XICÖATL 63

 

XICöATL

XICöATL: Ausgabe 63

XICöATL Nr. 63, April/Juni 2003
XICöATL 63

INHALT:

  • Lyrik: Gedichte. Roque Dalton
  • Essay: Das Gewitter zwischen den Händen. Rafael Lara-Martínez
  • Essay: Krieg? Was für ein Krieg? Juan María Solare
  • Erzählkunst: Unter Bleistiften. David Sánchez Juliao
  • Österreich: Der Punkt auf dem I. Ilse Brem

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Lyrik 
Roque Dalton

Gedichte - Roque Dalton

 

Aida, lass uns die Nacht erschießen(1)

Aida, lass uns die Nacht erschießen
Und das furchtbare gesellschaftliche Elend.
Hier haben wir diese vier Hände
und hier haben wir meine Stimme.
Deine Augen geben uns Rückendeckung
und deine sanfte Art, mich zu lieben.
Mein Blut, das bereits im Körper meines Sohnes fließt,
gibt uns Rückendeckung.
Diese Atmosphäre, das tägliche Brot
und diese vier Wände, die die Küsse beschützen,
geben uns Rückendeckung.
Aida, lass uns dieses bittere Gewitter zerstören.
Wir müssen aus den Sternen Taschentücher machen,
um die Tränen des Mannes zu trocknen.
Wir müssen das Kind
zu seiner ursprünglichen Musik zurückbringen.
Wir müssen wieder Puppen herstellen
und Mais in den Städten anbauen.
Wir müssen die Hochhäuser sprengen
und Platz schaffen,
damit der Weizen wachsen kann.
Wir müssen aus den Autobussen
Geräte für die Landwirtschaft bauen.
Aida, lass uns die Nacht erschießen
und diese furchtbare Fahne.
Aida, lass uns die Nacht erschießen
und die schwarzen Kanonen
und die Atombomben;
lass uns den Hass erschießen
und dieses furchtbare gesellschaftliche Elend.

Christus (2)

Kreuzigt ihn, kreuzigt ihn,
kreuzigt ihn,
weil er zur rechten Zeit
die übersättigten Herren nicht aufhängte,
weil er den gebeugten Apostel nicht erstach,
weil er das Wasser der Güte und der Liebe teilte,
anstelle der letzten Bitterkeit des Aufstandes.

Mehrstimmiger Gesang an Amerika (3)

Amerika, wir kehren mit erprobten Worten zurück.
Wann war der hungerleidende Tag,
an dem deine Erinnerung nicht erschien,
um unsere Schritte zu krönen?
Wann war die bittere Nacht,
die unseren Blick in Tränen hüllte,
bevor wir deinen endgültigen und vollständigen Sonnenaufgang erahnen konnten?
Ach Amerika,
wie ist unser Herz gewachsen, um dich zu lieben?
Wir waren gleichzeitig
der alte Schokoladeverkäufer,
der seine grelle Uniform erträgt,
um Rosen aus Mehl mitzubringen,
um die Bitterkeit aus seiner weit entfernten Behausung zu vertreiben;
der ungelehrige Mesner,
der eilig die Glocken läutet,
um frühzeitig zur Gewerkschaft zu kommen;
der zitternde Bergmann,
der den Bauch von Mutter Erde
mit brüchigen Nägeln durchwühlt hat
und das Herz mit dem Blut einer Fahne auf der Oberfläche liegen ließ;
wir waren
der arme Student,
dem die Seele schmerzt
und die kaputte Sohle des rechten Schuhs;
der junge Bauer,
der in seiner Plumpheit sogar mit seinen Tränen
den kleinen Planeten aus Mais bewässert;
Ach Amerika,
wie haben uns die Wurzeln überwuchert,
als wir uns in deine gewalttätigen Furchen gelegt haben!
Wir waren
all diese Taschentücher,
die zum Abschied gewunken haben
im Hafen von Arica;
all diese Schwarzen aus der Kanalzone, die sich betrinken
und die betrunkenen Matrosen aus tiefster Seele hassten;
wir waren
all diese schwindelnden Hirten,
die täglich Macchu-Picchu in einer Nachtwache krönen;
all diese Verschiffer von Kaffee des Glücks,
all diese Hafenarbeiter vom Rio de la Plata,
all diese rasenden Tänzerinnen aus Baiao,
all diese Liebhaber des Weizens aus Totonicapán,
die sich von Blättern und Hoffnung ernähren
und im Angesicht der Zukunft Wege bauen.
All das waren wir, Amerika,
gleichzeitig,
um zu lernen, dich zu lieben
aus den endgültigen Gebieten.
SENDUNG:
Ich komme aus deinem fruchtbaren Körper
und mit meiner Stimme versammle ich die aktuellen Sonnenaufgänge.
Macht Platz, macht Platz für den entscheidenden Tag,
an dem das Schicksal zu uns kommt,
um sich wie ein neues Schwert
schlafend in unsere Arme zu legen.

