XICÖATL 80

 

XICöATL

XICöATL: Ausgabe 80

XICöATL Nr. 80, Juli/September 2007
XICöATL 80

INHALT:

  • Leitartikel: Der Verein YAGE und das Kulturmagazin XICöATL feiern ihr 15jähriges Bestehen. Luis Alfredo Duarte-Herrera
  • Lyrik: Gedichte. Olga Elena Sánchez Guevara
  • Lyrik: Hommage an Frida Kahlo. Walkala
  • Erzählkunst: Gelächter Im Leichenschauhaus. Laura Massolo
  • Erzählkunst: Die grünen Jahre des Billards. Roberto Reyes Tarazona
  • Österreich: Gedichte. Christoph W. Bauer

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Leitartikel

Luis Alfredo Duarte Herrera

Der Verein YAGE und das Kulturmagazin XICöATL feiern ihr 15jähriges Bestehen - Luis Alfredo Duarte Herrera

Sehr geehrte Mitglieder und FreundInnen von YAGE,
geschätzte Leser von XICöATL,

Es stellt eine außerordentlich große Freude für mich dar, nun die ersten 15 Jahre kontinuierlicher Arbeit des Vereins für lateinamerikanische Kunst, Wissenschaft und Kultur YAGE und des Lateinamerikanischen Kulturmagazins XICöATL "Ziehender Stern", feiern zu können.

Am 29. Jänner 1992 wurde der Antrag für die Vereinsgründung von Christine Reisenberger, Thekla Waltl und mir bei der BPD Salzburg eingereicht. Am 5. März führten wir die erste Generalversammlung im Saal der Katholischen Hochschulgemeinde Salzburg, in der Wiener Philharmonikergasse 2, durch, an der mehr als 60 Personen, Lateinamerikaner wie Österreicher, teilnahmen. Diese erste Versammlung wird immer zu den schönsten Erinnerungen in meinem Leben gehören: die an diesen Abend gerichtete Erwartung war, den ersten lateinamerikanischen Verein in Salzburg zu gründen, das Konzert von Joaquín Clerch Díaz mit Werken von Barrios Mangoré, unter anderem auch die Präsentation und Diskussion der ersten Projekte, die Wahl des ersten Vorstandes und zum Schluss, den wir in ausgelassener Stimmung und mit zu diesem Anlass servierten vegetarischen Köstlichkeiten genossen, war das Konzert von Thekla Waltl, Peter Schwarzenbauer und Jorge Eduardo García. Am 11. März wurden dann die Vereinsstatuten von der Bundespolizeidirektion bestätigt.

Am 1. Mai 1992 erschien das erste Exemplar des dreisprachigen lateinamerikanischen Kulturmagazins XICöATL "Ziehender Stern", das heute die 80. Ausgabe erreicht und somit im Bereich dieses Publikationstyps einen wahrhaften Rekord in Europa darstellt. Auch die Anzahl der Autoren, die auf unseren Seiten veröffentlicht haben, fällt beachtlich aus: bis zur vorliegenden Ausgabe sind es exakt 450 lateinamerikanische und 17 österreichische Autoren, die in ihrer Muttersprache mit jeweiliger Übersetzung ins Deutsche oder Spanische, vorgestellt wurden. Von den veröffentlichten Arbeiten sind 90 % aus dem literarischen Bereich im Besonderen Essays, Erzählungen und Gedichte und 10 % sind anderen Gattungen und Textsorten, vor allem dem Umweltschutz zuzurechnen.
In den ersten 10 Jahren erschien XICöATL zweimonatlich, aber dann ab 2002 vierteljährlich; diese Entwicklung war mit anderen Projekten, vor allem mit unserer Homepage im Internet verbunden. Besonders hervorzuheben sind die kulturellen Brücken, die wir zwischen Österreich und Argentinien, Kolumbien, Costa Rica, Kuba und Mexiko angeregt haben. Dadurch konnte eine große Anzahl von Schriftstellern, bildnerischen Künstlern, Komponisten, Musikern und anderen kreativ Schaffenden aus Lateinamerika und Österreich international vorgestellt werden. Abgesehen von ihrer wirkungsvollen Präsentation haben wir den Künstlern und Autoren einige Auslandskontakte, mit dem Ziel an nationalen und internationalen Veranstaltungen teilzunehmen, vermittelt.
Es würde ausufern und die Geduld unserer Leser überstrapazieren, würden wir die große Anzahl der in Österreich und vor allem im Bundesland Salzburg durchgeführten Veranstaltungen aufzählen: Konzerte mit lateinamerikanischer Musik aus dem anspruchsvollen und volkstümlichen Bereich, Bilderausstellungen, Lesungen lateinamerikanischer Autoren, Vorträge über wissenschaftliche, künstlerische oder kulturelle Themen mit Bezug zu Lateinamerika, Ausstellungen und Vorträge über ökologischen Themen an Universitäten und Schulen, Feste und verschiedene andere gemeinschaftliche Aktivitäten. Auf internationalem Niveau haben wir vier Wettbewerbe im Bereich Literatur, zwei für musikalische Komposition und zwei Wettbewerbe für Fotografie mit ökologischem Schwerpunkt durchgeführt, an denen mehr als 1.000 Personen aus 35 Ländern teilgenommen haben. Bei dieser Vielzahl an Projekten waren die Hauptcharakteristika Effizienz, das genaue Erfüllen der Wettbewerbsrichtlinen und der Erfolg, der uns auch das Vertrauen und die Unterstützung der Behörden in Salzburg und ein breites internationales Netz von Kulturmitarbeitern eingebracht hat.

