XICÖATL 84

 

XICöATL

XICöATL: Ausgabe 84

XICöATL Nr. 84, Juli/September 2008
XICöATL 84

INHALT:

  • Wettbewerb: 3. Kompositionswettbewerb XICöATL "Ziehender Stern
  • Lyrik: Gedichte. Marcelo Marcolín
  • Essay: Auftragsmord-Roman als eine der schönen Künste. Guadi Calvo
  • Erzählkunst:Chroniken. Mónica Russomanno
  • Österreich: Gedichte. Gerda Steingruber-Schaffler

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Wettbewerb

 

3. Kompositionswettbewerb XICöATL "Ziehender Stern"

WETTBEWERBSBEDINGUNGEN:

BEREICH:
a. Komposition für Klavier
b. Komposition für Klavier und Elektronik
c. Komposition für Klavier und Streichtrio.

1. Für alle Bereiche sind sechs Kopien der Partitur (bzw. auch 6 CDs des elektronischen Teils) einzu-senden. Die Sieger des Wettbewerbs verpflichten sich, das Aufführungsmaterial des Stückes bis 31. Dezember 2008 für die Aufführung im Frühjahr 2009 einzuschicken.

2. Bezüglich der elektronischen Mittel stellen die Veranstalter für den Fall einer Aufführung die Saalverstärkung zur Verfügung, die Komponistin/der Komponist sind gebeten die notwendige weite-re Ausrüstung für die Aufführung zur Verfügung zu stellen.

3. Die eingereichten Werke dürfen weder für eine Uraufführung angenommen, noch öffentlich aufge-führt oder anderweitig prämiert worden sein.

THEMA: Die Kompositionen müssen in irgendeiner Weise mit klassischer oder experimenteller latein-amerikanischer Musik in Verbindung stehen.

DAUER DER WERKE: Jedes eingereichte Werk darf höchstens 20 Minuten dauern.

ANLAGEN: Die Teilnehmer müssen eine kurze Beschreibung der Idee des Werks, seines Ursprungs, der Quellen, der verwendeten Techniken, die Verbindung mit der lateinamerikanischen Musikkultur und/oder andere Erklärungen über das Werk im Umfang von höchstens 1 Seite beilegen. Dieser Text wird dann als Programmnotiz verwendet.

Senden Sie uns bitte je SECHS KOPIEN des Werkes sowie der erklärenden Anmerkung unter Verwendung eines Pseudonyms oder eines Kennwortes. In einem verschlossenen Kuvert fügen Sie bitte die persönlichen Daten (Adresse, Telefon- und Faxnummer, E-Mail, und Foto wenn möglich) sowie einen kurzen Lebenslauf bei.

Die Partitur samt den erforderlichen Anhängen kann auch (in separaten Dateien) im PDF-Format via e-mail an folgende Adresse gesandt werden: euroyage@yahoo.de. Der elektronische Teil des Werkes muss im Format WMA oder MP3 (bei einer maximalen Dateigröße von 99 MB) auf der Seite www.rapidshare.com hochgeladen werden. Im e-mail zur Teilnahme muss der entsprechende Link angegeben sein, unter dem die Datei heruntergeladen werden kann.

EINSENDESCHLUSS: 30. August 2008.

Die prämierten Werke werden im Frühjahr 2009 in Salzburg aufgeführt. Eingesandte Materialien werden nicht zurückgeschickt.

PREISE:

1. PREIS: 1500 Euro
2. PREIS: 1000 Euro
3. PREIS: 500 Euro

Ehrenurkunden für die besten Werke.

Die Ergebnisse werden im Heft Nr. 87 des lateinamerikanischen Kulturmagazins XICöATL (April/Juni/2009) veröffentlicht.

Schicken Sie die Kopien sowie die erforderlichen Anlagen an:

WETTBEWERB XICöATL,
Schießstattstr. 44/9,
A-5020 SALZBURG
AUSTRIA

Oder an:
euroyage@yahoo.de
Weitere Infos unter: www.euroyage.com

Die Mitglieder der Jury sind:
KLAUS AGER (ÖSTERREICH)
JORGE ANTUNES (BRASILIEN)
JORGE ROTTER (ARGENTINIEN)
ORLANDO JACINTO GARCÍA (KUBA)

Der 3. Kompositionswettbewerb XICöATL "Ziehender Stern" wird ermöglicht durch die Unterstützung von:
- Landesregierung Salzburg
- Magistrat Salzburg
- Verein Musik im Museum (MiM)
- YAGE, Verein für lateinamerikanische Kunst, Wissenschaft und Kultur

Lyrik

Marcelo Marcolín

Gedichte - Marcelo Marcolín

Marcelo Marcolín wurde 1957 in Buenos Aires geboren. Er war aktives Mitglied der so genannten Generación Subterránea (Unterirdische Generation), einer Organisation, die vor allem während der Militärdiktatur einen literarischen Kampf gegen das Regime führte. Er war und ist unabhängiger Schriftsteller. Er leitete Poesie- udn Kulturzeitschriften, arbeitete mit grafischen Medien und dem Hörfunk zusammen. Er hielt Lesungen seiner Gedichte sowohl im In- als auch im Ausland ab. Für sein literarisches Schaffen wurde er in seinem Land mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Seine Werke wurden in zahlreichen Anthologien veröffentlicht. Publikationen: Breves, La primera letra, El fantasma y los otros, La coronación del príncipe mudo, Matecocido, Angeles Clandestinos y Siestas de Wincofón. Zurzeit ist er Mitglied der Literaturbewegung Isabel Pallamay und leitet gemeinsam mit anderen Autoren die Zeitschrift El pez en el Cielo.

