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XICöATL: Ausgabe 66
INHALT:
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2. Kompositionswettbewerb XICöATL
WETTBEWERBSBEDINGUNGEN:
BEREICH: a. Komposition für Flöte b. Komposition für Flöte und Gitarre (akustisch) c. Komposition für Flöte und Streichquartett
Elektronische Mittel können eingesetzt werden; in diesem Fall müssen 6 Kopien der entsprechenden CD eingereicht werden. Für die Themenbereiche b. und c. muss/müssen die Kopie(n) der Partitur(en) eingeschickt werden, die sämtliche Instrumente beinhaltet/beinhalten. Die Sieger des Wettbewerbes verpflichten sich jedoch, Aufführungsmaterial des Stückes anzufertigen und dieses bis 15. Dezember 2004 einzuschicken, damit die Werke im Frühjahr 2005 aufge-führt werden können. Die eingereichten Werke dürfen weder bereits für eine Uraufführung angenommen, noch öffentlich aufgeführt oder anderweitig prämiert worden sein.
THEMA: Die Kompositionen müssen auf der klassischen oder experimentellen lateinamerikanischen Volksmusik basieren oder mit ihr in Verbindung stehen.
DAUER DER WERKE: Jedes eingereichte Werk darf höchstens 30 Minuten dauern.
ANLAGEN: Die Teilnehmer müssen eine kurze Beschreibung des Motivs, seines Ursprungs, der Quellen, der verwendeten Techniken, die Verbindung mit dem lateinamerikanische Kultur und/oder andere Erklärungen über das Werk im Umfang von höchstens 1 Seite beilegen. Dieser Text wird dann als Programmnotiz verwendet.
Senden Sie uns bitte SECHS KOPIEN des Werkes und SECHS KOPIEN der erklärenden Anmerkung unter Verwendung eines Pseudonyms oder eines Kennwortes. In einem ver-schlossenen Kuvert fügen Sie bitte die persönlichen Daten (Adresse, Telefon- und Fax-nummer, E-Mail, und Foto wenn möglich) sowie einen kurzen Lebenslauf bei. Die Partitur samt den erforderlichen Anhängen kann auch (in separaten Dateien) im PDF-Format via e-mail an folgende Adresse gesandt werden: concurso@euroyage.net
EINSENDESCHLUSS: 30. August 2004.
Die Werke mindestens der 3 Gewinner werden im Frühjahr 2005 im Rahmen des 29. INTER-NATIONALEN FESTIVALS ZEITGENÖSSISCHER MUSIK "ASPEKTE" in Salzburg aufge-führt. Eingesandte Materialien werden nicht zurückgeschickt.
PREISE: 1. PREIS: 1500 Euro 2. PREIS: 1000 Euro 3. PREIS: 500 Euro Ehrenurkunden für die besten Werke. Die Ergebnisse werden im Heft Nr. 70 des lateinamerikanischen Kulturmagazins XICöATL (Jän-ner/März/2005) und in der Zeitschrift für zeitgenössische Musik "AROVELL" bekannt gegeben
Schicken Sie die Kopien sowie die erforderlichen Anlagen an: WETTBEWERB XICöATL Moosstrasse 7/18 A-5020 SALZBURG Oder an: concurso@euroyage.net
Der zweite Kompositionswettbewerb XICöATL "Ziehender Stern" wurde ermöglicht durch die Unterstützung von:" Landesregierung Salzburg Magistrat Salzburg Verein ASPEKTE SALZBURG YAGE, Verein für lateinamerikanische Kunst, Wissenschaft und Kultur
Die Mitglieder der Jury sind: KLAUS AGER (ÖSTERREICH) LINDA WETHERILL (USA) JUAN MARÍA SOLARE (ARGENTINIEN) KAI RÖHRIG (DEUTSCHLAND) JOANNA KAMENARSKA (BULGARIEN)
Raúl Villalba oder die Kunst, den Dingen Leben einzuhauchen - Walkala
Walkala (Luis Alfredo Duarte-Herrera) absolvierte sein Studium der Rechts- Sozial- und Politikwissenschaft an der Staatsuniversität von Kolumbien. Seit Juni 1989 lebt er in Salzburg. 1992 gründete er in Österreich YAGE, Verein für Lateinamerikanische Kunst, Wissenschaft und Kultur und das dreisprachige Kulturmagazin XICöATL „Ziehender Stern“ (siehe www.euroyage.com). Im März 1995 hat die Künstlerkommission (gem. §194, abs.2 GS VG) des Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst, seinen Status als Freiberuflicher Bildender Künstler (Design und Malerei) in Österreich anerkannt. Für YAGE und Ziehender Stern fertigte er mehr als 1000 Tuschzeichnungen und Illustrationen an, schrieb zahlreiche Artikel und leitete mehrere Kulturprojekte, u. a. in Bereich Literatur, Musik und Fotografie. Seit 1993 fanden zahlreiche Ausstellungen von Walkala, hauptsächlich in Österreich, Deutschland und der Schweiz statt.
