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XICöATL: Ausgabe 72
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Literaturwettbewerb W.A. Mozart - Luis Alfredo Duarte Herrera
1519 kam Erzbischof Matthäus Lang von Wellenburg (1468-1540), ein despotischer katholischer Minister, an die Regierung der Provinz Salzburg, dessen Machtexzesse mehrere bewaffnete Konflikte auslösten, unter ihnen den Bauernkrieg des Jahres 1525. Dabei sah sich Lang aufgrund des Drucks der Rebellen gezwungen, über lange Wochen auf der Salzburger Militärfestung Zuflucht zu nehmen. Die Aufständischen umzingelten die Stadtmauern, in der Absicht, die Bewohner der Burg durch Aushungern in Bedrängnis zu bringen und so ihre Kapitulation zu erreichen. Die Legende erzählt, dass den Salzburgern in der Zwischenzeit ihre Vorräte ausgingen und ihnen zuletzt nur noch ein schöner, sehr kräftiger und wohl genährter brauner Stier blieb. Da fiel dem Militärkommandanten ein verzweifelter Trick ein, um die bewaffneten Aufständischen zu überlisten: diesen Stier an der langen und hohen Stadtmauer herum zu führen, um den Belagerern zu zeigen, dass die Salzburger noch zu essen hatten. In der Nacht malten die Bewohner den Stier weiß an, um ihn am nächsten Tag wieder der Mauer entlang zu führen. In der folgenden Nacht wuschen sie ihn wieder, bemalten ihn schwarz und führten ihn am dritten Tag noch einmal an den erstaunten Augen der Belagerer vorüber, welche sich demoralisiert zum Rückzug entschlossen. Der Jubel der Einwohner Salzburgs war riesig. Als sich die Aufständischen schließlich entfernt hatten, führten die Einwohner den Stier zum Fluss und wuschen ihn mit soviel Seife, dass der Schaum, wie die Legende erzählt, bis Oberndorf geschwemmt wurde, einem zwölf Kilometer von Salzburg gelegenen Ort. Seit jenen fernen Tagen kennt man die Einwohner Salzburgs als die Stierwascher und wer das Privileg hat, hier geboren zu werden, ist stolz darauf, einer von ihnen zu sein.
Unter den Stierwaschern aller Zeiten strahlt der Name des Johannes Chrysostomus Wolfgangus Gottlieb (auf Lateinisch: Amadeus) Mozart im weltweiten Konzert mit unvergleichlichem eigenen Licht. Sein Vater Leopold Mozart, Komponist und Musiker am Hof des Erzbistums Salzburg, kümmerte sich darum, seinen Kindern eine gründliche musikalische Erziehung angedeihen zu lassen. Mit drei Jahren spielte Wolfgang schon Cembalo, mit vier Geige, mit fünf komponierte er seine ersten Stücke, mit sechs unternahm er seine erste Tournee durch Deutschland, Frankreich, England, Holland und die Schweiz, gemeinsam mit seinem Vater, seiner Mutter und Maria Anna, seiner Schwester, und mit neun komponierte er seine erste Sinfonie. Der Ruhm der Familie Mozart wuchs in ganz Europa maßlos an und nach dieser ersten Reise von dreieinhalb Jahren kehrte sie am 30. November 1766 nach Salzburg zurück. 1767 übersiedelte die Familie Mozart nach Wien, wo sie bis 1769 blieb, um dann nach Salzburg zurück zu kommen, an den Ort, wo Wolfgang unbesoldeter Konzertmeister ad honorem der fürsterzbischöflichen Hofmusik wird. Als Konzertmeister bildet er, inmitten einer angespannten Atmosphäre mit dem Erzbistum, seinen Instrumentalstil heraus. Im selben Jahr unternimmt er mit seinem Vater die erste seiner drei großen Italienreisen, die für seine musikalische Ausbildung und sein künstlerisches Werk entscheidend werden sollten. Parallel zu seinen Aktivitäten als Konzertmusiker komponiert er Sinfonien, Divertimenti, Serenaden, Streichquartette und Klavierkonzerte. 1777 reist er mit seiner Mutter über Mannheim, wo er sich in die sechzehnjährige Aloysia Weber verliebt, nach Paris. Seine Mutter stirbt in Paris und Wolfgang kehrt nach Salzburg zurück, um seine ursprüngliche Arbeit als Konzertmeister und Organist wieder aufzunehmen. Die schlechte Beziehung zum Erzbischof verschärft sich und am 8. Juni 1781 wird Mozart aus seinem Amt entlassen. Nach einer kurzen Zeit in München, wo er seine Oper Idomeneo komponiert, übersiedelt er nach Wien, wo er Konstanze Weber, die Schwester Aloysias kennen lernt, die er im darauf folgenden Jahr heiratet. In Wien lebt Wolfgang als frei schaffender Musiker und hat mit seiner Oper Die Entführung aus dem Serail einen durchschlagenden Erfolg. Dort lernt er Joseph Haydn kennen, dem er sechs Streichquartette widmet. Während dieser Zeit komponiert er Sinfonien, Streichquartette und Kammermusikwerke. W.A.Mozart wird berühmt und erhält viele Aufträge, die ihm gutes Geld einbringen. Sein aufwändiger Lebensstil und die Schwankungen in der Gunst des Publikums jedoch lassen ihn bis ans Ende seiner Tage nicht aus seinen ständigen Geldnöten heraus kommen. 1786 wurde seine komische Oper Die Hochzeit des Figaro uraufgeführt, die nicht den erhofften Erfolg erzielte. Wider Erwarten wird sie in Prag ein voller Erfolg und Mozart komponiert Don Giovanni speziell für diese Stadt. 1787 stirbt sein Vater. Das Wiener Publikum entzieht ihm seine Gunst, was seine prekäre finanzielle Lage noch zuspitzt. Auf Auftrag des Kaisers komponiert er 1789 die Oper Così fan tutte. Seine letzte Oper war die Zauberflöte, die am 30. September 1791 mit mittelmäßigem Erfolg uraufgeführt wurde. Im Juli 1791 erhält er den Auftrag, ein Requiem zu komponieren, welches er nicht mehr beenden konnte. Am 5. Dezember 1791 stirb Wolfgang Amadeus Mozart fünfunddreißigjährig an einer chronischen Krankheit, die ein Ergebnis seines Wanderlebens und seiner unermüdlichen körperlichen und geistigen Aktivität war, erschöpft und voller Geldprobleme. Wegen seiner Armut wurde sein Leichnam in einem Massengrab beigesetzt, was der Grund ist, warum seine Gebeine nicht aufbewahrt sind.
