XICÖATL 75

 

XICöATL

XICöATL: Ausgabe 75

XICöATL Nr. 75, April/Juni 2006
XICöATL 75

INHALT:

  • Leitartikel: Lücken, die schwer zu füllen sind. Luis Alfredo Duarte Herrera
  • Solidaritätskampagne für Jacobo Silva und Gloria Arenas
  • Mozart: Das Kenotaph. Antonio Calle González
  • Erzählkunst: Rosa Cuchillo. Óscar Colchado Lucio
  • Lyrik: Gedichte. Eva del Pilar Durán
  • Österreich: Gedichte. Fritz Huber

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Leitartikel

Luis Alfredo Duarte Herrera

Lücken, die schwer zu füllen sind - Luis Alfredo Duarte Herrera

Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, der ist nur fern.
Tot ist nur, wer vergessen ist.
Immanuel Kant

Das Ende des Jahres 2005 hat uns mit großer Traurigkeit erfüllt. Waltraud Hostalek-Rehbogen und Renato Vecellio, zwei Freunde und Mitarbeiter unseres Vereins für lateinamerikanische Kunst, Wissenschaft und Kultur YAGE und des lateinamerikanischen Kulturmagazins XICóATL "Ziehender Stern" leben nicht mehr.

 

Waltraud Hostalek-RehbogenWaltraud Hostalek-Rehbogen (Salzburg, 20.3.1948 - Salzburg, 11.12.2005) war eines der Gründungsmitglieder von YAGE. Ihr überbordender Enthusiasmus, ihre bedingungslose Unterstützung unserer Projekte und ihr logistischer Beistand in den schwierigen ersten Jahren des Bestehens unseres Vereins, die zahlreichen Übersetzungen für unser Kulturmagazin sowie die direkte Mitarbeit an den verschiedenen Aktivitäten, die auf dem Programm standen, waren stets ein wertvoller Ansporn für uns alle. Ihr Interesse für die lateinamerikanischen Sprachen, Kulturen und Probleme war stets spürbar. 1994 ermöglichte Waltraud Hostalek-Rehbogen den 2. Literaturwettbewerb XICóATL, indem sie einen der Preise spendete. Neben ihrer Liebe für alles Hispanoamerikanische leistete sie als Tierschützerin in Salzburg herausragende Arbeit. Zusätzlich zu vielen anderen Aktionen nahm sich Waltraud vor, spanische Hunde, vor allem Galgos, vor dem Tod zu bewahren, indem sie sie (häufig auf eigene Kosten) nach Österreich brachte und ihnen hier ein Zuhause suchte. Waltrauds Tod hinterlässt nicht nur eine große Leere in unseren Herzen, sondern auch in Bezug auf wichtige humanitäre Aufgaben zur Gestaltung einer besseren Welt, die nur wenige Menschen zu erfüllen bereit sind.

Renato VecellioRenato Vecellio (Villach, 16.3.1951-Villach, 29.12.2005) verbrachte fast sein ganzes Leben in Wien; dort arbeitete er als Übersetzer, Dolmetscher und Lehrer für Italienisch, Portugiesisch und Spanisch. Seit der Ausgabe Nr. 11 von XICóATL (Jänner/Februar/1994) arbeitete Renato Vecellio ehrenamtlich und ohne Unterbrechung als Übersetzter von Essays, Erzählungen, journalistischen Artikeln und ganz besonders von Gedichten. Renato war schon immer ein Liebhaber von Gedichten und zeigte großes Interesse für lateinamerikanische Lyrik, die er besonders gut kannte. Die Probleme der so genannten Dritten Welt und die Mitarbeit an deren Lösungen lagen ebenfalls stets im Zentrum seiner Interessen. Mit Renatos Tod verlieren unser Verein und unser Kulturmagazin einen der wertvollsten, treusten und enthusiastischsten Mitarbeiter, der uns sehr am Herzen lag.

Luis Alfredo DUARTE HERRERA

VON GERTRUDIS FÜR DICH

(Für Renato Vecellio)

die stille leitet
die offenbarung ein

vor dem ursprung
öffnet sich ein durchgang

am ende der zeiten
gibt es eine große zeremonie

Cristina PIZARRO
Buenos Aires - ARGENTINIEN

NACH DEM HAUCH, DER DAS LEBEN IST

(Für Waltraud Hostalek-Rehbogen)

Freut euch, lasst uns feiern!

Die Fahrt, die mit der Geburt begonnen wird
führt uns unausweichlich stets ans Ufer eines anderen Lebens
wenn wir transparent, leichtfüßig oder es ganz einfach wert sind.

Du wirst also die letzte Rast genießen, wenn du in der Seele die Gnade trägst,
eine Fackel zu sein, die von dort aus anderen
den freundlichen Pfad beleuchtet, die Spur, die du hinter dir begossen hast
wenn sie transparent, leichtfüßig oder es einfach wert ist.

