen afrikanischen Kolonien oder aus Osteuropa eingeschleust und ihrem Schicksal überlassen. Alte Araber und Schwarze, verloren in den Straßen von Belleville zwischen dem Raprhythmus der Gruppe ntm (Nique ta mère), fernab vom Koran, und dem Ruf des Muezzin. Das wahre Paris, das Paris der Armut und des Nichts, hinter den Choreografien versteckt. Ein Paris, das nichts mit dem Bloody Mary zu tun hat, den ich in Ernest Hemingways Harry’s Bar zu mir nehme, unweit der Oper, der Place Vendôme und der bürokratischen Comédie Française. Der Flohmarkt in Clignancourt Zum Flohmarkt von Clignancourt pflegt ich vor langer Zeit, in meinen ausgelassenen Zwanziger Jahren, mit langen Haaren, indischen Schals und Post-Hippie-Freundinnen der 70er Jahre zu gehen. Er ist immer noch da, aber es gibt gewisse Risse, gewisse neuen Aggressionen, gewisse neue Einsamkeiten. Der Flohmarkt der Porte de Clignancourt ist ein echter Bazar oder persischer Markt. Überquellend von Verkäufern von Kleidern, Krimskrams, Weihrauch, Pfeifen, Taschen, afrikanischen Masken, Lederwaren, Schuhen, Hemden, Schals, Hüten und jeder Art von Dekorationsramsch, verkam der alte Markt in den letzten Jahrzehnten nach und nach. Um in die verschiedenen Märkte zu gelangen, die in den Passagen des Labyrinths nördlich von Paris liegen, muss man viele Straßen lang an fliegenden Händlern vorbei gehen, viele von ihnen aggressiv und übel gelaunt, und durch Abertausende mehrheitlich junge Kunden. Bei der U-Bahnstation Porte de Clignancourt wird der Besucher an diesem Wintersonntag von der so genannten Racaille empfangen, die sich aus aggressiven Jugendlichen zusammensetzt, die ihren Hass auf die Gesellschaft dort zum Ausdruck bringen, wo sie marginalisiert aufwachsen. Man darf ihnen nicht in die Augen blicken und man muss es vermeiden, mit diesen Jugendbanden in einen Konflikt zu geraten, die uns in der Gruppe mit Fußtritten fertig machen können. Gestern erst schlitzte eines dieser Individuen nicht weit von hier in der U-Bahn Garibaldi einem Fahrgast im Streit um einen Sitzplatz mit einem Messer die Kehle auf. Und alle kommentieren die Zunahme an Gewalt, das Bandenwesen, die Angst, die immer mehr in den Vierteln des nördlichen Stadtrands von Paris herrscht, die ungerechtfertigten Aggressionen in den Waggons und Bussen, als wären sie aus dem Film Clockwork Orange des jüngst verstorbenen Stanley Kubrick abgeschaut. So geht man also, nachdem man die Zurufe und Aggressionen der an der Station herumlungernden Banden über sich ergehen ließ, durch die Menschenmenge und schlägt sich bis zum Vorort Saint Ouen durch, wo sich der bekannte und unvermeidliche Markt befindet. Es gibt zwei Arten von Passagen zur Rue des Rosiers: die, welche in jüngster Zeit für finanzkräftigere und organisierte Antiquare errichtet wurden, und die alten und traditionellen Passagen, wie die Biron, wo die älteren Nippesverkäufer sind. Bei ersteren ist alles geordnet, sauber und spezialisiert: Möbel aus allen Jahrhunderten, Geschirr, Koffer und Art-Déco-Lampen, alte Skulpturen, Bilder, Kleider aus der Zeit des Can-Can, Hüte, Zierrat aus Elfenbein, altes Spielzeug, Puppengeschäfte, Uhren, Wandteppiche, Bücher. Die Besitzer sehen elegant und wohlhabend aus, und man schließt daraus, dass es sich hierbei nur um Filialen größerer Geschäfte handelt. Die Objekte haben die Feuchtigkeit und den Schmutz der Zeit verloren. Sie sind perfekt restauriert, so sauber und schön, dass sie falsch zu sein scheinen. In den