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Wenn Gringos tanzen - María Radó
María RADÓ, gebürtige Ungarin (Budapest 1939), einmal staatenlos, jetzt argentinischer Staatsbürger aus freier Wahl, verneint ihre europäischen Wurzeln nicht, ist jedoch überzeugte Südamerikanerin geworden.
Sie wollte schon immer schreiben. Sie kam jung nach Argentinien, ohne ein Wort Spanisch zu sprechen, obwohl ihr mehrere Sprachen außer ihrer Muttersprache, dem Ungarischen, geläufig waren. Bald sollte sie jedoch merken, dass es mit der Berufung nicht ausreicht. Die Sprache ist das Instrument des Schriftstellers. Nur der Autor, der die Sprache meisterhaft beherrscht, kann seine Gedanken richtig zum Ausdruck bringen und seine Leser fesseln, Der Schriftsteller im Exil verliert nicht nur seine Heimat, sondern auch die Sprache in der er zu schreiben pflegte. Genau so erging es ihr.
Vor einigen Jahren entschloss sie sich ihrer alten literarischen Berufung nachzugehen. Dafür wählte sie die Sprache ihres Adoptivlandes und großen Teils des Kontinentes, zu dem sie sich dazugehörig fühlt. Auf Spanisch zu schreiben ist für sie eine große Herausforderung und ein noch größeres Vergnügen.
Ihr erstes Buch, Los tambores del miedo, (Die Trommeln der Angst) erschien in 1998, Thema ist der Fremdenhass in der Schweiz während der Nachkriegsjahre, im Rahmen einer unglücklichen Liebesgeschichte.
Eine Sammlung ihrer esoterischen Geschichten Rubor de damascos (Röte von Aprikosen) erschien im Dezember 2000 als e-Buch im Internet bei "librosenred.com." Es sind Geschichten über Regressionen und Reinkarnationen, Erinnerungen an vergangene Leben die sich mit der Gegenwart verknüpfen,
Seit November 2001 ist dieses Buch auch als gedrucktes Buch, das auf Bestellung ins Haus geschickt wird, als POD (print on demand), bei amazon.com, barnesnoble.com und jibrosenred.com, weltweit verfügbar.
Im Oktober 2002 erschien ihr Buch mit demTitel Paraíso perdido (Verlorenes Paradies), mit Kurzgeschichten.
Wenn Gringos tanzen
I
Noch nie hatte er einen so blauen Himmel gesehen, noch so warm gehabt. Er trug einen dicken Wintermantel, den sein Vater ihm als Liebesgabenpaket nach dem Krieg zugesandt hatte. Er war im tiefsten Winter an Bord gegangen, und obwohl er eine leise Ahnung hatte, dass er im Sommer ankommen würde, waren die Sommer die er kannte viel milder gewesen. In der Schule pflegten sie bei 25ºC hitzefrei zu bekommen!
Es war der 23. Dezember - sein erstes Weihnachten ohne Schnee und noch dazu im Hochsommer, eine verkehrte Welt -, drei Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges. Der Überseedampfer "Córdoba" der Schiff-Fahrtsgesellschaft "Dodero" war dabei, in den Hafen der Stadt Buenos Aires einzulaufen. Er brachte Immigranten, Überlebende der Apokalypse, in der während vier grauenvoller Jahre monatlich eine Million Menschen ums Leben gekommen waren. Die Mutter von Hans war eine von ihnen gewesen. Chemikerin von Beruf, arbeitete sie in einer Munitionsfabrik und wurde das Opfer eines Bombenangriffs. Hans zog zu der Familie seiner Tante. Er kannte den Hunger. Mit seinen Einmeterneunzig wog er in einem Moment nur noch achtundvierzig Kilo und war zu schwach gewesen, um aus dem Bett aufzustehen.
Jetzt kam er, um sich mit seinem Vater wiederzuvereinigen, der bei Kriegsausbruch in Argentinien geblieben war, wo er sich dank eines temporären Arbeitsvertrages befand. Argentinien war wahrscheinlich eines der besten Orte, um die Jahre des Konfliktes zu verbringen, in Frieden und Fülle, weit weg vom Kriegsschauplatz.
Hans war mit der Absicht losgefahren, nicht in die Alte Welt zurückzukehren, es sei denn als Tourist. Als er festen Boden betrat, hörte er auf, sich Hans zu nennen. Von jetzt ab war er Juan.