Wolfgang Amadeus Mozart hinterließ der Menschheit ein unvergleichliches musikalisches Werk voll von Harmonie, Glanz, Tiefe, Kraft, Freude, Sensibilität, Kontraste, Verschmitztheit und Humor. Als Musiker war er so universell wie vielleicht kein anderer auf der Welt. Seine Werke zählen zu den großen Meisterwerken der europäischen Musik aller Zeiten. Wenn Bachs Musik uns zu einer Gott nahen Spiritualität erhebt, so geben uns die Werke Mozarts das Irdische, das Menschliche in all seinem Glanz, seiner Schönheit und Symmetrie zurück.
Salzburg und die kulturelle Welt unseres Planeten machen sich bereit, am 17. Jänner nächsten Jahres den 250. Jahrestag der Geburt Wolfgang Amadeus Mozarts zu feiern. Bei YAGE wollen wir uns dem Gedenken anschließen und ihm im Namen Lateinamerikas mittels eines Wettbewerbs der Erzählung, dessen zentrales Thema dieser geliebte Unversalmusiker sein soll, eine verdiente Hommage erweisen. In der Gewissheit, bei den fruchtbaren schöpferischen Fähigkeiten unserer SchriftstellerInnen auf Echo zu stoßen, eröffnen wir diesen Wettbewerb, der mit folgendem Reglement abgehalten wird:
TEILNAHMEBEDINGUNGEN:
- Unveröffentlichte Arbeiten in Prosa, maximale Länge 4 Seiten, Format Din A4, Schrifttyp: Times New Roman 12, einfacher Zeilenabstand. - Thema: Wolfgang Amadeus Mozart - Sprache: Spanisch, Portugiesisch - Genres: Erzählung - Einsendeschluss: 30. September 2005
Teilnahme: Eine Nachricht per e-Mail mit 2 Attachments im Word-Format: das erste mit "Pseudonym + Erzählung" und das andere mit "Pseudonym + Daten" (Name, Postanschrift, e-Mail Adresse, Telefon und/oder Fax, kurzer Lebenslauf) an: Yage.austria@euroyage.net oder euroyage@utanet.at oder duarteherrera@hotmail.com
PREISE:
- Es werden drei Preise zu je € 500.- vergeben. - Ehrenurkunde und 2-sprachige Veröffentlichung der besten Arbeiten. Die Ergebnisse werden im Heft Nr. 74 von XICöATL, sowohl gedruckt als auch digital auf unserer Homepage www.euroyage.com, bekanntgegeben (Jahrgang 15, Jänner/März/2006).
Übersetzung: Ulrike ZOMORRODIAN-SANTNER
Miguel Littin: Die Wege eines Rebellen - Guadi Calvo
Guadi Calvo wurde 1955 in Buenos Aires geboren, und ist Schriftsteller und Journalist. Zehn Jahre lang war er als Fotograf tätig, seit mehr als fünfzehn Jahren ist er es nicht mehr, um sich voll und ganz der Literatur zu widmen. Er verwirklicht und organisiert Literaturwerkstätten und Seminare. Zu seinen Veröffentlichungen zählen: El Guerrero y el Espejo (1990) und Señal de Ausencia (1993). Er ist auch als Filmkritiker in verschiedenen Medien Argentiniens und Lateinamerikas tätig.
MIGUEL LITTIN: DIE WEGE EINES REBELLEN
Kino zu machen ist so einfach wie zu sprechen. Es ist wie sich mit den Leuten zu unterhalten. Ich glaube, dass Kino etwas ganz Einfaches ist, so einfach, wie der Beginn einer Erzählung. Miguel Littin
José del Carmen Valenzuela Toro kam am 16. Juli 1960 zu den öden Feldern von Nahueltoro ("Der traurige Stier") in der Gegend von Chillán (Chile), nahe dem Fluss Maule, wo er sein zukünftiges Opfer, eine Landarbeiterin mit fünf kleinen Töchtern, genauso elend und hilflos wie er selbst, kennen lernte und mit ihr zusammenzog. In einem Streit über seine ständige Trinkerei erschlug José del Carmen die Frau mitten auf dem Feld mit einer Sense und machte anschließend dasselbe mit den Mädchen. Einige Tage später wurde er in einer Spelunke gefasst, wo er allein und betrunken einen mexikanischen Corrido tanzte. Die Presse stellte ihn als ein mitleidloses Wesen dar. Während er im Zuchthaus von Chillán lesen und schreiben lernte, wurde er sich seiner selbst und seiner Taten bewusst. Dort flocht er auch Weidenkörbe, um etwas Geld zu verdienen um im Gefängnis zu überleben. Langsam wurde er zu einem anderen Menschen. Mittlerweile endete der Prozess, der mehrere Jahre gedauert hatte, mit einer Verurteilung zum Tode. Trotz der Gnadengesuche an den Präsidenten Jorge Alessandri, einen strenggläubigen Katholiken, wurde die Strafe unerbittlich vollzogen und der Präsident erfuhr niemals, dass dieser Mann dank der ihm in der Strafanstalt zuteil gewordenen Erziehung ein anderer geworden war. Lesen und Schreiben nützten ihm neben einigen wenigen anderen Dingen dazu, die Verständigung, in der ihm seine Verurteilung mitgeteilt wurde, zu unterschreiben. Als der Journalist Patricio Manz ihn fragte: "Glaubst du, José, dass es nötig war, sie alle zu töten?", bekam er eine Gegenfrage zur Antwort, ebenso aufrichtig wie empörend: "Wie hätte ich sie denn alleine weiter leiden lassen sollen?" In derselben Reportage erzählte Valenzuela Toro, ohne sich rechtfertigen zu wollen: "mich hat seit meiner Geburt alles geschmerzt". José del Carmen Valenzuela Toro wurde am 30. April 1963 hingerichtet und wird nie erfahren, dass seine Geschichte, die das gute Gewissen der bigotten und konservativen Gesellschaft seines Vaterlandes erschüttert hatte, zum größten Erfolg der chilenischen Kinematographie und zu einem der wichtigsten lateinamerikanischen Filme werden würde. In der Hand von Miguel Littin werden Leben, Verurteilung und Tod des José del Carmen Valenzuela Toro zum "Schakal von Nahueltoro" (El Chacal de Nahueltoro, 1969), dem