Statistik Statistik Galerie Sitemap
XICöATL: Ausgabe 83
INHALT:
>> Download XICöATL Nr. 83
Gedichte - Mario Markus
Mario Markus (Santiago de Chile,1944), Physiker, Dichter, literarischer Übersetzer, Rezitator und bildender Künstler. Promotion in Heidelberg. Zurzeit leitet er eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe am Max-Planck-Institut in Dortmund, und ist Professor an der dortigen Universität. Er veröffentlichte über 150 wissenschaftliche Artikel in internationalen Zeitschriften. In seinem Buch "Charts for prediction and chance" (Imperial College Press, Londres, 2007) fließen bildende Kunst und Naturwissenschaft zusammen; es wurde in England zum Buch des Monats nominiert. Sein Zukunftsroman "Bilis Negra" wurde zu einem erfolgreichen Comic adaptiert (J.C. Sáez, Chile, 2006). Gedichtsbände: Poemas de Invierno (Betania, Madrid, 1990) und Punzadas (LOM, Chile, 2007). Die CD "Poesía latinoamericana" (Sello Alerce, Chile, 2004) wurde von ihm in zahlreichen Rezitationen in Mexico, Spanien, Perú, Ecuador, Argentinien, Bolivien und Chile vorgestellt. Er gewann einen Wettbewerb der chilenischen Regierung; daraus entstand ein zweisprachiges CD-Buch (Gedichte aus Chile - Poesía chilena, DIRAC, Chile, 2005) mit seinen Übersetzungen.
Gedichte
DER SCHNEE IST MEIN LEHRER
Ein Meter Schnee auf der Strasse: festes Hindernis auf dem Weg. Nun scheint die Sonne: es war bloss Wasser. Auf Jupiter werden wir zu Eis, und die Luft wird zu Eis. Auf der Venus sind wir Luft. Was sind wir wo? Der Schnee ist mein Lehrer.
ICH BRAUCHE EINEN NOTAR
Ich vergesse Träume. Ich vergesse Verse. Und ich werde mein Leben vergessen. Wie kann ich dies alles fest halten? Ich brauche einen Notar. Einer, der wenn ich tot bin, mir den Wein vorliest, der jetzt meine Kehle streichelt.
GOTT UND SELBSTMÖRDER
Übermenschlicher Henker meiner Stunden, meiner Habe. Schicksal, treu und fortgeschoben, das mich tötet und beschützt. Sei dir sicher: du bist ich. Du bist noch da, weil ich es will.
ARS POETICA II
Siehe da den Dichter. Siehe da die Amsel. Sie spüren Zeichen der Erde, ergreifen Spitzen, zieh'n sie heraus, holen den versteckten Universalwurm, lebend und wallend, aus dem Grase hervor. Als wäre es das einfachste auf der Welt.
ARS POETICA III
Sein Alzheimer entwickelt sich. Seine Dichtkunst entwickelt sich. Es schwinden die funktionellen ängste, der Roboter-Faden, in der Schule eingenäht. Am Tage seines Todes wird sein Hirn ausgereift zu Boden fallen - passende Marmelade für das große Preisgericht. Dann wird man in jener eben genannten Schule das Lernen seiner Verse erzwingen.
AUF DER FAHRT NACH SPANIEN
Zugwechsel in Avignon, zwei Stunden zwischen Norden und Süden. Pflichtgang zum päpstlichen Schloss, ein riesiges Grab, gelb und leer. Ein Kaffee am Boulevard: Zucker, Milch, traurige Miene. Riesengroß erscheint die Sonne. Und kühl. Ein Betrunkener schreit auf der Straße: Die Einsamkeit, die gibt es nicht!
JENSEITS DER BIBEL
Es gibt ein Geheimnis, das größer ist als das menschliche Bewusstsein, größer als das tausendjährige Charisma des Aristoteles oder Christus, größer als der Stolz, Dinge zu besitzen angesichts des wartenden Todes. Es gibt ein größeres Geheimnis: es ist das des Mannes hinter mir im Bus, Kaugummi kauend. Denn es gibt nichts Absurderes als ein Wiederkäuen ohne Grund, nicht einmal mit dem Bewusstsein einer Kuh, ohne Botschaft, ohne Nutzen, ohne Ideal und nicht einmal aus Dummheit: es gibt Genies und Philosophen und Heilige, die Kaugummi kauen. Es gibt kein größeres Geheimnis! Der Mann hinter mir im Bus wirft seinen Schatten über alle Geheimnisse dieser Erde. Er besiegt sie, er hebt sie auf. Er triumphiert über Christus und Aristoteles und über mich. Ich gebe mich geschlagen und steige aus dem Bus.