Ein anderes Projekt, an das ich zu diesem besonderen Datum gerne erinnern möchte, ist unsere Radiosendung "Lyrik und Musik aus Lateinamerika", die wir jeden Sonntag zwischen 19:06 und 20:00 Uhr in der Radiofabrik (www.radiofabrik.at) ausstrahlen und am darauf folgenden Donnerstag jeweils zwischen 10:06 und 11:00 wiederholen. "Lyrik und Musik aus Lateinamerika" ist eine der ältesten Sendungen der Radiofabrik. Wir haben sie in den Anfängen der Radiofabrik ins Leben gerufen, am Ende des vergangenen Jahrhunderts, als die Radiofabrik noch über keine Lizenz verfügte und nur mittwochs zwischen 18:00 und 24:00 Uhr ausstrahlte. Damals wurde "Lyrik und Musik aus Lateinamerika" unregelmäßig in 15minütigen Übertragungen gesendet. Als die Sendelizenz ausgeweitet wurde, erhöhten wir die Sendungsdauer auf eine halbe Stunde wöchentlich und seit dem 6. Jänner 2002 hat unser Programm die, wie vorher beschrieben, gewohnte Dauer von 54 Minuten. Im Hinblick auf Feierlichkeiten ist zu erwähnen, dass wir am 7. Oktober die 300. Sendung, gezählt ab 2002, ausstrahlen werden, zu der wir Sie schon jetzt sehr herzlich einladen möchten.

Alle Projekte dieser ersten 15 Jahre hätten ohne die Mitarbeit einer endlosen Zahl von Personen nie vorangetrieben werden können: abgesehen von den Jurymitgliedern, den WettbewerbsteilnehmerInnen und die Anzahl der zuvor erwähnten veröffentlichten Autoren, haben an XICöATL insgesamt 78 ÜbersetzerInnen und beim Radioprogramm 50 ModeratorInnen mitgearbeitet. Ihnen allen gebührt unser tiefster Dank für den im richtigen Moment geleisteten Anstoß. Außerdem eine Unzahl von Personen in Österreich, Lateinamerika und Europa, die direkt oder indirekt bei kleineren oder größeren Anlässen beim Verein YAGE mitgearbeitet haben, auch ihnen möchten wir unseren aufrichtigen und herzlicher Dank aussprechen.

Unser Dank gebührt auch jenen, die derzeit mit mir die Leitung von YAGE teilen: Das sind der argentinische Komponist Juan María Solare, Mag. Thekla Schirz, Wolfgang Hirsch und Dominique von Loebel. Ein besonderes Dankeschön verdienen jene, die seit der Gründung von YAGE immer verfügbar waren und an verschiedenen Projekten mitgearbeitet haben: Mag. Angelika Moser, Mag. Ulrike Zomorrodian-Santner, Dr. Jorge Antunes in Brasilien, Mag. Judith Moser-Kroiss, Ing. Jorge Martínez Villaseñor in Mexiko, Mag. Christoph Lukits, Dr. Nicolás Cosío Sierra in Kuba, Horacio Rossi und Eduardo Coiro in Argentinien, Dr. Friedrich Frosch, Mag. Josef Lanner, Chano Delgado de Schlachter, Anna Maria Kalcher, Veronika Gruber, Mag. Silvia Amberger, Waltraud Hostalek-Rehbogen und Renato Vecellio, die beiden letzteren sind zu unserem Unglück im Jahr 2005 verstorben. Es bleibt mir noch, meinen beiden Kindern, Krysthal und Leo zu danken, geistige Gründer, die schon aktiv an Projekten mitarbeiten; Dank auch Eurem Entgegenkommen und Eurer Unterstützung, geschätzte Mitglieder, LeserInnen und FreundInnen und dem Wunsch Ausdruck zu verleihen, dass diesem Unternehmen, das in 15 Jahren so viele Völker, Kulturen und Hoffnungen für die Schaffung einer besseren Welt durch die kreative Arbeit ihrer Kinder vereinen konnte, ein langes Leben beschieden ist.

Übersetzung: Judith MOSER-KROISS

Lyrik 

Olga Elena Sánchez Guevara

Gedichte - Olga Elena Sánchez Guevara

Die 1952 in Bayamo, Cuba, geborene Schriftstellerin und literarische Übersetzerin Olga Elena Sánchez Guevara absolviert 1976 ihr Germanistik-studium an der Universität Havanna und beginnt 1977 mit der Arbeit als literarische Übersetzerin im Instituto Cubano del Libro (Verlagsgemeinschaft Kubas).
Im Jahr 2000 erhält sie den kubanischen Nationalpreis "José Rodríguez Feo" für literarische Übersetzung, der vom Schriftsteller- und Künstler-verband Kubas (UNEAC) vergeben wird.
Neben zahlreichen Veröffentlichungen in Zeitschriften wie Revista Mexicana de Cultura Arte y Literatura (La Habana), Zeitschrift Antenas (Camagüey), Revolución y cultura (La Habana) stehen eigenständige Veröffentlichungen wie der Bericht Viamontes, el último vuelo (2003), Cartas de la nostalgía (2004), Kurzprosa und Erzählungen und das Lyrikbändchen Conversación con Ángeles (2005).