ersten abendfüllenden Spielfilm des großen chilenischen Regisseurs mit seiner einzigartigen, geschickten Erzählweise. Littin baut auch Episoden aus der Kindheit des Schakals ein und verwirklicht dadurch ein solides Porträt seines Protagonisten (meisterhaft dargestellt von Nelson Villagra). Der Blick des Regisseurs analysiert zum ersten Mal in der Geschichte des chilenischen Kinos kritisch die Realität der Justizverwaltung, der Macht der Großgrundbesitzer und der bitteren Armut der Landarbeiter. Er kritisiert ein Land, das zum großen Teil für individuelle Verbrechen verantwortlich ist. Das Drehbuch wurde ausgehend von einer Serie von Nachforschungen verfasst, für die Gerichtsakten, Zeugenaussagen und journalistisches Material als Grundlage dienten. Littins Ziel war es, eine Technik der großen Reportage zu erarbeiten, die es ermöglicht, den Menschen in seiner gesamten Tiefe darzustellen. In einem labilen Gleichgewicht schwankt der Film zwischen Dokumentation und Melodrama; ein Ziel, das er völlig souverän erreicht, näher am Nachforschungskino des Italieners Francesco Rosi als am Neorealismus, der in einigen lateinamerikanischen Cineasten immer noch nachdrücklich weiterlebte. Die dramatische Kameraführung erreicht in einigen Szenen, wie derjenigen der Ermordung der Mädchen, ein herausragendes Niveau. 215.000 Besucher sahen den Film, der seinen Regisseur zu einer der Schlüsselfiguren der chilenischen Kinematographie werden ließ. Unter Präsident Allende wurde Littin Direktor von Chile Films, ein Posten, den er bis zum Militärputsch am 11. September 1973 innehatte. In dieser kurzen Zeit konnte Littin weitere Filme verwirklichen. Der erste davon, Compañero Presidente (1973), ist ein Dokumentarfilm und zeigt ein langes Gespräch zwischen Allende und dem heute unbekannten Régis Debray. In dieser Arbeit fing Littin die menschliche Größe des Staatsmanns ein. Er beschrieb seine Erfahrung folgendermaßen: "Ich liebte Allende, wie man einen Vater liebt." "Es war die beste Zeit unseres Lebens. Ich erlebte sie voller Kraft, Freiheit und Freude. Natürlich gab es Schwierigkeiten, aber man hatte den Willen, sie zu lösen. Die Unidad Popular war ein durchdringender und fundamentaler Moment im Leben der Chilenen." Paradoxerweise war La tierra prometida (Das gelobte Land, 1973), der letzte Film, den er vor dem mexikanischen Exil in seiner Heimat drehte, ein "magischer Widerruf der Geschichte Chiles": Eine Kommune von Bauern entsteht und organisiert sozialistische Formen der Produktion und Verteilung. Dieser für die großen Produzenten und Machthabenden gefährliche Keim wird durch eiserne Repression erstickt. Im selben Jahr nahm der Film am Festival von Moskau teil. Littin meinte über Das gelobte Land: "Die Einheit des Films ist nicht logisch, sondern poetisch." Im ersten Dialog von Actas de Marusia (1976) fragt jemand: "Wer bist du?". Gregorio, der Gefragte, antwortet: "Ich weiß es nicht, aber ich bin auf der Suche nach mir selbst und ich weiß, dass, bei allem was ich bin, bei allen Möglichkeiten, ich mich finden werde, ich werde einen Weg finden und ich werde ihn gehen." Nachdem er das Abfallen von Teilen der Prüfungen gebeichtet hatte, war diese Antwort eine Bestätigung und gleichzeitig eine Erneuerung des Gelübdes des großen chilenischen Regisseurs. Actas de Marusia spielt im Norden Chiles im Jahr 1907. Im Bergarbeiterdorf Marusia wird ein englischer Ingenieur ermordet, der Patron, selbst Engländer, befiehlt einem Feldwebel, Nachforschungen anzustellen. Rufino Gómez Peralta, ein peruanischer Bergarbeiter, wird des Verbrechens beschuldigt und verurteilt. Von da an beginnt ein Kreislauf von Rache und Unterdrückung, der zu einem Streik führt, der den gesamten Norden des Landes bedroht. Um ihn zu verhindern, treffen Truppen der Zentralregierung ein, die, wie so oft in der blutigen Geschichte Lateinamerikas, Ausschreitungen begehen. Der Film basiert auf einer Erzählung des Schriftstellers Patricio Manz, der sich davon inspirieren ließ, dass er ein ausgedehntes Bild aller Revolutionen von Berg- und Salpeterwerksarbeitern samt der dazugehörigen brutalen Unterdrückung erarbeitete. Als allegorisches Ende á la Manz-Littin gürten sie sich auf die bisher brutalste Weise: das Blutbad der Schule von Santa María de Iquique. Actas de Marusia wurde ab dem 6. März 1975 in Chihuahua (Santa Eulalia und Santo Domingo) im Norden Mexikos gefilmt, wo Littin Schauplätze vorfand, die dem imaginären Dorf Marusia stark ähnelten. Die Trockenheit der Aufnahmen umrahmt genau die Ideologie des Films. Die Aufnahmen stammen von Jorge Stahal; Hauptdarsteller sind Gian Maria Volonté, Silvia Mariscal, Jorge Ernesto Gómez Cruz und Diana Bracho; die Musik wurde vom Griechen Mikis Theodroakis komponiert. Für Littin steht Marusia für Chile und für Lateinamerika; es ist eine Möglichkeit, um die Unterdrückung, die in Extremfällen bis zum Blutbad führt, anzuklagen, die Visitenkarte der Klasse, die auf diesem Kontinent die politische und wirtschaftliche Macht innehat. Möglicherweise markiert der Film die stilistische Reife und gleichzeitig Littins absolutes Sich-Bewusstwerden des lateinamerikanischen Problems. Ohne