XICÖATL 71

 

XICöATL

XICöATL: Ausgabe 71

XICöATL Nr. 71, April/Juni 2005
XICöATL 71

INHALT:

  • Essay: Die 400 Jahre des Don Quichotte aus der Mancha. Walkala
  • Lyrik: Gedichte. Rolando Revagliatti
  • Erzählkunst: Frühaufsteher. Georg Bydlinski

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Essay

Walkala

Die 400 Jahre des Don Quichotte aus der Mancha -Walkala

"Die drei großen Narren der Menschheit waren Jesus, Don Quichotte und ich…"
Simón Bolívar

Bei XICöATL dürfen wir dieses Jahr 2005 nicht verstreichen lassen, ohne das größte literarische Werk der hispanischen Literatur aller Zeiten und den Ausgangspunkt des modernen Romans zu erwähnen: Der scharfsinnige Ritter Don Quichotte aus der Mancha, verfasst von Don Miguel de Cervantes Saavedra, welcher am 16. Jänner dieses Jahres offiziell genau 400 Jahre lang ein ums andere Mal um die Welt reist, in den verschiedensten Sprachen und Ausgaben.

DON MIGUEL DE CERVANTES SAAVEDRA

Miguel de Cervantes Saavedra wurde, wahrscheinlich am 29. September 1547, am Tag des heiligen Michael, in Alcalá de Henares geboren, und am 9. Oktober desselben Jahres getauft. Sein Großvater, Juan de Cervantes, war Rechtsanwalt und Mitglied der Inquisition, und seine Frau, Leonor de Torreblanca, entstammte einer cordobesischen Ärztefamilie. Rodrigo, Miguels Vater, übte den bescheidenen Beruf eines umherfahrenden Chirurgen aus und heiratete 1542 Leonor de Cortinas, die aus einer altkastilischen Bauernfamilie stammte. Miguel war das dritte von fünf Kindern. Er hatte zwei ältere Schwestern, Andrea und Luisa, einen jüngeren Bruder, Rodrigo, der Miguels Gefangenschaft in Algerien teilen sollte, und eine jüngere Schwester, Magdalena.

Aus den ersten zwanzig Jahren seines Lebens und seiner akademischen Ausbildung weiß man nichts. Seine auf Grund des väterlichen Berufs nomadische Familie, nahm 1550 in Valladolid ihren Wohnsitz, 1555 in Córdoba, 1560 in Sevilla, und 1566 kehrte sie nach Madrid zurück, als Philipp II seinen Hof dorthin verlegte. Drei Jahre später, 1569, begann Cervantes seine Karriere als Schriftsteller mit vier poetischen Kompositionen, die sein Lehrer, der Humanist Juan de López de Hoyos, Rektor des Estudio de la Villa, in die Relación Oficial aufnahm, die aus Anlass des Todes der Königin Isabel von Valois heraus gegeben wurde.

Verschiedene Fakten zeigen, dass Miguel de Cervantes streitsüchtig, überheblich, prahlerisch und ein Dieb war, und immer Pech dabei hatte. Im selben Jahr, in dem er seine ersten bekannten Gedichte schrieb, duellierte er sich mit Antonio de Sigura, einem Baumeister, den er verletzte. Cervantes, zu jener Zeit Student, floh vor der Justiz nach Sevilla und wurde in Abwesenheit zu öffentlichen Abhacken der rechten Hand und einer Verbannung für zehn Jahre aus dem Königreich verurteilt. Tatsächlich ging er nach Rom, wo er auf Empfehlung von Verwandten im Dienst des Kardinals Acquaviva arbeitete. Dort beschloss er dann, sich als Soldat zum Militärdienst in der Kompanie Diego de Urbinas zu melden, in der bereits sein Bruder Rodrigo kämpfte. Das war genau zu dem Zeitpunkt, als die Heilige Liga unter dem Oberbefehl von Juan de Austria der türkischen Bedrohung entgegentrat, die durch die Eroberung Zyperns erstarkt war. Cervantes wurde auf die Galeere "Marquesa" eingeschifft und wurde bei der Schlacht von Lepanto von zwei Schüssen aus einer Arkebuse an der Brust verletzt, und der dritte führte dazu, dass er die linke Hand nicht mehr benutzen konnte; daher kommt sein Spitzname "Der Einarmige von Lepanto".

Als Cervantes sich in Messina, Sizilien, von seinen Verwundungen erholt hatte, nahm er an militärischen Aktionen mit unterschiedlichem Ausgang teil, die Juan de Austria anführte: 1572 in Navarin oder Pilos in Griechenland und 1573 in Tunesien, in Afrika. Er und sein Bruder Rodrigo beschlossen daraufhin, mit Empfehlungsschreiben Don Juans und des Herzogs von Sessa nach Spanien zurückzukehren, um den Lohn für ihre Dienste entgegen zu nehmen. 1574, während eines Aufenthalts in Neapel, Italien, schwängerte Miguel de Cervantes ein Mädchen namens Silena. Sie tauften ihr Kind Promontorio. Sie schifften sich auf der Galeere "El Sol" ein und fielen am 26. September 1575, unweit der katalanischen Küste, in der Nähe von Cadaqués, dem türkischen Korsaren Arnaut Mamí in die Hände. Sie wurden gefangen genommen und als Sklaven nach Algerien gebracht.