Gedichte

berlin oder die sehnsucht nach dem paradies
(friedrichshainpark 21.09.2003)

wären sie nur hier

könnte ich sie nur sorglos laufen sehen
der knirschende kies unter ihren füßen
die augen schließen und die wassermusik hören
die fallenden herbstblätter spüren

rapunzel löst am brunnen ihr haar
während hänsel und gretel um die bäume herumtollen

so oft war ich weit weg
aber niemals überkam mich die traurigkeit wie in diesem augenblick
umgeben von grimm's märchen und ohne zauberstab

*****

am ufer eines flusses sitzend, tauche ich meine hände in sein wasser, der tag neigt sich: das rauschen der erinnerung in jenen feldern von las tunas

an dieses ufer gelangt man über eine brücke die in einer ausgehöhlten ceiba endet

sich im inneren eines baumes befinden, diese lebenden wände ertasten, ihren geruch aufnehmen: wer diesen durchgang erdacht hat, ist ein poet, auch wenn er niemals einen vers schrieb

dulce maría, der almendares, die stadt: hier sind es nur der fluss, die im wind wiegenden palmen und der gesang der vögel

das ist kuba am ufer eines baches, gewässer, die ins meer münden, jorge manrique; wasser desselben flusses, an beiden enden des yang tse…

es wird immer stiller, die dunkelheit bricht herein, es bleiben nur der fluss und sein rauschen

für jorge abilio

*****

der tag ist grau
und es ist kalt

engel der ferne
webe mir einen schleier
der die traurigkeit bedeckt

und hauche mir
das ersehnte wort ins ohr

*****

ein gesicht verschwimmt
unausgesprochene worte
brennen

die asche
ist gedächtnis des feuers

*****

requiem, michaelerkirche

die stimmen
- nicht der tod,
sondern posaunen
der auferstehung -
grüßen dich
wolfgang
unsterblicher

*****

ich liebe dich
nicht wie am ersten tag sonder mehr
wie der baum seine wurzeln in die erde treibt
die ihn erhält und nährt

meine liebe ist kein feuer
das mit der zeit zu asche wird:
du bist meine andere hälfte

ich liebe dich
nicht wie am ersten tag sonder mehr

*****

gemeinplätze

mein gedichtband
neben dem brot
in der küche meiner freundin

mein gedichtband
gemeinsam mit lezamas paradiso
in der hand des jungen mannes neben mir

meine gedichte
zu brot geworden
auf unserem tisch

*****

ich versuche es
immer und immer wieder
es kehrt nicht zurück

auch nicht deine stimme
nur das echo

aber
plötzlich
lächelt mich ein kind an

da bist du…

Übersetzung: Elisabeth PRANTNER-HÜTTINGER

Adresse: Coyula 18742 entre Primera y Segunda, Reparto Monterrey, San Miguel del Padrón, Habana 31, Código Postal 13100, Ciudad Habana - KUBA
E-Mail
: olgaelena@cubarte.cult.cu

Lyrik 
Walkala

Hommage an Frida Kahlo - Walkala

am 6.juli 1907 wurde in coyoacán, mexiko-stadt, die malerin frida kahlo geboren. zu ihrem 100. geburtstag gestalten yage und xicóatl eine hommage, die der bewundernswerten malerin gewidmet ist, deren leben und werk einen bedeutenden meilenstein der kulturellen und künstlerischen geschichte lateinamerikas darstellen.

Gedenken

beunruhigend präsent, verführerisch, kalt, sinnlich, abwesend das lächeln
inmitten feiner europäischer spitze, maskuliner kleidung,
oder ihr zerstörter körper eingehüllt in wunderschöne Tehuana-trachten
so vermacht frida der menschheit die perfide last ihres tragischen schicksals.

titanweiß, neapelgelb, blaugrün, scharlachrot, siena natur, karmin-violett,
bitumen,
smaragdgrün, englischrot, paynesgrau, zinnobergrün gebrannt, zinnoberrot, königsgelb, elfenbeinschwarz, dunkles krapprot, transparentes goldocker, rostbraun, perlweiß, umbra natur, kobaltlila,
preussischblau, himmelblau, zyanblau, türkischblau, ultramarinblau, königsblau, dunkles kobaltblau, mittleres kadmiumgelb, zinkweiß, olivgrün, rotocker, rosa erde, zitronengrün, rauchschwarz,
kaltgrau...
die fröhliche sinfonie aller farben des planeten
benetzt sich gleich mit dem feinen öl ihrer intimsten schmerzen
und im grazilen flug des pinsels überschwemmt sie alles, was sie berührt, mit verheerenden botschaften;
den erstarrten seelen, die sie beobachten, wird großzügig
das offene buch eines lebens voller farben, zwischen hoffnung und unglück, entgegengestreckt.

die ewigkeit hat, frida, auf deine bilder den düsteren blick deiner nachtaugen gerichtet
um vom schicksal jeden moment
den grund zu erfahren für die schweren lasten, die es von überall her der existenz aufbürdet.
und wir, betrachter über die zeiten hinweg, bleiben wie du ohne antwort
können einzig von deiner rechten hand das bittere elixir trinken, das der willkür entspringt.

Übersetzung: Judith MOSER-KROISS

Erzählunst 
Laura Massolo

Gelächter im Leichenschauhaus - Laura Massolo

Laura Massolo ist am 21. Dezember 1954 in Lomas de Zamora, Buenos Aires geboren. Von ihr sind folgende Werke erschienen: Al borde (Erzählungen 1999), "Afuera estaba el mundo" (Gedichte 2001), "Y amén" (Gedichte). Momentan koordiniert sie die Schreibwerkstätten der Stadtbibliothek "Esteban Adrogué", des Kulturzentrums Centro Cultural de Adrogué und andere private und leitet die Schule für Erzähler "Julio Cortázar". Sie ist immer wieder Jurymitglied bei nationalen und internationalen Wettbewerben. Unter den zahlreichen Auszeichnungen sind vor allem der vom französischen Radio vergebenem Juan Rulfo Preis und etliche Preise in Mexiko, Spanien und Argentinien hervorzuheben.