alten Passagen, die sich entlang mehrerer Häuserzeilen dahin ziehen, erwarten uns an jeder Ecke Überraschungen. Es sind Hunderte kleine Geschäftslokale, geführt von traurigen, gescheiterten alten Männern und Frauen, Figuren aus exzentrischen Romanen, oder verrückten und komischen jungen Leuten, wie von Joris Karl Huysmans erfunden. Dorthin gelangt der Abfall der Zeit, aus dem nächtlichen Donnerstagsmüll oder aus den Notverkäufen gerettet, die auf das Ableben des Großvaters, der Großtante, des verlorenen und einsamen Onkels folgen. Durch diese Labyrinthe zu streifen, ist ein Genuss. Schritt um Schritt fühlen wir die Spuren des Jahrhunderts durch alte Kleider, hundertjähriges Geschirr und Besteck, Kinderkleider aus früherer Zeit, Besätze, Knöpfe, Feuerzeuge, Borten, Orden, alte Firmenschilder, Spiegel, Schaufenster, Polstersessel, Stühle, Tische, Schreibtische, tintenbekleckste Schulbänke der Belle Epoche oder der Zwischenkriegszeit, alte Zeitungen und Zeitschriften, Kappen, Uniformen, Blumenvasen, Betten, Nachttische, Instrumente, Postkarten, Plakate, Xylophone. In Saint Ouen, einem alten Arbeiterviertel, überlebten einige Häuser aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert und bescheidene Wohnblocks mit niedrigen Plafonds für Arbeiterfamilien. Einige Fabriken stehen noch dort, gleichsam als Musterexemplare dieser vergangenen Zeit. Und jetzt, bei Vollmond, der in der Ferne riesig erscheint, im Dunst, zittern die Menschen vor Kälte und reiben sich die Hände oder stellen Handschuhe jeder Preisklasse und jedes Stils zur Schau. Junge Pärchen schleppen Taschen mit den Nippes des Tages. Hübsche Mädchen gehen glücklich mit dem Fund dieses Nachmittags vorbei. Fröhliche und dürre Fünfzigjährige lachen und zeigen ihren vergnügten Freundinnen die Einkäufe. Trotz der Kälte sind sie zum unvermeidlichen Ritual gekommen, einer Institution mit Vergangenheit und mit viel Zukunft einen Besuch abzustatten. Jemand hat einen Aschenbecher mit einer Werbung für Dubonnet gefunden, wer anderer ein Daguerreotyp, dieser eine faszinierende Lampe, jener eine Kamee, dieser eine echte Wasserpfeife, jene eine verbogene marokkanische Teekanne, der andere eine Inkunabel oder eine Radierung aus napoleonischer Zeit. Wer, der in Paris lebt, ist noch nie auf den Flohmarkt von Clignancourt gegangen? Wer hat es nicht gewagt, in Luisettes immer herunter gekommenere Schenke zu gehen, mit ihren dicken Sängerinnen mit roten Nasen, und Sängern alter französischer Chansons, falsch singend und extravagant, auf die kleine Bühne gehievt. Dort isst und trinkt man schlecht, aber in der Dekadenz und Mittelmäßigkeit der Clowns, die einander folgen und sich darum raufen, auf das Podium zu gelangen und um das Trinkgeld der Kundschaft, glaubt man, dem letzten Aufflackern eines Paris beizuwohnen, das nur in den Filmen Renoirs und Carnés oder in den Memoiren Paul Léautauds fortlebt. Chez Luisette ist das Zentrum dieses Kapharnaums des Abfalls und des Mülls, des Todes und der abgeschlossenen Zeit. Der Spaziergang ist zu Ende. Die Nacht brach zu schnell herein. Das Thermometer zeigt unter Null Grad an. Die Alten schließen ihre Geschäftchen. Buchhändler aus einer anderen Zeit bleiben noch zwischen Tausenden von Büchern und Zeitschriften sitzen, eingehüllt in den Rauch der Pfeife. Chez Luisette schließt. Die betrunkenen Sänger treten schwankend aus den Labyrinthen heraus. Das Geschäft mit Babysachen aus den 20er Jahren bleibt wie eine Kulisse für einen