Die fünfjährige Gefangenschaft hinterließ tiefe Spuren in Cervantes' Werk. Seine Familie unternahm große Anstrengungen, um seine Freilassung zu erreichen, was ihr am 19. September 1580 gegen einen Preis von 500 Dukaten gelang, die von den Brüdern der Dreifaltigkeit durch den Geistlichen Juan Gil bezahlt wurden. Cervantes kehrte nach Madrid zurück, und obwohl er einen Bericht über seine Dienste vorlegte, erhielt er keine Abgeltung. Er reiste nach Tomar, Portugal, kontaktierte hohe Würdenträger und konnte mit Mühe erreichen, dass man ihn von Mai bis Juni 1581 mit eine kleinen Mission nach Oran, Algerien, betraute. 1582 beantragte er Arbeit in Lateinamerika, die ihm aber verweigert wurde. So kehrte er nach Madrid zurück, wo er ein Verhältnis mit Ana de Villafranca oder Ana Franca de Rojas hatte, Frau eines Wirtes, mit der er die Tochter Isabel bekommen sollte, die 1584 geboren wurde. Im Dezember desselben Jahres heiratete er Catalina de Salazar y Palacios, Tochter eines eben erst verstorbenen Ritters aus Esquivias, eines Wein- und Olivenanbaugebietes, wo er blieb, ohne jedoch den Kontakt zu den literarischen Kreisen bei Hof zu verlieren. Mit Catalina hatte er keine Kinder. Im Juni 1587 ließ Cervantes sich in Sevilla nieder, wo er eine Anstellung als Kommissär bekam, damit beauftragt, die Flotte der von Philipp II angeordneten Schiffsexpedition gegen England mit Weizen und Öl zu versorgen. Er reiste durch Andalusien, um Beschlagnahmen durchzuführen, die von den reichen Bauern und den mit Pfründen versehenen Kanonikern sehr übel aufgenommen wurden, nach der Katastrophe der Unbesiegbaren Armada im Jahr 1588 umso zögerlicher. Wegen dieser Arbeit wurde er exkommuniziert.

Er versuchte neuerlich, Arbeit in der Neuen Welt zu bekommen und legte am 21. Mai 1590 sein Dienstblatt, begleitet von einer Petition, vor, um ins Neue Königreich Granada (heute Kolumbien) entsandt zu werden, oder als Gouverneur von Soconusco (heute Mexiko Stadt), als Galeerenbuchhalter nach Cartagena (Kolumbien) oder als Verwalter von La Paz (Bolivien). Die Anträge wurden abgelehnt. 1592 kam Cervantes wieder ins Gefängnis, angeklagt wegen illegalen Verkaufs von 300 Fanegas Weizen. Seine Gegner beschuldigten ihn des Missbrauchs seiner Gehilfen. 1594 kam er wieder in Freiheit, als dem komplizierten System der sieben Jahre zuvor eingeführten Kommissionen ein Ende gesetzt wurde. Im August dieses Jahres wurde Miguel Cervantes de Saavedra, der vier Jahre zuvor seinen zweiten Familiennamen, Cortinas, geändert hatte, eine neue Kommission angeboten, aufgrund derer er das Königreich Granada bereiste, um zweieinhalb Millionen Maravedíes an offenen Rechnungen einzutreiben. Aber der Bankrott des Kaufmanns Simón Freires, in dessen Bank Cervantes das eingetriebene Geld aufbewahrt hatte, zwang den Richter, Miguel abermals ins königliche Gefängnis von Sevilla zu werfen.

Im Jahr 1600 starb sein Bruder Rodrigo. Cervantes lebte in Toledo und 1603 in Valladolid, der Stadt, die Philipp III zum neuen Regierungssitz machte. Dort lernte er den Verleger Francisco de Robles kennen, und in den letzten Dezembertagen des Jahres 1604 kam ein Buch mit 664 Seiten auf 83 Bögen aus der Madrider Druckerpresse des Juan de la Cuesta, auf dessen Umschlag Der scharfsinnige Ritter Don Quichotte aus der Mancha angekündigt stand. Im März 1605 wurden in Lissabon zwei Raubausgaben veröffentlicht und eine zweite Madrider Auflage ging in Druck, während gleichzeitig die ersten Exemplare nach Übersee verschickt wurden.

1606 ließ sich Cervantes neuerlich in Madrid nieder. Während seiner letzten zehn Lebensjahre reiste er nur in seine Heimatstadt Alcalá de Henares und nach Esquivias. Er hatte wegen Geldangelegenheiten und Besitzstreitigkeiten um ein Haus Meinungsverschiedenheiten mit seiner Tochter Isabel und seinen beiden aufeinander folgenden Schwiegersöhnen. Zwischen 1609 und 1610 sah er sich einer Reihe von Todesfällen gegenüber: demjenigen seiner Schwester Andrea, seiner Enkelin Isabel Sanz, sechs Monate später dem seiner älteren Schwester Magdalena. Vielleicht sind diese Vorfälle in Verbindung mit einer immer größeren Annäherung des Schriftstellers an ein spirituelles Leben zu verstehen, denn im April 1609 trat er der Kongregation der Sklaven des Allerheiligsten Sakraments bei. Im Juli 1613 wurde er, gleich wie seine Frau und seine Schwestern, als Novize in den Dritten Orden der Franziskaner aufgenommen.

