XICÖATL 78

 

XICöATL

XICöATL: Ausgabe 78

XICöATL Nr. 78, Jänner/März 2007
XICöATL 78

INHALT:

  • Mozart: Walkman Amadeus Mozart: Logbuch einer Woche. Marcos Aurelio Arcaya Pizarro
  • Lyrik: Gedichte. Matilde Casazola Mendoza
  • Lyrik: Der "Mund der Hölle". Gregorio de Mattos e Guerra
  • Erzählkunst: Erzählungen. Marcos Rodríguez Leija
  • Österreich: Gedichte. Gerold Schodterer

>> Download XICöATL Nr. 78

Mozart

Marcos Aurelio Arcaya Pizarro

Walkman Amadeus Mozart: Logbuch einer Woche - Marcos Aurelio Arcaya Pizarro

Marcos Arcaya Pizarro (La Ligua, Chile, 24/5/1979). Er bereitet sich auf das Magisterium in Spanisch an der Universität von Santiago vor - an der Universität von Chile hat er im Jahre 2004 einen akademischen Grad erworben. Derzeit nimmt er am "Colectivo Literario Lingua Quiltra" teil. Bisher hat er nur Essays und Artikel in kleinen gedruckten und virtuellen Zeitschriften veröffentlicht.

Walkman Amadeus Mozart: Logbuch einer Woche

MONTAG

7:35. Auf dem Weg zur Arbeit. Im Walkman: Sonate K 311

Jeden Morgen wenn ich aufwache Lärm von negativen planetarischen grünen Elefanten (wie Kinder). Gefräßige Steinkrabben, gierig nach Seuchen in den Tunnels der Metro, an den Fahrkartenschaltern.

Ich lese die Zeitung (ein repräsentatives Korpus verwandter Themen) ihren Sportteil ihre Nicht-Nachrichten ihre Horoskope ihr Wetter. Spezielle Texte, Inhalte, verschiedene Aspekte in Zeitschriften Büchern in Pamphleten, bis obenhin voll andauernd ungeheuerlich zeigen sie sich in ihrer Entmenschlichung... Ich sage mich los, von der Lektüre, selbstverständlich, ich sage mich los.

DIENSTAG

6:30. Gerade aufgewacht. Im Walkman: Kyrie K 341

Wesentliche Dimension: Persönlichkeiten, wie sie das soziale Leben demokratischer Ausprägung verlangt, begreifen Phänomene von Vermischung und Bruch. Es ist schon gut... Nichts zu sagen. Ihre Anwesenheit in den Werken die sie lesen ist Mord, das allerdings, wenn auch notwendig, vielleicht, oder besser gesagt unvermeidlich, vielleicht, es ist Mord Mord unvermeidlich Mord: Persönliche Erfahrungen offenbaren sich dort, begründet auf ihrer Beziehung zum Objekt, den Verlust der eigenen Persönlichkeit vorschlagend charakterisierend, aber es ist eine Maske (das wurde schon gesagt, glaube ich).

MITTWOCH

19:10. Unterhaltung mit dem Taxifahrer. Im Walkman: K 543 (Es)

Wiederaufnahme des Themas, kurz: Fiktive Bedeutung wie die Transzendenz der Liebe und der Körper und der Geist des Körpers in den Dingen in den Söhnen in den Dingen in den Töchtern, alles vermischt mit anderen Kapriolen tatsächlicher konstituierender Spiritualität, das heißt Fernsehen, Telefone, Kino, Genealogie, Religion, Philosophie mit ihren Bündeln von Seiten mit oder ohne Illustrationen aber reine Erzählung am Ende... Immer Erscheinung von... Sie verstehen mich sicher, nicht wahr?

DONNERSTAG

Ca. 12:50. Zeit für einen kleinen Imbiss. Im Walkman: Haffner K 385

Korrekt, eher überzeugt als informiert bindet und löst man sich isst schluckt schläft kaut vermischt weiter... ich wache auf brumme bade (nicht immer) ziehe mich an gehe arbeite komme zurück schlafe... Und nicht einmal ein Ritterroman auf dem Sims um den Verrückten zu spielen... ein wenig.

FREITAG

20:00. Alleine auf einer Bank auf einem Platz. Im Walkman: Prag K 504

Ich glaube nicht daran viel zu reden. Ich schlage mich auf die Seite des fetten, billigen Rohrkrepierers, weil ich selbst billig und unbedeutend bin. Ein Lügner Einsiedler kommt mir die barocke Glasperlenkette auf dem Hippie-Markt (hübscher Flitterkram in Serie) wie ein Opfer vor. Ohne Einwilligung dauert die Lüge länger, ein bisschen länger, glaube ich. Weideblau sehe ich mich als Filzlaus in den Ritzen Blut Kacke in den Ritzen der blauen Filzlaus weide ich. Zusammengekauert... nein nein, besser traurig wie ein Zeichentrickfilm über das Kaufen von Kleienbrot mit Mortadella. Unmöglich, damals an Worte mit Federn eines Leichenzuges aus einem Traum zu glauben, Kathedralen aus einem Traum: unmöglich damals. Die Liebe täuscht nicht einmal die fünfzehnjährigen Mädchen ist Erzählung ist Scherz Erfindung.