Horrorfilm von Alfred Hitchcock zurück. Ein Psychopath hat eine Puppe von 1901 oder einen zerrupften Teddybär gekauft. Der, der sich an seine Tanten erinnert, nimmt einen Vampirinnenhut mit. Und ich verschwinde und ich fliege und ich schlafe und ich trinke und die Wintertage und –nächte vergehen, mein Haar wächst, die alte schwarze Lederjacke schützt mich und ich zittere und ich liebe und der Wind peitscht mir ins Gesicht und zerzaust mein widerspenstiges Haar. Von den Champs Elysées nach Ménilmontant Jetzt komme ich zu den Kontrasten, zum Beispiel von den Champs Elysées nach Ménilmontant fühlt man an diesem Montagabend schon die Feierstimmung des Jahreswechsels, der im Spektakel der Jahrtausendwende seinen Höhepunkt finden wird, das für die Tausenden Touristen gedacht ist, die die Stadt überschwemmen werden. Im Hintergrund sieht man das Riesenrad von Paris, das alljährlich im Dezember aufgestellt wird und das jetzt prunkvoll erleuchtet auf der Place de la Concorde erscheint. Entlang der Allee wurden die Bäume mit einem durchsichtigen, weißen Gewebe eingehüllt und mit blinkenden Lämpchen erleuchtet, die von grün über fuchsia bis gelb leuchten. Im Gegensatz zu anderen Gegenden der Stadt, wie der berühmten und beliebten Rue Ménilmontant, spürt man auf den Champs Elysées das Geld der Touristen und der Pariser der Villenviertel. Der Weg vom Arc de Triomphe bis Concorde ist ein einziges Schauspiel: sehr elegante Herren in Kaschmirmänteln, sündteuren Hüten und Schuhen, mit dem Gehabe von Potentaten, immer in Begleitung wunderschöner, groß gewachsener Frauen, verpackt in nicht weniger wunderschöne Wintermäntel. Uhren, Schmuck, Zigarettenspitze, Stöcke, neue Haarschnitte, diskrete Schminke, passend zum gönnerhaften Blick dieser Fußgänger, kontrastieren mit dem tadellosen Auftreten alter Herren oder Fünfzigjähriger, die durch Fouquet’s, Lido oder Virgin Megastore schlendern. Der Kontrast zu Ménilmontant, einer steilen Straße des marginalen und armen 20. Arrondissements im Osten von Paris, ist beeindruckend: Dort begegnet man den Blicken der am Rande Lebenden, verloren in der Angst vor Arbeitslosigkeit und Mindestlohn der gerade zum Überleben reicht, der Not der Frauen maghrebinischer Herkunft oder von südlich der Sahara, umgeben von ihrer stets großen Nachkommenschaft, den alten und armen Schwarzen und Arabern mit demselben zerknitterten Sakko, den sie schon seit einem Jahrzehnt tragen und dem zerschlissenen, zugeknöpften weißen Hemd. Und oben in der Straße die jungen Paare ohne ein Anzeichen von Snobismus, zerzaust, in den Geschäften wühlend, wo Altkleider aus zweiter Hand verkauft werden: Mäntel, Lederjacken, Röcke, Hosen, gebrauchte Hemden zu lächerlichen Preisen und mit einem Geruch nach feuchtem Keller. Kein Vergleich zu den hohen Geschäftsräumen der Champs Elysées, die in ihren Schaufenstern die attraktivsten und feinsten Kleidungsstücke zu exorbitanten Preisen ausstellen. In einem davon gibt es Schnäppchen und es werden sensationelle Nachlässe auf dieses und jenes Produkt angekündigt, das mit dem Nachlass nur mehr auf einige Tausend Francs kommt. In Ménilmontant die Bescheidenheit, die Armut, die Angst vor einem plötzlichen Überfall oder der Aggression eines Betrunkenen oder Drogenabhängigen. Auf den Champs Elysées das Glück der Reichen, die garantierte Sicherheit für den französischen und weltweiten Tourismus. Düfte liegen in der Luft, der Geruch neuer Kleider, Festtagsbeleuchtung, Ruhe. Diskrete