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XICöATL: Ausgabe 77
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Waffenfabriken müssen von der Erdoberfläche verschwinden! - Luis Alfredo Duarte Herrera
Die Invasion Israels im Libanon mitsamt der Entfaltung all ihres menschlichen und kriegerischen Potenzials bedeutet einen weiteren Schritt der Desillusionierung im Prozess um die Errichtung einer besseren Welt dar, an dem Millionen von Menschen auf diesem Planeten beteiligt sind - abgesehen davon, dass es sich bei diesem Einmarsch um einen Akt der Barbarei handelt, der für einen friedlich denkenden und handelnden Menschen vollkommen unverständlich ist.
Die Menschheit bewegt sich in einem bedauerlichen Teufelskreis, aus dem sie den Ausweg nicht findet. Immer wieder brechen ein oder mehrere neue Kriege aus oder ein alter Konflikt flammt erneut auf; dann rufen Chroniken, Berichte, Zeitungsartikel, Videos, dramatische und trostlose Fotos friedliebende Menschen und tausende von Organisationen - angefangen von der mächtigen UNO bis hin zu den bescheidensten Einrichtungen auf diesem Planeten - in allen Tonlagen dazu auf, die Beendigung der kriegerischen Auseinandersetzung einzufordern. Intelligente und gut dokumentierte Essays, schön klingende Diskurse, Lieder Konzerte, schamlose und/oder herzzerreißende Gedichte, fromme oder hochtrabende Wünsche: Überall sprießen tausende von Stellungnahmen hervor, die das Ende des Krieges verlangen, ohne dass sie - objektiv gesehen - auch nur die geringsten Auswirkungen auf den Verlauf der Auseinandersetzung hätten. Und Tage, Monate oder Jahre später, wenn der Krieg endlich beendet wird oder einschläft, glauben all jene, die dagegen mobil gemacht haben, dass ihr Engagement auf die eine oder andere Weise einen Beitrag zur Etablierung des endlich erreichten, kränklichen Friedens geleistet hat.
Welch trügerische Beruhigung eines schlechten Gewissens! Wer die Mentalität der Militärs kennt, weiß, dass kein Diskurs die Soldadeska und die Händler des Todes bewegt. Von einem Konflikt zum nächsten wandert jene unbedarfte Masse, die außer sich nach Frieden ruft, durch die Welt und wird zum Gespött der Waffenfabrikanten und der Marionetten, die diese zum Vorteil ihrer lukrativen Geschäfte manipulieren. Weit davon entfernt, Hilfe zu leisten, dient die gigantische Bewegung gegen den Krieg lediglich dazu, Tausende von Mikro-Ökonomien in Bewegung zu setzen, deren finanzielle Ressourcen schließlich in Form von Steuerzahlungen in den Händen der Regierungen landen; Ressourcen, die auch dazu dienen, jene umfangreichen Budgets zu finanzieren, die von den Verteidigungsministerien auf der ganzen Welt eingefordert werden. Ressourcen, die diese Ministerien zu einem großen Teil in Waffen, Munition und weitere Ausrüstung der Industrie des legalen Mordens investieren.
1998 gaben die Staaten der Welt 55,8 Milliarden Dollar für den Kauf von Waffen aus. 26,5 Millarden landeten in den Waffenfabriken der USA (sie stellen 49 % der weltweiten Waffenlieferungen), 9,8 Millarden gelangten nach Frankreich (17,5%), 9 Milliarden nach Großbritannien (16 %) und 2,8 Milliarden nach Russland (5%). "Auch wenn weltweit die Militärausgaben noch unterhalb derer während der Hochzeit des Kalten Krieges liegen, ist doch seit 2001 ein sich deutlich abzeichnender Anstieg erkennbar. Allein in den USA wuchsen die Militärausgaben im Jahr 2002 gegenüber dem Vorjahr um 13 Prozent an und machen jetzt 43 Prozent der Militärausgaben weltweit aus. Russland (um 12 Prozent) und China (um 18 Prozent) haben sich mit der Erhöhung ihrer Ausgaben angeschlossen, ebenso wie Frankreich und Großbritannien. Das Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) schätzt die Weltmilitärausgaben im Jahr 2002 auf 794 Milliarden US-Dollar - oder auf 128 US-Dollar je Kopf der Weltbevölkerung ... Schon jeder sechste Mensch der Weltbevölkerung, d.h. etwa eine Milliarde Menschen, lebt inzwischen im Einflussbereich von kriegerischen Konflikten."
Es ist unmöglich, Kriege zu vermeiden, solange die Bürger der Welt - und hier insbesondere die Angehörigen von waffenproduzierenden Staaten - kein Bewusstsein für die dringende Notwendigkeit einer völligen Abschaffung des enormen personellen, politischen und wirtschaftlichen Machtbereichs entwickeln, der durch das legale Geschäft der Produktion und des Verkaufs von Waffen auf der ganzen Welt besteht. Die Waffenfabriken und der Militärdienst müssen von der Erdoberfläche verschwinden, vorher wird es keinen Frieden und keine vollständige Sicherheit geben, weder für Individuen noch für Kollektive. Die Waffenindustrie gehört weltweit zu einem der größten und mächtigsten Wirtschaftszweige. Jene Länder, die Waffen herstellen, achten stets darauf, ihre Produktionsstätten an strategisch günstigen Standorten fernab von Punkten größten öffentlichen Interesses zu errichten und tiefstes Stillschweigen über ihre Existenz, Entwicklung und Programme zu bewahren. Besonders wird dafür gesorgt, dass die enormen Summen, mit denen diese Stätten operieren, entweder gar nicht in den offiziellen Berichten aufscheinen oder ganz einfach nur im Abschnitt "Industrie und/oder Maschinenpark" - ohne weitere Details - angeführt werden. Während Informationen über Herstellung und Handel landwirtschaftlicher oder industrieller Produkte, die dem Frieden und dem menschlichen Fortschritt dienen, seit Jahrzehnten problemlos zugänglich sind, kann auf Daten über die legale Produktion und den Handel mit Waffen nur sehr schwer zugegriffen werden. Häufig sind sie aus Gründen der "Nationalen Sicherheit" beschränkt zugänglich und/oder "streng geheim".
