XICÖATL 67

 

XICöATL

XICöATL: Ausgabe 67

XICöATL Nr. 67, April/Juni 2004
XICöATL 67

INHALT:

  • Lyrik: Gedichte. Omar Darío Gallo Quintero
  • Politik: Internationale Beziehungen: Prinzip der Gegenseitigkeit oder Prinzip der Überlegenheit? Luis Alfredo Duarte Herrera
  • Erzählkunst: Wenn Gringos Tango tanzen. María Radó
  • Österreich: Gedichte. Brigitte Niederseer

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Lyrik
Omar Darío Gallo Quintero

Gedichte - Omar Darío Gallo Quintero

Omar Darío Gallo Quintero wurde am 7. Januar 1960 in Medellín geboren, er hat aber immer in Itagüi gelebt. Er leitet Werkstätten für Lesen und Schreiben für Kinder, Jugendliche und Erwachsene - sowie die Autorenwerkstatt "El Sueño del Árbol" - "Der Traum des Baumes", des "Hauses der Kultur". Omar leitet auch das Programm "La Puerta en el Espejo" - "Die Tür im Spiegel" im kulturellen und gemeinschaftlichen Rundfunksender des "Colegio Concejo de Itagüi". Seit dem Jahr 1992 organisiert er Musik- und Lyrikabende. Er hat auch in vielen Radio- und Fernsehprogrammen mitgewirkt und überdies ist es üblich, dass er seine Gedichte in Form von Flugblättern verschenkt: bisher hat er mehr als 30.000 solcher verbreitet. Er wurde auch in die Anthologie oder in die "Erste Ausstellung von Schriftstellern aus Itagüi 2001" aufgenommen ("Ofrendas del Día"). 2002 bekam er das Diplom für die "Kulturelle Geschäftsführung der "Universidad Autónoma Latinoamericana de Medellín". Omar nahm am VIII. Internationalen Festivals für Lyrik und Kunst in Havanna, Kuba, vom 28. Januar bis 2. Februar 2003, für Kolumbien, teil. Veröffentlichte Titel: Contar Hasta Uno (1995), El Libro Dorado de las Pretensiones (2000) und Ética para los Sueños (2002).

DER QUICHOTTE VON LA MANCHA

Für Don Miguel de Cervantes Saavedra
In memoriam

Ritter von den Füßen aus Gras,
umherirrender Herr von Vergessen und Sinnestäuschungen,
Verfechter von Eigensinn und vergänglicher Beifall,
junger Gebieter
einer phantastischen und gespenstischen Welt,
Träumer von Pfaden aus Kristall
und rätselhafter Freund friedlicher Kriege;
von diesen Künsten ersinnst du alles.

Zeuge von widrigen Schicksalen,
hervorragender Zeichner der Türme zu Babel,
Schöpfer von Herausforderungen und Verzauberungen,
geistreicher Soldat Gefangener von Illusionen,
Bestürzungen und Kunstgriffe.
Herrscher der Worte in Reichen aus Papier,
von der Traurigkeit aus tatest du ein Wunder
und gabst jeder Freudenträne die genaue Farbe.

Natürlicher Ritter,
Euch diese Worte auf der Erinnerung reitend
und einen Platz in deiner Rüstung suchend
um dir zu helfen die Sühne zu besiegen.

BRUDER TOD

Etwas Schwefel
und Liebe
gibt es in deinen Pupillen.

Ein Schrecken mit Duft nach Frau
hält man zwischen den Händen der Luft,
während er mit seinen schwarzen Flügeln
meinen Wunsch besänftigt,
mit seinem Geruchssinn eines hungrigen Löwen
verfolgt er jeden Vogel meiner Gedanken
und lässt ein rotes Kaninchen erblinden
das es wagte die Sonne zu malen
mit einem Miniaturmond
und mit dem Pinsel eines pensionierten Zauberers.

Wer verlor die Schlüssel des Abgrundes?
Wer vergaß Merlins Truhe
im Park der Wehrlosen ?

Warum gehen zwei grauhaarige Frauen
auf die Suche nach den Quellen ?
Was kann die Angst sein wenn nicht
ein bewegtes Vorkommen von Feindlichem
oder ein schüchterner Mangel an Gutem
durch unsere Haut und unsere Augen ?

Du kommst soeben nicht vorbei,
unsichtbare Dame der Knappheit und der Bosheit,
und noch durchläuft mich
ein feiner Zahnschweiß der verletzt.

ARTHUR RIMBAUD

"Ein trunkenes Boot"
läuft von den Gezeiten
deiner Alpträume aus.

Bei der Verknüpfung der Worte mit dem Vergessen zugegen sein
und sich das Gesicht mit 19 Jahren paradiesisch schminken
um den Rundgang der Trugbilder
und das Gesöff der Kameradschaft zu vermeiden.