Polizeiüberwachung. Im Lido gibt es drei Sonderangebote für die Vorstellung von heute Abend, inklusive Menü: zu 815, 915 oder 1.115 Francs, mit angeblich vom berühmten Koch Bocuse überwachter Speisezubereitung. Bei Fouquet’s werden nur wohlhabende Paare und einzelne Herren empfangen: einzelnen Damen oder solchen in Begleitung einer anderen Dame wird der Zutritt verwehrt, da sich nach Meinung des Besitzers Prostituierte einschleichen könnten, was zu Recht eine feministische Jahrtausendwende-Polemik und Klage bei Gericht ausgelöst hat. Zwei Frauen, die das Lokal betreten und etwas zu sich nehmen wollten, bevor sie ins Kino gingen, und die auf üble Weise abgewiesen wurden, klagten das berühmte Lokal wegen sexistischer Diskriminierung, die im Widerspruch zu den Gesetzen der Republik steht. In Ménilmontant und Belleville hingegen Geruch nach Bratwurst und Couscous, die spottbilligen Abendimbisse für die jüdische, schwarze oder arabische Gemeinde der Gegend, billige Geschäfte für Möbel und Elektrogeräte von schlechter Qualität, die in günstigen Raten abgezahlt werden können. Grelle Neonlichter, Plastikstühle, Tische ohne Tischdecken, Geschrei, schrille Musik. Der demokratische Hof der Wunder ohne jegliche Diskriminierung. Die Welt der Eingewanderten und der armen Franzosen, in ihrem Unglück vereint. Die alte ehemalige Bastion der Pariser Kommune bleibt ihrem solidarischen Halbschatten treu. Im Virgin Megastore erscheinen in der Eingangshalle die musikalischen Neuerscheinungen der Kanadierinnen Céline Dion und Lara Fabien und des französischen Sängers Alain Souchon. In der Buchhandlung das neue Fotoalbum der französischen Nationalschönheit korsischer Herkunft Laeticia Casta und die literarischen Erfolge der Saison. Massige afrikanische Wächter bewachen die diversen Eingänge und die Breite und das Fest des Überflusses und des Luxus sprießen in jeder Ecke dieses gigantischen Modegeschäfts. Weiter unten läuft man den schönsten Models über den Weg, die gerade aus einer Fotosession kommen, oder den very important persons, die aus einem Restaurant kommen oder sich für irgend einen Empfang zurecht machen. Im Carrefour der Champs Elysées-Clemenceau verströmen diskrete, hübsche Weihnachtsmotive mit schneebedeckten Christbäumen und Brunnen Ruhe und Frieden. Eine Traumkulisse. Es gibt keine Armen, es gibt keine Clochards, es gibt keine verrückten Betrunkenen, es gibt keine Armen wie in Ménilmontant, der Straße, in der Edith Piaf und Maurice Chevalier geboren wurden. Auf der Seine, die hier durchfließt, wurden die Brücken seit 23. November mit warmen gelben Lichtern für den Stein und kaltem Grün für das Metall beleuchtet, um seine architektonische Pracht hervorzuheben. Der Pont Marie aus dem 17. Jahrhundert, der Pont Neuf von 1578, der Pont des Arts, erbaut zwischen 1801 und 1804, und der Pont Alexandre III., dessen Grundstein 1906 symbolisch von Zar Nikolaus II. gelegt wurde, sind schon im Blickfeld des Wanderers, der zur Place de la Concorde gelangt und sie in den Dezembernächten entlanggehen kann. Und mit ihnen die kalte und das Gesicht anregende Luft. So erlebt man diesen dunklen und kalten Montagnachmittag im Paris des Überflusses. In den Tuileries dreht sich ein Ringelspiel, allein und beleuchtet, im Grün, wie für einen Grusel- oder Horrorfilm bereit. Der Arc de Napoléon ist kaum in der Dunkelheit auszumachen und unter den Arkaden der herrschaftlichen Rue de Rivoli, auf den Königspalast und den Louvre zu, beben die verschiedenartigsten Geschäfte, die vor Weihnachten gestürmt werden. Und auf der anderen Seite, in Belleville und Ménilmontant, die warme Routine der Dritten Welt mit ihren Musikstilen und Gerüchen, ihrem Chaos und ihrer zarten und mörderischen Hinfälligkeit. Eduardo GARCÍA AGUILAR Manizales/Paris Übersetzung: Ulrike Zomorrodian-Santner