Warum wir schreiben (4)

Einer dichtet Verse
und liebt das seltsame Gelächter der Kinder,
den Untergrund des Menschen,
der in den ätzenden Städten seine Legende maskiert,
die Errichtung der Freude,
die vom Rauch der Fabriken profezeit wird.
Einer hält in den Händen ein kleines Land,
furchtbare Daten,
Tote wie fordernde Messer,
giftige Bischöfe,
riesige, stehende Jugendliche,
deren einziges Alter die Hoffnung ist,
rebellische Bäckerinnen mit mehr Macht als eine Lilie,
Schneider wie das Leben,
Seiten, Bräute,
seltenes Brot, kranke Kinder,
betrügerische Anwälte,
Enkel des Urteils,
die nicht genützten Hochzeiten des impotenten Mannes,
Mutter, Pupillen, Brücken,
kaputte Fotografien und Programme.
Einer wird sterben,
morgen,
ein Jahr,
ein Monat ohne schlafende Blütenblätter;
zerstreut wird er unterhalb der Erde bleiben
und es werden neue Männer kommen,
die Aussichten verlangen.
Sie werden fragen, war wir waren,
diejenigen, die ihnen mit reinen Flammen vorrangegangen sind,
die man mit dem Gedächtnis verwünscht.
Gut.
Das machen wir:
wir bewahren für sie die Zeit auf,
die uns zur Verfügung steht.

Kaput (5)

Das Kind, das den Verurteilen das Würmlein zeigte,
das die Liebe mit einem Hund oder einer Banane einweihte,
das Kind, das die Hühnerbrüste den Flügeln vorzog,
der erste Ankläger von Schneewittchens Pornografie,
das Kind, das der Untergang von fünf Cousinen,
der Tante und zwei Feindinnen der Mutter war,
das Kind, das die neuen Landkarten
der freudenreichen Akupunktur erfand,
das graue Gehirn hinter dem Thron von Havellock Ellis,
das erst ab 18 zugelassene Kind,
aufgezogen mit der Milch von der Geburtenstation aus Gomorra,
das Kind, das Evas Apfel berührt hat
und das vor Adam aus dem langweiligen Paradies vertrieben wurde,
das Kind, das die Notwendigkeit der Stühle,
der Wände, der Mauern, der Tribünen in den Stadien geschaffen hatte,
das Korkenzieher-Kind, das Dosenöffner-Kind,
das Kind, das nicht einmal dem Kanarienvogel vergeben hat,
wurde schlussendlich nach Dänemark geschickt,
weil stellen Sie sich vor....

P.R. (6)

Wozu dient
die revolutionäre Dichtung?

Um Dichter hervorzubringen
oder die Revolution?

Übersetzung: Angelika Moser

1 - Diario Latino, 28. Jänner 1956
2 - Aus dem Gedichtband "El turno del ofendido", 1. Ausgabe Oktober 1962, Kuba, 3. Hispanoamerikanischer Literaturwettbewerb Casa de las Américas
3 - La Prensa Gráfica, 19. August 1956
4 - Aus dem Gedichtband "La ventana en el rostro", 1. Ausgabe 1961, Mexiko
5 - Aus dem Gedichtband "Un libro levemente odioso", 1. Ausgabe, La Letra Editores, Mexiko
6 - Aus dem Gedichtband "Un libro levemente odioso", 1. Ausgabe, La Letra Editores, Mexiko

Essay
Rafael Lara Martínez

Das Gewitter zwischen den Händen- Rafael Lara Martínez

Rafael Lara-Martínez ist Professor an der Abteilung für Geisteswissenschaften des New Mexico Institute of Mining and Technology in Socorro, New Mexico. Zu seinen Publikationen zählt La humedad del secreto. Antología poética de Roque Dalton (San Salvador, 1994/1995). Dieses Buch enthält die kompletteste Bibliographie und Gedichtsammlung Roque Daltons.

Das Gewitter zwischen den Händen

Anlässlich des 68. Jahrestags von Roque Daltons Geburt

¡Roque Dalton lebt! Entlang des gesamten Camino Real hallen diese Worte wider. Es ist ein langer Weg. Mit einer Litanei aus Biegungen und Krümmungen. Felsen aus Wasser, schwarz, sprechend. Markieren den Verlauf des Weges. Er führt vom Norden, vom kolonialen Nueva España -dem Aztlán der Indígenas- südwärts bis nach Cuzcatlán in Mittelamerika. Der schwarze Christus von Esquipulas (1) zeigt uns im Süden, im Trifinio -wo Guatemala, El Salvador und Honduras einander die Hände reichen- wie im Norden, in Chimayó (New Mexico), das gleiche Bild. Ein einziges Symbol leitet den Wandernden, der Grenzen (†) überquert. Hier in New Mexico, dort in Mittelamerika.

Dalton. Sein Nachname erinnert an die Raubzüge der Dalton Gang im Südwesten der USA. Vor einiger Zeit sähte ein beschwerlicher Tag, ohne Regen und ohne Feuchtigkeit, seinen Samen der Zwietracht in den Wendekreis. Roque wird aus la roca geboren, aus the rock, dem Felsen. Davon leitet sich sein Name ab. Mögen seine Anhänger sich Rockers nennen. Der Name beinhaltet auch eine Vereinigung von Gegensätzen: die des Südens mit dem Norden, des Angloamerikanischen mit dem Hispanischen, Cuzcatlán mit Aztlán, und umgekehrt. In ihm vereinen sich die Widersprüche: Liebe, Politik, Leidenschaft, Poesie, Boheme, Reisen, Mitgefühl, ... Und Staub. Das auch, aber es ist "verliebter Staub".