Gedichte

SALZSTERN

Wir begaben uns auf eine lange Schifffahrt bis zu den endlosen Grenzen.
Mit dem tobenden Gewitter erzitterten die Seelen der Unschuld,
wir kehrten zu den Plätzen des Irrsinns zurück, mit dem Ziel das Böse der Heiligen Geister zu ent-schlüsseln.
Wir wandten den Kopf vor den heidnischen Jungfrauen ab, die aus der empfangenen Tradition ihre schwarzen Peitschen vom halluzinierenden Blut bis zur Brust der inneren Hölle niederschlugen.
Du hast den Kopf gedreht vom Schambein bis zum tönenden Widerhall ihres in Flammen stehenden Geschlechts.
Du hast in der Vielzahl der Trauerflore das klare Trugbild des letzten Schattenkriegers gesehen.
Wir können nicht bis zu ihren Straßen im August zurückkehren, den Flug der erhabenen Götter vortäu-schend.
Wir können den Durst im Mund nicht über den Mund der unvollkommenen Jugendliebe stillen.
Du wirst in dein Bett zurückkehren und die Tage und Stunden noch einmal in Gedanken durchspielen, das Logbuch der Fantasie in den Flammen der Begegnung schreiben.
Du wirst bis zum blutigen Zeichen zurückkehren auf der ausgedehnten Schiffsreise von Kléber bis zur Seine und der Geschmack der Drachen auf der von so viel Frühling in Ekstase liegenden Körpern wird zurückkehren.
Und dann werden wir sagen, dass wir die letzten Schiffsbrüchigen in den Salzgebieten waren.
Und wir werden im Schutz der Seelen den beunruhigenden Zigeunerstern umarmen:
Purpurfarben vor Schmerz und Leidenschaft.


MONTEVIDEO

Gen welchen Hafen fliehen meine an deinen Küsten aus Felsen und Träumen verlorenen Worte,
wohin begeben sich meine unmöglichen Lieben umspielt mit der Musik von gestern
und den Muskeln der himmlischen Poesie, die über dem blauen Nachmittag verrückt werden.
Wo finde ich auf deinem Körper das verlorene Wort meiner Generation,
warum muss ich jede Nacht aufs Neue sterben, durchnässt von deinen Tränen und so fern von dir.
In welchem Hof und von welcher Großmutter vergaß ich die Geranie und das Gesicht des Monds im Feb-ruar.
In welchen Gegenden werde ich dieses Karnevalslied schreiben, welches ich mir niemals zuvor vorstel-len konnte.
Und welche Labyrinthe muss ich durchqueren, um über eine Portion Zärtlichkeit zu streiten, nachdem ich frech mit einem Rausch den Tagesanbruch in Frage stelle.
Ich brauche deinen Ort, voll gehängt mit vergänglichen und heiligen Farben,
deine Eingeweide, die sich Kinder herbeiwünschen für ein neues Unwetter von Speeren und brauen Augen,
und dein verrückt gewordenes Geschlecht streift mit meinem vergessenen Namen in deinen Avenidas umher.

Und ich kehre zurück und gehe nochmals fort von deinen Gerüchen und Kennzeichen,
ich flüchte vor dem, was ich begehre und ich beginne erneut über meine Niederlagen zu weinen.
Dennoch finde ich deine schmackhaftesten Tätowierungen,
wenn ich meinen Körper öffne und du erscheinst, gekleidet in dein feines weißes Gewand.


GOTT IST EINE ROT GEKLEIDETE FRAU

Sie tritt ein und geht ein und aus.
Sie trägt Rot.
Zu den besten Gelegenheiten auch Schwarz.
Sie öffnet Türen und macht die Musik an,
sie nähert sich mit ihren Augen und klopft an die Türen des Hades.
Mein Freund, ich habe bemerkt,
dass Gott eine Frau ist.
Sie zieht die Vorhänge zur Seite und blickt ins Licht,
sie tanzt zwischen den Träumen und kehrt auf der Hauptstraße zurück,
Gott ist eine Frau, die von Sternen bewohnt ist,
Gott ist eine Frau mit dunklen Augen und langen Beinen,
die vom Mond heruntersteigt, bis zu dem Lärm meines Zimmers.
Gott hat Finger, die dich erregen:
Sie erkundet dich mit ihrer Zunge um die Begierde zu stillen.
Sie kehrt zu ihren Orten zurück, an die ich niemals gelangen konnte.
Sie bewahrt ihre Papiere und ihre Geheimnissen,
Sie durchschreitet Wände und die Zeit,
Sie weiß von Kriegen und Zwischenfälle,
von Hamburgern und von den sieben Meeren.
Montags ruht sie und trinkt Bier.
Sie erwacht oft in der Nacht und denkt an den Tod,
in anderen Nächten weckt sie die Männer und verschlingt sie mit ihrem Feuer.
Ich bete neben meiner Feuerstelle langsam zu ihr,
und ich erwarte ihren mit Wasser gefüllten Mund, der mich am Morgen mit Liebe ertränkt.

Übersetzungen: Tanja LANG, Sophie SPIELDIENER und Astrid BAUMBERGER

Adresse: Azcuénaga 1948, PB Dto. 2, (1878) Quilmes - Buenos Aires - ARGENTINIEN
E-Mail
: marcelomarcolin@aol.com

Essay 
Guadi Calvo

Autragsmord-Roman als eine der schönen Künste - Guadi Calvo

Guadi Calvo wurde 1955 in Buenos Aires geboren, und ist Schriftsteller und Journalist. Zehn Jahre lang war er als Fotograf tätig, seit mehr als fünfzehn Jahren ist er es nicht mehr, um sich voll und ganz der Literatur zu widmen. Er verwirklicht und organisiert Literaturwerkstätten und Seminare. Zu seinen Veröffentlichungen zählen: El Guerrero y el Espejo (1990) und Señal de Ausencia (1993). Er ist auch als Filmkritiker in verschiedenen Medien Argentiniens und Lateinamerikas tätig.