Emilce Struchi ist Dichterin, Erzählerin, Psychologin und Universitätsprofessorin. Sie hat verschiedene Preise bei internationalen Literaturwettbewerben gewonnen und Argentinien bei mehreren internationalen Literaturveranstaltungen in Mexiko, Uruguay, Ecuador und Peru vertreten. Ihre Veröffentlichungen: Pleno de ausencia (Kurzgeschichten und Erzählungen, Ediciones Simurg, Argentinien, 2001), und Los trofeos del abandono (Gedichte, Ediciones del Dock, Argentinien, 2003).
Adresse: Conde 1017 (1426) Buenos Aires, Argentinien, Tel: 005411 4555 3524. E-Mail: emilcestrucchi@fibertel.com.ar
ZUR UNZEIT GESÄT “Ich gab mich der Machtlosigkeit hin und entkam gleichzeitig der Entwurzelung”. (Antonio Dal Masetto) I. Auch wenn man auf der Erinnerung an gewisse Gerüche und eine einzige Landschaft beharrt, ist man, auf gewisse Weise, ein Fremder. Es spielt keine Rolle, wie sehr jemand auf jenem kalten Wind besteht, der in ein ungeschütztes Kindergesicht weht oder auf dem Aroma der trockenen Erde, die auf der Haut klebt, die dunkel und faltig wird. Nicht einmal das weiße Dorf, das sich an die Berge aus färbigen Steinen schmiegt, seine quadratischen Häuschen, der lange Fluss mit dem alles umrahmenden grünen Wasser spielt eine Rolle. Eine Tatsache ist nicht von der Hand zu weisen: ein Eindringling zu sein. Und diese Essenz bleibt unveränderlich in der Bewegung der Dauer. Das Blut fragt nicht, ob uns irgendwann irgendjemand an der Hand nahm und uns aus der Erinnerung herausriss, um uns an einen sichereren Ort zu führen. Es forscht nicht nach, ob es der Vater, das Unglück oder der Krieg war. Es weiß, dass wir uns eines Tages verabschiedeten und verließen. Das, was registriert wird, ist der Abschied, die Hände, die sich in einem endgültigen Gruß an die Heimat bewegen; nicht seine Motive. Die Entwurzelung, nicht die Rechtfertigungen. Und unabsetzbar bleiben Augen, ein starkes und weites Bild, Gärten, deren Ursprünge zu Unzeiten gesät wurden. Selbst wenn man an dem Gemüsegarten mit seinem märchenhaft riesigen Gemüse hängen bleibt, an den hoch aufgerichteten und stolzen Hortensien, an den Dahlien und Obstbäumen, so ist dennoch alles nutzlos. Man bleibt dennoch verflucht und unausweichlich fremd. Auch wenn man sich mit Leichtigkeit an andere Menschen anpasst, ihre Gewohnheiten verinnerlicht, die Sprache und sogar ihre Art zu leiden und zu lieben. Etwas von der Wurzel sickert in die Träume oder in ein Delirium. Und obwohl man auf dem Elternhaus besteht, der Kirche der Heiligen Maria oder dem Friedhof auf dem Hügel, wo alle Vorfahren begraben sind, das Blut lässt sich nur von der unterschiedlichen Dichte, von jener subtilen, unentschuldbaren Trennung rühren. Und es verzeiht das Exil nicht, wenn sich die Wurzeln aus irgendeinem Grund aufzulösen beginnen. (Am ende scheint es sich das ganze Leben lang nur darum zu handeln, ein Schicksal als Fremder in sich selbst zu überwinden.) Und wenn man in einer verzweifelten Anstrengung ins Dorf zurückkehrt, ändert sich nichts. II. Juan María Quiróz kehrte nicht nach Genua zurück. Juan María Quiróz lebte Anfang des 20. Jahrhunderts in einem Dorf in der Provinz Buenos