Was muss man unternehmen, um sich so schnell wie möglich in einen waschechten "porteño"* zu verwandeln? fragte sich Juan Es dauerte nicht lange, bis er die Antwort fand. Dreierlei: die Sprache erlernen, "bife"** essen, Tango tanzen.
Fest entschlossen fing er mit dem Anpassungsmanöver an.
Er begann mit dem schnellsten und einfachsten: "bife" essen. Das erste Mal schaffte er es nicht. Gewohnt an die deutschen Gerichte - viel Kartoffeln und wenig Fleisch, alles unter dem Mantel einer dunklen, dicken, undefinierbaren Sauce -, erschrak er vor dem Stück blutigen Fleisches, das nackt und kartoffellos dalag und beinahe den ganzen Teller bedeckte. Aber es sollte nicht lange dauern bis er sich daran gewöhnt hatte.
Als nächstes schrieb er sich in einer Lehranstalt für mittlere Reife in Belgrano ein, um das Abitur zu beenden. Belgrano ist ein Stadtteil von Buenos Aires, wo viele deutschsprachige Immigranten wohnen, die das so genannte Belgranodeutsch - ein Gemisch von Deutsch und Spanisch - sprechen. Der Stadtteil ist benannt nach dem General Belgrano, einem Helden der argentinischen Unabhängigkeitskriege, über den Juan gehört hatte, dass seine Familie aus Bayern stammen würde und, dass der Name ursprünglich Schönkorn gewesen sein soll. Als die Familie nach Italien zog, wurde aus Schönkorn Belgrano. Juan wusste nicht ob er es glauben sollte, aber was dafür sprach war die von Belgrano entworfene argentinische Fahne, hellblau und weiß, wie die Fahne von Bayern.
Juan wurden die Äquivalenzen für einige Fächer anerkannt, für andere sollte er Examen ablegen. Er meldete sich für Spanisch Eins, Zwei und Drei. Nach einer Minute mündlicher Prüfung, war er in Spanisch Eins bereits durchgefallen. Juan war dabei seine Siebensachen zu sammeln, um sich aus dem Saal zurückzuziehen, als die Professoren mit Erstaunen feststellten, dass er auch in Spanisch Zwei auf der Liste der Prüflinge stand. "Sie haben sich auch für dieses Examen eingeschrieben?", fragten sie ihn. "Ja, und auch für Spanisch Drei", erwiderte Juan. Die Professoren schauten einander an, steckten die Köpfe zusammen, tuschelten eine Weile und verkündeten dann ihr Urteil: "Also gut, wir nehmen Spanisch Eins als bestanden an, aber das nächste Mal kommen Sie besser vorbereitet."
Nachdem er auf diese Weise seine neu erworbenen Kenntnisse von "viveza criolla", einer Art lokalen Bauernschläue, angewendet hatte - sicherlich viel leichter zu erlernen als die Grammatik - widmete er sich eifrig dem Studium der Konjugation: ich bin Gringo…ich werde "porteño" sein.
Das mit dem Tango war komplizierter. In der kleinen norddeutschen Stadt, in der er wohnte, hatte er an der einen oder anderen Tanzstunde teilgenommen, und konnte sich noch an die Grundlagen des typisch argentinischen Tanzes erinnern: eine Kombination zwischen energischem Schreiten und einer Art abgehacktem Walzer.
An einem Samstagabend ging er in ein Tanzlokal, in der Nähe des Kongresses.
***
Olga kam sechs Monate später, auf einem Dampfer der französischen Schiff-Fahrtslinie. Als sie ausstieg, hieß sie weiterhin Olga, aber auch sie war fest entschlossen, sich so rasch wie möglich in ihre neue Umwelt einzuleben. Sie kam aus Wien, wo sie den Krieg zwischen Entbehrungen und Bombenangriffen verbracht hatte, zu ihrer Tante, der Schwester ihrer Mutter.
Kaum war sie da, zeigte ihr ihre Tante eine der wichtigsten Markthallen, den Mercado del Plata. Olga konnte ihren Augen nicht trauen. Welche Fülle von Lebensmitteln! Sie erinnerte sich nicht, je so eine Vielfalt von Esswaren unter demselben Dach gesehen zu haben.
Am nächsten Samstag führte sie ihre Tante, zusammen mit ihrer eigenen, in Argentinien geborenen Tochter, in ein respektables Tanzlokal, nicht weit vom Kongress entfernt.