"Kriege und militärische Interventionen kosten mehr Geld, als für entwicklungsbezogene Anliegen aufgewandt werden. Selbst in einem reichen Land wie Deutschland tun sich Staat und gesellschaftliche Organisationen schwer, entsprechende Mittel dauerhaft aufzubringen. Deshalb verdient eine Initiative Aufmerksamkeit, die der brasilianische Staatspräsident Luíz Inácio da Silva im Juni 2003 am Rande des G-8 Gipfels in Evian angeregt hat. Der brasilianische Staatspräsident schlug die Einrichtung eines "Hungerfonds" vor, gespeist aus Abgaben auf internationale Rüstungstransfers. Die Idee, Abgaben auf Rüstungstransfers zu erheben, ist nicht neu. Schon im Vorfeld der ersten UN-Sondergeneralversammlung im Jahr 1978, die sich den Aufgaben einer globalen Abrüstung widmete, tauchte sie auf und wurde später von französischer Seite immer wieder ins Spiel gebracht. Prominenz erhielt der Gedanke im Bericht der Nord- Süd-Kommission "Das Überleben sichern" unter Vorsitz des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt im Jahr 1980. Das Dokument konstatierte den moralischen Skandal zwischen dem gewaltigen Rüstungsaufwand und den beschämend geringen Ausgaben für die Beseitigung von Hunger und Krankheit in den Entwicklungsländern." Lulas Idee - weit davon entfernt, eine Lösung anzubieten - würde den Waffenfabrikanten auf sehr zynische Weise eine moralische Erleichterung erlauben, indem auf katastrophale Weise argumentiert wird, dass sie, je höher der finanzielle Wert ihrer Transaktionen ist, einen umso höheren Beitrag zur Ausrottung des Hungers auf der Welt leisten. Im Vergleich nun die Zahlen der Europäischen Union: "Insgesamt erteilten im Jahr 2004 die Mitgliedsstaaten der EU Genehmigungen für die Ausfuhr von Waffen und Rüstungsgütern im Umfang von € 25,2 Milliarden (2003: € 28,2 Milliarden). Davon entfielen auf Frankreich Genehmigungen in Höhe von € 13,57 Milliarden, auf Deutschland in Höhe von € 3,8 Milliarden und auf Großbritannien in Höhe von € 2,97 Milliarden." Von diesen Zahlen betrifft mehr als ein Drittel Exporte in vom DAC (Development Assistance Committee) als so genannte "Entwicklungsländer" klassifizierte Staaten. Das DAC ist eine Teilorganisation der OECD (Organisation for Economic Cooperation and Development), die von den Industriestaaten geleitet wird.
Im Zusammenhang mit dem aktuellen Krieg im Libanon ist es wichtig, Folgendes festzustellen: "Israel gehört heute zum Kreis der wichtigsten Rüstungsproduzenten außerhalb der Industriestaaten. Gestützt auf sein eigenes Sicherheitsverständnis unterhält es eine umfangreiche, technologisch fortgeschrittene Rüstungsindustrie, deren Entwicklung von dem Sonderverhältnis des Landes zu den USA und einer Reihe europäischer Staaten, vor allem Deutschland, profitiert. Allerdings ist die israelische Rüstungsproduktion auf Exporte angewiesen, um Kapazitäten auszulasten. So hat sich Israel in den zurückliegenden Jahren auch als großer Exporteur auf dem Weltrüstungsmarkt etabliert. Dafür sind die Fähigkeiten in der technischen Adaptation von Waffen und Technologien unterschiedlicher Herkunft relevante Faktoren und eröffnen Israel inzwischen Zugang zu Abnehmern wie Indien und China, die über umfangreiche Arsenale russischer Fertigung verfügen und an deren Aufwertung interessiert sind. Modernisierung vorhandener Bestände ist ein weiteres Merkmal israelischer Waffenexportleistungen, das die Grundlage umfangreicher türkisch-israelischer Rüstungskooperationen bildet. Die deutschen Rüstungsausfuhren nach Israel haben sich in vergangenen Jahren und Jahrzehnten immer wieder unter Geheimhaltung oder über Drittstaaten vollzogen. Dies widerspricht dem Gebot der Transparenz und der Rechtsstaatlichkeit, denen die deutsche Politik national wie international verpflichtet ist."
Es wird keine Lösung für das Problem des Kriegs geben, solange die Völker der Welt kein Bewusstsein für die unbedingte Notwendigkeit der Abschaffung der Waffenindustrie und/oder ihre vollständige Ersetzung durch solche Industrien entwickeln, deren Hauptaugenmerk auf einem Wachstum in Frieden und Eintracht liegt. Wie jede Industrie kann sich auch die Waffenindustrie nur weiterentwickeln und vergrößern, wenn ein effektiver Konsum ihrer Produkte stattfindet, sodass neue Bestellungen notwendig werden. Das effektivste und schnellste Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, ist der Krieg. Die Verzögerung von nur einem Tag bis zur Unterzeichnung eines Friedensvertrages bedeutet - abgesehen von den enormen Schäden an Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft - ein viele Millionen schweres Geschäft für die legalen Fabrikanten des Todes.
Eine Inventur des gesamten Arsenals, dessen, was produziert, importiert und/oder exportiert wird, gemeinsam mit einer konstanten öffentlichen Debatte über die schädliche Folgen in allen Bereichen bis hin zu einem mehrheitlich getragenen nationalen und internationalen Konsens, der von den Regierungen die Eliminierung solcher Fabriken und Arsenale einfordert, ist eines der ehrgeizigsten und schönsten politischen Ziele, an denen wir überhaupt arbeiten können. Solange es noch einen einzigen bewaffneten Menschen auf der Welt gibt, werden die übrigen nicht sicher sein und das gleiche Recht auf Bewaffnung haben; das ist das dumme Fundament, auf das sich die in die Irre laufende Karriere der Menschheit als Waffenproduzenten stützt, die größte Schande, der dunkelste Fleck in der schon so langen Geschichte des menschlichen Geistes.