Aires, zu einer Zeit, in der sich eine Heimat leidenschaftlich in so viele Arme von Immigranten warf, die ihr Exil als Last mit sich trugen. Er war in einem genueser Schiff angekommen, das er, verängstigt und hungrig, an der Hand eines Mannes verließ. Juan María war vier Jahre alt. Er wurde von einem wütenden Sommer empfangen, innerhalb und außerhalb der Wände der Einwanderungsbehörde. Jemand, der kaum die Buchstaben kannte, schrieb seinen Nachnamen unter extremen Schwierigkeiten und sehr langsam auf. Aus dieser Zeit erinnert er sich an die Sonne und an eine staubige, enge Straße, die er wer weiß wie viele Stunden entlang ging, einen kleinen Koffer aus abgetragenem Leder an einem dicken Strick hinter sich herziehend. In seine fragile Erinnerung bricht ein starker Geruch nach trockener Erde ein, die alles Vorhergehende auslöscht. Das beinahe Vergessene ist das Zeugnis eines selektiven und traurigen Gedächtnisses, Alleinerbe der Untröstlichkeit. Plötzlich findet er sich im Dorf Ingeniero Thompson wieder. Ein Dorf aus nichts und einigen Zelten und dem Mann, der Onkel José hieß. José, der ihm zeigte, wie man Bäume fällt und anschließend, wie man die Äste absägt, um Holz zu verkaufen. Dafür erhielt er einige Centavos. Er war viel allein, während der Mann seine Tage damit verbrachte, Frauen zu besuchen, mit denen er offenkundige Geschäfte machte. Wegen seiner Fähigkeit und Genauigkeit, die er in seiner Arbeit an den Tag legte, wurde Juan María bald “El Leñador”, der Holzfäller, genannt. Er hatte nur wenige Freunde. Er erinnert sich daran, dass Manuel, rundlich und klein, ihm mit seinen schlaffen, aber starken Muskeln half. In seine Erinnerung tritt auch Pedrito, mit seinem Anflug von Schnurrbart und jener Fähigkeit, die ihn zum Schuster machte. Diese beiden bildeten jene kleine Portion einer zuverlässigen und freundlichen Welt, die ihn glücklicherweise berührt hatte. Der Regen zerstörte häufig die Produktion des Holzfällers, der nachts an seinem vorzeitig gebeugten Körper den rauen Klang des Stricks empfing, der das Fleisch berührt. Trotzdem blieben ihm einige Stücke unzerstörbarer Kindheit, um auf Bäume zu klettern und mit seinen Spielkameraden zu lachen. Juan María Quiróz wurde eines Tages müde, stets Holz zu fällen und flüchtete in die große Stadt, auf der Suche nach anderen, weniger schmerzvollen Horizonten. Langsam wuchs ihm ein Bart auf den Wangen und er bekam eine Flötenstimme. Er verließ den Zug mit einigen Geldscheinen, die er Onkel José gestohlen hatte. Von all den armseligen Wohnungen, die er sich in der Nähe des Hafens ansah, wählte er die billigste. Ihre Fassade war grau. Die verstaubten Bilder mit Schiffen, die durch Stürme navigierten, hingen schief an den Wänden, von denen der Putz abblätterte. Nachdem er die Eingangshalle durchquert hatte, führte ihn eine Marmortreppe mit Eisengeländer bis in ein feuchtes, dunkles Zimmer. Eine dünne Matratze auf einer Pritsche und der Holzkasten mit einem Nachttisch, auf dem ein schwaches Lämpchen stand, erwarteten ihn. Juan María war 15 Jahre alt, als er begann, an den Rändern der Stadt umherzustreifen. Sein düsterer Anblick mit dem ausgeprägten Buckel, die Ungeschicklichkeit beim Sprechen und der Analphabetismus, an den er sich bereits gewöhnt hatte, waren seine Visitenkarten. Sein Beruf nützte ihm nicht viel in der Hauptstadt. Voller Reue, aber ohne Möglichkeit, zurückzukehren, dachte er daran, dass er als Holzfäller wenigstens ein Auskommen hatte und dass man