Raúl Villalba oder die Kunst, den Dingen Leben einzuhauchen
"Man fragt mich immer, wie die Ideen zu meinen Fotografien entstehen - gerade so, als gäbe es nur einen einzigen Weg. Ich weiß es wirklich nicht. Jeder Fall liegt anders. Ich habe mich ganz besonders der künstlerischen Fotografie gewidmet, weil ich glaube, sie erlaubt mir, meine ganze kreative Fähigkeit heraus zu lassen. Es gibt keine Techniken, es gibt keine Regeln. Ich kann nicht sagen, dass ich einem Weg folge, um etwas zu schaffen. Ich gehe, wohin meine Gefühle mich leiten. Vielleicht ist die einzige Konstante, dass ich in einem halb bewussten Zustand arbeite. Ich mache, was ich fühle, ohne es mir lange zu überlegen, ohne mir Grenzen zu setzen. Aber darin liegt nicht das Wichtigste.... Ich glaube, das Grundlegende ist, das Bild zum Leben zu erwecken. Erst wenn dieser Schritt von vitaler Bedeutung getan ist, meine ich, dass mein Werk einen Sinn hat". Raúl Villalba
Raúl Villalba ist meiner Meinung nach im Wesen ein Magier, Zauberer oder Schamane, wie auch immer Sie es zu nennen belieben, einer dieser wenigen Auserwählten, welche die erhabensten und begnadetsten Götter, die diesen wunderbaren Kontinent, Amerika genannt, beschützen, um sie mit all der überbordenden Kraft ihrer allmächtigen und nicht selten absurden Vorzüge zu überschütten. Die Vitalität, von der dieser Mann durchströmt ist, ist so groß, dass er sich mit seinem Werk den Luxus erlauben kann, in das Leben einer/ eines jeden von Ihnen einzutreten, ohne an irgend eine Tür klopfen oder um Erlaubnis für irgend etwas bitten zu müssen, um in der Psyche selbst der Widerspenstigsten oder der verstocktesten BilderstürmerInnen seine Zeit einzurichten, seinen Raum einzunehmen und seine Fantasien und Visionen zum Leben zu erwecken, und dabei lässt er Botschaften einfließen, die nur aus dem vielgestaltigen Mark eines so üppigen und dynamischen Territoriums wie des unseren hervor sprießen können.
Diese gezierten Götter, von denen ich Ihnen erzähle, legten schon vor einigen Jahrzehnten ein Spielzeug in seine Hand, das sich Fotoapparat nennt, und sie flößten seinem Willen die feste Entschlossenheit ein, mit diesem Gerätchen zu experimentieren. Persönlich glaube ich, dass die größte Fähigkeit Villalbas in der Leichtigkeit liegt, eine Konstante, die sich deutlich in all seinen Kompositionen zeigt, ein Attribut, durch das es ihm gelingt, der/ dem BeobachterIn die Essenz der einzelnen Wahrnehmungen zu vermitteln, die dem Künstler ganz klar inne wohnen. Es handelt sich um eines ätherisches Gleichnis, von einer Ecke eines riesigen Universums baumelnd, mit Kontrasten durchzogen, die sich gegenseitig erleuchten, häufig von ihrer eigenen Dunkelheit ausgehend; ungleiche Stoffe, die einander berühren, die einander liebkosen ohne aneinander zu stoßen, ohne irgend eine Art Lärm oder Schrillheit; Welten, die durch die Launen eines Künstlers miteinander in Kontakt treten, wobei jede einzelne ihre Eigenheiten und die ihr inne wohnende Harmonie beibehält; Objekte, die überlagert, ineinander gelagert, endlich mit Leben erfüllt werden und gemeinsam vor der / dem BetrachterIn die Seele dessen enthüllen, der ihnen ihre magische Einheit und Transparenz eingehaucht hat.
