XICÖATL 65

 

XICöATL

XICöATL: Ausgabe 65

XICöATL Nr. 65, Oktober/Dezember 2003
XICöATL 65

INHALT:

  • Lyrik: Gedichte. Gerson Valle
  • Chile 11.9.1973: Ein Anfang und ein Ende. Joan Jara
  • Erzählkunst: Der Vierfüßer. José Rafael Aguirre Sepúlveda
  • Essay: Maximiliano Kosteki: der Künstler, der keiner sein durfte. Luis Alfredo Duarte-Herrera.
  • Essay: Nach Westen blickend, am Bahnsteig 3. Eduardo Coiro
  • Österreich: Gedichte. Wolfgang Ratz

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Lyrik 
Gerson Valle

Gedichte - Gerson Valle

Der brasilianische Jurist Gerson Valle lebt in Petrópolis. In Frankreich, Portugal und den Niederlanden absolvierte er Postgraduiertenstudien in Internationalem Recht, war Universitätslehrer und zwischen 1979 und 1995 Geschäftsführer der dem Kultusministerium unterstellten staatlichen Kulturstiftung FUNARTE. In den letzten Jahren widmet er sich vermehrt seinem künstlerischen Schaffen, er schrieb Gedichte und Novellen sowie Literaturkritik. Seine Bibliographie umfasst etwa 300 Titel in verschiedenen Periodika, vor allem Artikel, Chroniken, Erzählungen und Poesie. Seit März 1998 gehört er dem Herausgeber-Beirat der Zeitschrift "Poiésis - Literatura, Pensamento e Arte" an. Neben Juridica erschienen von ihm folgende Gedichtbände: "Confetes de Muitos Carnavais" (Konfetti vieler Karnevals), im Selbstverlag, 1982; "Passagem dos Anos" (Im Lauf der Jahre), Editora Pirata, Recife, Pernambuco, 1984, und "Aparições" (Erscheinungen), Poiésis, 2001.
Er übersetzte die "Legenden" des spanischen Romantikers Gustavo Adolfo Bécquer und schrieb die Einführung zu der von ihm besorgten Ausgabe ("Lendas", Poiésis, 1997). Schließlich ist er Autor der Biographie "Jorge Antunes, uma Trajetória de Arte e Política" (J.A., ein Leben zwischen Kunst und Politik), editora Sistrum Ltda, Brasília, Januar 2003 und der Novelle "Os souvenirs da prostituta", (Die Souvenirs der Dirne) Posto Seis, 2003.
Zahlreiche seiner lyrischen und dramatischen Werke sind vertont, die meisten davon wurden mehrmals aufgeführt und publiziert. Gerson Valle arbeitete dabei mit den Komponisten Jorge Antunes, Odemar Brígido, Ernani Aguiar, Guilherme Bauer und Ricardo Tacuchian zusammen. Ein Theaterstück für Kinder, "Dança das Árvores" (Tanz der Bäume) hatte 2001 in Petrópolis Premiere.

Spiegelbild

In Gedanken bei dir, so schrieb ich
den Text zu einem sentimentalen Lied.
Er beginnt und endet auf Punkt und Strich
wie das Sonett, das sich hier vollzieht.

Fest hielt ich in Worten, das was ich sah
wie sich das Bild eines Ausdrucks erstreckt,
das Gute und Schlechte mitsamt dem Rest,
seis, dass ich phantasiere, seis dass es sich deckt.

Mag sein, dass mein Singen nur sanft widerhallt
von deinem Leib, doch er gewinnt Gestalt
wenn ich dein Spiegelbild forme in einem Zug.

Vielleicht wirst du, wenn mein Denken dich malt,
erst geboren, und ich bin entrückt nur im Flug...
doch im Gedanken an dich gewinnt alles Zusammenhalt.

Aufbewahrtes

In einem Photoalbum
das ich im Schrank verwahre
ist ein Bild, das zeigt mich
nicht so, wie ich bin.

Vielleicht handelt es sich um einen von der Kamera festgehaltenen Traum, einen Augenblick, in dem das Bild ohne meinen Körper existierte oder mein Denken frei umherschweifte. Ich weiß nur, dass ich auf ihm bin, ohne mich an meine durch nichts zu kaschierende Haltung zu erinnern, sozusagen seiend, ohne zu sein.
Eines Tages verschwand ich
aus der Welt und aus mir.
Dann sah ich mich wieder
in der Stunden Abwesenheit
als meine eigene Erinnerung -
bloß eine Metapher.
Wo mag wohl mein Ich sein,
und wo mein Es?
War ich denn etwa
ganz ohne Grenzen?

Hatte ich geschlafen und war im Schlaf durch die abstrusen Winkel eines Alptraums geirrt? In unwahre Räume gelangt? Hatte ich mich meiner ererbten Züge entledigt? War ich in einem Anflug von Magie durch einen seltsamen Photoapparat verschluckt worden? Oder hatte ich bloß auf einer Parkbank gesessen,
und nichts war geschehen,
was einer Erinnerung lohnte? (Sind denn Photoapparate imstande, Bilder von etwas festzuhalten, das für uns nichts Beeindruckendes an sich hat?)
Manchmal möchte ich dem Album einen Streich spielen, wenn ich es gedankenlos zur Hand nehme. Wer weiß, vielleicht würden dann diese Begegnungen mit altbekannten Posen ein Ende haben. Und aus dem höchst seltsamen Photo von einem Ich, das ich nicht bin, weder hübsch noch hässlich,
verschwände der Zauber, den es anfangs hatte.
(Sind diese Photos jederzeit sichtbar? Sieht man sie sogar dann, wenn der Schrank versperrt ist, erstarrt und gebannt? Gebannt wovon? Wenn doch niemand sie ansieht, in ihrem Ausdruck von Überraschung einer einzigen, endgültigen Aufnahme ...?)