Inzwischen erschien die Fortsetzung der Abenteuer Don Quichottes und Sancho Panzas, ein zweiter Teil, der vom Autor bereits am Ende des ersten mit dem Versprechen angekündigt worden war, der letzte Ausritt des scharfsinnigen Ritters würde mit dessen Tod enden. Aber vorher erschien in Tarragona ein zweiter Band der Abenteuer des scharfsinnigen Ritters Don Quixote de la Mancha, der von Alonso Fernández de Avellaneda, einem Gelehrten aus Tordesillas, verfasst wurde, ein falscher Quichotte. Das Vorwort, das Lope de Vega zugeschrieben wurde, verletzte Cervantes zutiefst, indem es ihn aufforderte, seine Überheblichkeit aufzugeben und mehr Bescheidenheit an den Tag zu legen, um sich außerdem noch über sein Alter lustig zu machen und ihn vor allem zu beschuldigen, "mehr Zunge als Hände" zu besitzen - was eine grobschlächtige Anspielung auf seinen fehlenden linken Arm war - und es endete mit den Worten: "Er möge sich mit seiner Galatea und seinen Prosakomödien begnügen, denn das sind die meisten seiner Romane: er möge uns nicht ermüden". Cervantes bewahrte bei der Antwort Würde. Im zweiten Teil ließ er Don Quichotte das Buch von Fernández de Avellaneda durchblättern und führte Don Álvaro Tarfe in die Handlung ein, eine vom Plagiator erfundene Figur, dem er die Gelegenheit bot, den wahren Don Quichotte kennen zu lernen und zu verstehen, dass der Held des Fernández de Avellaneda sich als dieser ausgab. In den letzten Novembertagen des Jahres 1615 erschien der echte zweite Teil des scharfsinnigen Ritters Don Quichotte aus der Mancha.

Am 2. April 1616, kurz vor seinem Tod, legte Cervantes die ewigen Gelübde ab. In der Zwischenzeit erschienen weitere Ausgaben des Don Quichotte 1607 in Brüssel, 1608 in Madrid, 1612 in London und 1615 in Paris. Während seiner letzten Lebensmonate widmete Cervantes die wenigen ihm verbliebenen Kräfte der Vollendung eines anderen vor langer Zeit begonnenen Unterfangens "Die Arbeiten von Persiles und Sigismunda". Er beendete es vier Tage vor seinem Tod, am 18. April 1616, dem Tag, an dem er die Sterbesakramente erhielt. Am 20. April diktierte er das Vorwort zu "Persiles" im einem Zug und schloss mit den an die LeserInnen gerichteten Worten: "Mein Leben geht zur Neige und im Gleichklang mit dem meiner Adern, die ihren Lauf spätestens diesen Sonntag beenden werden, werde auch ich den Lauf meines Lebens beenden. Auf Wiedersehen Gnade, auf Wiedersehen Anmut, auf Wiedersehen fröhliche Freunde, ich sterbe mit dem Wunsch, euch bald zufrieden im nächsten Leben wieder zu sehen". Dieses Buch wurde 1617 veröffentlicht.

Am Freitag, 22. April 1616 starb Miguel de Cervantes, niedergedrückt von der Zuckerkrankheit, einer zu jener Zeit unheilbaren Krankheit, und nicht an der diagnostizierten Wassersucht. Tags darauf wurde im Einklang mit dem Brauch jener Zeit, nur den Tag der Beerdigung anzugeben, in den Registern seiner Pfarre Sankt Sebastian festgehalten, er sei am Samstag den 23. April gestorben; genau im selben Moment starb jenseits des Ärmelkanals, in England, der Dramatiker William Shakespeare. Cervantes wurde nach den Regeln des Dritten Ordens im Kloster der Dreifaltigkeit beigesetzt, mit unbedecktem Gesicht und bekleidet mit der Kutte des Franziskanerordens. Seine Überreste gingen Ende des 17. Jahrhunderts während des Umbaus des Klosters verloren.

1617 wurden beide Teile seines unsterblichen Werkes zusammen in Barcelona veröffentlicht. Seither wurde der Don Quichotte zu einem der meist veröffentlichten und mit der Zeit in alle Sprachen mit literarischer Tradition übersetzten Bücher der Welt.

Übersetzung: Ulrike Zomorrodian-Santner

Das Buch

Miguel de Cervantes berichtet, das Werk sei "in einem Gefängnis entstanden", wahrscheinlich in jenem von Sevilla, wo der Autor drei Monate des Jahres 1597 verbrachte. Einige Gelehrte meinen hingegen, dass Cervantes schon 1591 oder noch früher mit der Arbeit an seinem Werk begonnen haben könnte. Jedenfalls präsentierte Cervantes 1604 dem Consejo de Castilla, der Zensurbehörde, das Manuskript des Romans, um die notwendige Druckerlaubnis zu erbitten. Im September 1604 erhielt er das königliche Privileg, das einer Prublikationserlaubnis gleichkam, nachdem die Zensoren das Manuskript gelesen hatten. Es dauerte nur etwas mehr als 2 Monate, bis das Werk durchgesehen und gedruckt wurde. Am 20. Dezember desselben Jahres wurde es mit einem Verkaufspreis von 290,5 Maravedís veranschlagt. Das Papier verschlang fast die Hälfte des Budgets (der Autor sollte 1/5 davon erhalten). Etwa ¼ der Gesamtsumme sollte dafür verwendet werden, zum Preis von 7,5 Reales pro Ries die Gestaltung und den Druck des Buches zu bezahlen. Mit dieser Arbeit wurde die Druckerei von Pedro Madrigal beauftragt, die seiner Witwe gehörte und von seinem Schwiegersohn Juan de la Cuesta geführt wurde. In Valladolid konnte der Quichotte bereits Weihnachten 1604 gelesen werden, während es den Madrilenen erst im Januar 1605 möglich war. Don Quichotte kam im Geschäft von Francisco Robles, dem Buchhändler des Königs, 1605 in den Verkauf. Das Werk hatte sofort Erfolg. Im selben Jahr gelangten einige Exemplare nach Amerika, ein Traum, den sich der Autor selbst nicht erfüllen konnte. Gleichzeitig erhielt Cervantes die ersten Kritiken: dass er zwischen die Abenteuer des Quichotte mehrere Erzählungen geschoben hatte, die mit der Haupthandlung nichts zu tun hatten; verschiedene Fehler, wie z. B. die unterschiedlichen Namen von Sancho Panzas Frau - die einmal Teresa Panza, dann aber Juana und Mary Gutiérrez heißt - oder das grundlose Auftauchen und Verschwinden des Esels. Dieser letzte Fehler war Anlass für eine Ergänzung in der 2. Auflage des Werkes, die Cervantes selbst vor 400 Jahren betreute; diese Ergänzung nimmt er aber Jahre später wieder zurück, als er den 2. Teil seines meisterhaften Romans veröffentlicht.