Nimm für immer das Aroma der Mangos mit dir
Gelange rein, lächelnd und ohne jede Eile ans Ziel
um weiter mit vollen Händen
den wohlwollenden Glanz des Vorbilds zu verschenken
wenn dieses transparent, leichtfüßig oder es einfach wert ist.

WALKALA
Salzburg

Übersetzung: Judith MOSER-KROISS

Solidaritätskampagne 

Solidaritätskampagne für Jacobo Silva und Gloria Arenas

Jacobo Silva und Gloria Arenas sind politische Gefangene der mexikanischen Regierung!
Sie werden seit sechs Jahren unrechtmäßig unter menschenverachtenden Bedingungen gefangen gehalten. Wir fordern: ein ordnungsgemäßes Gerichtsverfahren und die sofortige Einhaltung der Menschenrechte in Bezug auf ihre Haftbedingungen. Nähere Informationen zu unserer Kampagne unter: www.jacobosilva.org

Mozart 
 

Das Kenotaph - Antonio Calle González

Antonio Calle González. Magister in englischer Philologie, derzeit verfasst er an der Universität von Sevilla seine Doktorarbeit über englische und nordamerikanische Literatur mit einer Forschungsarbeit über Das Konzept der Geschichte in der englischen Gegenwartsdichtung 1970-2000. Auf dem Gebiet der Literaturkritik hat er Bücher wie: Die Ästhetik des Grotesken in der englischen Literatur des 19. Jahrhunderts: die Romane Charles Dickens, veröffentlicht. Er hat auch einiges über interdisziplinäre Themen publiziert, wie über die Filmkunst (Exploring Film Art / Explorando el Arte Filmico) oder Artikel über die Beziehung zwischen der Malerei und der Literatur (La lectura de un cuadro - la contemplación de una narrativa in Monografías de Arte).