Am tiefsten Grund des düsteren Schrankes versteckt man Träume und verewigt das Leben, das sich in Leichen verborgen hält. Meine Vergangenheit, die dort aufbewahrt liegt, erinnert mich an jene seltsame, längst vergessene
Köperhaltung,
Sollte jener, der da ich da war, mein nie geborener Bruder sein? Ein Modellschiff, in eine Flasche gesiegelt? War unter jenem Gewand dieselbe Haut, die ich kratze und wasche? Meine Augen lösen sich von einer flüchtigen Vision, doch sie werden -
das lässt mich erschrecken -
für immer und ewig vom Filter der Linse festgehalten....

Vielleicht machen die Photos in ihrer Gleichgültigkeit die Verblüffung über jeden Augenblick des Lebens der ganzen Menschheit gegenwärtig ... Ich lasse sie lieber unberührt im Schrank, in der sorgenfreien Stummheit, ohne bohrende Fragen, verrückten Tango oder Scharfsicht. Und jene Gestalt,
deren Bild
mein Gespenst ist, soll mein Profil einer anderen Ebene einschreiben....

Metaphysischer Schmerz

In meinen Leib drang ein Schmerz,
jeder Tag eine neue Etappe
auf dem Weg dahin, was ich bin.
Bald sticht er in der Milz,
bald in der Wade,
dann in den Rippen...
Sein unberechenbares Wandern
raubt mir den Schlaf.
Könnt ich doch wenigstens in seiner Unstete
einen fortlaufenden Weg erkennen,
wenn er etwa im kleinen Finger ist,
gewiss sein,
dass er als nächstes
aus mir heraustreten wird
und ich dann wieder
atmen kann wie jemand, der
nichts weiß von der Luft, die ein- und austritt
durch die Nasenlöcher, von Winden, von Vor-
teilen eines Lebens ohne bewusstes Spüren...

Ludwig van Beethoven

Ein Mann weint nicht
und lacht nicht laut.
Das innere Tier
schafft wie rasend;
die strenge Miene
ist körperlos
während der Geist
das Leben erzeugt.

An Eindrücken braucht er nur wenig,
die Hände hinterm Rücken verschränkt, im Wind von Wien,
geht er beim Leiden in die Lehre,
aus dem, was er an Schöpfung sah und erlauschte,
entsteht in seinem Hirn ein nie gehörter Klang.
Alles ist schon vorhanden, da braucht es wenig Schule,
es gilt nur, sich gegen der Moden Torheit zu wappnen
ein unverwitterbarer Fels zu werden,
und bloß zu hören, was die innere Stimme aufträgt.
Sodann, eisernen Willens auf kalten Notenblättern
unter Schmerzen die Freuden wiederschaffen!

Gustav

Der schwankende Gang Mahlers
wechselt in seinen Melodien die Richtung
nach dem, was der Beginn ankündigt,
ist ungewiss, ob er stützt,
die Seite eines neuen Jahrhunderts aufschlägt,
als unwägbare Partitur eines
aufs äußerste gespannten Körpers, ganz Nervenvibrato.

Mahler bewegt sich fahrig,
sein dürrer Leib besteht fast nur in Sprüngen,
er achtet kaum darauf,
wie er das Bein anwinkelt,
sein Schritt ist torkelnd,
der übrige Körper bloß ein Sklave
des eisernen Willens, voranzukommen,
den Kopf anderswohin gewendet...

Von ferne tönt Gelärm
das nichts verbindet
mit dem unterdrückten Tanz,
der gleichzeitig im Vordergrund erklingt.
Musik als Mosaik, Aufzeichnung
der Enge einer Epoche,
fröhlich romantische Passagen
inmitten des Regens von Trauermärschen,
Begräbnis einer künftigen Welt ...
Wohin tragen Mahler seine Schritte,
im linkischen Gang seines Unglücks?
Welches Unheil ist seinem Volk da aufgebürdet?

(Später wird Hitler Mahlers Büste von der Wiener Oper entfernen lassen, als kämen dessen stolpernde Beine von einer jüdischen Erziehung, die notwendig Verkrüppelung erzeugt - jeder Jude hinkt, wird er sagen. Hitler war unfähig, den Ton der Tragik zu hören

an das Traggerüst des alten Schmerzes gebunden,
Unsere Liebe Frau unter Tränen
ob katholischer Prozessionen,
oder ist es das Nirwana des Ostens,
im immer immer immer gleichen Ton
der Wiederholung ohne Bruch
im Frieden der Vögel, Abschied ...)

Auf dem Podest, vor dem Orchester
muss er sein Bein nicht heben.
Keine Musik kann solche Stimmung
von Leben, Lieben oder Lied
in einen unbeschwerten Schritt verwandeln!
Er wandelt langsam, adagietto,
sein Gang wirkt schwankend,
doch ist er Vogelflug
und schreitet über Wolken....