DAS ENDE
Diese Motte fliegt herum, als hätte sie die Welt entdeckt. Ich bewege mich, als wollte ich sagen: es ist spät, es ist Zeit zu sterben. Sie lässt sich auf den Seiten des geöffneten Buches nieder. Ich schließe es. Ihr Körper, verunstaltet, zeigt sich nun im Buch als letzter Vers.
DER ZWIEBELPENIS
Die Frau, über die ich hier berichte, begab sich auf die Halbinsel. Der Traum hatte ihr erzählt, der Gelobte Penis sei in jenem Land zu finden. Der Mann, den sie erwählte, umarmte sie nackt. Sie nahm seinen Penis und zog die Vorhaut zurück. Ihr Herz zitterte. Unter der Vorhaut war noch eine und noch eine und noch eine weitere. Bis sie vom Erb-Traum erwachte. In der gierigen Hand blieb nichts.
CHILE
Es gibt Länder wie Tee: es schwimmt eine Fliege drauf und sofort wird man böse. In diesem Land, dagegen, gibt es so viele Fliegen, Wespen, Schmetterlinge, hundert Gesellschaftsschichten, die welche sind oder auch nicht. Wie das Blut, jener Dschungel aus schwimmenden Zellen. Antigene. Antikörper. Taxifahrer, die Bach hören. Unternehmer, die auf dem Gehsteig spucken. Es ist ein steiniges Land, verworren. Aber es ist auch verträglich. Wie der Tee und die Fliege.
DIE SPINNWEBERIN
Aus der Einsamkeit kommen manchmal schwarze Fäden hervor. Folgt man ihnen in den Gassen, vermengen sie sich mit der Nacht. Man sagt, es sei besser, nicht mit ihnen zu spielen, denn an einem Ende tragen sie Gift und am anderen den blinden Schwanz der Schlange. Man sagt auch, es gäbe eine Spinnweberin. Sie spinnt weiße Fäden, aus Seide, und lebt nicht in den Gassen, wo die Huren wohnen. Ich ging hinaus, die Spinnweberin zu suchen, doch gleich, wie ich suche und suche, ich finde nur schwarze Fäden.
IN DER NÄHE VON TSCHERNOBYL (MINSK, 1999)
Die Spinne in der Ecke des Zimmers im Hotel, sie fordert ihren Platz im Kosmos. Selbstbeherrscht, geduldig, holt sie die Sterne herbei, ins Zimmer, zu uns, in die Welt, in den bösartigen Knoten Inessas. Dort. Dort in jenem Zimmer fordert der Krebs seinen Platz im Kosmos, so ungeduldig, dass er in diesen Raum nicht passt und nicht in uns hinein, und wirft die Sterne zurück an den Ort, den man nicht versteht.
GLEICHUNG
Die Einwohner der Insel pflegten ihre eigenen Gräber bevor sie starben. So lösten sie die Gleichung des Todes davor und des Lebens danach.
EVANGELIUM
Diese Katze hat Notausgänge: Röhrchen, die sie zur nicht-Katze führen, die Unterschiede zu meinem Haus überwindend. Sie entspringen meinem Gebet: "Röhrchen unser, der du bist in der Katze." Dieses Wunder hat keiner gesehen, - eine riesige Brücke nur wenige Meter lang aber ich glaube daran und das rettet uns: mich und die Katze.
TABULA RASA
Ich sage: - Bitte zahlen! Man wischt den Tisch ab. Mit routinierter Miene. Ich habe gerade 'viande vie' geschlemmert. Ich suche nach meinem Gehstock. Mit der gleichen Miene wird man mich abwischen: so ist halt der Tod.
BLUMEN
Überreichliche Stauden hängend von den Balkonen. Aufleuchtende Gestalten von allen Regionen der Erde. Berauschender Wohlgeruch. Unten, auf der Strasse, gehen die Blumen vorbei, Hand in Hand, und staunen: Wie schön sind diese Pimmelmänner hängend von den Balkonen.
KAISERSCHNITT
Und Gott kam herunter mit einer Axt, um Fernseher zu zerschlagen. Aus jedem Apparat kam echtes, weinendes Blut. Und es begann das Leben auf der Erde zum zweiten Mal.