Übersetzung: Judith MOSER-KROISS
Wie geht's Mozart? - Antonio Daganzo Castro
Antonio DAGANZO CASTRO (Madrid, Spanien, 10/7/1976). Magister der Informationswissenschaften von der "Universidad Complutense de Madrid", er hat sich der Lokalpresse - im besonderen - der kulturellen gewidmet und seit 1996 beschäftigt er sich mit Radioprogrammen klassischer Musik. Seine literarische Arbeit erfuhr bei diversen Wettbewerben ehrenvolle Erwähnungen; einige seiner Erzählungen und Gedichte wurden in Anthologien veröffentlicht. Vor kurzem brachte er den Gedichtband Siendo en tí aire y oscuro (Madrid, 2004) heraus.
Wie geht's Mozart?
"Wie geht's Mozart?" Und dem folgten das ironische Lächeln und das Schulterklopfen. Das gehörte dazu, und Leopoldo verzweifelte innerlich und legte eine freundliche Geste an den Tag. Wie unsinnig! Denn dachte man so weiter, über welche Mittel verfügten sie denn, um sich zum Beispiel über einen Lateinprofessor lustig zu machen? Würden sie ihn vielleicht nach der Gesundheit Ciceros fragen? "Seit über zweitausend Jahren hat er keine Veränderungen erlitten", hätte der arme Mann antworten können, um sich locker aus der Patsche zu reden. Er selbst wand sich eines Tages heraus, indem er sich des Humors bediente: "Wie geht's Mozart?" "Wem...? Meinem Sohn?" "Wie bitte?" "Ja, Mensch, ja... Oder weißt du nicht, dass Wolfgangs Vater Leopold hieß?" Er musste den Witz erklären, um ganz verstanden zu werden! Und dabei fragten sie nicht nach Mahler, Scriabin oder Sibelius, nein..., nicht einmal nach Beethoven. Leopoldo verstand sehr wohl, dass dies nicht so sehr Unwissen bewies, sondern vielmehr Denkfaulheit: Mozart war einfach im Leben, im Alltag seiner KollegInnen gegenwärtiger, da sich einige seiner Melodien unter den Klingel- oder Rufoptionen ihrer diversen Handys befanden oder weil der zum Überdruss bekannte langsame Satz des "Konzerts für Klavier und Orchester Nr.21" sich gelegentlich in die Warteschleifen-Musik der Telefonzentrale der Redaktion einschlich. Nicht mehr und nicht weniger. "Wie geht's Mozart?" Lächeln und Schulterklopfen. Unausweichlich. Nette Geste Leopoldos als Antwort. Es boten sich Gelegenheiten für Versuchungen, die sich seinem Willen dann als Riesenfächer auftaten: Essig für die Laune, Schnauben für die Überdrüssigkeit, Schreien für den Protest, Arme wie Windmühlen für den Ärger... Oder einfach kartografische Kunst im eigenen Gesicht, passend zur Geografie seiner Seele. Aber Leopoldo neigte in diesen Momenten immer zur Zurückhaltung: er tat es beiläufig, so als ob er sich damit einer nötigen Übung unterzöge, überzeugt, dass im Endeffekt eine glückliche Langmut zu Gunsten seiner Sache gereichen würde. Seine Sache! Wie klar hatte er es sich im Geiste ausgemalt, seit er zum Team des Morgenmagazins gehörte! Bis dahin hatte ihm seine Arbeit als Kulturredakteur, unklar an Pflichten und leise an Auswirkungen, nur erlaubt, in den gesprochenen Tagesmeldungen die eine oder andere gewagte Anmerkung über E-Musik zu machen, überflüssig, zu erwähnen, dass dies immer mit der Stoppuhr in der Hand und unter dem Vorwand eines außergewöhnlichen Konzerts geschah, das die diensthabenden Autoritäten besuchen würden, oder eines bevorstehenden Konzerts jenes Tenors, dessen mächtiger Agent beschlossen hatte, ihn mit den Stars zu koppeln. Redakteurstätigkeit niedriger Natur, wozu sich selbst belügen! Aber, oh Leopoldo, welch eine Überraschung! Umstrukturierung des Teams des Morgenmagazins des Senders als man sich dies am wenigsten erwartete! Ernennung jenes alten Kollegen mit dem gutmütigen Gesicht zum Direktor, der sich mit dem Trällern von Opernchören vergnügte, während er seinen Kaffee einnahm! Und plötzlich, der Auftrag: "Leopoldo, du, der du was davon verstehst, wirst jeden Tag einen klassischen Touch zum Abschluss setzen, mit dem du das Programm beendest und wir mit den Nachrichten fortsetzen. Nun, alter Junge?" "Danke, danke..." Welch eine großartige Gelegenheit! Der Kulturredakteur hatte die Möglichkeit, zum Verbreiter von Musik höchster Klasse zu werden... Auch wenn der akustische Touch nicht länger als drei Minuten dauern würde, ein Anfang war allemal gemacht. Und Leopoldo machte sich mit Feuereifer an die Arbeit, suchte hübsche Musikstücke aus, die für die verschiedenen Epochen repräsentativ waren, grundlegend für das Verständnis des Stils jedes Komponisten, ja, die Entwicklung seiner Schaffenslaufbahn. Zu seiner größten Zufriedenheit blieb die Anerkennung der HörerInnen für diese so lobenswerte Arbeit nicht lange aus. Aber ach, die KollegInnen! Sie und ihre nervtötende Ignoranz...! "Wie geht's Mozart?" Sie machten immer noch gleich weiter, ohne sich einen Deut von ihrer alten