Da ist ein von allem Verdacht freier Mann
und die nicht von der Zeit verwundete Stimme.
Hier ist die Feier der Dichtkunst
und der Abstieg zur Qual der Verdammten
oder "Eine Zeit in der Hölle."

Hier ist ein explosives und dauerndes Feuer
das imstande ist den Körper und die Sinne zu verzehren
und die Leidenschaft herabzuwürdigen.

Es kommen die Worte wie sie gehen wenn sie abstoßen,
und angesichts des Aufgebens von allem was schmerzt,
ist es im Alter von 20 Jahren, dass das verdorbene Fleisch
so bedauernswert wie das Gedicht wird
das von einer Farce verletzt wurde und schon nicht mehr lächelt.

FÜNFTER WANDERER (2)

Dass der Tod
euch nicht in die Augen schauen möge
an den Festtagen
des Lebens.

Lasst den Schatten deiner Finger in Ruhe
wenn es noch Dienstag ist
auf deiner Uhr aus trockenem Gras,
obwohl vielleicht eure Zukunft
aus der Asche entsteht.

Ich glaube dich gesehen zu haben
neben der Alten die es nicht gibt
angezogen vom Duft ihrer festen Hand,
glaube ich zu wissen weshalb du fortwährend
zu ihren nachmittäglichen Ritualen mit den Wolken dich einstellst
wann die Kerzen und der Zwerg
einen Dienstag zum Brennen erwählt haben.

Es erschreckt dich nicht ihre
von Skorpionen bewohnten
und von der Kälte völlig erledigten
Irrgänge zu betreten
weil in ihnen
ein unbekanntes Bild der Musik verkehrt heranwächst.

Verwunderlich ist es festzustellen
aber niemals zuvor hatte ich so nahe
einen Engel beim Entschlüsseln
der Absichten des Todes gesehen.

SCHATTENVERZEHRER

Gespenstisch und schlaftrunken Schatten anhäufend,
betrübt fremd ohne das Wort zu entkleiden,
die Klage allein die schon nichts mehr will,
die stumme Nacht.

Das im kaputten Käfig gefangene Gespenst,
die an die Füße der Luft gebundene Figur aus Rauch;
so, so bleibt meine Seele unbeweglich
ohne Lebewohl zu sagen,
ohne die Tränen zu beunruhigen, die den Takt verletzen,
der alles erschreckt.

Der Schattenverzehrer mit seinen behutsamen Schritten
ruft zur Stille von seinem Gedanken aus schwebend
und einem Toten gleichend wegen seiner weiten Ringe unter den Augen, wegen seines Duftes nach Blumen,
in einer Vogelstimme weicht er bis zur Abwesenheit aus,
bis zum Schmerz schweigt er.

Ah! Wenn du in einem Schatten diese junge Ruhe fändest.

Übersetzung: RENATO VECELLIO

Adresse: Apartado Postal 2076, Medellín - KOLUMBIEN
E-Mail
: odegallo@hotmail.com

Politik
Luis Alfredo Duarte Herrera

Internationale Beziehungen: Prinzip der Gegenseitigkeit oder Prinzip der Überlegenheit? - Luis Alfredo Duarte Herrera

Früher wurde an den juridischen Fakultäten der lateinamerikanischen Universitäten in Bezug auf internationales Recht gelehrt, dass die grundlegende Basis zwischenstaatlicher Beziehungen auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit beruhe, was bedeutet, dass kein Staat gezwungen ist, einem anderen Land mehr Absagen zu erteilen und/oder mehr Konzessionen zu machen als umgekehrt. Nur durch entsprechendes Verständnis und Umsetzung einer solchen Grundlage ist es einer Nation möglich, den nötigen Grad an Reife, Stolz und Würde zu erlangen, um Teil einer internationalen demokratischen Gemeinschaft sein zu können. Das Prinzip der Gegenseitigkeit ist eng mit der direkten Ausübung der Souveränität verknüpft, die jeder Staat genießt. Das Prinzip der Gegenseitigkeit schafft die Voraussetzung eines Mindestmaßes an Verteidigung, Gerechtigkeit und Gleichwertigkeit, worauf ein Volk Anrecht hat. Das Prinzip der Gegenseitigkeit formt eine fundamentale psychologische Voraussetzung für die Bewohner eines gegebenen Territoriums: durch seine angemessene und ständige Anwendung erlangen die Bewohner die nötige Selbstsicherheit und den notwendigen Stolz, um sich ihren realen Beziehungen mit den übrigen Bewohnern dieses Planeten - wer auch immer sie sein mögen - auf einer Ebene der Gleichheit und des Gleichgewichts zu stellen.