Website: www.mariomarkus.com E-Mail: mario.markus@mpi-dortmund.mpg.de
Tomás Carrasquilla - Harold Alvarado Tenorio
Harold Alvarado Tenorio wurde 1945 in Buga, Kolumbien, geboren. Er studierte Schöne Wissenschaften an der Universidad Complutense in Madrid. Dort erhielt er den Doktortitel. Er ist Professor für lateinamerikanische Literatur und Leiter der Abteilung für Literatur der Nationalen Universität von Kolumbien. Er ist Herausgeber der Lyrikszeitschrift Arquitrave (www.arquitrave.com). Zu seinen Büchern gehören Folgende: Summa del cuerpo, (2002); Fragmentos y despojos, (2002); Literaturas de América Latina, (1995); Ensayos, (1994); Poemas chinos de amor, (1992); La poesía de T.S. Eliot, (1988); Espejo de máscaras, (1987); Una generación desencantada: los poetas colombianos de los años setentas, (1985); Kavafis, (1984), und Cinco poetas españoles de la Generación del Cincuenta, (1980).
Tomás Carrasquilla (1)
Tomás Carrasquilla (Santodomingo, Kolumbien 1858-1940) erhielt 1935, im Alter von 78 Jahren, den Nationalen Literaturpreis. Bis dahin hatte er als Geheimtipp gegolten - vielleicht, weil seine Werke nur in kleinen Auflagen veröffentlicht wurden, die in seiner Region kaum in Umlauf kamen, aber auch, weil sie für die Kritik der Belle Époque - die gerade ihre Blütezeit erlebte - kaum von Interesse waren. Diese widmete sich eher der Beobachtung der Bewegungen der europäischen Welt sowie der Entwick-lungen der Avantgarden als der Entfaltung eines der modernsten Werke, konzipiert als Antwort auf den Exotismus und Kosmopolitismus des Modernismus.
Angesichts des Affektierten, Verdorbenen, Gelehrten und Fremden der Modernisten proklamierte Carrasquilla eine nationale Kunst, die aus den Landschaften, der Physiognomie und den Weltentwürfen Amerikas entstehen sollte. Den Costumbrismo lehnte er ab, weil er ihn für oberflächlich hielt; auch die Romantik in ihren deklamatorischen und übertrieben sentimentalen Aspekten und den Naturalismus mit seinen dunklen und fatalistischen Elementen wies er zurück. Er trat außerdem gegen den seiner Ansicht nach kränkelnden Dekadentismus sowie den exotischen und hermetischen Symbolismus auf. Indem er mit Vergangenheit und Gegenwart brach, schuf Carrasquilla eine Erzählweise, die es ihm gestattete, ein ganzheitliches Bild des Volkes der Region Antioquia zu zeichnen, das in ihm nicht nur seinen her-ausragendsten Künstler sondern vielmehr seinen Schöpfer fand. Carrasquilla zählt wie Rómulo Gallegos, Mariano Azuela oder José Hernández zu den Erfindern von Kulturen, die wir heute als die wahrhafti-gen Repräsentanten jener Barbarei anerkennen, die von Romantikern und Modernisten gleichermaßen abgelehnt wurde, bis der Große Krieg die Illusion zerstörte, dass Europa gegenüber der amerikanischen Rückschrittlichkeit und Gewalt das Prinzip Kultur verkörpere.
In Antioquia, einer extrem konservativen und katholischen Region, boten sich für Carrasquilla die Ge-genstände und Typen zum Entwurf der nationalen Charakteristika des Landes in seiner damaligen Ges-talt. Mit seiner Vision von der Wirklichkeit, die alles andere als sentimental, dafür aber spitz, durch-dringend und nicht selten schmerzhaft war und indem er sich der populären Sprache bediente, zeich-nete er ein Gemälde von Figuren, die dem Leben selbst entrissen waren, Opfer und Mörder in einem Kosmos, der nirgendwo sonst als, im Kolumbien der Bergarbeiter und Maultiertreiber des vergangenen Jahrhunderts existieren konnte, zwischen seinen Gebirgen und Engpässen. Seine Romane und Erzählun-gen beruhen nicht auf komplexen Bauplänen und Handlungsgeflechten, sind aber reich an Charakteren, Menschen einfacher Herkunft, die er in Dörfern und Städten kennen gelernt hatte. Figuren, die eine ganze Palette von Verhaltensweisen, Gesten und Ansichten reflektieren; Figuren, in denen sich das Komische, das Tragische, der Geiz, die Großzügigkeit, der Schweigsame, der Beredte, der Ehrlose, der Ehrenhafte, der Priester, der Bauer, der Reiche, die Doktoren, die Diener, die Arbeiter, die Frauen, die Kinder, jede Gestalt in ihrem eigenen Diskurs, ihrer Färbung, ihrer Besonderheit, ihrem Humor, ihrer Sympathie, ihrer Wahrheit, ihrem Hass und ihrer Liebe treffen.
