XICÖATL 64

 

XICöATL

XICöATL: Ausgabe 64

XICöATL Nr. 64, Juli/September 2003
XICöATL 64

INHALT:

  • 11. September: Eine tiefe Wunde im Licht der Geschichte. Luis Alfredo Duarte Herrera
  • 11. September: Letzte Ansprache von Salvador Allende am 11. September 1973 aus der Casa de la Moneda. Salvador Allende

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11. September  

Eine tiefe Wunde im Licht der Geschichte - Luis Alfredo Duarte Herrera

… Das Weinen ist versteckt wie eine Pflanze,
deren Samen unaufhörlich auf den Boden fällt
und die großen blinden Blätter ohne Licht wachsen lässt…

Pablo Neruda, "Die Diktatoren", in Canto General

Als der "Schakal vom Mapocho(1)" , augusto pinochet, am 11. September 1973 den Befehl gab, Chile im Blut zu baden, mit der Absicht, seinem Volk und ganz Lateinamerika eine Lektion darüber zu erteilen, wer die Herren dieser Länder sind und um sie wieder an die Macht zu bringen, welche sie bei den Wahlen verloren hatten, war ich gerade einmal fünfzehn Jahre alt. Trotz meines bereits erwachten Interesses für Politik konnte ich mir die Konsequenzen dieses Ereignisses nicht vorstellen, noch die langen losen Fäden all dessen, was in der Politik meines Kontinents vor sich ging, miteinander verknüpfen. Woran ich mich allerdings in aller Klarheit erinnere, ist, dass jener Militärputsch meine völlige Apathie den lateinamerikanischen Demokratien gegenüber festigte; das war eine unmittelbare, instinktive Reaktion, eine tiefe psychologische Verletzung, die mich seither begleitet und von welcher ich mich bis heute nicht gelöst habe, sicherlich gleich wie Millionen von LateinamerikanerInnen.
Doch Ziel dieser Zeilen ist nicht eine Meditation über die individuellen und/oder sozialen Traumata, welche die Demokratie nicht nur in Lateinamerika im Lauf ihrer Geschichte zurückgelassen hat, … im Lichte der Geschichte übertrieb der Schakal vom Mapocho mit seinem getrübten Blick nicht, wenn er sagte: "Die Demokratie trägt den Keim ihrer eigenen Zerstörung in sich. Man sagt, dass man die Demokratie von Zeit zu Zeit in Blut baden müsse, damit sie weiterhin Demokratie bleibt.(2)" . …Meine Absicht ist es, heute die Geschichte eines beispielhaften Volkes in Erinnerung zu rufen, das über eine hohe politische Kultur verfügt und das mit friedfertigen und demokratischen Mitteln durch die Befreiung seiner Gesellschaft vom Kolonialismus, von der Ausbeutung und vom großen Elend, welche den ganzen amerikanischen Kontinent seit der Ankunft der Europäer unterdrücken, die Grundlagen für ein gerechtes und glückliches Leben einpflanzen wollte.

CHILE UND DER SOZIALISMUS (3)

Die Absicht, in Amerika eine Gesellschaft mit ethischer Ordnung zu errichten, in der der Mensch nicht nur das Instrument einer großen produktiven Maschinerie im Dienste einiger weniger ist, sondern selbst das Ziel der gesamten menschlichen Anstrengung, genießt in Chile eine der längsten Traditionen des gesamten Kontinents.
Schon am 14. April 1850 fand in Santiago die öffentliche Gründung der Gesellschaft der Gleichheit statt, und einer ihrer Gründer sollte 1898 der Arbeiterpartei Francisco Bilbao ihren Namen geben, die sich später als Sozialistische Partei Chiles konsolidierte, indem sie 1901 ihr Programm und Reglement veröffentlichte.
1909 wurde die Arbeiterföderation Chiles (FOCH) gegründet, nach der dramatischen Erfahrung zwei Jahre zuvor, als dreitausend streikende Nitrat-Arbeiter mit ihren Frauen und Kindern in der Schule von Santa María de Iquique ermordet wurden. Und es ist in Iquique, wo der große chilenische Anführer Luis Emilio Recabarren die Gründung der Sozialistischen Arbeiterpartei leitet, die sich später, 1921 in die Kommunistische Partei Chiles umwandelt.
Eine kuriose Anekdote der sozialistischen Geschichte Chiles stellt die Sozialistische Republik dar, die am 4. Juni 1932 durch eine Erhebung des Militärs entstand, welches unter dem Motto: das Volk ernähren, das Volk kleiden agierte, die jedoch nur zwölf Tage andauerte. Monate später präsentierten die verschiedenen sozialistischen Gruppen ihren Kandidaten Marmaduke Grove, der bei der Wahl den zweiten Platz vor der Konservativen Partei erreichte.
Am 19. April 1933 wurde die Sozialistische Partei Chiles (PSCH) gegründet. 1935 wurden die Föderation Sozialistischer Frauen (FMS) und die Föderation der Sozialistischen Jugend Chiles (FJS) geschaffen. Die Partei machte sich alle demokratischen Ausdrucksmittel zueigen, besonders die der Wahlen, da diese den Mechanismus darstellten, der bei ihrem organischen Wachstum die besten Resultate erbrachte.
Die Arbeiterbewegung macht einen wesentlichen Schritt in Richtung Einheit durch die Gründung der Konföderation der Arbeiter Chiles 1936. Bei den Parlamentswahlen 1937 erreichte die PSCH nach nur vier Jahren ihres Bestehens 11,1% der Stimmen (3 Senatoren und 19 Abgeordnete), während die Kommunistische Partei bei fünfzehnjährigem Bestehen 4,1% der Stimmen erlangte.
Der Triumph der Volksfront 1938 (bestehend aus der Radikalen, der Sozialistischen, der Kommunistischen und der Demokratischen Partei) erlaubte es der PSCH, mit drei Staatsministern an der Regierung teilzuhaben: Salvador Allende für Gesundheit, Oscar Schnake für Förderung und Öffentliche Bauten und Rolando Merino für Land und Besiedlung.
1940 verlässt die PSCH die Volksfront und erreicht bei den Parlamentswahlen von 1941 18% der Stimmen, eine noch nie zuvor erreichte Anzahl, die nur mit den Wahlen von 1973 vergleichbar ist, bei denen sie auf 18,9% der Stimmen kam. Die Sozialisten reihen sich wieder in die Volksfront ein, beteiligen sich an der Regierung und beginnen eine glanzlose Epoche, in der sie einen großen Teil der Unterstützung ihrer Anhängerschaft verlieren. Damals beginnt auch eine komplexe Periode der Umstrukturierungen und Trennungen, bis 1957 der Kongress der Einheit stattfindet, in welchem sich die Sozialistische Volkspartei und die frühere Sozialistische Partei Chiles, entstanden 1948, wieder vereinen.
1958 wird Allende Präsidentschaftskandidat der FRAP (gegründet 1956) und erhält einen hohen Stimmenanteil, dicht hinter dem siegreichen Kandidaten der Rechten, Jorge Alessandri. Die 60er Jahre sind durch die Ereignisse in Kuba gekennzeichnet, die Revolution und die Abrechnung mit dem Imperialismus werden für die progressiven Kräfte auf dem ganzen Kontinent zu einem Beispiel, dem es zu folgen gilt.
1969 wird die MAPU gegründet (Movimiento de Acción Popular Unitaria), Produkt einer Spaltung der Christdemokratie. Im darauf folgenden Jahr stellte die Partei Salvador Allende zum vierten Mal als Präsidentschaftskandidaten auf. Am 4. September 1970 überraschte der Sieg der Unidad Popular, bestehend aus PSCH, PCCH, MAPU, der Radikalen Partei, der API und PIR viele, machte es aber schließlich möglich, an die Regierung zu kommen.

