XICÖATL 82

 

XICöATL

XICöATL: Ausgabe 82

XICöATL Nr. 82, Jänner/März 2008
XICöATL 82

INHALT:

  • Malerei: Synästhesie in meinem künstlerischen Schaffen. walkala
  • Erzählkunst: Erzählungen. René Poppe
  • Österreich: Gedichte. Inge Glaser

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Malerei

Walkala

Synästhesie in meinem künstlerischen Schaffen - Walkala

Walkala (Luis Alfredo Duarte-Herrera) absolvierte sein Studium der Rechts- Sozial- und Politikwissenschaft an der Staatsuniversität von Kolumbien. Seit Juni 1989 lebt er in Salzburg. 1992 gründete er in Österreich YAGE, Verein für Lateinamerikanische Kunst, Wissenschaft und Kultur und das dreisprachige Kulturmagazin XICöATL "Ziehender Stern". Im März 1995 hat die Künstlerkommission (gem. §194, abs.2 GS VG) des Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst, seinen Status als Freiberuflicher Bildender Künstler (Design und Malerei) in Österreich anerkannt. Für YAGE und Ziehender Stern fertigte er mehr als 1000 Tuschzeichnungen und Illustrationen an, schrieb zahlreiche Artikel und leitete mehrere Kulturprojekte, u. a. in Bereich Literatur, Musik und Fotografie. Seit 1993 fanden zahlreiche Ausstellungen von Walkala in Österreich, Deutschland und der Schweiz statt.

Synästhesie in meinem künstlerischen Schaffen

"Ich glaube: Kunst kommt nicht von können, sondern vom Müssen … ich folge einem inneren Zwang, der Stärker ist als die Erziehung, ich gehorche einem Gesetz, das auf natürliche Weise in mir ist und daher stärker als die künstlerische Ausbildung" - Arnold Schönberg.

"Die Position des Künstlers ist bescheiden. Er ist im Wesentlichen ein Kanal." - Piet Mondrian.

Meine neueste, erst kürzlich fertig gestellte Serie von Gemälden bildet eine Sammlung von über 50 Werken in Acryl auf Leinwand (1), die jeweils Titel musikalischer Arbeiten von zeitgenössischen, hauptsächlich lateinamerikanischen Künstlern tragen. Diese Schau ist das Ergebnis eines langen kognitiven Prozesses, der in aller Ernsthaftigkeit bereits im Jahr 1992 eingesetzt hat, und zwar mit der Präsentation der Werke von 44 lateinamerikanischen Komponisten im Rahmen des 16. Festivals für zeitgenössische Musik ASPEKTE SALZBURG, das als Hommage an das 500jährige Jubiläum der Entdeckung Amerikas konzipiert war (2). Ich habe alle Konzerte gehört und war von der vielfältigen Suche nach Klängen fasziniert, die sich zwar in die dominanten musikalischen Strömungen des 20. Jh. einschrieb, aber dennoch voller Stolz eine ganz eigenständige Entwicklung zeigte. Bei dieser Gelegenheit lernte ich etliche angesehene Komponisten kennen, denen einige meiner Bilder gewidmet sind. Nach dieser glücklichen Begegnung mit der ernsten Musik, die auf meinem Heimatkontinent entstanden ist, habe ich meine Kenntnisse in diesem Bereich immer mehr und mehr erweitert und versucht, das musikalische Schaffen anzuregen und zu verbreiten (3). Das ist die Basis für die Idee, dieses klanglich-visuelle Projekt zu realisieren.

Ich leide an einer unstillbaren Leidenschaft für die Musik. Ich höre immer Musik: beim Essen, beim Lesen, beim Schreiben, beim Arbeiten, beim Sport, beim Wandern in den Bergen, beim Autofahren. Ich kann ohne Musik nicht einschlafen, obwohl diese gelegentlich aber auch die Ursache für zahlreiche, lange schlaflose Nächte ist. Ich bin sicher, dass ich ohne die Musik die Trockenheit der erdrückenden Lektüren nicht ertragen hätte, die das Studium der Rechtswissenschaften erfordert. Während meiner Zeit als Student entwickelte und pflegte ich ganz bewusst die Fähigkeit, mein Gehirn so aufzuspalten, dass ich einerseits imstande war, effizient sowohl Musik zu hören als auch andere Aufgaben zu erledigen.

Eine meiner liebsten Erfahrungen während Konzertbesuchen ist der Zustand einer poetischen Trance, die ich häufig erlebe, wenn ich Musik höre. Ketten ästhetisch aneinander gereihter Worte durchfließen mein Bewusstsein und benutzen den Zeitraum, in dem sich das Stück entfaltet, als Bühne. Gleichzeitig mit den musikalischen Klängen formt meine innere Stimme Sätze, die sich in meinem Geist vermengen, verlängern oder verkürzen, transformieren oder filtern, eingraben oder auflösen, immer im Gleichklang mit den Noten. Wenn ich die Augen schließe, stoßen Bilder dazu, die sich auf harmonische Weise in diesen majestätischen Kontrapunkt jener Klänge einfügen, die von außen (Musik) und innen (Verse) in einer magischen Übereinstimmung zusammenfließen. Aber wenn sich ein Spiel wiederholt, verliert es seine Schönheit, wird monoton und irrelevant, sodass ich mir immer wieder Neues ausdenken muss, das ein originales Epos, die Erfindung, gestattet, und um das zu erreichen, greife ich auf eine genaue künstlerische Wahrnehmung des Raumes oder der Elemente, die mich umgeben, zurück: ich erschaffe auf verschiedene Weisen viele Details neu: das Bühnenbild, den Faltenwurf des Rockes der Cellistin, den Lichteinfall auf dem Holz oder den Saiten des Kontrabasses, die Hand der Violinistin, die den Bogen hält, die Gesten des Pianisten etc. Dabei findet eine Reise in einem Raum und einer Zeit statt, wo einzig die Emotionen und der Geist in all ihrer Vitalität präsent sind: Unaussprechlichkeit, Friede, Glaube und Transzendenz, die Eigenschaften der Ekstase, beherrschen mich in diesen Momenten.