Die Kolonialmächte haben im Lauf der Geschichte in ihren Beziehungen zu abhängigen Staaten Toilettenpapier aus dem Prinzip der Gegenseitigkeit gemacht, indem sie an seine Stelle und zu ihrem Vorteil das "Prinzip der Überlegenheit" gesetzt haben, das heute mit noch größerem Nachdruck durch die Krise der Werte wirkt, die aus der Konfrontation der Welt mit dem Neoliberalismus entstanden ist.

Die imperialistische Doktrin der Vereinigten Staaten in ihren internationalen Beziehungen macht Schule in den reichen Ländern. Bürger aus Industriestaaten benötigen keinerlei Visum, um ein beliebiges Land dieser Welt zu bereisen, es genügt, ein Flugticket zu kaufen, um die Reise- oder Abenteuerlust zu stillen; im Gegensatz dazu benötigen Bewohner von Ländern der Dritten Welt eine ungeheuere Anzahl an Formularen, Dokumenten, speziellen Versicherungen, Nachweisen für die eigene Zahlungsfähigkeit, die von Freunden oder Verwandten, Fotos, müssen lange Warteschlangen und/oder Wartezeiten sowie zahlreiche Amtswege in Kauf nehmen, um schließlich ein Visum zu erhalten, damit sie dann noch - sozusagen nebenbei - die Früchte der Ausbeutung jener Länder sehen können, die im Laufe der Kolonialgeschichte verarmten. Es wird davon ausgegangen, dass die Bewohner der reichen Länder allesamt ehrenwerte Menschen sind, während die Bewohner der Dritten Welt als Kriminelle betrachtet werden, sofern sie nicht durch Zertifikate der entsprechenden Sicherheitsbehörden und besondere Einschätzungen der Konsulate das Gegenteil beweisen.
Im Bezug auf die Produkte sieht es so aus, dass die reichen Länder das Recht haben, ohne größere Widerstände alles zu exportieren, was sie wollen - bis hin zu ihren hochgiftigen und gefährlichen Abfällen; die armen Länder hingegen müssen, um etwas exportieren zu können, eine endlose Serie von Bedingungen erfüllen und Schwierigkeiten überwinden, die generell nur von den multinationalen Konzernen bewältigt werden können, die sich in jenen Gebieten einnisten, um sich an den hohen Gewinnen zu bereichern, die durch billige Arbeitskräfte und Input entstehen.

Der Planet gehört den Bürgern der reichen Länder; für sie wird eine offene und transparente, vollkommen freie Welt geschaffen, ohne Grenzen, in bar oder auf Kredit zum niedrigste möglichen Preis erhältlich. Diesen Bürgern wird das Recht gegeben, auf jedem Flecken der Erde überlegen zu sein und sich überlegen zu fühlen. Die Bewohner der Kolonien hingegen leben in einer Welt voller Hindernisse und Barrieren, mit immer dichteren und unüberwindlichen Grenzen, mit den höchsten Preisen des Welt-"Marktes" und extrem beschränkten Krediten, wo der Grad der Freiheit unmittelbar mit den wirtschaftlichen Möglichkeiten verknüpft ist, aber auch mit einer Reihe unwegsamer Pfade, die direkt den haarsträubendsten Terror- und Fantasiegeschichten entsprungen sein könnten. Nach all diesen Widrigkeiten und Erniedrigungen, denen sie auf ihrem Weg in die "Freiheit" ausgesetzt sind, bin ich nicht sicher, ob den Bürgern der Kolonialstaaten noch ein Funken Schneid und Selbstbewusstsein im Kontakt mit ihren Mitmenschen aus der "entwickelten Welt" bleibt.

Die Sklavenhaltergesellschaften und die feudalen Gesellschaften zeigen, dass die Unterwerfung der Sklaven und der Untergebenen nicht auf der rein physiologischen Ebene der Machtausübung bleiben kann; um Verhältnisse von Unterdrückung und Macht zu schaffen, ist es nötig, dass die Sklaven und Untertanen ihre physische, ganz besonders aber auch ihre psychologische Unterlegenheit in Bezug auf ihre Herren akzeptieren. Die moderne Welt, trotz ihrer technologischen Fortschritte, wird nach wie vor getragen von dieser psychologischen Unterdrückung, die sich sehr effektiv auch auf die Anknüpfung von Beziehungen, Geschäften und sonstigen Aufgaben des täglichen Lebens auswirkt, das jene als "Demokratie" bezeichnen, die die Macht innehaben.

