Statistik Statistik Galerie Sitemap
XICöATL: Ausgabe 75
INHALT:
>> Download XICöATL Nr. 75
Lücken, die schwer zu füllen sind - Luis Alfredo Duarte Herrera
Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, der ist nur fern. Tot ist nur, wer vergessen ist. Immanuel Kant
Das Ende des Jahres 2005 hat uns mit großer Traurigkeit erfüllt. Waltraud Hostalek-Rehbogen und Renato Vecellio, zwei Freunde und Mitarbeiter unseres Vereins für lateinamerikanische Kunst, Wissenschaft und Kultur YAGE und des lateinamerikanischen Kulturmagazins XICóATL "Ziehender Stern" leben nicht mehr.
Waltraud Hostalek-Rehbogen (Salzburg, 20.3.1948 - Salzburg, 11.12.2005) war eines der Gründungsmitglieder von YAGE. Ihr überbordender Enthusiasmus, ihre bedingungslose Unterstützung unserer Projekte und ihr logistischer Beistand in den schwierigen ersten Jahren des Bestehens unseres Vereins, die zahlreichen Übersetzungen für unser Kulturmagazin sowie die direkte Mitarbeit an den verschiedenen Aktivitäten, die auf dem Programm standen, waren stets ein wertvoller Ansporn für uns alle. Ihr Interesse für die lateinamerikanischen Sprachen, Kulturen und Probleme war stets spürbar. 1994 ermöglichte Waltraud Hostalek-Rehbogen den 2. Literaturwettbewerb XICóATL, indem sie einen der Preise spendete. Neben ihrer Liebe für alles Hispanoamerikanische leistete sie als Tierschützerin in Salzburg herausragende Arbeit. Zusätzlich zu vielen anderen Aktionen nahm sich Waltraud vor, spanische Hunde, vor allem Galgos, vor dem Tod zu bewahren, indem sie sie (häufig auf eigene Kosten) nach Österreich brachte und ihnen hier ein Zuhause suchte. Waltrauds Tod hinterlässt nicht nur eine große Leere in unseren Herzen, sondern auch in Bezug auf wichtige humanitäre Aufgaben zur Gestaltung einer besseren Welt, die nur wenige Menschen zu erfüllen bereit sind.
Renato Vecellio (Villach, 16.3.1951-Villach, 29.12.2005) verbrachte fast sein ganzes Leben in Wien; dort arbeitete er als Übersetzer, Dolmetscher und Lehrer für Italienisch, Portugiesisch und Spanisch. Seit der Ausgabe Nr. 11 von XICóATL (Jänner/Februar/1994) arbeitete Renato Vecellio ehrenamtlich und ohne Unterbrechung als Übersetzter von Essays, Erzählungen, journalistischen Artikeln und ganz besonders von Gedichten. Renato war schon immer ein Liebhaber von Gedichten und zeigte großes Interesse für lateinamerikanische Lyrik, die er besonders gut kannte. Die Probleme der so genannten Dritten Welt und die Mitarbeit an deren Lösungen lagen ebenfalls stets im Zentrum seiner Interessen. Mit Renatos Tod verlieren unser Verein und unser Kulturmagazin einen der wertvollsten, treusten und enthusiastischsten Mitarbeiter, der uns sehr am Herzen lag.
Luis Alfredo DUARTE HERRERA
VON GERTRUDIS FÜR DICH
(Für Renato Vecellio)
die stille leitet die offenbarung ein
vor dem ursprung öffnet sich ein durchgang
am ende der zeiten gibt es eine große zeremonie
Cristina PIZARRO Buenos Aires - ARGENTINIEN
NACH DEM HAUCH, DER DAS LEBEN IST
(Für Waltraud Hostalek-Rehbogen)
Freut euch, lasst uns feiern!
Die Fahrt, die mit der Geburt begonnen wird führt uns unausweichlich stets ans Ufer eines anderen Lebens wenn wir transparent, leichtfüßig oder es ganz einfach wert sind.
Du wirst also die letzte Rast genießen, wenn du in der Seele die Gnade trägst, eine Fackel zu sein, die von dort aus anderen den freundlichen Pfad beleuchtet, die Spur, die du hinter dir begossen hast wenn sie transparent, leichtfüßig oder es einfach wert ist.
Nimm für immer das Aroma der Mangos mit dir Gelange rein, lächelnd und ohne jede Eile ans Ziel um weiter mit vollen Händen den wohlwollenden Glanz des Vorbilds zu verschenken wenn dieses transparent, leichtfüßig oder es einfach wert ist.