DER TRIUMPH DER UNIDAD POPULAR

Zu den Wahlen von 1970 trat die Nationale Partei mit Jorge Alessandri und die Christdemokratische mit Rodomiro Tomic als Kandidaten an. Die Allianz von Marxisten, Christen, Sozialdemokraten und fortschrittlichen Unabhängigen, genannt Unidad Popular, "einigte sich auf ein Basisprogramm von vierzig Maßnahmen, die dazu bestimmt waren die Wirtschaft umzuwandeln und den himmelschreiendsten sozialen Ungerechtigkeiten ein Ende zu machen. Die Verstaatlichung der Ressourcen Chiles - im besonderen die in nordamerikanischem Besitz befindlichen Kupferminen - sollte, zusammen mit dem staatlichen Besitz der Banken und der wichtigsten Industriemonopole mit so elementaren Maßnahmen wie kostenloser medizinischer Versorgung, Bildung und angemessenen Wohnungen sowie der Zuweisung eines halben Liters Milch täglich gratis für jedes Kind verbunden werden… Chile sollte eine unabhängige Außenpolitik haben und die diplomatischen Beziehungen zu Kuba wieder aufnehmen (4)" . Mitte Jänner 1970 ernannte die Unidad Popular Salvador Allende von der Sozialistischen Partei zum Präsidentschaftskandidaten für die Koalition.
"Der Charakter der Unidad Popular - mit ihrer breiten Basis in der Arbeiterklasse, unter der bäuerlichen Bevölkerung und der Mehrheit der Jugendlichen des Landes - bewirkte, dass die Wahlkampagne grundlegend von der Mobilisierung der Massen abhing. Tausende lokaler Komitees wurden für die Kampagne gebildet: die CUPs, die Komitees der Unidad Popular (5)" . Jedes Stadtviertel, Büro, Fabrik, Schule oder Universität verfügte über ein oder mehrere CUPs.
Da die Rechte die Informationsmedien fast zur Gänze in ihrer Hand hielt, entstand eine neue Ausdrucksform und Volkspropaganda, die im Schreiben von Losungen und Symbolen auf die Wände bestand. So entstanden im ganzen Land Gruppen oder Brigaden, um die Wände zu bemalen, die erste und berühmteste unter ihnen war die Brigade Ramona Parra oder "BRP", wie sie ihre Schriften signierte, organisiert von der Kommunistischen Jugend. Bald darauf hatten alle Parteien der Unidad Popular eigene Brigaden. Angesichts des Erfolgs dieser Form der Kampagne begann auch die Rechte, Wände zu bemalen oder Reklamen der Unidad Popular zu übertünchen. Der Kampf um die Wände von Santiago und anderer wichtiger Städte wurde jedoch von letzterer mit ihren beeindruckenden menschlichen und kreativen Ressourcen gewonnen.
Schon während der Wahlkampagne keimte seitens der Rechten Gewalt auf. Die Unidad Popular war stolz darauf, sehr große, fröhliche Demonstrationen voll Volkskunst und vor allem friedlich abzuhalten. "Der Klang der Unidad Popular war derjenige der indigenen Instrumente, zu deren Verbreitung Inti Illimani und Quilapayún mit all ihrer Energie so sehr beigetragen hatten… Die Faschisten hatten sowohl in den Städten als auch in den ländlichen Gebieten paramilitärische Gruppen und holten Waffen aus Argentinien herüber, indem sie sie über die Berge schmuggelten… Die Rechte zeigte sich nie in großen Massen auf der Straße. Ihre Macht lag auf anderem Gebiet… wenn sie ausrückte, war das in kleinen Gruppen, um Gewalttaten zu begehen oder zu provozieren (6)."
Schließlich gewann Allende die Wahlen mit 36,3% der Stimmen, gefolgt von Alessandri mit 34,9% und Tomic mit 27,4 %. Die chilenische Verfassung sah vor, dass, sollte der Sieger nicht die absolute Stimmenmehrheit erlangen, der Kongress das Ergebnis bestätigen müsse und theoretisch auch den Zweitplatzierten zum Präsidenten ernennen könne. Die Machenschaften, die den Kongress bewegen sollten, Alessandri und nicht Allende zu ernennen, begannen.
Die erste Etappe war wirtschaftlicher Druck: Panikmache an der Wertpapierbörse, massiver Abzug von Geld aus Banken, Spar- und Kreditinstituten, Schließung privater Industriebetriebe, Spekulation mit Gütern und Dollar auf dem Schwarzmarkt, Hamsterkäufe von Lebensmitteln und anderen Artikeln von allererster Wichtigkeit… über Nacht verschwand das Toilettenpapier aus den Geschäften, welches von der Papierfabrik Puente Alto erzeugt wurde, einer Firma, die das Monopol der Papiererzeugung im ganzen Land inne hatte und Jorge Alessandri gehörte (7). Die Linke griff zum Mittel der Märsche, um Druck zu machen, dass das Wahlergebnis respektiert werden müsse.
Zwei Tage vor der endgültigen Abstimmung des Kongresses, am 22. Oktober, wurde General René Schneider Opfer eines Entführungsversuchs, bei welchem er schwer verletzt wurde und vier Tage später starb. Schneider hatte der Verfassung und dem gewählten Präsidenten seine Treue geschworen. Der Kongress bestätigte Allende als Präsidenten. Am 3. November trat Allende sein Amt an, übersiedelte in den Präsidentschaftspalast La Moneda in Santiago und wurde Zeuge des größten Kulturfestivals der chilenischen Geschichte.
Die Kommunikationsmittel wurden fast gänzlich von der Rechten geführt. "Der Merkur" erhielt hunderttausende Dollar, um seine Propagandakampagne gegen die Regierung der Unidad Popular weiter zu führen (8). Die Kommunikationsmittel verdrehten die Tatsachen, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen, sie logen offen und schamlos, schufen Chaos; sie provozierten beispielsweise fiktive Engpässe an Produkten, die in der Folge durch Massen- und Hamsterkäufe zu wirklichen wurden. In Chile gab es kein Gesetz gegen Diffamierung und keinen echten Schutz gegen Verleumdung, so wurden plumpe Lügen über jeden bei völliger Strafffreiheit erfunden.
Im Juli 1971 wurden die Kupferminen verstaatlicht, die wichtigste und populärste aller von der Unidad Popular gesetzten Maßnahmen. Es wurde auch eine Kommission zur Bewertung der Kompensationszahlungen eingesetzt, die Anaconda, Cerro und Kennecott bekommen sollten, jene drei nordamerikanischen Unternehmen, welche die Besitzer der Minen gewesen waren. Die Kommission entschied, dass von den Kompensationszahlungen die Gewinnüberschüsse abgezogen werden müssten, welche besagte Firmen in den vorangegangenen Jahren eingestreift hatten (9). In den Metropolen des Finanzkapitals, besonders in New York, schlugen die Alarmglocken. Große Körperschaften unterstützen den Plan der Destabilisierung der chilenischen Regierung, den die CIA und ITT bereits in Gang gesetzt hatten.
Ende 1971 besuchte Fidel Castro Chile, der erste Besuch, den er seit dem Sieg der kubanischen Revolution einem lateinamerikanischen Land abstatten konnte. Die Rechte war wütend und begann eine Taktik anzuwenden, die bereits 1964 in Brasilien erfolgreich gewesen war, um den Sturz des Präsidenten Goulart einzuleiten: Protestmärsche gegen die Regierung, zu denen Frauen aus der Mittel- und Oberschicht eingesetzt wurden. Der erste Marsch erhielt denselben Namen wie in Brasilien: "Der Marsch der Kasserollen".
Die müßigen Damen der oberen Klassen hatten eine neue Unterhaltung gefunden, sie zwangen oder bestachen ihre Hausangestellten, sie zu den Märschen zu begleiten und wurden dabei von den paramilitärischen Brigaden der faschistischen Gruppe "Vaterland und Freiheit" beschützt. Trotz allem stieg der weibliche Stimmenanteil zugunsten Allendes zwischen 1970 und 1973 an.
Andererseits begann sich die Rechte zu vereinen, während sich innerhalb der Unidad Popular Spaltungsprozesse anbahnten. 1971 entstand die MIR (Bewegung der Revolutionären Linken), die das Programm der Unidad Popular für obsolet erklärte und dazu aufrief, "Volksversammlungen" anstelle der verfassungsmäßigen Strukturen zu schaffen. Sie erklärten Concepción, wo die Bewegung entstanden war, zum "Freien Gebiet Amerikas".
Auf der Straße gab sich die Ultrarechte Mühe, Gewalt hervorzubringen und präsentierte sich dann als Opfer der "marxistischen Repression (10) " . Im Juni 1971, während die Unidad Popular und die Führung der Christdemokratischen Partei Gespräche führten, um zu einem Ende der Auseinandersetzungen zu finden, ermordete eine neue, angeblich linke Kleingruppe mit dem Namen VOP (Organisierte Avantgarde des Volkes) Edmundo Pérez Zúcovic, Innenminister der Regierung Frei. Seine Ermordung setzte den Gesprächen ein Ende und bildete eine unüberwindliche Hürde zwischen den beiden politischen Kräften.
Im August und September 1972 stieg die Gewalt auf der Straße seitens der ultrarechten und ultralinken Kräfte an. In Santiago setzten Stoßtrupps von "Vaterland und Freiheit" Obusse in Brand und errichteten mit brennenden Reifen Barrikaden. Providencia war ihr Stadtviertel und ihre Anführer trafen sich im Restaurant Munich, das sich in diesem Teil der Stadt befand.
Oktober 1972 war ein bewegter Monat für die Regierung der Unidad Popular. Die Kennecott Copper Company betrieb ein internationales Embargo für das chilenische Kupfer und die chilenischen Schiffe wurden in den europäischen Häfen "angehalten", man verwehrte ihnen die Weiterfahrt oder Entladung. Im Land streikte die mächtige Organisation der Lastwagenunternehmer, vorgeblich gegen die drohende "Verstaatlichung" und die Knappheit an Ersatzteilen und Reifen. In Wahrheit handelte es sich darum, das Land lahmzulegen und den Sturz Allendes voranzutreiben. Wegen der besonderen Geografie Chiles konnte die Paralysierung der einzigen Überlandstraße in Längsrichtung in sehr kurzer Zeit sehr große Schäden anrichten. Der Streik war eine perfekt organisierte Operation. Bewaffnete Banden errichteten Barrikaden und griffen die Lastwägen an, die noch fuhren. Die großen Tankwägen waren aus dem Verkehr gezogen und Treibstoff wurde zu flüssigem Gold; auch Paraffin, zum Kochen und Heizen verwendeter Brennstoff der Haushalte. Nahrungsmittel wurden beinahe unerschwinglich und die wichtigste Milchgesellschaft ordnete an, tausende Liter Milch wegzuschütten, um die Krise noch zu verschärfen.