Zugeständnisse ist der Film für jede Art von Publikum von einer absoluten erzählerischen Strenge und konzeptuellen Klarheit. In Mexiko, wo er Luis Buñuel, Emilio "den Indio" Fernández und Arturo Ripstein kennen lernt, nimmt er einen zweiten Film auf: El recurso del método (1977) basiert auf dem mächtigen Roman des großen kubanischen Erzählers Alejo Carpentier. Dieser Film wird auch unter dem Titel ¡Viva el Presidente! (Es lebe der Präsident, 1977) ausgestrahlt. Der Text ist ein enthüllendes Fresko der ersten Jahrzehnte Lateinamerikas. Carpentier unterscheidet sich in El señor presidente von Miguel Angel Asturias, weil er nicht einen einzelnen Tyrannen ausruft, wie es beim Guatemalteken mit Manuel Estrada Cabrera der Fall ist, sondern eine furchtbare Kombination verschiedener Despoten zeigt. Er lässt sich dabei vom Venezolaner Juan Vicente Gómez, vom Kubaner Machado und vom unfehlbaren Mexikaner Porfirio Díaz inspirieren. Gemeinsam mit dem schwermütigen Régis Debray und Jaime Augusto Shiley bearbeitete Littin das Drehbuch. Nach unzähligen Schnitten wurde der Film 1978 mit einer Dauer von zweieinhalb Stunden in Cannes ausgestrahlt. Hauptdarsteller ist der im kubanischen Exil lebende chilenische Schauspieler Nelson Villagra (jener großartige Nahueltoro). El recurso del método zeigt einen Regisseur, der dabei ist, sich zum repräsentativsten Regisseur Lateinamerikas zu entwickeln. Seiner epischen Bilder sind um die tief greifensten Probleme der Realität und der Geschichte dieser von Umwälzungen und Gewalt geschüttelten Länder konstruiert. Littins Kino erreicht eine kaum jemals da gewesene Höhe. Auch in seinem nächsten Film überschreitet der chilenische Regisseur mit Leichtigkeit die durchlässige, ja manchmal gar nicht existente Grenze zwischen Literatur und Kino. La viuda de Montiel (Die Witwe von Montiel, 1979) basiert auf einer Erzählung von Gabriel García Márquez, einem grundlegenden Teil von Los Funerales de La Mamá Grande (Das Leichenbegängnis der Großen Mama). Dieser Film erreicht nicht alle Ziele; trotz seines Sinns für das Spektakuläre lässt ihn seine ästhetische Steifheit einen Schritt zu weit gehen. Ebenso wie zuvor Ruy Guerra mit seiner Erendida, Francesco Rosi mit Crónica de una muerte anunciada (Chronik eines angekündigten Todes) und viel später Arturo Ripstein höchstpersönlich mit El Coronel no tiene quien le escriba (Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt), gelingt es Littin nicht, den mächtigen Panzer zu durchbrechen, den der große Kolumbianer um seine narrativen Welten gelegt zu haben scheint. Aufgenommen wurde Die Witwe von Montiel in der Ortschaft Tlacotalpan (in Veracruz, Mexiko), die Littin als Ganzes neu streichen ließ, um die gewünschte Atmosphäre zu erzielen. Als Hauptdarstellerin hatte er niemand geringeren als Geraldine Chaplin und die Photographie stammt von Patricio Castilla, aber der Film erreicht nie die gebührende Magie und zieht belanglos vorüber. Sein vierter Film im Exil basierte auf einer Erzählung des Chilenen Pedro Prado: Alsino, ein Bauernkind, das, seit es versuchte, den Flug der Vögel nachzuahmen und sich vom Wipfel eines Baumes stürzte, verkrüppelt ist. Gemeinsam mit der chilenischen Autorin Isidora Aguirre und dem Mexikaner Tomás Pérez Torrent bearbeitete Littin das Drehbuch, indem sie die Welt der Hauptperson in einer treffenden Weise völlig veränderten. Aus dem Chile der 30er Jahre wurde die Geschichte in die Zeit der Sandinistischen Revolution transferiert, jedoch mit aller Vorsicht um die poetische Aura des Originals nicht zu zerstören. Alsino y el Cóndor (Alsino und der Kondor, 1983) wird in der Ortschaft Ticuantepec im Süden von Nicaragua mit nur sehr wenigen professionellen Schauspielern gefilmt. Mit einem noch höher gesteckten Ziel als er es beim "Schakal" gehabt hatte, gelangt es ihm, mehr Emotion in die Erzählung einfließen zu lassen. Zwischen Alsinos magischem Flug und dem des echten Kondors, einem Militärberater im Umfeld des Befreiungskrieges von 1979, bringt er eine symbolische Welt zum Ausdruck. Die Verwirklichung des Films nahm selbst epische Ausmaße an: viele der Darsteller, sandinistische Kämpfer, wurden von Einfällen der Contras im Schach gehalten und mussten mehr als ein Mal an die Front, um die Revolution zu verteidigen. Der Helikopter, mit dem sie arbeiteten, wurde für andere Zwecke benötigt und stürzte während dieser Operation mit 14 Personen an Bord ab. Auch aus technischer Sicht gab es große Schwierigkeiten: als sie die erste Kopie anfertigten, fand Littin heraus, dass in einem großen Teil des Materials auffällig unscharf war, weil der Fotograph Jorge Herrera, den Littin als einen seiner Lehrmeister ansah, von Beginn der Dreharbeiten an einer furchtbaren Krankheit gelitten hatte, die seinem Leben ein Ende setzen würde. Dieser Verfallsprozess spiegelte sich in den genannten Mängeln wider. Nach zwölf Jahren im Exil kehrt Littin vollkommen illegal nach Chile zurück und verspottet dadurch die Repressionsmenagerie, die die Diktatur mit so viel Aufwand eingeführt hatte. Er begann, die Acta general de Chile (Protokoll über Chile, 1984) zu drehen, einen Film mit einem anderem Ziel, ein umfassendes, ehrgeiziges Projekt, wie der Titel erkennen lässt. Der von der Televisión Española finanzierte Film besteht aus vier Kapiteln zu je einer Stunde. Zweifellos ist das letzte, Salvador Allende gewidmete, das interessanteste, es umfasst außerordentlich viel Archivmaterial und ist vielleicht die am besten konstruierte Lebensbeschreibung des Präsidenten. Ein spanischer Kritiker meinte über den letzten Abschnitt: "Es ist eines der schwungvollsten, mitreißendsten und am besten komponierten Werke in der Geschichte des Dokumentarfilms." Außerdem schilderte García Márquez´ Buch Aventura de Miguel Littin, clandestino en Chile (Das Abenteuer des Miguel Littin. Illegal in Chile. 