WALKALA Salzburg
Übersetzung: Judith MOSER-KROISS
Solidaritätskampagne für Jacobo Silva und Gloria Arenas
Jacobo Silva und Gloria Arenas sind politische Gefangene der mexikanischen Regierung! Sie werden seit sechs Jahren unrechtmäßig unter menschenverachtenden Bedingungen gefangen gehalten. Wir fordern: ein ordnungsgemäßes Gerichtsverfahren und die sofortige Einhaltung der Menschenrechte in Bezug auf ihre Haftbedingungen. Nähere Informationen zu unserer Kampagne unter: www.jacobosilva.org
Das Kenotaph - Antonio Calle González
Antonio Calle González. Magister in englischer Philologie, derzeit verfasst er an der Universität von Sevilla seine Doktorarbeit über englische und nordamerikanische Literatur mit einer Forschungsarbeit über Das Konzept der Geschichte in der englischen Gegenwartsdichtung 1970-2000. Auf dem Gebiet der Literaturkritik hat er Bücher wie: Die Ästhetik des Grotesken in der englischen Literatur des 19. Jahrhunderts: die Romane Charles Dickens, veröffentlicht. Er hat auch einiges über interdisziplinäre Themen publiziert, wie über die Filmkunst (Exploring Film Art / Explorando el Arte Filmico) oder Artikel über die Beziehung zwischen der Malerei und der Literatur (La lectura de un cuadro - la contemplación de una narrativa in Monografías de Arte).
Das Kenotaph
Ich langweilte mich zu Tode und das mit gutem Grund. Es war das erste Mal, dass mich meine Eltern in die Ferien mitgenommen hatten, statt mich auf ein Sommerlager zu schicken oder mich über die Sommermonate bei meinen Großeltern zu lassen. Die Ferien waren eine organisierte Reise und zwar nach Österreich, einem dieser Länder, die ich vom Hörensagen aus den Geographiestunden in der Schule kannte, und von dem ich mir vorstellte, es sei lustig, dorthin zu fahren, was es dann aber schließlich nicht war, weil wir jeden Tag sehr früh vom Hotel losfuhren und nichts anderes machten, als Museen oder Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Mein Vater versuchte, die Besichtigungen dessen, was wir betrachteten, durch Erklärungen in Form von Anekdoten zu versüßen, aber die Geschichtchen waren keine Abhilfe für den enormen Überdruss, den ich fühlte, was normal war für jemanden wie mich in jener Zeit, ein Grünschnabel von gerade erst zwölf Jahren. Aus diesem Grund verspürte ich am letzten Tag unseres Aufenthalts die Erleichterung des Bewusstseins, dass das Ganze in Kürze vorbei sein würde. Mein Vater schien jedoch meine Gedanken zu lesen, denn, als wäre es eine Strafe für die Undankbarkeit, die ich zur Schau zu tragen schien, sagte er laut und bestimmt, dass wir diesen letzten Tag dem Besuch der Wiener Friedhöfe widmen wollten. So, und ohne weiteren Kommentar, begannen wir an einem aschgrauen Tag, einem Tag, der die Absichten meines Erzeugers genauso erraten zu haben schien wie dieser meine, umherzuwandern. Der erste, den wir besuchten, trug am Eingang ein großes Schild mit dem Wort Zentralfriedhof, was mein Vater sofort mit Cementerio Central übersetzte. Kaum eingetreten, fing er sofort an, den improvisierten Fremdenführer zu spielen und blieb hin und wieder vor dem einen oder anderen Grabmal stehen und nannte die dort ruhende Person. Das Seltsame daran ist, dass mir alle Namen, die er nannte, bekannt vorkamen, ich hatte sie bereits mehrfach gehört. Schubert, Salieri, Brahms, Strauß Vater und zwei seiner Söhne, Komponisten, deren Werke ich am Konservatorium zu spielen versucht hatte, an das mich mein Vater in sehr zartem Alter gebracht hatte. Nun waren hier alle oder fast alle, die zu Lebzeiten ein und dieselbe Berufung gehabt hatten und diese Berufung bis zur Meisterschaft ausgeführt hatten. Alle an einem Ort vereint wie in meiner Partiturenmappe, aber auf größerem Raum. Wir gingen eine Zeit lang weiter wobei mein Vater nicht davon abließ, auf das eine oder andere Grab zu zeigen und das Leben und Werk seiner Bewohner zu preisen. Ich meinerseits ging in mich versunken, mit gesenktem Kopf, und fragte mich, ob dieser Friedhof das sei, wovon sie mir in der Schule erzählt hatten, es wäre der Himmel, ob dieser Ort der Himmel der Musiker sei. Plötzlich bleiben wir stehen und als ich den Blick erhob, sah ich, dass