Auftragsmord-Roman als eine der schönen Künste

Und so begann ich, meinem neuen und alten Herrn zu dienen und ihn abzurichten:
Lazarillo de Tormes, Anonym.

Hier gibt es keine Unschuldigen, alle sind schuldig.
Die Jungfrau der Meuchelmörder. Fernando Vallejo.

Sag diesem Hurensohn dass er schon nach Formol riecht.
Rosario Tijeras. Jorge Francio Ramos.

Das rote Motorrad wich Schwindel erregend schnell ein paar Autos aus und kam dem weißen Mercedes Benz gefährlich nah. Iván Darío Guisao Álvarez, ein jugendlicher aus Antioquia, feuerte die fünfund-zwanzig Schuss Munition aus seiner Maschinenpistole Ingram Kaliber 45 gegen die Heckscheibe des Auots ab.
Einige Meter weiter sollte der junge Mann durch einen Aufprall seines Kopfs auf den Asphalt sterben, als er beim Versuch, seine Verfolger mittels einer Splittergranate abzuhängen, das Gleichgewicht ver-lor und stürzte. Das Motorrad lenkte sein Parcero, selbst ein jugendlicher Paisa, Byron de Jesús Arenas.
An jenem Montagabend des 30. Aprils 1984 war gerade im eleganten Norden Bogotás mit sieben jeder fünfundzwanzig Kugeln der Justizminister Rodrigo Lara Bonilla erschossen worden, der neun Monate zuvor vom Präsidenten Belisario Betancur ernannt worden war. Lara Bonilla kämpfte einen ungleichen Kampf gegen die großen Drogenkartelle.
Iván Darío Guisao Álvarez erfuhr nie die Konsequenzen seiner Tat: er hatte, erstmalig in der gewalt-samen Geschichte Kolumbiens, einen Minister erschossen. Diese Tatsache zwang Präsident Betancur, sich ernsthaft Mühe zu geben beim Kreuzzug gegen die "Kokainritter", die schließlich ein pathetisches und wenig ehrenvolles Rückzugsgefecht liefern sollten. Dies macht das Foto vom 2. Dezember 1993 deutlich, wo der einst allmächtige Pablo Escobar Gaviria von Kugeln durchlöchert auf einem bescheidenen Dach erscheint, eher einem Hühnerdieb gleich denn einem Drogenboss. Iván Darío, dieser Analpha-bet, der als Liturgie des Überlebens abzudrücken gelernt hatte, gewiss Analphabet, herausgerissen und zugleich ausgestoßen aus der Armut der nordöstlichen Slums von Medellín, der weder in den groß-artigen José Asunción Silva, noch in Mutis, noch in García Márquez, noch in den Meister León de Greiff eingegangen war, oder in einen Man, alles in Ordnung als Profirio Barba Jacob, sollte seltsamer Weise im Land des Magischen Realismus - wo die Literatur, der Fußball und der Vallenato die Allerheiligste Dreieinigkeit bilden - der Schaffung einer literarischen Gattung beiwohnen: der Auftragsmord-Erzählung, wie sie der kolumbianische Schriftsteller Héctor Abad Faciolince in seinem Artikel "Ästhe-tik und Drogenhandel" nannte.
Zweifellos beruht die Bezeichnung Abad Faciolinces auf den komplexen Situationen im Spanien des 16. und 17. Jahrhunderts, die dem krisengeschüttelten Medellín der letzten zwanzig Jahre des 20. Jahr-hunderts ähnlich sind, als der Arme als einzige Möglichkeit, zu überleben, zur Schurkerei greifen musste, was außer zu stehlen beinhaltete, sich bei den Neureichen, die der Drogenhandel hervorbrach-te, zu verdingen.
Der Mord an Lara Bonilla, für den Pablo Escobar 500 Millionen kolumbianischer Pesos gezahlt hatte, sollte nachgeahmt werden, um weitere Tausende Kolumbianer auszuradieren, seien sie nun verantwortlich oder nicht für die Zustände: der Präsidentschaftskandidat Luis Carlos Galán, Guillermo Cano Isaza, Direktor des El Espectador, Richter, Journalisten, Beamte wurden von Tausenden gedungener Mörder handwerklich hingerichtet, die nach der Art des kleinen Iván Darío eines Tages auf den Plan traten. Ich sage handwerklich, weil der Drogenhandel zwischen 1989 und 1993 in verschiedenen Städten Kolumbiens hundertzwanzig Autobomben hochgehen ließ und dadurch das Land, das dem Herzen Jesu geweiht ist, ausbluten ließen, indem sie es mit Leichen, Verletzten und Verstümmelten in industriellen Ausmaßen übersäten.
In den Achtziger Jahren tümmelten sich in Medellín jene feinen Herren, bei denen man sich verdingen konnte, mit den Taschen übervoll von Dollars, um alle nötigen Leben zu kaufen. Die Kartelle, gezwungen, sich ihrer Feinde laufend zu entledigen, schufen oder erfanden das alte Handwerk des römischen Sicarius neu, junge Mörder gegen Sold, die mit der Sica oder Spitze ihres Dolchs töteten.
Die großen Bosse warben Jugendliche ohne Zukunft aus den Slums von Carambolas, Santo Domingo, Manrique Oriental, La Francia, Buenos Aires, La Independencia, San Michel und San Javier an. Jugend-liche ohne Arbeit und ohne Schulbildung, die sich zwischen Gässchen, engen Passagen, Sackgassen, Hohlwegen, Treppen und Hütten aus rötlichem Lehm zusammen rotteten, die ein Labyrinth darstellen dank der unaufhaltsamen Wellen interner Flüchtlinge, die aus den Regionen von Urabá, Bajo Cauca und Magdalena Medio zuzogen, wo die Guerrilla, das Heer, die Drogenhändler und die Paramilitärs sich ei-nen Krieg liefern, der nicht mehr an der Peripherie bleibt sondern sich in die Zentren verlagert.
Von jenen Jahren bis in unsere heutigen Tage starben als Folge von bewaffneten Auseinandersetzun-gen 45.000 Jugendliche zwischen 14 und 26 Jahren in der Stadt. Zwischen 1991 und 1992 verzeichnete Medellín nach dem Rat für Frieden und Zusammenleben die höchste Mordrate, 444 pro 100.000 Einwohner.
Pablo Escobar, der in den 1980er Jahren einer der zehn reichsten Menschen der Welt war, zeichnete für über fünftausend Morde verantwortlich, die von an die neunzig Todesschwadronen ausgeübt wur-den. Es gab Mordopfer Pablo Escobars, an denen hundertzwanzig Einschüsse gezählt wurden, natürlich waren dies sehr wichtige Tote.
Damals bekamen Jugendliche wie Iván Darío Guisao Álvarez dafür, dass sie ein Händchen brachen - jemanden umlegten Kleidung, ein Haus für die Mama, Kühlschränke, Fernseher; die Mama gut zu versorgen.