Haltung wegzubewegen, so als ob Leopoldo immer noch die Funktion eines obskuren Kulturredakteurs ausübte, ohne die Fähigkeit irgendeiner Beeinflussung und Überzeugung, anstatt Tag für Tag seine fünf Sinne und einen Teil eines sechsten, den er noch genau zu bestimmen bemüht war, in die Arbeit einzusetzen, um zu versuchen, sie zu überzeugen - auch sie, war er fast bereit, sich einzugestehen, nicht so sehr die widerspenstigsten HörerInnen, als vielmehr sie, seine hartnäckigen KollegInnen, vom Weitblick, dem Fleiß, der intellektuellen Leidenschaft, mit der man sich zwangsweise dem Klanguniversum annähern musste, das er vermittelte. Er war sich durchaus bewusst, wie außerordentlich schwierig es in Allgemeinen war, dem laienhaften Publikum - um sie irgendwie zu benennen - "philharmonische Bekehrungen" abzuringen; aber soviel wagte er nicht einmal, sich zu erhoffen... Er wollte beispielsweise nur - äußerst bescheidener Anspruch - dass seine KollegInnen, kaum sahen sie ihn beim Sender auftauchen, kaum trafen sie ihn in den Gängen der Redaktion, endlich davon abließen, ihn mit der ewigen Frage zu belästigen: "Wie geht's Mozart?" Besonders an dem Tag, der im Kalender mit dem 27. Jänner 2006 verzeichnet war, dem Datum, an dem die universelle Kultur des bereits 250. Geburtstags Wolfgang Amadeus Mozarts gedachte! Das Finale der Jupitersinfonie, die wunderbare Fuge, die in die vollendete Form einer Sonate gefasst war, die ultimative Genialität der letzten Sinfonie, die dem großen Genie zu verdanken war, sie war das Hörbeispiel, das Leopoldo für jenen festlichen Morgen vorbereitet hatte. Oh, wie verschmolzen die drei Themen des Satzes dank jenes fabelhaften Kontrapunkts! Bis zu dem Extrem, dass sich die musikalische Materie in reine, sublimierte Energie verwandelte, in einen unaufhörlichen Fluss des Kampfs, der Überwindung und des Siegs, der dennoch leicht dahinfloss, mit dieser seltenen Perfektion, die das Geschehen der Träume beherrscht... Die Allee hinunter, in Richtung Sender, ohne Kälte zu verspüren, so als schritte er oberhalb des Wintermorgens selbst, vermied Leopoldo, der Musikfreak Leopoldo, der beharrliche Leopoldo, ohne es zu bemerken, einen sehr gewöhnlichen Missmut, reproduzierte vollständig, nur für sich, die Partitur Mozarts in Flugschrift, in Gekritzel in der Luft, und träumte wach. Er träumte, dass diese erhabenen Musik ihn bei seinem baldigen Eintreffen beim Sender empfinge, ohne dass er sie auswählen hätte müssen; er träumte, nicht von zwei, drei, vier Minütchen - ungenügend, um die Größe des Finales der Jupitersinfonie zu erfassen - sondern von zwei, drei, vier Stunden Live-Programm, die der Verbreitung des Überragenden an jenem so außergewöhnlichen Tag gehörten, indem alle Produktionen des "Magazins" dieser Aufgabe geweiht wären; und vor allem träumte er vom Weitblick und der intellektuellen Leidenschaft, von der vorgestellten Abschaffung einer gewissen Frage, die, da sie so vulgär, so gängig und so faul war wie ein ärgerliches Rondo, an einem Morgen wie jenem dumm gewirkt hätte... "Wie geht's Mozart?" Stattdessen würden ihn nun die KollegInnen ansprechen, um sich für Tausend subtile Fragen zu interessieren und um ebenso viele weitere zu bestätigen... "Leopoldo, so hieß also Mozarts Schwester Marie Anne, "Nannerl"? Die Schwester, mit der er immer auf Tournee ging?" "Und wie alt, sagtest du, war er, als seine erste Oper erschien? Er war noch ein Kind, nicht wahr?" "Wie viele Sinfonien komponierte er? Siebenundzwanzig? Nein, siebenundzwanzig waren die Klavierkonzerte..." "Du hast einmal etwas über den Anfang der vierzigsten Sinfonie erzählt, das mir sehr gefiel, etwas über romantisches Fieber, das seiner Zeit voraus war..." "Hat Salieri ihn nun ermordet oder nicht? Und was sagst du mir über das mit dem Requiem? Leopoldo, spann uns bitte nicht auf die Folter..." "Du musst das mit Mozarts absolutem Gehör nochmals erklären, Leopoldo!" Wie rührend hatten sie seinen Kommentaren gelauscht! Welch eine geheime Glut nistete schon in ihrer Brust, durch eine einfache und alltägliche Arbeit entfacht, die ihre Früchte zu tragen begann! Einer von ihnen, er wusste nicht, wer genau, vielleicht der, der sich noch an das mit der vierzigsten Sinfonie und dem romantischen Fieber erinnerte, hatte sich sogar die Mühe gemacht, an einer der schalldichten Wände des Hauptstudios ein Poster anzubringen, das das bekannteste Porträt des Komponisten zeigte, das, auf dem er mit idealisiertem Ausdruck erscheint, schön in seiner Schwäche, im Profil, runde wenngleich zarte Nase, leicht gekrümmt, den Kopf leicht nach unten geneigt und den Blick seiner hervorstehenden Augen starr auf einen unbekannten Punkt gerichtet...