SAMSTAG

21:36. In einer Bar, so die Piscolas wollen. Im Walkman: K 543 (Es)

Motte verschlingt Insekt Lebewesen verbrennt. Verschlingt die Nerven während es an der Sonne trocknet. In meinem besten Hemd bügle ich und das Blut klebt an den Pfannen. Ich töte das verheißene Kind, das die Sahne aufleckte, denn ich bin dieses Kind, es ist mein Foto, seit Jahrhunderten ist es mein Foto (so ist es und nicht anders, Nicolás, eine längst vergangene Angelegenheit) denn die Zeit fliegt wenn man sich amüsiert. Nischenwutanfall in den Schuhen, Wörterbüchern (den Muskel richtig schön am Hals befestigt): das sind Angelegenheiten der Filzlaus, Ekel vor der Arbeit, den Monaten, Kalendern, den DURCHGESTRICHENEN Tagen:... unsympathisch

23: 52. Im Bett. Im Walkman: Serenata Notturna K 239

Mit gekrümmtem Fuß schlafe ich ein, hübsche Mama (die Bibel liest man mit Glasauge) und du denkst dir Späße aus, die keine Pointe haben und wiederholst Späße, die keine Pointe haben und du stirbst weil wir alle sterben und der Spaß ein Ende hat.

SONNTAG

20: 30. In der Wohnung, beim Fernsehen. Ein musikalischer Spaß K 522

Höhere Töchter wie aus den Magazinen, niedlich-gut erzogene Enkelkinder (verstopfte Ärsche) Eigentumswohnungen. Viel wissen wir über riesige Bäuche von Bettlern, vollgestopft mit Zivilisation... Symptome Kommen und Gehen Zugangsmöglichkeiten... Gekreuzigt gehe ich ins Bad.

Am Anfang war ich allein ich; am Ende der Zeiten werde ich nicht da sein, es wird nichts bleiben außer der Spinne mit ihrer Fliege hinter den Regalen. Runzelig faul stelle ich mich angenagelt zur Schau ich bin die Sonne ich friere nicht ich bin die Sonne ich bin die Sonne ich bin Jaime Guzmán am Kreuz ich bin der Vater ich bin der Sohn (noch einmal) ich bin die Sonne ich bin die Sonne ich friere nicht...Lügen... Die Wunde in der Seite/die Stigmata... Ein falscher Clown, löscht sich mein Gesicht aus: Verschlungen weggeworfen ignoriere ich die Leute den Schrei ich verzichte BASTA.

Anmerkung: Der Buchstabe K vor der Nummerierung der Werke Mozarts bezieht sich auf den chronologischen und thematischen Katalog der gesamten Werke Mozarts, zusammengestellt von Köchel.

Übersetzung: Judith MOSER-KROISS

Adresse: Ortiz de Rozas nº37, La Ligua, Petorca, Valparaíso - CHILE
E-Mail
: linguaquiltra@yahoo.es

Lyrik 

Matilde Casazola Mendoza

Gedichte - Matilde Casazola Mendoza

Matilde Casazola Mendoza wurde 1943 in Sucre/Bolivien geboren: Dichterin, Komponistin und Interpretin (Stimme und Gitarre). Die Schule besuchte sie in ihrer Geburtsstadt. Die musikalische Ausbildung begann sie in der Escuela Nacional de Maestros "Mariscal Sucre". Gitarren-Unterricht nahm sie bei dem spanischen Meister Pedro García Ripoll. 1974 erste Auftritte mit eigenen Liedern nach ihrer Rückkehr aus dem Ausland, wo sie mehrere Jahre verbracht hatte. Von diesem Jahr an ständiger Beitrag mit ihren poetischen Liedern und einmaligem Auftritt pro Jahr mit einem neuen Repertorium. Ihren ersten Gedichtband veröffentlicht sie 1967, anschliessend in regelmässigen Abständen. Mehrere Jahre lang erteilte sie Gitarren-Unterricht an der Escuela Nacional de Folklore "Mauro Nuñez Cáceres" in La Paz. 1982-83 reist sie nach Europa und tritt in verschiedenen Städten in Frankreich, der Schweiz und Spanien auf. Ihr poetisches Werk ist in verschiedenen nationalen und internationalen Anthologien zu finden. Ihr poetisch-musikalisches Werk wird von anerkannten Künstlern interpretiert und ist auf Schallplatten, Kassetten und CDs aufgenommen worden.