Das Verhältnis der Künste zueinander war stets - trotz ihrer Eigenständigkeit - von engen Beziehungen und Interaktion geprägt. Trotz der unterschiedlichen Ursprünge ihrer Terminologien sind die semantischen Anleihen der Künste untereinander zahlreich: Farbe, Form, Glanz, Rhythmus, Kadenz, Ton, Harmonie, Chromatismus, Linie, Dynamik, Polyphonie sind Worte, die in allen künstlerischen Disziplinen gleichermaßen verwendet werden. Edvard Grieg benutzte für seine Kompositionen die Märchen von Hans Christian Andersen, Henrik Ibsens Drama Peer Gynt diente ihm als Vorlage für zwei seiner schönsten Suiten und die Texte von Heinrich Heine und Goethe verwendete er für seine Lieder. Modest Mussorgsky komponierte Bilder einer Ausstellung (Das alte Schloss, Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen, Das große Tor von Kiew) nach Bildern des russischen Malers Viktor Alexandrowitsch Hartmann. Franz Liszt schuf sein Klavierstück Sposalizio inspiriert von Raffaels Gemälde Die Verlobung der Jungfrau Maria. Die Musik hat ihrerseits im Lauf der Geschichte zweifellos enormen Einfluss auf die Malerei ausgeübt. Dieser Einfluss wird immer deutlicher, besonders seit der als Romantik bekannten Epoche im 19. Jh., die auf der suche nach der "totalen Kunst" die Fusion aller Kunstformen propagierte (vgl. in der Malerei Runge, Füssli, Goya, Blake, Schinkel oder Delacroix, in der Musik Berlioz, Liszt, Chopin oder Schumann). Der Ausbau der Kommunikationsmöglichkeiten bringt einen dynamischeren Austausch aller menschlichen Aktivitäten mit sich. Zum selben Zeitpunkt, als zu Beginn des 20. Jh. in der Musik der Bruch mit dem tonalen System vollzogen wird, befreit sich die Malerei von der Objektivität um einem reinen Ausdruck Raum zu geben, der die Empfindungen der unberührbaren Welt der musikalischen Erfahrung auf die plastische Kunst überträgt. Die Farbe, die Form und die Linie befreien sich von allen Mustern und treten so ihrerseits in eine größere Dynamik über; der bildnerische Raum und die Objekte werden mit totaler Autonomie integriert oder fragmentiert; kurz gesagt, der Künstler erlangt Bewusstsein über seine totale Freiheit.

Vor einigen Jahren, als ich damit begann, das Projekt von Werken zu entwickeln, die Komponisten gewidmet sein sollten, bat ich einige von ihnen, mir die Partituren jener Stücke zu überlassen, die ich gerne malen wollte, damit ich ihre Teile, ihre Graphie analysieren konnte. So erhielt ich mehrere Elemente der Bewertung, um meine Bilder zu komponieren. Ich dachte lange über die Möglichkeiten der Ausführung nach, hörte mir die Stücke wieder und wieder an und gelangte schließlich zur festen Überzeugung, dass meine Bilder auf keinen Fall das Ergebnis eines intellektuellen Prozesses sein konnten, dass sie viel mehr in einem rein emotionalen, ekstatischen Prozess entstehen mussten, dass sie aus meinem tiefsten Inneren, meinem limbischen System heraus geschaffen werden mussten, aus einer synästhetischen Erfahrung.

Das Klangmaterial, das ich für das Projekt auswählte, stammt aus den verschiedensten Bereichen und beinhaltet die unterschiedlichsten Genres wie sinfonische Werke, Stücke für Kammerorchester, Stimmen, elektroakustische Werke, Duos, Trios und Quartette bis hin zu Stücken für Soloinstrumente. All diese Werke schreiben sich in diverse Strömungen zeitgenössischer Komposition ein: Atonalität, Polytonalität, Serialismus, Aleatorität, Konkretismus, Verwendung unüblicher oder autochthoner Instrumente, Minimalismus, Neotonalität, elektroakustische Experimente etc. Ein Großteil der ausgewählten Stücke ist von originalen und eigenständigen Konzepten der traditionellen lateinamerikanischen Kulturen inspiriert, sei es im musikalischen, im historischen, im kosmogonischen oder im mythischen Aspekt.