Übersetzung: Friedrich Frosch

Adresse: Rua Emílio Zaluar, 135 - Crémerie, Petrópolis - RJ. CEP 25.645-280 - BRASILIEN
E-Mail
: valle@compuland.com.br

Chile 11.9.1973

Ein Anfang und ein Ende - Joan Jara

Eines der bekanntesten Opfer des Militärputsches, den der "Schakal vom Mapocho", augusto pinochet, durchgeführt hat, war der Theaterdirektor, Dichter, Musiker und Liedermacher Víctor Jara. YAGE, Verein für lateinamerikanische Kunst, Wissenschaft und Kultur hat diesen September seine Radiosendung Lyrik und Musik aus Lateinamerika dem Leben und Werk dieser in Lateinamerika so geliebten Persönlichkeit gewidmet. Die Sendung ist jeden Sonntag zwischen 19 und 20 Uhr auf der Frequenz 107,5 FM der Radio Fabrik Salzburg zu hören (www.radiofabrik.at). Das Buch "Chile, mein Land offen und wild" wurde von seiner Frau Joan Jara geschrieben (Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbeck bei Hamburg, 1985). Dies ist ein Auszug daraus:

Ein Anfang und ein Ende

Als ich am 15. Oktober 1973 im Padahuel-Flughafen, Santiago, von dem britischen Konsul begleitet, ins Flugzeug stieg, war ich ein Mensch ohne Identität. Was ich auch immer gewesen war - Tänzerin? Choreographin? Lehrerin? Ehefrau? - ich war es nicht mehr. Ich blickte
Ich hatte die Nische mit einem grobbehauenen Stein bedecken lassen, auf dem nichts weiters stand als:

VÍCTOR JARA
14. September 1973

das Datum stimmte nicht. Es war zu diesem Zeitpunkt unmöglich gewesen, den genauen Tag festzustellen, an dem mein Mann ermordet worden war. Ich hatte keinen Platz für Blumen gelassen. Die üblichen kleinen Tröge vor den Nischen sehen ziemlich nackt und traurig aus, wenn sie leer sind, ich konnte nicht wissen, dass auf Victors Grab nie Blumen fehlen würden, dass Unbekannte hochklettern und Blechbüchsen und Töpfe mit Draht und Bindfäden anbringen würden, um, selbst auf die Gefahr hin, festgenommen zu werden, sein Grab zu schmücken.
Ich befand mich in einem Schockzustand, aber Victors Qual und Agonie steckten in mir und verfolgten mich auf ganz konkrete Art und Weise. Ich konnte nicht die Augen schließen, ohne seinen toten Körper, das Leichenschauhaus und die Schreckensbilder der letzten vier Wochen vor mir zu sehen, verursacht durch militärische Gewalt, mit der rücksichtslos gegen unbewaffnete Zivilisten vorgegangen worden war, eine Gewalt, die so maßlos, so vernichtend war, dass man sich fassungslos fragte, wie so etwas in Chile passieren konnte.
Ich war von dem Gefühl eines unbeendeten Kampfes durchdrungen, dem Kampf eines Volkes, das auf friedliche Art und Weise versuchte, seine gesellschaftlichen Strukturen zu verändern und all die Regeln einhielt, die ihm seine Feinde predigten, selbst aber nicht respektierten. Ich fühlte mich nicht wie eine einzelne Person, sondern wie Tausende, wie Millionen ... und auch das Leid war nicht das Leid einereinzelnen Person, sondern geteiltes Leid, das viele von uns verband, auch wenn man uns zwang, Auseinanderzugehen; die einen blieben in Chile, die anderen retteten sich in alle Länder der Welt.
Ich gehörte zu denjenigen, die gingen. Ich hatte einen britischen Pass, aber nach beinahe zwanzig Jahren in Chile kehrte ich als eine Fremde nach England zurück. Selbst jetzt dachte ich eigentlich eher in Spanisch als in Englisch. Ich hatte keine Arbeit, kein Geld, all unsere Habseligkeiten steckten in drei Koffern, und es waren weniger Kleider als Fotos, Briefe und Schallplatten.
Das Flugzeug war beinahe leer. Der Flüchtlingsstrom hatte noch nicht richtig begonnen, da die meisten noch auf ihre Visa warteten und sich in den ausländischen Botschaften Santiagos drängten. Die Stewardessen mit ihren flotten, karierten Kostümen und ihrem freundlichen Lächeln erschienen unwirklich, wie Schaufensterpuppen. Als ich auf Santiago hinunterblickte, das allmählich unter mir verschwand, eine graue, homogene Häusermasse auf der Ebene des Zentraltals, fragte ich mich, wann ich wohl zurückkehren und meine Freunde wieder sehen würde ... dann kam das Vorgebirge mit seinem Buschwald - war es das Maipo-Tal, in dem wir so viele Ferientage verbracht hatten? - und dann die Kordilleren, die Masse der mächtigen Gipfel, eine einsame Schnee- und Eiswüste mit zerklüfteten Felsen, jedes Mal wieder ein überwältigender Anblick, man kann sie noch so oft überfliegen ... und schließlich ein letztes Adieu für Chile ... Victors Heimat ... die Heimat meiner Töchter ... und meine.
Die Berge verschwanden, und die fremdartige Monotonie der argentinischen Pampa breitete sich bis zum Atlantischen Ozean hin aus. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete. Ich wusste nur, dass ich von dem Wunsch beseelt war, mich mitzuteilen, obwohl mir das Medium des Tanzes, der immer mein Ausdrucksmittel gewesen war, nicht mehr geeignet, nicht mehr relevant schien. Ich musste sprechen lernen, um denjenigen, die nicht sprechen konnten, meine Stimme zu leihen.
Die Kinder hatten sich zum Schlafen in ihre Sitze gekuschelt. Einsam und wach spürte ich, dass Victor bei uns war, als bräuchte ich nur die Hand auszustrecken, um ihn zu berühren. Ich wusste, dass ich das Leben auch ohne ihn bewältigen würde. Aber gleichzeitig wusste ich auch, dass er immer ein Teil von mir sein würde - als hätte er durch seinen Tod auf eine Weise von mir Besitz ergriffen, die mir kaum bewusst war, als er noch an meiner Seite weilte. Es gab mir Mut und die Gewissheit, dass ich nie einsam sein würde. Ich würde alles tun, was in meinen Kräften stand, damit Victor durch seine Musik und seine Aufnahmen weiterwirken konnte für die Sache, für die er sich eingesetzt hatte. Seine Mörder hatten die Macht des Gesanges unterschätzt.
Es war hoffnungslos, einschlafen zu wollen. Ich bemerkte, dass ich meine Handtasche fest umklammert hielt. Ich versuchte, mich etwas zu entspannen, öffnete sie und nahm die Papiere heraus. Unter ihnen befand sich mein chilenischer Personalausweis mit meinen Fingerabdrücken, einem Foto und der Beschreibung dieser Fremden, die vor neunzehn Jahren nach Chile gekommen war: Joan Alison Turner Roberts. Daneben spürte ich meinen britischen Pass. Ich nahm ihn in die Hand und schlug ihn auf: Name der Inhaberin: Mrs. Joan Alison Jara. Ich war froh, dass Victors Name auf ihm stand. In den kommenden Jahren würde ich ihn voller Stolz und Herausforderung tragen.
Manuela und Amanda schlummerten inzwischen friedlich. Ich fragte mich, wie ihr Leben aussehen würde: als Kind hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich eines Tages als Flüchtling aus einem fernen Land zurückkehren würde.