Gedichte

DIE TRAUBEN

Jemand löscht eines nach dem anderen,
alle kleinen Sterne deines Himmels;
da aber dein Himmel so weit ist,
hast du es niemals gemerkt.

Und so geht das nun seit vielen Jahren,
dass dieser Jemand
solch schmerzliche Arbeit übernommen hat.

Und schon sind Hunderte kleiner Sterne geköpft.
Du aber, furchtlos, gehst und gehst,
lachst und weinst,
als ob nichts wäre.

Aber dein Kollier ist bald nur reinste Schnur!

Wenn die Dunkelheit wie ein Steinregen
auf deine sorglose Geste fällt,
wirst du deinen Namen verfluchen und deine Schuhe hassen
und dich an alte Gebete erinnern.

Wenn die Dunkelheit für dich ein bissiger Hund sein wird.
Wohin fliehen? Was retten?
Wenn die Dunkelheit wie ein harter Steinschlag
auf dein bitteres Herz fällt.

Ach, das offene Fenster!

Ach, so viel verdrängte Talente!

Du wirst noch einen traurigen See austrinken müssen,
Friedhof von kleinen Sternen bevölkert,
die jede Nacht verzweifelte Zeichen machten,
um deine Hilfe zu erbitten.

Den jemand ist dabei sie auszulöschen,
ohne dass du es bemerkst.

Halt! Blick zurück,
hüte deinen Schatz!
Lass dich in der Karawane
von phantastischen Farben nicht blenden!

Denn die kleinen Sterne kauft man nicht
wie man ein Kleid kauft;
denn die kleinen Sterne erlöschen für immer,
und es gibt niemanden, der sie ersetzt.

Denn nur die Karawanen werden verkauft und gekauft
und nehmen versteckt spitze Dolche mit,
um deine freien Träume zu beschneiden,
um dein Herz in sieben Teile zu spalten.

------------------ &&&&& ------------------

Ich glaubte, die Welt war heiter,
und zog mir deshalb gelbe Hosen an.
Aber dann habe ich
einen verdächtigen Winkel entdeckt,
wo das Licht nicht einzudringen wagt,
wo ich wie eine Puppe aussehe,
lächerlich eingehüllt
in ein Lügenkleid.

Oh, diesr Ort ist zu gefährlich,
als dass ihn die satten Leute entdecken.

Es sind zwei schlafende Kinder an einer Tür
nach zehn Uhr in der Nacht,
in unbequemer Lage und mit trauriger Miene, die an ihrem Munde hängt.
Es sind zwei verschmutzte Kinder mit einem Topf und einem Brot,
die eingeschlafen sind.

Wir kamen aus dem Kino, kommentierend.
Aber nicht einmal das Grauen der menschlichen Bosheit,
das wir gerade auf einer glatten Oberfläche gesehen hatten,
war vergleichbar mit dieser echten Wirklichkeit,
vielleicht dem Anschein nach nicht so schrecklich,
aber wirklich wie jeder von uns,
wirklich nach zehn Uhr in der Nacht,
wirklich vor aller Augen, aller Schritte
und aller Hände.

Aber niemand konnte bleiben;
ach, nur das Herz!
Das Herz, genauso schutzlos wie ein Kind,
wie zwei schlafende Kinder an einer Tür.
Ein abgezehrtes Herz,
ohne gelbe Hosen,
ohne Heiterkeit und ohne Knöpfe.

Aber niemand konnte bleiben,
ach, nur das Herz!


LIED AN DEN DUNKLEN MENSCHEN DER AUF DER TÜRSCHWELLE SCHLÄFT

Du schläfst in einem Winkel meiner Tür,
hingekauert und zerlumpt.

Ich spähe dir von drinnen auf,
begierig dich zu rufen.
Du weisst nicht, dass du ein gemachtes Bett
mit weissen Laken
und geblümter Decke hast.

Alles fertig, jede Nacht.

Und jede Nacht verbring ich schlaflos
hinter der Tür.

Nie werde ich dir sagen: - Tritt ein,
wir sind Brüder!

Denn du würdest mich anspucken
oder bestenfalls, ohne ein Wort zu sagen,
die Tür wechseln.

Wir sind getrennt
durch mehr als eine Tür, das ist sicher.

Durch ein klares Schweigen,
die einzige Stunde schlagend
auf Augen und Lippen,
in der Haltung des ganzen Körpers.

Bist du ein Engel, ein Dämon,
Spion meines Tuns,
regloser Hüter meiner Gedanken?

Alles ist vorstellbar.