ihn mit Leichtigkeit wiedererkannte. Dort hingegen entglitten ihm die Menschen: er war fremd und sie ließen ihn das spüren. Juan María Quiróz war nicht mit jenen einverstanden, die sagten, dass man im Kornspeicher der Welt die Immigranten mit offenen Armen empfing. Nach einigen Monaten ohne Arbeit begann er zu betteln. So lernte er einen alten Mann kennen, der sich seiner erbarmte und dem ehemaligen Holzfäller einen Leierkasten schenkte. Damit verdiente Juan María einige Münzen. Münzen, um in einem Winkel des Gasthauses, das er jeden Tag besuchte, alles zu vergessen. Münzen für einen buckligen und einsamen jungen alten Mann, der eines Tages, nach einem Duell unter Ausgestoßenen, an das sich niemand genau erinnern konnte, durch einen Axthieb starb und in der Nähe des Flusses aufgefunden wurde. ZEICHNUNG MIT ROTEM PFEIL Sie verabredeten sich in einem weit abseits der Stadt gelegenen Motel, eine halbe Autostunde entfernt. Sie vereinbarten, dass jeder für sich dorthin kommen sollte. Erika traf die nötigen Vorkehrungen. Sie verließ das große alte zweistöckige Haus so gekleidet, als wäre es ein gewöhnlicher Tag in ihrem Leben: leicht geschminkt, in abgetragenen Markenjeans und einem engen, fuchsiafarbenen Pullover. Wie an jedem anderen Tag, an dem Erledigungen oder Einkäufe für die Woche zu erledigen waren. Sie war groß, stattlich und gut gebaut. Sie hatte die hochmütige Ausstrahlung einer nordischen Frau, die sich ihrer körperlichen Vorzüge bewusst ist. Sie holte den großen, weißen Wagen aus der Garage, fuhr auf der Avenida Santa Fe bis zu der Stelle, wo man in die General Paz einbiegt. Dort angelangt, gab sie Gas, denn von der Abfahrt bis zu ihrer Rückkehr blieben ihr nur drei Stunden, wenn sie keine Aufmerksamkeit erregen wollte, und sie wollte die Begegnung ausnützen. Sie folgte den Linien, die ihr Simón aufgeschrieben hatte, und traf an dem Ort ein, der auf der Skizze mit einem roten Pfeil markiert war. Der Anblick dieser Absteige in La Matanza gefiel ihr nicht. Sie fühlte sich unsicher bei dem Gedanken, den Mercedes vor aller Augen zu parken. Sie wusste, dass es besser so war, fernab vom Zentrum. Aber sie beschloss, nicht wieder hierher zu kommen; dieser Ort war wenig stimulierend. Simón war bereits da; sein klappriger Lieferwagen war unverwechselbar. Es war nicht gefährlich. Erika sah sich um und zählte zehn Türen, alle im Erdgeschoß. Trotz der Umgebung veränderte sie etwas in ihrem Körper. Sie stieg mit wiegenden Schritten aus, nachdem sie ihre Mähne geschüttelt und mit den Händen zerzaust hatte. Wenn man die Fahrzeuge und andere kleinere Details außer Acht ließ, dann lag der Unterschied in den Händen. Ihre waren weiß, knochig, die kurzen Nägel sorgfältig mit durchsichtigem Lack bemalt. Simóns Finger hingegen waren breit, faltig und trocken; sie kontrastierten mit den zwei Brillantringen, die die Frau an jedem Ringfinger trug. Dieser Eindruck von Oberflächen und Erscheinungen hatte zwei Monate zuvor die Leidenschaft entfacht, kaum dass sie sich in dem großen Kleidergeschäft berührt hatten. Sie tauschte gerade eine Hose um, die ihr ihre beste Freundin geschenkt hatte. Er suchte genau diese Hose. Die linke Handfläche des Mannes berührt den rechten Handrücken der Frau. Sie sehen sich kaum an. Sie riechen sich. Sie erraten einander. Er nähert sich, ernst, immer mehr. Sie senkt die Lider, wartet, versucht ein Lächeln. Ihre Haut brennt. Sie nimmt wahllos ein Kleidungsstück und geht zur Kassa. Er nimmt die