Das Kenotaph

Ich langweilte mich zu Tode und das mit gutem Grund. Es war das erste Mal, dass mich meine Eltern in die Ferien mitgenommen hatten, statt mich auf ein Sommerlager zu schicken oder mich über die Sommermonate bei meinen Großeltern zu lassen. Die Ferien waren eine organisierte Reise und zwar nach Österreich, einem dieser Länder, die ich vom Hörensagen aus den Geographiestunden in der Schule kannte, und von dem ich mir vorstellte, es sei lustig, dorthin zu fahren, was es dann aber schließlich nicht war, weil wir jeden Tag sehr früh vom Hotel losfuhren und nichts anderes machten, als Museen oder Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Mein Vater versuchte, die Besichtigungen dessen, was wir betrachteten, durch Erklärungen in Form von Anekdoten zu versüßen, aber die Geschichtchen waren keine Abhilfe für den enormen Überdruss, den ich fühlte, was normal war für jemanden wie mich in jener Zeit, ein Grünschnabel von gerade erst zwölf Jahren. Aus diesem Grund verspürte ich am letzten Tag unseres Aufenthalts die Erleichterung des Bewusstseins, dass das Ganze in Kürze vorbei sein würde. Mein Vater schien jedoch meine Gedanken zu lesen, denn, als wäre es eine Strafe für die Undankbarkeit, die ich zur Schau zu tragen schien, sagte er laut und bestimmt, dass wir diesen letzten Tag dem Besuch der Wiener Friedhöfe widmen wollten. So, und ohne weiteren Kommentar, begannen wir an einem aschgrauen Tag, einem Tag, der die Absichten meines Erzeugers genauso erraten zu haben schien wie dieser meine, umherzuwandern.
Der erste, den wir besuchten, trug am Eingang ein großes Schild mit dem Wort Zentralfriedhof, was mein Vater sofort mit Cementerio Central übersetzte. Kaum eingetreten, fing er sofort an, den improvisierten Fremdenführer zu spielen und blieb hin und wieder vor dem einen oder anderen Grabmal stehen und nannte die dort ruhende Person. Das Seltsame daran ist, dass mir alle Namen, die er nannte, bekannt vorkamen, ich hatte sie bereits mehrfach gehört. Schubert, Salieri, Brahms, Strauß Vater und zwei seiner Söhne, Komponisten, deren Werke ich am Konservatorium zu spielen versucht hatte, an das mich mein Vater in sehr zartem Alter gebracht hatte. Nun waren hier alle oder fast alle, die zu Lebzeiten ein und dieselbe Berufung gehabt hatten und diese Berufung bis zur Meisterschaft ausgeführt hatten. Alle an einem Ort vereint wie in meiner Partiturenmappe, aber auf größerem Raum.
Wir gingen eine Zeit lang weiter wobei mein Vater nicht davon abließ, auf das eine oder andere Grab zu zeigen und das Leben und Werk seiner Bewohner zu preisen. Ich meinerseits ging in mich versunken, mit gesenktem Kopf, und fragte mich, ob dieser Friedhof das sei, wovon sie mir in der Schule erzählt hatten, es wäre der Himmel, ob dieser Ort der Himmel der Musiker sei. Plötzlich bleiben wir stehen und als ich den Blick erhob, sah ich, dass mein Vater in Ekstase geraten war: Das Grab Beethovens. Ja, Beethoven, der Große unter den Großen, Genie unter den Genies, Meister der Musik. Die Verzückung meines Erzeugers ließ keineswegs nach, ganz im Gegenteil, denn indem er mit zittrigem Finger auf irgendeinen nahe gelegenen Punkt zeigte, schien er meiner Mutter und mir etwas sagen zu wollen, doch es kamen keine Worte aus seinem Mund. Er nahm meine Mutter am Arm und ergriff meine Hand und führte uns zum Herd seiner Unruhe. Ohne Einleitung und mit abgehackter Stimme konnte er schließlich einen kleinen Satz hervorbringen: "Der Kenotaph Mozarts". Meine Mutter sah ihn wegen der scheinbar riesigen Freude, ich würde sogar sagen, der Lust meines Vaters bei dieser Vorstellung, lächelnd an. Ich setzte eine Jubelmiene auf, da ich zeigen wollte, dass ich seine Begeisterung teilte, aber in Wahrheit hatte diese Enthüllung nur bewirkt, dass ich wieder vor einem Rätsel stand. Über meine Kenntnis Mozarts gab es keinen Zweifel, denn er war der am meisten wiederholte und aufgeführte Komponist am Konservatorium. Ich hatte jedoch nicht die leiseste Ahnung, was ein Kenotaph sei. Ich dachte, es sei ein sehr gewählter Ausdruck für "Grabmal", aber mein Vater war nicht sehr geneigt, eine hochtrabende Sprache zu verwenden, wenn er meiner Mutter oder mir etwas erklärte, so dass ich beschloss, ihn danach zu fragen.
"Was ist ein Kenotaph, Papa?"
"Ein Kenotaph? Nun gut, es gibt zwei oder drei Arten von Kenotaphen, aber man kann sagen, ein Kenotaph ist ein Grab ohne..., ohne jemanden drinnen."
Die Antwort stürzte mich nur in noch größere Zweifel, da ich den Nutzen eines Grabes ohne..., ohne das, was mein Vater nicht auszusprechen gewagt hatte, einen Toten, nicht begriff. Er fixierte mich und schien neuerlich meine Gedanken zu erraten.
"Mach dir keinen Gedanken. Jetzt gehen wir auf einen anderen Friedhof und dort werden wir das andere Grab Mozarts sehen."
Gesagt, getan, denn obwohl er ziemlich abseits der Stadt lag, erreichten wir den anderen Friedhof, an dessen Eingang St. Marxer Friedhof zu lesen war, in kürzester Zeit. Diesmal hielt sich mein Vater nicht damit auf, den Namen zu übersetzen, da er es sehr eilig zu haben schien, mir das andere Grab Mozarts zu zeigen. Während wir auf das Grab zugingen, nein! besser gesagt liefen, konnte ich sehen, dass dieser Friedhof kleiner war, was ihm eine intimere Atmosphäre verlieh. Endlich erreichten wir unser Ziel, dort war es, nicht sehr groß aber für mich schöner. Eine abgebrochene Säule und ein winziger marmorner Engel waren sein einziger Schmuck, obwohl es etwas noch Schöneres gab, da der Grabstein vollkommen mit frisch geschnittenen Blumen bedeckt war. Es war etwas seltsam, dass auf dem Grab eines vor so langer Zeit Verstorbenen so viele und so schön angeordnete Blumen lagen, so als hätte jemand viel Zeit und Liebe aufgewandt, sie so hinzulegen. Das Bild, das sich mir darbot, erfreute mich, umso mehr, wenn das möglich ist, nachdem ich erfahren hatte, was ein Kenotaph war. Aber meine Freude dauerte nicht lang, denn als endlich meine Mutter ankam, die keuchend versucht hatte, mit uns Schritt zu halten, erläuterte ihr mein Vater die Details dieses Grabes und ich konnte hören, dass zwischen ihnen die Spekulation bestand, dass sich Mozarts Leichnam auch in diesem Grab nicht befände. Er flüsterte ihr zu, um zu vermeiden, dass ich ihn hörte, dass der geniale Musiker wie ein armer Schlucker verscharrt worden sei und dass man nicht sicher wisse, ob man seinen Leichnam einmal geborgen hatte.