1988) diese gefährliche Expedition. Der chilenische Regisseur verschmilzt das Land, wo er seinen letzten Spielfilm Alsino und der Condor gedreht hatte, Nicaragua, mit seiner Rückkehr zum epischen Kino und beginnt sein möglicherweise ehrgeizigstes Projekt Sandino (1989). Diese chilenisch-spanische Koproduktion zeigt einen Revolutionsführer mit all seinen Widersprüchen, Ängsten, Zweifeln, Gewissheiten und Überzeugungen. Littin entschließt sich dazu, die Geschichte des Augusto Calderón Sandino, Sohn einer von einem Großgrundbesitzer vergewaltigten Landarbeiterin, zu erzählen, und nicht diejenige des Augusto César Sandino - das ist der Name, den ihm die internationale Presse gegeben hatte. Detailgetreu erzählt er die Kampagne gegen den US-amerikanischen Einmarsch in Nicaragua bis zur Vertreibung der nordamerikanischen Marines, die Gründung des nationalen Heeres, das später Anastasio Somoza (der Vater) anführen würde. Die Handlung wird von einem Journalisten erzählt, der Sandino in seinem Hauptquartier in Chipote im Hochland von Nicaragua kennen lernt. Der Film, der sich genau an die historische Wahrheit hält, zeigt die Exekution durch die Schergen Somozas und das Verschwinden des Leichnams des amerikanischen Helden. Littin zeigt ein ausgezeichnetes Führen der Massen auf der Leinwand, er ist, vielleicht gemeinsam mit dem Bolivianer Jorge Sanjines, einer der ganz wenigen lateinamerikanischen Regisseure, die zu dieser Art von Plan in der Lage ist. Los Náufragos (1994) ist eine umgekehrte Allegorie, vielleicht seine am stärksten auf sich selbst bezogene Arbeit. Nach zwanzig Jahren der Abwesenheit kehrt ein Mann in seine Heimat zurück und nichts ist so, wie er es in Erinnerung gehabt hat. Er sucht die Bilder seiner Kindheit, in die sich diejenigen seiner jüngsten Vergangenheit einschieben. Alle Erinnerungen überkreuzen, Realität und Traum vermischen sich: "Nicht immer gefällt einem die Gesellschaft, in der man lebt, deshalb versucht man, sie zu verändern. Niemand lebt die Realitäten, die man träumt, die muss man zu konstruieren versuchen", erklärt Littin. Mit Valentina Vargas, Marcelo Romo, Bastian Bodenhofer, Victoria Abril und Aufnahmen des mythischen Hans Burman ist Los Náufragos zweifellos derjenige Film, der die definitive Rückkehr zur rein chilenischen Thematik markiert. Bereit, seinen Platz als großer chilenischer Cineast einzunehmen, reist Miguel Littin zum ersten Mal in jene fernen und ungastlichen Gegenden des Südens; vielleicht das letzte "Ende der Welt": Patagonien. Über Jahrhunderte Synonym für Ferne, Isolation, außerhalb der Zeit. Eine Region, über die die Schatten der Kriege zogen, wahnsinnige Gründer von Imperien, Entdecker, skrupellose Händler, die ihre großen versteckten Reichtümer rochen. Tierra del Fuego (1999) erzählt die Abenteuer der Pioniere, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts versuchten, die Geheimnisse Patagoniens zu ergründen, aber in einer bestimmten Weise spricht er auch von einem der erschreckensten Phänomene der letzten Jahrzehnte: Migration, die Migration der Armen. Littin dringt in das fruchtbare Gebiet ebenso vor wie in die bäuerlichen Personen, die der Chilote Francisco Coloane vor über fünfzig Jahren in seiner Sammlung von Erzählungen Tierra del Fuego (Feuerland) beschrieb, angesiedelt in jener Welt der Bewohner des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Dies war nicht Coloanes erster Ausflug ins Kino, er hatte bereits mit José Bohr, für den er das Drehbuch zu Si mis campos hablaran (1947) schrieb, und mit Sergio Bravo für den Dokumentarfilm La marcha del carbón zusammengearbeitet. Emilio "der Indio" Fernández drehte La Tierra del Fuego se apaga (1956) basierend auf einem Theaterstück von Coloane, das von einem Liebesdrama in Patagonien handelt. Schließlich nahm Jorge López El último grumete (1983) auf, basierend auf einem weiteren seiner Bücher. Im epischen Register dauert die Geschichte der Figur von Julius Popper fort, einem rumänischen Abenteurer, der, nachdem er eine Goldader entdeckt hatte, sein eigenes Heer formte und sich zum "Rey del Páramo", zum "König von Páramo", als der er in der gesamten Region bekannt wurde, erklärte. Coloane arbeitete in den dreißiger Jahren in dieser Gegend und nutzte die Gelegenheit, um jene Geschichten zu sammeln. Der Bericht enthält nicht nur bemerkenswerte geographische Aufzeichnungen, sondern durchdringt schonungslos die Personen, harte und gesetzlose Männer und Frauen. Das