II
Der Saal ist groß und rechteckig, mit einem soliden Holzfußboden. Vom Plafond hängen drei Glühbirnen ohne Lampenschirm. die ein grelles, unerbittliches Licht ausstreuen. Ein Lautsprecher speit schrille Tanzmusik in verschiedenen Rhythmen in den Raum. Den Wänden entlang stehen karge Bänke, auf denen junge Mädchen, wie Spatzen auf einem Hochspannungsdraht, hocken, fast immer begleitet von einer finster blickenden Matrone, und kaum erwarten können, aufgefordert zu werden. Die jungen Männer stehen in Gruppen herum, rauchen, reden und beobachten aus einem Augenwinkel die zur Schau gestellte Weiblichkeit, während sie erwägen welche der Schönen sie mit ihrer Wahl beglücken sollen. Sie fühlen sich mächtig. Von ihnen hängt ab ob die Mädchen sich amüsieren oder nicht, ob sie einen gelungenen oder einen misslungenen Abend verbringen. Sie tanzen ja nur, wenn irgendein männliches Wesen sich ihrer erbarmt und sie auffordert. Sowohl hier drinnen, wie auch da draußen, herrscht der Mann, er ist es, der die Entscheidungen trifft. Unsere Gesellschaft steht unter dem Zeichen des "machismo". Wie gut ist es als Mann und nicht als Frau geboren zu sein! Sie fühlen sich überlegen, kleine Könige, Herren der Schöpfung. Obwohl nicht alle. Die Schüchternen unter ihnen wollen unbedingt vermeiden abgeblitzt zu werden. Was für eine Blamage! Das Geheimnis liegt darin die richtige Wahl zu treffen: die Hübscheren, die meist Umworbenen beiseite zu lassen; mit einem hässlichen Entchen, das kaum oder gar nicht zum Tanzen gebeten wird, gibt es weniger Gefahr einen Korb zu bekommen.
Olga fühlt sich beobachtet, besichtigt, bewertet, als wäre sie eine Ware in einem Schaufenster. Würde sie aufgefordert werden oder nicht? Wenn sie von jemandem zum Tanz gebeten würde, der ihr nicht behage, könnte sie sich weigern? Würde sie sich dann nicht der Gefahr aussetzen als hochnäsig nicht mehr eingeladen zu werden? Ihre Kusine scheint keinerlei Probleme dieser Art zu haben, sie versäumt beinahe keinen Tanz. Sie selbst wurde noch von keinem aufgefordert.
Da nähert sich ein Jüngling, er kommt ihr besonders unansehnlich vor. Hinter dicken Gläsern blinzelt er unaufhörlich mit seinen beinahe wimpernlosen Augen. Wie ein Frosch sieht er aus, denkt Olga. Sie senkt den Blick. Wenn sie ihn ignoriert, fordert er vielleicht eine andere auf. Ihre populäre Kusine, die ausnahmsweise neben ihr sitzt und sich vom vielen Tanzen erholt. Aber sie hat kein Glück. Der Jüngling bleibt vor ihr stehen, verbeugt sich. Unwillig erhebt sie sich, folgt ihm zur Tanzfläche.
Sie beginnen zu tanzen. Seine Hände sind kalt und feucht. Froschhände.
"Hüpfen Sie gerne?", fragt das froschartige Geschöpf, springt linkisch herum und landet immer wieder auf ihren gequälten Zehen.
Es ist eine Marter. Zum Glück geht alles einmal vorüber, auch dieser Tanz, obwohl es ihr erschien als nähme er nie ein Ende, und er begleitet sie zurück an ihren Platz auf der Bank.
Olga fällt ein anderer junger Mann auf. Groß, schlank. Sie findet ihn sehr sympathisch. "Hoffentlich fordert er mich auf!", denkt sie.
Eine neue Platte knirscht aus dem Grammophon. Es ist ein Tango. Olga erkennt den markanten Rhythmus, die tiefe Schwermut, In ihrem gebürtigen Wien hat sie irgendeinmal diese beunruhigende, melancholische Weise gehört, die ihr exotisch vorgekommen war. Es ist für sie das erste Mal, dass sie Tango tanzen sieht. Die Schritte scheinen ihr kompliziert, gewagt, sehr verschieden von dem von ihr bekannten Gesellschaftstanz.