Wiederum unerklärlich. Zuerst ein Grab, das leer steht und dann ein anderes mit der Aufschrift "Wolfgang Amadeus Mozart", ein Name, den man nicht kannte, wenn er seinem Bewohner gehörte. Womöglich war mein Unverständnis meiner Kindlichkeit zuzuschreiben, der Tatsache, dass man mit gerade zwölf Jahren gewisse Dinge nicht zu verstehen vermag, die später, wenn ein Mensch älter wird, ihre Erklärung finden. Es war jedoch nicht nur das. Jemand hielt das Grab immer mit frischen Blumen bedeckt, so üppig, dass die Tautropfen noch auf ihren Blütenblättern glänzten, Blumen, die nicht nur Achtung sondern die höchste Verehrung ausdrückten, aber wie kann man das nicht Existierende verehren?
Unser persönlicher Führer tupfte mir zart auf die Schulter, um mir zu sagen, dass wir gehen wollten. Ich ging ein paar Schritte hinter ihnen und käute verschiedene Erklärungen für das, was ich an diesem Morgen erfahren hatte, wieder. Ab und zu blickte sich mein Vater nach mir um, ich weiß nicht genau, ob er es tat, um sich zu vergewissern, dass ich ihnen folgte, oder um festzustellen, ob ich eine Antwort auf meine Fragen gefunden hatte, indem er wieder meine Gedanken las, wie er es an jenem Morgen schon mehrfach getan hatte. Wir kehrten ins Hotel zurück und eigentlich sollte ich nicht viel Zeit zum Nachdenken gehabt haben, denn seit dem Moment unserer Ankunft mussten wir alles sehr schnell und im Eilschritt erledigen. Mein Vater hatte nicht bemerkt, dass wir bei unserem Besuch der Friedhöfe mehr Zeit verbracht hatten, als wir zur Verfügung hatten, und jetzt hatten wir nur noch drei Stunden bis wir unser Flugzeug nehmen mussten. Noch als ich meinen Koffer packte und darauf achtete, nichts zu vergessen, war ich in Gedanken versunken, indem ich mir wieder und wieder durch den Kopf gehen ließ, was an jenem Morgen geschehen war. Zum Glück ist meine Mutter seit je vorausblickend und gut organisiert, und es war einfach, alles zu finden, so einfach, dass uns am Flughafen sogar noch etwas Zeit blieb. Einmal im Flugzeug, änderte sich meine morgendliche schweigsame Laune nicht wesentlich, und ich wandte den Blick nur vom Fenster ab, um den einzigen Satz anzuhören, den mir mein Vater während der Reise sagte:
"Mach dir keine Gedanken, du wirst es schon verstehen."
Mit der Zeit verstand ich es, und nicht nur das. Im Laufe der Jahre verstand ich den Grund, warum mich mein Vater ins Konservatorium eintreten hatte lassen, er war nämlich ein Musikliebhaber und ich wurde das später auch und vielleicht noch mehr als er, da ich Dirigent wurde. Ich gehe nicht so weit, zu behaupten, jener Morgen auf den Friedhöfen habe den Anstoß zu meiner späteren Berufung gegeben, aber mit Sicherheit hatte er viel damit zu tun. In der Tat war es der Tag des Dirigats meines ersten Konzerts, der mir den Schlüssel gab, damit sich jene kindlichen Zweifel auflösten. Der Zufall wollte es, dass ich zum ersten Mal in Wien von Berufs wegen den Dirigentenstab zur Hand nahm, und darüber hinaus war das Werk, das aufgeführt wurde, von Mozart war, genauer das Requiem in D-Moll K. 626. Jene düsteren Noten, die gleichzeitig wie ein Lebenshauch für diejenigen waren, welche ihnen lauschten; die Passion der Hörner und Fagotte zusammen mit dem Unbehagen, das von den Chorstimmen ausgelöst wurde, die mit der Zartheit der Geigen und dem himmlischen Gesang des Soprans einhergingen. Alles, einfach alles kam wie eine Offenbarung. Mozart, sein Leichnam, seine Präsenz, mussten nicht in einem Grab liegen, um geehrt, um verehrt zu werden. Er war anwesend, in der Luft schwebend, im Klang jener Noten, jener Akkorde, die ein sanfter Wind an der gekappten Säule vorbeifliegen ließ, vorbei am Engel aus Alabaster, und die er in Form von Blumen und kristallklaren Tautropfen dort niederlegte.
Das Konzert war ein Erfolg. Tränen der Ergriffenheit waren auf den Wangen des Publikums zu sehen, keine Tränen des Schmerzes, wie die, welche man bei Begräbnissen sehen kann, sondern der unendlichen Andacht, weil Mozart anwesend gewesen war. Ich erhielt in meinem Künstlerzimmer etwa zwanzig Blumensträuße, einer schöner als der andere. Aber diese Blumen gehörten mir nicht, sie konnten nicht die eines bloßen Werkzeugs sein, das nichts anderes getan hatte, als die Größe des Komponisten zu vermitteln. Ich nahm alle Sträuße und legte sie in mein Auto. Ich legte denselben Weg zurück den ich an jenem Morgen mit meinen Eltern gemacht hatte und legte die Hälfte der Blumen auf den Kenotaph und die andere Hälfte auf das Grab am anderen Friedhof. Dort, auf letzterem Friedhof, vor dem Grabmal des Meisters, neigte ich den Kopf als Zeichen der Ehrerbietung und Verehrung und sprach die Sätze aus, bei denen sein Federkiel aufgehört hatte, sein posthumes Werk zu komponieren: "memoriam facimus: fac eas, Domine, de morte transire ad vitam."