Die Verschmelzung Mutter - Jungfrau ist dem Meuchelmörder heilig, ist ein Synonym für die Liebe, die Hingabe und das Unglück, da die Mehrheit dieser Jugendlichen aus Verhältnissen stammen, wo der Va-ter aus dem einen oder anderen Grund abwesend ist.
Die Kühlschränke kletterten in derselben Geschwindigkeit die Hänge über die gewundenen Gassen der Slums hinauf wie die Särge hinunter getragen wurden, mit Leben, die erloschen, noch bevor sie das achtzehnte Lebensjahr erreichte hatten. Zu den Seuchen, Epidemien, Durchfällen, der Unterernährung, die den Kindern und Jugendlichen der nordöstlichen Slums zusetzten, kam das Unwesen des Auf-tragsmords hinzu, des offenen Kriegs zwischen Drogenhandel und Staat und den rivalisierenden Ban-den.
Diese wahre Kultur des Todes brachte ihre eigenen Riten hervor, die auf den bäuerlichen Traditionen und der List beruhten. Diese jungen Menschen klammerten sich an beinahe urtümliche Formen der Frömmigkeit. Die Anrufungen beginnen am Morgen, wenn sie die Kugeln in Weihwasser kochen, um dann mit ihnen ihre Waffen zu laden, und wenn sie dem Marienbild die eine oder andere darbieten, wenn sie ihre Pistolen laden, zünden sie eine Kerze an und murmeln das Gebet des Heiligen Richters, der sie vor ihren Feinden beschützt.
Die Hinwendung zur Kirche der Sabaneta, in der die gedungenen Mörder die Schutzmadonna anbeten, welche treffsicher Gott selbst ersetzt. Ihre Anbetung der Jungfrau Maria führt sie an Dienstagen auf turbulente Pilgerschaften, die mehr als einmal in großen Kugelhageln und mit Toten, die den Weg säumen, enden. Sie gehen sie anflehen, ihnen bei ihren Morden beizustehen, vielleicht gehen sie beichten, weil sie sich schämen, gegen ihre Mutter gefehlt zu haben, aber sie zeigen keine Gefühlsregung angesichts der Toten, die sie auf dem Gewissen oder auf irgend einer anderen Stelle ihrer Anatomie haben.
Sie danken der Jungfrau Maria für eine gut ausgeführte Arbeit und dafür, dass sie den Man mit nur einem kleinen Schuss umlegten. Ihren Leib panzern sie mit Skapularen an den empfindlichen Stellen des gedungenen Mörders: dem Herzen, das fühlt, dem Arm der schießt, und dem Fuß, der läuft und auf des Motorrad tritt.
Diese Elemente sind es, aus denen der große Fernando Vallejo den Roman Die Jungfrau der Meuchel-mörder (1994) aufbaut und Jorge Franco Ramos Rosario Tijeras (1999), beide Schriftsteller aus Me-dellín, um nähere Angaben zu machen, gleichsam um die Nationalität der Meuchelmörder zu bestätigen; und beide Texte wurden mit beträchtlichem Erfolg verfilmt. Romane und Filme sind der Hauptkorpus dieses Subgenres, das von den Schicksalen dieser Tausenden von Jugendlichen begründet wurde, die von den Berghängen herabsteigen mussten, um zu erfahren, dass es ein anderes Leben gibt, sei es auch kurz wie ein Hauch.
Der Erfolg beider Romane legte seine rasche Verfilmung nah. Im Falle der Jungfrau der Meuchelmör-der (2002) stammte der Plan von demjenigen, der letztendlich ihr Regisseur werden sollte, dem Alt-meister Barbet Schroeder, eines wahrhaft internationalen Mannes. Geboren in Teheran (Iran) 1941, von französischer Abstammung und Kultur, mit deutschen Vorfahren und Kindheit in Bogotá, wo er bis zu seinem zwölften Lebensjahr lebte, war er Zeuge von nichts Geringerem als dem Bogotazo vom 9. April 1948, wo er die unmittelbaren Folgen der Ermordung des Anführers der Liberalen, Jorge Eliécer Gaitán, beobachten konnte. Als Schroeder sich schließlich in Paris niederließ, wurde er Produzent und Asistent von Regisseuren wie Jean Luc Godard und Eric Rohmer. Er arbeitete 1986 mit einem anderen großen schismatischen Schriftsteller, Charles Bukowski, für die Filmbearbeitung dessen autobiografi-schen Romans Barfly, mit Mickey Rourke und Faye Dunaway in den Hauptrollen, zusammen. Schroeder lernte das Werk Fernando Vallejos auf einer seiner regelmäßigen Reisen nach Kolumbien kennen, und so kam es, dass er beschloss, es mit Hilfe Vallejos selbst für das Kino zu bearbeiten.
Das Buch und die Verfilmung, die in Medellín gedreht wurde, haben ein atemberaubendes Tempo, das Tempo der leidenschaftlichen und kurzen Begegnungen zwischen Fernando, einem Intellektuellen, den mit dem Autor viel mehr als nur der Vorname verbindet, und Alexis, einem jungen Taxi-boy, der neben-bei als gedungener Mörder arbeitet. Fernando und Alexis gehen eine leidenschaftliche Liebesbeziehung ein, die auch gleichzeitig eine Reise durch die Zeit und Geografie Medellíns ist. Fernando hat die Stadt vor vielen Jahren verlassen, und dieser Weg durch die gewaltsame Drogenwelt stellt er seinen Kind-heitserinnerungen gegenüber, dieselben Straßen sind heute andere Straßen. Fernando spricht mit der Leidenschaft, dem Schmerz und der Liebe des Bilderstürmers Vallejo über Kolumbien und seine nicht nur soziale Problematik, sondern berührt als ernst zu nehmender Intellektueller das ganze breite Spektrum der Realität seines Landes. Gleichzeitig führt ihn Alexis durch ein Labyrinth von Blut; wie ein Cicero führt er ihn in die Kodices des besoldeten Todes und in die natürliche Verachtung für das eigene Leben und das der anderen ein. Quebrar un pelao (einen Geschälten brechen - jemanden umbrin-gen), perder el año (das Jahr verlieren - sterben), ist Teil des Spiels, ist Teil des Zufalls, Kolumbianer zu sein. Man kann auf Befehl des Bosses sterben, aber man kann auch sterben, weil man die Musik zu laut laufen hat, oder weil man die falsche Straße genommen hat.