Dibújeseme la tormenta entre las manos
para saciar esta diaria sed de estruendos
como el caminante que se agacha a refrescar la suya de agua
en esas fuentes que de la piedra brotan
para vergüenza del polvo.

Man male mir das Gewitter zwischen den Händen
Um diesen täglichen Durst nach Donner zu stillen
Wie der Wandernde der sich bückt um sich mit Wasser zu erfrischen
An diesen Quellen die aus dem Stein sprudeln
Um den Staub zu beschämen.

Einen "täglichen Durst nach Donner (The Clash)", Im "Gewitter zwischen den Händen" hört man die Stimme des Dichters in ihrer Leidenschaft, die widersprüchlichsten Aspekte des Lebens auszudrücken.

Er wird im Mai 1935 in San Salvador, El Salvador, als Sohn eines irischstämmigen Nordamerikaners und einer Salvadorianerin geboren. Er besucht die Jesuitenschule von San José. Dort entdeckt er seine Liebe zur Poesie. Seit früher Jugend hält ihn sein Literatur-Lehrer, Alfonso de María Landarech, für den "besten Lyriker des Landes". Dank der finanziellen Unterstützung seines Vaters und eines Stipendiums der Jesuiten kann er im Jahr 1953 nach Chile reisen und verbringt fast ein ganzes Jahr dort. Er beginnt Jus zu studieren und lernt zwei Persönlichkeiten kennen, die seinem Leben eine künstlerische und politische Wendung geben werden: den chilenischen Dichter Pablo Neruda und den mexikanischen Mural-Maler Diego Rivera.

1954 kehrt er nach El Salvador zurück, mit einer enormen dichterischen und politischen Bibliothek unter dem Arm. In seinem Gedächtnis. Er schreib sich an der juridischen Fakultät der Universidad de El Salvador (UES) ein. In dieser Umgebung schließt er sich mit anderen Dichtern zum Círculo Literario Universitario (CLU), dem literarischen Zirkel der Universität, zusammen. Er liest marxistische Theorie in Gedichtform.

Die Rolle des Zirkels besteht darin, Kunst und Leben zu vereinen, auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Der Zirkel fordert, dass der Poesie tiefe ethische Inhalte zugrundeliegen sollen. Um dies zu erreichen, veröffentlicht er die Arbeiten seiner Mitglieder in den meistgelesenen Zeitungen des Landes. Sie organisieren Festivals, spaßhafte Paraden und gründen mehrere Zeitschriften, die an den Zeitungskiosken verkauft werden. Sie schreiben eine murale Poesie, die allen täglich zugänglich ist. Die Poesie muss sich sowohl vom überheblichen Akademikertum als auch vom komplexen Elitedenken lösen. Beide Strömungen betrügen den Zugang zur breiten Masse, indem sie sich selbst einsperren und nur mehr Minderheiten dienen.

Sie kritisieren den staatlichen Modernisierungsprozess in El Salvador. Es herrscht eine eiserne Militärdiktatur. Der politischen Opposition sind alle Wege verschlossen. Der Staat schmückt sich mit wirtschaftlicher Modernisierung, die aber nicht jene große Mehrheit der Bevölkerung mit einbezieht, die in Armut lebt. Die Poesie dient als politische Stütze der Anklage: Mangel an Demokratie und große Armut breiter Bevölkerungsschichten. Die Poesie erfüllt ihre ethische Pflicht in der Politik. Für den Zirkel bedeutet Poesie (poética), das Symbol des moralisch Guten zu erreichen, und das moralisch Gute bedeutet den sozialen Wohlstand der Mehrheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung.

Wegen seiner offenen Kritik an der Diktatur und der Armut in der Bevölkerung muß er ins Exil gehen. 1961 führt ihn sein Weg nach Mexiko. Dort veröffentlicht er seine erste Gedichtsammlung: La ventana en el rostro… Später, im Jahr 1962, reist er nach Kuba. Er arbeitet in Havanna in der Casa de las Américas (2). In Kuba veröffentlicht er mehrere Gedichtsammlungen, die ihm zu hohem Ansehen verhelfen: El mar (1962), El turno del ofendido (1962), Los testimonios (1964). Was an jenen Gedichten auffällt, ist ihre Lebenskraft. Er verbindet die Politik mit der Liebe, den Alltag mit der Anklage, die volkstümliche Überlieferung mit der persönlichen Erfahrung, die dichterische Sprache mit der Ironie. Die Leidenschaft, zu leben; "Die Quelle des Genusses" der psychoaktiven Stoffe. Er lebt mit seiner Schwester zusammen, "Margarita emocionante", die verführt wird von dem "künstlichen Paradies" aus "Lucy in the Sky with Diamonds".