mein Vater in Ekstase geraten war: Das Grab Beethovens. Ja, Beethoven, der Große unter den Großen, Genie unter den Genies, Meister der Musik. Die Verzückung meines Erzeugers ließ keineswegs nach, ganz im Gegenteil, denn indem er mit zittrigem Finger auf irgendeinen nahe gelegenen Punkt zeigte, schien er meiner Mutter und mir etwas sagen zu wollen, doch es kamen keine Worte aus seinem Mund. Er nahm meine Mutter am Arm und ergriff meine Hand und führte uns zum Herd seiner Unruhe. Ohne Einleitung und mit abgehackter Stimme konnte er schließlich einen kleinen Satz hervorbringen: "Der Kenotaph Mozarts". Meine Mutter sah ihn wegen der scheinbar riesigen Freude, ich würde sogar sagen, der Lust meines Vaters bei dieser Vorstellung, lächelnd an. Ich setzte eine Jubelmiene auf, da ich zeigen wollte, dass ich seine Begeisterung teilte, aber in Wahrheit hatte diese Enthüllung nur bewirkt, dass ich wieder vor einem Rätsel stand. Über meine Kenntnis Mozarts gab es keinen Zweifel, denn er war der am meisten wiederholte und aufgeführte Komponist am Konservatorium. Ich hatte jedoch nicht die leiseste Ahnung, was ein Kenotaph sei. Ich dachte, es sei ein sehr gewählter Ausdruck für "Grabmal", aber mein Vater war nicht sehr geneigt, eine hochtrabende Sprache zu verwenden, wenn er meiner Mutter oder mir etwas erklärte, so dass ich beschloss, ihn danach zu fragen. "Was ist ein Kenotaph, Papa?" "Ein Kenotaph? Nun gut, es gibt zwei oder drei Arten von Kenotaphen, aber man kann sagen, ein Kenotaph ist ein Grab ohne..., ohne jemanden drinnen." Die Antwort stürzte mich nur in noch größere Zweifel, da ich den Nutzen eines Grabes ohne..., ohne das, was mein Vater nicht auszusprechen gewagt hatte, einen Toten, nicht begriff. Er fixierte mich und schien neuerlich meine Gedanken zu erraten. "Mach dir keinen Gedanken. Jetzt gehen wir auf einen anderen Friedhof und dort werden wir das andere Grab Mozarts sehen." Gesagt, getan, denn obwohl er ziemlich abseits der Stadt lag, erreichten wir den anderen Friedhof, an dessen Eingang St. Marxer Friedhof zu lesen war, in kürzester Zeit. Diesmal hielt sich mein Vater nicht damit auf, den Namen zu übersetzen, da er es sehr eilig zu haben schien, mir das andere Grab Mozarts zu zeigen. Während wir auf das Grab zugingen, nein! besser gesagt liefen, konnte ich sehen, dass dieser Friedhof kleiner war, was ihm eine intimere Atmosphäre verlieh. Endlich erreichten wir unser Ziel, dort war es, nicht sehr groß aber für mich schöner. Eine abgebrochene Säule und ein winziger marmorner Engel waren sein einziger Schmuck, obwohl es etwas noch Schöneres gab, da der Grabstein vollkommen mit frisch geschnittenen Blumen bedeckt war. Es war etwas seltsam, dass auf dem Grab eines vor so langer Zeit Verstorbenen so viele und so schön angeordnete Blumen lagen, so als hätte jemand viel Zeit und Liebe aufgewandt, sie so hinzulegen. Das Bild, das sich mir darbot, erfreute mich, umso mehr, wenn das möglich ist, nachdem ich erfahren hatte, was ein Kenotaph war. Aber meine Freude dauerte nicht lang, denn als endlich meine Mutter ankam, die keuchend versucht hatte, mit uns Schritt zu halten, erläuterte ihr mein Vater die Details dieses Grabes und ich konnte hören, dass zwischen ihnen die Spekulation bestand, dass sich Mozarts Leichnam auch in diesem Grab nicht befände. Er flüsterte ihr zu, um zu vermeiden, dass ich ihn hörte, dass der geniale Musiker wie ein armer Schlucker verscharrt worden sei und dass man nicht sicher wisse, ob man seinen Leichnam einmal geborgen hatte. Wiederum unerklärlich. Zuerst ein Grab, das leer steht und dann ein anderes mit der Aufschrift "Wolfgang Amadeus Mozart", ein Name, den man nicht kannte, wenn er seinem Bewohner gehörte. Womöglich war mein Unverständnis meiner Kindlichkeit zuzuschreiben, der Tatsache, dass man mit gerade zwölf Jahren gewisse Dinge nicht zu verstehen vermag, die später, wenn ein Mensch älter wird, ihre Erklärung finden. Es war jedoch nicht nur das. Jemand hielt das Grab immer mit frischen Blumen bedeckt, so üppig, dass die Tautropfen noch auf ihren Blütenblättern glänzten, Blumen, die nicht nur Achtung sondern die höchste Verehrung ausdrückten, aber