Hose der Freundin. Er führt sie an seine Nase, während er Erika folgt. Er steht hinter ihr in der Schlange, die Körper aneinander geschmiegt. Simóns Atem durchdringt ihre lange Mähne und weckt ihren Nacken. Sie bezahlt, geht hinaus, bleibt in der Tür stehen. Er bezahlt, geht hinaus, küsst sie, sucht ihre Taille unter der Bluse, und sie gehen. Sie steigen in den klapprigen Lieferwagen. Sie gehen jeden Tag, seit jenem Tag, einen Monat lang, nur mit ihren Namen. Das ist gefährlich, sagt die Frau einmal. Ja, hier kann uns jeder sehen, antwortet er. Simón fügt hinzu, dass es besser zweimal die Woche und in der Provinz sei. Ist gut, bestätigt sie. Schlag du etwas vor, ich kenne nichts. Er macht eine Zeichnung mit einem roten Pfeil. Erika sah ihn auftauchen und ging schnell dorthin. Wie bei allen Begegnungen trieben sie sich in die Ecke, brachten einander zum Keuchen und zum Schrei. (Nach einigen Minuten der Erholung begann das Spiel von Neuem.) Eine Stunde später waren sie verschwitzt und atemlos. Als sie sich aufs Bett warfen, waren sie noch halb nackt. Und erneut die Fingerspitzen, das Stottern, eine Beleidigung, eine Ohrfeige, um aufzuwachen. Einmal sagt Erika, ich denke gar nicht daran, noch einmal hierher zu kommen. Dieser Ort ist schrecklich. Gut, sagt er. Du hast die Wahl. Also, schlag etwas vor. Sie ziehen sich langsam an, stolpern vor Müdigkeit. Sie sieht unter einer Kommode und dann unter dem Bett nach. Sie findet die Schuhe. Sie verlassen das Zimmer und jeder geht zu seinem Wagen. Sie sagen nichts. Er nimmt die Straße nach San Justo. Sie fährt in die Hauptstadt. Erika hält an einer Tankstelle, tankt, trinkt einen Kaffe und geht auf die Toilette. Sie wäscht sich das Gesicht, bringt ihre Haare in Ordnung und schmink sich die Lippen (ihre Haut strahlt). An ihrer rechten Hand fehlt der Ring. Irgendeinen Preis muss man Zahlen, denkt sie. Emilce STRUCCHI Buenos Aires – ARGENTINIEN Übersetzung: Judith MOSER- KROISS
Christoph Janacs. geb. 1955 in Linz/OÖ., lebt in Niederalm/Sbg.; Lyrik, Prosa, Essays und Übersetzungen. Veröffentlichungen: die Romane Schweigen über Guernica (1989) und Aztekensommer (2001), die Erzählbände Das Verschwinden des Blicks (1991), Stazione Termini (1992), Gesang des Coyoten (2002) und Schlüsselgeschichten (2007), die Gedichtsammlungen Nichtung (1993), Der abwesende Blick (1995), Templo Mayor (1998), Brunnennacht (1999), Tras la ceniza / Der Asche entgegen (2000), Sumava (2000 und 2004), draußen die Nacht in uns (2002), unverwandt den Schatten (2006), die Ungewissheit der Barke / la barca sin certidumbre (2008) und nachtwache (2008) sowie die Aphorismensammlung Meteoriten (2004). Die veröffentlichten Gedichte stammen aus ihrem neuen Buch: die Ungewissheit der Barke / la barca sin certidumbre, Gedichte, Spanisch/Deutsch, Arovell Verlag, Gosau, 2008.
E-Mail: christoph.janacs@utanet.at
Poetik Weil du glaubst, dass du mich verstanden hast, hast du aufgehört, mich zu verstehen. Antonio Porchia in diesem Gedicht gibt es keine Menschen, keine Tiere und keine Dinge. in diesem Gedicht gibt es keine Sentenzen und keine Metaphern. in diesem Gedicht gibt es nur Wörter, die sagen: in diesem Gedicht gibt es nichts ausser uns Patio Wer ist diese Fremde, die ich bewohne? Gioconda Belli im Innenhof deiner Augen der Brunnen ich trete näher beuge mich vor betrachte mich und verstehe: das Wasser in dem ich mich spiegle dies Wasser ist nur damit ich mich sehe und weiss: ich bin Christoph JANACS Salzburg