Der Erfolg war enorm. Die erste Auflage erfolgte auf Spanisch, der Sprache des Reiches, das Italien, Flandern, Brüssel, Lissabon und Amerika beherrschte. Am 26. Februar 1605 erhielt Jorge Rodríguez "lisença do Santo Officio" - die Erlaubnis der Inquisition - den Roman in Lissabon zu veröffentlichen. Robles brachte im März eine 2. Auflage in Höhe von 1.800 Stück auf den Markt. 1607 erscheint die besonders sorgfältige Brüsseler Ausgabe und 1608 wird die 3. Auflage veröffentlicht. 1612 wurden Übersetzungen ins Englische, 1614 ins Französische gemacht - für eine wohlhabende Gesellschaftsschicht. Der Erfolg des Buches war so groß, dass 1614 ein apokrypher 2. Teil erschien, gezeichnet von Alonso Fernández de Avellaneda. Angespornt von diesem falschen Quichotte, beendet Cervantes den 2. Teil des scharfsinnigen Ritters Don Quichotte aus der Mancha in den letzten Monaten des Jahrs 1614 und "sollte sie bis zum Herbst 1615 nicht vollständig in Form gebracht sehen". Aber während Cervantes 1605 noch hunderte von Fehlern überprüfte und korrigierte, blieben ihm 1615 nur noch wenige Lebensmonate, was auch das "bedauerliche Durcheinander" dieser Auflage erklärt.

Während dieser Zeit waren Ritterromane modern, die so klangvolle Titel trugen wie Sergas de Esplandián, Philesbian de Candaria, Clarián de Landanis, Cirongilio de Tracia oder Florisel de Niquea. Der Wahnsinn war ein beliebtes Motiv in der Renaissance-Literatur, wie Werke von Ariost oder Erasmus von Rotterdam beweisen. In den traditionellen Vorbildern bestimmte die Herkunft des Helden sein zukünftiges Leben: Amadís war der Sohn von Königen, wurde in Gaula geboren und war dazu bestimmt, ein Held zu sein. Lazarillo wurde am Tormes geboren, war niederer Herkunft und sollte ein Antiheld werden. Der Quichotte sollte jene Welt der verratenen Ehre und der Wiederherstellung der Würde, der naiven Abenteuer und der Ehre, die auf die Probe gestellt wird, mit einem gewissen Realismus, einer unsanften Landung, brechen, welche die konventionellen adeligen Archetypen veränderten. Cervantes spezifizierte weder den Geburtsort, noch die Genealogie oder den genauen Namen Don Quichottes, damit dieser sich frei von jeglichem Determinismus bewegen und seine eigene Realität schaffen konnte. Dadurch wurde das Leben literarischer Figuren ab dem Quichotte freier.

Don Quichotte verhält sich wie ein Paranoiker, der von den Ritterromanen verrückt gemacht wurde. Einige halten ihn für einen völlig Wahnsinnigen, andere glauben, er sei ein Verrückter mit lichten Momenten. Generell wird eingeräumt, dass sich Don Quichotte in den Bereichen, die die fahrende Ritterschaft betreffen, wie ein Irrer verhält und dass er in allen anderen Belangen wie ein vernünftiger Mensch denkt. Zu Cervantes Lebzeiten waren die Ritter schon seit langer Zeit verschwunden; es waren nur noch ein paar literarische Werke übrig, die sich mit diesen legendären Figuren und ihren Taten befassten und deren Lektüre Don Alonso Quijano, die Hauptfigur des Werkes, in den Wahnsinn trieb. Hidalgo bedeutete "Hijo de algo", das heißt, jemand der Land, Vieh, Vasallen und Burgen besaß und seinerseits Lehensmann eines Adligen war. Mit der Zeit erfuhr der Ritterstand seinen Niedergang, bis am Ende jeder, der ein Pferd, ein Stückchen Land und einen Vasallen besaß und ein freier Mann war, als Ritter akzeptiert wurde, was wiederum den Ausgangspunkt für Cervantes´ Spott bildete, der durch Don Quichotte und Sancho ausgedrückt wird.

Der Name Sancho stammt von der Dynastie Sancho Garcías, der zwischen 995 und 1017 in Kastilien regierte. Danach folgten Sancho II oder Sancho el Mayor, der 1035 starb, Sanch9o III von Kastilien, der 1157 an die Macht kam, sowie Sancho IV, der 1295 starb. Das Wort "quijote" bezeichnet jenes Stück der Rüstung, das den Oberschenkel des Ritters bedeckte; damit wird auch manchmal der Teil oberhalb des Gesäßes bezeichnet, zwei gleichermaßen unedle Teile. Zur Krönung machte Cervantes Don Quichotte zum Herrn über die Mancha, die trockenste, ödeste Region der Iberischen Halbinsel, wo es kaum Adel gab. So gab Cervantes dem Ritter und Hidalgo einen ganz gewöhnlichen, vulgären Namen und dem ungehobelten, materialistischen und unterwürfigen Knappen den Namen von Adligen und Männern hoher Abstammung - ein Aspekt des schwarzen Humors von Cervantes, der in seinem Werk Ironie und Sarkasmus durchklingen lässt.