Seine Reisen und das Exil dauern an. 1964 kehrt er kurz nach El Salvador zurück und wird sofort eingesperrt. Seine legendäre Flucht -die unter dem paradoxen Zeichen des Argentiniers Jorge Luis Borges steht- erzählt er im letzten Kapitel seiner posthum erschienenen Biografie, Pobrecito poeta que era yo… (1976). Er vertritt die Meinung, dass politische und künstlerische Avantgarde Hand in Hand gehen. Von 1965 bis 1967 wohnt er in Prag. Er arbeitet bei einer internationalen Zeitschrift. Er analysiert die Probleme zwischen Marxismus und Frieden. "Sozalismus oder Barbarei?", vielleicht. Er besucht den Argentinier Julio Cortázar in Paris. Tanzt Cancan mit einer Unbekannten.

Zufällig lernt er an seinem einunddreissigsten Geburtstag in einem luxuriösen Prager Restaurant Miguel Mármol kennen. Mármol ist eine sagenumwobene Persönlichkeit. Er hat eine Lehre als Flickschuster gemacht und später die Kommunistische Partei von El Salvador, Partido Comunista Salvadoreño (PCS), gegründet. Er ist einziger Überlebender des Indígena-Aufstandes von 1932. Er besitzt die Gabe der wiederholten Wiederauferstehung. Der Uruguayer Eduardo Galeano bezeichnet ihn im dritten Band von Memorias del fuego (1984) als den Meister des "Magischen Marxismus". Mármol verbindet die marxistischen Lehren mit frommer Heiligenverehrung. Plaudert mit der Siguanaba (3). Er erzählt ihr sein Leben und eine Alternativversion über einen Aufstand, der im Westen von El Salvador eine Bilanz der Vernichtung -ethnic cleansing- von zwischen Zehn- und Dreissigtausend Indígenas hinterließ.

Zurück in Havanna gewinnt er den Preis der Casa de las Américas mit seiner Gedichtsammlung Taberna y otros lugares (1969). Er beginnt eine Poesie der Persönlichkeiten zu verfassen. Verbindet Drama, Dialog und Lyrik mit Sozialkritik. Er ahnt, was kommen wird: Prag 68. Aber er hat eine noch viel klarere Vorahnung von der Tragödie, die sich in seinem Heimatland abzeichnet.

Jegliche Hoffnungen auf politische oder wirtschaftliche Reformen zerplatzen. Reformen werden als "kommunistisch" bezeichnet. 1969 zerbricht die nationale Einheit an der Agrarreform. Die wirtschaftliche Achse, die auch auf dem Land eine Mittelklasse schaffen will, hat keinen Erfolg. Auch der Gemeinsame Zentralamerikanische Markt, das Exportmodell der mittelamerikanischen Gesellschaft, scheitert. Ein Bruderkrieg bricht aus. Die Wirtschaft rutscht in die Krise. Die Einschränkungen des Modernisierungsmodells werden deutlich sichtbar.

Einige Jahre später, 1972, kommt es zu einem beispiellosen Wahlbetrug von seiten des Militärs. Sogar manche politisch Gemäßigte gelangen zu dem Schluß, dass die formelle Demokratie nicht durch Wahlen erreicht werden kann. Jene beiden Ereignisse -das Scheitern der Agrarreform und der Wahlbetrug- stürzen das Land in den Bürgerkrieg. In Mittelamerika wird das Wahlrecht durch Waffengewalt ersetzt. Das Recht des Stärkeren ist stärker als das Recht an sich.

Aus dieser Zeit datieren auch die ersten ländlichen Gemeinden, die den Einfluss des "utopischen" Sozialismus zu spüren bekommen. Durch eine historisch orientierte Lektüre der Bibel kann sich der durch die katholische Kirche und die winzige Hippie-Bewegung im Dorf La Palma verbreitete "utopische" Sozialismus stark an das alltägliche Leben auf dem Land annähern. Die kunsthandwerkliche Produktion wird wiederaufgenommen, und in noch höherem Maße auch die Kooperativen und die gegenseitige Hilfe. Die Repression nimmt zu.

Roque Dalton gelangt zu der Überzeugung, dass nur der Guerrillakampf einen Wandel in El Salvador herbeiführen kann. Deshalb schreibt er mit noch mehr Ehrgeiz und läßt sich militärisch ausbilden. Denkt an Ketzerei. In seinem Gedichtband Los hongos (1966-1971) mischt er Marxismus mit Christentum. Dieses Buch nimmt die soziale Erneuerung der katholischen Kirche und die Befreiungstheologie seiner früheren Jesuiten-Lehrer vorweg. Ihnen vertraut sich der Aktivist an. Er schreibt von der Notwendigkeit, den "wissenschaftlichen", den marxistischen Sozalismus durch den "utopischen" Sozialismus zu ergänzen. Er reist nach Hanoi, wo er, von Lachkrämpfen geschüttelt, zum wiederholten Mal den Roman Rayuela seines Freundes Cortázar liest, während der US-amerikanischen Bombenangriffe.

Im Chile Salvador Allendes wird das Experiment des demokratischen Sozialismus greifbar, bis zum Putsch von General Augusto Pinochet 1973. Das überzeugt ihn nur noch mehr davon, dass nationale Souveränität und Demokratie dem großen Kapital unterworfen sind. Es ist die Funktion der Militärregimes, die Märkte freizugeben; mit Hilfe einer kompromisslosen Diktatur. Während das Kapital nun ungestört und frei zirkulieren kann werden die Arbeitskräfte unterdrückt.