Zum Schluss erscheint es mir wichtig zu betonen, dass diese Bilder von meiner Seite aus eine bescheidene, aber verdiente Hommage aus Dankbarkeit gegenüber einer ausgewählten Gruppe von Künstlern darstellen, deren Arbeit meine tiefste Wertschätzung, Bewunderung und Respekt gebühren. Sie legen mit ihren Werken eines der wertvollsten Zeugnisse ab über all die Größe, die Schicksalsschläge, Freiheiten, Fortschritte und Konflikte der zeitgenössischen Gesellschaften ab - kurz, sie zeigen auf die echteste, reinste und transparenteste Weise den spirituellen und intellektuellen Status unserer Zeit.

(1) Sie sind auf der Internetseite www.walkala.uni.cc zu sehen.
(2) Vgl. meinen Artikel "... und Salzburg hatte das Glück, uns zu hören" (vgl. Kulturmagazin XICöATL # 2, Juli 1992) auf /index.php?i=/xicoatl/1-5/d_1.php
(3) Seit 1999 gestalte ich in der Radiofabrik Salzburg (www.radiofabrik.at) eine Sendung mit dem Titel "Lyrik und Musik aus Lateinamerika", die seit 2002 jeden Sonntag zwischen 19.06 und 20.00 Uhr ausgestrahlt und jeden Donnerstag zwischen 10.06 und 11.00 Uhr wiederholt wird. Ich habe darüber hinaus zwei Kompositionswettbewerbe ausgeschrieben, den ersten für Gitarre (vgl. Kulturmagazin XICöATL # 53, März 2001) und den zweiten für Flöte und Streichquartett (vgl. Kulturmagazin XICöATL # 70, Jänner 2005 auf www.euroyage.com ).

Übersetzung: Judith MOSER-KROISS

Website: www.walkala.eu
E-Mail
: walkala1@utanet.at

Erzählunst 
René Poppe

Erzählungen - René Poppe

René Poppe, geboren 1943 in La Paz, Bolivien, nimmt uns in den hier vorliegenden Erzählungen mit in das Leben Unter Tage, von dem eine Faszination ausgeht, der sich der Mensch - in welcher Zeit auch immer - noch nie entziehen konnte. Abgesehen von den für die heutige Zeit unvorstellbaren Arbeits- und Lebensbedingungen des Bergmanns in den Zinnminen Boliviens, gewährt uns der Autor Einblick in eine Welt, in der noch mächtige Gottheiten und Geister herrschen und in der es, trotz allen Elends, auch Platz für Humor und Zuversicht gibt. In eine Welt, in der die Unter Tage arbeitenden Menschen bei vordergründiger Grobheit behutsam, sogar liebevoll, miteinander umgehen, und in der der Tod zwar oft, aber nicht immer gewinnt. René Poppe hat in seiner Jugend selbst in den berüchtigten Bergwerken gearbeitet und weiß deshalb sehr genau, wovon er spricht. Seine Erzählungen sind daher auch ein politisch-soziales Zeitdokument. Außer anderen literarischen Arbeiten hat René Poppe ebenfalls Anthologien zum Thema der Bolivianischen Bergarbeiterliteratur verfasst. René Poppe lebt in La Paz, Bolivien, und arbeitet als Bibliothekar an einer der dortigen Universitäten.

Erzählungen

DIE ERZDIEBE (1)

Nachdem sie die halbe Schicht lang ihre Loren geschoben hatten, begannen die beiden Schlepper, als sie im Schutzraum saßen und ihre Kokablätter kauten, miteinander zu reden.

"Man sagt, dass in diesem Stollen viel Erz liegt."
"Ob es wohl rein ist?"
"So heißt es."

Schon seit vielen Wochen hatten die Kinder keine Schuhe mehr. Sie gingen mit alten Schuhen, die keine Sohlen mehr hatten, in die Schule. In der übrigen Zeit gingen sie barfuss.

"Der Winter kommt. Vor allem ist es schon kalt", sagten die Frauen der Arbeiter. "Wir müssen ihnen Schuhe kaufen, wenigstens gebrauchte."

Der Laden versorgte sie schon seit Monaten nicht mehr mit Fleisch, mit Brot und Milch. An Schuhe war nicht zu denken. Auch auf dem Altkleidermarkt der Calle Federico Escóbar waren keine aufzutreiben.

"Die Bevölkerung ist wirklich arm. Sie hat nicht mal gebrauchte Sachen zu verkaufen", meinten die Männer.
"Irgend etwas muss geschehen", sagten die Frauen. "Dann müssen wir uns eben welche in Oruro besorgen lassen, von denen, die hinfahren."
"Das kostet viel. Und Geld? Wir haben kein Geld."

"Ob das wohl stimmt?", fragte er den anderen Schlepper.
"So heißt es jedenfalls. Rein soll es sein."
Nachdenklich blieben sie sitzen. Der penetrante Geruch der Gase wurde durch den Rauch ihrer Glimmstengel gemildert. Die Hitze dagegen schien im Halbdunkel der nur schwach leuchtenden Lampen stärker zu sein.

"Zum Anziehen gibt es auch nichts", sagten ihre Frauen.
Jedes Wort aus ihren Mündern war zur Gewohnheit gewordene Not.
"Und das Schlimmste ist, dass es keinen Mais mehr gibt, keine Bohnen und keine Hirse. Was sollen wir bloßer tun?"

"Hast du Dynamit?", fragte er den anderen Schlepper.
"Es ist mir ausgegangen."
"Nicht mal ein halbes Stängelchen?"