wie kann man das nicht Existierende verehren? Unser persönlicher Führer tupfte mir zart auf die Schulter, um mir zu sagen, dass wir gehen wollten. Ich ging ein paar Schritte hinter ihnen und käute verschiedene Erklärungen für das, was ich an diesem Morgen erfahren hatte, wieder. Ab und zu blickte sich mein Vater nach mir um, ich weiß nicht genau, ob er es tat, um sich zu vergewissern, dass ich ihnen folgte, oder um festzustellen, ob ich eine Antwort auf meine Fragen gefunden hatte, indem er wieder meine Gedanken las, wie er es an jenem Morgen schon mehrfach getan hatte. Wir kehrten ins Hotel zurück und eigentlich sollte ich nicht viel Zeit zum Nachdenken gehabt haben, denn seit dem Moment unserer Ankunft mussten wir alles sehr schnell und im Eilschritt erledigen. Mein Vater hatte nicht bemerkt, dass wir bei unserem Besuch der Friedhöfe mehr Zeit verbracht hatten, als wir zur Verfügung hatten, und jetzt hatten wir nur noch drei Stunden bis wir unser Flugzeug nehmen mussten. Noch als ich meinen Koffer packte und darauf achtete, nichts zu vergessen, war ich in Gedanken versunken, indem ich mir wieder und wieder durch den Kopf gehen ließ, was an jenem Morgen geschehen war. Zum Glück ist meine Mutter seit je vorausblickend und gut organisiert, und es war einfach, alles zu finden, so einfach, dass uns am Flughafen sogar noch etwas Zeit blieb. Einmal im Flugzeug, änderte sich meine morgendliche schweigsame Laune nicht wesentlich, und ich wandte den Blick nur vom Fenster ab, um den einzigen Satz anzuhören, den mir mein Vater während der Reise sagte: "Mach dir keine Gedanken, du wirst es schon verstehen." Mit der Zeit verstand ich es, und nicht nur das. Im Laufe der Jahre verstand ich den Grund, warum mich mein Vater ins Konservatorium eintreten hatte lassen, er war nämlich ein Musikliebhaber und ich wurde das später auch und vielleicht noch mehr als er, da ich Dirigent wurde. Ich gehe nicht so weit, zu behaupten, jener Morgen auf den Friedhöfen habe den Anstoß zu meiner späteren Berufung gegeben, aber mit Sicherheit hatte er viel damit zu tun. In der Tat war es der Tag des Dirigats meines ersten Konzerts, der mir den Schlüssel gab, damit sich jene kindlichen Zweifel auflösten. Der Zufall wollte es, dass ich zum ersten Mal in Wien von Berufs wegen den Dirigentenstab zur Hand nahm, und darüber hinaus war das Werk, das aufgeführt wurde, von Mozart war, genauer das Requiem in D-Moll K. 626. Jene düsteren Noten, die gleichzeitig wie ein Lebenshauch für diejenigen waren, welche ihnen lauschten; die Passion der Hörner und Fagotte zusammen mit dem Unbehagen, das von den Chorstimmen ausgelöst wurde, die mit der Zartheit der Geigen und dem himmlischen Gesang des Soprans einhergingen. Alles, einfach alles kam wie eine Offenbarung. Mozart, sein Leichnam, seine Präsenz, mussten nicht in einem Grab liegen, um geehrt, um verehrt zu werden. Er war anwesend, in der Luft schwebend, im Klang jener Noten, jener Akkorde, die ein sanfter Wind an der gekappten Säule vorbeifliegen ließ, vorbei am Engel aus Alabaster, und die er in Form von Blumen und kristallklaren Tautropfen dort niederlegte. Das Konzert war ein Erfolg. Tränen der Ergriffenheit waren auf den Wangen des Publikums zu sehen, keine Tränen des Schmerzes, wie die, welche man bei Begräbnissen sehen kann, sondern der unendlichen Andacht, weil Mozart anwesend gewesen war. Ich erhielt in meinem Künstlerzimmer etwa zwanzig Blumensträuße, einer schöner als der andere. Aber diese Blumen gehörten mir nicht, sie konnten nicht die eines bloßen Werkzeugs sein, das nichts anderes getan hatte, als die Größe des Komponisten zu vermitteln. Ich nahm alle Sträuße und legte sie in mein Auto. Ich legte denselben Weg zurück den ich an jenem Morgen mit meinen Eltern gemacht hatte und legte die Hälfte der Blumen auf den Kenotaph und die andere Hälfte auf das Grab am anderen Friedhof. Dort, auf letzterem Friedhof, vor dem Grabmal des Meisters, neigte ich den Kopf als Zeichen der Ehrerbietung und Verehrung und sprach die Sätze aus, bei denen sein Federkiel aufgehört hatte, sein posthumes Werk zu komponieren: "memoriam facimus: fac eas, Domine, de morte transire ad vitam."