Joan JARA
CHILE

Erzählkunst
José Rafael Aguirre Sepúlveda

Der Vierfüßer - José Rafael Aguirre Sepúlveda

José Rafael AGUIRRE SEPÚLVEDA ist Psychologe und Erzieher. Er hat Erzählungen und Essays in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht. Er ist Mitglied des Herausgeberkomitees der Kulturzeitschrift RAMPA (Medellín, Kolumbien).

Der Vierfüßer

"Señor... Señor... Sie haben Ihre Geldtasche verloren." Ich bleibe stehen, ungläubig betaste ich meine Hosentaschen und stelle fest, dass ich tatsächlich meine Geldtasche verloren habe. Ich schaue zurück, um zu sehen, woher diese Stimme gekommen ist, die ich mir in diesem Moment als die eines kräftigen Mannes vorstelle, und ich sehe niemanden. Schließlich entdecke ich im scherenartigen Wald der Beine der Vorübergehenden das Männchen, das seine Hand ausstreckt um mich meinen Besitz zu übergeben; dieselbe Hand, die in diesem Moment aufhört, Fuß zu sein. Vom vielen auf allen Vieren gehen hatte sich seine Wirbelsäule bis auf den Boden gekrümmt, so dass da kein Rücken war. Verglichen mit dem Auswuchs seiner Hüftknochen und seiner Schulterblätter erschien sein Rumpf wie eine wackelige Hängebrücke. Trotzdem standen ein männliches Gesicht und ein schlichtes Lächeln im Gegensatz zu dieser vierfüßigen Menschlichkeit. In Sekunden las ich in jenem Wesen eine unendliche Geschichte von Elend und Bewältigung, die meine Augen lieber nicht sehen wollten.
Ich nahm meine Geldtasche entgegen mit einer Mischung aus verschiedenen Gebärden, die Höflichkeiten und gesunden Menschenverstand beinhalteten. Ich fühlte mich entlarvt in all jenem, was ich über soziales Zusammenleben, Brüderlichkeit, Toleranz und ich weiß nicht, was für andere Sachen, gelernt hatte. Ohne dass ich es vermeiden konnte, ging mir flüchtig das Wort Hund durch den Sinn. Mit dem Ziel, christlichere Gefühle herbeizulocken, unterdrückte ich es, als ob ich einen Wurm aus meinem Gehirn ausstoßen wollte.
Nachdem ich überprüft hatte, dass nichts fehlte, gab ich dem Finder meiner Papiere einen großen Schein und sagte: "Vielen Dank für Ihre Ehrlichkeit". Er antwortete mir sofort: "Wie Sie sehen, ist mein Körper nicht aufrecht, meine Ehrlichkeit aber schon." "Bis bald", verabschiedete ich mich und setzte meinen Weg fort, während ich an die Natur dachte, die uns am Gipfel der Evolution aufrecht werden ließ, obwohl perverse Götter darauf bestehen, uns auch zu den erbärmlichsten Geschöpfen des Universums zu machen. Ich fühlte mich glücklich, auf meinen starken und beweglichen Beinen gehen zu können. Wir sind undankbar unseren Vollkommenheiten gegenüber.
Aber dann geschah es, dass dieses "bis bald" zu bald war, denn hinter meinem Rücken erklang von Neuem die Stimme des Behinderten: "Hören Sie, Señor... Tun Sie mir einen Gefallen! Helfen Sie mir, die Straße zu überqueren." Seine Worte waren nicht so eloquent wie sein Blick. Seine Augen sprachen mich direkt an: "Bruder, hilf mir, die Straße zu überqueren." Ich war es, an den er sich wandte. Und dieses arrogante Ich, das gehen, trotten, laufen, springen, fliehen kann... es bleibt stehen, zweifelt, ob es seinen Weg fortsetzen, oder dem Bedürftigen helfen soll. Dieses Ich, das im Geflecht seines Bewusstseins fromme Gefühle anruft, und das entdeckt, dass, je mehr Altruismus man in einige Aktionen legt, desto weniger peinlich, lächerlich oder deprimierend sie erscheinen können. Der Altruismus besiegt das finstere Gesicht des Todes. So vergänglich ist das Zusammentreffen eines Menschen mit einem anderen. Ich befreite mich von diesem eingebildeten Ich und schickte mich an, meinem Nächsten über die Straße zu helfen. Es war offensichtlich nicht möglich, ihn bei der Hand zu nehmen und zu versuchen, mit ihm zu Fuß die große Avenue zu überqueren. Wir würden aussehen, wie ein Paar mondsüchtiger Tänzer. Also legte ich meinen rechten Arm um seine Hüfte, hob ihn auf und transportierte ihn mit großen Schritten über die Straße und lud ihn auf der anderen Seite ab, als ob er ein chinesischer Porzellankrug wäre. Angesichts der ungewöhnlichen Situation fiel mir nicht auf, ob er leicht oder schwer war, aber als ich ihn berührte, lösten sich all meine Skrupel in Rauch auf. Jemand zu berühren bedeutet, dort zu gewinnen, wo die Waffen gescheitert sind. Ich erinnerte mich an meine Kindheit, als ich in der Schule spielerisch mit anderen Kindern kämpfte. Es war ein immenses Vergnügen. Eines Tages jedoch schrie uns der Disziplinarpräfekt an: "Spiel mit den Händen ist der Gemeinen."
Wir gingen weiter die Straße hinauf. Ich musste zu meinem Auto, das drei Häuserblocks weiter geparkt war. Es war unglaublich, mit welcher Geschicklichkeit das Männchen mit dem Rhythmus meiner großen Schritte mithielt. In mir stieg das Gefühl auf, er wäre ein Straßenhund, der mich verfolgte. So ist es mir passiert, dass ich durch irgendeine Form der empathischen Chemie zwischen Mensch und Tier nach Hause gekommen bin, gefolgt von einem Hund, dessen Herrchen ich nicht sein konnte.
Ein blondes Mädchen mit melancholischen Augen kam in entgegengesetzter Richtung an uns vorbei und er spitzte die Lippen wie ein erfahrener Schweißhund, witterte die Moleküle, die die Blondine im Vorbeigehen in der Luft zurückgelassen hatte und sagte: "Ui... dieses Weibchen hat seine Tage." Und ich, wie ein erstaunter Tourist in meiner Heimat, frage ihn: "Wie das?". "Na ja", meint er spöttisch, "meine Welt befindet sich dreißig Zentimeter über dem Boden, und auf dieser Höhe, oder besser gesagt, Tiefe, sind die Geräusche und Gerüche anders. Weil ich so nahe am Boden gehe, haben sich mein Geruchssinn und mein Gehör anders entwickelt. Wie sie sehen hat meine Existenz viel von einem Hund.
Dieses Mal wurde das Wort Hund von ihm selbst ausgesprochen. Er stellte eine unendliche Akzeptanz seines Schicksals zur Schau und er konnte sich sogar darüber lustig machen.