Fernando ergötzt sich an allen Spielen, in die ihn Alexis einführt, und beobachtet und bestätigt nur seine Theorien über dieses Land, das von "Campesinos, einfachen Leuten, gegründet wurde, die ihre Sitten vom Land mitbrachten, wie, den Rosenkranz zu beten, Schnaps zu trinken, den Nachbarn zu bestehlen, und einander wegen nichtiger Auseinandersetzungen mit dem Nächsten in Kämpfen mit der Machete umzubringen". Aber Alexis wird seine Rolle als gedungener Mörder ausführen und das Jahr verlieren, sollte er es jemals im Leben gewonnen haben. Und Fernando wird in die Arme eines anderen Liebhabers sinken, eines anderen Mörders, eines anderen lebenden Toten, Wílmar, der wie ein jeder von ihnen die Kugel erwartet, die Kolumbien für ihn bereithält.
Barbet Schreoder, vom Kino Víctor Gavirias inspiriert (Víctor Gaviria "Das Marginale als Mittelpunkt", Carátula, Ausgabe Nr. 10, Februar - März 2006), entschied sich dafür, in den Slums selbst, aus denen Tausende gedungener Mörder stammen, Laienschauspieler zu suchen. Die Hauptfigur stellt ein überragender Germán Jaramillo dar, den man nicht losgelöst von der Maske Fernando Vallejos betrachten kann.
Zweifellos stellen Buch und Verfilmung von Rosario Tijeras (1999), dem charakteristischten Werk vom auch aus Antioquia stammenden Jorge Franco Ramos, einen Höhepunkt dieses Subgenres dar, das von anderen Texten und Verfilmungen begleitet wurde. Für das Kino bearbeitet vom Argentinier Marcelo Figueras, erreicht diese kolumbianisch-mexikanisch-spanische Koproduktion zwar nicht das Niveau ei-nes großen Films, aber der mexikanische Jungregisseur Emilio Maillé beglückt uns mit einer wundervol-len Flora Martínez, die all ihre Reize vor der Kamera zur Schau stellt und sich in den Aktszenen in ei-ner gewissen Perversion ergeht, wenn wir nicht unterstellen und glauben wollen, dass diese Aktszenen eher kommerziell und Effekt haschend denn künstlerisch seien. Die Liste wird vom Kolumbianer Manolo Cardona und dem Spanier Unax Ugalde vervollständigt.
Trotz allem verläuft der Film Rosario Tijeras im rasenden Tempo des Medellín der Achtziger Jahre, als einige zu schrecklich schnellem Geld kamen. Die Geschichte beginnt mit Rosario, die eine Notauf-nahme mit Blut bespritzt, verletzt von einem früheren Liebhaber, in den Armen eines Mannes, von dem wir später erfahren, dass er ein schüchterner und ferner Verliebter ist, aber glühend, wie seinesglei-chen sind. Ab dieser Wartezeit, wo Rosario jeden Moment einen Kampf um Leben und Tod austrägt, entwickelt sich die Geschichte der schönen Mörderin, von der gesagt wird, sie habe über zweihundert Menschen getötet, sie habe Backenzähne aus Gold, sie kassiere für einen Toten eine Million und für einen Fick eine Million einhundert Tausend, sie möge Frauen, sie pinkle im Stehen und sie habe dem Teufel ein Kind geboren.
Rosario verdankt ihren verletzenden Nachnamen (Schere) der Tatsache, dass sie sich mit diesem Ge-rät rächte, als ein Liebhaber ihrer Mutter sie als Kind vergewaltigte. Ihr Bruder Johnefe, das einzige Wesen auf Erden, den Rosario lieben würde können, führt sie in die Welt der Drogenhändler ein, die bald nicht nur ihre Gaben als Geliebte bemerken wollten, sondern auch, dass ihr die einer Mörderin in überreichem Maße gegeben sind.
Gleich wie Maillé nützt auch Franco Ramos die Gelegenheit, das ganze Inventar an Ritualen des Auf-tragsmordes auszubreiten, die Anrufungen, die Kerzen, die Skapulare, die angebeteten Kugeln, das Gebet zum Guten Richter. Und auch die Exzesse, die den Mördern durch den Kontrollverlust durch Geld und Straflosigkeit eingeflößt werden.
Johnefe, klarerweise auch Mörder, stirbt in einem Attentat und wird mitten in der Totenwache auf Vergnügungstour mitgenommen, in seine Lieblingsdisco, wo ein Mädchen nackt für ihn tanzt, wo sie ihm Marihuana und Alkohol einflößen, wo sie verzweifelt versuchen, das Leben weitergehen zu lassen, auch wenn er tot ist. Am Leben nach der Tour und dem Begräbnis, wo sie nicht von den Ehrensalven Abstand nehmen, den mexikanischen Corridos, und wo sie den Sarg mit Rum und Marihuana begießen. Um die Szene zu vervollständigen, sieht man Rosario, die mit einigen Parceros die Totenwache des Mörders von Johefe überfällt, der schon das Jahr verloren hat. Als sie die Situation im Griff hat, exekutiert Rosario Tijeras den Toten mit mehreren Schüssen auf de Sarg. Obwohl er schon tot ist, muss Rosario ihn umbringen.
Diese Szenen, die dieser Realität des Wahnsinns und Missbrauchs entnommen sind, sind vielleicht die unglaubwürdigsten, und da häufen sich auch die großen Fehler sowohl des Buchs als auch des Films: nicht verstanden zu haben, dass das Leben übertreibt, und dass die Übertragung auf einen Film oder auf Papier von so wenig glaubhaften Situationen uns schnell von der Geschichte distanziert, selbst wenn man weiß, dass es so war oder so gewesen sein kann. Trotz allem verdienen sowohl der Film als auch das Buch, gesehen bzw. gelesen zu werden.
Mit dem Tod seines obersten Bosses, Pablo Escobars, am 2. Dezember 1993 begann der Niedergang des Phänomens des Auftragsmörders. Jener Mann, der aus vollen Händen Arbeit vergab, lag auf einem Dach, tot, wie er Tausende zu töten befohlen hatte, tot, wie er es wohl Tausend Mal geträumt haben musste. Pablo Escobar Gavira, der Teufel für viele, ein Heiliger für andere, brachte ein Phänomen hervor, das wegen seiner Grausamkeit, Jugend und Tödlichkeit in der Welt nicht seinesgleichen hat: den Auftragsmörder. Und diese Institution brachte eine Epik hervor, die sich in einem Dutzend Romanen und etlichen Filmen niederschlug, die ihn thematisiert oder am Rande berührt, wie Angosta (2003) des Schriftstellers Héctor Abad Faciolince oder Die Leute von der Universal (1995) des Filmemachers Felipe Aljure. Vielleicht ist der Auftragsmord-Roman, wie der Ritterroman, ohne einen Don Quijote, der dieses Genre abschließt, bescheiden untergegangen. Wie man so sagt, Ist der Heilige erst tot, ist es mit dem Wunder zu Ende.