Du bist ein Mensch,
nur das,
der durch ein seltsames Geschick
Teil meiner Welt wird.

Die heutigen Gesetze
verkünden unsere Gleichheit,
und ich schreibe dir ein Gedicht,
während jede Nacht die Feuchtigkeit deine Träume wiegt,

dunkles Wesen, vor dessen Rücken
ich schroff meine Tür verschliesse.


8. Oktober 1967

Man sagt, dass er gestorben ist,
gestorben.
Ich werde ihn in den Sternen suchen
und in meinem eigenen Spiegel;

denn ich zweifle,
denn ich will nicht,
dass es wahr ist.

Sterne sah ich an ihm,
leuchtende Sterne seine Augen,
sie hielten die Hoffnung fest,
und ein Lächeln
schwebte auf seinem Mund.

Wie stachest du doch, süsser Dorn!

Jedoch ein kleiner Vogel flüstert mir ins Ohr, dass er gestorben ist.
Umsonst werden sie ihn verschmähen,
um seinen Namen zu löschen
oder ihn auferstehen zu lassen in epischen Gesängen.

Nein, es wird nicht mehr das Gleiche sein,
weder sein langes Haar,
noch seine Art, die Pfeife anzuzünden,
noch sein überragender Mut.

Man sagt es, alle sagen es, selbst der Wind,
aber ich zweifle,
aber ich will nicht,
dass es wahr ist.

Übersetzung: Christa FABRY de ORÍAS

Adresse: Casilla 699, Sucre - BOLIVIEN
E-Mail
: ursulamatilde@hotmail.com

Lyrik 
Gregório de Mattos e Guerra

Gedichte - Gregório de Mattos e Guerra

Gregório de Mattos e Guerra, im Volksmund bekannt als der "Mund der Hölle", wurde am 23. Dezember 1636 in Salvador da Bahia, Brasilien, geboren und war Enkel des Inquisitors Pedro Gonçalves de Mattos und Sohn von Gregório de Mattos und Maria da Guerra. Die Mitglieder der Mattos-Familie waren Großgrundbesitzer, Beamte der Kolonialverwaltung und Unternehmer. Gregório de Mattos studierte am berühmten Jesuitenkolleg in Bahía und später an der Universität Coimbra in Portugal, wo er seine Studien im Kanonischen Recht 1661 abschloss. Im selben Jahr heiratete er die aus einer Beamtenfamilie stammende Micaela de Andrade - eine Verbindung, die seiner Juristenkarriere förderlich war. Nachdem ihm die so genannte Blutreinheit bestätigt worden war, konnte er 1663 ein Amt als Stadtrichter von Alcácer do Sal annehmen und begann somit seine Karriere in der Richterschaft, dann wurde er Vertreter von Bahía in der portugiesischen Ständeversammlung am Hof und später Prokurator. Seine Frau starb kinderlos im Jahre 1678. Vier Jahre zuvor hatte er ein uneheliches Kind auf den Namen Francisca taufen lassen.
1683 kehrte Gregório de Mattos nach Bahia zurück, wo er in den Dienst des Erzbischofs trat. Wenige Monate später wurde er abgesetzt, weil er sich weigerte, die Soutane zu tragen und die Befehle der Vorgesetzten auszuführen. Das zügellose und promiskuitive Leben der Stadt Salvador schürte seine Lust am Schreiben, und er entwickelte sich gewissermaßen zum inoffiziellen Chronisten der Gesellschaft Bahias und deren Gewohnheiten - waren es korrupte Prälaten, Reiche und Regierende, Weiße und Schwarze, Kolonisten und Sklaven, einheimischer Adel und Mulatten. Nachdem er dem Klerikerstand entsagt hatte, - gleiches hatte er mit seiner Richterwürde getan - pflegte Mattos seine poetische Ader auf dem Wege der Satire, der Erotik, der Pornographie sowie der grotesken, der lyrischen und der religiösen Dichtung. 1680 heiratete er Maria de Póvoas, mit der er ein Kind namens Gonçalo hatte. Im Jahr 1685 wurde er bei der Inquisition in Lissabon aufgrund seiner unchristlichen Lebensführung angeklagt. Wegen seiner satirischen Gedichte gegen alles und gegen viele drohte ihm der Tod. 1694 wurde ein Komplott organisiert, um ihn gefangen zu nehmen und nach Angola zu schicken, ohne ein Recht auf die Rückkehr nach Bahía. Bei seiner Ankunft in Luanda unterstützte er den Gouverneur bei der Unterdrückung eines Aufstandes worauf ihm die Erlaubnis erteilt wurde, nach Brasilien zurück zu kehren. 1695 ließ er sich in Recife nieder, wo er 59-jährig am 26. November aufgrund eines aus Afrika mitgeschleppten Fiebers verstarb.