Sind die reichen Länder Schuld an dieser unseligen "Demokratie", von der die internationalen Beziehungen beherrscht werden? Ja, ohne Zweifel, sie bestimmen, dass die Dinge so sein sollen; aber größere Schuld tragen die Regierenden in den Kolonien, jene Personen, denen es an Würde und Charakterfestigkeit fehlt, die so viel von Überheblichkeit und Geringschätzung ihren eigenen Mitbürgern gegenüber wissen, die aber in der internationalen Welt auf Knien über harte Marmorfußböden rutschen, um die Krümel aufzusammeln, die von den Tischen der allmächtigen Industriestaaten abfallen. Und noch größere Schuld tragen jene Bürger, die in den Kolonien diese unseligen Personen in die Regierung wählen, damit sie ihre Interessen vor der so genannten "Internationalen Gemeinschaft" vertreten.

Luis Alfredo DUARTE HERRERA

Übersetzung: Judith MOSER-KROISS

Erzählkunst 
María Radó

Wenn Gringos tanzen - María Radó

María RADÓ, gebürtige Ungarin (Budapest 1939), einmal staatenlos, jetzt argentinischer Staatsbürger aus freier Wahl, verneint ihre europäischen Wurzeln nicht, ist jedoch überzeugte Südamerikanerin geworden.
Sie wollte schon immer schreiben. Sie kam jung nach Argentinien, ohne ein Wort Spanisch zu sprechen, obwohl ihr mehrere Sprachen außer ihrer Muttersprache, dem Ungarischen, geläufig waren. Bald sollte sie jedoch merken, dass es mit der Berufung nicht ausreicht. Die Sprache ist das Instrument des Schriftstellers. Nur der Autor, der die Sprache meisterhaft beherrscht, kann seine Gedanken richtig zum Ausdruck bringen und seine Leser fesseln, Der Schriftsteller im Exil verliert nicht nur seine Heimat, sondern auch die Sprache in der er zu schreiben pflegte. Genau so erging es ihr.
Vor einigen Jahren entschloss sie sich ihrer alten literarischen Berufung nachzugehen. Dafür wählte sie die Sprache ihres Adoptivlandes und großen Teils des Kontinentes, zu dem sie sich dazugehörig fühlt. Auf Spanisch zu schreiben ist für sie eine große Herausforderung und ein noch größeres Vergnügen.
Ihr erstes Buch, Los tambores del miedo, (Die Trommeln der Angst) erschien in 1998, Thema ist der Fremdenhass in der Schweiz während der Nachkriegsjahre, im Rahmen einer unglücklichen Liebesgeschichte.
Eine Sammlung ihrer esoterischen Geschichten Rubor de damascos (Röte von Aprikosen) erschien im Dezember 2000 als e-Buch im Internet bei "librosenred.com." Es sind Geschichten über Regressionen und Reinkarnationen, Erinnerungen an vergangene Leben die sich mit der Gegenwart verknüpfen,
Seit November 2001 ist dieses Buch auch als gedrucktes Buch, das auf Bestellung ins Haus geschickt wird, als POD (print on demand), bei amazon.com, barnesnoble.com und jibrosenred.com, weltweit verfügbar.
Im Oktober 2002 erschien ihr Buch mit demTitel Paraíso perdido (Verlorenes Paradies), mit Kurzgeschichten.

Wenn Gringos tanzen

I

Noch nie hatte er einen so blauen Himmel gesehen, noch so warm gehabt. Er trug einen dicken Wintermantel, den sein Vater ihm als Liebesgabenpaket nach dem Krieg zugesandt hatte. Er war im tiefsten Winter an Bord gegangen, und obwohl er eine leise Ahnung hatte, dass er im Sommer ankommen würde, waren die Sommer die er kannte viel milder gewesen. In der Schule pflegten sie bei 25ºC hitzefrei zu bekommen!
Es war der 23. Dezember - sein erstes Weihnachten ohne Schnee und noch dazu im Hochsommer, eine verkehrte Welt -, drei Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges. Der Überseedampfer "Córdoba" der Schiff-Fahrtsgesellschaft "Dodero" war dabei, in den Hafen der Stadt Buenos Aires einzulaufen. Er brachte Immigranten, Überlebende der Apokalypse, in der während vier grauenvoller Jahre monatlich eine Million Menschen ums Leben gekommen waren. Die Mutter von Hans war eine von ihnen gewesen. Chemikerin von Beruf, arbeitete sie in einer Munitionsfabrik und wurde das Opfer eines Bombenangriffs. Hans zog zu der Familie seiner Tante. Er kannte den Hunger. Mit seinen Einmeterneunzig wog er in einem Moment nur noch achtundvierzig Kilo und war zu schwach gewesen, um aus dem Bett aufzustehen.
Jetzt kam er, um sich mit seinem Vater wiederzuvereinigen, der bei Kriegsausbruch in Argentinien geblieben war, wo er sich dank eines temporären Arbeitsvertrages befand. Argentinien war wahrscheinlich eines der besten Orte, um die Jahre des Konfliktes zu verbringen, in Frieden und Fülle, weit weg vom Kriegsschauplatz.
Hans war mit der Absicht losgefahren, nicht in die Alte Welt zurückzukehren, es sei denn als Tourist. Als er festen Boden betrat, hörte er auf, sich Hans zu nennen. Von jetzt ab war er Juan.