Carrasquilla bevorzugte unter allen seinen Büchern Salve Regina (1903), von dem er behauptete, es sei der einzige seiner Romane, der ihn vollständig zufrieden stelle. Der Großteil seiner Kurzromane widmet den Figuren eine psychologische Studie mittels autobiografischer Reminiszenzen von moralischen oder populären Prototypen. Blanca (1897) ist beispielsweise ein unschuldiges Mädchen mit seltener spirituel-ler Kraft. Die Heldin aus Salve Regina, menschlich und zerrissen, muss zwischen Liebe und Pflicht wäh-len. Indem er die Tugenden der Objektivität und der Demut überspitzt darstellt, scheint Carrasquilla zu sagen, dass eine Überdosis Stolz, gepaart mit materiellem Reichtum oder einem gewissen sozialen Status, stets selbstzerstörerisch wirkt.
Frutos de mi tierra (1896) porträtiert die sozialen Klassen und studiert die Gier nach Reichtum und ihre Folgen. Carrasquilla, der den künstlerischen Werten dieses seines ersten Romans wenig Bedeutung beimaß, sagte, dass er ihn geschrieben hatte um eine literarische Wette mit einem seiner Freunde ein-zulösen, in der es um die Frage ging, ob es möglich sei, einen Roman mit lokalen Themen zu verfassen oder nicht. Für Rafael Maya "ist er ein Gewebe aus Klatsch, Gerede, Verwicklungen und Lügen, aus dem das übliche Ambiente unserer Provinzstädte besteht. Dort gibt es Neid unter Frauen, Kämpfe zwischen reichen und armen Familien, Eifersüchteleien unzufriedener Nachbarinnen, Bösartigkeiten alleinste-hender Frauen, Prahlereien eitler Gecken, das Getuschel der Dienstmädchen, soziale Kompetenz der Frauen auf der Straße, in der Kirche, auf Festen, ständiges Spionieren durch Schlüssellöcher, Eifer-sucht auf die Verlobten, Neid auf die frisch Verheirateten, Genugtuung über den wirtschaftlichen Misserfolg des Nächsten, geheucheltes Mitleid etc. Darauf kann der Roman reduziert werden, abseits vom Genuss eines einfachen Handlungsaufbaus, das aber - ohne im geringsten romanhaft zu sein - mit Begabung und wachsendem Interesse vorangetrieben wird.
Ähnliches ließe sich vielleicht über Grandeza (1910) sagen, in dessen Prolog Carrasquilla sagt, dass er Charaktere schaffen wollte, es ihm aber lediglich gelungen sei, Typen zu entwerfen. In diesem Roman diskutiert er die desaströsen Effekte der Klatschsucht und porträtiert die Feine Gesellschaft anhand ihrer Feste, Pferderennen, Eitelkeiten, sozialen Ansprüche, des Trinkens, des Spiels, der verschiede-nen Liebschaften und der allgemeinen Scheinheiligkeit.
Obwohl La marquesa de Yolombó (1928) nie ein populärer Roman war, ist er Carrasquillas bester Text. Es handelt sich um einen "historischen" Roman, der ungefähr im 18. Jh. spielt. Die Ereignisse und die Chronologie wurden verändert, denn dabei, so der Autor selbst, "handelt es sich um nichts anderes als eine Mutmaßung jener Epoche und der Menschen, die sie durchlebten".
San Lorenzo de Yolombó, einst ein menschenleerer Ort, jetzt aber durch die Goldminen zu Reichtum gelangt, zählt zu seinen angesehensten Familien jene von Don Pedro Caballero, dem Oberbürgermeister, sowie jene von Don José María Moreno, dessen Sohn Vicente Don Pedros Tochter María heiratet. Ca-balleros andere Tochter, Bárbara, ist die typische Heldin Carrasquillas, die sich in den falschen Mann verliebt und die Konsequenzen dafür tragen muss. Bárbara et magistra, sie bringt sich selbst Lesen und Schreiben bei, gründet Schulen und setzt sich für das Wohlergehen ihrer Region mit einer Vielzahl von karitativen und erzieherischen Aktivitäten ein. Wegen ihrer Hingabe zum spanischen Thron wird ihr von Karl IV. der Titel der Marquise verliehen. Dieser Erfolg scheint aber ein Unglück mit sich zu bringen, da sie zum Opfer Fernando de Orellanos wird, eines Vertrauten, den sie heiratet und der sie dann verlässt. Bárbara verliert vorübergehend ihre geistige Gesundheit sowie ihren Titel mit dem wachsenden Einfluss der revolutionären Ideen aus Frankreich. Für Antonio Curcio Altamar "ist dieser Charakter der Doña Bárbara jene Figur, die am vollständigsten und detailreichsten von dem Autor aus Antioquia strukturiert wurde, der, wie man zugeben muss, viel mehr ein exquisiter Milieumaler mit ei-ner erstaunlichen Sensibilität für das Kollektive als ein Schöpfer unvergesslicher Figuren war."