***
Jedes Mal wenn der Lautsprecher unter dem eindringlichen, hämmernden Rhythmus erbebt, beobachtet Juan die eng umschlungenen tanzenden Paare. Was für ein sinnlicher Tanz! Wie der Mann seine Knie zwischen die Beine seiner Partnerin schiebt und sie, mit der Hand auf ihrem Rücken, sicher führt. Es scheint nicht so schwer zu sein. Er will es versuchen, schaut sich nach einer Partnerin um. Da sieht er sie. Es ist eine kleine Brünette. Sie gefällt ihm. Mit ihr würde er nicht nur Tango tanzen, sondern auch sein Spanisch üben können.
"Mein Name ist Juan", sagt er. "Darf ich bitten?"
Olga nickt, halb entzückt, halb erschrocken. Juan ist der junge Mann, den sie so nett fand. Wie schade, dass er sie gerade zu einem Tango auffordert.
Er umfasst fest ihre Taille. Jetzt wird energisch in eine Richtung gegangen, eins - zwei - drei - vier. Ein Schritt zur Seite, halbe Drehung und seine Knie fest an Olgas Schenkel gepresst, die vier Schritte, diesmal in die entgegengesetzte Richtung. Das Blut hämmert in seinen Schläfen, rast in seinen Adern, wie er den geschmeidigen Körper so nah dem seinen fühlt, die kleinen spitzen Brüste, die glatte, warme Haut der Innenseite ihrer Beine. Sie soll nicht merken, dass er improvisiert. Wenn sie eine Hiesige ist, muss sie es schon gemerkt haben, denkt er. Er kommt sich ungelenk, tölpelhaft vor.
Olga folgt ihm mit geschlossenen Augen, um ja keinen Schritt, keine Bewegung zu verfehlen. Sie fühlt sich unsicher, beklemmen. Sie stolpert. Er hat so große Füße!
Juan hält inne.
"Entschuldigen Sie, Fräulein", sagt er, "ich kann keinen Tango tanzen".
"Ich auch nicht", erwidert sie.
Beide lachen erleichtert.
"Mir scheint, wir haben nicht nur mit dem Tango Probleme, sondern auch mit unserem Spanisch", sagt Olga auf Deutsch, in ihrem unverkennbaren Wiener Akzent.
Er nimmt sie beim Arm. "Gehen wir", sagt er zu ihr. Auch er spricht Deutsch. Es ist ein anderes Deutsch, das reine Deutsch, das in Norddeutschland, im Hannoveranischen gesprochen wird. Aber sie verstehen sich.
III
Auf diese Weise dauerte die Integration der beiden in ihre neue Umwelt etwas länger. Aber bis ihr erster Sohn geboren wurde, den sie Bartolomé Nahuel nannten, waren sie von der Phase der bloßen Mimikry in die der schieren Metamorphose übergegangen. Sie hatten sich nicht nur eingelebt, sie fühlten, sich dazugehörig, sie waren ein Teil des Landes geworden, wie jene Einwanderer von einst, die zur Besiedlung dieser Breitengrade beigetragen hatten. Und all dies ohne je wieder versucht zu haben Tango zu tanzen. Man muss nicht Tango tanzen, um ein wahrer "porteño" zu sein. Auch muss man nicht schwermütig sein, wie der Tango im Allgemeinen. Es kann jedoch nicht geleugnet werden, dass der Tango eine entscheidende Rolle in ihrem Leben gespielt hat. Dank dem Tango hatten sie sich kennen gelernt. Danke, Tango.
Während der langen Jahre ihres gemeinsamen Lebens, wenn sie bei einer Reise ins Ausland die markante Melodie im Zweivierteltakt vom Rio de la Plata vernahmen, wurden sie nostalgisch, und ihre Herzen überquollen vor Liebe zum neuen Heimatland, das zu erobern ihnen gegönnt gewesen war.
Glücklich die Entwurzelten, die neue Wurzeln schlagen. Glücklich die Heimatlosen, die eine neue Heimat finden. Und glücklich die Kinder wie Bartolomé Nahuel, denn ihnen gehört die Zukunft. Als gebürtige Argentinier können sie sogar Präsident werden. Staatspräsident, versteht sich.
* "porteño"= Hafenbewohner : Einwohner der Stadt Buenos Aires
** Bife: Rindsteak auf dem Rost gebraten
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