Der scharfsinnigen Ritters Don Quichotte aus der Mancha ist ein unterhaltsames Buch, voller Komik und Humor, geschaffen im klassischen Geist des Lernens durch Unterhaltung. Es ist ein Werk für alle Leser, je nach den Fähigkeiten eines jeden Einzelnen. Sein Gesamtheitsanspruch schließt vom unschuldigsten bis zum tiefgründigsten Leser alle ein, indem er alles, was den Menschen bewegt, auf seine Seiten gebannt hat, Parodie und Spott breiten siech in einem Großteil der Texte aus, ganz besonders im Vorwort, das ein wahres Meisterstück ist, in den Gedichten, die Figuren aus Ritterromanen als Widmungen an die Protagonisten dieses Romans in den Mund gelegt wurden, aber auch in der burlesken Poetik ganz am Ende. Aber der Quichotte ist viel mehr als eine Schmähung der Ritterromane. Durch den Reichtum und die Komplexität seines Inhalts, der Struktur und der narrativen Techniken erlaubt er viele Ebenen der Lektüre und Interpretation: er kann als humorvolles Werk, als Spott auf den menschlichen Idealismus, als Destillat bitterer Ironie, als Gesang auf die Freiheit und vieles mehr betrachtet werden. Darüber hinaus stellt das Buch eine erstaunliche Lektion von literarischer Theorie und Praxis dar. Außerdem bietet der Quichotte ein Panorama der spanischen Gesellschaft an der Schwelle vom 16. zum 17. Jh. mit Figuren aus allen sozialen Schichten, der Darstellung zahlreicher Berufe und Handwerke, Kostproben volkstümlicher Bräuche und Glaube3nsvorstellungen. Die beiden Hauptfiguren, Don Quichotte und Sancho Panza, stellen eine poetische Synthese des menschlichen Seins dar. Sancho repräsentiert die Hinwendung zu materiellen Werten, während Don Quichotte die Hingabe an die Verteidigung eines frei gewählten Ideals ist. Aber dabei handelt es sich nicht um konträre, sondern um komplementäre Figuren, die die Komplexität einer Persönlichkeit zeigen: materialistisch und idealistisch zugleich. Don Quichotte vertritt eine Konzeption der ritterlichen Liebe, die auf der Tradition der höfischen Liebe beruht. Darum ruft Don Quichotte vor jedem Abenteuer stets seine Geliebte Dulcinea del Toboso an und erbittet ihre Hilfe, denn sie ist seine Dame und ihretwegen werden die Tugenden des Ritters gestärkt. Er ist auch Vorbild für ein ethisches und ästhetisches Leben. ER wird zum fahrenden Ritter, um die Gerechtigkeit auf der Welt zu verteidigen und von Anfang an möchte er eine literarische Figur werden. Zusammengefasst will er Gutes tun und das Leben wie ein Kunstwerk führen. Der Quichotte ist eine großartige Synthese von Leben und Literatur, gelebtem und geträumtem Leben, eine geniale Integration von Realismus und Fantasie und eine unüberbietbare Demonstration der Schwierigkeit, die komplexen Beziehungen der Menschen von vielen übergreifenden Perspektiven der stets flüchtigen Realität aus in einen Roman zu fassen. Alles Menschliche ist relativ, das ist die Basis von Cervantes´ großzügigem Verständnis, das Dogmen vermeidet und Vereinfachungen scheut.

Don Quichotte in Amerika

Irving Leonard unternahm in seinem Werk "Die Bücher des Konquistadors" unternahm einen sorgfältigen Streifzug durch die ersten Bücher, die Amerika aufklärten. Der Zeitpunkt der Ankunft des scharfsinnigen Ritters Don Quichotte aus der Mancha in Amerika ist dank des Archivo de Indias genau bekannt. Auf der Galeone "Espíritu Santo" wurden im Jahr 1605 262 Exemplare von Cervantes´ Werk auf dem Weg über San Juan de Lúa nach Mexiko zu Clemente de Valdés transportiert. Nach Cartagena de Indias gelangten zuerst drei Exemplare für Juan de Zaragoza und später eine zweite Lieferung von 100 Stück für Antonio de Toro. Aber das waren nicht die einzigen Exemplare, die dort eintrafen, denn viele der Reisenden, die mit dieser Flotte kamen, lasen das Buch in ihren Kojen, wie die Revisoren der Zollstation von Veracruz feststellten, die unmittelbar nach der Ankerung an Bord der Schiffe kamen. Es war üblich, dass die Inquisitoren auf die Schiffe kamen, um die Existenz verbotener Literatur zu überprüfen; man pflegte die Reisenden in dieser Angelegenheit zu befragen. Daher wurde bekannt, dass der sechsundzwanzigjährige, aus Sevilla stammende Juan Ruiz de Gallardo auf der Galeone "Nuestra Señora de los Remedios" zugab, dass er sich an Bord bei der Lektüre des Quichotte zerstreut hatte. Und auf der "San Cristóbal" gestand ein anderer Sevillaner, der fünfundzwanzigjährige Alonso López de Arze, dass er ein Exemplar von Cervantes´ Roman in seinem Gepäck mitführte.

Die Galeonen, die den Atlantik überquerten, waren üblicherweise in Cartagena stationiert und von dort aus kreuzten sie bis nach Portobelo, wo sie ihre Waren abluden, die auf Maultieren den Isthmus überquerten und in Panama übergeben wurden. Auf einer Flotte von Küstenschiffen wurden sie schließlich nach Lima gebracht. Im März 1605 brachte ein Buchhändler aus Alcalá de Henares, Juan de Sarriá, 61 Warenballen, in denen sich auch vierzig Exemplare des Quichotte befanden, auf Eseln nach Sevilla Diese Fracht war für Miguel Méndez im Vizekönigtum Peru bestimmt. Auf dem Weg von Portobelo nach Panama durchnässte der Regen die Ladung, und so musste die Verpackung geöffnet und neunzig vom Wasser zerstörte Bücher weggeworfen werden; nur eines davon war eine Ausgabe des Quichotte, sodass 39 Exemplare später heil in Lima eintrafen. Nach den "Tradiciones Peruanas" von Ricardo Palma war das erste Exemplar des Quichottes, das nach Lima kam, jenes aus dem Besitz des Conde de Monterrey, des Vizekönigs von Peru, und stammte aus Acapulco. Jedenfalls deutet alles darauf hin, dass die Seiten des Don Quichotte seit seiner ersten Auflage nicht aufhörten, von einem Ende des Kontinents zum anderen strömten.