Gelächter im Leichenschauhaus

Für Dr. Horacio Delfino, auf der Erde oder im Himmel

Viele sind tot. Ich weiß nicht, ob alle. Ich weiß, dass mein Onkel tot ist, ich weiß, dass Luciano tot ist und auch der Alte, der im Dienstbotenzimmer am Dachboden wohnte und an Altersschwäche starb, denn es sind beinahe fünfundzwanzig Jahre vergangen.
Auch sie wird wohl schon gestorben sein, die Frau, die jeden Morgen sang "con el pucho de la vida apretado entre los labios…" (1)und lachte mit ihrem hohlen und bitteren Lachen, voller Husten und Klage und Resignation. Sie wischte die Böden mit einem in Lauge getränkten Fetzen und sie hielt immer wieder inne, um mit jedem von uns ein Weilchen zu plaudern.
Hieß sie nicht Blanca? Ich glaube, sie hieß Blanca; und sie war dunkel, dunkel und zart. Aber mehr als alles andere war sie entschieden, aufdringlich, so als ob sie das Philosophieren beim Lauschen an den Glastüren gelernt hätte, den Blick vom ewigen Rauch getrübt, während sie das Gemurmel mit dem kaputten und krummen Rücken wegwischte. Vielleicht ist sie ja gar nicht tot, vielleicht lebt sie ja immer noch in ihrer Sinfonie aus Teer.

Von dem ich nichts mehr weiß, wirklich nichts weiß, nie mehr etwas erfuhr, ist Horacio. Diese Ungewissheit brachte mich oft zum Weinen oder veranlasste mich zum Schreiben von Gedichten oder ich stelle mir die Frage, was wohl gewesen wäre, wie es wohl gewesen wäre. Aber ich weiß es nicht. Ich weiß nichts mehr seit jenem Sonntag, an dem er um sieben Uhr in der Früh zu mir nach Hause kam, den Kragen hochgeschlagen, die Angst in den Knochen, und hastig atmend, um eine Art Ritual zu vollbringen. Er ließ mich alle Dinge verbrennen, auf denen sein Name aufschien: die getrockneten Maikäfer, die er mir geschenkt hatte, das Schwarz-Weiß-Porträt Che Guevaras, die Widmungen in den Büchern, einige Briefe und die Fotos. Er sagte, er wäre auf der Flucht und dass er weder wüsste, ob er es noch rechtzeitig bis zu einer Grenze schaffen würde noch zu welcher Grenze. Er sagte, er hätte schon viele Stunden auf der Straße verbracht, er konnte nirgends mehr hin, sie waren ihm auf den Fersen. Und er ging. Ich weiß nicht, ob er wegging, ich weiß nicht, wohin er ging.