Antonio Calle González

Übersetzung: Ulrike ZOMORRODIAN-SANTNER

Adresse: Avda. Juan XXIII, 39, 41710 Utrera (Sevilla) - SPANIEN
E-Mail
: jmcalle@us.es

Erzählkunst 
Óscar Colchado Lucio

Rosa Cuchillo - Óscar Colchado Lucio

Óscar Colchado Lucio (Ancash - Peru, 1947): Dichter, Erzähler und Novellist. Er gründete die literarische Gruppe Isla Blanca (dt. Weiße Insel) und leitete die Zeitschrift Alborada/Creación y análisis. Unter seinen Werken stechen im Bereich erzählende Literatur hervor: Del mar a la ciudad (dt. Vom Meer in die Stadt) (1981), Cordillera Negra (1985), Camino de Zorro (dt. Weg des Fuchses) (1987), Hacia el Hanaq Pacha (dt. Zum Hanaq Pacha) (1989) y La casa del cerro El Pino (dt. Das Haus des Berges El Pino) (2003). Darüber hinaus publizierte er die Novellen La tarde de toros (dt. Der Nachmittag der Stiere) (1974) sowie Rosa cuchillo (1997). Er ist Autor dreier Gedichte sowie zahlreicher Kinderbücher. Unter vielen Preisen hat er gewonnen: die Preise "José María Arguedas" in der Kategorie Erzählung (1978), "José María Eguren" in der Kategorie Dichtung (1980), "Premio Copé" (1983), den nationalen Preis für Kinder- und Jugendliteratur (1985), den "Premio Latinoamericano" in der Kategorie Erzählung (CICLA 87), den nationalen Preis im Be-reich Erziehung (1995), den nationalen Preis "Federico Villarreal" im Bereich Novelle (1996) und den international renomierten Preis "Juan Rulfo" in der Kategorie Erzählung (2002). 1992 wurde er mit dem Preis "Casa de las Américas" des Landes Kuba ausgezeichnet. Sein Kinderbuch Cholito en los Andes mágicos (dt. Cholito in den magischen Anden) wurde im Fernsehen für die Andenländer ausgestrahlt.

Rosa Cuchillo

S. 7 und 8:

Der Tod?
Würde der Tod sein wie das Leben?
"Leichter, mein Kind."
Gab es dort auch Sirguillitos, die in fetten Blättern sangen im August?
Es gab sie. "Und weidende Kühe auf der endlos weiten Ebene?"
Jetzt erklomm ich die Steigung des Changa, leicht, so leicht wie der Wind. "Hier lang?" Ob die Toten auch durch diese Gegend kamen? "Dort lang, mein Mädchen, wo man gewöhnlich vom Leben Abschied nimmt."
Unten, am linken Ufer des Río Pampas, ins letzte Tageslicht getaucht, lag Illaurocancha, mein Dorf mit seinen ziegelgedeckten Häuschen, den weißen Mauern, flammend rot im Schein der Abendsonne.
Ich spürte noch den zarten, betörenden Duft der Bohnensträucher mit ihren schwarzweißen Blüten an den Hängen, sanft gestreichelt vom Wind. Ich hatte noch den hastigen Flug der Rebhühner vor Augen, krächzend und immer nah am Boden, auf der Suche ihren Nestern, gut versteckt im dichten Laub.
Mein armes Dorf, sagte ich mir, mein armes Land. Nun verlasse ich dich (für immer?). Und ich warf einen letzten Blick auf die Terabinthen an den Hängen. Die Granitgesteinsbrocken in den Schluchten, die hohen Eukalyptusbäume, die das Ackerland säumten, die Kakteen mit ihren Dornen und die üppigen von Magueystauden überwucherten Cabuya-Agaven.
Zum Abschied legte ich die Hand aufs Herz und küsste zärtlich mein Land. Adieu Freud und Leid, Hoffnungen und Sorgen, adieu!
Ich seufzte tief, bevor ich aufbrach, und dachte zurück an meine Jugend, als ich fröhlich im Maisfeld herumgetobt war, mit meinem Hund Wayra gespielt oder die Sirguillitos verscheucht hatte, diese winzigen gelben Vögelchen, die sich an den Maiskolben gütlich tun. Ferne Erinnerungen an die Ernten im Juni kamen mir, daran, wie ich nachts im Mondschein im Heuschober gespielt hatte, oder an die Jahre, in denen ich als Hüterin des Viehs mit der Herde gezogen war, mal von der glühenden Bergsonne geplagt, mal durchnässt vom hartnäckigen Nieselregen oder von heftigen Wolkenbrüchen.
Und nun? Wohin sollte ich mich wenden?, dachte ich, als ich die mit Ichugras übersäte Pampa erreichte.
"Nach Auquimarca, mein Kind, in die schneebedeckten Berge, wo unsere Ahnen ruhen."
Als ich mich ein letztes Mal nach meinem Dorf umschaute, sah ich nur noch die verschwommenen Schatten der Eukalyptusbäume, die im Dunkeln auftauchten.