Projekt des Films wurde 1981 in New Delhi geboren. Dort trafen Coloane und die "Erscheinung" Miguel Littin aufeinander und fast selbstverständlich keimte die Idee. Die ersten Gespräche über den Aufbau eines Drehbuchs begannen; später stießen der Schriftsteller Luis Sepúlveda, der den größten Teil der Verantwortung übernahm, der Veteran Tonino Guerra, ein ständiger Mitarbeiter von Fellini, dazu Tarkovski und der große Theo Angelopulos. Die weibliche Hauptrolle in Tierra del Fuego, Armenia, spielt Ornella Muti. Der ehrgeizige Julius Popper wird von Jorge Perugorría dargestellt. Den Rest des Ensembles bilden Claudio Santamaría, Nancho Novo und die chilenischen Schauspieler Luis Alarcón, Nelson Villagra, Alvaro Rudolph und die Schauspielerin Catalina Guerra. Weiterhin plante Miguel Littin große Projekte. Nach einer langen Reise nach Palästina, das Land seiner Vorfahren, bereitete er die Aufnahmen zu La última luna vor: "Es ist die Geschichte der Palästinenser, die in ihrem Land geblieben sind und ihr Verhältnis zu jenen, die nach Chile ausgewandert sind. Es sind Geschichten, die ich gehört habe, seit ich ein Kind war, seit meiner frühen Kindheit und Jugend. Außerdem ist es das Produkt einer meiner Reisen nach Palästina, wo ich die Familie meines Großvaters, der 1914 nach Chile gekommen ist, getroffen habe, was mir erlaubte, die Geschichte zu rekonstruieren. Ich kannte bereits den Teil, der sich in Chile ereignet hatte, aber nicht den Teil aus Palästina." Der Plan wurde wegen der Gewalt, mit der man in der Zone - es wurde an Schauplätzen in Beit Sajur, Bet Yala, Bethlehem, Nazareth und Jerusalem gefilmt - leben muss, geändert, ein anderes Ziel wurde verfolgt. Miguel Littin verstand, dass er etwas mehr zeigen musste. Zehn Tage lang bereiste er das palästinensische Territorium und drehte ein digitales Video, Zeugnisse und Bilder, die er schließlich in Crónicas Palestinas: Los Caminos de la Ira einbaute. Einer der Hauptmitwirkenden ist der israelische Regisseur Amos Gitai, der mit seinem Film Zion das Festival von Venedig 1999 gewann und außerdem am Festival von Cannes Kedma (2002) vorstellte. Der israelische Cineast sprach sich im Dokumentarfilm für einen Dialog zwischen Palästinensern und Israelis aus. Littin bezog folgende Position: "Ich übernehme die Verantwortung für diesen Dokumentarfilm und deshalb trägt er auch meinen Namen. Ich bin kein Journalist sondern ein Cineast. Ich zeige die Wahrheit und die lautet, dass Palästina besetzt ist, nicht Israel." Der chilenische Cineast Miguel Littin teilt seine Leidenschaft fürs Kino mit der für die Literatur. Er hat zwei Romane veröffentlicht, und begann bereits als Kind zu schreiben. Ebenso wie seine Liebe zum Kino damit begann, dass er die Reste von Filmen, die in sein Dorf Palmilla kamen, sammelte, schrieb er dort auch schon seine ersten Erzählungen. Einer seiner beiden Romane ist El viajero de las cuatro estaciones (1990) mit notorischem und zugegebenem Einfluss von Juan Rulfo. Das kleine Dorf Palmilla verwandelt sich durch Zufall in einen mythischen Ort, wo wir in die Sage des alten Kristos Kukumides eintauchen, seines Großvaters, der seit seinem Tod das furchtbare Schicksal, dass ihn aus seiner Heimat Griechenland nach Chile brachte, aus einem ruhigen orthodoxen Mönchsorden in die Andentäler, von der türkischen Verfolgung in die amerikanische Stille. Seine Geschichte ist die der Gründer, der unsterblichen Ahnen von unzähligen Geschlechtern unbekannter Herkunft, von Damen, die zwischen Rosensträuchern lesen, von nächtlichen Wegelagerern, von verführerischen Zigeunerinnen, von gewaltigen Trinkgelagen, von ungewöhnlichen Orgien. Sein zweites Buch, El bandido de los ojos transparentes (2002), erzählt vom Banditen Abraham Díaz alias el Torito, in einer abgelegenen, ländlichen Gegend, bewohnt von Goldsuchern, Strolchen, Schurken, verträumten oder sehnsüchtigen Frauen und schwülstigen Indianern: normalen Menschen des täglichen Lebens. Zweifellos verweist der Roman auf etwas, das man fast ein chilenisches Genre nennen könnte: der Banditenroman; Manuel Rojas oder Carlos Droguett mit seinem großartigen Eloy sind Beispiele davon. Nun arbeitet er an einem neuen Roman, der voraussichtlich den Titel Los hombres tranquilos tragen wird, eine Geschichte über verlorene Liebe - oder gibt es etwa andere als verlorene Lieben? Littin, der griechische, palästinensische und lateinamerikanische Wurzeln hat, wurde 1942 geboren. Seine Schuljahre waren hart und streng, die Pfarrer rieten ihm, sich den rotos (den Armen) nicht zu nähern. Er begann, sich am Theater auszubilden, wo er Werke von Arthur Miller und Ionnesco inszenierte, wechselte zum Fernsehen, wo er als Regisseur und auch als Moderator eines der erfolgreichsten Programme der Epoche arbeitete. Seine erste Arbeit fürs Kino war Por tierra ajena, ein kurzer Dokumentarfilm. Er ist der einzige chilenische Regisseur, der zweimal (1977 und 1983) für den Oscar der Kategorie "Bester ausländischer Film" nominiert wurde und entgegen der Ratschläge seiner Priester beschäftigte er sich während seiner Studentenzeit nicht nur den chilenischen rotos, sondern allen Enterbten der Welt.