Was muss man unternehmen, um sich so schnell wie möglich in einen waschechten "porteño"* zu verwandeln? fragte sich Juan Es dauerte nicht lange, bis er die Antwort fand. Dreierlei: die Sprache erlernen, "bife"** essen, Tango tanzen.
Fest entschlossen fing er mit dem Anpassungsmanöver an.
Er begann mit dem schnellsten und einfachsten: "bife" essen. Das erste Mal schaffte er es nicht. Gewohnt an die deutschen Gerichte - viel Kartoffeln und wenig Fleisch, alles unter dem Mantel einer dunklen, dicken, undefinierbaren Sauce -, erschrak er vor dem Stück blutigen Fleisches, das nackt und kartoffellos dalag und beinahe den ganzen Teller bedeckte. Aber es sollte nicht lange dauern bis er sich daran gewöhnt hatte.
Als nächstes schrieb er sich in einer Lehranstalt für mittlere Reife in Belgrano ein, um das Abitur zu beenden. Belgrano ist ein Stadtteil von Buenos Aires, wo viele deutschsprachige Immigranten wohnen, die das so genannte Belgranodeutsch - ein Gemisch von Deutsch und Spanisch - sprechen. Der Stadtteil ist benannt nach dem General Belgrano, einem Helden der argentinischen Unabhängigkeitskriege, über den Juan gehört hatte, dass seine Familie aus Bayern stammen würde und, dass der Name ursprünglich Schönkorn gewesen sein soll. Als die Familie nach Italien zog, wurde aus Schönkorn Belgrano. Juan wusste nicht ob er es glauben sollte, aber was dafür sprach war die von Belgrano entworfene argentinische Fahne, hellblau und weiß, wie die Fahne von Bayern.

Juan wurden die Äquivalenzen für einige Fächer anerkannt, für andere sollte er Examen ablegen. Er meldete sich für Spanisch Eins, Zwei und Drei. Nach einer Minute mündlicher Prüfung, war er in Spanisch Eins bereits durchgefallen. Juan war dabei seine Siebensachen zu sammeln, um sich aus dem Saal zurückzuziehen, als die Professoren mit Erstaunen feststellten, dass er auch in Spanisch Zwei auf der Liste der Prüflinge stand. "Sie haben sich auch für dieses Examen eingeschrieben?", fragten sie ihn. "Ja, und auch für Spanisch Drei", erwiderte Juan. Die Professoren schauten einander an, steckten die Köpfe zusammen, tuschelten eine Weile und verkündeten dann ihr Urteil: "Also gut, wir nehmen Spanisch Eins als bestanden an, aber das nächste Mal kommen Sie besser vorbereitet."
Nachdem er auf diese Weise seine neu erworbenen Kenntnisse von "viveza criolla", einer Art lokalen Bauernschläue, angewendet hatte - sicherlich viel leichter zu erlernen als die Grammatik - widmete er sich eifrig dem Studium der Konjugation: ich bin Gringo…ich werde "porteño" sein.

Das mit dem Tango war komplizierter. In der kleinen norddeutschen Stadt, in der er wohnte, hatte er an der einen oder anderen Tanzstunde teilgenommen, und konnte sich noch an die Grundlagen des typisch argentinischen Tanzes erinnern: eine Kombination zwischen energischem Schreiten und einer Art abgehacktem Walzer.
An einem Samstagabend ging er in ein Tanzlokal, in der Nähe des Kongresses.

***

Olga kam sechs Monate später, auf einem Dampfer der französischen Schiff-Fahrtslinie. Als sie ausstieg, hieß sie weiterhin Olga, aber auch sie war fest entschlossen, sich so rasch wie möglich in ihre neue Umwelt einzuleben. Sie kam aus Wien, wo sie den Krieg zwischen Entbehrungen und Bombenangriffen verbracht hatte, zu ihrer Tante, der Schwester ihrer Mutter.
Kaum war sie da, zeigte ihr ihre Tante eine der wichtigsten Markthallen, den Mercado del Plata. Olga konnte ihren Augen nicht trauen. Welche Fülle von Lebensmitteln! Sie erinnerte sich nicht, je so eine Vielfalt von Esswaren unter demselben Dach gesehen zu haben.
Am nächsten Samstag führte sie ihre Tante, zusammen mit ihrer eigenen, in Argentinien geborenen Tochter, in ein respektables Tanzlokal, nicht weit vom Kongress entfernt.