Die Antwort angesichts dieser Notlage war umgehend und massiv. Ein hoher Prozentsatz kleiner Lastwagenbesitzer weigerte sich, sich dem Streik anzuschließen und gründete die MOPARE, ihre eigene unabhängige Organisation. Arbeiter, Studenten, Professoren, Künstler und viele Freiberufler beteiligten sich an freiwilligen Einsätzen, um die Auswirkungen des Streiks aufzufangen, indem sie Züge be- und entluden und im ganzen Land Lebensmittel und Paraffin verteilten. Dennoch hatte der Streik unheilvolle Auswirkungen auf die Wirtschaft. Die Frühjahrsaussaat verzögerte sich, weil das Saatgut nicht rechtzeitig auf den Feldern eintraf und die Industrieproduktion ging aufgrund fehlender Rohstoffe zurück. Um die Krise noch weiter zuzuspitzen, schlossen sich noch andere Sektoren der Mittelklasse dem Streik an: die Geschäftsinhaber, die Autobusunternehmer, der Ärzteverband und andere Berufsgruppen. Die Freiwilligen arbeiteten mit noch mehr Eifer, die Ärzte, die Allende unterstützten, schufen ihre eigene "Patriotische Front" und arbeiteten doppelte Schichten, um die streikenden zu ersetzen, viele Geschäftsleute hielten ihre Türen selbst angesichts des Risikos offen, mit Steinen beworfen oder überfallen zu werden. Der öffentliche Transport wurde aufrecht erhalten, aber unter großen Schwierigkeiten, weswegen es sehr mühselig war, zur Arbeit zu gelangen. Auch wenn mit der Absicht, Lebensmittel zu offiziellen Preisen zu verkaufen, schon seit Monaten vor dem Streik einige Versorgungs- und Preisgruppen (JAP) bestanden, so war doch das Hamstern, die Spekulation und der Schwarzmarkt das Hauptmerkmal der Güterwirtschaft, besonders bei den aller wichtigsten Gütern.
Die vierzigste Maßnahme des Programms der Unidad Popular betraf die Kultur. Es wurde die Schaffung eines Nationalen Kulturinstituts vorgeschlagen, dessen Funktion es sein sollte, die Volksbewegung anzuregen, zu koordinieren, zu leiten und zu unterstützen. Dieses Projekt wurde nie verwirklicht, jedoch verstaatlichte Allende eines der wichtigsten Verlagshäuser des Landes, welches sich der Veröffentlichung broschierter Werke der chilenischen und der Weltliteratur widmete, die zu sehr niederen Preisen an den Zeitungskiosks vertrieben wurden. Die Auflagen waren fast sofort ausverkauft. Im Nationalstadion von Chile wurden große Musik-, Theater- und Tanzveranstaltungen organisiert. Pablo Neruda war der Literatur-Nobelpreis verliehen worden und Santiago de Chile bot ihm am 5. Dezember 1972 eine unvergessliche Hommage in besagtem Stadion dar, im selben, das nur wenige Monate später in ein Gefangenen-, Folter- und Erschießungslager verwandelt werden sollte.
Bei den Wahlen vom März 1973 erreichte die Unidad Popular 45% der Stimmen und macht es somit unmöglich, dass die Opposition im Parlament einen anderen Präsidenten als Allende wählte. Die Rechte wurde sich bewusst, dass es ihr auf demokratischem Wege unmöglich sein würde, die Regierung der Unidad Popular zu Fall zu bringen. Andererseits wurde das Leben, je mehr sich der Winter näherte, immer schwerer. Die Schlangen beim Einkaufen wurden immer länger und es nahm fast schon den ganzen Tag in Anspruch, das Nötigste zu kaufen.
Die "Washington Post" hatte begonnen, Enthüllungen über die Aktivitäten des CIA in Chile zu machen. Innerhalb der Unidad Popular gab es immer größere Probleme: einige Sektoren, einschließlich der Kommunistischen Partei, wollten den Dialog mit den Christdemokraten fortsetzen; andere Sektoren forderten die offene Auseinandersetzung und die Bewaffnung des Volkes. Die Mitglieder der Opposition wurden von Tag zu Tag aggressiver; deshalb wurden in den Fabriken, Universitäten, Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden Verteidigungskomitees geschaffen, um Sabotageakte und Besetzungen seitens der Opposition zu verhindern.
Am 29. Juni 1973 fand der Versuch eines Militärputsches statt. Panzer fuhren auf den Monedapalast zu. Im letzten Augenblick war ein viel ehrgeizigerer und komplexerer Militärplan fallen gelassen worden, aber nur Oberst Roberto Souper, der Befehlshaber der Panzer, hatte die Nachricht von der Auflösung nicht erhalten oder nicht befolgt. General Carlos Prats, Kommandant der Streitkräfte, befahl den Offizieren, welche die Panzer befehligten, sich zu ergeben; diese ergaben sich, als sie sahen, dass sie isoliert und ohne die erhoffte Unterstützung waren, die Panzer kehrten in ihre Kasernen zurück und Souper wurde verhaftet. 22 Personen starben, unter ihnen ein schwedischer Fotograf, der von einem aufständischen Offizier niedergestreckt wurde.
Nach dem Scheitern des "tancazo" (Panzerschlag), wie der versuchte und vereitelte Militärputsch genannt wurde, startete Allende einen letzen Versuch, sich mit den Christdemokraten zu einigen, aber diese zeigten bereits kein Interesse mehr an Verhandlungen. Innerhalb der Unidad Popular war der Konsens auseinander gebrochen. Die extreme Rechte konzentrierte ihre Kräfte auf die Militärs: Trotz des Scheiterns des Panzerschlags wussten sie, dass sie auf viele Militärs zählen konnten, aber dazu musste man die verfassungstreuen Militärs aus dem Weg räumen. Das erste Opfer war Hauptmann Arturo Araya, Marineadjutant des Präsidenten, der Ende Juli auf dem Balkon seines Hauses ermordet wurde. Es wurde Druck ausgeübt, um die Regierung General Carlos Prats zum Rücktritt zu zwingen. Die Putschisten fanden die Methode, wie sie die Arbeiterschaft mit den Streitkräften in Konflikt bringen konnten: sie entmotteten das Gesetz zur Waffenkontrolle und begannen, das Verstecken von Waffen in verstaatlichten Industrien anzuzeigen, durchsuchten Spitäler, Arbeiterviertel, Universitäten und andere Orte, an denen die Unidad Popular über breite Unterstützung verfügte.
Am 26. Juli 1973 begann der zweite Streik der Unternehmer, diesmal besser organisiert und begleitet von Bomben, Ermordungen, Unruhen und terroristischen Überfällen aller Art.
Am 3. September wird auf einer Massenkundgebung der dritte Jahrestag des Sieges Allendes gefeiert, um die Regierung der Unidad Popular zu verteidigen und zu versuchen, einen Militärputsch zu verhindern. Es sollte zum Abschied des Volkes von seinem Präsidenten werden.