Sie wird wieder gesund und stirbt im Alter. Carrasquilla porträtiert ebenfalls meisterhaft Rosalía, Pedros Frau, und seinen Schwager sowie einige unerfahrene Neulinge und eine große Anzahl authenti-scher Einheimischer, während er für den Leser ein räumliches und zeitliches Bild der Epoche mit ihren Taufen, Prozessionen, religiösen Festen, der Mythologie und dem Aberglauben, der Musik, den Tänzen, den sozialen und wirtschaftlichen Faktoren - die hier vor allem mit der Goldindustrie verbunden sind -, dem Alltagsleben der Schwarzen, der Bauern, der Dienerschaft, der Einheimischen und der Arbeiter bei der Arbeit und beim Spiel entwirft.
Sein letzter Roman, Hace tiempos (1935), ist gleichzeitig sein literarisches Testament und scheint weniger Fiktion als Autobiografie zu sein. Das Buch besteht aus drei Bänden. "Por aguas y pedregones" beschreibt anhand der Figur Eloy Gamboa seine Kindheit, die Freunde, die Eltern, das Haus und die Straßen sowie den Aberglauben und die sozialen Bedingungen der Region dieser Zeit. "Por montes y cañadas" und "Del monte a la ciudad" befassen sich mit den Konflikten zwischen Liberalen und Konser-vativen, dem Bildungssystem, dem Leben der Bergarbeiter, den Rückzug aus der äußeren Welt und E-loys spirituellen und intellektuellen Werdegang. In diesem Roman, in dem mehr als 150 Personen auf-treten, erweist sich Carrasquilla als Meister des Dialogs. Einige Kritiker und Leser halten diesen Roman für sein Meisterwerk.
Zusammengefasst könnte man sagen, dass Carrasquillas Romane die wahrhaftige Geschichte "seines" Volkes und des "wirklichen" Kolumbiens seiner Zeit erzählen. Schließlich war Antioquia jene Region, in der auf viele Weisen die soziale Entwicklung voranschritt und wo jene Nation entstand, mit der die Kolumbianer bis in die Zwischenkriegsjahre hinein leben mussten. Was seine Fähigkeit als Erzähler betrifft, so darf nicht außer Acht gelassen werden, dass er ein Meister des Genres war. Carrasquilla strukturiert, im Unterschied zu lyrischen Erzählern wie Isaaacs oder Rivera, seine Werke organisch und legt sie in Bezug auf ihre Ordnung und Methode so an, dass kein Strang offen bleibt; er führt we-der überflüssige Episoden oder Abschweifungen ein, die nirgendwo hin führen, noch bauscht er ohne Grund und Anlass auf. Seine Pläne sind bis ins Detail durchdacht und wenn er schreibt, tut er das bei vollem Bewusstsein, ohne zu improvisieren. Die Enden seiner Erzählungen sind üblicherweise drama-tisch, so wie es einer Welt zwischen den Jahrhunderten angemessen war, in der jene Gewalt und Evasi-onstendenzen nicht vorkamen, die später das Kino, das Radio und das Fernsehen mit sich bringen soll-ten. Seine gesammelten Werke wurden zweimal veröffentlicht: in Madrid, 1952, mit einem Vorwort von Federico de Onís, und in Medellín, 1958, in zwei Bänden mit Vorwörtern von Roberto Jaramillo und Federico de Onís.