Die anderen, immer zu zweit arbeitenden Bergleute befanden sich Vorort, Hunderte von Stollen von ihnen entfernt.

"Alles ist mir ausgegangen."
"Der für das Dynamit zuständige Chef, ob der wohl jetzt im Sprengstofflager ist?"
"Ein Arschloch ist das, was der uns schon geben wird. Nicht mal geliehen. Außerdem geht er um diese Zeit immer runter auf die Strecke. Er speist so gern mit den hohen Herren, in ihren Büros."

Die Kinder gingen ohne Frühstück in die Schule. Der Hunger stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Da es nichts zu essen gab, sagten die Frauen zu ihnen:
"Ihr werdet sicher Schulspeisung bekommen. Geht lieber schön früh in die Schule."
Wenn sie zurückkamen, sahen sie noch schlechter aus, hatten noch größeren Hunger.
"Nichts hat es gegeben, Mamilein."
"Und wenn wir ins Sprengstofflager gehen? Wir nehmen uns ein oder zwei Stangen Dynamit, mit den Zündern. Was wird er schon davon merken."

Die beiden Schlepper verließen den Schutzraum. Sie nahmen nicht den Förderkorb zu den unteren Sohlen, sondern stiegen über die engen Leitern des Nebenschachts. Es war menschenleer unter Tage, feucht und stickig.

"He, wo geht's denn lang?"
"Hier, hier."

Sie kamen dem Sprengstofflager näher.

Die Frau verließ die Unterkunft. In ein Tuch gewickelt hatte sie zwei Löffel, eine Gabel und den Deckel von einem kleinen Topf dabei. Sie ging in das Dorf, klopfte an die Türen und bot die Sachen zum Tausch an:
"Wenigstens für ein bisschen Brot. Oder gib mir, was du eben zu essen hast. Es ist für meine Kinder."
Selten kehrte sie lächelnd nach Hause zurück.

Das Neonlicht, das aus dem Sprengstofflager drang, wies ihnen den Weg und zeigte an, dass sie schon in der Nähe waren.

"Und der Chef, he, ob der uns was pumpen will?"
"Er wird schon wollen."

Nach der Schicht kamen auch sie hungrig nach Hause. Man sah es ihren Gesichtern an.

"So schicken wir sie in die Grube, Herr Direktor", sagten die Frauen, wenn sie auf den Versammlungen mit dem Vorstand des
Unternehmens ums Wort baten.
"Und wir sehen, wie sie noch hungriger wieder herauskommen. Ihr müsst den Laden bestücken, damit wir wenigstens unseren Männern zu essen geben können. Sehen Sie denn nicht, Herr Direktor, dass sie es sind, die das Land ernähren."

Sie gingen an das Tor des Sprengstofflagers und dann hinein, bis an die Tür zum Büro. Niemand war zu sehen.

"Chef", rief der eine Schlepper.
"Chefchen, du Scheißkerl", sagte der andere Schlepper.

In der ganzen Strecke herrschte Stille. Nur das Tropfen der Bergfeuchte klang wie ein Teil der Stille selbst.

"Hungrig gehen sie weg, und wir wissen nicht, ob sie lebendig wiederkommen werden. Uns zieht sich das Herz vor Schmerz zusammen jedes Mal, wenn wir sie verabschieden, und sie unter Tage gehen, Herr Direktor. Wir sollten sie wenigstens satt in die Grube schicken, damit sie zufrieden sterben."

Niemand antwortete auf ihre Rufe.

"Chefchen, du Scheißkerl, bist du da?", wiederholte der Schlepper.
"Er wird wohl gerade mit den hohen Herren unten auf der Strecke speisen."

Sie betraten das Büro. Es war angenehm hier, weil der Ventilator die Luft mit kühlen Windstößen erfrischte. Sie suchten nach dem Schlüssel für das Lager und fanden in den Schubladen des Schreibtischs Flaschen mit Schnaps, Tüten mit Kokablättern und bündelweise Zigaretten.
"Dieser Scheißkerl hat schon gewusst, wie man sich verwöhnt", flüsterte der Schlepper. "Wir nehmen das Zeug mit, einverstanden?".
"Nein. Wir werden etwas Besseres tun."

Der Schlepper ging zu dem Tisch mit dem Telefon. Er kurbelte lange und nahm dann den Hörer ab.

"Hallo", antwortete jemand.
"Das Chefbüro, bitte. Es ist dringend."

Er wartete eine ganze Weile und hörte nur Geräusche wie das Kratzen auf feinen Drähten.

"Das fordern wir als Mindestes", sagten die Frauen. "Damit sie wenigstens etwas im Magen haben, wenn sie in die Grube einfahren, und damit der Tod sie nicht hungrig überrascht. Damit es reicht für ein Süppchen, ein Brühchen, danach ein richtiges kleines Essen vielleicht."

Aber die Situation blieb von Zahltag zu Zahltag dieselbe.

"Jetzt wirst du gleich sehen, wie ich diesen Scheißkerl von Chef erschrecke", sagte der Schlepper.
"Hallo", meldete sich jetzt jemand am Telefon.
"Den Chef vom Sprengstofflager, bitte!", drängte der Schlepper.
"Wer will ihn denn sprechen?"
"Es ist dringend."
"Moment mal."