17 JAHRE DIKTATUR (11)(**)

Am 11. September 1973 wird die chilenische Regierung der "Unidad Popular" (ein Parteibündnis unter der Führung von Salvador Allende, dem alle Parteien links der Mitte angehören) mit Waffengewalt von den Streitkräften gestürzt, an deren Spitze oberbefehlshaber general augusto pinochet steht. Der Sitz des Präsidenten Palacio de La Moneda wird bombardiert, Präsident Salvador Allende ermordet und seine Minister verhaftet. Auf diese Weise beginnen 17 Jahre der Militärherrschaft in Chile und eines der größten, selektivsten und grausamsten Massaker der Geschichte Lateinamerikas. In einer Pressekonferenz am 4. Jänner 1974 in Havanna sagt Carlos Altamirano, Generalsekretär der sozialistischen Partei Chiles: "Der Militärputsch hat immense menschliche Verluste verursacht. Über 15.000 Menschen wurden ermordet. Über 30.000 kamen in politische Gefangenschaft. Zehntausende wurden gefoltert. Über 200.000 haben ihren Arbeitsplatz verloren (12)."
Am 12. September treffen die oberbefehlshaber der vier Teilbereiche der Streitkräfte zusammen und gründen die "junta de gobierno". Diese besteht aus augusto pinochet, der für das Heer verantwortlich ist und zum präsidenten der junta ernannt wird, außerdem gustavo leigh für die Luftwaffe, cesar mendoza für die carabineros (eine den Streitkräften unterstellte Polizeitruppe) und josé toribio merino für die Kriegsmacht zur See. Das erste Kabinett besteht aus zehn Militärs und vier Zivilen. Ein extra Artikel legt fest, dass das neue Regime die Unabhängigkeit der richterlichen Gewalt respektieren muss.
Das Stadium Estadio Nacional de Chile wird in ein riesiges Gefängnis verwandelt. Laut Schätzungen des Internationalen Roten Kreuzes sind am 22. September 1973 ungefähr 7000 Menschen im Estadio Nacional eingesperrt. Das Stadium Estadio Chile wird zum gleichen Zweck verwendet. Zwischen September und Dezember 1973 entstehen im ganzen Land provisorische Gefängnisse in Stadien und militärischen Stützpunkten. Darüber hinaus bauen die militärs zahlreiche Straflager in abgelegenen Gegenden wie Pisagua, Chacabuco, Isla Dawson,...
Am 13. September erklärt der oberste Gerichtshof in einem von dessen vorsitzenden enrique urrutia manzano unterzeichneten Dokument seine Unterstützung für den Staatsstreich. Am 14. September löst die junta das Abgeordnetenhaus auf und macht deutlich, dass die Abgeordneten ihre Ämter sofort niederlegen müssen
Am 18. September wird der spanische Priester Juan Alsina erschossen. Zum Zeitpunkt des Putsches hatte Alsina als Personalbeauftragter im Spital San Juan de Dios in Santiago gearbeitet und war aktiv in der Arbeiterbewegung der katholischen Erneuerungsbewegung "Acción Católica" (MOAC).Alsina wird unweit des Spitals verhaftet und brutal misshandelt. Später wird sein Leichnam am Ufer des Río Mapocho gefunden, mit zehn Schusswunden im Rücken. Die Repression der Bestie des chilenischen militärs beschränkt sich also nicht auf chilenische Staatsbürger. Viele Ausländer werden ermordet, weil sie angeklagt oder einfach nur verdächtigt werden, zur chilenischen Linken zu gehören. All diese Verbrechen bleiben während des langen Bestehens der Diktatur unbestraft. Im neuen Jahrhundert wurde hingegen von der spanischen Justiz eine gerichtliche Untersuchung unter Richter Baltasar Garzón eingeleitet. Pinochet wird der Verbrechen Genozid, Terrorismus und Folter beschuldigt, außerdem wird das Verschwinden von 94 spanischen Staatsbürgern untersucht, darunter der Priester Juan Alsina und der Diplomat Carmelo Soria, der am 16. Juli 1976, zwei Tage nach seinem Verschwinden, tot aufgefunden wurde. Sorias Körper wies deutliche Anzeichen von Folter und Erdrosselung auf. Soria hatte in Santiago für die UN-Wirtschaftskomission für Lateinamerika(CEPAL) gearbeitet. Sein Tod wurde später der zur "DINA", der Geheimpolizei pinochets gehörigen "brigada mulchén" zugeschrieben; das Amnestiegesetz wurde auf den Fall angewandt (13). Durch eines der zahlreichen großen Schlupflöcher, die das kapitalistische Rechtssystem aufweist, konnte sich der "Schakal vom Mapocho" einem Prozess entziehen, der von der internationalen Gemeinschaft gefordert wurde.
Aber kehren wir zurück ins Jahr 1973, in dieses dunkle Kapitel der Geschichte, das von der CIA, der Oligarchie und dem chilenischen Faschismus unter der Anleitung pinochets geschrieben wurde.
Seit dem Putsch waren erst zwei Wochen vergangen, als die USA die junta bereits als Regierung anerkannte. Die junta bot jedem, der Informationen über den Aufenthaltsort von Mitgliedern der früheren Regierung der "Unidad Popular" liefern konnte, eine Belohnung von 500 000 Escudos an.
Zwischen 5. und 9. Oktober bewegt sich eine militärische Delegation unter der Leitung von general sergio arellano stark durch die Provinzstädte. Dabei werden in fünf Städten über 100 Menschen gefangengenommen und ermordet. Die sogenannte "Todeskarawane" ("caravana de la muerte") passiert Cauquenes, La Serena, Copiapó, Antofagasta, Calama und mindestens eine Stadt im Süden. Arellano stark und seine Männer holen Gefangene aus ihren Zellen, um sie hinzurichten. Dies geschieht häufig ohne Zustimmung oder ohne Wissen des für die Region zuständigen Offiziers. Viele der Gefangenen hatten sich freiwillig den Militärbehörden ergeben.
Am 13. Oktober verbietet die junta alle linksgerichteten politischen Organisationen und Parteien. Vier Tage später wird das Verbot auf sämtliche politische Parteien ausgeweitet. Die Güter der Parteien gehen in Staatsbesitz über. Erst 1998 ermöglicht ein neues Gesetz deren Rückgabe an ihre rechtmäßigen Besitzer.
Am 11. März 1974 verkündet die junta ihre "declaración de principios". Diese Deklaration definiert die Ziele des regimes und legt die Grundmauern für ihren Fortbestand. Unter anderem wird dahin festgehalten, dass das regime christlichen Prinzipen folgt und sich ausschließlich mit der "westlichen Zivilisation" identifiziert, dass Chile auf Dauer einen autoritäreren Regierungsstil benötigt und dass das Bestehen des regimes vom Erreichen seiner Ziele abhängt und nicht von Formalitäten.
Am 14. April 1974 ernennt das vierte Kabinett sergio de castro zum Wirtschaftsminister. De castro, früherer Professor an der "Chicago Business School", spielt eine wichtige Rolle bei der Annäherung des regimes an die Marktwirtschaft. Später stößt Finanzminister jorge cauas zu ihm, ein Monetarist, dessen Ziel die Senkung des Steuerdefizits ist.
Am 14. Juni 1974 wird die Geheimpolizei "dirección nacional de inteligencia"(DINA) gegründet. Unter der Leitung von general manuel contreras besitzt die DINA bis 1977 einen großen Machtspielraum und ist vielleicht die meistgehasste unter all jenen Organisationen, die für Menschenrechtsverletzungen bekannt sind. Die DINA operiert in zahlreichen übers ganze Land verstreuten geheimen Folterzentren und Gefängnissen und ist auch an Verbrechen im Ausland beteiligt, wie an den Ermordungen von Orlando Letelier in Washington D.C. und Carlos Prats in Barcelona und an dem Attentat auf Bernardo Leighton in Rom.
Am 30. September 1974 wird in Buenos Aires (Argentinien) General Carlos Prats González, der während Allendes Regierungszeit Oberbefehlshaber des Heeres war, von einer in seinem Fahrzeug angebrachten Autobombe getötet. Seine Gattin Sofía Cuthbert stirbt mit ihm.
Am 5. Oktober 1974 wird Miguel Enríquez Espinoza, der Generalsekretär der "Bewegung der Revolutionären Linken" (MIR) von Agenten der DINA erschossen. Der Mord an Enríquez bildet den Auftakt für starke Repressionen gegenüber der MIR, die bis Februar 1975 andauern.
Milton Friedman, der Gründer der "Chicago Business School", besucht Chile am 25. März 1975. Sein Aufenthalt findet zeitgleich mit Veränderungen in der Wirtschaftspolitik der junta statt, die von den "Chicago Boys" inspiriert werden, einer Gruppe von neoliberalen Wirtschaftstheoretikern unter Friedman. Der Dollar wird erst um 8%, dann um 15% abgewertet, außerdem werden einige Preise dereguliert.
Am 1. August 1975 setzt der staatliche Fernsehsender Televisión Nacional die Ausstrahlung der Kinderserie "Mafalda" aus, die auf den Comics des argentinischen Künstlers Quino basiert, da sie angeblich aufrührerische und "destruktive" Tendenzen aufweist.
Am 1. September 1975 formiert sich das "comando conjunto", ein neuer antikommunistischer Schwadron, der sich aus Mitgliedern des Geheimdienstes der Luftwaffe(SIFA), offizieren der kriegsmacht zur see, carabineros und Mitgliedern der zivil-paramilitärischen Gruppe "patria y libertad" zusammensetzt. Das Kommando untersteht oberst edgardo ceballos, dessen hauptsächliches Ziel die Ausmerzung der Kommunistischen Partei ist. Von der Gründung des "comando conjunto" bis Ende 1976 werden zwei aufeinanderfolgende Zentralkomitees und zahlreiche Mitglieder der Jung-Kommunisten festgenommen und verschwinden spurlos.
Am 6. Oktober 1975 entgehen Bernardo Leighton und seine Gattin Ana Fresno nur knapp einem Mordanschlag in Rom, wo sie im freiwilligen Exil leben. Leighton, der während Eduardo Freis Regierungszeit Vizepräsident war, war einer der Christdemokraten, die den Militärputsch ablehnten und trat für den Dialog zwischen seiner Partei und der chilenischen Linken ein.
Am 9. Jänner 1976 wird gemäß "Verfassungsurkunde" #1 der Staatsrat gebildet, ein beratendes Organ ohne Entscheidungsbefugnis. Er besteht aus früheren Präsidenten und 16 weiteren Personen, die von pinochet bestimmt werden. Der frühere Präsident Eduardo Frei Montalva lehnt ein Amt im Staatsrat ab, während Gabriel González Videla und Jorge Alessandri sich für die Teilnahme entscheiden.
Am 13. September 1976 wird die Verfassungsurkunde über "konstitutionelle Rechte und Pflichten" erlassen, ein historisches Beispiel für die Funktionsweise des faschistischen Rechtssystems. Unter anderem erklärt dieses Dokument die Verbreitung von jeglichen "regimewidrigen" Ideen für illegal; das Verbot der politischen Parteien unterbindet das Recht, sich zu Vereinigungen zusammenzuschließen.
Am 9. Juli 1977 spricht der "Schakal vom Mapocho" von einem schrittweisen Übergang zu einer neuen Demokratie, der ab dem 1. Jänner 1981 von einigen Verfassungsreformen eingeleitet werden und schließlich in der Wiederherstellung des Parlaments gipfeln solle. Die junta werde weiterbestehen und bis 1985 zwei Drittel der gesetzgebenden Gewalt innehaben. Danach könnten die Gesetzgeber vom Volk gewählt werden. Die Opposition kritisiert pinochets plan, weil dieser das Militärregime noch bis 1985 fortsetzen will.
Am 13. August 1977 wird der Geheimdienst DINA durch die "central nacional de información" CNI ersetzt. Der große Machtspielraum, über den die DINA verfügt, und die Rolle, die sie bei der Ermordung Leteliers gespielt hatte, werden vom Regime als im internationalen Umfeld imageschädigend angesehen und führen zu deren Auflösung. Mehrere wichtige Mitglieder der DINA bekleiden Schlüsselpositionen in der CNI, die in der Ausübung der Repression die Funktion der DINA einnimmt.