"Rosa? Rosa Cuchillo?"
Ein schwarzes Hündchen mit brillenartigen weißen Flecken um die Augen war es, das zu mir sprach. Obwohl seine Worte wie Gebell klangen, waren sie verständlich.
Verblüfft schwieg ich für einen kurzen Moment, ohne zu wissen, wer dieses Tierchen war und was es dort suchte.
"Erkennst du mich denn nicht?"
Ich betrachtete eingehend den für Cashmi-Hunde so typischen vorstehenden Bogen seiner oberen Zähne, seine lebhaften Augen, seine Schlappohren.
"Wayra!", sagte ich plötzlich und beugte mich hinunter, um ihn in die Arme zu schließen, nach dem ich ihn glücklichen Herzens erkannt hatte. Er begann, ebenfalls freudig erregt, mit dem Schwanz zu wedeln.
Er war schon vor so vielen Jahren durch den Prankenhieb eines Pumas umgekommen, als er den Schafspferch mit lautem Gebell verteidigte, das hatte ich nicht vergessen. Und sieh da, jetzt traf ich ihn am Ufer dieses reißendes Flusses Wañuy Mayu, mit dem schwarzen Wasser, der die Lebenden von den Toten trennte.
Im Schatten eines Chachacomo, der im Takt des tosenden Wassers erbebte, traf ich Wayra, der dort ausruhte.
"Wayra, was tust denn hier? Wie hast du mich erkannt?"
Im weißen Schein des Mondlichts besah ich meine von den Dornbüschen und Felskanten zerfetzte Kleidung.
"Ich habe dich erwartet, Rosa. Ich wusste, dass du kommen würdest."
"Hat es dir jemand gesagt?"
"Liborio, dein Sohn."
"Liborio?"
Mein Herz hüpfte vor Freude.
"Sag es mir." Und wieder umarmte ich den Hund, streichelte ihm sein krauses, wolliges Fell. "Wo? Wo hast du meinen Sohn gesehen?"
"Beruhige dich", er leckte mir die Hand, "vorerst wirst du ihn noch nicht treffen. Er ist dort oben, im Himmel, wo die Sterne zwinkern."
"Im Janaq Pacha!", sagte ich erfreut und faltete die Hände. "Dank Dir Gott!", ich kniete nieder. "Danke, dass Du ihn in Deiner unendlichen Gnade aufgenommen hast."
Ich empfahl mich dem Gott Wari Wirakocha, unserem Schöpfer.
"Und ich, werde ich auch dorthin gelangen, Wayra?", fragte ich ihn und blickte auf zu dem großen weißen Fluss, dem Koyflur Mayu, dessen milchernes Bett sich zwischen Sternen und Gestirnen erstreckte.
"Das weiß ich nicht", erwiderte er. "ich bin nur gekommen, um dich nach Auquimarca zu begleiten, wie es die Götter befohlen haben."