Erstaunt über eine solche Verwegenheit, schaute der andere Schlepper seinen Kumpel an.
"Du wirst schon sehen, dass ich ihn erschrecke."
"Hallo!"
"Chef! Chefchen? Schönen guten Tag."
"Wer ist da? Jetzt ist Mittagessenszeit, verstanden? Die lassen einen weder essen noch ausruhen. Wer ist da?"
"Wir, Chef. Ein paar Erzdiebe. Wir rufen dich aus deinem Büro an. Wir wollen dich um einen Gefallen bitten. Sag uns, wo du den Schlüssel für das Schloss zum Sprengstofflager aufbewahrt hast."
"Was, du Scheißkerl? Wer seid ihr?"
"Erzdiebe, Chefchen. Sag uns bloß, wo der Schlüssel ist, wenn du nicht willst, dass wir deine Schnapsflaschen kaputtschlagen. Schön verwöhnst du für dich, he."
"Verdammte Erzdiebe! Wozu wollt ihr den Schlüssel?"
"Wir brauchen Dynamit, Chef. Bloß ein paar Stangen."
"Scheißkerle. Ich komme auf der Stelle rauf! Ich werde dafür sorgen, dass ihr entlassen werdet!"
"Reg dich nicht auf, Chef. Lass uns wie vernünftige Leute miteinander reden. Zuerst einmal, du wirst so schnell nicht herkommen können. Du weißt doch, dass du weit weg bist."
"Wer seid ihr?"
".....und falls du doch kommen willst, werden wir dir deine Schnapsflaschen kaputtschlagen, deine Kokablätter und deine Zigaretten mitnehmen. Viele Erzdiebe sind hier, Chef.
Wo hast du also den Schlüssel hingelegt? Sag's lieber schnell."

Es war nicht so, dass er nicht geschwitzt hätte, der Schlepper.
Er lachte, aber man sah, dass sein Gesicht ganz feucht war. Er nahm den Helm ab und wühlte in den schweißnassen Haaren, während er redete.

"Wer seid ihr bloß, ihr Scheißkerle?"
"Mach schnell, Chef, denn wir haben es eilig. Die Kumpel hier werden langsam nervös und wollen deine Flaschen aufmachen. Es ist besser, du sagst uns, wo der Schlüssel ist. Wir versprechen dir, dass wir bloß ein paar Stangen Dynamit mitnehmen."
"Einbrecher, was wollt ihr in meinem Büro?"
"Nicht Einbrecher, Chef. Erzdiebe, was etwas anderes ist. Sie sind schon dabei, deine Flaschen aufzumachen, Chef. Einigen wir uns lieber."
"Der Schlüssel?"
"Ja, Chef. Der Schlüssel. He, hört mal, lasst die Flaschen in Ruhe! Hier wollen ziemlich viele deine Flaschen aufmachen. He, rührt sie nicht an! Ich bin gerade dabei, mich mit dem Chef zu einigen. Chefchen, wo hast du den Schlüssel aufbewahrt?"
"In meiner Windjacke, du Scheißkerl."
"In deiner Windjacke? He, er sagt, in seiner Windjacke! In welcher Tasche, Chefchen?"
"Sucht halt, was weiß ich."
"Ist recht, Chefchen. He, sucht mal, seid nicht so faul! Ganz schön faul sind diese Erzdiebe, Chef."
"Scheißkerle!"

Der andere Schlepper holte die Jacke herunter. Er steckte die Hände in die Jackentaschen und zog den großen und schweren Schlüssel zu dem alten Vorhängeschloss heraus. Er ging damit zu der Tür und öffnete sie nach kurzem Hantieren.

"Warte mal, Chef. Sie machen schon gerade die Tür auf. Zwei Zünder werden wir auch noch mitnehmen."
"Auch noch zwei Zünder?"
"Ja, Chef. Nur Dynamit, was sollen wir damit anfangen? Wir brauchen auch Zünder. Ein ganz schönes Arschloch bist du, Chef. Du scheinst gar kein richtiger Bergmann zu sein, was? Weißt du vielleicht nicht, dass Dynamit ohne Zünder nicht explodiert?"
"Scheißkerle, wartet nur, bis ich euch erwische. Ich werde dafür sorgen, dass ihr entlassen werdet!"
"Lass dir nicht die Galle hochkommen, Chef. Sonst werden wir dir deine Flaschen kaputtmachen."
"....."
"Ist schon alles erledigt, Chef. Die Tür haben wir wieder zugemacht. Das Schloss ist richtig eingeschnappt. Sollen wir den Schlüssel wieder in deine Jacke stecken?"
"Wohin denn sonst, ihr Scheißkerle!"
"Ja, Chef, nicht dass noch Einbrecher kommen. Reg dich nicht mehr auf, Chef. Wir gehen ja gleich."
"Wartet nur, bis ich euch erwische. Ich werde dafür sorgen, dass ihr entlassen werdet."
"Chef."
"....."
"Chefchen, bist du noch da?"
"Rede!"
"Chef, ein Fläschchen Schnaps nehmen wir auch noch mit. Du wirst nicht merken, dass es dir fehlt, Chef. Du hast ja noch ganz viele."
"Scheißkerle, ich weiß schon, wer ihr seid. Ich hab euch an der Stimme erkannt."
"Wer sind wir denn, Chef?"
"Ich hab euch an der Stimme erkannt!"
"Nein, Chef. Bist du jetzt auch noch ein verlogenes Arschloch, Chef?"
"....."
"Chef? Alles andere lassen wir dir da."