Ich glaube auch, dass der grundlegende Geist, den Villalba in seinen Werken widerspiegelt, auf irgend eine Weise mit dem indigenen Geist verbunden ist, in dem Sinn, dass er diesen Terminus verwendet, wenn es darum geht, die Beziehung des Menschen mit den Dingen der unveränderten Natur darzustellen, das heißt, den Geist eines unendlich in sie eingebetteten und glücklichen Wesens, geblendet von seiner unendlichen Größe, Vielfalt, Buntheit, Mannighaftigkeit von Beschaffenheit und Formen. Ein Wesen, das die Natur dermaßen tief respektiert, dass es sie fast vergöttert, ein Wesen, das sie assimiliert, sich mit ihr identifiziert und sich in ihr nur als ein weiteres, ein unerschütterliches und nicht erschütterndes Element fühlt, ohne jegliches Besitzverhältnis, das sie durcheinander bringen und so die Freiheit untergehen lassen könnte, mit welcher Natur und Mensch in dieses Universum gestellt wurden. Gleichzeitig schimmert ein über die Beziehung zwischen diesen beiden in der heutigen Welt zutiefst besorgtes Wesen durch.
Von dieser Vorstellung ausgehend, die einfach und tief und heutzutage in einer von plumpen spirituellen und materiellen Ketten bevölkerten Welt fast verschüttet ist, führt Villalba die Betrachterin / den Betrachter durch seine magische Linse in die Einfachheit und Schönheit der Natur und ihrer Phänomene ein: den weiblichen Körper, das Licht, die Blumen, die Steine, den Himmel, den Sturm, das Meer, die Wurzeln eines Baumes, die Farbe, die Vögel, die Wolken, den Herbst und seine Blätter, die Fische... und inmitten dieser sorgfältig ausgewählten Elemente pflanz er eine Reihe von Objekten auf, die der menschliche Geist und menschliche Hände hervorgebracht haben: Gebäude, Uhren, Türen, Barkassen, Regenschirme, Fahrräder, Dome, Fischernetze, Fenster, Hüte, Klaviere....
Bis hierher geht der handwerkliche - nennen wir ihn so - der fein ausgearbeitete Teil seines Werks. Dann wirft sich Villalba, ausgehend von der sorgfältigen Kombination einiger dieser Elemente, in das Abenteuer, diese Objekte mit der Kraft und Vitalität seiner Botschaft auszustatten und sie derart auf eine künstlerische Dimension zu erheben, indem er ihnen das einhaucht, was er selbst Leben nennt.