S. 70 und 71:

Aber du fällst nicht hin.
Mit einer Verletzung am Bein erträgst du den Schmerz und hastest in der Dunkelheit der Straße noch einige Häuserblocks weiter. Ein heftiger, stechender Schmerz lässt dich zusammenzucken, und du fährst dir mit der Hand an die verwundete Stelle. Du fühlst, wie das warme, klebrige Blut dein Bein hinab rinnt. Der Regen, der die Dächer mit Nässe überzieht, durchdringt deine Kleidung und lässt die Fahrbahn glänzen. Da triffst du auf einige der Straßenkämpfer, die sich bereits absetzen. "Bist du verletzt, Genosse?" Sie helfen dir auf. Und als gerade zwei von ihnen versuchen, dich wegzutragen, ertönt die Sirene eines Polizeiwagens, während das Scheinwerferlicht schon die Mauer an der Ecke erleuchtet. Kurz darauf biegt der Wagen in die gepflasterte Straße ein, in der ihr euch befindet. Flieht! Lauft, Genossen!, sagst du. Mit einem Satz zerstreuen sie sich und lassen dich allein zurück. Du schaffst es gerade noch, dich an einen Mauervorsprung zu klammern. Mit gespanntem Körper und angehaltenem Atem beobachtest du gebannt, wie der Polizeiwagen mit rasender Geschwindigkeit direkt an dir vorbeijagt und einige Häuserblocks weiter frontal von der Kampftruppe mit Bomben und Granaten empfangen wird. Du versuchst weiterzugehen, aber dein Köper sträubt sich. Plötzlich siehst du, als du aufblickst, einen Mann vor dir stehen, einen merkwürdig gekleideten Fremden: Jacke und Hose aus Alpakawolle, lange Haare und Bart und gänzlich unbewaffnet. Er bietet dir seinen Rücken und sagt: "Na los, halte dich an meinem Nacken fest." Du gehorchst. Und dann schleppt er dich durch eine finstere, menschenleere Gasse, die gleiche, in der wenige Tage zuvor ein Fluchtversuch der festgenommenen Guerilleros gescheitert ist; und du hast das Gefühl, dich trüge ein Mann, der wächst und wächst und dessen Schultern immer breiter werden. Der Mann läuft weiter, als habe er keine Last zu tragen. Endlich erreicht er die Stelle, wo der letzte Fluchtlastwagen schon startbereit steht. Inmitten der Explosionen, die immer noch zu hören sind, helfen die Genossen dir hastig aufzusteigen, unter ihnen Angicha. Du fühlst dich unendlich erleichtert, als dein Körper über den Boden der Ladefläche rollt. Nur der Mann, der dich hergebracht hat, ist nicht aufgestiegen. Er bleibt zurück, die Hände in die Hüften gestemmt, und blickt dir nach, als du dich entfernst. Du beugst dich über die Heckklappe und rufst ihm zu, er solle sich sputen und rasch aufspringen. Doch er macht eine Geste, die du nicht verstehst. Und als der Wagen schon beschleunigt, erkundigst du dich noch laut rufend nach seinem Namen. "Pedro", erwidert er, bevor er sich umdreht und langsam in einer dunklen Straße verschwindet. "Pedro?", du wirst nachdenklich. Einige Häuserblocks weiter unten hält der Wagen kurz an. Eine Gruppe von ungefähr zehn steigt auf, unter denen du Santos und Edith erkennst.
Der Wagen bahnt sich mit Höchstgeschwindigkeit den Weg durch den strömenden Regen. Auf der Fahrt aus der Stadt hinaus lassen die Schüsse allmählich nach, und schließlich sind nur noch ganz vereinzelt welche zu hören. Immer noch grübelnd, fragst du Angicha, während sie deine Wunde verbindet, warum der Genosse Pedro, der dich hergebracht hat, nicht aufgestiegen ist. "Pedro?" Sie kräuselt verwundert die Nase, "ich kenne keinen Pedro unter den Genossen, und du bist allein gekommen, hast dich nur mühsam vorwärts geschleppt, niemand hat dich gebracht. Da befällt dich ein Schauder: "War das vielleicht Pedro Orcco? Der Taita Gott der Berge? Die anderen stimmen ein Revolutionslied an.

Óscar Colchado Lucio

Übersetzung: Ulrike ZOMORRODIAN-SANTNER

(aus dem Roman "Rosa Cuchillo"; Colchado Lucio, Óscar; Editorial San Marcos, Lima, Peru, 1997)

Adresse: Jr. Bartolomé Herrera 132, San Martín de Porres, Lima - PERU
E-Mail: oscarcolchadolucio@yahoo.com

Lyrik 
Eva del Pilar Durán

Gedichte - Eva del Pilar Durán

Eva del Pilar DURÁN (3. 3. 1976, Cartagena, Kolumbien) studierte Fernsehproduktion an der Hochschule für Schöne Künste in Cartagena, Kulturmanagement an der Universidad del Atlántico, EDV an der Universität Jorge Tadeo Lozano und Redaktion an der Universität von Cartagena. Darüber hinaus hat sie an zahlreichen Seminaren und Workshops, besonders für Journalismus und Literatur, teilgenommen. Sie ist für verschiedene Radiosendungen und Produktionen für das kolumbianische Fernsehen verantwortlich. Ihre Gedichte wurden in mehreren Zeitschriften, Anthologien, Zeitungen und virtuellen Medien im In- und Ausland veröffentlicht. Sie hat verschiedene Stipendien und Preise erhalten, unter anderem den Dichterpreis Alcaldía de Cartagena, 2003. Ihre Gedichte hat sie bei zahlreichen Lesungen an den unterschiedlichsten Schauplätzen präsentiert.

Der Garten der fliegenden Meere

die verderbte
das brave mädchen mit himmlischem raum
die schweigsame geliebte mit den tiefen wurzeln
die entfachte nacht, die zu haut wird
die unverbesserliche nachtschwärmerin
die stets ohne zu küssen geht
ohne zuzugeben, dass sie glücklich ist
dass es ihr gefällt, lebendig zu sein
und dass es ihr genügt, geboren zu sein
und dass sie gelernt hat, zu verzeihen
vor allen anderen dingen
und dass sie gerade deswegen
die hände voll hat
dass sie deswegen am morgen singt
dass sie deswegen lächelt, wenn man sie verrückt nennt
dass sie nackt zum herz der mango vorgedrungen ist
ohne gabel noch messer
die augen schließend
langsam kauend
und dass sie mit dir aus reiner zerstreutheit aufwacht
weil sie nichts will
weil es ihr gefällt, dich zu vernaschen
weil sie Fallaci liest
weil sie dich liebt

------- & -------

intensität

es gibt verborgene verbrechen
die es nie in die presse schaffen
oder in den klatsch auf der verzweifelten Straße
es sind tote, die vor wut sterben,
den namen des mörders zwischen den zähnen festhalten
da ist zum beispiel
das von seiner einsamen mutter zerstückelte baby
der student, der im arrest starb
oder in der zelle verschwand
die vergiftete alte frau
das stumme mädchen
oder der nn mit den halbgeöffneten augen
der uns an ein fenster denken lässt
einen bitteren kuss
oder einen kinderchor im regen

da ist der geprügelte indio
der todkranke
der beschließt, dass es endlich reicht
und der arzt der denkt, nein,
nein, er hat noch nicht genug gelitten

es gibt verborgene verbrechen
von seltener, ausgesuchter perfektion
für die sich der henker selbst beglückwünscht
in ermangelung eines publikums

------- & -------

ich muss existieren
um der ameise,
die in meiner küche herumschnüffelt, zu zeigen,
dass ich noch vor ihr
die keksdose finden werde.