Übersetzung: Ulrike ZOMORRODIAN-SANTNER

Adresse: Montevideo 1980 7ºA, (1021) Buenos Aires - ARGENTINIEN
E-Mail
: guadicalvo@ciudad.com.ar

Erzählkunst 
Mónica Russomanno

Chroniken - Mónica Russomanno

Mónica Russomanno wurde am 7. April 1966 in Santa Fe, Argentinien geboren. Neben ihrer Tätigkeit als Professorin für Visuelle Kunst widmet sie sich dem Schreiben. Ihre Texte wurden in verschiedenen Zeitungen wie "La Nación" in Buenos Aires, "Hoy en la Noticia" und "El Litoral" in Santa Fe, "Ideas" in Cuba und die Zeitschrift "Etcétera" in Zaragoza. Sie erhielt etliche Preise bei Literaturwettbewerben der Universidad Nacional del Litoral, dem Wettbewerb "Nitecuento" des Verlages Mizares (Barcelona) und auch bei dem Verlag "Nuevo Ser" (Buenos Aires). Sie schreibt für die Kulturzeitschrift "El Arca del Sur" und für die Internet-Magazine "Inventiva Social", "La Máquina de escribir", "Página 1" und die Internetzeitschrift "La Unión". Sie verfasste Drehbücher für die Videoproduktionen "El gueto de Varsovia", "90 años de radio LT9", "Relatos de Euskadi" und "El Arca del Sur". Sie ist Jurymitglied für von der Kulturvereinigung "El Puente" veranstaltete Literaturwettbewerbe für Jugendliche und nimmt häu-fig an organisierten Treffen zwischen Jugendlichen und Schriftstellern teil.