Der Chef vom Sprengstofflager antwortete nicht mehr. Man hörte, dass das Telefon aufgelegt wurde. Die beiden Schlepper rannten im Eiltempo aus dem Büro. Die Mittagspause war gleich vorbei. Sie stiegen durch dieselben Nebenschächte, durch die sie gekommen waren, wieder auf ihre Sohle. Noch waren die Strecken der Grube menschenleer und still. Die anderen Arbeiter hörten allmählich auf, in den Schutzräumen ihre Kokablätter zu kauen.

"Und jetzt gehen wir Erz klauen?"
"Nein, jetzt nicht. Das wäre eine schlechte Taktik. Besser morgen, in der Mittagszeit. Wir verstecken jetzt lieber das Dynamit und die Zünder."
"Ja, aber nur das Dynamit und die Zünder", sagte er und entkorkte die Flasche.
"Ah, Donnerwetter, ist der weich. Komm, probier einen Schluck. Weich, nicht wahr?"
"Ja, he. Weich. Was für ein Arschloch, dieser Chef. Weicher Schnaps schmeckt ihm also."

Sie gingen in den Schutzraum, um Kokablätter zu kauen. Vom Klettern in den Schächten mit den engen Leitern waren sie nassgeschwitzt.

Hundertzwanzig Meter unter ihnen betrat der Chef das Büro des Sprengstofflagers.

"Scheißkerle, meine gute Flasche", murmelte er schmerzerfüllt und hatte keine Ahnung, auf welcher Sohle oder in welchem Stollen er nach ihnen suchen sollte.
"Scheißkerle, das sind keine Erzdiebe, Einbrecher sind das."

Drei Sohlen weiter oben, im Schutzraum der Nordstollen, sagte der eine Schlepper zu dem anderen:
"Jetzt ist alles gut versteckt. Komm, gib mir noch einen Schluck."

Sie fingen an zu lachen.

"Was für ein Arschloch", sagten sie.
Ihr Gelächter wurde lauter.

"Was für ein kleines Arschloch, dieser Chef. Er bricht jetzt sicher in Tränen aus."

Sie tranken die halbe Flasche aus und machten sie dann zu. Den Korken drückten sie tief in den Flaschenhals hinein.

"Nicht, dass der Tío sie austrinken will, he."

Dann verließen sie den Schutzraum, um wieder ihre Loren zu schieben. Morgen würden sie die Flasche austrinken, in der Mittagszeit, der Stunde der Erzdiebe. Erzdiebe, die in den Gängen mit gutem Erz, mit reicher Ader, zu finden sind.

"Wir werden Geld haben für ein bisschen Kleidung, he."
"Für ein bisschen Brot."
"Ob es wohl eine gute Ader ist?"
"So heißt es, he. Total brutal."


BERGARBEITERKIND

Nach dem Unglück unter Tage, bei dem sein Vater umgekommen war, der Besetzung der Bergarbeitersiedlung durch das Militär, bei der sie auch seine Mutter ermordet hatten, dem großen Hunger, der endlosen Entfernung zwischen dem Bergwerk und der Stadt La Paz, nach mehreren Wochen, in denen es nicht wusste, wohin es gehen sollte, tauchte das Kind an einem der Karnevalstage in den Straßen der Stadt auf und wurde Opfer eines ungewöhnlichen Vorfalls, der aber von niemandem beachtet wurde. Nur der eine oder andere Passant, der im Morgen-grauen vorüberging - ein Säufer oder Nachtschwärmer - hätte etwas bemerken können, maß der Sache aber keine Bedeutung bei.

Ob das vielleicht daher kam, dass das Kind in seinem Tod keinen spektakulären Anblick bot? Es saß zusammengekauert in der Tür eines Hauses an der belebten Straßenecke von Tumusla und Buenos Aires. Es war bleich, hatte den Kopf auf die Brust gesenkt und seine Glieder hingen wie nutzlose, dünne und rostige Drähte an ihm herab. Alleine an seiner schäbigen Kleidung aus grob gewebtem erdigem Stoff, an dem strengen Geruch nach Gestein und Zinn hätte man seine Herkunft aus den Minen erkennen können. Wenn man auch aufgrund seines Aussehens nicht gewusst hätte, ob es ein Junge oder ein Mädchen war, hätte man es doch wegen seiner Größe und dem Leidenszug auf dem Gesicht eindeutig als ein Kind aus dem Volk erkannt.

Eine Straßenkehrerin war es, die das Kind fand. Eine von jenen Frauen, die mit dem Morgengrauen auftauchen, die den Müll und den Säugling auf dem Rücken, bis zur Erschöpfung Straße um Straße die Gehsteige und Rinnsteine etlicher Zonen der Stadt kehren müssen. Diese arme Frau, die glaubte, dass das Kind schlief und verlassen worden war, legte es, um es vor der Kälte und möglichem Regen zu schützen, sanft in einen mittelgroßen Pappkarton, wie sie die fliegenden Händler, die mit Waren von der Grenze kommen, häufig in den Straßen vergessen.

Derart vor den Blicken verborgen, blieb das Kind stundenlang liegen, bis der Wagen von der Müllabfuhr kam.