Und so legen sich die Frauen seiner Fotos verträumt und glatt auf das Laub der Wälder, sie lehnen sich halb entblößt an die Wurzeln der Bäume, sie betrachten neugierig die Landschaften mit Schmetterlingsflügeln, sie recken ihre Hände in den Himmel oder streicheln Gegenstände, sie schweben als Sirenen verkleidet in den Lüften, sie setzten sich nachdenklich oder posieren rebellisch auf oder vor irgend einem Element, das ihnen die erfinderische Laune des Künstlers als Verzierung schenkt. Seine Uhren, von tiefgründiger Symbolik strotzend, erscheinen im Hintergrund, riesig, breit gezogen, gealtert, fremd, unverstörbar, Zweifel anzeigend. Die Gebäude und Ikonen der Industriegesellschaft, die Villalba benützt, erscheinen im Hintergrund seiner Werke, manchmal veraltet, abgerissen, bedrängt, vom Gebrauch zerfressen, schwankend, auf der schiefen Ebene, die ihnen der Künstler als Untergrund auferlegt, die sie Wesen gleichen lassen, wie sie aus schrecklichen Albträumen entsprungen sein können; dann wieder erscheinen sie in aufgezwungenen Perspektiven, die ihnen einen formalen Hochmut, eine fragile und beunruhigende Herrschaftlichkeit verleihen, wobei dies entweder auf diejenigen übergeht, die sich davor stellen, oder beherrscht von anderen Elementen oder Figuren, die den Vordergrund einnehmen. Villalbas Himmel sind von einer überwältigenden, beeindruckenden Kraft erfüllt. Hinten ziehen die Wolken unruhig und beunruhigend hin und her, als wären sie enorme lebendige Massen, beladen mit guten und schlechten Vorhersagen... selbst bleiben sie leise und mahnend, in die Botschaften eindringend, die Bilder von einer gespannten Ruhe überströmend, dieselbe, wie sie einem Sturm vorangeht, diesem göttlichen Phänomen, das jene Segnung des Himmels bringt, die sich Regen nennt, welcher gleich seinem Bruder, dem Feuer, alles zu reinigen pflegt. Und um diese danteske Stimmung zu entspannen, setzt Villalba fast immer eine schüchterne, Hoffnung spendende, leuchtende und erleuchtende Sonne in die Mitte dieser Himmel. Weitere Elemente, die Villalba häufig in seinen Fotografien einsetzt, sind Türen und Fenster, die die / den BetrachterIn ständig an die brüchige Grenze zwischen dem Existenten und dem Erträumten, zwischen der Fantasie und der Wirklichkeit erinnern, eine Vorstellung, die ständig auf dem ganzen Werk dieses originellen Schöpfers lastet.
Das Spiel mit der Farbe ist ein weiterer wichtiger Faktor in der künstlerischen Sprache Villalbas. Jedes der Elemente seiner Fotografien besitzt die Farben, die seine Stellung in der Komposition und seine Bedeutung hervorheben: manchmal sind sie dicht und dunkel, bei anderer Gelegenheit transparent und fließend, dann wieder pastellfarben oder leuchtend, je nachdem, wohin Villalba die Stimmung der / Betrachterin / des Betrachters lenken will.
Ohne jeden Zweifel wurde Raúl Villalba die Gnade zuteil, in seinem fotografischen Werk jenen großen und vielfältigen Geist widerspiegeln zu dürfen, der die Gebiete Amerikas umkreist, so wie es im Laufe unserer Geschichte viele andere Erleuchtete unseres Kontinents auf vielen kreativen Gebieten gemacht haben. Und seien Sie versichert, es war mir eine Freude, meine Wertschätzung dieses sensiblen Wesens, dieses Schamanen, mit Ihnen teilen zu dürfen, der von nun an irgendwie auch Ihren Geist umkreisen wird.
Walkala
www.walkala.eu
Gedichte - Lina Zerón
Lina Zerón, Mexikanerin, wurde 1959 geboren. Sie gibt die Online-Zeitschrift Entreamigos heraus, die sich mit Dichtkunst beschäftigt(www.entreamigos.com.mx). Von ihr wurden 6 Gedichtbände und 2 Romane veröffentlicht. Ihre Gedichte sind in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. Sie hat in Europa und in Amerika Lesungen gehalten und wurde für ihre Gedichte und ihre Kulturarbeit mit zahlreichen Preise und Anerkennungen ausgezeichnet. In ihrer Heimatstadt Tlalnepantla wurde sie zur "Frau des Jahres 2002" gewählt. Sie arbeitet als Kulturjournalistin für die mexikanischen Tageszeitungen El Financiero und Excelsior.
SAG MIR, AMOR
Was wirst du tun? Wenn ich ohne dich die Raserei der Nacht überlebe, und nackt, im Kugelhagel, dieses Minenfeld der Erinnerungen durchschreite, wenn ich in der Wüste einen Brunnen der Liebe entdecke und alleine daraus trinke, am Schöpfrad der Sehnsucht.