Antonio Calle González
Übersetzung: Ulrike ZOMORRODIAN-SANTNER
Adresse: Avda. Juan XXIII, 39, 41710 Utrera (Sevilla) - SPANIEN E-Mail: jmcalle@us.es
Rosa Cuchillo - Óscar Colchado Lucio
Óscar Colchado Lucio (Ancash - Peru, 1947): Dichter, Erzähler und Novellist. Er gründete die literarische Gruppe Isla Blanca (dt. Weiße Insel) und leitete die Zeitschrift Alborada/Creación y análisis. Unter seinen Werken stechen im Bereich erzählende Literatur hervor: Del mar a la ciudad (dt. Vom Meer in die Stadt) (1981), Cordillera Negra (1985), Camino de Zorro (dt. Weg des Fuchses) (1987), Hacia el Hanaq Pacha (dt. Zum Hanaq Pacha) (1989) y La casa del cerro El Pino (dt. Das Haus des Berges El Pino) (2003). Darüber hinaus publizierte er die Novellen La tarde de toros (dt. Der Nachmittag der Stiere) (1974) sowie Rosa cuchillo (1997). Er ist Autor dreier Gedichte sowie zahlreicher Kinderbücher. Unter vielen Preisen hat er gewonnen: die Preise "José María Arguedas" in der Kategorie Erzählung (1978), "José María Eguren" in der Kategorie Dichtung (1980), "Premio Copé" (1983), den nationalen Preis für Kinder- und Jugendliteratur (1985), den "Premio Latinoamericano" in der Kategorie Erzählung (CICLA 87), den nationalen Preis im Be-reich Erziehung (1995), den nationalen Preis "Federico Villarreal" im Bereich Novelle (1996) und den international renomierten Preis "Juan Rulfo" in der Kategorie Erzählung (2002). 1992 wurde er mit dem Preis "Casa de las Américas" des Landes Kuba ausgezeichnet. Sein Kinderbuch Cholito en los Andes mágicos (dt. Cholito in den magischen Anden) wurde im Fernsehen für die Andenländer ausgestrahlt.
Rosa Cuchillo
S. 7 und 8:
Der Tod? Würde der Tod sein wie das Leben? "Leichter, mein Kind." Gab es dort auch Sirguillitos, die in fetten Blättern sangen im August? Es gab sie. "Und weidende Kühe auf der endlos weiten Ebene?" Jetzt erklomm ich die Steigung des Changa, leicht, so leicht wie der Wind. "Hier lang?" Ob die Toten auch durch diese Gegend kamen? "Dort lang, mein Mädchen, wo man gewöhnlich vom Leben Abschied nimmt." Unten, am linken Ufer des Río Pampas, ins letzte Tageslicht getaucht, lag Illaurocancha, mein Dorf mit seinen ziegelgedeckten Häuschen, den weißen Mauern, flammend rot im Schein der Abendsonne. Ich spürte noch den zarten, betörenden Duft der Bohnensträucher mit ihren schwarzweißen Blüten an den Hängen, sanft gestreichelt vom Wind. Ich hatte noch den hastigen Flug der Rebhühner vor Augen, krächzend und immer nah am Boden, auf der Suche ihren Nestern, gut versteckt im dichten Laub. Mein armes Dorf, sagte ich mir, mein armes Land. Nun verlasse ich dich (für immer?). Und ich warf einen letzten Blick auf die Terabinthen an den Hängen. Die Granitgesteinsbrocken in den Schluchten, die hohen Eukalyptusbäume, die das Ackerland säumten, die Kakteen mit ihren Dornen und die üppigen von Magueystauden überwucherten Cabuya-Agaven. Zum Abschied legte ich die Hand aufs Herz und küsste zärtlich mein Land. Adieu Freud und Leid, Hoffnungen und Sorgen, adieu! Ich seufzte tief, bevor ich aufbrach, und dachte zurück an meine Jugend, als ich fröhlich im Maisfeld herumgetobt war, mit meinem Hund Wayra gespielt oder die Sirguillitos verscheucht hatte, diese winzigen gelben Vögelchen, die sich an den Maiskolben gütlich tun. Ferne Erinnerungen an die Ernten im Juni kamen mir, daran, wie ich nachts im Mondschein im Heuschober gespielt hatte, oder an die Jahre, in denen ich als Hüterin des Viehs mit der Herde gezogen war, mal von der glühenden Bergsonne geplagt, mal durchnässt vom hartnäckigen Nieselregen oder von heftigen Wolkenbrüchen. Und nun? Wohin sollte ich mich wenden?, dachte ich, als ich die mit Ichugras übersäte Pampa erreichte. "Nach Auquimarca, mein Kind, in die schneebedeckten Berge, wo unsere Ahnen ruhen." Als ich mich ein letztes Mal nach meinem Dorf umschaute, sah ich nur noch die verschwommenen Schatten der Eukalyptusbäume, die im Dunkeln auftauchten.