Gegen sieben Uhr früh, als sich dieser belebte Teil der Stadt wie jeden Morgen mit seinen Menschenmassen bewegte und mit Geschrei, Gehupe und Geschiebe füllte, beförderte der Mann der Städtischen Müllabfuhr - bei seiner gewohnten täglichen Arbeit, die Mülltonnen zu entleeren und Plastiktüten und Pappkartons wegzuräumen - in der Meinung, bei dem Gewicht des Kinderkörpers handle es sich um einen toten Hund, den Karton mit einem einzigen schnellen Schwung vom Gehsteig bis auf den Grund des stinkenden Fahrzeugs, um ihn dann später, wenn er zum Choqueyapu fuhr, endgültig in den schnellen und schmutzigen Fluten zu entsorgen.


BENANCIO VICUÑA

"Ist Benancio Vicuña hier?", erkundigte sich der Tod.

Die Arbeiter, die auf den Balken des Schutzraums saßen, kauten Kokablätter, bevor die Schicht begann.

"Nein", entgegnete ihm der Chuspi. "Er muss auf Sohle Drei-zwanzig sein."

Der Tod schaute auf seine Uhr. In fünf Minuten sollte er Benancio Vicuña finden.

"Um wieviel Uhr kommt er denn?", wollte der Tod wissen.
"Eigentlich müsste er schon hier sein", bemerkte der Choquecallata. "Sicher dauert es noch, bis er kommt. Er hat Versammlung."

Der Tod setzte eine besorgte Miene auf. Fünf Minuten genügten nicht, um zur Sohle Dreizwanzig zu gelangen.

"Wozu brauchst du ihn denn?"
"Ich habe eine Verabredung mit ihm", gab der Tod Auskunft.
"Such ihn auf der Dreizwanzig, dort findest du ihn."
"Er wird doch nicht schon auf dem Weg sein?"
"Das glaube ich nicht", bestätigte der Trocis. "Er hat Versammlung der Grubenvertreter. Es dauert sicher noch, bis er kommt."

Unzufrieden nahm der Tod den Schutzhelm ab. Der Lichtstrahl seiner Lampe hüpfte im Halbdunkel und beleuchtete die Wände und das Gewölbe aus Fels. Die Arbeiter, die ihn für einen der ihren hielten, kümmerten sich bald nicht mehr um ihn.

"Ich muss ihn schnell suchen", sagte der Tod.

Die Arbeiter beachteten ihn nicht mehr, und er setzte seinen Schutzhelm wieder auf.

"Wie komme ich denn wohl am schnellsten hin?"
"Geh durch den Nebenschacht", riet ihm der Choquecallata. "Steig den Nebenschacht zum Abbau vom Ulloa runter."

Der Tod verließ den Schutzraum, der wie eine Höhle in den Fels gehauen war. Er lenkte seine Schritte durch die Strecke, die zum Förderkorb führt, ging an das Gitter des tiefen, senkrechten Grubenschachts heran und schrie:
"Kumpel! Abwärts!"

Er wartete ein paar Sekunden und als er sah, dass das Seil des Förderkorbs straff und unbeweglich war, wandte er sich ungeduldig zu dem Nebenschacht hin, der zum Abbau vom Ulloa führen sollte.
Die Zeit war bald um, und unter Tage war alles still. In den Strecken, die er durchquerte, begegnete er keinem einzigen Arbeiter. Alle saßen jetzt in den Schutzräumen, kauten Kokablätter und tranken das gewohnte Feuerwasser, um sich zu betäuben und die tägliche Schicht durchhalten zu können.
Da die Arbeit des Menschen für eine Weile ausgesetzt hatte, breiteten sich in den mittleren Abschnitten der Strecken die Gase wie dichte Wolken aus.

"Kumpel! Kumpel!", schrie der Tod in der Hoffnung, einen Arbeiter zu finden, der ihm den richtigen Weg zum Schacht vom Ulloa zeigen konnte.

Niemand antwortete ihm. Nur die Bergfeuchte tropfte in regelmäßigen Abständen in einigen Strecken.
Der Tod sah wieder auf die Uhr. Die Minuten waren beinahe verstrichen, es blieb ihm fast keine Zeit mehr. Er ging in Richtung Norden weiter und schrie eindringlich:
"Kumpel! Kumpel!"

Weit entfernt bemerkte er im dichten Schatten der Grube ein schwaches Licht. Er beschleunigte seine Schritte und eilte durch Gase, Schwaden und Bergfeuchte. Als er näher kam, sah er einen Arbeiter dasitzen, der seine Kokablätter kaute und einen Glimmstengel rauchte.

"Kumpel", sagte er. "Der Schacht zum Abbau vom Ulloa?"

Ohne ihn anzuleuchten, streckte der Arbeiter die Hand aus und zeigte auf ein Loch vor ihm.
"Es sind acht Leitern", bemerkte er. "Sie führen zur Drei-zwanzig."

Wie ein geflügelter Schatten ging der Tod auf den Schacht zu und kletterte die Leitern hinunter. Wieder schaute er auf die Uhr. Der Zeitpunkt, zu dem er Benancio Vicuña treffen musste, war schon gleich gekommen. Er beschleunigte seinen Abstieg und gelangte zu der Strecke. Dort waren die Arbeiter, die Vertreter der Abteilungen, die sich gerade auf dem Weg zu ihrer Schicht in die verschiedenen Stollen zerstreuten.