Was wird geschehen, amor? Wenn meine Beine sich abmühen, deinen Schritten zu folgen und meine Hände sich plagen, Blätter im Wind zu fangen, wenn ich Gewitterwolken in Nieselregen verwandle und geteilte Wogen in einen herrenlosen Orkan. Wenn meine Stimme im Halbdunkel wiederholt, dass ich dich liebe und deine Küsse alles sind, was ich will.
Wenn ich deinen Namen suche, in dem Traum, der verblasst und deinen Veilchenduft im Schlaf Wenn deine Lippen die Reife meiner Meere kosten und vor Zärtlichkeit verstummen und die Möwen das Geheimnis entdecken, das uns vereint und vor lauter Liebe im Flug erstarren.
Was hätte ich davon? Abenddämmerungen am Diwan deines Schoßes festzunähen, mich anzubieten, die Nostalgie unter Küssen zu verschlingen, während ich Wirbelwinde in meinem Herzen bezwinge Wenn ich mein Gesicht auf dem Markt als Spiegel verkaufte und dein Abbild ins Herz meiner Eingeweide malte damit dieses Gedicht all die Qualen ertragen kann.
Wie soll ich weitermachen? Jetzt, wo die Abwesenheit die einzige ist, die Liebe empfindet in dieser gefrorenen Einsamkeit der Seufzer. Wenn es außer meiner Seele keine Wüsten und Regenschauer mehr gibt und die Erinnerung an dich Dunkelheit ist, die über meine Augen gegossen wurde.
Sag mir, amor, wie ich dich zurückgewinnen kann...! Vielleicht indem ich meine Haut über alle Wege verstreue Bis ich ein Leichnam bin, vermischt mit deinen Knochen.
EIN GROSSES LAND
Ich lebe in einem Land, das so groß ist, dass alles weit entfernt ist... Bildung, Nahrung, Wohnungen.
So groß ist mein Land, dass die Gerechtigkeit nicht für alle reicht.
Lina ZERÓN Tlalnepantla - MEXICO
Übersetzung: Anna FUCHS
MAULBEERFARBENE SCHMETTERLINGE
Ich war Samen der Sonne, in die Erde gepflanzt Geboren aus einem Regensturm Zwischen Sternenstaub und Farbengetöse.
Ich wollte als Schmetterling geboren werden, als Adler, und dass mir goldene Federn wüchsen Aber ich wurde als Feigenbaum geboren, mit riesigen Wurzeln und mir wuchsen Zweige und aus den Zweigen Blätter und an der Rinde bekam ich Augen.
Aus den Blättern trieben Tauben hervor Und meine roten Finger wiegten Seufzer Und meine Hände fächelten Finsternis Und ich kostete den Apfel des Paradieses.
Ich lernte den Geschmack des Blutes kennen Und meine Knochen stachen Und ich lernte mit meinem Schatten zu weinen Und das Kreuz der Frucht Marias zu tragen Aber ich kostete auch den heiligen Rosenhonig Und vom Fleisch des Lammes Und in meinen Adern floss jungfräuliches Blut Und zwischen meinen Beinen der Saft Adams.
Mein Bauch brachte maulbeerfarbene Schmetterlinge hervor die ich mit reinem Bienenmark ernährte und ich wurde zur Ulme um die Früchte zu verteidigen und weder Dürre noch Unwetter konnten meinen Stamm aus der Erde reißen.
Viele Frühlinge mit ihren Wintern sangen, die Feigen wurden reif und fielen ins Leben und vergaßen diesen Baum und meine Zweige blieben nackt zurück.
Ich hörte auf, Feigenbaum und Ulme zu sein, und mir wuchsen Flügel und auf den Federn Farben und auf den Farben Wasser und ich wurde zum Fliegenden Fisch.
Meine Tränen benetzen die Schuppen und Seufzer lassen meine Flügel fliegen wenn ich die Samen sehe, die meine Früchte hervorgebracht haben.
Ich bin glücklich, als Feigenbaum geboren zu sein, zur Ulme geworden und jetzt Fliegender Fisch zu sein ohne sicheres Nest und ohne Ketten.