Übersetzung: Sonja HIRNBÖCK
Adresse: Montevideo 1980 7ºA, (1021) Buenos Aires - ARGENTINIEN E-Mail: guadicalvo@ciudad.com.ar
Lied der Nutten - David Classen Robinson Orobio
David Classen Robinson Orobio wurde am 9. November 1960 in Panama-Stadt, Panama, geboren. Er ist Schriftsteller, Biologe und Mittelschullehrer. Im Jahre 1990 beendete er seine universitäre Ausbildung in Panamá-Stadt als Magister der Biologie mit Spezialisierung in Botanik, und im Jahre 2001 erwarb er ein Diplom in Literatur an der "Universidad Tecnológica de Panamá. David erhielt mehrere Literaturpreise und ehrenvolle Nennungen auf nationalem Gebiet, unter den erwähnenswerten gehören: 1. Platz für eine Erzählung im Mal- und Literaturwettbewerb des IPEL (Arbeitsministerium, 1993); 1. Platz beim Nacho Valdés-Preis des Mal- und Literaturwettbewerbes des IPEL, 1996; 1. Platz für eine Erzählung im Nationalen Wettbewerb für Jugend- und Kinderliteratur (EUPAN-CA, 1998); Preis für die beste Kurzerzählung im Nationalen Wettbewerb für Erzählungen "César A. Candanedo", 1998.
Lied der Nutten
Wenngleich an der Tür, durch die er gerade gekommen ist, ein Schild hängt, auf dem zu lesen steht: "Eintritt für Minderjährige verboten", schenkt Fede dem nicht die geringste Beachtung und dringt so in die Welt des Zwielichtes und des Geruchs nach Desinfektionsmitteln ein. Er weiß schon, was er dem Polizisten sagen wird: "Mann, was wollen Sie? Daß ich stehle?", während er weiter ausruft: "Ceviche (Garnelenspeise), sehr scharfer Cheviche!". Heute Nacht wird genug zu tun sein; es ist Samstag, Mitte des Monats, und es gibt ein Schiff, das im Hafen angelegt hat. Daher ist das Lokal sowohl mit Landsleuten als auch mit "nach Garnelen riechenden Matrosen" gefüllt, die darauf erpicht sind, sich in die Schönen der Nacht zu entladen.
Nutten der Nacht leuchtender Farben und schläfriger Augen. Vögel der Lust sonnenlosen Fleisches und automatischen Lächelns. Vögel ohne bestimmten Weg immer bereitwillig für denjenigen der ihren Preis bezahlt.
In der Menschenmenge unterscheidet man drei Arten von Kunden: die Hiesigen, zum Großteil Jugendliche, im Schatten stehend, in Erwartung derjenigen, die sie am meisten erregt, während sie einander erzählen, wie sie es das letzte Mal gemacht haben; sie kommen der Frauen wegen und haben kein Geld für Branntwein. Unter den Garnelenhäutigen sitzen einige an den vielen Tischen, die sie selbst unter ihrem Kauderwelsch zusammenstellten, eine merkwürdige Sprache sprechend, wer weiß wie viele Gemeinheiten in dieser Gaunersprache schreiend und brüllend, die niemand versteht: das müssen die Seeleute des Schiffes sein und wer weiß woher sie sind, aber sie haben Geld und man muß ihnen helfen, es auszugeben. Der Rest der nach "Garnelen riechenden Matrosen" sind "Armys" und auch sie verstehen die Schiffsleute nicht. Diese Gringos sind Stammkunden; sie sind die Einzigen, die zum Tanzen kommen und wenn sie schon müde sind, vögeln sie und wiederholen die Routine, bis das Geld zum Vorschein kommt oder ihnen ausgeht, oder sie schon nicht mehr können. Auch sind sie die Einzigen, die wegen der Hürchen miteinander streiten. Natürlich gibt es einige alte Einzelgänger, die an Tischchen einander "kalt" gegenübersitzen, mit fürchterlichen Frauen an ihrer Seite, die im Stillen hoffen, daß sich deren Geist erhitze. Dort streift auch jener Typ umher, der sich den "Dämchen" erklärt, sie dann bezahlt und mit ihnen hinaufgeht, um sich am nächsten Tag den Mund mit der Geschichte der "Verleumdung" zu füllen. Einige von den Damen verstehen ihn und folgen dem Lauf, andere haben ihn schon zum Teufel geschickt, und bedrohen ihn.
Und sie, sie sind die Schlimmsten. Zusammenhanglose Männer welche die Jungfrau lieben aber die Hure suchen. Wollüstige Männer und noch dazu faule die es vorziehen zu bezahlen um nicht mit Liebe zu überzeugen.
Unter den Mädchen hört man die unterschiedlichsten Akzente: es gibt welche aus der Karibik, Mittel- und Südamerika; klar, es ist eventuell möglich, der einen oder anderen einheimischen, Spanisch sprechenden, zivilisierten Indianerin zu begegnen, die kleingesäßig und vollbusig, unter der Kundschaft hin- und hersegelt, wobei sie zu fischen versucht, wenn ihr ein Hai unterkommt. Auch unter ihnen ist es möglich, verschiedene Gruppen zu unterscheiden; es gibt welche, denen es genügt, unter der Meute zu flanieren und mit einem Blick diejenigen auszuwählen, mit denen sie ins Bett gehen, und welche, die von Ohr zu Ohr sich bewegen und immerzu wiederholen: "Gehen wir hinauf, Papi, und ich mach´ aus deinem eine Saugflasche." Im allgemeinen ist es so, daß jüngere und "attraktivere" schneller zu Kunden kommen. Sie ziehen Bikinis an, einerseits um sich besser hervorzutun und andererseits, weil sie zum Beischlafen nur das Mittelfleisch zwischen den Oberschenkeln einsetzen, die Brust müssen sie nicht entblößen und somit vermeiden sie, daß man ihnen die Brüste betatscht und betastet. Auf diese Art und Weise retten sie ihre Ehrbarkeit, ohne daß es von Wichtigkeit wäre, wie viele in sie eindringen. Andere wiederum ziehen sich festlich an und wenn sie, mit vielen Klamotten angetan, hinaufgehen, vergeht die Zeit mit Sich-Ausziehen und nicht mit Vögeln. Die Altgedienteren ziehen ganzteilige Badeanzüge an und entkleiden sich ganz vor dem Kunden, ohne von irgendeinem armen Schlucker sich betatschen und noch weniger betasten zu lassen. Oh, das wohl, Küsse von Geliebten sind tabu, vorzugsweise ein Penis für einen Mund; das bedeutet Sieg, wenn sie sich einer Gefahr aussetzen, jene, die es verstanden haben, ihre Scheiden mit etwas mehr als Sperma zu füllen. Die Schenkwirte und die Wirte, immer schweigsam und niedergeschlagen, machen sich ihr Bild von den Personen aus der Welt des Zwielichtes und mit Geruch nach Desinfektionsmitteln, gemeinsam mit der Type, die vor den Zimmern Zeit verbringt und immer bereit ist, jedem Dreisten die Fresse zu polieren, der bei den Mädchen die Grenzen überschreitet. Fede, vergnügt mit den Hürchen, ruft sporadisch sein Produkt aus, während die Dämchen sich den Lebensunterhalt verdienen, indem sie das eine und andere Mal dasselbe Ritual wiederholen: sie sprechen den Stammgast an, tauschen wenige Worte aus, er gibt ihr das Geld und sie zahlt es in die Kasse ein, sie gehen in Richtung Zimmer und kommen bei der herumstehenden Type vorbei. Nach einer Weile kommen sie zurück, trennen sich, als ob nichts geschehen wäre. Das Wahrscheinlichere ist, was wirklich geschehen ist: nichts.