Gedichte

MARINÍCOLAS

Alle Tage sehe ich den Marinícolas
in der Kutsche vorbeikommen
Edelmann von solch schönen Gliedern
Wie London und Paris

Marinícolas war ein Bursche
Der die Früchte vor der Zeit aß
Dass nie er auf Hauben blickte
Denn in den Hosen fand er bessere Unterröcke

Dort sagten sie mir, er hätte viel Unanständi-ges getan
Mit einem bestimmten Cupido, der von hier
Verstoßen wurde von einigen Sodomiten
Im Jahre 1000 irgendwas

Marinícolas war schlussendlich
Jemand mit verschiedensten Qualitäten
Der heute Münzen prägt
Und gestern noch ein mieser Bauer war

DEN KAPITULAREN SEINER ZEIT

In Bahia unser Dom
ist als Festtagsfibel
Weihnachtsstall der Bibel,
wenn nicht Hippodrom:
Sammelt doch penibel
Kirchglockgeschepper,
Totenkopf, den Klepper,
braunes Maultier, den Dechanten,
den Pereira, Rosinanten,
All das sich zusammenläppert.

Übersetzung: Christine GREIL, Mechthild BLUMBERG, Markus EBENHOCH und Christopher LAFERL

Erzählunst 
Marcos Rodríguez Leija

Erzählungen - Marcos Rodríguez Leija

Marcos Rodríguez Leija (Nuevo Laredo, Tamaulipas/Mexiko, 1973). Er ist Forscher und Koordinator der Literaturwerkstatt El Aleph. Er bekam den Nationalen Preis für Journalismus und Information 2000-2001 / Staatspreis für Literatur Juan B. Tijerina 2000 / Staatspreis für Lite-ratur Juan José Amador 1998 / Stipendiat für Geisteswissenschaften 1998 durch den Fonds für Kultur und Kunst Tamaulipas / Besondere Erwähnung in Yara-Granma (Kuba) wegen einer Sammlung von Erzählungen, die in der Anthologie Argentina/El Naufragio del Sol/Premio al Programa 2002 vereint sind und durch das "Instituto Mexiquense de Cultura" (IMC) organisiert wurde. Er arbeitet an Zeitschriften mit wie: Tierra Adentro, Universo El Búho, Tropo a la Una, Sol de Tierra, Ficticia, Baquiana (Miami, EU), Ciber Humanitatis (Chile), Letralia (Venezuela), usw. Er ist auch Autor von "Exhumación de suenos lúgubres (1996), Fronteras del cuento (1998), usw.

Erzählungen

LIEBE AUF DEN ERSTEN BLICK

Täglich blieb der arme Schlucker aus dem Häuserblock vor der Boutique für Hochzeitskleider stehen. Gern betrachtete er eine schlanke Figur feinen Antlitzes durch die Auslage. Für ihn gab es keine Frau, die ihr gleichkam. Sie war diejenige, von der er immer geträumt hatte.

Die Leute betrachteten ihn als einen gefährlichen Verrückten, jedes Mal wenn er Gedichte von Pablo Neruda rezitierte; es kümmerte ihn recht wenig, wenn der Lokalbesitzer ihn mit Fußtritten hinauswarf oder das Kommissariat anrief, um ihn verhaften zu lassen.
Nichts hinderte daran, daß der Bedürftige zur Auslage zurückkehrte, wo eine weibliche Schaufensterpuppe ihn zu betrachten, und angesichts jedes Wortes eingestandener Liebe gerührt zu sein schien:


"Ich mag es wenn du schweigst, weil du wie abwesend bist,
und mich von weitem hörst, und meine Stimme dich nicht berührt.
Es scheint, daß die Augen dir davongeflogen sind
und es scheint, daß ein Kuß von dir den Mund umschlossen hat ...! (1)

Eines Tages konnte jener bärtige und zerlumpte Mann sich nicht mehr zurückhalten. Er nahm einen Stein und zerbrach damit die Auslage der Boutique. Der Besitzer des Geschäftes und jene, die in der Nähe vorübergingen, waren erstaunt, bewegungslos, als sie sahen, daß eine hübsche Frau, wie keine andere, fröhlich, als Braut gekleidet, an der Hand des Bettlers aus dem Häuserblock von dannen lief.

(1) Ich mag es wenn zu schweigst ... (Fragment) von Pablo Neruda.