Nichts davon fand Leopoldo bei seinem Eintreffen beim Sender vor; sein Traum endete mit dem letzten Akkord dieser Jupiter-Sinfonie, die er vor sich hinsang. Dennoch war etwas Seltsames geschehen: Auf dem Gang, der zur Redaktion führte, schmal wie immer, wenngleich vielleicht etwas heller als für gewöhnlich, war er zwei seiner allerwitzigsten Kollegen über den Weg gelaufen; zwei Kollegen, die sich natürlich weder für das stürmische Verhältnis des Komponisten zum Erzbistum seiner Heimat Salzburg interessiert hatten, noch für andere, ebensolche oder noch speziellere Detailfragen, die jedoch ebenso wenig in die scheinbar unwiderstehliche Versuchung gekommen waren... Nur eine angedeutete freundschaftliche Grimasse zum Gruß... Schweigen also? Zu seiner Überraschung hatte der Refrain des Rondos diesmal nicht seinen unweigerlichen Auftritt gehabt. Und bereits in der Redaktion, deutlich und genau vor jener Tür, die zum Hauptstudio des Senders führte, sprach jemand Leopoldo an, wie es dort nie jemand getan hatte: "Bei so einem runden Geburtstag ginge es Mozart heute gut... nicht wahr, alter Knabe?" Nur das "alter Knabe" war ihm vertraut. Aber Leopoldo wollte sich nicht umdrehen, um nicht seinen Eindruck zu bestätigen; um nicht dem gutmütigen Gesicht seines Direktors zu begegnen, schon halb philharmonisch, ohne es jemals bekundet zu haben, schon zeitweise Musikliebhaber ohne seine Hilfe, der ohne viel Überzeugung Opernchöre trällerte, während er beim Kaffee saß. Er zog es vor, sich trotz seiner Bescheidenheit vom vollständigen Erfolg zu überzeugen; er zog es vor, zu glauben, es sei ein anonymer Kollege, irgendwer aus der Redaktion, der so zu ihm gesprochen hatte. Und auf diesen süßen Betrug hin stimmte Leopoldo ohne eine Geste falscher Höflichkeit zu seiner freudigen Antwort an: "Ja, heute geht es Mozart sehr gut... er ist neu geboren... Besser denn je!"
Übersetzung: Ulrike ZOMORRODIAN-SANTNER
Adresse: Avenida Del Ejército Nº 42, Bloque 2º, Portal 3º, Piso 4º D, 28500 Arganda Del Rey (Madrid) - SPANIEN E-Mail: antoniodaganzo@yahoo.es
Gedichte - Jaime Saenz
Jaime Saenz wurde 1921 in La Paz, Bolivien, geboren, und starb 1984 auch in La Paz. Er schrieb ca. 20 Werke und zählt in Lateinamerika zu den großen Schriftstellern. Erst vor kurzem wurde jedoch das Ausland auf sein Werk aufmerksam, da Bolivien noch immer ein wießer Fleck auf der literarischen Landkarte ist. Saenz hat sich selbst nie um öffentliche Anerkennung bemüht, er lebte nur für das Schreiben. Viele Jahre seines Lebens empfand er das Tageslicht als Bedrohung, schlief während des Tages und wurde erst nachts aktiv. Es verwundert daher nicht, daß seine Themen Kälte, Ferne, Raum, Nacht, Körper und Tod heißen. Mittlerweile wurden einige seiner Bücher ins Italianische übersetzt, darunter sein siebenhundertseitiger Roman Felipe Delgado. 2001 erschienen als erste deutschsprachige Übersetzungen einer Werke die Romane Die Räume und Der señor Balboa im UNRAST Verlag ( www.unrast-verlag.de ). 2002 folgte der Roman Santiago de Machaca.
DIE NACHT
Eins
Die Nacht mit Hörnern, die sich in der Ferne bewegen,
die Nacht, eingeschlossen in einer Schublade, die zur Nacht wird in jener Kommode im Winkel des Zimmers,
während sich meine Augen und vor allem der Raum zwischen meinen Augen und meiner Nase einer zweistöckigen Regenrinne entlang verändern,
wundert und erschreckt es mich, dass ein pelziger Schlauch erschienen ist, der von Auge zu Auge reicht und der mich die Nacht nur undeutlich und schemenhaft sehen lässt
durch eine Kraft, die wer weiß woher gekommen ist, ist der Raum meines Traumes durch eine Wand getrennt worden
auf dieser Seite ist es nicht möglich zu schlafen, und auf der anderen Seite ist es perfekt möglich, aber trotzdem absolut unmöglich
die Wand ist in Wirklichkeit keine Wand, sondern etwas Lebendiges, das sich windet und pocht, und diese Wand bin ich
mit einer nie gesehenen Durchsichtigkeit, die es mir erlaubt zu schauen, was auf der anderen Seite der Nacht geschieht,
mit Räumen, in denen man sicherlich schlafen kann im Schutze der unaufhörlichen und schmerzlichen Seufzer und der Schrecken, die sich in deinen Knochen niederlassen und die dir großen Kummer bereiten
die andere Seite der Nacht ist eine Nacht ohne Nacht, ohne Land, ohne Häuser, ohne Räume, ohne Möbel, ohne Menschen
es gibt absolut nichts auf der anderen Seite der Nacht
es ist eine Welt völlig ohne Welt, und um von ihr Besitz zu ergreifen, wird es notwendig sein, sie nicht erreichen zu können
sie befindet sich unmittelbar an deinem Körper
und ist gleichzeitig unvorstellbar weit von ihm entfernt.
Zwei
Durch die Hochspannungsleitungen hindurch, die sich über die Linie der Hügel ziehen und dann zu den Feldern herabkommen,
breitet sich die Nacht mit unsichtbaren Funken aus, die hier und da aufblitzen in den Augen und in den Knöpfen einiger Nachbarn, die noch nicht schlafen gegangen sind
und die tapfer in den Türen ihrer Häuser ausharren, um den ersten Ansturm der Nacht zu erleben.
Dieser erste Ansturm hat wirklich einen geheimnisvollen Ursprung
und stammt zweifelsohne von den Toten, die auf dem Altar des Alkohols gestorben sind und die jetzt nach dem Traumbild fiebern, das ihnen die andere Seite der Nacht bietet,
und das hat viel zu tun mit den Fässern, mit den Tonnen, mit den Schenken und mit den gewaltigen Tanks voller Alkohol, von denen Nacht für Nacht einige Trinker träumen, die nur ich allein kenne,
und die sich, nachdem sie ihr Leben lang bis zum Umfallen getrunken haben, in grauenhafter Übelkeit in elenden feuchten Betten und in tiefen Kloaken krümmen und nach Alkohol schreien.
Diese Trinker haben viele Dinge gelernt und haben viel Geduld
und sie wissen, dass sich die andere Seite der Nacht im Inneren ihrer Rücken befindet,
und dass sie sich ebenso in ihren Kehlen befindet,
die immer einen Nachgeschmack von Alkohol haben,
einen Nachgeschmack, der die Eigenschaft hat, sie unaufhörlich zu quälen während der langen, langen Zeit, die die Nacht dauert auf der anderen Seite der Nacht.