II

Der Saal ist groß und rechteckig, mit einem soliden Holzfußboden. Vom Plafond hängen drei Glühbirnen ohne Lampenschirm. die ein grelles, unerbittliches Licht ausstreuen. Ein Lautsprecher speit schrille Tanzmusik in verschiedenen Rhythmen in den Raum. Den Wänden entlang stehen karge Bänke, auf denen junge Mädchen, wie Spatzen auf einem Hochspannungsdraht, hocken, fast immer begleitet von einer finster blickenden Matrone, und kaum erwarten können, aufgefordert zu werden. Die jungen Männer stehen in Gruppen herum, rauchen, reden und beobachten aus einem Augenwinkel die zur Schau gestellte Weiblichkeit, während sie erwägen welche der Schönen sie mit ihrer Wahl beglücken sollen. Sie fühlen sich mächtig. Von ihnen hängt ab ob die Mädchen sich amüsieren oder nicht, ob sie einen gelungenen oder einen misslungenen Abend verbringen. Sie tanzen ja nur, wenn irgendein männliches Wesen sich ihrer erbarmt und sie auffordert. Sowohl hier drinnen, wie auch da draußen, herrscht der Mann, er ist es, der die Entscheidungen trifft. Unsere Gesellschaft steht unter dem Zeichen des "machismo". Wie gut ist es als Mann und nicht als Frau geboren zu sein! Sie fühlen sich überlegen, kleine Könige, Herren der Schöpfung. Obwohl nicht alle. Die Schüchternen unter ihnen wollen unbedingt vermeiden abgeblitzt zu werden. Was für eine Blamage! Das Geheimnis liegt darin die richtige Wahl zu treffen: die Hübscheren, die meist Umworbenen beiseite zu lassen; mit einem hässlichen Entchen, das kaum oder gar nicht zum Tanzen gebeten wird, gibt es weniger Gefahr einen Korb zu bekommen.
Olga fühlt sich beobachtet, besichtigt, bewertet, als wäre sie eine Ware in einem Schaufenster. Würde sie aufgefordert werden oder nicht? Wenn sie von jemandem zum Tanz gebeten würde, der ihr nicht behage, könnte sie sich weigern? Würde sie sich dann nicht der Gefahr aussetzen als hochnäsig nicht mehr eingeladen zu werden? Ihre Kusine scheint keinerlei Probleme dieser Art zu haben, sie versäumt beinahe keinen Tanz. Sie selbst wurde noch von keinem aufgefordert.
Da nähert sich ein Jüngling, er kommt ihr besonders unansehnlich vor. Hinter dicken Gläsern blinzelt er unaufhörlich mit seinen beinahe wimpernlosen Augen. Wie ein Frosch sieht er aus, denkt Olga. Sie senkt den Blick. Wenn sie ihn ignoriert, fordert er vielleicht eine andere auf. Ihre populäre Kusine, die ausnahmsweise neben ihr sitzt und sich vom vielen Tanzen erholt. Aber sie hat kein Glück. Der Jüngling bleibt vor ihr stehen, verbeugt sich. Unwillig erhebt sie sich, folgt ihm zur Tanzfläche.
Sie beginnen zu tanzen. Seine Hände sind kalt und feucht. Froschhände.
"Hüpfen Sie gerne?", fragt das froschartige Geschöpf, springt linkisch herum und landet immer wieder auf ihren gequälten Zehen.
Es ist eine Marter. Zum Glück geht alles einmal vorüber, auch dieser Tanz, obwohl es ihr erschien als nähme er nie ein Ende, und er begleitet sie zurück an ihren Platz auf der Bank.
Olga fällt ein anderer junger Mann auf. Groß, schlank. Sie findet ihn sehr sympathisch. "Hoffentlich fordert er mich auf!", denkt sie.
Eine neue Platte knirscht aus dem Grammophon. Es ist ein Tango. Olga erkennt den markanten Rhythmus, die tiefe Schwermut, In ihrem gebürtigen Wien hat sie irgendeinmal diese beunruhigende, melancholische Weise gehört, die ihr exotisch vorgekommen war. Es ist für sie das erste Mal, dass sie Tango tanzen sieht. Die Schritte scheinen ihr kompliziert, gewagt, sehr verschieden von dem von ihr bekannten Gesellschaftstanz.