"Und wohin gehen Sie?", fragte ich ihn, um das Gefühl loszuwerden, einen Hund zu sehen, der mir folgte.
"Ich gehe zu den Villen des Barrio Elite... Ein spezieller Auftrag."
"Ich fahre daran vorbei und kann Sie gerne mitnehmen. Was arbeiten Sie?", fragte ich ihn, obwohl ich befürchtete, als sarkastisch interpretiert zu werden.
"Wie Sie sehen, bin ich ein seltsamer Typ. Ich werde manchmal gebucht, um seltsame Dinge zu machen, wenn auch nicht zu sehr, denn die Menschheit ist schlimmer."
"Ich verstehe Sie nicht", wies ich ihn offen zurecht.
"Natürlich, wie sollen Sie das auch verstehen. Die eigenartigen Angelegenheiten sind schwierig zu verstehen und zu erklären."

Wir schwiegen bis zum Parkplatz. Dort lud ich ihn ein, sich auf den Beifahrersitz des Autos zu setzen und fuhr langsam los. Zu meiner Rechten sitzend erschien er mir der Normalste der Sterblichen zu sein. Zweifellos sind wir aus dem gleichen Holz geschnitzt.

"Sie haben mich neugierig gemacht", lud ich ihn ein, das Gespräch fortzusetzen.
"Wenn Sie etwas über meinen Beruf wissen wollen, kommen Sie in Den Grünen Drachen und sehen sie sich die Mitternachtsshow an.
"Irgend etwas mit Zirkus?", fragte ich ihn naiv.
"Nein... Es hat etwas von einem Musical", antwortete er mir.
"Spielen Sie irgendein Instrument?"
"Aber nein... Und ich tanze auch nicht, wie Sie sich vorstellen können. Die Mitternachts-Shows haben alle mit Sex zu tun. Da trete ich auf."
"Ich kann mir einfach nicht vorstellen, auf welche Art", erklärte ich ihm und sah in sein Gesicht; ein Gesicht wie eine Insel, umgeben von ermüdeter Menschlichkeit.
"Mit diesem Körper würde niemand einen Peso für mich geben. Was aber die Shows betrifft, so gibt es Kunden, die mehr zum Grotesken als zum Perfekten neigen. Die Erotik hat viele Wege. Kennen Sie die Geschichte Die Schöne und das Biest? Also, jetzt raten Sie, wer das Biest ist."
"Ich verstehe, aber ganz konkret, wie ist die Show?"
"Sie halten mich sicherlich für unterdurchschnittlich, so wie Sie mich hier sehen, verkrüppelt und all das, aber mein endokrines System funktioniert wie ein Wunderwerk. Wie gesagt, während der Vorstellung bin ich das Biest. Ein ziemlich reales Biest, finden Sie nicht? Sie ziehen mir ein Löwenfell an, natürlich mit Mähne, Schwanz und ein paar so großen Reißzähnen und ich muss brüllen: GRRRRRH... die Krallen zeigen und herumspielen mit Margot der Süßen, die die Rolle der Schönen spielt. Es gibt Lichteffekte, Hintergrundmusik, Urwaldgeräusche... Dann werde ich erregt, aber wirklich, das ist kein Theater. Das ist, wie meine Freunde sagen, wann ich nicht vier Pfoten habe, sondern fünf. Nach ein bisschen Vorspiel mit der Schönen zerreiße ich ihr Kleid mir den Krallen und sie muss spielen, hin- und hergerissen zu sein zwischen fliehen und sich gehen lassen. Zum Schluss lässt sie sich gehen, verrückt vor Lust und ich muss es machen, vor dem Publikum, das applaudiert wie verrückt. Ich bin kein Psychologe, aber mein Schauspiel ist voll von der Steigerung dieses Katzenhaften, das wir Männer in uns haben und diesem unbewussten Verlangen der Frauen, mit Prankenhieben besessen zu werden.