Die Feierlichkeiten

Viele Hauptstädte der Welt, von Mexiko-Stadt bis Belgrad, Paris, Budapest, Zagreb, St. Petersburg und hunderte von Städten in Spanien - Alcalá de Henares eingeschlossen - werden Schauplätze von über 2000 Ausstellungen von Gemälden, Stichen, Illustrationen und Editionen in Bezug auf das 400-Jahr-Jubiläum des Don Quichotte in etwa 50 Sprachen sein. Darüber hinaus wird es zahlreiche Kongresse, Debatten, Konzerte, Theaterstücke, Puppenspiele, audiovisuelle Zyklen, Wettbewerbe und sogar einen "Kongress für Windmühlenforschung" geben.

In Frankreich begannen die Feierlichkeiten im Pariser Instituto Cervantes mit dem Seminar "Warum nennen wir die Klassiker 'Klassiker'?", wo der Quichotte als "Gründungstext eines literarischen Genres - des Romans - aber auch einer Reise zu den verborgensten Bestandteilen des menschlichen Lebens und der Erfahrung" präsentiert wurde. Im Juni wird die Universität von Paris ein internationales Kolloquium mit Cervantes-Spezialisten organisieren, dessen Thema die "Relektüre des Quichotte 400 Jahre danach" lautet. In Neapel wurde die Ausstellung "Don Quichotte und die mögliche Utopie" eröffnet. London konzentriert sich im Gedenken auf Konferenzen mit Professoren der Universität Oxford und auf die Vorführung von Filmen; beide Aktivitäten werden vom Instituto Cervantes der britischen Hauptstadt organisiert. Die königliche Bibliothek von Brüssel wird im November ca. 200 gedruckte Auflagen des Quichottes auf Spanisch, Französisch und Holländisch aus dem 16. und 17. Jahrhundert zeigen. Die Teppiche des Quichotte oder "Die Geschichte oder Fabel von Don Quichotte aus der Mancha", eine Sammlung von 19 Wandteppichen aus dem Besitz der spanischen Krone, die von König Philipp V bei den Brüsseler Manufakturen im 18. Jh. in Auftrag gegeben wurden und die Szenen aus dem ersten Teil des Quichotte erzählen, ist eine der attraktivsten Ausstellungen, die dieses Jahr unter anderem in Museen in Dallas, USA, und Brüssel gezeigt werden.

(September und Oktober) und Sevilla (Mai), die Ausstellung "Der Schatten des Quichotte" von April bis Oktober 2005 in der Nationalbibliothek in Madrid und die Ausstellung "Dalí und der Quichotte" in Cuenca von November 2005 bis Januar 2006, die Wanderausstellung "400 Jahre Don Quichotte auf der Welt" in Spanien und auf internationalen Buchmessen, die Schau "Bilder des Quichotte" in sechs Museen in Südfrankreich von Januar bis März. Außerdem wird das Kubanische Nationalballett "Don Quichotte" in der Version seiner Leiterin Alicia Alonso in zehn Städten in Valencia aufführen.

WALKALA

Übersetzung: Judith Moser-Kroiss

Die Textausschnitte stammen aus verschiedenen Essays und Zeitungsartikeln, veröffentlicht von NTC in Cali, Kolumbien, das von Gabriel Ruiz (ntc@andinet.com) geleitet wird. Darunter "Don Quijote, cabalgando en su cuarto Siglo" von Liliana Martínez Polo, Tageszeitung El Tiempo, Santafé de Bogotá, Kolumbien, 31.12.2004; "El quijote I a IV" von Hollman Morales und Maria Antonia Garcés neben anderen Autoren, veröffentlicht in Gaceta Domincal des Tageszeitungs El País, Cali, Kolumbien, 12. 12. 2004; "Don Quijote en América, 4º aniversario" von Lisandro Otero, in Rebelión (www.rebelion.org) am 17-01-2005; die Internet Seite www.elcultural.es .

Lyrik 
Rolando Revagliatti

Gedichte aus dem Buch Ardua - Rolando Revagliatti

Rolando Revagliatti wurde im Jahre 1945 in Buenos Aires, Argentinien, geboren. Seit 1988 hat er 14 Gedichtbände Trompifai, Tomavistas, Ripio, Propaga, Pictórica, Sopita, usw.), zwei Erzählbände (Historietas del Amor und Muestra en Prosa) und einen mit seinen Theaterstücken (Las Piezas de un Teatro) veröffentlicht. Sein literarisches Wirken wurde in 11 Sprachen, in zahllosen Zeitungen und in den elektronischen Medien, sowie in Form von Kassetten, Dichterlesungen und Vorstellungen verbreitet.

FAST SCHON

Fast schon lebe ich nicht:
ich bin gefangen

Gefangen in einer Familie
in der meinen.


VERLIEBT

Verliebt in meine Angst
klirrend ist die Kälte
in die ich eindringe:

die Schale meines Hirns.


IN EIN LAND

In ein unverhofft fernes
Land

ziehen erschrocken
fort

das Greisenalter meines Geliebten
und meine Kinderjahre.