In El amor me cae más mal que la primavera (1973) schlägt er einen surrealistischen Blick auf Liebe und Erotik vor. Er proklamiert "gewohnte neue Liebe". Der Dichter schöpft aus den "Musen" ebenso wie aus dem politischen Kampf. Immer in der Nähe der Vögel. In Un libro levemente odioso (1973) untermauert er auch seine Überzeugung, dass es notwendig ist, die künstlerische mit der politischen Avantgarde zu vereinen. Dieses Ideal der Vereinigung setzt er in Historias prohibidas del Pulgarcito (1974) in einer alternativen Version der Geschichte und Kultur seines Landes in die Praxis um.

Er ändert seine Identität und seinen Namen. Mit Hilfe der plastischen Chirurgie kehrt er nach El Salvador zurück, um sich der eben entstehenden Guerrillabewegung anzuschließen. Er kommt, um seiner Heimat "Ohrfeigen/Elektroschocks/Psychoanalyse" zu verabreichen. Er lebt versteckt und veröffentlicht Poemas clandestinos (1974). Seine Poesie beschäftigt sich mit dem sozialen Problem in Mittelamerika, mit unterschiedlichen Stimmen und verschiedenen Blickwinkeln. Weiterhin strebt er danach, Poesie und Leben mit Hilfe einer poética: zu vereinen. "Poesie/verzeihe mir dass ich dich verstehen gemacht habe/dass du nicht nur aus Worten bestehst". Im Mai 1975 wird er ermordet. Seine eigenen Waffenbrüder verraten ihn. Der Feind ist auf beiden Seiten: innerhalb und außerhalb des Ideals des Wandels.

Sein Leben, Werk und tragisches Ende werden zum Symbol. Zum Symbol dafür, dass das ganze Land einen ähnlichen Weg verfolgen sollte. Man mußt die globale Annäherung aller Länder in Gang setzen. Eine globale Gesellschaft, formelle Demokratie und freie Marktwirtschaft, die heutige Welt, in der wir alle leben, kann auf militärischem Wege erreicht werden. Vielleicht ist es das, was die siebzehn Jahre Bürgerkrieg in El Salvador -von seinem Tod 1975 bis zur Unterzeichnung des Friedensabkommens 1992- wirklich sind: ein Erbe des Krieges.

Und ebenso die Menschenrechtsverletzungen, die Schwierigkeiten bei der freien Meinungsäußerung (worunter sein Sohn Juan José immer noch zu leiden hat), der Krieg ohne Waffenstillstand (das Bandenwesen), die politische Straffreiheit, Korruption, Geldwäsche und Unterschlagungen, der Mangel an Gerechtigkeit. All das ist das Vorstadium der Befreiung, aber nicht der nationalen Befreiung sondern der Befreiung der Märkte. Die Arbeitskraft einschränken -sie verstaatlichen?- um Kapital und Waren zu globalisieren. Gewalttätige Ursprünge. Dorniges Präludium. Die gewählte Demokratie ist stolz darauf, sie zu vergessen ...

Sein Name, so wie viele anderen - Monseñor Arnulfo Romero, Ignacio Ellacuría, S. J., etc. - hallt in den Straßen von San Salvador wider: Roque Dalton lebt!

Rafael Lara-Martínez
San Salvador/Nuevo México

Übersetzung: Anna Fuchs

(1) Die Christus-Statue aus dunklem Holz in Esquipulas (im Osten Guatemalas gelegen) ist ein bekanntes Ziel von Pilgerreisen, ähnlich der Jungfrau von Guadalupe. Anm. d. Übers.
(2) Die Casa de las Américas wurde 1959 von Haydee Santamaría gegründet und versteht sich als Ort des Zusammentreffens und Dialogs für Vertreter innovativer Ideen aus den Bereichen Literatur, Bildende Kunst, Musik, Theater, etc. www.casa.cult.cu
(3) Weibliche Dämonengestalt aus einer salvadorianischen Legende, mit verhülltem Gesicht, weißen Armen und langen Fingern mit scharfen Krallen. Anm. d. Übers.

E-Mail: soter@nmt.edu

Essay
Juan María Solare

Krieg? Was für einen Krieg? - Juan María Solare

Juan María Solare (Argentinien, 1966) ist Komponist und Fachjournalist. Lebt in Köln.

Krieg? Was für einen Krieg?