"Ungeheuerlich! Sie haben mich wirklich erstaunt. Das ist wohl wert, gesehen zu werden. Aber wir haben uns noch nicht vorgestellt, mein Name ist Carlos Chaparro. Wie heißen Sie?"
"Nennen Sie mich einfach Die Bestie Trejos, hier haben Sie meine Karte. Wir spielen auch zu Hause, auf Polterabenden... Na ja, Sie wissen wie diese Sachen sind."
"Ihr Beruf ist es, das Schöne zu genießen", erklärte ich in einem tröstlichen Ton.
"Ach wo, es ist viel eher ein Fluch. Ich würde alles geben für eine normale Arbeit. Ich bin einfach vom Hunger der Leute nach Spektakeln eingefangen. Es ist nicht einmal ein Zirkusakt, wo die Kinder applaudieren und man sich glücklich fühlt. Es ist auch nichts Künstlerisches. Es hat nichts Ästhetisches.

Meine Phantasie steigerte sich zu Neugier und als die Unterhaltung herzlicher wurde, sagte er plötzlich: "Hier ist es, Herr Chaparro. Es war mir ein Vergnügen, Sie kennen zu lernen, und danke fürs Mitnehmen." Ich verabschiedete mich und versprach, in einer der kommenden Nächte in den Grünen Drachen zu kommen, um ihn zu sehen. Ich las seine Karte, da stand:
MARGOTH DIE SÜßE UND DIE BESTIE TREJOS
EIN SPEKTAKEL FÜR DIE SINNE
NACHTKLUB DER GRÜNE DRACHE

Ich fuhr einige Meter weiter und blieb dann stehen, um zu beobachten, wohin das Männchen ging. Ich sehe ihn den Zaun der Villa entlangtrotten, bis er zu einer Bambusbarriere kommt und durch eine Öffnung eintritt, die genau für seinen Körper passt. Ein Schäferhund und ein Boxer stürzen sich auf den Ankommenden und begrüßen ihn jaulend. Ich fühle meine Seele angesichts dieser Szene weinen und in meinem Geiste verwirren sich die leeren Philosophien von der menschlichen Vollkommenheit. Ich sah nicht zwei Hunde und einen Menschen, sondern drei Hunde, deren Natur es war, einem Herren zu dienen. Während des wilden Spiels der Hunde mit dem Besucher tritt eine rothaarige Frau, in eine bunte Tunika mit tropischen Motiven gehüllt, aus dem Haus. Sie befiehlt den Hunden, ruhig zu sein und dem Biest Trejos, ins Haus zu gehen. Er steigt die Stufen hinauf bis zum Korridor, tritt ein und schließt die Tür. Das Letzte, was ich von ihm sah, war seine Hüfte in diesem Hin und Her von falsch angeordneten Knochen. Trotzdem zeigten seine deformierten Schritte die Haltung von jemandem, der sich resigniert an die Arbeit macht. Er ging, seinem Schicksal als Vierfüßer treu ergeben.

José Rafael AGUIRRE SEPÚLVEDA
Medellín - KOLUMBIEN

Übersetzung: Sonja HIRNBÖCK

Adresse: Calle 81 N° 52D 160 apto. 506 La Hortensia 2, Itagüí (Antioquia) - KOLUMBIEN
E-Mail
: rafasoragui@hotmail.com

Essay

Maximiliano Kosteki: der Künstler, der keiner sein durfte - Luis Alfredo Duarte Herrera

"Ich sehe viel mehr als das, was sichtbar ist…"
Maximiliano Kosteki, 25/06/2002

Am 26. Juni 2002 wurden die beiden jungen piqueteros Maximiliano Kosteki und Darío Santillán während einer Demonstration auf der Avellaneda-Brücke in Buenos Aires von der Polizei ermordet.