ICH WERDE SEIN, WENN NICHT

Glücklich werde ich sein, wenn ich
dich nicht enttäusche

Nachbilden werde ich müssen was ich nicht weiß
was ich lernte
was ich immer ahnte
und dann bestätigte

Glücklich werde ich sein wenn ich
dich nicht enttäusche.


ÜBLICHERWEISE

Er sagt mir üblicherweise diese seltsamen Dinge
und umarmt mich

Ich ende fast immer wissend was ich bin

Nachher
läuft er davon.


ERKANNT UND TREULOS

Erkannt und treulos
sondere ich noch deine persönlichen Sachen ab

Ich weiß nur zu gut, daß nicht alles bleibt
oder gar in die Grenzen
sich fügen ist.

Zitternd
wie meine Mutter als sie auf mich stieß
mein Zwangslachen als Gefangene dir grabend
starb ich merkwürdig

Mit dir habe ich nicht
einmal einen riesigen Mißerfolg.

ICH BIN DIE GUTE FRAU

Ich bin die gute Frau
die Alberto erobert hat
auf Anraten seiner Mutter
der besten Freundin der meinen.

Fügsam, sanftmütig, bin ich gut
Ergeben, bin ich gut
Unbedeutend, bin ich das was auch
der Arzt Alberto
empfahl.

GLANZ

Der Kopf
des Ruins meines Mannes
-kürzlich enthauptet -
und Erzfeind meines Geliebten

glänzt
wie eine Aztekenblume

in der schon beeindruckenden
seit jeher wahrnehmbaren Vase
auf der Kommode
des Speisezimmers


WITWE, WEG, BEGLEITETE

Witwe
Weg durch das Feld begleitet von meinen Hunden

Was ich vermisse, seit kurzem Witwe
was ich innig ersehne
ist jene, meine Jugendzeit
der Unbeweglichkeit.


NUR UM NÄHER ZU SEIN

Nur um näher bei Gott zu sein
mein Christentum übertreibend
verwirkliche ich
Pragmatische, Erleichternde
die Sinneslust
mit ihren Helfern.


MÄNNER SO SEHR

Was machen diese Männer dort
so betrunken
mit ihren Pferden
auf mich wartend ?

So grob
was machen diese Männer hier
mit ihren Pferden
mich suchend?

Was machen sie mich unterwerfend
mich tötend
so ?

Was erfüllen sie?


ER IST IM KOMA

Er ist im Koma

Daher ließ er
mich sitzen an dieser Ecke!

Überlegung:
es ist ein mächtiger Grund
den er sich aussuchte
um nicht zur Verabredung zu kommen

Welcher Zweifel bleibt

Obwohl
am verfluchten
Grund meiner Seele

die Geringschätzung bleibt.

Übersetzung: Renato VECELLIO

Adresse: Bogotá 2466, RA-1406 Buenos Aires - ARGENTINIEN
E-Mail
: revadans@yahoo.com.ar

Erzählkunst 
Georg Bydlinski

Frühaufsteher - Georg Bydlinski

Georg Bydlinski wurde 1956 in Graz, Österreich, geboren. Heute lebt er mit seiner Frau und seinen vier Kindern in Mödling, einer Stadt in der Nähe von Wien. Er studierte Anglistik und Religionspädagogik in Wien. Als Schriftsteller arbeitet er seit 1982. Bydlinski schreibt Gedichtbände, Erzählungen und Bücher für Kinder. Zusammen mit Käthe Recheis hat er Sinnsprüche, Lebensweisheiten und Gedichte der amerikanischen indigenen Bevölkerung ausgewählt und ins Deutsche übersetzt. Er wurde für seine fast 50 Bücher mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Auf seinen Lesereisen hat Georg Bydlinski nicht nur Bücher im Gepäck, sondern auch eine Gitarre. Er hat einige seiner Texte für Kinder und Erwachsene vertont und bei seinen Lesungen trägt er auch Lieder vor.

Frühaufsteher

Die Ampel auf der noch fast leeren Straße zeigte Grün, Brunner nahm die Abzweigung zur Siedlung. Er parkte seinen Golf an ihrem westlichen Rand; im Halbdunkel zwischen den Straßenlampen hatte er es schwer, in die enge Parklücke zu finden. Als der Wagen stand, ließ Brunner den Motor weiterlaufen, es war kalt. Er schaute auf die Uhr. Dreiviertel sechs, er hatte noch Zeit. Laut Dienstbuch begann der Tag um punkt sechs Uhr. Brunner griff nach der Thermosflasche mit dem heißen Tee, den er mit etwas Rum verfeinert hatte, und trank. Der Schein der Straßenbeleuchtung reichte bis an die Außenwände der Betonblocks, einige Stockwerke hoch, die oberen Etagen blieben dunkel, nur die bereits erleuchteten Fenster waren grelle Rechtecke, hinter denen sich hier und dort Gestalten bewegten.

Brunner wartete. Er starrte ins Dunkel, das sich allmählich zu lichten begann, als hätte der Tag heute einmal vor, sich an Brunners Dienstbuch zu halten. Kurz vor sechs stieg Bruder aus, verschloß den Wagen. Er wählte einen der Fußwege zwischen den Wohnblocks, die in diesem Teil der Siedlung besonders dicht standen.

Brunner hatte im Lauf der Jahre einen geschärften Blick für Türen bekommen. Während er noch an niedrigeren Blöcken und Einfamilienhäusern entlang auf die Hochhäuser zuging, betrachtete er beinahe zwanghaft jeden Eingang, an dem er vorüberkam. Er schätzte den Charakter der Bewohner nach der Gestaltung ihrer Türen ein, manche Reihenhäuser hatten bonzige Windfänge vorgebaut, wie ein Bauchladen, dachte Brunner, teils mit Keramikfliesen verkleidet, andere aus bereits angerostetem Metall. An mehreren Türen sah er Messinglöwenköpfe mit Nasenringen als Türklopfer, anderswo riesige verschnörkelte Namensschilder, auf denen der Titel des Besitzers seinen Vornamen verdrängt hatte.