Vor einiger Zeit, einem inneren Drang folgend, sah ich die Telefonbücher von La Plata durch. Ich dachte, wenn er im Land wäre, oder wenn er von diesem unbekannten Ort, in den er flüchten wollte, zurückgekommen wäre, könnte ich ihn ausfindig machen, als praktizierenden Arzt mit Familie.
Es gab einige mit demselben Nachnamen, aber keinen Horacio. Ich weiß nicht, wo ich ihn suchen soll.
Mir blieb nur das Bild vom Feuer, auch wenn es jetzt nur eine Hand voll flüchtiger Asche ist, Asche ohne Namen; alles in mir zerbrach, verbrannte, verschwand, erhängt an einem Strick aus Zweifeln, aus Momenten, die es nicht mehr gibt, sogar aus dem Zweifel nicht zu wissen, wie und in welchem Moment wir uns das gesagt hätten, was wir uns nie gesagt haben, an welcher Ecke, wie der erste Kuss gewesen wäre, wie weit alles gegangen wäre, ähnlich einer Liebe, wenigstens ähnlich. Aber da war dieser Morgen voller Raureif, an dem wir beide vor Aufregung zitternd meine Sachen durchsuchten und Dinge ins Feuer warfen; meine Fragen meine Unkenntnis, all das, was nicht einmal er selbst verstand, der Atem der aus ihm dampfartig und stillschweigend entglitt: all das trug jegliche Möglichkeit mit sich fort, etwas zu erfahren weder damals, noch jetzt noch zu keiner Zeit.
Manchmal denke ich daran dass, es Namenslisten gibt, dass ich diese Listen durchsehen könnte; dass ich mit einem Mal alles wissen könnte. Aber wahrscheinlich steht er gar nicht darauf, und wenn er darauf stünde, dann ist es mir lieber zu glauben, dass er an anderen Ufern gelandet ist, jeden Morgen wässrigen Kaffee trinkt, den neuesten Witz von Satiricón liest und mit seinen schönen Augen die Luft zur Seite schiebt.
Wenn Horacio nur diese Erzählung lesen könnte. Wenn die Welt nur eine dieser ungenauen Umdrehungen machen würde und eines Tages meine Worte und meine Zweifel in seine Augen fallen könnten.
Wenn nur irgendjemand von denen, die nicht gestorben sind, diese Erzählung lesen würde.
Damals schrieb ich einen Brief an meinen Schutzengel. Es war ein Hilferuf, das Flehen, er möge mich noch nicht verlassen. Ich habe diesen Brief aufbewahrt. Ich habe ihn gemeinsam mit der Gewissheit aufbewahrt, dass er mich ausgerechnet während der zwei Jahre verlassen hat, in denen ich im Krankenhaus mit meinem Onkel Luciano gearbeitet habe, in der Zeit, in der Blanca Tangos sang, Horacio von einer eigenen Methode träumte, den Koch-Virus (2) zu isolieren und Daniel traurig war, wenn bei einem Kind papa (3) festgestellt wurde.
Vielleicht ist deshalb mein Engel verschwunden, weil er erschrak, weil seine Flügel im Leichenschauhaus brüchig wurden, denn die Mikroskope fällten unwiderrufliche Todesurteile, oder weil die jüngsten Ärzte die Flucht ergriffen - oder es nicht konnten, oder weil in Blanca eine Welt zusammenbrach, als sie mir sagte, dass mein eigener Onkel - sie nannte ihn dotorjefe (4) - gegen mich intrigierte, dass er mit einem Weibsbild des servicio (5) ging, dass dieses Weibsbild mich am liebsten von Kopf bis Fuß in ein Mikrotom (6) stecken wollte, dass sie mich in das Rattenkabinett schicken würden, wo ich mit einem ungeschliffenen Messer trockene Stücke schneiden würde. Und ich landete dort.
Eines Tages kam der Bezirksvorsteher mit zwei Schlägern und sagte meinem Onkel, dass er mehr Einsatz zeigen müsse.
Als er ging, nütze mein Onkel die Gelegenheit, um mir "mitzuteilen", dass es für mich keine Ernennung gäbe, ich meine Sachen zusammenpacken solle, dass ich die Tür aufmachen und mich von allen verabschieden solle; dann, in der Tür, weinte ich in den Armen Horacios. Vielleicht begann ich damals ihn richtig zu lieben; aber nach diesem Tag konnte ich ihn nie mehr wieder berühren, nicht einmal an jenem Tag, an dem er kam, um seine Spuren zu beseitigen, die heute meine Erinnerung an ihn vervollständigt hätten.
Meinem Schutzengel schauderte. Er verließ mich, er ließ mich allein zurück in meiner Verwirrung, mit der weißen Schürze, die ich mir nie wieder umbinden sollte, allein mit meinem Titel, den ich zusammen mit meinen anderen Diplomen der Literaturwettbewerbe für immer archivierte, er ließ mich allein zurück, mit weit aufgerissenen Augen, fassungslos angesichts der Ungerechtigkeit und der Lüge.

Paradoxerweise schreibe ich diese Geschichte erst heute. Wenn man von mir sagt, dass ich mit den Eingeweiden schreibe, liegt das wahrscheinlich daran, dass ich viele Teile menschlicher Körper gesehen habe.
Ich sah den dicken, der zweihundert Kilo wog und einen Messerstich im Unterbauch hatte, ich sah eine Masse von Eingeweiden, als sie den Typen brachten, der vom Zug überfahren wurde, ich sah den blonden zehnjährigen Jungen, der plötzlich an einer Meningitis starb, ich sah die Frau, die vor Schrecken und an Zyankali starb, ich sah die ungemeine Geduld mit der Luciano versuchte im Sinne von Ramón y Cajal (7), den Schmerz zu finden, ich sah die Hysterie Cristinas, als sie eine Lumbalpunktion ins Spülbecken goss und ihr klar war, dass sie in zwei Stunden auf der Straße stehen würde, ich sah einen Leichenbestatter, der die Augen der Toten verkaufte, ich sah die Geburt bei einer Frau, die ihren Fötus mit Fausthieben auf den Bauch getötet hatte, ich sah die Straßen voller Tränengas, das Glänzen eines geladenen Revolvers zwischen Gewebsschichten und Aufschneider mit abgeschnittenen Brüsten; ich sah den Hass. Und ich sah die Wärme Horacios an den kalten Morgen, das Zittern der Hände, die aufgesetzten Hörner meiner Tante, die Falschheit, die Schnitte im Fleisch, die vereinsamten Gesichter, die Umschläge mit Krebs, das vergrößerte Profil der bösartigen Zellen. Den betrügerischen Blick Blancas, die sich am traurigen Tabak aufrieb. Alle das gleiche und war gerade einmal zwanzig Jahre alt.

Auf irgendeine Art habe ich glücklicherweise einen lebenden Teil dessen aufbewahrt, der zweifellos tot ist. Und an jenem Morgen war es mir scheißegal, dass mein Onkel mir mit ernster Stimme sagte, es wäre verboten in der Leichenhalle zu lachen. Ich wusste alles - ich wusste es von Blanca - ich wusste um die Schande, das zerstörte Idol. Da sah ich ihn mit einer gewissen Überheblichkeit an und zuckte nur mit den Schultern. Aber Daniel und Horacio wurden ernst und eine gläserne Stille breitete sich um den Tisch aus, wir fuhren fort, kleine Teile zu klassifizieren und vermieden es, uns anzusehen. Vielleicht weil wir dachten - weil ich dachte - dass es auf diese Weise möglich wäre, das Spiel zu verlängern, weil wir gerne länger blieben, um das Schreckliche in die Luft zu streuen und die Lebensfreude wieder zu erlangen. Es war auch jene Zeit, die letzte Etappe jener Zeit, die Zeit der ersten Schatten, der letzten Berührung durch meinen Engel, der Tage, die Horacio beim servicio war. Damals vermischten sich mein Onkel, meine Pläne, dieser Teil meines Lebens mit all diesen dunklen Schatten.