"Rosa? Rosa Cuchillo?" Ein schwarzes Hündchen mit brillenartigen weißen Flecken um die Augen war es, das zu mir sprach. Obwohl seine Worte wie Gebell klangen, waren sie verständlich. Verblüfft schwieg ich für einen kurzen Moment, ohne zu wissen, wer dieses Tierchen war und was es dort suchte. "Erkennst du mich denn nicht?" Ich betrachtete eingehend den für Cashmi-Hunde so typischen vorstehenden Bogen seiner oberen Zähne, seine lebhaften Augen, seine Schlappohren. "Wayra!", sagte ich plötzlich und beugte mich hinunter, um ihn in die Arme zu schließen, nach dem ich ihn glücklichen Herzens erkannt hatte. Er begann, ebenfalls freudig erregt, mit dem Schwanz zu wedeln. Er war schon vor so vielen Jahren durch den Prankenhieb eines Pumas umgekommen, als er den Schafspferch mit lautem Gebell verteidigte, das hatte ich nicht vergessen. Und sieh da, jetzt traf ich ihn am Ufer dieses reißendes Flusses Wañuy Mayu, mit dem schwarzen Wasser, der die Lebenden von den Toten trennte. Im Schatten eines Chachacomo, der im Takt des tosenden Wassers erbebte, traf ich Wayra, der dort ausruhte. "Wayra, was tust denn hier? Wie hast du mich erkannt?" Im weißen Schein des Mondlichts besah ich meine von den Dornbüschen und Felskanten zerfetzte Kleidung. "Ich habe dich erwartet, Rosa. Ich wusste, dass du kommen würdest." "Hat es dir jemand gesagt?" "Liborio, dein Sohn." "Liborio?" Mein Herz hüpfte vor Freude. "Sag es mir." Und wieder umarmte ich den Hund, streichelte ihm sein krauses, wolliges Fell. "Wo? Wo hast du meinen Sohn gesehen?" "Beruhige dich", er leckte mir die Hand, "vorerst wirst du ihn noch nicht treffen. Er ist dort oben, im Himmel, wo die Sterne zwinkern." "Im Janaq Pacha!", sagte ich erfreut und faltete die Hände. "Dank Dir Gott!", ich kniete nieder. "Danke, dass Du ihn in Deiner unendlichen Gnade aufgenommen hast." Ich empfahl mich dem Gott Wari Wirakocha, unserem Schöpfer. "Und ich, werde ich auch dorthin gelangen, Wayra?", fragte ich ihn und blickte auf zu dem großen weißen Fluss, dem Koyflur Mayu, dessen milchernes Bett sich zwischen Sternen und Gestirnen erstreckte. "Das weiß ich nicht", erwiderte er. "ich bin nur gekommen, um dich nach Auquimarca zu begleiten, wie es die Götter befohlen haben."
S. 70 und 71:
Aber du fällst nicht hin. Mit einer Verletzung am Bein erträgst du den Schmerz und hastest in der Dunkelheit der Straße noch einige Häuserblocks weiter. Ein heftiger, stechender Schmerz lässt dich zusammenzucken, und du fährst dir mit der Hand an die verwundete Stelle. Du fühlst, wie das warme, klebrige Blut dein Bein hinab rinnt. Der Regen, der die Dächer mit Nässe überzieht, durchdringt deine Kleidung und lässt die Fahrbahn glänzen. Da triffst du auf einige der Straßenkämpfer, die sich bereits absetzen. "Bist du verletzt, Genosse?" Sie helfen dir auf. Und als gerade zwei von ihnen versuchen, dich wegzutragen, ertönt die Sirene eines Polizeiwagens, während das Scheinwerferlicht schon die Mauer an der Ecke erleuchtet. Kurz darauf biegt der Wagen in die gepflasterte Straße ein, in der ihr euch befindet. Flieht! Lauft, Genossen!, sagst du. Mit einem Satz zerstreuen sie sich und lassen dich allein zurück. Du schaffst es gerade noch, dich an einen Mauervorsprung zu klammern. Mit gespanntem Körper und angehaltenem Atem beobachtest du gebannt, wie der Polizeiwagen mit rasender Geschwindigkeit direkt an dir vorbeijagt und einige Häuserblocks weiter frontal von der Kampftruppe mit Bomben und Granaten empfangen wird. Du versuchst weiterzugehen, aber dein Köper sträubt sich. Plötzlich siehst du, als du aufblickst, einen Mann vor dir stehen, einen merkwürdig gekleideten Fremden: Jacke und Hose aus Alpakawolle, lange Haare und Bart und gänzlich unbewaffnet. Er bietet dir seinen Rücken und sagt: "Na los, halte dich an meinem Nacken fest." Du gehorchst. Und dann schleppt er dich durch eine finstere, menschenleere Gasse, die gleiche, in der wenige Tage zuvor ein Fluchtversuch der festgenommenen Guerilleros gescheitert ist; und du hast das Gefühl, dich trüge ein Mann, der wächst und wächst und dessen Schultern immer breiter werden. Der Mann läuft weiter, als habe er keine Last zu tragen. Endlich erreicht er die Stelle, wo der letzte Fluchtlastwagen schon startbereit steht. Inmitten der Explosionen, die immer noch zu hören sind, helfen die Genossen dir hastig aufzusteigen, unter