"Kumpel", sagte der Tod. "Habt ihr Benancio Vicuña gesehen?"
"Ja", antworteten sie. "Er geht gerade weg."
"Wo denn?", fragte der Tod und sah auf die Uhr. Die Zeit war vorbei.
"Dort", zeigten sie ihm. "Der da, der hinter der Schachtfalle steht."

Die Schachtfalle, ein riesiges, offenes und tiefes Loch, das dazu dient, die Tonnen erzhaltigen Gesteins in die Tiefe zu befördern, trennte sie von einander wie eine Grenze.

"Welcher denn?", hakte der Tod nach.
"Der da", sagten sie. "Der mit dem roten Pullover."

Der Tod ging auf ihn zu. Mit den Ellbogen verschaffte er sich einen Durchgang zwischen den Arbeitern.

"Benancio Vicuña!", schrie er und rief ihn zu sich.

Benancio Vicuña ging langsam in Richtung Anschlag, wo er den Förderkorb nehmen musste, der ihn auf seine Sohle, die Zweinullfünf, bringen würde. Als er das Rufen hörte, schrie er zurück:
"Was denn? Was ist denn los, du Scheißer?"

Der Tod wusste, dass seine Stunde vorbei war, und um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, tat er einen gewaltigen Sprung nach vorn.

"Benancio Vicuña!", schrie er noch einmal.

Benancio Vicuña drehte sich halb um und tat zwei Schritte auf den harten Fels der Sohle, um festzustellen, wer da etwas von ihm wollte.
"Was ist denn los, du Scheißer?", wiederholte er.

Der Tod, der wegen der bereits überschrittenen Zeit in großer Eile war, befand sich haarscharf am Rand der Schachtfalle, diesem riesigen Loch, und wollte sich auf Benancio Vicuna stürzen.

"Komm einen Moment her, Kumpel", sagte der Tod zu ihm.

Benancio Vicuña trat ebenfalls an den Rand der Schachtfalle.

"Was ist denn los?", fragte er.
"Komm mal einen Moment her!", bat der Tod.

Aber die Zeit war bereits vorbei. Er ging noch zwei Schritte nach vorn und fiel in das tiefe Loch der Schachtfalle, der Tod.

(1) Die Erzählungen von René Poppe, die wir hier unseren Lesern vorstellen, erschienen in erster Ausgabe 1985 bei Ediciones Isla, La Paz - Bolivien, unter dem Titel "Cuentos Mineros", später auch in anderen Ausgaben. Die hier vorgestellte Textversion wurde 2007 von Autor René Poppe für die Kulturzeitschrift XICöATL, "Ziehender Stern", neu bearbeitet und von der Übersetzerin Helga Castellanos auch neu übersetzt.

Übersetzung: Helga Castellanos

E-Mail: poppe@ucb.edu.bo

Österreich 
Inge Glaser

Gedichte - Inge Glaser

Inge Glaser, Mag. DDr. phil., Prof., geb./lebt in Salzburg. Ausbildung zur Volksschul-, Hauptschul- und AHS-Lehrerin; Studium der Erziehungswissenschaften, Germanistik, Philosophie und Psychologie. Sie schreibt Lyrik - "Poetische Viadukte" (1987), "Delphine lassen grüßen" (1988), "Die Stunde des Schmetterlings" (1989), "Herztöne, Blickpunkte" (1989), "Die Brunnenlaute" (1998), "Die Steppenschalmei" (2004), Prosa - "Laubfeuer" (1988), "Die Birkapfelgeige" (1992), "Ebbe und Flut" (2001); zahlreiche Lesungen und Publikationen in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien. 2005 erschien "Christine Lavant. Eine Spurensuche", 2006 "Der Weg nach Weihnachten" (Lyrik und Prosa).

Gedichte

BAUSTEINE

Es hätte
mein Wort sein können,
das du nicht aufgehoben,
mein Haus,
das du nicht angezündet,
mein Baum,
den du nicht gefällt.

Du lässt alles liegen,
ich lasse alles stehen -
so gehen wir vorbei
an Haus und Baum und Wort,
betreten nicht, berühren nicht
und finden nichts und niemanden
und tun noch immer so,
als ob es den Stein nicht gäbe,
der uns den Anstoß
einmal hätte bringen können.


ALTWEIBERSOMMER

Westwärts fällt das Licht,
an seinen Krumen altern
Wucherblumen ihre Tage ab,
Frühnebel verschatten schon
das Mündungsfeuer ihrer Sonnen.
Noch üben die Falter sich im Flug,
den Austragsstuben zu entkommen.
Bald schneidern die Wiesen
ihr Kleid aus dunklem Tuch
und hätten zu gerne noch verlockt
und wären beglückende Inseln geblieben
in ihrer Fülle von früher.


leben lassen

den nachtregen
aus den augen verlieren
zusammenzucken
wenn der wimpernschlag
die träne trifft
wo ein wort noch geht
von dir zu mir
wo der atem sich hebt
von mir zu dir -
zu leiden
bin ich nicht aufgewacht
aber das salz
es kommt und geht
und nimmt fort
was hängen geblieben
von dir

das lasse ich nicht zu
lasse ich niemals zu -
zu leiden b i n ich aufgewacht
und zu beglücken mich an dem
was i s t von dir
noch immer in mir ...

E-Mail: ingeg@nextra.at