Drei
Eigentlich ist die andere Seite der Nacht ein höchst seltsames Gebiet,
und es ist der Alkohol, der dieses erschaffen hat.
Niemand kann auf die andere Seite der Nacht gelangen.
Die andere Seite der Nacht ist eine verbotene Region, und nur die Verurteilten werden sie betreten können.
Worin besteht die andere Seite der Nacht?
Die andere Seite der Nacht besteht darin, dass die Nacht schlicht und einfach
durch den Rücken in dich eintritt und von deinen Augen Besitz ergreift, um mit ihnen das zu sehen, was sie mit den eigenen nicht sehen kann.
Dann geschieht etwas sehr Seltsames:
In einem bestimmten Augenblick beginnst du, die andere Seite der Nacht zu schauen,
und sehr schnell begreifst du, dass sich diese bereits in dir befindet.
Aber das ist natürlich etwas, das nur bei den großen Trinkern vorkommt.
Es ist den Trinkern vorbehalten, die, weil sie erbarmungslosgetrunken und getrunken haben, schon oft nur um Haaresbreite vom Tod entfernt waren.
Es ist etwas, das nur mit den Trinkern geschieht, die wegen des Alkohols verrückt geworden sind.
Mit denen, die es keine Minute lang aushalten, ohne zu trinken.
Mit denen, die beschließen, ihren Schlaf aufs Äußerste zu verkürzen - sagen wir auf zwei Stunden - um mehr Zeit zum Trinken zu haben.
Mit denen, die es nicht abwarten können, ein für allemal am Alkohol zugrunde zu gehen, und die sich beim bloßen Gedanken daran ergötzen.
Mit diesen.
Nur diesen gewährt der Alkohol die Gnade, für immer in die andere Seite der Nacht einzutauchen.
Vier
Die schmerzlichste, die traurigste und erschreckendste Erfahrung, die man sich vorstellen kann,
ist zweifellos die Erfahrung mit dem Alkohol.
Und der befindet sich in Reichweite eines jeden Sterblichen.
Er öffnet viele Türen.
Er ist ein wahrer Weg der Erkenntnis, vielleicht der menschlichste, obwohl äußerst gefährlich.
Und so grauenvoll und furchterregend zeigt er sich in einem Verlauf von Entsetzen und Elend,
dass man dort tot liegen möchte.
Denn die Rückkehr von der anderen Seite der Nacht ist wirklich ein Wunder,
und einzig den von der Vorsehung dazu Bestimmten gelingt sie.
Bei deiner Rückkehr schaut dich die Welt mit bösen Augen an.
Du bist ein Fremder, bist ein Eindringling, und tief in dir fühlst du, die Welt will nicht, dass du sie betrachtest.
Was sie will, ist, dass du gehst und verschwindest - was sie will ist, dass du nicht mehr hier bist.
Und da letzten Endes du die Welt bist,
stell dir vor, wirst du viel Kraft haben müssen, viel Bescheidenheit, viel Selbstbeherrschung,
um dir selbst gegenüberzutreten
- das heißt, der Welt.
Fünf
Dann wird die Nacht dir zu Hilfe kommen
- und erst jetzt, im Licht der erschreckenden, gerade durchlebten Erfahrungen
werden dir viele einfache und zugleich schwierige Dinge offenbart werden.
Denn wenn es kein Risiko gibt, wenn es keine Gefahr gibt, wenn es keinen Schmerz und keinen Wahnsinn gibt,
gibt es nichts.
Der Tag ist zum Atmen da, zum Grüßen, um Möbel zu rücken und ein paar Sachen von einem Platz auf einen anderen zu stellen.
Der Tag gehört den Büros, den Wortwechseln und den guten und zuversichtlichen Leuten
und auch den kleinen Feindseligkeiten und den Wettrennen, um zu sehen, wer zuerst kommt.
Der Tag ist die Oberfläche der Welt.
Die Nacht nicht.
Die Nacht ist die Nacht.
Die Nacht hat sich in ihren Tiefen einen schlechten Scherz ausgedacht - die Nacht schreibt nämlich,
um zu suchen und zu finden.
Die Nacht verhilft dazu, sich zu verlieren und zu verschwinden, um wiedergeboren zu werden und zu sterben, in Dunkelheiten, die zu dir sprechen und auf dich zeigen.
Deshalb ist das Licht der Nacht ein Licht anderer Art: Viele Dinge, sehr seltsame
leuchten im Licht der Nacht
- die Dinge werden wieder zu dem, was sie sind, und man selbst wird zu dem, was man ist.
Sechs
Niemand wird sich der Nacht nähern können und die Aufgabe auf sich nehmen, sie kennenzulernen,
ohne zuvor in das Grauen des Alkohols eingetaucht zu sein.
Der Alkohol öffnet tatsächlich die Tür der Nacht.
Die Nacht ist ein hermetisch verschlossener und geheimer Raum,
der in der Tiefe der Welten versinkt,
und man wird sein Inneres einzig und allein über den Weg des Schreckens und des Entsetzens schauen können.
Außerdem besteht eine gewisse Affinität zum Dunklen. Und wer die nicht hat, wird sich niemals der Nacht nähern können.
Eine solche Affinität gedeiht unter einem Zeichen, das dem Nichteingeweihten als unhaltbar scheinen könnte;
aber dieses Zeichen ist an sich bereits bezeichnend und löst die seltsame und ständige Furcht aus, auf dem Weg zu fallen.
Daher sollte der in die Geheimnisse der Nacht Eingeweihte immer mit Vorsicht gehen,
so als ob er plötzlich erblindet wäre oder das Gefühl für den Raum verloren hätte.
Und es ist dies wirklich ein Gehen in Finsternis - ist tatsächlich ein Gehen im Schoße der Nacht.
Denn der Eingeweihte wird das Licht für immer verloren haben,
obgleich er es andererseits wieder finden kann, wann immer er es wünscht,
bereit wie er dazu ist, den hohen Preis zu zahlen, der von ihm verlangt wird.