***

Jedes Mal wenn der Lautsprecher unter dem eindringlichen, hämmernden Rhythmus erbebt, beobachtet Juan die eng umschlungenen tanzenden Paare. Was für ein sinnlicher Tanz! Wie der Mann seine Knie zwischen die Beine seiner Partnerin schiebt und sie, mit der Hand auf ihrem Rücken, sicher führt. Es scheint nicht so schwer zu sein. Er will es versuchen, schaut sich nach einer Partnerin um. Da sieht er sie. Es ist eine kleine Brünette. Sie gefällt ihm. Mit ihr würde er nicht nur Tango tanzen, sondern auch sein Spanisch üben können.
"Mein Name ist Juan", sagt er. "Darf ich bitten?"
Olga nickt, halb entzückt, halb erschrocken. Juan ist der junge Mann, den sie so nett fand. Wie schade, dass er sie gerade zu einem Tango auffordert.
Er umfasst fest ihre Taille. Jetzt wird energisch in eine Richtung gegangen, eins - zwei - drei - vier. Ein Schritt zur Seite, halbe Drehung und seine Knie fest an Olgas Schenkel gepresst, die vier Schritte, diesmal in die entgegengesetzte Richtung. Das Blut hämmert in seinen Schläfen, rast in seinen Adern, wie er den geschmeidigen Körper so nah dem seinen fühlt, die kleinen spitzen Brüste, die glatte, warme Haut der Innenseite ihrer Beine. Sie soll nicht merken, dass er improvisiert. Wenn sie eine Hiesige ist, muss sie es schon gemerkt haben, denkt er. Er kommt sich ungelenk, tölpelhaft vor.
Olga folgt ihm mit geschlossenen Augen, um ja keinen Schritt, keine Bewegung zu verfehlen. Sie fühlt sich unsicher, beklemmen. Sie stolpert. Er hat so große Füße!
Juan hält inne.
"Entschuldigen Sie, Fräulein", sagt er, "ich kann keinen Tango tanzen".
"Ich auch nicht", erwidert sie.
Beide lachen erleichtert.
"Mir scheint, wir haben nicht nur mit dem Tango Probleme, sondern auch mit unserem Spanisch", sagt Olga auf Deutsch, in ihrem unverkennbaren Wiener Akzent.
Er nimmt sie beim Arm. "Gehen wir", sagt er zu ihr. Auch er spricht Deutsch. Es ist ein anderes Deutsch, das reine Deutsch, das in Norddeutschland, im Hannoveranischen gesprochen wird. Aber sie verstehen sich.

III

Auf diese Weise dauerte die Integration der beiden in ihre neue Umwelt etwas länger. Aber bis ihr erster Sohn geboren wurde, den sie Bartolomé Nahuel nannten, waren sie von der Phase der bloßen Mimikry in die der schieren Metamorphose übergegangen. Sie hatten sich nicht nur eingelebt, sie fühlten, sich dazugehörig, sie waren ein Teil des Landes geworden, wie jene Einwanderer von einst, die zur Besiedlung dieser Breitengrade beigetragen hatten. Und all dies ohne je wieder versucht zu haben Tango zu tanzen. Man muss nicht Tango tanzen, um ein wahrer "porteño" zu sein. Auch muss man nicht schwermütig sein, wie der Tango im Allgemeinen. Es kann jedoch nicht geleugnet werden, dass der Tango eine entscheidende Rolle in ihrem Leben gespielt hat. Dank dem Tango hatten sie sich kennen gelernt. Danke, Tango.
Während der langen Jahre ihres gemeinsamen Lebens, wenn sie bei einer Reise ins Ausland die markante Melodie im Zweivierteltakt vom Rio de la Plata vernahmen, wurden sie nostalgisch, und ihre Herzen überquollen vor Liebe zum neuen Heimatland, das zu erobern ihnen gegönnt gewesen war.

Glücklich die Entwurzelten, die neue Wurzeln schlagen. Glücklich die Heimatlosen, die eine neue Heimat finden. Und glücklich die Kinder wie Bartolomé Nahuel, denn ihnen gehört die Zukunft. Als gebürtige Argentinier können sie sogar Präsident werden. Staatspräsident, versteht sich.

* "porteño"= Hafenbewohner : Einwohner der Stadt Buenos Aires
** Bife: Rindsteak auf dem Rost gebraten

Adresse: Av. Mitre 1233, 1602 FLORIDA
E-Mail
: pinturas@revesta.com.ar oder peter@revesta.com.ar

Österreich
Brigitte Niederseer

Gedichte - Brigitte Niederseer

Brigitte Niederseer. Geboren am 11. 11. 1955 in Eisenerz, Österreich; lebt seit 1980 in Maishofen im Land Salzburg. Sie ist verheiratet und hat drei erwachsene Söhne.
Schon immer empfand sie die Beschäftigung mit Büchern als Bereicherung. 1995 entstehen erste Gedichte und Kurzprosatexte; sie besucht und leitet Schreibwerkstätten, übersetzt (Englisch - Deutsch) und lektoriert. 2000 erhält sie den Salzburger Lyrikpreis. 2001 erscheint ihr erstes Buch "Hart an die Grenze" - eine Autobiographie.