ihnen Angicha. Du fühlst dich unendlich erleichtert, als dein Körper über den Boden der Ladefläche rollt. Nur der Mann, der dich hergebracht hat, ist nicht aufgestiegen. Er bleibt zurück, die Hände in die Hüften gestemmt, und blickt dir nach, als du dich entfernst. Du beugst dich über die Heckklappe und rufst ihm zu, er solle sich sputen und rasch aufspringen. Doch er macht eine Geste, die du nicht verstehst. Und als der Wagen schon beschleunigt, erkundigst du dich noch laut rufend nach seinem Namen. "Pedro", erwidert er, bevor er sich umdreht und langsam in einer dunklen Straße verschwindet. "Pedro?", du wirst nachdenklich. Einige Häuserblocks weiter unten hält der Wagen kurz an. Eine Gruppe von ungefähr zehn steigt auf, unter denen du Santos und Edith erkennst. Der Wagen bahnt sich mit Höchstgeschwindigkeit den Weg durch den strömenden Regen. Auf der Fahrt aus der Stadt hinaus lassen die Schüsse allmählich nach, und schließlich sind nur noch ganz vereinzelt welche zu hören. Immer noch grübelnd, fragst du Angicha, während sie deine Wunde verbindet, warum der Genosse Pedro, der dich hergebracht hat, nicht aufgestiegen ist. "Pedro?" Sie kräuselt verwundert die Nase, "ich kenne keinen Pedro unter den Genossen, und du bist allein gekommen, hast dich nur mühsam vorwärts geschleppt, niemand hat dich gebracht. Da befällt dich ein Schauder: "War das vielleicht Pedro Orcco? Der Taita Gott der Berge? Die anderen stimmen ein Revolutionslied an.
Óscar Colchado Lucio
(aus dem Roman "Rosa Cuchillo"; Colchado Lucio, Óscar; Editorial San Marcos, Lima, Peru, 1997)
Adresse: Jr. Bartolomé Herrera 132, San Martín de Porres, Lima - PERU E-Mail: oscarcolchadolucio@yahoo.com
Gedichte - Eva del Pilar Durán
Eva del Pilar DURÁN (3. 3. 1976, Cartagena, Kolumbien) studierte Fernsehproduktion an der Hochschule für Schöne Künste in Cartagena, Kulturmanagement an der Universidad del Atlántico, EDV an der Universität Jorge Tadeo Lozano und Redaktion an der Universität von Cartagena. Darüber hinaus hat sie an zahlreichen Seminaren und Workshops, besonders für Journalismus und Literatur, teilgenommen. Sie ist für verschiedene Radiosendungen und Produktionen für das kolumbianische Fernsehen verantwortlich. Ihre Gedichte wurden in mehreren Zeitschriften, Anthologien, Zeitungen und virtuellen Medien im In- und Ausland veröffentlicht. Sie hat verschiedene Stipendien und Preise erhalten, unter anderem den Dichterpreis Alcaldía de Cartagena, 2003. Ihre Gedichte hat sie bei zahlreichen Lesungen an den unterschiedlichsten Schauplätzen präsentiert.
Der Garten der fliegenden Meere
die verderbte das brave mädchen mit himmlischem raum die schweigsame geliebte mit den tiefen wurzeln die entfachte nacht, die zu haut wird die unverbesserliche nachtschwärmerin die stets ohne zu küssen geht ohne zuzugeben, dass sie glücklich ist dass es ihr gefällt, lebendig zu sein und dass es ihr genügt, geboren zu sein und dass sie gelernt hat, zu verzeihen vor allen anderen dingen und dass sie gerade deswegen die hände voll hat dass sie deswegen am morgen singt dass sie deswegen lächelt, wenn man sie verrückt nennt dass sie nackt zum herz der mango vorgedrungen ist ohne gabel noch messer die augen schließend langsam kauend und dass sie mit dir aus reiner zerstreutheit aufwacht weil sie nichts will weil es ihr gefällt, dich zu vernaschen weil sie Fallaci liest weil sie dich liebt
------- & -------
intensität
es gibt verborgene verbrechen die es nie in die presse schaffen oder in den klatsch auf der verzweifelten Straße es sind tote, die vor wut sterben, den namen des mörders zwischen den zähnen festhalten da ist zum beispiel das von seiner einsamen mutter zerstückelte baby der student, der im arrest starb oder in der zelle verschwand die vergiftete alte frau das stumme mädchen oder der nn mit den halbgeöffneten augen der uns an ein fenster denken lässt einen bitteren kuss oder einen kinderchor im regen
da ist der geprügelte indio der todkranke der beschließt, dass es endlich reicht und der arzt der denkt, nein, nein, er hat noch nicht genug gelitten
es gibt verborgene verbrechen von seltener, ausgesuchter perfektion für die sich der henker selbst beglückwünscht in ermangelung eines publikums
ich muss existieren um der ameise, die in meiner küche herumschnüffelt, zu zeigen, dass ich noch vor ihr die keksdose finden werde.