In dieser Welt immer dasselbe; keine Sonne, aber Fleisch, wo man nichts besitzt und man alles verliert wo das Einzige was besteht die Nacht ist.
Diese Nacht ist nicht eine des Vergnügens, sondern der Geschäfte, daher "Lebwohl Hürchen und verkauf´ die Garnelenspeise." Der Verkauf verlief so halbwegs; wie immer war es so, daß die "Armys" jene sind, die sie am meisten kauften; die Matrosen und ihr Kauderwelsch "namás" war bumsen, und die sauberen, im Schatten Stehenden, man regte sich nicht auf, wenn man sie betrachtete. So verliefen die Dinge, bis er an einer der Ecken einen Radau vernahm: einer von den Damen verfolgter Typ wird von einem Bordellbesitzer angehalten und man verabreicht ihm eine derartige "Tracht Prügel", daß sogar Fede die Gelegenheit wahrnimmt, um ihm ein paar zu versetzen. Sie würden ihn noch immer bearbeiten, wenn nicht der "Backfisch" vorbeigekommen wäre. Das Gesetz gab ihm natürlich ein paar Schläge. In dem Kauderwelsch konnte Fede erfahren, daß Herr X beschloß, nicht zu bezahlen und im Dunkeln wegzugehen und sich selbst zu bedienen. Er wurde von der Nutte entdeckt, und den Rest kennen wir bereits. Auf die Frage, weshalb er diese Niederträchtigkeit begangen hatte, antwortete der komische Kauz: "Es ist so, daß die Betten sehr hart sind." Als er dies hört, geht Fede lachend los und ruft aus "Ceviche, ceviche, ziemlich scharf ..."
Übersetzung: Renato VECELLIO
E-Mail: davidclass72@yahoo.com
Gedichte - Clara Rebotaro
Clara Rebotaro wurde in Acebal, in der Provinz Santa Fe, Argentinien, im Jahre1933 geboren. 1954 übersiedelte sie nach Rosario, wo sie derzeit wohnt. Sie spondiert in Politikwissenschaften und Diplomatik an der "Universidad Nacional de Rosario". Sie besuchte auch die Schule für Literatur der S.A.D.E. und war Schülerin des Dichters Hugo Gola in der von der Gemeinde veranstalteten Lyrikwerkstatt. Von 1990 bis 1995 besuchte sie die "Escuela de Letras de la Facultad de Humanidades y Artes de la Universidad Nacional de Rosario". Clara hat folgende Bände veröffentlicht: En Sazón (1989), Sin Voz (1990), Altas Mares (1992), Poemas con Insectos (1994), Hematopoemas (1996), El Color Exigido (1999) und Mineral Desterrado (2001). Derzeit arbeitet sie an einem Band mit dem Titel "Sala de Música".
OISEAUX EXOTIQUES
Müßig gingen wir hin und her durch die Zimmer mit der Schamlosigkeit der Frucht oder der Blume ohne Kleidung
Auf einmal eilten die Vögel der großen Zypresse herbei aus der Musik von Messiaen hörte man nachgeahmt die Würde ihres Gesanges
Bewegt teilten wir den subtilen Genuß der einfachen tierischen Existenz
Als die Musik verklang kehrten die Vögel zur großen Zypresse zurück und wir kleideten uns an um müßig hin- und herzugehen durch die Zimmer.
(Aus dem unveröffentlichten Band SALA DE MÚSICA).
HARMONIEN
Die Kammermusik ersetzte diese Nacht die weltlichen Erzählungen Halbwegs gezähmt, bat dich meine Widerspenstigkeit um den vervielfachenden Klang der Worte Ungestümer Stimmungsmacher! Alter trügerischer Erzengel du gabst mir gezuckerten Sirup um mich zu beruhigen und in deinem Schoß, folgte ich dem letzten Tempo eines Haydn-Quartettes.
SAUNISTEN
Gefangene in einem Würfel aus Holz unsere entblößten Körper befreien sich beim Ausschwitzen nutzloser Substanzen. Poröse Steine brachten zum Weißglühen und da die Haut hochrot war jammerten sie nach ein wenig feuchter Luft. Du liebkostest mich ungestüm mit zarten Birkenzweigen und das eisige Wasser vollendete die Reinigung.
Wir sprachen nicht weil das Erotische dem Wesen nach schweigsam ist.
(Aus dem Buch EL COLOR EXIGIDO, 1998).
NÄCHTLICHER GARTEN
Dort werde ich sein zur Stunde der Harmonie wenn die Liebe und die Fruchtbarkeit der Statue sicher sind wenn der einzige und der letzte Schrei des Frosches seine Verzückung bedeutet und durch meine vervielfachten Poren dringt der milchige Saft des Jasmins um meinen inbrünstigen Holzsaft zufriedenzustellen. Der Mond, der das Fleisch des Fisches verdirbt, wird mit unserem gnädig sein vor dem Wunderwerk des an einem späten Tagesanbruch veredelten Lebens. Und der Uhu des hohen Turmes wird unveränderlich bleiben weil du und ich...nicht existieren.
(Aus dem Buch EN SAZÓN, 1989).
Adresse: Cerrito 2915, (2000) Rosario - ARGENTINIEN E-Mail: clararebotaro@arnet.com.ar