Zum Glück konnte ich mir meine Lebensfreude bewahren.

Vor wie vielen Jahren habe ich es erfahren? Vor zehn? Vor fünf? Als ich es verstand, war mein Onkel bereits unter all jenen, die gestorben waren und ich konnte mich bei ihm nicht mehr bedanken, dass er mich rechtzeitig aus dem System geholt hatte und vor dem Schrecken bewahren konnte. Ich konnte ihn nicht mehr für die Raffiniertheit loben, mit der er unter Mithilfe Blancas, der Frau mit dem Glimmstengel, diese schmutzige Geschichte erfand. Ich wusste nicht, dass er vor der Nase des Bezirksvorstehers meine bereits erfolgte Einstellung als technische Assistentin im Krankenhaus verbrannte. Nein. Ich glaubte vielmehr an ein zerbrochenes Ideal, an einen unwürdigen, lüsternen Mann, der lieber die Dienste einer geheimen Liebhaberin in Anspruch nahm.

Zum Glück wurde ich Schriftstellerin und versuchte die Albträume in Erzählungen zu ertränken. Andere Erzählungen selbstverständlich, nicht wie diese, die ich erst nach so vielen Jahren schrieb.
Und ich frage mich: diejenigen, die nicht gestorben sind und im Dreck hängen geblieben sind, diejenigen, die sich vor den anderen retten konnten, diejenigen, die ihre Spuren nicht verbrennen konnten, diejenigen, die dem Tod weiterhin ins Auge blickten, diejenigen, die nie die Wahrheit gesagt haben, wie leben sie wohl heute?

Und dann lache ich und weine, lache über eine Menge Eingeweide. Ich erfinde die Geschichte, dass Horacio an irgendeinem Ort der Welt ist und dass mein Schutzengel ihn begleitet hat, um ihn zu beschützen. Ich komme auch nicht ganz alleine zurecht. Ich habe meine eigenen Engel. Jetzt schreibe ich gerade.

(1) Erste Strophe des Tangos Las Cuarenta aus dem Jahr 1937. Text von Francisco Gorrido, Musik von Roberto Grela.
(2) Heinrich Hermann Robert Koch (* 11. Dezember 1843 in Clausthal; † 27. Mai 1910 in Baden-Baden) war ein deutscher Mediziner und Mikrobiologe. Koch gelang es im Jahre 1876 erstmalig den Erreger des Milzbrands (Bacillus anthracis) in Kultur zu vermehren und dessen Rolle bei der Entstehung der Krankheit nachzuweisen. 1882 entdeckte er den Erreger der Tuberkulose:
(3) la papa - umgangssprachlicher Ausdruck für Tuberkulose
(4) Liebvolle Form für doctor jefe = Chefarzt
(5) Servicio de Inteligencia - Geheimpolizei unter der Diktatur
(6) Das Mikrotom ist ein Schneidegerät, mit dem man sehr dünne Schnitte von bestimmten Proben gewinnen kann.
(7) Santiago Ramón y Cajal (* 1. Mai 1852 in Petilla de Aragón (Navarra, Spanien); † 18. Oktober 1934 in Madrid) war ein spanischer Mediziner und erhielt den Nobelpreis für Medizin 1906 gemeinsam mit dem Italiener Camillo Golgi.

Übersetzung: Elisabeth PRANTNER-HÜTTINGER

Adresse: Trejo 12 (Esquina Santa Ana) Turdera (1834) Buenos Aires - ARGENTINIEN
E-Mail: lauramassolo@yahoo.com.ar

Erzählunst 
Roberto Reyes Tarazona

Die grünen Jahre des Billards - Roberto Reyes Tarazona

Roberto Reyes Tarazona: Schriftsteller und Soziologe, gründete die Gruppe Nar-ración. 1973 erhielt er den nationalen Preis "José María Arguedas" in der Kategorie Erzählungen. Er veröffentlichte: Infierno a plazos (dt. Hölle auf Raten) (1978), Los verdes años del billar (dt. Die grünen Jahre des Billard) (1986), Nueva Crónica: Cuento social peruano 1950-1990 (antología) (1988). La torre y las aves (dt. Der Turm und die Vögel) (2002), La caza del cuento (dt. Die Jagd nach der Erzählung) (2004). Sein Roman Los verdes años del billar wurde ins Rumänische übersetzt, einige seiner Erzählungen sind in Sammelbänden über Peru und das Ausland erschienen.

Die grünen Jahres des Billards
(aus dem Roman "Los verdes años del billar"; Reyes Tarazona, Roberto; Editorial:San Marcos, Lima, Peru, 2005, 343 S.)