Am 4.Jänner 1978 lässt pinochet eine Volksbefragung durchführen, um "Chiles Würde zu verteidigen". Die Wähler werden gebeten, ihre Ablehnung gegenüber der UNO-Resolution deutlich zu machen, die Chile wegen Menschenrechtsverletzungen verurteilt. Der Wähler wird gefragt, ob er "den Präsidenten bei seiner Verteidigung der Würde Chiles unterstützt und die Legitimität der Regierung bestätigt... oder, im Gegenteil, der UNO-Resolution und deren Versuch, uns unsere Zukunft vom Ausland aus aufzuzwängen, zustimmt". Die Auszählung bringt ein Ergebnis von 75% "Ja"-, 20% "Nein"- und 5% ungültigen Stimmen. Die Wahl wird ohne ein Mindestmaß an Demokratie durchgeführt Es gibt zum Bespiel keine Wählerverzeichnisse, da diese nach dem Militärputsch verbrannt worden sind. Laut "Americas Watch" herrschte während der Volksbefragung ein Klima der "extremen Brutalität und Angst, des Ausnahmezustandes, in dem die bürgerlichen Freiheiten sehr stark eingeschränkt waren". Der Schakal vom Mapocho hingegen interpretiert das Wahlergebnis als Legitimation seiner Regierungspolitik.
Am 19. April 1978 wird das "Amnestiegesetz" beschlossen. Das von Justizministerin mónica madariaga ausgearbeitete Gesetz erlässt eine Amnestie für alle zwischen dem 11. September 1973 und dem 10. März 1978 begangenen Verbrechen, ein Zeitraum, der den gesamten Ausnahmezustand umfasst. Von dem Gesetz profitieren Verbrecher, deren Komplizen und diejenigen, die die Verbrechen vertuscht haben. Es beschützt also alle, die während dieses Zeitraums Menschenrechtsverletzungen begangen haben. Auch auf einige politische Gefangene, die in diesen Jahren verurteilt wurden, wird die Amnestie angewandt. Innenminister sergio fernández erklärt diese Tatsache zum "Beginn der nationalen Versöhnung".
Am 24. Juli wird general gustavo leigh, Kommandant der luftwaffe und Gründungsmitglied der junta, seines Ranges enthoben. Pinochet und die beiden anderen Mitglieder der militärjunta, die generäle merino und mendoza, beschuldigen ihn, "sich in mehreren Fällen von den Prinzipien, die die Bewegung des 11. Septembers inspiriert" hätten, "entfernt" zu haben. Tatsächlich hatte leigh die "Volksbefragung" des vorangegangenen Jahres vehement abgelehnt und hatte auch bezüglich der totalitären Natur des Regimes Bedenken geäußert. Er ging sogar so weit zu sagen, dass er die Existenz linker Parteien unterstütze, "so wie es auch die Schweden tun", und fügte hinzu, die chilenische Erfahrung habe bewiesen, dass "Ideen nicht durch Gesetzeserlasse abgeschafft werden können".
Am 19. Oktober 1978 werden sieben Gewerkschaftsbunde, die 550 Gewerkschaften vertreten, von der Regierung zwangsweise aufgelöst.
Am 2. Jänner 1979 tritt der "Plan laboral" der Regierung in Kraft. Das neue Programm spiegelt das neoliberale Modell wider, das bereits auf die chilenische Wirtschaft angewandt wurde. Die Einschränkung des Rechtes auf Verhandlungen ermöglicht eine Lohnsenkung; die Arbeitsbedingungen verschlechtern sich.
Am 1. Mai 1979 werden bei nicht genehmigten Aufmärschen anlässlich des Tags der Arbeit 365 Menschen verhaftet.
Am 15. Juli 1980 wird oberst roger vergara, der Leiter der "escuela de inteligencia del ejército", erschossen, als er sich in seinem Auto auf dem Weg zur Arbeit befindet. Die MIR bekennt sich zu dem Attentat. Dieser Mord ist Anlass für interne Veränderungen in der CNI und für die Gründung des "Kommandos zur Rache der Märtyrer" covema ("comando vengador de mártires"), einer regierungstreuen paramilitärischen Organisation, die Linke entführt, verhört, foltert und ermordet.
Am 12. August 1980 kündigt die Regierung für den 11. September eine Volksabstimmung an, in der die von pinochets Kollegen ausgearbeitete "Verfassung" angenommen werden soll. Die Verfassung schlägt vor, dass der Schakal für weitere acht Jahre als "Präsident" an der Spitze der militärjunta bleiben soll, danach sollen, nach gewissen in der Verfassung festgehaltenen Richtlinien, Präsidentschaftswahlen abgehalten werden.
Die Abstimmung wird ohne Wählerverzeichnisse, ohne politische Parteien und ohne von den Parteien ernannte Wahlbeobachter durchgeführt. Darüber hinaus findet sie in einem Klima der Angst und der Einschüchterung statt, das jeglichen Versuch einer Diskussion zunichte macht. Vor allem aber gibt es überhaupt keine Garantien für die Richtigkeit des Abstimmungsergebnisses, was zu Wahlbetrug im großen Stil führt. Das Ergebnis sind 67% der Stimmen für und 30% gegen die neue "Verfassung", was einer Legitimation des regimes und dessen Pläne für einen Übergang zur Demokratie gleichkommt. In Einklang mit der neuen Verfassung beginnt pinochet eine weitere achtjährige Amtsperiode. Auch wenn die Parteien der "geschützten Demokratie" ("democracia protegida") einmal gewählt sein werden, sichert die Verfassung ihm noch eiserne Kontrolle über zukünftige zivile Regierungen bis über das Jahr 2000 hinaus, indem sie pinochet und dem rechten Lager überproportional viel Macht im Parlament einräumt.
Am 20. Oktober 1980 wird Andrés Zaldívar, der Vorsitzende der Christdemokraten, des Landes verwiesen, weil er in Mexiko bestätigt, dass die Verfassung illegal ist.
Am 12. März 1981 nimmt der Schakal vom Mapocho den Präsidentenpalast La Moneda in Besitz, nachdem das bei dem Bombardement acht Jahre zuvor schwer beschädigte Gebäude renoviert und umgebaut worden ist.
Am 28. März 1981 bekunden Spitzen der Kommunistischen Partei ihre Unterstützung für den "bewaffneten Kampf" gegen das regime. Die neue Politik der "Massenrebellion" ist eine Reaktion auf die Volksabstimmung über die Verfassung, da damit der Demokratie alle Türen verschlossen wurden und die faschistische Regierung für einen langen Zeitraum institutionalisiert wurde.
Am 11. September 1981 tritt die neue "Verfassung" in Kraft. Gleichzeitig setzt eine Welle der Vertreibung von regierungskritischen einheimischen und ausländischen "Elementen" ein.
Am 10. August 1982 findet der erste Marsch für "Brot, Arbeit, Gerechtigkeit und Freiheit" statt. 32 Menschen werden festgenommen. Trotz der starken Repression werden die Märsche weiterhin fortgesetzt. Als Ergebnis eines langen Prozesses des unerschrockenen Widerstandes gegenüber dem regime finden am 1. Mai 1983 schließlich die ersten landesweiten Protestkundgebungen statt. Diese werden hauptsächlich vom Verband der Kupferarbeiter (CTC) organisiert und von mehreren politischen Gruppen unterstützt. Von der Größe und Vielseitigkeit der Proteste ist die Regierung ebenso überrascht wie die Veranstalter selbst. Die Antwort des regimes ist massive militärische Präsenz in Santiago, vor allem in den Randbezirken, wo die Proteste am heftigsten sind. Während der folgenden zwei Jahre finden fast jeden Monat Proteste statt.
Am 22. August 1983 formiert sich die Alianza Democrática, ein Parteienbündnis aus Christdemokraten, Republikanern, Radikalen, Sozialisten, Sozialdemokraten und der Volkssozialistischen Union. Die führenden Persönlichkeiten dieser Bewegung wollen mit der Diktatur den Übergang zur Demokratie aushandeln.
Am 10. September 1983 wird das Movimiento Democrático Popular (MDP) gegründet, ein Bündnis aus der Kommunistische Partei, die aus der Alianza Democrática ausgegrenzt worden ist, einer Splittergruppe der Sozialitischen Partei, der MIR, der MAPU-Partei der Arbeiter und Bauern und anderen politischen Gruppierungen. Ziele des MDP sind es, rasch das Ende der Diktatur herbeizuführen, eine nationale Einigung mit der Alianza Democrática und die Bildung einer provisorischen Regierung, die alle politischen Lager mit einbezieht.