Adresse: Bosques de Chiapas # 122, J. Santa Mónica, cp. 54050, Tlalnepantla - MEXIKO E-Mail: amigos@entreamigos.com.mx
Der Doktor - Alejandro Irurita Guzmán
Alejandro Irurita Guzmán wurde am 15 Juli 1957 in Cali, Kolumbien, geboren und lebt seit 1992 in Österreich. Er absolvierte ein Romanistik-Studium an der Universität Wien und ist Lehrer für Spanisch und Italienisch. Er ist Mitbegründer der Asociación Latinoamericana de Autores de Austria (ALA) (Verein Lateinamerikanischer AutorInnen in Österreich). Seine Schriften wurden in Fachzeitschriften und Anthologien veröffentlicht.
Der Doktor
Als sie mir den enormen Nagel ihres rechten Daumens zeigt, erzählte sie mir, was ihre Arbeit war. Es war kein normaler Fingernagel. Er war dick, gänzlich bernsteinfarben und die Spitze war von einem dunklen Violett. Jeder würde denken, Amalia hätte sich mit einem Hammer den Finger verletzt, als sie einen Nagel einschlagen wollte, aber es war nicht so. Als ich ihren Finger das erste Mal sah, sagte sie mir: "Ich bin Amalia und ich arbeite im Haus der Señoras Fleck: Patricia und Leopoldine Fleck.". "Mit diesem Fingernagel löse ich die Haut von den Weintrauben", sagte sie weiter, während mein Blick von einem Gemälde des Museums auf ihre Fingerspitze wanderte.
Die Klimt-Ausstellung war hervorragend. Aber die Geschichte, die von diesem Fingernagel ausging, war wirklich faszinierend. Ihre Arbeit bestand darin, die Haut von jeder Weintraube herunterzuziehen, sie danach in zwei Hälften zu teilen und schließlich die Kerne zu entfernen. Jeden Tag derselbe Ablauf, auch mit anderem Obst, jeden Tag zur Frühstückszeit. "Zum Glück verreisen die Flecks häufig und frühstücken einige Wochen nicht zu Hause", hörte ich sie mit gedämpfter Stimme sagen. Sicher war sie sehr müde. Sie sagte, dass die Haut der Trauben bernsteinfarben war und dass sie niemals in ihrem Leben so große, süße und saftige Weintrauben gesehen habe. "Sicher sind es argentinische", sagte ich zu ihr und betrachtete weiter die Gemälde. Aber ich konnte mich nicht mehr auf die Kunstwerke konzentrieren, denn sie begann mir zu erzählen, dass der Doktor vor zwei Wochen den Wohnsitz der Flecks besucht habe und dass sie mehr Trauben schälen musste als gewöhnlich. Plötzlich spürte ich, dass Amalia die Geschichte mit mir teilen wollte und hatte den unbändigen Wunsch, mir jedes Detail genau einzuprägen; "Der Doktor?, Wer ist der Doktor?", fragte ich. "Doña Patricia sagte mir, dass er Doktor der Medizin sein, aber sie hat mir seinen Namen nicht genannt, deshalb nenne ich ihn den Doktor.", antwortete sie mir mit einem Gesicht, das wie vor Freude über eine angenehmen Erinnerung leuchtete. Zuerst dachte ich, dass die Flecks krank wären, aber dies war nicht der Grund für den Besuch des Doktors. Wir liefen weiter die Gänge des Museums ab und ab diesem Zeitpunkt weder konnte noch wollte ich sie mehr unterbrechen.