DIE PFÜTZEN

Es regnete. Es war kein gewöhnlicher Regen. Vom Himmel fiel eine Zauberstadt, eine in Wasser geschriebene Stadt, eine einem Aquarell identische Stadt, die wir seit langer Zeit bewohnten. Die Tropfen aus den Wolken wurden zu winzigen Kreisen eines zersplitterten Spiegels, der uns ein reines, neues, umgewandeltes Gesicht widerspiegelte. Die Pfützen der Straßen projizierten einen Ort, der dem unsrigen ähnlich war, jedoch nicht der unsrige war, jene Geräuschfülle, Gewalt, jener rußbeschmutze, mit leeren und einsamen Menschen bewohnte.

Daher verließen wir ihn öde wie er war und stürzten uns auf die Pfützen, bevor sie austrockneten, um wieder die alte Stadt zu bewohnen, die wir eines Tages derart verunstalteten, bis sie wieder unbewohnbar war.


DIE ERSCHEINUNG

Ein Mann teilt Schläge aus, verzweifelt, um sich eines Gespenstes zu erwehren, der ihn nicht in Ruhe läßt, seit er das Haus mietete, das er heute bewohnt. Was er nicht weißt, ist die Tatsache, daß er gestorben ist und seine Seele es ist, die er verscheucht.


WIEDERGEBOREN WERDEN

Der Tod klopfte an seine Tür und fühlte sich am Leben. Sein Leben war sein Tod.


ALLMORGENDLICH BEIM AUFSTEHEN

Ich putzte seine Zähne mit Feingefühl. Ich wusch sein Gesicht. Ich richtete sein Haar. Ich rasierte seinen Bart. Ich gestaltete stilvoll den Schnauzbart, als ob er ein Prinz wäre. Ich setzte ihm die Brille auf. Mein Bild war elegant, sauber, attraktiv und zog glücklich, fröhlich von dannen. Ich, auf der anderen Seite des Spiegels, war weiterhin dasselbe abgezehrte Skelett, der Proletarier, Verlierer seit jeher.


DIE MIETE

Die Zeit ist ein verkleideter Mensch, der zuweilen langsam sich bewegt und dann wieder wie ein Raubvogel die Luft herausfordert: er umfliegt das Universum in einer Sekunde.
Die Zeit ist die schwindelerregende Begegnung - beim überqueren der Straße - eines jeden schon alten Kindes - mit sich selbst.
Die Zeit ist der wildeste Wirbelwind: er zerstört alles, Häuser, Autos, Flüsse, Parks. Gestern nahm er sich den Fußball, den mir mein Vater zu meinem 10. Geburtstag geschenkt hatte. Das war vor langer, wirklich langer Zeit.
Die Zeit ist ein verkleideter Mensch, der dich still überrascht, obwohl ich sagen würde, jetzt nicht so sehr, doch beharrlich, unbesonnen, klopft und klopft er kräftig an die Tür dieses Hauses, die gerade nachgibt.
Ich, obwohl ich es wollte, kann mich nicht erheben.
Die Zeit muß wohl denken, daß ich ihr die letzte Miete nicht bezahlen will. Aber er beharrt und ich ertrage nicht mehr das Geräusch, das er macht. Schweig´ schon! - schreie ich ihm entgegen - Ich kann mich nicht erheben! Heute läuft unser Vertrag ab. Man muß es glauben. DIE ZEIT, die ich ihm nicht zahlen will.


DER SUCHTERGEBENE

In jener Nacht ging ich in Richtung Kirche um meine Suchtergebenheit abzulegen. Ich wollte eine Änderung, auf daß mein Leben einen Sinn bekäme. Aber ich entdeckte, daß ich nicht anders sein konnte. Und ohne es sich zu überlegen, stieß ich das Messer in den Hals einer nachtschwärmerischen Dame und trank ihr Blut bis zum Überdruß.


DER HERZLOSE MANN

Als Junge war er der schrecklichste innerhalb der Stadtviertelbande. Während der Jugendzeit errang er in der Familie die Bezeichnung eines "schwarzen Schafes". Er lernte nie gern, noch viel weniger behagte ihm das Arbeiten. Er zog es vor, das Geld leicht zu verdienen. Er wurde Teil eines Freundeskreises, der ihm das Töten beibrachte. Mit 40 Jahren war er zum herzlosesten und von der Kriminalpolizei meistgesuchten Mann geworden. Er wurde derart streitsüchtig, daß er seine Komplizen tötete. Schon gab es keinen Anführer und keine Stadtviertelbande der Unterwelt mehr, die mit ihm Verbindung haben wollte. In seiner Familie wurde er schon seit langem nicht mehr als Mitglied derselben betrachtet. Er war so allein auf dieser Welt und absolut niemand mochte ihn, sodaß er eines Nachts, als er sich in seinem Schlupfwinkel versteckt hielt, auf dem Bett sitzend, ihm gegenüber seinen Schatten an der Wand sich widerspiegeln sah und dieser sich beschämt erhob und für immer durch das Fenster von dannen zog.