ZUM BILD: "KRÄHEN ÜBER DEM WEIZENFELD"
(Vincent van Gogh, 1890)

der Weizen ist unter der Sonne gealtert
und hätten die Krähen den Sturm nicht gerufen
hätten sie dem Regen nicht rechtzeitig befohlen
das Gelb das leuchtende Gelb zu trinken
es mitzunehmen auf die Reise
als Geschenk für den Regenbogen

wären die blinden Mörder gekommen
verkleidet als harmlose Bauern
um die Farbe des Feldes zu töten
um sie geschnitten und gedroschen
in Säcken abgefüllt in Mühlen zu schleppen
die überall lauern
um lärmend und unter Schmerzen
mein Gelb mein leuchtendes Gelb
zu farblosem Staub zu zermahlen
und meinen Augen das Brot zu stehlen

aber weil ich weiß
dass Blinde in der Dunkelheit wohnen wollen
obwohl der Hunger nach Farbe
sie wahnsinnig macht
werde ich ihnen vergeben
bevor ich den krummen Feldweg beschreite

SAMSTAG ABEND

girlyfrisur im großen make-up
möchte den letzten
überlebenden schmetterling
an dich
verschwenden
bevor auch ihm die flügel
brechen
bevor auch er im freien fall
auf zigarrettenkippen
und verschüttetes bier
zustürtzt
bevor man auch ihn unbeachtet
zertritt

PROTOKOLL EINER LANGEN NACHT

Noch liegt in der Ferne der große Berg makellos weiß im milchigen Mondlicht.

Im Schutz del Dunkelheit geht die fleißige Goldmarie zu Frau Holle und schüttelt die Kissen.
Jede Feder wachsen sechs Arme.
Der schlaft kann keine kalten Zehen leiden und geht wieder.
Die Erinnerung sucht nach Bratäpfeln, stellt sie in die Ofenröhre und wartet, bis der Duft sich verbreitet.
Ein Sturm reißt den Federn die kunstvoll verzweigten Arme aus und treibt die Bruchstücke aus purer Lust in Wirbel von sich her.
Im Lager springt der weiße Tod von der Lawinenschaufel ins nichts.
Schlittenhunde träumen vom Bau eines Iglus.
Die Kronen verkrüppelter Zwergbirken biegen sich unter ihrer Last, aber sie brechen nie.
Endlich gräbt die Dämmerung einen neuen Tag aus dem Schnee.

In der Ferne liegt der große Berg makellos weiß im milchigen Mondlicht.

LEBENSBERICHTE

die Zeit zum Spiele
hab ich mir nie genommen
wegen der Arbeit
ich hab mein Schneeweißes Kleid
für Fronleichnam gewaschen

nie hab ich jemals
schamlos nackte haut entblößt
in einem Strandbad
ich hab mich schlafend gestellt -
nachts - der Jungfrau zuliebe
die Flickwäsche war
Samstagabendvergnügen
auf meiner Hausbank
nur einen Rosenkranz lang
haben die Hände geruht

das Holz zum Heizen
hab ich fast immer gespart
für mich alleine
braucht die Stube nicht warm sein
und ich grüß alle zuerst

RUHM

Stolpersteine legt
die Schneeschmelze als Spielzeug
in eine Wiege
mit liebem Gruß vom Vater
aus dem Kind soll was werden

sieben Gelehrte
vertrocknen im Saal obwohl
die Amseln singen
ihr Staub nährt den Studenten
vielleicht wird er satt davon

drei Frauen stehen
im Regen bis Steinschlag früh
die Ernste zerstört
in den Tälern wohnt Hoffnung
solang die Wintersaat grünt

der Ruhm schaufelt gern
Gräber für seine Helden
Wenn die Nacht beginnt
Hält der Schneesturm am Gipfel
Einsame Totenwache

UNBESIEGT

Brennesselspinat
kocht der Hunger im Frühjahr
für sieben Mäuler
bleibt heute im Bett liegen
bis deine Kleider trocknen

in Dienst gehen - was sonst
zwölf Stunden hält dich der Herd
doch Sommernächte
wissen von Mondgedichten
und klammheimlichem Lesen

es ist schon Spätherbst
als Krieg dir die Liebe stiehlt
und ein Kind dalässt
halt den Rücken gerade
und sing noch einmal das Lied

dein Haus ist bestellt
das Gartenbuch geschrieben
das Tagebuch auch
Bäume an Wasserbächen
überdauern den Winter

Adresse: Unterreit 12, 5751 Maishofen - ÖSTERREICH