Die Irak Invasion (2003)

Saddam Hussein ist ein Schlächter, dies ist klar und außer jeder vernünftigen Diskussion. Auch ist klar, dass er weder den Islam vertritt, noch sich nach islamischen Prinzipien verhält. Und es ist offenkundig, dass sein erstes und Hauptopfer das irakische Volk ist. In diesen Tagen wird über einen Krieg gegen Irak gesprochen. Man diskutiert das Für und Wider, wann der passende Zeitpunkt gekommen ist, wer ihn führen soll, welche Waffen verwendet werden könnten, wieviel er kosten wird, wer ihn finanzieren soll und welche Gewinne er zurückzahlen wird (als ob es eine Investition wäre oder ein Geschäft). Auf jeden Fall ist auch klar, "Wo" der Krieg geführt werden soll: nicht im Innenhof unseres Hauses. Einzig die Frage nach dem "Warum" eines solchen Krieges wird nicht gestellt oder nicht befriedigend beantwortet. Auf der Liste häufiger Antworten (die alle nicht lückenlos überzeugen) finden wir:
- um Irak von der Tyrannei Husseins zu befreien
- weil die USA das Erdöl brauchen
- weil die USA ihr veraltetes Militärgerät verbrauchen und neue Entwicklungen ausprobieren wollen,
- weil es den USA gelegen kommt, die Europäische Gemeinschaft in Befürworter und Gegner zu spalten
- weil die Regierung der USA die Aufmerksamkeit ihrer Staatsbürger von den inneren Problemen ablenken wollen
- weil der Irak im Verdacht steht, mit dem Terrorismus verbunden zu sein
- weil der Irak vielleicht Massenvernichtungswaffen besitzt (als wüssten wir nicht, dass erst der Westen diese Waffen oder das Know-how dazu geliefert hätte)
- weil nach der Zerfall der Sowjetunion "der Islam" als neuer Feind entdeckt wurde
- das imperiale Prinzip: "wenn Du Frieden willst, bereite den Krieg vor", sprich "für alle Fälle"
Jedenfalls ist es gleichgültig, welche Rechtfertigung man wählt. Dies wird kein Krieg, wo ein Heer auf der einen Seite einem anderen Heer gegenübersteht, und man weiß noch nicht welche Seite den Sieg oder die Niederlage davonträgt. Wenn ein Gegner sich gar nicht verteidigen kann, dann spricht man allenfalls von einem Tontaubenschiessen. Dieser geplante Angriff wird kein Krieg sondern ein Massaker. Man wird solange Bomben werfen, bis die Gegner zermürbt aus ihren Bunkern kommen, um sie dann idiotensicher abschießen zu können.
Inmitten dieser bedauerlichen Entwicklung glaube ich aber auch ein positives Signal zu erkennen: zum ersten Mal gibt es eine Reaktion innerhalb der Vereinigten Staaten.
Dabei beziehe ich mich nicht auf die Initiative "Not in our names" (nicht in unseren Namen), die im Grunde das Pilatus-Symptom wiederholt: ("ich wasche mir die Hände und habe nichts mit dieser Angelegenheit zu tun"). Diese Initiative ist zwar besser als nichts, aber keine genügend aktive Antwort.
Ich beziehe mich eher auf die Tatsache, dass es zum ersten Mal so etwas Ähnliches wie ein mea culpa der nordamerikanischen Gesellschaft gibt. Dieses Element findet sich in vielen offenen Briefen an den Präsidenten Bush (ob er sie wohl zur Kenntnis nimmt?), in Erklärungen von Intellektuellen, Geistlichen, Künstlern, Nobelpreisträgern.
Zum ersten Mal gibt es Massendemonstrationen in Innern der Vereinigten Staaten gegen die Außenpolitik der eigenen Regierung. Versuche der Polizei, die Demonstrationen zu verhindern, scheinen mir der beste Beleg dafür zu sein, dass es sich hier um ein authentisches Anliegen der Gesellschaft handelt. In der Zeit des Vietnam-Krieges begannen die großen Demonstrationen erst, nachdem die Rückkehr so vieler Söhne in Särgen unübersehbar geworden war. Und der Friede, der dann geschlossen wurde, war eigennützig.
Zum ersten Mal gibt es nordamerikanische Staatsbürger, die anfangen, daran zu zweifeln, dass die Worte ihres Präsidenten genauso treffend sind, wie die des Evangeliums. Zum ersten Mal misstrauen Nordamerikaner den Argumenten ihrer Regierung und erwischen sie bei unverschämten Lügen.
Und es ist dieser Staatsbürger, der seine Nation liebt und deswegen die Argumente für einen Krieg kritisiert, der unseren Respekt verdient. Er versucht, eine Art Widerstand, eine Opposition in seinem Land zu organisieren. Der Widerstand ist aus Mangel an Erfahrung und Führung noch im Werden.
Der passive Bürger ist Schwach, wenn er sagt, "nun muss man Geduld bis zur nächsten Wahl haben". Stärker sind die Personen, die sich aktiv mit der Sache auseinandersetzen. Von ihnen können wir langfristig die demokratische Erneuerung der USA erwarten. Ein hartherziges aber starkes System wie das der USA kann nur von innen heraus verändert werden.

Juan María Solare
Buenos Aires / Köln

E-Mail: solare@surfeu.de

Erzählkunst
David Sánchez Juliao

Unter Bleistiften u.a. - David Sánchez Juliao

David Sánchez Juliao ist Kolumbianer. Er studierte Literatur- und Kommunikationswis-senschaften sowie Soziologie; er veröffentliche Romane, Erzählungen, Märchen und Tatsache-berichte bei angesehenen Verlagen in seiner Heimat und in anderen Ländern. Dreimal wurde er mit dem Nationalpreis für Erzählungen und einmal für einen Erzählband ausgezeichnet; außerdem hat er den Romanpreis des Verlagshauses Plaza & Janes für "Pero sigo siendo el rey" bekommen. Dieser Roman, wie auch andere seiner Werke, wurden für das Fernsehen verfilmt und in vielen anderen Ländern ausgestrahlt. Sánchez Juliao wurde in mehrere Sprache übersetzt und aus akademischen und diplomatischen Gründen lebte er in mehreren Kontinenten. Vor kurzem erhielt er den internationalen Preis "Dulcinea 2000" von seiten der "Asociación Cervantina de Barcelona".