Am 18. November 1983 veranstaltet die Alianza Democrática einen öffentlichen Akt im O'Higgins Park. Schätzungen zufolge nehmen daran ca. eine halbe Million Menschen teil, damit ist sie eine der größten Veranstaltungen seit dem Putsch. Im Dezember formiert sich mit Unterstützung der Kommunistischen Partei die Frente Patriótico Manuel Rodríguez (FPMR), die den bewaffneten Widerstand gegen das Regime zum Ziel hat.
Am 15. Jänner 1984 ordnet der Wohnungsbauminister einen temporären Baustopp für pinochets Wohnsitz an, da fragwürdige Transaktionen festgestellt wurden. Das im wohlhabenden Viertel Lo Curro gelegene Anwesen, dessen Preis auf 12 Millionen Dollar geschätzt wird, wird auf Gelände gebaut, das von einem privaten Sportklub enteignet worden ist. Der extravagante dreistöckige Bau, der mit mehreren unterirdischen Bunkern ausgestattet ist, steht in krassem Gegensatz zur Wirtschaftskrise, von der das Land zu diesem Zeitpunkt heimgesucht wird. Dies ist der erste in einer Serie von Korruptionsskandalen, in die der Schakal und seine Familie verwickelt sind.
Am 5. Mai 1984 erhebt eine Gruppe von Rechtsanwälten eine Klage gegen pinochet. Er wird korrupter Handlungen in Bezug auf seinen Besitz in Melocotón beschuldigt. Die Anwälte versichern, dass pinochet um nur 585.000 Pesos 13 Hektar Staatsbesitz erworben hat, für die der Staat zuvor über drei Millionen Pesos bezahlt hat.
Am 5. September 1984 erstellt die militärregierung eine Liste von 5000 Chilenen, denen die Einreise in ihr Heimatland verboten wird. Die Liste wird an Fluglinien weitergeleitet, mit dem Befehl, diesen Personen keine Tickets zu verkaufen.
Am 29. Oktober 1985 beschließt der Militärgerichtshof von Antofagasta die Gewährung einer Amnestie für general arellano stark und andere militärs, die im Zuge der sogenannten "Todeskarawane" im Oktober 1973 für den Mord an mindestens 100 Menschen verantwortlich sind.
Die bewaffneten Kommandos der Linken intensivieren ihre Aktivitäten. Auf ihr Konto geht unter anderem die Sprengung zweier Strommasten, die Stromausfälle in Santiago und anderen Städten zur Folge hat. Die Repression nimmt zu; am 15. Mai 1986 greifen Spezialeinheiten der carabineros und die streitkräfte nach zwei Wochen vermehrter Operationen 33 Elendsviertel von Santiago an. Dabei werden ca. 15.000 Menschen festgenommen.
Die Ereignisse des 2. Juli 1986 erschüttern die chilenische Gesellschaft zutiefst. An diesem Tag, an dem ein landesweiter Streik ausgerufen wird, werden Carmen Gloria Quintana und Rodrigo Rojas von einer militärpatrouille bei lebendigem Leib verbrannt. Während einer Protestkundgebung werden die beiden von einer Patrouille festgenommen. Die militärs überschütten sie mit Kerosin, zünden sie an und lassen sie in einer abgelegenen Gegend zurück. Beide schaffen es noch, Hilfe zu bekommen. Rodrigo Rojas stirbt vier Tage später, kann aber noch vor einem Zivilrichter aussagen. Carmen Gloria Quintana bleibt mit Verbrennungen von 60% der Körperoberfläche ihr Leben lang entstellt.
Am 11. August 1986 berichtet die CNI vom Fund eines großen Waffenlagers in der Nähe von Vallenar. Die FPMR hatte vorgegeben, Algen zu sammeln, um heimlich Waffenhandel betreiben zu können. Die Entdeckung des Waffenlagers veranlasst die Alianza Democrática dazu, sich von den linksextremen Gruppierungen, die den bewaffneten Kampf als Mittel zur Wiedererlangung der Demokratie ansehen, zu distanzieren.
Am 7. September 1986 entgeht pinochet einem Anschlag der FPMR. Der Ausnahmezustand wird wieder ausgerufen; es kommt zu einer Serie von Festnahmen durch die CNI. Nach dem Attentat verstärkt das Regime seine Politik der Repression und wendet gewalttätige Repressalien an. Die oppositionellen Zeitungen und Zeitschriften Apsi, Anáslisis, Hoy, Cauce, La Bicicleta und Fortín Mapocho werden verboten, Spitzenpolitiker wie Ricardo Lagos (der heutige Präsident Chiles), Patricio Hales und Germán Correa werden verhaftet.
Am 25. Februar 1987 werden zum ersten mal seit 1973 Wählerverzeichnisse angelegt, und zwar als Vorbereitung für die für das darauffolgende Jahr angesetzte Volksbefragung über die Zukunft von pinochets regime. Durch großangelegte Aktionen können die Organisatoren der "NO"-Kampagne trotz Apathie und Misstrauen der Bevölkerung ca. sieben Millionen Wähler dazu motivieren, sich in die Verzeichnisse eintragen zu lassen. Zuvor waren die politischen Parteien wieder erlaubt worden, aber in sechs Monaten hatten sich nur sieben Parteien neu organisiert, davon drei Oppositionsparteien.
Am 10. April 1987 besucht Papst Johannes Paul II. Chile. Es kommt zu einem heiklen Moment, als das regime darauf besteht, dass der Papst nach Santiago zurückkehren soll, um sich von pinochet zu verabschieden. Durch Intervention des Vatikans willigt pinochet schließlich ein, selbst nach Antofagasta zu reisen, um den Papst zu treffen, bevor dieser seine Reise durch Lateinamerika fortsetzt.
Am 30. August 1988 hebt das militärregime offiziell das Exil auf. So können Tausende im Exil lebende Chilenen in ihre Heimat zurückkehren. Die Entscheidung wird einen Monat vor der Volksbefragung, in der sich entscheiden wird, ob pinochet an der Macht bleibt, und einen Tag nach Ende der Eintragungsfrist in die Wählerverzeichnisse bekannt gegeben. Zu den ersten berühmten Persönlichkeiten, die nach Chile zurückkehren, zählen Hortensia Bussi und Isabel Allende, die Nichte des früheren Präsidenten Salvador Allende. Allerdings wird 177 Personen weiterhin die Einreise ins Land verwehrt. Einige sind politische Gefangene, deren Haftstrafen in Exil umgewandelt wurde, anderen wurde die chilenische Staatsbürgerschaft aberkannt, wie z.B. dem kommunistischen Spitzenpolitiker Volodia Teitelboim, dem früheren General der Luftwaffe Sergio Poblete und dem früheren Leiter des Nationalen Gewerkschaftsbundes(CUT) Luis Meseses.
Am 22. September 1988 unterzeichnet das militärregime die UNO-Konvention gegen Folter. Allerdings meldet Chile bei der Unterzeichnung drei Vorbehalte an: dass sie nicht vor dem 11. März 1990 in Kraft treten soll, dass sie nicht rückwirkend angewandt wird und dass die Rechtssprechung der Vereinten Nationen für interne Angelegenheiten Chiles keine Gültigkeit hat. Spanien erhebt Einspruch gegen diese Vorbehalte und erklärt, dass sie mit den Zielen und Absichten dieses internationalen Abkommens nicht in Einklang zu bringen sind.
Am 5. Oktober 1988 geht pinochet aus der Volksbefragung als Verlierer hervor. Fast 55% der Wähler sagen Nein zu seinem Vorhaben, weitere acht Jahre an der Macht zu bleiben. Das "NO" hat also gesiegt, obwohl Freiwillige und Leiter der Kampagne ebenso wie oppositionelle Medien ständig angegriffen wurden. Dieser Sieg ist der Anfang vom Ende für pinochets regime.
Innerhalb weniger Wochen stellt die Opposition den Christdemokraten Patricio Aylwin als ihren Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen auf. Bei den ersten demokratischen Wahlen in der Geschichte des bereits 16 Jahre bestehenden Militärregimes wird Aylwin im Dezember 1989 zum Präsidenten von Chile gewählt. Die Regierungskoalition aus Christdemokraten und Sozialisten "Concertación de Partidos por la Democracia" mit Aylwin an der Spitze erlangt 72 der 120 Sitze im Abgeordnetenhaus. Im Senat erreicht sie hingegen mit 22 von 38 Sitzen keine absolute Mehrheit, was auf eine Verfassungsklausel zurückzuführen ist, die pinochet und anderen Mitgliedern des militärregimes das Recht einräumt, neun der Senatoren zu ernennen.
Am 11. März 1990 tritt Patricio Aylwin sein Amt als Präsident der ersten demokratischen Regierung nach 17 Jahren Militärregime an. Der Christdemokrat und Rechtsanwalt repräsentiert das politische Bündnis "Concertación por el NO", das in den 80er Jahren anlässlich der Volksbefragung vom 5. Oktober 1988 gegründet worden war.