"Doña Patricia spricht besser Spanisch als ihre Mutter Leopoldine, deshalb war sie es, die mir erklärte, wie ich mich um den Doktor kümmern sollte. Der Doktor kam am Mittwoch in einem Taxi an und ich fragte ihn: ‚Sind Sie der Doktor?', er nickte und ich, ich weiß nicht warum, machte eine Verbeugung und nahm ihm sofort die Koffer ab. Wie mir die Hausherrin angeraten hatte, zeigte ich ihm das Esszimmer und sein Bett. Die Señoras Fleck waren nicht zu Hause, sie waren verreist und hatten Lolita mitgenommen. Genau an diesem Tag rief mich mein Mann von Spanien aus an und sagte mir, dass er es dort nicht mehr aushalte, dass er keine Arbeit fände, dass er auf der Straße schliefe und dass er vorhabe, möglichst bald in sein Kolumbien zurückzukehren. Als ich auflegte, fühlte ich mich einsamer denn je zuvor, aber es erleichterte mich der Gedanke, dass meine Töchter nicht mehr allein sein würden. Der Doktor ist um die 50 Jahre alt und hat sich gut gehalten, er ist schlank aber kräftig, seine Bewegung ist jugendlich wie die eines Fohlens. Ich erinnere mich, dass er am Donnerstag wie verrückt etwas in der Küche gesucht hat. Ich konnte nur Spanisch mit ihm sprechen und ihm nicht gut behilflich sein. Schließlich öffnete ich alle Schubladen in der Küche und er fand die Süßigkeiten, die er wollte. Es war in diesem Moment, als ich sein Lächeln kennenlernte. Auf einem der Tischchen im Wohnzimmer stand ein Bild von einem Jungen. Er zeigte darauf und fragte etwas. Ich wiederholte viele Male auf Spanisch das Wort Enkel, Enkel, Enkel.. aber er verstand mich nicht, sodass ich schließlich verzweifelt den Namen Leopoldine, Leopoldine, Leopoldine mehrmals aussprach... und es schien, dass er verstand. Ich wusste es, weil er mir wieder sein Lächeln zeigte. Der Doktor nahm niemals seine blaue Krawatte mit den gelben Pferdchen ab. Er sah immer sehr elegant und energiegeladen aus. Als die Señoras mit Lolita ankamen, begrüßten sie zuallererst den Doktor. Ich sah, wie sie sich vor Freude fast überschlugen; die drei wackelten anmutig mit ihren Hinterteilen. Ich habe Doña Leopoldine wirklich nie zuvor so begeistert gesehen. Am Samstagnachmittag trat der Doktor zuerst in das Zimmer von Doña Patricia. Dort verbleib er fünfzehn Minuten, dann ging er weiter zu Doña Leopoldine. Ich erinnere mich, dass diese Señora nach ungefähr zehn Minuten begann, laut ja ja ja ja zu sagen… ich weiß nicht, aber wahrscheinlich hatte sie schon genug. Schließlich kam er in mein Zimmer. Er zeigte auf meinen Nagel, ich erklärte ihm, wofür er gut war. Danach blieb er ungefähr zwanzig Minuten bei mir." "Ich glaube, dass die Señora etwas zugestimmt hat", unterbrach ich sie. "So sagt man das auf Deutsch... ja." "Jetzt verstehe ich!", sagte sie begeistert. "Was ist dann passiert?", fragte ich, als wir schon das Museum verließen. Amalia schwieg einige Minuten lang, doch dann erzählte sie plötzlich weiter.
"Am Montag reiste der Doktor ab. An diesem Tag stand ich um halb sieben auf, um ihm rechtzeitig die schön geschälten Weintrauben servieren zu können. Er aß auch den Rest des Obstes, eine Scheibe Brot mit Butter und Marmelade und trank eine Tasse Tee. Als ihn der Fahrer abholen kam, brachte ich den Koffer aus seinem Zimmer herunter. Alle liefen wir, um uns von ihm zu verabschieden. Die Señoras waren in Tränen aufgelöst. Eine von ihnen sagte zu mir, dass der Doktor wie immer in sechs Monaten wiederkäme, ich sollte mir keine Sorgen machen. In diesem Moment wedelte Lolita mit dem Schwanz und gähnte gelangweilt." Dann verschwand Amalia nach und nach zwischen den Touristen.