Denn für den Menschen, der in der Nacht weilt, für denjenigen, der in die Nacht gegangen ist und die Tiefen der Nacht kennt,
ist der Alkohol das Licht.
Dass sein Körper durchsichtig wird und dass diese Durchsichtigkeit es ihm erlaubt, die andere Seite der Nacht zu schauen,
ist ausschließlich das Werk des Alkohols.
Übersetzung: Helga CASTELLANOS und Christa FABRY de ORÍAS unter Mitarbeit von Gundula WETZENSTEIN
Wichtiger lateinamerikanischer Triumph auf dem Kompositionstreffen INJUVE 2006 - Walkala
Es ist eine erfreuliche Nachricht für Lateinamerika, dass die 3 im Rahmen des 10. Kompositionstreffen INJUVE 2006 verliehenen Preise von Komponisten aus Brasilien, Mexiko und Chile gewonnen wurden. An diesem Treffen nahmen 38 jugendliche Komponisten teil, ein Drittel davon waren Lateinamerikaner. Außerdem waren 4 von den 6 Finalisten des Abschlusskonzertes des Symposiums gebürtige Lateinamerikaner.
In der Nr. 73 des Lateinamerikanischen Kulturmagazins XICöATL "Ziehender Stern" . informierten wir Sie bereits ausführlich, über den Ablauf dieses Kompositionstreffens. Der Wettbewerb wurde mit ein paar positiven Veränderungen zwischen 1. und 9. Juli des besagten Jahres gemäß den traditionellen Richtlinien durchgeführt. Die Leitung und Koordination lag wie gewohnt in Händen der Professoren Tomas Garrido und Mauricio Sotelo .Die eingeladenen Professoren waren Martín Matalón (Argentinien), Kaija Saariaho (Finnland), Aureliano Cattaneo (Italien) und Roberto López (Spanien). Das zur Interpretation der Partiturlektüresitzung eingeladene Ensemble war die Grup Instrumental de València, Gewinner des Premio Nacional de Música de España 2005, unter der Leitung des Dirigenten Joan Ceveró.
Es ist auch eine Freude für uns, dass von den 3 Siegern 2 bereits Bekannte von uns sind, da sie am 2. Kompositionswettbewerb XICöATL "Ziehender Stern" teilgenommen haben. Es sind: Aurélio EDLER COPÊS (Santa Maria, Brasilien, 1976), Gewinner des Hauptpreises von € 4.500 verliehen vom Instituto de la Juventud für sein Werk "Abismo y silencio". Edler Copês studierte Gitarre am Konservatorium der "Universidad Federal de Rio Grande do Sul" und bei berühmten Fachleuten in Amerika und in Europa. Er studierte auch Komposition und schuf die Gruppe "Mantra Rudráksha", mit der er zwei CDs aufgenommen hat. Er studierte auch Sitar und Yoga in Indien. Der zweite ist Víctor IBARRA CÁRDENAS, (Guadalajara, Mexiko, 1978), Gewinner eines der Preise von € 3000.- verliehen vom Centro para la Difusión de la Música Contemporánea für sein Werk "Marina". Víctor Ibarra studierte Flöte an der Escuela Nacional de Música der Universidad Autónoma von Mexiko unter anderem bei Julieta Cedillo Shigenori Kudo, András Andorjan, Patrice Boquillon und Robert Dick. Gleichzeitig studierte er Komposition bei Humberto Hernández Medrano und danach bei Mario Lavista, Carlos Sánchez-Gutiérrez, Theo Lovendie, Cornelius Schwer und Helmut Lachenmann. Gegenwärtig unterrichtet er an der Escuela Superior de Música von Matamoros, Tamaulipas. Er hat bereits verschiedene nationale Preise für seine Kompositionen erhalten. Der 3. Preis von € 3000 war für den chilenischen Komponisten Juan Pablo ABALO CEA (Santiago de Chile, 1978) für sein Werk "Quintay". Er begann seine Studien schon in seiner Kindheit im Colegio W. A, Mozart. Er studierte Perkussion, Klavier, Orchestrierung, Komposition und elektroakustische Musik an der Universidad de Chile, und Musikinformatik im die Laboratorio de Investigación y Producción Musical (LIPM) von Buenos Aires, Argentinien. Die anderen Finalisten waren Raquel QUIARO-SACKX, aus Venezuela, mit ihrem Werk "Ritmos"; Juan María MARTÍNEZ-CUE JIMÉNEZ, aus Spanien, mit seinem Werk "Latens...", José Luis BESADA PORTAS, aus Spanien, mit seinem Werk "Vajra-Sattva" und Alessandra CICCAGLIONI, aus Italien, mit ihrem Werk "La tela del rimorso". Im Namen von YAGE gratulieren wir allen Gewinnern, Finalisten und INJUVE zum großen Erfolg.
Übersetzung: Thekla SCHIRZ
E-Mail: eloide.kilp@sbg.ac.at
Forsthaus - Peter Reutterer
Peter REUTTERER. Geboren am 13.5.1956 in Waidhofen a.d.Thaya, bis zum achten Lebensjahr im Waldviertel. Übersiedelung nach Salzburg. Neusprachliches Gymnasium, Studium (Germanistik, Psychologie-Pädagogik, Latein), Gymnasiallehrer seit 1980, Veröffentlichungen seit 1987. Familie seit 1988 (inzwischen Dominik16, die Zwillinge Maximilian u. Julian 11). Publikationen: "Forsthaus", Kurzprosa, Bibliothek der Provinz, 1997; "Lokalaugenschein", Kurzprosa, Bibliothek der Provinz, 1998; "Movies", Lyrik, edition aramo, 2002; "Der Filmgänger", eine Erzählung, Bibliothek der Provinz, 2002, u. a.
Aus dem Buch "Forsthaus" ("Forsthaus", Reutterer Peter, Kurzprosa, Bibliothek der Provinz, 1997.)