Chroniken

DIE FREIEN KÄFIGE

Es kann vorkommen, dass man sich auf eine Brüstung im Parque del Sur setzt, und dass neben einem eine Person ist, in deren Augen sich der Himmel widerspiegelt. Und es kann außerdem vorkommen, dass jemand, anstatt sich der Lektüre des Buches zu widmen, das auf dem Gras ruht, in Stille andächtig die Vögel und ihre Flugvarianten beobachtet. Es beschert einem nicht immer die vollkommene Glückseligkeit, aber nehmen wir für dieses eine Mal an, dass der Baum über den Köpfen sich aus kleinen, herab fallenden Blüten zusammensetzt, wie kleine, gelbe Staubwedel, und dass diese Farbe genau mit derje-nigen, meiner Hose übereinstimmt, die auf diese Weise mit der Baumkrone und dem Himmel ver-schmilzt, den man durch die Blätter sehen kann.
Und an diesem ruhigen Nachmittag kann es sein, dass man sich der Faszination hingibt, das Hüpfen der Spatzen zu beobachten, das uns daran erinnert, dass diese Vögelchen vollkommen frei sind, und dass diese Tatsache die eigenwillige, menschliche Angewohnheit verhindert, die Schönheit einsperren zu wollen.
So taucht in der süßen Trägheit die müßige Frage darüber auf, welche Größe ein Käfig haben müsste, um einem Spatz die Illusion der Freiheit zu vermitteln, so dass er daran gehindert wird, an das Gitter zu prallen.
Er sollte exakte Abmessung haben, einen kubischen, berechenbaren, genauen Raum, der das Gefühl von Freiheit entstehen lässt.
Es wird dann unvermeidbar passieren, dass man umherblickt, dass man über die verborgenen Ketten nachdenkt und über die unsichtbaren Fesseln, aus denen der eigene Käfig gemacht ist. Zweifelsohne wird man still seine Brüderchen, die Spatzen, grüßen und melancholisch die Zugvögel beneiden, deren Käfige vielleicht eng, aber wenigstens lang sind.


AUSSIEBEN

Mar del Plata. Es ist Jänner. Die jährliche Invasion der Badegäste. Wir Touristen bewegen uns in Massen. Wir bewegen uns in farbenfrohen Gruppen fort. Wir bleiben vor Ampeln stehen oder wir trotzen den Autos, darauf vertrauend, dass sich die Autofahrer ängstigen angesichts der Menschenmassen, die mit Sonnenschirmen, Taschen, Thermosflaschen, Strandmatten, zerschmelzenden Sandwichs und quengelnden Kindern beladen sind.
Wir bewegen uns (mit Verlaub) wie die Schafe. Der Vergleich drängt sich auf, denn von weitem sind die Stimmen, das Weinen und das Gelächter nicht zu unterscheiden und gleichen einem kaleidoskopischen Blöken. Vom Hotelzimmer aus glaubt man das Rauschen des Meeres zu hören, aber in Wirklichkeit ist es der unaufhörliche Lärm, der wie eine Sturzflut anbrandet, die fließt und die sich vereinigt, die an-schlägt und sich zurückzieht und steigt und steigt und nicht aufhört und keine Ruhe findet. Aufsteigende Fluten wie klingender Rauch, eine Wolke bestehend aus tausenden Stimmen, die das Meer imitie-ren.
Alles wird verkauft. Genauso wie in der Grotte von Lourdes, wo die Krippe nur funktioniert, wenn man eine Münze in den Schlitz wirft. Erst dann schweben die Engel den Wänden entlang nach oben oder die Burgen werden beleuchtet. Die lebenden Statuen erwachen durch Geld zum Leben, die Straßenkünstler jonglieren mit ihren Fackeln für Geld, die Geschichtenerzähler geben ihre Witze zum Besten, die Sän-ger mit den verschlissenen Mikrofonen schreien sich die Lunge aus dem Hals für Geld, die aggressiven Zigeunerinnen verwünschen einen für nicht gegebene Münzen, die Alten ohne Arm bewegen ihre Dosen hin und her, die Autoaufpasser wirbeln mit gelben Fetzen herum, während sie mit heiserer Stimme ihre Dienste anbieten. Die Maiskolben kommen aus dem kochenden Wasser, die Flugzeuge ziehen ihre Wer-bebanner durch die Luft, der Alfajor wird aus seinen Träumen und aus dem Regal geholt, der blau- rosa oder violette Seehund dreht Pirouetten, bevor er sich als Geschenk in der Tasche ausruhen darf.
Alles für Geld.
Ich fühle, wie sich der Boden hin und her bewegt, dass sich der Boden der ganzen Stadt unaufhörlich hin und her bewegt und dabei das Geld, das aus den offenen Taschen heraus gefallen ist, aussiebt. Und die Münzen fallen und fallen und fallen durch das Sieb. Vielleicht stehe ich bald einmal auf einem Platz vor einer Statue des Heiligen Martin und suche, ohne mir dessen bewusst zu sein, einen Hut, eine Sparbüchse, irgendeinen Schlitz, wo ich eine Münze hineinstecken könnte, damit er sich bewegt und mich mit dem Schwert grüßt.