Alejandro IRURITA GUZMÁN Kolumbien/Österreich
Übersetzung: Miriam EBERHERR
Adresse: Ganglbauergasse 21-23 / 2 / 9, 1160 Wien - ÖSTERREICH E-Mail: aliru@aon.at
Gedichte - Gun Margret Forss- Daublebsky
Gun Margret Forss wurde 1920 in Helsinki geboren und gehört zur schwedischsprachigen Minderheit in Finnland. Seit 1943 lebt sie in Pyrwang, einer Ortschaft am Donauufer in Oberösterreich. Unter ihren literarischen Veröffentlichungen sind 4 Gedichtbände ("Aufbruch", "Weit sind die Wege", "Wie die Wolken windgetragen" und "Der Morgenröte entgegen"), 2 Bücher in Prosa ("Andreas und das Bild" und "Gesang der Trolle") sowie Theaterstücke ("Die Frostblume" und "Alles") zu finden. Außerdem veröffentlichte sie Übersetzungen aus dem Schwedischen und dem Finnischen in verschiedenen Anthologien und literarischen Zeitschriften. 1989 erhielt sie den Übersetzerpreis Wystan Hugh Auden. Die präsentierten Gedichte stammen aus ihrem Buch "Wie eine Perle", Edition MOSAIC; Wien 1999.
DAS WORT
Urlaut der Schöpfung im Rauschen der Wasser im Bersten der Berge und Dröhnen der Stürme überall schwingt dein Widerhall.
Suchend und harrend in formloser Sehnsucht entstiegst du der Kehle des Tierisch-Beseelten bis dir der Mensch das Wort gebar.
Kraft ohne Grenzen wie klingende Schwerter so scharf und so schneidend so schön und gefährlich brichst du aus jeder Zeit hervor.
Du nur vermagst es die Welt zu umspannen du schlägst deine Brücken und öffnest die Schlünde wo das Verlorene friedlos ruht.
Völker verschwinden und Reiche vergehen die Bauten zerfallen die Hände errichtet bleibend ist nur des Wortes Macht.
Du baust die Dome, die uns überdauern mit Steinen aus Urzeit und Fenstern ins Jenseits während die Schöpfung staunend lauscht.
DIE REVOLUTIONSETÜDE VON CHOPIN
In schwarzem Kleide mit blutrotem Schleier vom Leid zu Leide stürmt der Befreier. Die Revolution aus Not geboren dem Tod erkoren ewige Illusion! Siehst du, hörst du: wie sie brodelt in der Masse wie sie wächst vom Zorn zum Hasse aus der Knechtschaft hoch sich bäumt bis sie rasend ohne Halt alles wegfegt mit Gewalt. Schrecken folgt ihr, Mord und Raub alles tritt sie in den Staub
FLÜCHTLINGSSCHICKSAL
Verlassen, elend und allein verlorst du deinen Mut. Das Leid brach über dich herein wie eine dunkle Flut
und schwemmte weg den letzten Rest an Hoffnung und Vertraun und griff um sich wie eine Pest voll Bitternis und Graun.
Die Furchen tiefer Seelennot zerschnitten dein Gesicht und immer näher kam der Tod und dann erlosch das Licht.
Dein Geist zerbrach an diesem Leid das unterging im Wahn. Nun hütet die Vergessenheit was man dir angetan.
FINNLAND
Du Land im Norden, meine ferne Wiege wie schön sind deine meilenweiten Wälder und deine Seen die den Himmel widerspiegeln. Die Einsamkeit hat sich hierher zurückgezogen und hütet deine alten Mythen unter dunklen Bäumen. Der Zauber deiner hellen Sommernächte wenn letzte Sonnenstrahlen sanft verglühen und in den Wolken golden spielen beschwört die Märchen aus den Kinderträumen. Dein Meer, das singend deine Inseln wiegt wie schimmert es smaragdengrünblau wie Saphir an klaren Sommertagen. Und deine Berge aus Granit sie gaben deinem Volke seine Härte daß keine Schicksalsschläge es vernichte den zäh wie der Wacholder der aus den Felsenspalten kraftvoll strebt ist auch sein Lebenswille. Du Land im Norden, meine ferne Wiege die Nabelschnur ist niemals abgerissen noch pocht dein Blut in meinen Adern.
Adresse: Pyrwang 33, 4092 Esternberg - ÖSTERREICH E-Mail: amigos@entreamigos.com.mx