PERSÖNLICHKEIT

Er erschrak als er sich im Spiegel besah und so änderte er jede Einzelheit seines Körpers. Nach vielen chirurgischen Eingriffen betrachtete er von neuem jenen Widerschein, aber der Eindruck war schlimmer: seine Abneigung war unvermeidlich.


DIE FRAGE

Er war bereits ein alter Mann, dem die Kraft zum Arbeiten fehlte. Tatsächlich war er vom vielen Arbeiten müde. Er hatte gearbeitet und gearbeitet, den Großteil seines Lebens, für nichts, denn auf der hohen Kante hatte er nichts. All das Geld, das er verdiente, hatte er für Frauen, Wein, Zerstreuung, Freunde und Überflüssiges ausgegeben.
Auf einem Stock gestützt, der seinen schwächlichen Körper hielt, ging er in Richtung Toilette und blieb vor dem Spiegel stehen.
Wer bin ich? Wer bin ich gewesen? Fragte er sich. Und die abgezehrte Figur ihm gegenüber sagte zu ihm: Mein schlechtester Widerschein ...


EINE NACH WIE JEDE ANDERE
für Guillermo Samperio

Sie zog den Mantel aus, jedes Kleidungsstück, das ihren blassen Körper bedeckte und warf sich auf das Bett. Vor dem Spiegel eines von Motten befallenen Kleiderschrankes blieb ich stehen und sah die Lenden, die den Hintern jener flüchtigen Frau umgaben. Sie ähnelte meiner Mutter, die ich derart haßte, wie ich jetzt die Architektur von Stundenhotels verabscheute.
Der Besitzer von "El Cascabel" ("Die Schelle") war der einzige im Stadtviertel, der wegen meiner Saumseligkeit beim Begleichen meiner offenen Rechnungen keine Umstände machte, obwohl ich in jener Nacht zum letzten Mal ein Zimmer gemietet hatte.
Es gab keinen Fächer und die Hitze war übermäßig. Von der Wand fiel gerade ein gefärbeltes Bild und ein Flußpferd aus Ton ruhte auf einem wackeligen, schubladenlosen Nachttisch.
Ich nahm den Cowboyhut, den ich aufgesetzt hatte, ab und ein Feuerzeug heraus, und aus der Zigarette, die ich zwischen meine sehr trockenen Lippen geschoben hatte, quoll eine Rauchschlange, die sich nach und nach in eine für die Augen irritierende Wolke verwandelt hatte.
- Du bis sehr weit weg - sagte sie sanftmütig. Mir schien, als ob es sich nicht um eine Nullachtfünfzehn-Frau handelte. Da gab es keinerlei Verbindung zu jenen, mit denen ich zuvor geschlafen hatte.
Ich ging auf sie zu und blieb geradewegs vor ihrem ährenfischroten Schuh stehen. Ich nahm ihn vom Leisten und sagte: - Er ist wirklich elegant.
Sie legte ihren Zeigefinger in die Scheide und forderte mich auf, mich ihr zu nähern. Ich tat es, um sie das eine oder andere Mal zu schlagen und ihr sogar den Absatz ihres Pantoffels in ein Auge zu stoßen, das wie der Dotter eines Eies zerbarst.
Draußen ging das Wehklagen eines Rettungswagens in ihren Schrei über. Dann unbeweglich und blutig, drang ich in sie ein, ein, zwei, drei, mehr als einhundert Mal, bis auf den Grund ihrer Scheide zu gelangen. Ich empfand eine bisher nicht gekannte Befriedigung als ich in ihr kam. Dann kleidete ich mich an. Und mit den Erinnerungen an eine dunkle Zeit meiner Kindheit, machte ich die Tür auf und mein Schatten verlor sich zwischen der Dunkelheit einer lärmenden und aufgeregten Stadt. Ich wollte so bald wie möglich zu Hause sein. Viel Müdigkeit war in mir.

Übersetzung: Renato VECELLIO

Adresse: Salinas Puga No. 2012, Colonia Palacios, CP 88220 Nuevo Laredo, Tamaulipas - MEXIKO
E-Mail: vladtepes333@vahoo.com.mx

Österreich 
Gerold Schodterer

Gedichte - Gerold Schodterer

Gerold Schodterer wurde am 12. August 1956 in Bad Ischl, Österreich, geboren. Bisher hat er die Gedichtbände "Naturgedanken (1998) und "Spuren" (2001) sowie die Doppel-CD mit dem Titel "Erdenweg" (1999) mit seinen vertonten Gedichten veröffentlicht. Gerold Schodterer ist nicht nur Dichter, sondern auch Bildhauer und Goldschmied. Weitere Gedichte von Gerold Schodterer finden Sie auf unserer Homepage www.euroyage.com.