DER PUNISCHE FLUCH

Cato beendete all seine Reden, indem er daran erinnerte, dass man Karthago vernichten müsste. Scipio hingegen sagte, dass sich die Pracht Roms, dank des Gegenpols, der die Existenz einer anderen großen Nation förderte, behaupten konnte. Ohne einen Widersacher scheitert das ganze Imperium an seiner Selbstgefälligkeit und fällt in sich zusammen. Sein eigenes Gewicht erdrückt es.
Ich frage mich, ob wir nicht wieder an ein und demselben historischen Scheideweg stehen. Rom, um den Krieg zu rechtfertigen, verteufelte den Feind und erschuf die Mythen, die dem Hass Platz schu-fen. Vorsätzlich gab man Virgil den Auftrag, für immer die Geschichte der punischen Jungfrau, die von einem jungen Römer verschmäht wurde, zu erzählen. Die gesamte Gesellschaft reduzierte sich auf eine abgewiesene Frau, die sich unbesonnen in einen Rachefeldzug stürzte, der verhindert werden sollte. Ein schwacher, verachtenswerter Rivale, aber gefährlich wegen seiner unerbittlichen Wut und der Torheit.
Es hat den Anschein, als ob sich die Geschichte gerne wiederholte, oder die menschliche Natur unver-änderlich wäre. Immer ist der andere grausam, und uns bleibt kein anderes Mittel, als ihn vom Ange-sicht der Erde zu beseitigen, da jeglicher Dialog unmöglich wäre. Und wenn der andere nicht grausam ist, verwenden wir die Vorstellungskraft, oder stoßen ihn ein bisschen an, damit er Gräueltaten begeht.
Cato sagte auch, dass die Karthager orientalisch und somit pervers und dunkel wären und düstere Angewohnheiten besaßen. Dass es ihnen nicht zustand, sich in zivilisierten Gegenden aufzuhalten. Dabei vergaß er, dass Karthago bereits 800 Jahre lang existierte, und dass die Römer Nutzen aus dem Stadtmodell und den Landwirtschaftsmethoden ziehen konnten, die sie weiterentwickelt hatten. Aber sie waren Barbaren mit fremden Göttern, die nicht ganz so angemessen waren, wie etwa das römische Pantheon mit seinen Familien von Göttern und Göttinnen, die sich redlich bemühten, wie warnende Vorzeichen einer schlechten Telenovela zu erscheinen.
Waren die Karthager gut und die Römer niederträchtig? Diese Frage aufzuwerfen ist blauäugig. Ich frage auch nicht, und es hat auch keinen Sinn das zu fragen, ob es besser gewesen wäre, wenn letzt-endlich Karthago Rom besiegt hätte.
Aber über Rom lastete der punische Fluch; der furchtbare Fleck, seinen Gegner vernichtet zu haben, indem er seine Stadt verbrannt, die Einwohner ermordet, die Mauern mit einer enormen Anstrengung und Wirksamkeit niedergerissen und die Erinnerung an seine Kultur ausgelöscht hatte. Der punische Fluch lastete auf Rom.
Was ich mich nun frage ist, ob es wirklich notwendig ist, die Flüche über uns zu erneuern; ob wir nicht letztendlich dem Schicksal entfliehen können, Verfluchungen aufzuerlegen, den Zorn der Götter auf uns zu ziehen, Jahrhundert um Jahrhundert die Schande zu tragen, indem man die Vernichtung erneu-ert.
In der Zwischenzeit beenden die Redner jede Ansprache, indem sie daran erinnern, dass es wirklich notwendig ist, Karthago zu vernichten.


IL LUPO CANE

Ein romantischer Ausdruck für den sich neigenden Tag, für diese kurze Zeit der Dämmerung, in der die Silhouetten eines Wolfes und eines Hundes nicht zu unterscheiden sind. Die Stunde des lupo cane. Man sieht nur die Umrisse der Dinge, man verwechselt sie. Man errät nicht ihr Schicksal, ihr Wesen.
Zu Halloween hing eine Vogelscheuche von einem Baum. Die Passanten lachten auf Englisch, trugen ihre Hexenhüte, ihre Plastikzähne, ihre dämonischen Verkleidungen zur Schau. Es vergingen Stunden bis jemand mit Schrecken feststellte, dass es sich in Wahrheit um einen Erhängten handelte. Die Stunde des lupo cane.
Es kommt der Präsident des Imperiums. Mit seinem Gefolge und seinen Höflingen kommt Bush, mit seinem eigenen Essen und dem Wasser, das er trinken muss.
Als Repräsentant des Westens kommt Bush, mit Fahnen und Reden, mit einem Lächeln für die Öffent-lichkeit und mit Handschuhen.
Und ich sehe einen Wolf, ich sehe einen Wolf. Man sagt mir, es ist ein Haushund, der die Grenzen des bewohnbaren Raums bewacht, der für Sicherheit sorgt, für Frieden, der den Terror vertreibt.
Dies ist die Stunde des lupo cane. Ich sehe einen Wolf.

Übersetzungen: Barbara BRÜCKL, Ulrich KIRCHMAYR, Claudia REICH

Adresse: Lisandro de la Torre 2850, (3000) Santa Fe - ARGENTINIEN
E-Mail: russomannomonica@hotmail.com

Österreich 
Gerda Steingruber-Schaffler

Gedichte - Gerda Steingruber-Schaffler

Gerda STEINGRUBER-SCHAFFLER, Lehrerin, Schriftsteller und Malerin. geboren 1938 in Linz an der Donau, mit Wohnhaft in Salzburg.
Veröffentlichungen: Lyrik und Prosa in Anthologien des Österreichischen Autorenverbandes, Wien.
Eigene Lyrikbände: Maweli (1995), Lankadiva (2001), Amarant (2007), alle im Verlag Arthur Göttert, Diepenau (D).

Gedichte

SARDINIEN

Puls
aus der
Tiefe
brachte
dem freien Gehör

Flüchtiger
Umtrieb
fühlte
sich hin
in des
Mondenen
Fest

Nächte
sind Großes
und außer
den Himmeln
fließen sie
fern


MÄRKTE IN ACCRA

Gebündeltes
schmeichelt
der Furchen
Gefühle
sonst
nichts

Dunkel
und
Frauen
verweilen
in schmerzlichen
nah


FERN

Bäumen
entflohen
führte
die Fährte
in Kälte
hinaus

Monde
erfühlten
Einfalt
als Zugwind
zum jetzt

Spannte
ein Helles
Schritte
zur Ferne
Es fiel

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