S. 204-206:

Der Capazote erwachte erst wieder zu Leben, wenn er beim Billard an der Reihe war. Besser gesagt, er erweckte die anderen zu Leben, denn wenn er anfing zu spielen, war er zwar noch genau so wie einen Moment zuvor, nur dass der Tisch, sobald sein Queue die Kugeln berührte, zu einer Bühne wurde, auf der die Figuren sich gemäß eines von ihm verfassten Libretto bewegten. War das erst einmal gelungen, wurde der Capazote noch unpersönlicher, ja, er verschwand vollständig, so dass nur noch die Kugeln existierten. Mit ihrem wahnsinnigen Rhythmus, mal rasant, mal gemächlich, mal kompliziert, mal einfach, mal wild, mal sanft, beherrschten sie die Emotionen, die Wünsche oder Absichten des Capazote; ja es war gerade so, als saugten der Tisch und die Kugeln seine ganzen Lebenssäfte auf, als sei es allein ihm gestattet, sich durch die Kugeln auszudrücken, die über den grünen Filz auf dem Billardtisch rollten, als sei er nichts als der Handlanger oder das Instrument einer unbekannten Kraft. Wenn der Capazote Billard spielte, vergaß man vollkommen, dass er, wie es hieß, im Gespräch mit anderen ein arger Langweiler war und keinen Alkohol vertrug; man achtete überhaupt nicht darauf, wie die Kugeln zum Laufen gebracht wurden, dass es als ersten Anstoß des Zusammenspiels eines Queues, zweier Arme und Hände, verschiedener Muskeln und eines Kopfes bedurfte. Es existierte nur eine exakte Bahn, eine bestimmte Menge von zu überwindenden Hindernissen, ein mehr oder weniger starker Lauf der Kugel, ein punktgenauer Anstoß, von der Seite oder aus der Diagonale, eine gelungene, mehr oder weniger heftige Drehung nach links oder rechts, ein Auseinandersprengen der aufgebauten Kugeln bei schlagkräftigen Treffern, sowie ein unbeirrtes Anpeilen des Lochs; all das nach strengstem Reglement, einer mathematisch genauen Regulierung jeder einzelnen Bewegung. Der Zufall hatte scheinbar in dieser geordneten Welt keinerlei Spuren hinterlassen, und es wirkte gerade so, als sei alles, was das Gehirn des Capazotes von sich gab, exakt vorherbestimmt. Als konzentriere oder reproduziere sich auf dem Tisch das Bild oder Schema, das ihm im Geiste vorschwebe, so getreu wie bei einem Pantograph.
Wie gesagt, der Zufall schien im Spiel des Capazotes ausgeschaltet zu sein; wäre da nicht noch der Gato gewesen. Der Gato fuhr dazwischen und versuchte, die perfekte Maschinerie aus dem Takt zu bringen. Manchmal gelang es ihm, manchmal auch nicht. Jedenfalls war er offensichtlich nicht in der Lage, sie völlig außer Kraft zu setzen. Immer wenn er einen Zacken oder ein Rädchen im Getriebe zerstörte und so den routinierten Ablauf unterbrach, ersetzte der Capazote die Teile wieder und behob den Schaden. Die allgemeine Spannung lag eher darin, ob er über genügend Ersatzteile verfügte, oder ob sein Widerspruchsgeist irgendwann die Lust verlor, sich langweilte oder seinen Plan aufgab. Wie man beobachten konnte, war es noch lange nicht so weit, denn der Gato wirkte weder ungeduldig noch so, als hätte er es eilig, sondern er schien eher zufrieden, ein so vergnügliches Spielchen entdeckt zu haben, das er sich nicht so leicht nehmen lassen würde, und, wie jeder sehen konnte, war der Capazote entschlossen, diesen unverschämten Kerl um jeden Preis in seine Schranken zu weisen. Obwohl sie bereits seit mehreren Stunden spielten, wirkten beide so frisch, als hätten sie gerade erst begonnen, und auch wenn sie zum ersten Mal gegeneinander spielten, schien ihr Duell wie die Fortsetzung vieler vorangegangener, früherer Begegnungen, zahlreicher bereits gespielter Partien in sämtlichen Billardsälen der Stadt.