Brunner hatte die Aktentasche unter den rechten Arm geklemmt und rieb seine kalten Hände. Vor ihm ragte eines der Hochhäuser in den nun bereits grauen Himmel, die Fassade schien fast in ihn überzugehen. Zwölf Stockwerke, wie in den Häusern daneben. Der Papierkorb vor dem Eingang war umgestülpt, der Müll auf dem Boden verstreut, vom Wind über die Wiese verteilt. Brunner betrachtete das riesige Klingelbrett. Er betrat das Vorhaus und drückte den Lichtknopf. Das Licht leuchtete gelb, aber der Aufzug kam nicht. Wohl wieder demoliert, und er mußte in den zehnten Stock!

Beim Hinaufsteigen dachte Brunner an die Gesichter der Leute, die er jeden Morgen sah, feindselige abweisende , unterwürfige, hoffnungslose Gesichter. Gesichter, aus dem Schlaf geholt durch sein Läuten, unsicher, ob sie noch träumten. Menschen in Morgenmänteln, in Pyjamas, offene Betten, der muffige Geruch nach Schlaf, hier und da vermischt mit frischem Kaffeeduft aus der Küche. Selten, daß man ihm einen Kaffee anbot, kein Wunder.

Das Treppengeländer im Stiegenhaus war zu nahe an der rauhen Wand montiert, fast hätte sich Brunner die Finger aufgeschürft. Der Boden war dreckverschmiert, an den Wänden Urinränder, es roch, als hätte wochenlang niemand gelüftet. Riesig an eine Wand gesprayt der Name eines Fußballklubs, daneben ein Hakenkreuz. Und natürlich fast an jedem Treppenabsatz die Zeichnungen, Kritzeleien, nackte Frauen mit gespreizten Beinen, Penisse ohne dazugehörige Körper und die Sprüche, oft gereimt, mit vielen Rechtschreibfehlern.

Die Sonne, wie eine Münze aus dem dunstigen Himmel herausgebrochen, hell, mit übermäßig scharfen Rändern. Die Umrisse der Bauten im Osten dagegen boten keinen Ruhepunkt fürs Auge, wie übereinandergewürfeltes Betonspielzeug sahen sie aus, ein Neben-, Gegen- und Übereinander von Fensterfronten, Dächern, Balkonen.

Brunner stieg weiter hinauf, er schnaufte vor Anstrengung. Als er im siebenten Stock neuerlich aus dem Fenster blickte, sah er in einiger Entfernung ein grüngestrichenes altes Haus mit einem hölzernen Schuppen, das von der Siedlung umzingelt worden war.

Brunner war im Stiegenhaus noch niemandem begegnet. Das Dienstabzeichen trug er verdeckt, die Pfändungsmarken lagen in der Aktentasche bereit. Am Nachmittag würde er in der Kanzlei die Formulare ausfüllen, Tag und Ort der Versteigerung und die gepfändeten Gegenstände anführen, Videospiele, Fernsehapparate, Konversationslexika ...

In diesen Häusern wohnten viele Sozialfälle, das wußte er, Laute, die aus den Baracken ein paar Straßen weiter hierher umgesiedelt worden waren; dort hatten sie auf engstem Raum zusammengelebt, hier hatten sie auf einmal Platz, eine Wohnung, weißgetüncht, mit kahlen Wänden, die man erst einrichten mußte, um sie sich richtig anzueignen. Die Möbel aus dem Versandhaus, "auch Teilzahlung möglich", kaum jemand dachte an die Kosten. Die ungewohnte Zentralheizung mußte nur aufgedreht werden, damit man es warm hatte, das Fernheizwerk schickte Rechnungen, später Mahnbriefe, wenn das alles nichts nützte, rief man ihn, Brunner.

Brunner hatte Herzklopfen vom Stiegensteigen, er war nicht in Form, vielleicht sollte er abnehmen. Im zehnten Stock suchte er die Tür, sie war orangerot gestrichen wie alle anderen Türen in dieser und in allen anderen Etagen, der einzige Anhaltspunkt war das Namensschild unter dem Türspion. Brunner läutete, die Klingel schrillte. Brunner läutete ein zweitesmal. Er hörte Schritte hinter der Tür. Niemand öffnete. Brunner läutete wieder, er hielt jetzt den Atem an. Er stellte seine Aktentasche hin und legte ein Ohr an die Tür. "Aufmachen!" rief Brunner. "Behörde! Exekutionsgericht!" Und dann: "Wenn Sie nicht öffnen, komme ich mit einem Schlosser wieder!"

Brunner schwitzte, er fuhr sich mit der Handfläche über die Stirn. Er öffnete seine Tasche und schrieb ein Protokoll. Eines der Pfändungsformulare, die im Gemeindebüro ausgehängt wurden, fiel auf den schmutzigen Gangboden, Brunner ließ es dort liegen. Beim Abstieg fiel ihm der Mann ein, der sich am Morgen vor der in seiner eigenen Wohnung stattfindenden Versteigerung umgebracht hatte; sie fanden ihn im Badezimmer, angezogen in der Wanne liegend, er hatte sich mit einer Rasierklinge die Pulsadern geöffnet. Seine Augen blickten starr Richtung Tür, als fürchte er, zu früh entdeckt zu werden -

Im fünften Stock begann sich Brunner auf die Nachmittagsarbeit in der hellen, geheizten Kanzlei zu freuen.

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