Maximiliano Kosteki war ein junger, erst 22 Jahre alter Künstler und seit kurzem in Guernica im Movimiento de los Trabajadores Desocupados (MTD) tätig. Zum Zeitpunkt seines Todes war er Student an der Escuela Secundaria No 15 in Lanús, die einen künstlerischen Schwerpunkt hat. Dort beschäftigte er sich leidenschaftlich mit verschiedenen Stilen (Impressionismus, Surrealismus, abstrakte Malerei, Elemente aus Comics und dem phantastischen Genre), Techniken (vor allem Zeichnungen, Farb- und Schwarzweißdruck) und Materialien (Leinwand, Holz, Pappe, Karton, Rasterpapier und sogar Formulare und Papier der Gemeindeverwaltung). Am 1. Mai 2002 nahm er zum ersten Mal an einer Demonstration auf der Plaza de Mayo teil und dort, vor den Augen aller, malte er einen Engel - einen piquetero-Engel, wie einige seiner Kollegen sagten- mit verdecktem Gesicht und einem Pfahl in den Händen.

Vom 28. Juni bis 26. Juli dieses Jahres organisierte die Arbeitsgruppe "LuchArte" in Buenos Aires, in der "fábrica recuperada" Grissinópoli , eine Ausstellung mit dem Titel Maxi Kosteki, der Künstler, der keiner sein durfte. Es wurden 50 von den insgesamt 233 Werken Kostekis ausgestellt, die seine Mutter Doña Mabel Ruiz ihre "233 Enkelkinder" nennt. Die Ausstellung war ein voller Erfolg: allein zur Eröffnung kamen über 500 Leute, darunter bekannte Persönlichkeiten der bildenden Kunst und Kultur von Buenos Aires wie Alejandro Michel, León Ferrari, Gabriela Bocchi, Javier González, Magadalena Jitrik und Luciana Morcillo.
Folgenden Aufsatz hat Eduardo Coiro, der Leiter der Inventiva Social in Buenos Aires, dem jungen Maximiliano Kosteki gewidmet

Luis Alfredo DUARTE HERRERA

Essay
Eduardo Coiro

Nach Westen blickend, am Bahnsteig 3 - Eduardo Coiro

Eduardo Coiro wurde am 27. September 1958 in Lomas de Zamora in Argentinien geboren. Er ist Autor und erlangte seinen Magisterabschluss in Soziologie an der Universidad de Buenos Aires. Außerdem ist er Leiter und Herausgeber des Kulturprojekts Inventiva Social, eines offenen Internetforums für Autoren (v.a. aus Argentinien), in dem soziale und menschliche Themen behandelt werden.

Nach Westen blickend, am Bahnsteig 3

Sie sind zwei große Schatten in der Abenddämmerung, Silhouetten, die sich im Gegenlicht am Ende des Bahnsteigs abzeichnen. Schatten verschlucken ihre Gesichter während die Dunkelheit zunimmt, unerbittlich aus dem Osten kommend. Aber dort, im letzten goldenen Schein zwischen den nach Westen fliehenden Straßen sind sie Phantasiegestalten, in diesen Augenblicken können sie einander einen starken Händedruck geben, einander fest umarmen, einander ihre Seelen geben, ohne dass irgendein Donnerknall, irgendein Terror das auf menschliche Weise Gegebene auflösen könnte.
Dort kommen und gehen die Dinge in der Hängematte der Zeit, gehen und kommen, scheinen den Himmel zu berühren, endgültig zu verschwinden, aber kommen immer wieder... Dort fabriziert der Staat Märtyrer, dort pflanzt die Macht Polizisten wie einen Stacheldrahtzaun.

Ich höre einen abgeschnittenen Satz in der Luft, vom Bahnhofslokal kommend: "Ich muss zur Arbeit und sie lassen mich nicht", brüllt ein Mann in Radio 10. Man muss hingehen, auch wenn die Zeit stillsteht, an dem Ort, an dem man es am wenigsten erwartet hat, zu dem Zeitpunkt, den man sich am wenigsten gewünscht hat. Wie der Tod, der die Schwelle, das Symbol jedes Bahnhofs, durchschreitet.

Was bleibt stehen in den Straßen?

Die Autos, Verbrennung ohne Geschwindigkeit, die Menschen, die es immer eilig haben, irgendwohin zu kommen, ohne Zwischenfälle, ohne Ereignisse, die dem Schicksal einen anderen Lauf aufzwingen würden.

Umzingeln, nicht vorbeilassen. Auch jemand sein und gesehen und gehört werden.

Aber der Staat, taub für das Elend, wünscht sich die Freiheit der Straßen. Fließenden Verkehr ohne Hindernisse, von zu Hause zur Tankstelle, zur Freundin, in die Bank, ins Büro, in Ewigkeit...

Hier, nahe der Brücke, standen die Fabriken, die als unsichtbares Produkt Identität produzierten. Jetzt gibt es hier Supermärkte, Einkaufszentren, eine neue soziale Geographie, die weder Arbeiter noch Produktion mit einschließt. Die Fabrik, die den Abgrund hinterließ, kaum ersetzt durch Würde, Subsistenzwirtschaft und Verzweiflung.
Wer ist in die Stadt gedrängt, um die Straßen zu blockieren, die Waren, die Transaktionen, die Privatleben derer, die verreisen können, weil sie Geld für das Benzin oder den Fahrschein haben?

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Es gibt nichts Nutzloseres als den Akt purer Brutalität, der die Solidarität mit Schüssen des Terrors auflöst, nichts zeigt besser die Machtlosigkeit von fünf Minuten bevor und fünf Minuten nachdem...