------- & -------

mein leben
ist ein kompakter raum
zwischen zwei orgasmen
der orgasmus ist eine brücke aus licht
zwischen zwei städten aus feuer

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letzte worte
(wer das als grabinschrift verstehen will, kann es gerne tun)

eva del pilar durán
kannte keine reue
weder für die feuchtigkeit ihres körpers
noch für das feuer ihrer tränen
sie suchte die höhere wahrheit in zeitschriften
entlaubte planeten
schuf imperien aus karamell
erntete in den wolken
verletzte normen
biss ins gras
und war sich selbst unterlegen
die welt wird nicht lange brauchen
um sie zu vergessen

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Ich möchte einen Platz
in dem Schrank,
wo sich die Wörter verstecken
die niemand auszusprechen wagt

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Der Fratze des Dichters
einen Tritt zu verpassen
mit nackten Füßen
seinem schamlosen Talent
seinem ausgestellten Schmerz
seinem eigenhändig beschriebenen Penis
seiner nutzlosen Bemühung
sich vor der Welt den Arsch aufzureißen
um seine Qual zu zeigen
während er unbrauchbaren Ruhm ersehnt

Eva del Pilar DURÁN

Übersetzung: Judith MOSER- KROISS

E-Mail: evadelpilarduran@yahoo.com

Österreich 
Fritz Huber

Gedichte - Fritz Huber

Friedrich Huber, geb. 1942 in Salzburg, war nach seiner kaufmännischen Ausbildung (HAK) über 30 Jahre lang EDV-Leiter eines österreichischen Elektro-Konzerns. Mit zunehmender Berufstätigkeit, die stark von analytischen Erfordernissen geprägt war, suchte er im Schreiben ein Gegengewicht. Bisher erschienen sind 2 Gedichtbände Ein Segel aus gegerbter Luft (2000) und Ein brennender Fisch (2003), beide im AROVELL-Verlag Gosau-Salzburg, Beiträge in der Anthologie Stadt-landschaften von Innsbruck bis Irkutsk (Turmbund-Gesellschaft für Literatur und Kunst, Innsbruck) und Veröffentlichungen in Literatur-Zeitschriften. Lesungen, u. a. im ORF. Im Frühjahr 2006 erscheint ein deutsch-französischer Gedichtband mit dem Titel Entsprungene Zwillinge-Jumeaux délivrés im AROVELL-Verlag Gosau-Wien-Salzburg, der durch ein Arbeitsstipendium des Bundeskanzleramtes unterstützt wurde.

Aus dem Buch "Ein brennender Fisch" ( HUBER, Friedrich, AROVELL Verlag, Gosau - Wien - Salzburg, 2003)

jedermann
im niemandsland

die unruhe
verzehrt sich nach dem
schneckengang der gehörlosen

federn
in windrosen gespannt
speichern den tag
in spiralen
gedungene zeiger
schälen die schlaflose
zeit

der lanzen schatten
schabt ein stundenrelief
ins versteinerte schilf

die ufer des neumonds
beschwören
das säumige meer

-0-

es regnete flechten
von den rinden
in korallenbärten
schneeblinden schleiern

einmal im jahr
zur paarungszeit
strolcht figaro
durch die wälder

schneidet haare
manikürt nägel
ehe sie unter hochständen
jahresringe wechseln

sich ihre wipfel
nur im sturm umarmen
ihre sporen
als hostien verstreuen

-0-

den kamm entlang
zäune in den horizont
gepflockt

ein paar pfähle
schräg
im löchrigen kiefer

wippen in den spangen
rostverbrannt
die ösen

im gegenbiss der sonne
verschluckt
vom regenkäfig

-0-

da hocken sie
in den tonsuren
der baumkronen
bettler des lichts
um es tröpfchenweise
einzufangen
ihre schwingen
damit einzuschmelzen

ärmellose apfelstecher
die im slalom
bettler der schläge
durch das geäst der
spießruten plumpsen

wenn aus dem wachs
der grablichter den
bettlern der lüfte
im wurzelschatten
neue kiele wachsen

-0-

die sonne
schlägt einen halbkreis
über die steinfigur
in den fels geduckt
wächst ihr der kopf
aus den schultern
das kind sagt
schau
eine schildkröte

Fritz Huber

E-Mail: Friedrich.Huber@aon.at