S. 246-248:

Endlich näherte ich mich dem Lokal, wo das historische Treffen stattfand. Unbekümmert genoss ich die Vorfreude auf das, was mir vergönnt sein würde: ein Spiel, das mit der Zeit ins Reich der Legenden eingehen würde, und ich hatte das Glück, Zeuge sein zu dürfen.
Eine ungewöhnliche Ergriffenheit erfüllte mich beim Gedanken an das bevorstehende Spiel. Endlich hatte ich etwas gefunden, was alle meine Erwartungen übertraf, und niemand würde es mir streitig machen.
Doch beim ersten Schritt durch den Flur, der zum Billardsaal des Azángaro führte, trat ein unerwartetes Hindernis auf: Die Türen waren verschlossen.
"Das kann doch nicht sein!", sagte ich laut. Nein, nein. Sie müssen noch spielen. Der Gato muss noch dort sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie in so kurzer Zeit fertig geworden sind. Auf keinen Fall.
Ich ging ein Stück weiter, und als ich das Klicken der Kugeln und dumpfes Gelächter hörte, schöpfte ich wieder Mut. Na klar: Laut Lizenz durfte der Betrieb nur bis elf Uhr dauern. Doch das bedeutet noch nicht, dass das Duell unbedingt unterbrochen wird. Wen interessiert es schon, dass alle das Spiel beenden müssen? Ich meine die normalen Gäste. Das Duell ist eine andere Sache, und der Laden muss weiter laufen, und sei es hinter geschlossenen Türen. Umso besser.
Ungeduldig klopfte ich an eine der morschen, in der Mitte vom ständigen Gebrauch ganz abgegriffenen Türen. Es dauerte einige Augenblicke, die mir endlos vorkamen, und jede Sekunde dachte ich: da, sie kommen; doch alles blieb ruhig. Ich klopfte erneut an. Nichts. Diesmal pochte ich lauter und heftiger, bis ich endlich das Geräusch dumpfer Schritte auf den alten Holzdielen vernahm. Eine heisere Stimme rief misstrauisch: "Wer ist da?"
"Ich, Ricardo, ein Freund vom Gato. Ich soll ihm etwas vorbeibringen."
Man hörte das Türschloss quietschen, als jemand von innen aufschloss, und im Vertrauen darauf, dass die Beschwörung des Zauberstabs meiner Freundschaft mit dem Gato mir die Türen geöffnet hatte, trat ich blind einen Schritt vor und wäre fast mit einem Kerl zusammengestoßen, der mitten in der Türöffnung stand und mich missmutig anstarrte.
"Was hast du denn da? Gib mal her!"
Da ich mit dieser Feindseligkeit nicht gerechnet hatte, stockte ich.
"Mach schon. Wie lange soll ich noch warten?"
Heute scheint es alle Welt eilig zu haben, sagte ich mir, und erwiderte:
"Es ist eine persönliche Angelegenheit. Er hat mich um einen Gefallen gebeten, und ich muss… es ihm persönlich übergeben."
"Geh zum Teufel mit deiner persönlichen Angelegenheit", sagte er und schlug mir die Tür vor der Nase zu. An dem Abend schien sich alles zu wiederholen. Doch ich war nicht bereit, so leicht aufzugeben, und klopfte erneut an die Tür.
Diesmal kam ein anderer Kerl heraus, nicht weniger übellaunig als der vorherige, nur älter und allem Anschein nach der Besitzer oder Geschäftsführer des Ladens.
"Señor, bitte, ich muss unbedingt dort hinein…"
"Wozu?"
"Ich habe etwas für den Gato."
"Aber hier gibt es keinen Gato."
"Verzeihung, aber ich weiß, dass er gerade mit dem Capazote spielt. Ich war vorher schon hier; aber dann sollte ich für den Gato was erledigen, und deshalb bin ich weggegangen."
"Du irrst dich. Hier gibt es weder einen Gato noch einen Capazote. Wir haben geschlossen, denn jetzt darf niemand mehr spielen. Um diese Zeit spielt hier längst keiner mehr." Über seine Schulter hinweg sah man eine Ansammlung von Menschen, die sich um den zentralen Billardtisch drängten, wo ich den Gato mitten im Spiel zurückgelassen hatte. Zu allem Überfluss erhob sich ausgerechnet in dem Augenblick ein Chor von Stimmen. Entweder war eine gute Partie beendet, oder jemandem war ein Überraschungscoup gelungen. Der Kerl blieb jedoch ungerührt. Ich insistierte:
"Aber das können Sie doch nicht behaupten, Señor. Dort an dem Tisch…"
"Chalaco, komm mal her", rief er, ohne mich ausreden zu lassen.

Übersetzung: Dr. Petra STRIEN-BOURMER

Adresse: Av Sucre 623, Dpto. 1101, Pueblo Libre, Lima - PERU
E-Mail: rreyes@urp.edu.pe

Österreich 
Christoph Bauer

Gedichte - Christoph Bauer

Christoph W. Bauer wurde am 11. 12. 1968 in Kolbnitz, Kärnten, geboren und lebt derzeit in Innsbruck. Zur seine Werke gehört Lyrik, Prosa, Essay, Übersetzungen, Hörspiel, Herausgabe und Betreuung diverser Anthologieprojekte. Chefredakteur der Zeitschrift Wagnis. Publikationen: wege verzweigt, Gedichte, 1999; die mobilität des wassers müsste man mieten können, Gedichte, 2001; fontanalia.fragmente, Gedichte und Prosa, 2003 ; Aufstummen, Roman, 2004; supersonic, Gedichte, 2005; ¡Venceremos! oder: immer wieder Cordoba, Hörspiel vom ORF produziert. Zahlreiche Preise, Stipendien, Auszeichnungen und Veröffentlichungen in Zeitschriften in Österreich, Deutschland, der Schweiz, in Anthologien und im Hörfunk.

Gedichte

xxi

trecks tricks und tropen
was die jahrhunderte lehren in der
üppigen vegetation gediehener artefakte

wächst der himmel in die
bäume an deren verzweigungen sich

die augen messen um jeder
linearität aus dem weg zu gehen in
einer metapher faulem zauber und stil

figuren die seit jeher um das
selbe kreisen volando vengo volando

voy koloriert eben besser
und weitet sinne pinselnd ohne
diesen einzuziehen einen toten winkel

zur zerebralen ampel
wie das nachplappern grosser gefühle

deren sprachauswahl die radios
vornehmen immer in grünphasen
unterwegs wird ein wetterumschwung

zum shinkansen zurück ins rot
licht versäumter zeilensprünge vielleicht

auf einem strich abzurauschen im
wagon lits der wachbilder durch die
nullarborebene aus eigenen novembern

im indian pacific von perth richtung juni

xxii

junipassagen im sunset
von el pueblo de nuestra señora
la reina de los angeles de porciuncula

über el paso an den golf
von mexiko und weiter im southern

express oder anders zu
sprechen an einem morgen wie
aus dem aug des Kolumbus gepellt

abbreviationen meidend im
reiseführer der wärme deren strassen

entlang in der faunischen drift
der von nachthochwettern lackierten
autodächer vom stapel gelaufen und aus

den alles schon gesehen
meridianen entlassen an deck der santa

maria liest dich ans ruder
deiner gedanken ein land und ein
andres siedelt in jedem augenaufschlag

ein amerika in rahmig
gequirltem geblüh ins uferlose gelehnt

zwischen büschen rabatten
benachbarten alphabeten schreiben
parkbänke sich in entfernte wälder in

einer soeben erst in dir entdeckten schrift

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: submarino@cewebe.com