SCHLUSSBEMERKUNGEN (*)

Seit der Ankunft der Europäer in Amerika haben unsere Gesellschaften äußerst unter jeder Art von Gewalt und Nötigung gelitten, welche die historische Erfahrung der so genannten "westlichen Zivilisation" zu erdenken und auszuprobieren fähig war. Im Unterschied zum Europa der letzten zweihundert Jahre galt die zentrale Sorge dort nicht dem Menschen; das Ziel ist immer noch, wie schon vor über fünfhundert Jahren, der Reichtum ihrer Länder. Die unheilvollen Folgen einer solchen Einstellung zeigen sich auf allen Ebenen: die brutalen Veränderungen, welche die Umwelt erlitten hat, die großen und orientierungslosen Gesellschaften, die entstanden sind, eine Produktivität, die, auf der Grundlage erbarmungsloser Ausbeutung, kein anderes Ziel zu haben scheint, als das Produkt selbst und seine Vermarktung, Kulturen, die mehr aus dem Leid denn aus der Freude entstanden sind, eine enorme Masse von Menschen die nur bedeutungslose Nummern ohne Geschichte und ohne Zukunft sind. In Amerika sind seit seiner Entdeckung die Willkür und der Despotismus die wesentliche Spielregel, so will es das politische Vermächtnis, das mit Blut und Feuer von den Imperien auferlegt und von der herrschenden weißen Oberschicht kopiert und fortgesetzt wurde.
In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ließ die riesige Menge an Problemen sowie ein hoher Bewusstheitsgrad über ihre Ursachen und mögliche Abhilfen seitens einer beträchtlichen Anzahl von BürgerInnen in ganz Lateinamerika das unmittelbare Bevorstehen einer zweiten Befreiung vom Kolonialismus vorhersehen, den dieses Mal das ausländische Kapital, besonders das der USA und der plündernden heimischen herrschenden Klassen aufzwang.
Die sozialen und Befreiungsbewegungen sprossen überall in Lateinamerika derart hervor, dass es den Imperialisten und den herrschenden Klassen nur möglich war, ihre Privilegien unter Anwendung der erbarmungslosesten Gewalt beizubehalten, die unsere Geschichte seit der europäischen Invasion je erlebt hatte. So setzten sich zwischen den 60er und dem Ende der 80er Jahre, einem Zeitraum von fast 30 Jahren, auf beinahe dem ganzen Kontinent die blutigsten Diktaturen fest, die das Antlitz der Erde je gesehen hat. Die vom Schakal vom Mapocho in Chile aufgezwungene war die schrecklichste von allen. Zu jener Zeit wurden in fast ganz Lateinamerika Millionen militanter Linker ermordet, verhaftet, gefoltert, mussten ihr Land verlassen, um ihr Leben und/oder das ihrer Familien zu retten, oder sie mussten einfach bleiben und ihren politischen Überzeugungen abschwören. Und so konnten in unseren Ländern, nachdem erst der Weg frei war von jeder ernst zu nehmenden Opposition, die zynischsten, unterdrückerischsten, betrügerischsten Demokratien der ganzen Geschichte des "Westens" wieder eingesetzt werden, Demokratien, die ihren Kern in der Korruption, der Angst, der Unwissenheit und, wie es schon Tradition ist, der Unterdrückung haben.
Innerhalb des politischen Klimas Lateinamerikas, das bis zum Überdruss neben anderen Übeln mit Korruption, Lüge und Gewalt getränkt ist, sind die Hoffnungen, Lösungen zu finden, eher schwach. Ich glaube, dass in diesem 21. Jahrhundert wir alle, nicht nur die große Zahl der unterdrückten Völker der Welt, sondern auch ihre Unterdrücker, viel von der ethischen und politischen Weltsicht Mahatma Gandhis lernen und in die Praxis umsetzen müssen. Als Schlusswort dieser Arbeit mögen seine Worte Nahrung für unsere Reflexionen über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft der Völker, besonders derjenigen Lateinamerikas, sein:
"Die Selbstreinigung, auch wenn es scheint als hätte sie keinerlei greifbare Realität, ist das mächtigste Mittel, um unsere Umgebung umzugestalten und die schwersten Hindernisse zu überwinden… sie ist das Mittel par excellence, das direkteste, das sicherste und das kürzeste, um die Befreiung zu erlangen… Euer größter Irrtum ist, zu glauben, es bestünde kein Zusammenhang zwischen dem Zweck und den Mitteln… der Zweck ist so viel wert wie die Mittel… Die gegenseitige Abhängigkeit ist und muss das Ideal des Menschen sein, genauso wie die Autonomie… Der Sozialismus wie ich ihn verstehe, hat die Klarheit des Glases. Er erfordert folglich völlig klare Mittel, um seinen Zweck zu erreichen… Die ahimsã (GewaltLOSIGKEIT) und die Wahrheit sind so eng miteinander verwoben, dass es praktisch unmöglich ist, sie von einander zu trennen… ich gestehe nicht den mindesten Rückgriff auf die Gewalt zu, um zum Erfolg zu gelangen… Daher werden nur Sozialisten mit reinem Herzen, gewaltlose und wahrheitsliebende, eine wahrhaft sozialistische Gesellschaft in Indien und in der Welt aufbauen können… Die echte Demokratie kann nur aus der Gewaltlosigkeit entstehen… sie kann nie mit unlauteren oder gewaltsamen Mitteln erreicht werden… Die Zukunft Indiens und der Welt hängt von der Annahme der Gewaltlosigkeit ab. Sie ist das wirksamste Mittel zur Durchsetzung der politischen und wirtschaftlichen Rechte aller Unterdrückten und Ausgebeuteten… Der zivile Ungehorsam ist ein unveräußerliches Recht jedes Staatsbürgers. Er kann nicht darauf verzichten, ohne aufzuhören, ein Mensch zu sein… Ich habe es immer für unmöglich gehalten, die soziale Gerechtigkeit zwangsweise durchzusetzen, auch wenn es um die Benachteiligtsten geht. Nach meinem Urteil kann der ungerechten Situation, unter der sie leiden, Abhilfe geleistet werden, indem man sie gebührend in gewaltlosen Methoden trainiert. Ich beziehe mich auf die gewaltlose Verweigerung der Kollaboration. Niemand ist verpflichtet, an seinem eigenen Verlust oder Versklavung mitzuarbeiten… (14)