Viele, wirklich sehr viele Bereiche des täglichen Lebens werden von diesen Gewaltakten beeinflusst, die Ohnmacht und Gleichgültigkeit verdecken, die Stille des Schatzmeisters und das komplizenhafte Schweigen jener, die kassieren, um illegale Handlungen zu ignorieren. Aber hier, in der Nähe der Bahnhöfe muss bewiesen werden, dass es zumindest für den Terror einen Staat gibt.
Es ist vorhersehbar, dass daran nichts zu diskutieren sein wird und dass sich bereits vorhandener Hass bestätigen wird. "Diese Schwarzen sollte man alle umbringen". Menschliche Schilder, auf der anderen Seite die Spezialisten darin, Ordnung vorzutäuschen, die mit einem legalen "Piquete" (Straßenblockade) jeden Protest im Keim ersticken.

In einer Bahnhofshalle sterben, die perfekte Metapher für ein verlorenes Land, sterben durch die Kugel eines Agenten eben jenes Staates, der im Zuge des Missbrauchs seiner kollektiven Macht tausende Kilometer von Straßen und Bahnhöfe kleiner Dörfer geschlossen hat und ganze Dörfer vernichtet hat.
Nun reisen die Bilder des Terrors durch die Luft, unberührbar, und multiplizieren sich bis ins Unendliche auf Bildschirmen und Terminals. Aber was sage ich da... es ist keine Metapher: es ist die reale, gegenwärtige, offene Wunde eines Landes, das an diesem Ort seine Träume aufgegeben hat, die still waren wie jene rostigen Brücken zwischen den Bahnsteigen.

"Von oben kommen die Plünderer", rufen diese Jungen mir zu, die ich im Dunst des Gases rennen sehe. Ja, die Plünderung kommt hinunter in die Straßen, an der Hand der alten und recycelten Straflosigkeit. Sicher kostet der Liter Milch in Guernica gleich viel oder mehr als der, den Mirta oder Amalia kaufen; da ist die Mauer der Preise, unüberwindbare Piquete ohne dazugehörige Straße, für immer zerstöre Brücke zwischen den einen und den anderen.

Unsichtbare Wände, Geiseln, die Geiseln nehmen, gibt es ein draußen? Aus Hunger oder Angst sieht man nur schattige Gitterstäbe und Traurigkeit, Straße für Straße, Schritt für Schritt, lauernd. Von keinem existierenden Bahnhof aus muss man besonders weit gehen, um die Auswirkungen zu sehen, die unerbittlichen Fußstapfen von über einem Jahrzehnt der Politik. Hier spürt man in der Haut dass es nicht schön ist, zu gehen, den Weg von jemandem zu kreuzen, es sind graue Tage von traurigen Menschen, die in ihrer Traurigkeit gefangen sind, für die das Draußen eine unklare Bedrohung ist, ein Hauch von Panik, der an die Türe klopft.

Verschanzte Städte, gesperrte Brücken, Wände, um nichts zu sehen und zu hören. Hunde und Alarmanlagen. Hier verstehe ich endgültig dass der Terror und die Ausgrenzung der wirkliche und permanente Piquete sind, der es uns nicht erlaubt, uns in der Gesellschaft frei zu bewegen, der uns dazu bringt zu gehen, ohne den anderen zu sehen, nur die latente Gefahr in ihm zu sehen, da gehen wir hin, alle Poren verschlossen, die Augen undurchdringlich, die Seele in einer verschlossenen Kiste.

Das Haus zugesperrt und die Schlüssel für immer weggeworfen. Ich verstehe, dass wir verloren sein können, dass jede kleine und zuverlässige Freude eine Eintagsfliege sein kann, wenn wir nicht fähig sind, etwas Neues zu sehen, wenn es kein anderes- ebenfalls menschliches- Wesen auf der anderen Seite der Tür gibt, vor dem Auto, den Verkehr aufhaltend.

Eduardo COIRO
Buenos Aires - ARGENTINIEN

Übersetzung: Anna FUCHS

Adresse: Juan B. Vago 36, (1834) Temperley, Provincia de Buenos Aires - ARGENTINIEN
E-Mail
: inventivasocial@infovia.com.ar

Österreich 
Wolfgang Ratz

Gedichte - Wolfgang Ratz

Wolfgang Ratz geboren 1959 in Bilbao (Euskadi/Spanien). Lebt seit seiner Kindheit in Wien. Studierte Malerei und Grafik an der Hochschule für Angewandte Kunst, sowie Übersetzung (Englisch, Spanisch, Französisch) am Dolmetschinstitut Wien. Seit 1982 verfasst er Kurzprosa und Lyrik auf Deutsch und Spanisch. Seit 1985 ist er auch als Liedermacher (Deutsch/Spanisch) aktiv. Seine Werke wurden in verschiedenen Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht. 2002 erschien der Lyrikband "Zimt und Metall" beim Verlag Grasl. Wolfgang Ratz ist Mitbegründer des Hauses der Kolumbianischen Kultur in Wien, sowie des Vereins Lateinamerikanische Autor/inn/en in Österreich ALA. Außerdem gehörter dem Vorstand des Österreichischen Schriftstellerverbandes an und ist Redakteur der Zeitschrift La barca de papel.

Der Schrei

bietet dir die regierung
ein vollkommenes schweigen
vergiss nie, ihr deinen schrei anzubieten
und sei er auch unvollkommen

Worte

worte rinnen wie wasser durch meine hände
kühle worte
selbst die erinnerung an die trauer hat uns schon verlassen
worte wie glas
ohne schatten und gestalt
leichter als luft, immer bereit
nein und nein
niedertracht der schönen worte
nein
ein wort will ich bauen
undurchsichtig und kantig
ungehorsam und verzweifelt
freund oder feind
freund und feind
unaussprechlich und unausgesprochen
stark und stumm

E-Mail: wolfgang.ratz@chello.at