Unter Bleistiften

In einer Fabrik für Exportbleistifte plauderten zwei Bleistifte eines Tages miteinander:
Warum stellt man jene Kollegen ohne Radiergummi her?
Weil sie für Lateinamerika bestimmt sind
Und was ist das?
Ein ferner Kontinent in welchem niemand Fehler zugibt.

Die letzte Ursache

Ein Revolver Colt-45 packte eines Tages eine Pistole, führte sie an die Schläfe und drückte ab. Er tat es aus enttäuschter Liebe: er konnte die Liebe einer 32er nicht erringen. Wie es nun einmal den Seelen aller Selbstmörder ergeht, gelangten deren Kugeln weder in den Himmel noch in die Hölle, sondern sie verblieben für immer büßend in einem ewigen Umherirren durch die Welt

Schnappschuss

Eines Tages hängte sich eine amerikanische KODAK-Kamera eine japanische MINOLTA um und ging aif die Strasse um zu fotografieren. Nach dem Entwickeln des Rollfilmes nahm sie verwundert Menschen mit winkeligen Augen wahr. Und warum ist das so seltsam - fragte sie sich - kann es sein, dass wir in diesem Teil der Welt die Wirklichkeit nicht mit eigenen Augen betrachten?

Pla$tik

Eines Tages beschlossen die VISA, eine Kreditkartenfamilie, in einem Restaurant zu Abend zu speisen. Als Vater VISA die Rechnung verlangte, zog er eine Brieftasche voller Männlein aus der Tasche und versuchte mit ihnen zu bezahlen.
Oh, oh, weder Männlein noch Weiblein - versicherte der Kellner. Einzig und allein mit Bargeld.
Aber ... man hat sie immer akzeptiert - beharrte Vater VISA.
Ja! Früher - bemerkte der Kellner knapp. Seit kurzem weist sie die Maschine zurück, weil sie als "nicht gedeckt" zurückkommen, und mit einem bestimmten Fehler auf dem Magnetstreifen.

David SÁNCHEZ JULIAO
Santafé de Bogotá - KOLUMBIEN

Übersetzung: Renato VECELLIO

E-Mail: dsjuliao@latino.net.co

Österreich
Ilse Brem

Der Punkt auf dem I- Ilse Brem

ILSE BREM geb. in Aggsbach, N.Ö.; Kindheit und Jugend in Pöchlarn und Marbach/Donau, N.Ö.; lebt seit l972 in Wien, schreibt Lyrik und Prosa, malt und zeichnet.
Gedichte wurden ins Englische, Slowenische, Slowakische, Bulgarische, Ungarische, Spanische, Russische, Polnische, Französische, Flämische, Chinesische und Arabische übersetzt und in in- und ausländischen Zeitungen publiziert, vom ORF und ausländischen Rundfunkstationen ausgestrahlt. Erzählungen wurden ins Slowakische, Polnische und Arabische übersetzt und in in- und ausländischen Zeitungen publiziert, vom ORF und ausländischen Rundfunkstationen ausgestrahlt. Lesungen und Ausstellungen von Grafiken und Aquarellen im In- und Ausland.