Luis Alfredo DUARTE-HERRERA

Übersetzung: Ulrike ZOMORRODIAN-SANTNER (*)
und Anna FUCHS (**)

(1) Mapocho ist ein chilenischer Fluss.
(2) Erklärungen augusto pinochets, veröffentlicht in der Zeitschrift Time am 1. Oktober 1973, entnommen aus "La tragedia de Chile", einer Sammlung von G. Borovic, Edition Presseagentur Nóvosti, Moskau 1974.
(3) Die folgende Zusammenfassung der Geschichte des Sozialismus in Chile basiert auf den im Internet veröffentlichten Daten aus der Homepage der Sozialistischen Partei Chiles: http://www.pschile.cl/historia/historia.htm

(4) Die folgende Zusammenfassung beruht auf den im Buch "Víctor Jara, un canto no truncado" ("Víctor Jara, ein nicht verstümmelter Gesang") von Jara Joan, Ediciones LAR, 1988, Santiago de Chile, Seite 137, veröffentlichten Daten.
(5) Ebd., S. 143-144.
(6) Ebd., S. 139.
(7) Ebd., S. 150.
(8) Ebd., S. 166.
(9) Ebd., S. 183-184.
(10) Nach 1973 trat einer der Anführer der MIR, der "Comandante Raúl" als einer der Haupt-Folterknechte der DINA, der Geheimpolizei der Militätjunta, auf. Ebd., S. 182.

(11) Die Daten, auf die in dieser Ausgabe Bezug genommen wird, stammen hauptsächlich von der Internetseite "Derechos Chile": http://www.santiagotimes.cl/derechos/index_esp.html
(12) "La tragedia de Chile" (Sammelband), G. Borovic (Hrsg.), Presseagentur Nóvosti, Moskau, 1974.
(13) Für mehr Information über die Festnahme pinochets und den vergeblichen Versuch seiner Verurteilung in Spanien, siehe http://www.angelfire.com/ri/amintiri/opinion21.html

(14) "Todos los hombres son hermanos", Mahatma Gandhi, Sociedad de Educación Atenas, Madrid 1995. Dieses Werk enhält Passagen aus verschiedenen Schriften Gandhis, die zu verschiedenen Zeitpunkten veröffentlicht wurden. Ich habe einige Sätze Gandhis miteinander verknüpft, ohne die von der Quelle eingehaltene Reihenfolge einzuhalten, der sie entnommen sind.

11. September

Letzte Ansprache von Salvador Allende am 11. September 1973 aus der Casa de la Moneda - Salvador Allende

Landsleute:

Salvador AllendeEs ist möglich, dass sie die Radios zum Schweigen bringen und so verabschiede ich mich von Ihnen. Es ist wahrscheinlich die letzte Gelegenheit, dass ich mich an Sie wenden kann.
Die Luftwaffe hat die Sendetürme von Radio Portales und Radio Corporación bombardiert. Meine Worte enthalten keine Bitterkeit, sondern Enttäuschung; sie werden die moralisch Strafe für diejenigen sein, die den Eid, den sie geleistet haben, gebrochen haben: Soldaten Chiles, ernannte Oberbefehlshaber, Admiral Morino, der sich selbst ernannt hat, General Mendoza, dieser niederträchtige General, der der Regierung erst gestern seine Solidarität bekundet hat, und sich heute zum Generaldirektor der Carabineros ernannt hat!
Angesichts dieser Tatsachen bleibt mir nichts anderes, als den Werktätigen zu versichern: Ich werde nicht zurücktreten.
In einen kritischen historischen Moment gestellt, werde ich die Loyalität des Volkes mit meinem Leben vergelten. Und ich versichere Ihnen, dass ich die Gewissheit habe, dass die Saat, die wir in das würdige Bewusstsein abertausender Chilenen gepflanzt haben, nicht endgültig zerstört werden kann.

Im Namen der heiligsten Interessen des Volkes, im Namen des Vaterlandes, rufe ich Sie dazu auf, Vertrauen zu haben. Die Geschichte bleibt nicht stehen, weder durch Repression noch durch Verbrechen. Dies ist eine Etappe, die überwunden werden wird. Dies ist ein harter und schwieriger Moment. Es ist möglich, dass Sie uns niedertreten, aber der Morgen wird dem Volk, den Arbeitern gehören. Die Menschheit schreitet fort, um ein besseres Leben zu erringen.

Werktätige meines Vaterlandes: Ich danke Ihnen für die Loyalität, die sie immer gezeigt haben, für das Vertrauen, das Sie in einem Mann gesetzt haben, der nur der Ausleger einer große Sehnsucht nach Gerechtigkeit war, der sein Wort gab, Verfassung und Gesetz zu achten - und der dies tat.
Dies ist der entscheidende Moment, der letzte, an dem ich mich an Sie wenden kann.
Ich hoffe, Sie können aus den Geschehnissen Ihre Lehren ziehen. Das Auslandskapital, der Imperialismus vereint mit der Reaktion haben das Klima geschaffen, damit die Sreitkräfte mit ihrer Tradition brechen, die Schneider festsetzte und die Komandant Araya bestätigte.
Sie wurden Opfer des gleichen sozialen Sektors, der heute in Ihren Häusern darauf lauert, die Macht mit fremder Hilfe zu erobern, um so weiterhin seinen Besitz und seine Privilegien zu verteidigen.

Ich wende mich vor allem an die einfache Frau unseres Landes, an die Bäuerin, die an uns geglaubt hat, an die Arbeiterin, die noch mehr arbeitete, an die Mutter, die unsere Sorge um die Kinder kannte.

Pinochet und AllendeIch wende mich an die Fachkräfte unseres Landes, an die Patrioten unter ihnen, die seit Tagen gegen den drohenden Aufstand der Berufsverbände arbeiteten, jener Klassenverbände, die auch die Vorteile einer kapitalistischen Gesellschaft verteidigen.

Ich wende mich an die Jugend, an diejenigen, die gesungen und ihre Freude und ihren Kampfgeist eingesetzt haben.
Ich wende mich an den chilenischen Mann, an den Arbeiter, an den Bauern, an den Intellektuellen, an diejenige, die verfolgt sein werden, denn der Faschismus zeigt sich in unserem Land schon seit vielen Stunden in den Terroranschlägen, bei denen Brücken gesprengt, Eisenbahnlinien blockiert und Öl- und Gasleitungen zerstört werden. Demgegenüber steht das Schweigen jener, die die Verpflichtung gehabt haben, dagegen vorzugehen. Sie sind bloßgestellt. Die Geschichte wird sie richten.

Radio Magallanes wird sicher zum Verstummen gebracht werden und der ruhige Klang meiner Stimme wird Sie nicht mehr erreichen. Das macht nichts, sie werden mich weiterhin hören. Ich werde immer bei Ihnen sein. Zumindest die Erinnerung an mich als einen würdigen Mann, der seinem Land treu war.

Das Volk soll sich verteidigen, aber es soll sich nicht opfern. Das Volk darf sich nicht unterjochen und quälen lassen, aber es darf sich auch nicht erniedrigen lassen.

Werktätige meines Landes, ich glaube an Chile und sein Schicksal. Andere Männer werden diesen grauen und bitteren Augenblick überwinden, an dem der Verrat sich durchzusetzen versucht.

Sie sollen weiterhin wissen, dass sich eher früher als später die breiten Alleen öffnen werden, auf denen der freie Mensch dem Aufbau einer besseren Gesellschaft entgegengeht.

Es lebe Chile! Es lebe das Volk! Es leben die Werktätigen! Das sind meine letzten Worte und ich habe die Gewissheit, dass mein Opfer nicht umsonst sein wird. Ich habe die Gewissheit, dass es zumindest eine moralische Lektion sein wird, die den Treuebruch, die Feigheit und den Verrat strafen wird.


SALVADOR ALLENDE
Casa De La Moneda - Santiago de CHILE
11 September 1973
Übersetzung: Miriam EBERHERR