(1) Der vorliegende Artikel erschien am 13.1.2008 in der Ergänzung der # 278 von NTC (Nos Topamos Con) http://ntcblog.blogspot.com/ als virtuelle Publikation unseres Freundes Gabriel Ruiz. Der Abdruck, den der Verfasser autorisiert hat, folgt dieser Veröffentlichung. Darüber hinaus hat NTC ein Internetportal eröffnet, das Tomás Carrasquilla gewidmet ist. Der Link lautet: http://tomascarrasquilla-150.blogspot.com:80/
Übersetzung: Judith MOSER-KROISS
E-Mail: h.alvarado@cable.net.co
Die unsterblichen Eunuchen - Oswaldo Reynoso
Oswaldo Reynoso (Arequipa, 1931) ist Schriftsteller und Professor und formte die literarische Gruppe Narración. 1961 publizierte er Los inocentes (dt. Die Unschuldigen). José María Arguedas sagte über sein Buch: "Reynoso hat einen neuen Stil geschaffen: Die Umgangssprache und die hohe Schule der Dichtkunst verdichten sich, stellen einander in einem helleren Lichte dar". 1965 veröffentlichte er En octubre no hay milagros (dt. Im Oktober gibt es keine Wunder). Wáshington Delgado hat hinzugefügt: "Die Lektüre dieses Romans enthüllt uns ein monströses, egoistisches, verzweifeltes Lima". Darüberhinaus hat er die Romane El escarabajo y el hombre (dt. Der Käfer und der Mensch) (1970), En busca de Aladino (dt. Auf der Suche nach Aladin) (1993), Los Eunucos inmortales (dt. Die unsterblichen Eunuchen) (1995) sowie El goce de la piel (dt. Die Ekstase der Haut) (2005) geschrieben.
Die unsterblichen Eunuchen Aus dem Roman "Los eunucos inmortales"; Reynoso Oswaldo; Editorial San Marcos, Lima, Peru, 2005, 293 S.
Seite. 57-58:
Und noch ein trister Morgen unter dem üppig belaubten Nussbaum im Garten des Hotels. Mit schwar-zem Seidenkittel, breitkrempigem weißem Strohhut im kühlen Korbsessel, die Füße in der Steingut-schüssel mit warmem Wasser in der Sonne sitzend, während die Ayi unablässig die heilenden Kräfte dieser Bäder zur Vorbeugung gegen Krebs preist. Und wieder dieses Gefühl von Einsamkeit und Ohn-macht, das schon wenige Wochen nach meiner Ankunft in China begonnen hat, mich zu zerfressen, und auch das Gefühl, versagt zu haben auf der Suche nach dem Schlüssel, der mich womöglich zu meinem Glück führen würde in diesem Land, wo im Namen des Sozialismus Systeme errichtet und gestürzt werden. In den letzten Jahren habe ich immer nur Zeichen gesehen, die ich nicht zu entziffern wusste, etwa das Leuchten auf den Lippen der ewig lächelnden Jungend. Doch jetzt denke ich, dieser Schlüssel könnte in dem Charakter zu suchen sein, den ein unsichtbarer Drache Peking mit den Spuren aufdrückt, die die Studenten und Arbeiter mit ihren unermüdlichen Aufmärschen auf dem Platz des Himmlischen Friedens hinterlassen oder vielleicht auch in dem Charakter, den der junge Liang bewiesen hat, als er an einem Sommerabend bei einem Bummel über die enge Dachalan-Geschäftsstraße mitten im Gedränge der Fußgänger und einer Unmenge von Radfahrern auf ein Gewirr von Schildern in allen Größen, Farben und Formen zeigte, die von den Dächern der grauen, heruntergekommenen Geschäftsgebäude hingen: "Fühlst du den Aufruhr der Stimmen und die Flammen, die den Schriftzeichen entweichen?" Ich blieb stehen und schaute mir die unzähligen Schilder an: Die Schriftzeichen, stumme, komplizierte Symbole aus nüchternen Linien und Strichen, sagten mir überhaupt nichts. Und doch ahnte ich, dass dahinter die glühende Schönheit des Verborgenen pulsierte, die zu erleben mir das Glück bescheren würde, nach dem ich suchte und dessentwegen ich von Peru nach China aufgebrochen war. Doch dort in der Menschenmenge erkannte ich, dass für mich das Glück auf ewig unerreichbar sein würde, und mir wurde klar, dass ich, so wie die alten Heiligen Gott in der Einsamkeit der Wüste gesucht hatten, vergeblich mein Leben lang dem Glück in der Einsamkeit der Großstädte nachgejagt war.