Gedichte

KÖNNEN WIR IMMER SOMMER SEIN?
(Aus dem Buch: "Naturgedanken. Vom Wachsen, Blühen, Reifen und Ernten", Schodterer Gerold, Bad Ischl, 1998)

Erst ein Hauch, dann immer kräftiger
Gelb, Grün, Rosa, Weiß, Rot, Blau, Lila.
Vogelstimmen nach der Stille.

Frühling.

Die ersten Knospen springen auf.
Die Zeit ist gekommen, sich umzusehen.
Ungeahnte Möglichkeiten.
Zeit - für den Start.
Zeit - sich zu entfalten.
Neues, lang Geplantes zu beginnen.

Üppiges Gedeihen.
Hitze.
Leben spendende Gewitter.
Der Geruch nach Heu.
Windrauschen mächtiger Blätterkronen.
Dunstig, schwüle Schleier
vor gezackten Gipfellinien.

Sommer.

Üppige kraftvolle, pulsierende Zeit des Reifens.
Zeit für geschäftiges Treiben.
Zeit fürs Umsetzen und Wachsen.
Zeit fürs Konzert der Grillen.

Erste unsichtbare Fäden im Gesicht.
Kühle Nächte - Nebelschwaden.
Kräftige Farben des Gereiftseins.
Getragene, atemberaubende Farben des Absterbens,
als ein Zeichen ewigen Kreislaufs, unscheinbar,
die Knospen schon vorbereitet für den Neubeginn.

Herbst.

Zeit des Erntens.
Zeit Reserven anzulegen.
Zeit zu investieren für die Zukunft.
Zeit die Früchte zu genießen.
Zeit für ein Dankeschön mit erhobenen Augen.
Zeit des sich Vorbereitens auf die Stille.

Eisiges Pfeifen durch bizarres Astgewirr
von schwarzgekrönten Riesen.
Krächzende Geräusche,
gefolgt von schwarzen Schwingen.
Sichtbarer Hauch, in kalter Frische vor den Augen.
Daunendecke, die den Schlaft behütet.

Winter.

Zeit zum Ruhen.
Zeit zum sich Finden, zum sich Sammeln.
Zeit - Ideen und Pläne reifen zu lassen.
Zeit - sich leer zu machen für das Neue.


DAS INNERE SELBST
(Aus dem Doppel-CD-Album: "Erdenweg", Schodterer Gerold, Bad Ischl, 1999)

Frei zu sein beginnt im Innen
tief drinn´,
wo alle Stimmen stimmen,
wo Klarheit, Weisheit, Wahrheit ist,
wo still der Fluß der Einheit fließt.
Wo unser Selbst,
das wir auch Urkraft nennen,
d´rauf wartet,
dass wir es erkennen.


GEMEINSAM
(Aus dem Buch: "Spuren", Schodterer Gerold, Bad Ischl, 2001)

Es ist das Feuer
in der Finsternis der Nacht
das Licht,
das über alle Dunkelheit gestellt
das uns mit seiner Wärme,
seinem Schein bewacht
und unsern Weg
bis hin zum Horizont erhellt.


Es ist in uns die Finsternis,
das Feuer und das Licht
und unser freier Wille
lässt uns Raum zum Spielen,
wenn unser beider Feuer
die Dunkelheit durchbricht,
sind wir bereit,
die Glut der Liebe zu erfühlen.


DANKBARKEIT

Vater, ich danke dir,
du hast mich großgezogen.

Vater, ich danke dir,
hast mir ein Heim gebaut.

Vater, ich danke dir,
du hast mich nie belogen.

Vater, ich danke dir,
hast immer mir vertraut.

Vater, ich danke dir,
du hast geformt mein Leben.

Vater, ich danke dir,
hast mich als Sohn gesehn.

Vater, ich danke dir,
du hast mich freigegeben.

Vater, ich liebe dich,
kann nun ins Leben gehen.


ENT-SORGEN

Loslassen
heißt gehen
durch Schmerzen,
die Aufgestaut
in unser´m Herzen.


Gehaltenes
wie ein Kind gebären.
Denn inneren Stausee
zu entleeren.


Um, durch frische Quell´n gefüllt,
klar zu sein,
von Gott gestillt.


EINKEHR

Bist suchend auf dem Weg,
so darfst du finden,
darfst mehr und mehr
vom starren Denken
dich entbinden,
lernst transparent zu werden,
zu öffnen deinen Geist,
bist du den Kern gefunden,
der Freiheit dir verheißt.


ENT-BINDEN

Loslassen heißt das Jetzt zu leben.
Vergangenem keinen "Raum" zu geben.
Verlustschmerz an der Wurzel fassen.
Neues in sein leben lassen!

E-Mail: GuK@schodterer.at