mein leben ist ein kompakter raum zwischen zwei orgasmen der orgasmus ist eine brücke aus licht zwischen zwei städten aus feuer
letzte worte (wer das als grabinschrift verstehen will, kann es gerne tun)
eva del pilar durán kannte keine reue weder für die feuchtigkeit ihres körpers noch für das feuer ihrer tränen sie suchte die höhere wahrheit in zeitschriften entlaubte planeten schuf imperien aus karamell erntete in den wolken verletzte normen biss ins gras und war sich selbst unterlegen die welt wird nicht lange brauchen um sie zu vergessen
Ich möchte einen Platz in dem Schrank, wo sich die Wörter verstecken die niemand auszusprechen wagt
Der Fratze des Dichters einen Tritt zu verpassen mit nackten Füßen seinem schamlosen Talent seinem ausgestellten Schmerz seinem eigenhändig beschriebenen Penis seiner nutzlosen Bemühung sich vor der Welt den Arsch aufzureißen um seine Qual zu zeigen während er unbrauchbaren Ruhm ersehnt
Eva del Pilar DURÁN
Übersetzung: Judith MOSER- KROISS
E-Mail: evadelpilarduran@yahoo.com
Gedichte - Fritz Huber
Friedrich Huber, geb. 1942 in Salzburg, war nach seiner kaufmännischen Ausbildung (HAK) über 30 Jahre lang EDV-Leiter eines österreichischen Elektro-Konzerns. Mit zunehmender Berufstätigkeit, die stark von analytischen Erfordernissen geprägt war, suchte er im Schreiben ein Gegengewicht. Bisher erschienen sind 2 Gedichtbände Ein Segel aus gegerbter Luft (2000) und Ein brennender Fisch (2003), beide im AROVELL-Verlag Gosau-Salzburg, Beiträge in der Anthologie Stadt-landschaften von Innsbruck bis Irkutsk (Turmbund-Gesellschaft für Literatur und Kunst, Innsbruck) und Veröffentlichungen in Literatur-Zeitschriften. Lesungen, u. a. im ORF. Im Frühjahr 2006 erscheint ein deutsch-französischer Gedichtband mit dem Titel Entsprungene Zwillinge-Jumeaux délivrés im AROVELL-Verlag Gosau-Wien-Salzburg, der durch ein Arbeitsstipendium des Bundeskanzleramtes unterstützt wurde.
Aus dem Buch "Ein brennender Fisch" ( HUBER, Friedrich, AROVELL Verlag, Gosau - Wien - Salzburg, 2003)
jedermann im niemandsland
die unruhe verzehrt sich nach dem schneckengang der gehörlosen
federn in windrosen gespannt speichern den tag in spiralen gedungene zeiger schälen die schlaflose zeit
der lanzen schatten schabt ein stundenrelief ins versteinerte schilf
die ufer des neumonds beschwören das säumige meer
-0-
es regnete flechten von den rinden in korallenbärten schneeblinden schleiern
einmal im jahr zur paarungszeit strolcht figaro durch die wälder
schneidet haare manikürt nägel ehe sie unter hochständen jahresringe wechseln
sich ihre wipfel nur im sturm umarmen ihre sporen als hostien verstreuen
den kamm entlang zäune in den horizont gepflockt
ein paar pfähle schräg im löchrigen kiefer
wippen in den spangen rostverbrannt die ösen
im gegenbiss der sonne verschluckt vom regenkäfig
da hocken sie in den tonsuren der baumkronen bettler des lichts um es tröpfchenweise einzufangen ihre schwingen damit einzuschmelzen
ärmellose apfelstecher die im slalom bettler der schläge durch das geäst der spießruten plumpsen
wenn aus dem wachs der grablichter den bettlern der lüfte im wurzelschatten neue kiele wachsen
die sonne schlägt einen halbkreis über die steinfigur in den fels geduckt wächst ihr der kopf aus den schultern das kind sagt schau eine schildkröte
Fritz Huber
E-Mail: Friedrich.Huber@aon.at