Seite 163-164:
Abends
Keiner meiner chinesischen Freunde ist gekommen oder hat angerufen. Coco und Katrin haben auf dem Weg zum Platz des Himmlischen Friedens kurz bei mir vorbeigeschaut. Und wie mochte es Liang ergehen? Aus der Küche hole ich mir mit Honig und Sesamöl überbackene Hühnerschenkel aus dem Ofen, die mir die Ayi dagelassen hat. Ich schlinge sie im Stehen herunter und trinke anschließend ein Glas Milch. Ich ziehe mir einen Seidenkittel über den Pyjama und trete hinaus in den Garten: Die Fuyuans sind von den Bänken und vor dem Eingang des Überwachungsbüros verschwunden. Das Hellblau des Himmels bekommt eine zitronengelbe Färbung, und die tiefblauen Fledermäuse fliegen über die email-legrünen Ziegelvordächer den Hotelbauten. Ich höre ferne Explosionen und weiß nicht, ob es sich um Schüsse oder ein Feuerwerk handelt. An den Ästen des Nussbaums baumeln kleine Fläschchen wie Er-hängte, und ich muss lächeln. Der Lärm von Geschrei und Trommeln kommt näher. Ich mache ein paar Schritte in Richtung Haupteingang des Hotels, doch ein stechender Schmerz in der Hüfte und meine nachlassenden Kräfte zwingen mich, auf einer Bank Platz zu nehmen. Die Fenster der Wohnblocks sind dunkel; ich schließe die Augen, konzentriere mich und mache Atemübungen nach Chigong. Doch vergeblich, ich schaffe es nicht, wieder Kraft zu schöpfen. Also stehe ich auf und kehre Schrittchen für Schrittchen zu meinem Apartment zurück. Ich rufe meine Freunde im Hotel an. Niemand meldet sich: Ich bin allein in diesem riesigen Ghetto für Ausländer, und als das altbekannte Gefühl der Verlassen-heit und Ohnmacht tief in meinem Magen zu wühlen beginnt, wird mein Schlafzimmer plötzlich vom Schein der Leuchtfeuer erhellt: Ich trete ans Fenster: Scharen von Kindern randalieren mit lautem Geschrei im Kreis um einen jungen Mann in einem weißen Umhang, der einen sehr hohen Bambusmast mit einer weißen, schwarz beschrifteten Banderole hochhält, vom Wind gestrafft wie ein Bootssegel, und quasi als Kreuzträger den Protestmarsch anführt. Flankiert von zwei Studentenkolonnen mit roten Kopf- und Armbinden, tragen acht junge Männer in weißen Umhängen auf ihren Schultern einen Sarg aus Lattenkistenholz. Dahinter drängt sich eine tobende Menschenmenge, die im Rhythmus von Trom-meln und Gongs Parolen rufen und rote und bunte Fahnen schwenken. Und am blau-gelben Himmel exp-lodieren dicke Lichtergarben. Ich verlasse das Fenster. Und rufe hastig bei der Agentur an, um mich zu erkundigen, was in Peking los sei. Doch ich höre nur das Besetztzeichen. Dann schalte ich den Fern-seher ein: chinesische Opern. Ich kehre ans Fenster zurück: noch ein Demonstrationszug wie der vor-herige. Ich gehe zur Bar auf dem Sideboard und öffne die Flasche mit dem goldenen Melonenlikör: Doch ich bekomme keinen Schluck herunter. Ich sauge seinen Duft ein, betrachte die herrliche Vielfalt an Etiketten: Meine Brillengläser beschlagen. Ich schließe das Fenster, lege die Fünfte Symphonie von Mahler auf, lösche das Licht und setze mich in den Korbschaukelstuhl. Und Liang wird sicher unter einem dieser hässlichen knallbunten Plastikcapes im Umkreis der Säule der Helden des Volks auf einer Matte liegen und trotz seiner Mattheit infolge des Hungerstreiks immer noch lächeln und dabei nicht aufhören, nie gehörte Tonkombinationen auszuprobieren, um Ausdrücke mit doppeltem und dreifachem Sinn im raffinierten Stil der Tang-Dynastie zu kreieren. Der Lärm, der von der engen Straße herauf-dringt, wird immer heftiger. Ich stehe auf, knipse das Licht an, öffne die Fenster und schalte die An-lage aus. Immer noch ziehen randalierende Aufrührer vorbei. Ich trete an die Bar und schenke mir ein Glas Kognak ein. Ich sauge seinen Duft ein und betrachte seine herrliche Färbung von verkohltem A-bendhimmel in Arequipa. Ich stelle das volle Glas ab und kehre ans Schlafzimmerfenster zurück. Das Telefon klingelt.