Die weißen Bäuche der Fische. Gelbe und graue Schuppen. Die Fische schnappen nach Luft. Für kurze Zeit zappeln sie im Bottich. Der Vater schlägt mit dem Holzprügel zu. Sobald die Fische in der Pfanne brutzeln. Vergessen wir. Salz auf der Knusperhaut der Karpfen und Schleien. Gutes Essen rettet den Tag. Die Kinder sind brav. Nur die Fische sind tot. Sie springen nicht mehr im Teich hinter dem Haus. Ihre Rücken glitzern nicht mehr. Wenn ich zur Wiese oberhalb des Forsthauses hinaufgehe. Meine Geschwister hocken mit einer Strafe im Kinderzimmer. Im Herbst wird der Dorfteich abgefischt. Die Fische zappeln im Schlamm. In Netzen verhängt. In Bottichen beengt. Rasch zu Tode gebracht. Auf Eis gelegt. Verfrachtet. Der Herbst schweigt sich für den Winter ein. Wenn die hüfthohen Stiefel ihre Arbeit tun. Bald ist der Winter im Waldviertel besiegelt. Und Frost und Schlaf.
Der Hund setzt seinen Urin in den Hofsand. Der Kot an den Beinen der Kinder ist schwer wegzuwischen. Wenn sie nicht sogleich ihr Vergehen eingestehen. Die Mutter wäscht Windeln. Der Vater wäscht Windeln. Nach eineinhalb Jahren hat er genug von dieser Sauerei. Auf Topfstühle gedrückt. Sitzenbleiben, Schnauze. Es gibt eine unfehlbare Methode. Welpen stubenrein zu bekommen. Der Vater drückt die Schnauze des Vorstehhundes in die Urinlacke im Stiegenhaus. Der Hund heult auf. Meine Nase brennt. Misch dich nicht ein, sagt der Vater zur Mutter. Ihr zu Todes gemühtes Gesicht geht weg. Mit eineinhalb Jahren sind die Kinder sauber. Zuletzt haben die Bauern den Foxterrier dem Revierleiter übergeben. Nicht abrichtbar. Aber ordentlich bissig für den Fuchstrieb. Der Terrier hat alle Hühner zu Tode gebissen. Aus dem Hühnerstall geschliffen und im Hof aufgelegt. Im Stadel wird der Unbeugsame mit Rute, Riemen und Ochsenziemer bearbeitet. Man hätte ihm als Jungtier Gehorsam beibringen müssen, sagt der Vater. Auf die schottische Art. Der Terrier ist weg. Von Bauern vergiftet, erzählt der Vater. Ins Gras gebissen.
Aus dem Schlafzimmer dringt eiliges Zurechtmachen. Der Bruder am Boden im Kinderzimmer. Ich liege auf dem Bruder. Nur die allerersten Tage war er größer als ich. Geschichten sind an die Wand gemalt. Weißhäutige Frauen. Die den Tod bringen. Schimmel im Plafondeck. Winterfrost. Der die Welt in Schweigen kleidet. Alles weit weg vor dem Einschlafen, sagt der Bruder. Die Mutter wird zur Königin. Wenn sie mit dem Vater zum Jägerball ausgeht. Sie kleidet sich in schimmerndes Dunkelblau und malt die Lippen rot. Die Mutter knistert. Draußen springt der Wagen an. Der Scheinwerferkegel füllt das Fenstergeviert für einen Augenblick mit Licht. Auf dem Ball dehnt sich die Nacht. Im Kinderzimmer tanzen Schneeweißchen und Rosenrot. Die schwarzen Schuhe der Eltern auf dem Tanzboden. Ich habe den Bruder aus den Augen verloren. Schreit er auf. Alles weit weg. Der Vater ist am Sonntagmorgen zufrieden. Die Frau des Forstmeisters ist betanzt worden. Und alle Tischdamen. Ich wage nicht. Den dunkelblauen Glanz am Kleiderkasten anzurühren.
Gasthaus und Ziehharmonika. Bierdunst, Wursthitze. Schweiß und Parfum. Meine Eltern habe ich am Tisch der Großeltern zurückgelassen. Draußen dehnen sich ährenbehangene Felder. Draußen ziehen Straßen Schwunglinien von einem Weltrand zum anderen. Und die Kristallkugel an der Decke führt Lichtpunkte an den Wänden im Kreis. Ich habe vergessen. Dass der Vater den Schwiegervater um Geld bitten will. Die Mädchen riechen gut. Ihre Blusen knistern. Und ihre Augen. Der Großvater wird die Augen zusammenkneifen. Als wollte er zuschlagen. Eher würde er seine Tochter vergewaltigen. Als seinem Schwiegersohn Geld geben. Warum hat sie einen geheiratet. Der sich hervortun will. Im weinvertrottelten Dorf zu Füßen der Wallfahrtskirche hätte es genug Schwiegersöhne gegeben. Anständige Leute, die tun. Was ihnen der Oberlehrer sagt. Ein Mädchen lässt sich von mir zum Tanz holen. Weil ich ein lieber Bub bin. Die Erwachsenen lachen angeheitert dazu. Die Erde dreht sich inmitten von Lichtpunkten. Sie dreht sich im nebelschwebsüßen Stoff. Noch auf der Heimfahrt macht der Vater den Großvater zur Sau. Die Mutter nickt wortlos. Sie weiß.
Erdäpfelklauben in dunkler Herbsterde. Staudenfeuer. Schwarzknusprige Knollenrinde, mehliges Fruchtfleisch. Wir laufen über das Feld. Wir schneiden Spieße am Rain. Ich höre die Dürre über dem Staudenfeuer zischen. Eine billige rote Wurst. Aus der Fett ins Feuer tropft. Wir werden großäugig vor der Glut. Die in die Nacht hineinglimmt. Die Mutter nimmt mich zu sich. Die Mutter nimmt den Bruder zu sich. In der Ferne der Traktor mit den ausgebuchteten Erdäpfelsäcken auf dem Anhänger. Die Leute reden gut vom Vater. Der bis spät in der Nacht Säcke auf- und ablädt. Zuletzt trägt er die Schwester ins Haus. Sein Körper friedvoll. Nur Durst nach Ribiselsaft.
Adresse: Kirchfeld 17/ 5101 Bergheim (bei Salzburg) - ÖSTERREICH E-Mail: peter.reutterer@aon.at