Der Punkt auf dem I

Noch eine kleine Zeit, dann ist der Streit beendet...
KIERKEGAARD

Die drei Schwestern sind nicht aus Holz, Glas oder Seide. Ihr Baustoff ist ganz einfach nur Lehm, dem ein Hauch von Etwas beigegeben ist, das die einen Geist, die anderen Seele nennen, über das aber niemand genau Bescheid weiß. Es gibt zwar viele Meinungen, Sprüche und Erklärungsversuche darüber, aber stichhaltig ist nichts. Einer ernsthaften wissenschaftlichen Prüfung hält nichts stand. Dieser Umstand ist aber nicht das Problem der drei Schwestern. Es sei deshalb hier auch nur am Rande vermerkt. Ihr Konflikt ist, daß sie, aus der Nähe betrachtet, einander so wenig ähnlich sind wie Tulpe und Narzisse, Föhre und Birke, Apfel und Banane, Rubin und Opal, aber aus einer gewissen Entfernung einander gleichen wie ein Ei dem anderen. Wie kann es nur geschehen, fragt sich jeder, der ihnen begegnet, daß sie ein- und denselben Vater, ein- und dieselbe Mutter haben, wo doch die eine schwarzhaarig und dunkelhäutig ist, die andere von blassem Teint mit rotblondem Haar und die dritte weder Merkmale der einen noch der zweiten hat und doch teilten sie sich dieselbe Wiege, sind von ein - und demselben Vater gezeugt, von ein - und derselben Mutter geboren worden. Vielen will das nicht einleuchten, auch den drei Schwestern nicht. Deshalb liegen sie sich, rund um die Uhr, gegenseitig auf der Lauer, beäugen sich mißtrauisch, fallen bei dem geringsten Verdacht der Bevorzugung einer, neidisch über jene her. Ein heimlicher Beobachter, der sie aus einiger Distanz mit dem Fernrohr betrachtet, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.
"Alle drei sind aus einem Stück der Erde und des Himmels", denkt er und haben nichts Anderes im Sinn, als sich gegenseitig zu schikanieren und das Leben zur Hölle zu machen. Das will ihm nicht in den Kopf, denn er hat ihnen einen Teil seines Atems geschenkt, der für ihr friedliches harmonisches Miteinander sorgen soll. Doch aller seiner Voraussicht zum Trotz, ist das Gegenteil eingetreten. Wie sehr hatte er sich doch bei ihrer Geburt über sein gelungenes Werk gefreut. Lange hatte er sich darauf vorbereitet, um ihnen einen wunderschönen Empfang zu bereiten. Er hatte sie nicht einfach in ein halbes, unfertiges, lieblos hingestelltes Haus gesetzt. Wie die Sterne sollten ihre Augen strahlen, wie die Vögel ihre Herzen singen beim Anblick seiner, für sie getroffenen Vorbereitungen. Was hatte er nur falsch gemacht? Wo war der Fehler?
Alle seine zahllosen Schöpfungen schienen ihm bis ins winzigste Detail gelungen zu sein bis auf die drei Schwestern. Dabei sollten sie die Krönung seines Werkes sein, der sogenannte berühmte Punkt auf dem I. Doch obwohl ihn manchmal ihre Bösartigkeiten auf Jahrzehnte bis Jahrhunderte verstimmten und trauern ließen, hörte er nicht auf, sie zu lieben und auf das Wirken seines Atems zu warten, denn er hatte unendlich viel Zeit, - eine Ewigkeit lang.

Nur ein Traum

Sie beobachtete eine Frau, die über einem Schwimmbecken an einem Reck hing. Das Wasser im Schwimmbecken roch faulig, war schlammig und voll Schlangen. Am Beckenrand stand eine Personengruppe mit Zahlentafeln in den Händen. Nach jeder Übung der Frau hielten sie eine Tafel mit einer Zahl hoch und sie begriff, daß die Vorführungen der Frau von den Damen und Herren, die eine sogenannte Jury bildeten, mit den Tafeln bewertet wurden.
Aufmerksam verfolgte sie das Geschehen. Je komplizierter und gelungener die Darbietungen der Frau wurden, um so geringer wurden sie bewertet, was die Frau zu der Annahme verleitete, den Anforderungen nicht zu entsprechen und sich für eine bessere Beurteilung mehr anstrengen und eine bessere Leistung erbringen zu müssen. Als sie bemerkte, wie sich die Jurymitglieder triumphierende Blicke zuwarfen und sich auf ihren Gesichtern Befriedigung spiegelte, wollte sie die Frau, die ihr schon sehr erschöpft vorkam, warnen. Da sie aber ausschließlich mit ihren Übungen beschäftigt war und nur für die Preistafeln der Jury ein Auge hatte, konnte sie sich ihr nicht bemerkbar machen. Mit zunehmender Sorge um sie hoffte sie, daß sie ihre Vorstellung, bevor sie vor Entkräftung abstürzte, abbrechen würde. Daran schien sie aber nicht zu denken. Im Gegenteil! Ihre immer kunstvoller werdenden Schwünge und Drehungen ließen darauf schließen, daß sie noch immer auf eine Anerkennung der Jury hoffte.
Als sie bei einer besonders schwierigen Übung die Balance verlor und kopfüber in das schwarze, schlangendurchzogene Wasser fiel, wollte sie ihr zu Hilfe eilen, aber die Schlangen bildeten eine unüberwindbare Barriere. Bestürzt kauerte sie am Beckenrand und mußte hilflos zusehen, wie die Frau schwächer und schwächer werdend, im Kreis schwimmend, unterging, während die Jurymitglieder ihre Zahlentafeln einsteckten und sich zu dem geglückten Unternehmen gratulierten. Erschrocken und betroffen über ihr Verhalten, stellte sie sie zur Rede. Da sahen sie sie belustigt an und bemerkten spöttisch: "Mein Gott, wie naiv Sie sind! Haben Sie sich in der Frau nicht erkannt und haben Sie noch immer nicht begriffen, daß wir Sie eben ein für alle Mal erledigt haben?" In diesem Moment erkannte sie in ihnen Kollegen und Kolleginnen und wachte auf.

Das Rätsel

Meine Freundin und ich spazierten auf einer belebten Seepromenade im Regen. Wir bewegten uns unter großen Regenschirmen, die uns beinahe zur Gänze bedeckten, nur einen kleinen Teil unserer Beine sehen ließen. Rundherum hörten wir die Leute aufgeregt über das Rätsel der gehenden Regenschirme diskutieren. Da hängten wir uns nachdenklich ein und wußten nicht, ob wir über die leicht zu täuschende Menge vergnügt oder traurig sein sollten.

Ilse Brem
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