Übersetzung: Dr. Petra STRIEN-BOURMER
Adresse: Jr. Caracas 167, Jesús María, Lima - PERU Telefon: + 51 (1) 2637020
Gedichte - Peter Paul Wiplinger
Peter Paul WIPLINGER, Schriftsteller und künstlerischer Fotograf. Geboren 1939 in Haslach, Ober-österreich. Lebt seit 1960 in Wien. Studium der Theaterwissenschaft, Germanistik und Philosophie. Vorwiegend Lyriker, aber auch Erzähler und Essayist. Mehr als 35 Buchpublikationen. Seine Gedichte wurden in viele Sprachen übersetzt. Im Vorstand der IG Autorinnen Autoren (Berufsverband österrei-chischer Schriftsteller). Mitglied des Österreichischen und des Internationalen P.E.N.-Clubs. Zuletzt: "Lebensbilder - Geschichten aus der Erinnerung" (2003), Podium-Porträt "P.P.Wiplinger - Aussagen und Gedichte" (2004). sowie der Prosaband "ausgestoßen" (2006). und "Steine im Licht - Römische Etüden".
DIE MAZZESINSEL
wien zweiter bezirk taborstraße tandelmarkt von zeit zu zeit komme ich dorthin parke meinen wagen in einem hinterhof sehe die mauern hinauf und denke hier sind sie gestanden in der kälte schweigend mit ihren bündeln bereit zum abtransport ohne zu wissen wohin ausgeliefert der macht zum sammelstransport bereit und dann die züge ins nichts bis zum tor des todes mitten hinein und hindurch eine endlose menschenschlange unzählige opfer leichenberge und dann nur asche wie zweiter bezirk praterstraße heinestraße tandelmarkt mazzesinseln alles ausgelöscht aufgelöst in nichts für immer verschwunden die fenster sind blind die mauern sind stumm die autos fahren vorbei und voll trauer gehe ich meines weges die tage sind nicht mehr wie früher sie sind mit blut befleckt das grauen ist zu stein geworden
ABEND IM SPÄTHERBST
An diesem späten Abend opfern meine Hände Wein und Brot.
Ein letzter Schnitter geht noch über Feld und Fluren.
Am Himmel stehen schon die ersten Spuren
von Kälte, Schnee und Tod.
Die Ernte brachte mir ein leeres Haus,
voll Stille und voll Schweigen.
Zum letzten Mal seh' ich in dieses Land hinaus.
Das Licht tropft lautlos von den Zweigen.
Mein Schatten liegt so fremd in dieser Welt.
AM ENDE
langsam verlöscht jetzt das licht
du starrst aus dem fenster und merkst es nicht
du weißt nur eines du bist noch nicht blind
SV. KLIMENT/OCHRID
später einmal werde ich mich an alles erinnern
an den stein in der sonne
an das licht auf dem platz
an den schatten deines gesichtes
an den wein den wir tranken
an die worte die wir sprachen
an das schweigen vor den ikonen
an die zeit die zerbracht
an diese tage voll dunkel und licht
die schrift wird verblassen
die worte werden vergessen sein
sag einmal noch Rose sag einmal noch Kind
so lange noch wach sein bis die sonne untergeht
bis das licht erlischt am ende auch in dir
EINSAMKEIT
auch die schwalben laut kreischend im flug sagen dir längst nicht mehr wer du bist wer du einst warst
der himmel färbt sich rot so rot an diesem sommerabend die nacht wird kühle bringen und endlich trösten dein herz
wenn du aufwachst am morgen ist ein jahrtausend vergangen ist zersplittert dein spiegelbild zerbrechen worte am schweigen
so viele sommer so viele tage so viele wege verlorene zeit so viel an zerbrochener liebe du bleibst für immer verwundet
und die mondsichel wartet darauf von dir den angstschrei zu mähen im traum siehst du blätter fallen rot und gelb auf dein eigenes grab
AM ABEND
weit draußen am horizont
fließt langsam der himmel ins meer
das licht wird seidenblau
und ich weiß der schatten bist du
HERBST IM WALDVIERTEL
Die Sonne brennt die letzte Frage
als Botschaft, die ich in mir trage,
in dunkelrotes Buchenlaub.
Vom Himmel fällt die tote Zeit
als Bruchstück der Vergangenheit.
Das Licht durchleuchtet jetzt verborgene Räume.
Am Wegrand stehen wie Schattenstriche Zäune.
Ein Blinder geht hinein ins Haus.
HOFFNUNG
eines tages auferstehen
nicht mehr gebunden
nicht mehr geschlagen
nicht mehr geschändet
LIEBESGEDICHT
als du sagtest der sommer ist zu ende
da fiel der schatten
deines gesichtes auf mich
draußen flogen schon möwen
und das herz begann
einzufrieren in der kälte
wer dachte ich wird im frühling das sein für mich
wenn die magnolien blühen voll pracht
Internet: www.wiplinger.at.tf Mail: wiplinger@web.de