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XICöATL: Ausgabe 62
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JOSÉ MARTÍ
Am 28. Jänner dieses Jahres jährt sich der Geburtstag des Kubaners José Martí zum 150. Mal. YAGE und XICöATL widmen diese Nummer des feierlichen Gedenkens eines der größten Söhne Amerikas, der trotz seines kurzen Lebens - das in einer der kriegerischen Auseinandersetzungen um die Unabhängigkeit Kubas von der spanischen Herrschaft sein Ende nahm - eines der großartigsten lyrischen, politischen und journalistischen Vermächtnisse der gesamten hispanoamerikanischen Geschichte hinterlassen sollte.
Wirft man einen globalen Blick auf die 12.500 Seiten, welche die 27 Bände des Gesamtwerks José Martís ausmachen, so strahlt uns als aller erstes seine tiefe Sensibilität und sein Humanismus aus seinen Schriften entgegen, seine fiebrige Intelligenz und Phantasie, welche eine unendliche Abfolge von Ideen, Bildern und Metaphern hervorbringen, einmal ausgedrückt mit überwältigender Einfachheit, dann wieder mit einer anspruchsvollen Komplexität, jedenfalls aber mit einer Klarheit, Feinheit und Aufrichtigkeit, die in der amerikanischen Literatur ihresgleichen sucht. In jeder Zeile legt Martí Zeugnis seiner umfassende Bildung und seines Wissens auf den unterschiedlichsten Gebieten der Wissenschaft und des Lebens ab, seiner großen Bewunderung für den technischen Fortschritt seiner Zeit, seines Respekts vor und Feuereifers für die Großen der Menschheit, und seiner Liebe zur Natur. Sein politischer oder journalistischer Diskurs ist immer verbunden mit einer hervorragenden Würdigung des Lebens und der großen individuellen und sozialen Ziele, mit einer ständigen Sorge um die Bildung und den Wohlstand seines Volkes, um die Freiheit des Menschen und Amerikas. Seine Verse sind in erster Linie eine kultivierte und sensible Lobpreisung all der Liebe, derer ein Mensch sich selbst, seinen Mitmenschen und all dessen, was uns umgibt, gegenüber fähig ist. So fruchtbar ist das Werk Martís, dass kein Kind Amerikas wirklich ein solches sein kann, ohne vom klaren Quell seines Denkens getrunken zu haben und ohne am reinigenden Feuer seiner Ideale entflammt zu sein; denn ihm wurde die so spröde Gnade zuteil, den großen freien Geist zu bewahren und weiter zu geben, der über die Gipfel, die Wässer, die Wälder, die Ebenen und die Urwälder Amerikas wandert; ihm, dem großen Liebhaber der Freiheit und Gerechtigkeit, der Aufrichtigkeit und der Arbeit, des menschlichen Wesens und der amerikanischen Völker spanischer Sprache.
DER POLITIKER MARTÍ
Es ist schmerzhaft, festzustellen, dass die derzeitige politische Lage der amerikanischen Gebiete spanischer Sprache im Wesentlichen immer noch die selben Züge aufweist wie zu Zeiten Martís. Unser Amerika hat seinen sklavischen Zustand als Kolonie nicht überwunden, zu welchem es seit seiner Entdeckung durch die Europäer verdammt war. Heute ist Lateinamerika nicht mehr das Dienstmädchen des spanischen Königs, sehr wohl aber die Dienerin der Vereinigten Staaten, eines Staats, der seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann, den Kontinent mit Hilfe aller Art von politischen Listen und direkten und indirekten militärischen Interventionen nach seinem Gutdünken zu gängeln. Schon 1835 förderten die USA die Unabhängigkeit Texas' von der spanischen Herrschaft, um es dann zu annektieren. 1847 fielen sie in Mexiko ein und entfesselten einen brutalen Krieg gegen das Land, durch welchen es ihnen gelang, sich im darauf folgenden Jahr 55 % seines Staatsgebiets anzueignen (1). Am 20. Juni 1898, als die Kubaner kurz davor standen, endlich ihre Unabhängigkeit von Spanien zu erreichen, besetzten die USA die Insel vier Jahre lang, in dieser Zeit lösten sie die von Martí gegründete Partei und das Befreiungsheer auf, gründeten eine Neokolonie und erlegten dem Land eine Abänderung der Verfassung auf, die ihnen das Recht gaben, im Land militärisch zu intervenieren, wann immer sie dazu Lust hatten. Puerto Rico wurde zur Kolonie. In Haiti, die Dominikanische Republik, Guatemala, Nicaragua und andere Länder Zentralamerikas, einschließlich Mexiko, intervenierten die USA mehrfach militärisch. Auch trieben sie die Unabhängigkeit Panamas und Kolumbiens mit dem Ziel voran, sich des interozeanischen Kanals zu bemächtigen, den sie bis vor kurzem betrieben und wirtschaftlich ausbeuteten. Durch große Investitionen, betrügerische Demokratien, Staatsstreichs, schändliche und unterwürfige Militärregimes und durch steigende politische, wirtschaftliche, ideologische und kulturelle Einmischung haben die USA Lateinamerika nach ihrem Gutdünken gelenkt, ganz besonders seit dem Zweiten Weltkrieg. Die 200 Millionen Armen, welche die Verpflanzung von Werte-, Eigentums-, Erziehungs-, Herrschaftssystemen, Systemen sozialer und wirtschaftlicher Schichtung, die Indoamerika - einem so unendlich reichen Kontinent - fremd sind, hervorbrachte, sind eine entsetzliche Wunde, die jeglicher Modernität und jeglichem Humanismus widerspricht, eine Abart der Sklaverei, welche der Menschlichkeit Schaden zufügt und zu einem wesentlichen Faktor der herrschenden moralischen Verwerflichkeit, dem Fehlen von eigenen Werten und der Zerstörung der Natur und der Umwelt wird, durch diese enge und intensive Interaktion von in erster Linie wirtschaftlichen Interessen, die zwischen Sklavenhändlern und Sklaven besteht.
Die Freiheit kann für die Völker, die eine blutbedeckte Stirn haben, nicht fruchtbar sein (2), legte Martí als Prämisse fest; auch dass ein Wille, der einen anderen Willen unterdrückt, nicht respektiert werden darf (3)...Vaterland ist etwas anderes als Unterdrückung, etwas anderes als Stücke von Land ohne Freiheit und ohne Leben, etwas anderes als erzwungenes Besitzrecht. Vaterland bedeutet Interessensgemeinschaft, einheitliche Traditionen, Einigkeit der Ziele, süßeste und trostreiche Verschmelzung von Lieben und Hoffnungen... Sich gewaltsam durchsetzen ist Sache von Tyrannen. Unterdrücken ist Sache der Ruchlosen (4), schrieb Martí anlässlich der Ausrufung der ersten Spanischen Republik.
Zahlreich und tiefgründig ist das Vermächtnis José Martís' politischen Denkens für die Kinder Amerikas: er nährt stets den Begriff der Freiheit als höchsten ethischen Wert, als unverzichtbare Voraussetzung individuellen und sozialen Lebens, als Achse der täglichen Praxis; er nährt den Begriff der Gleichheit unter den Menschen und identifiziert sich mit den Kämpfen der Arbeiter; er verficht eine Gesellschaft frei von jeglicher Sklaverei und ohne Rassenhass. Martí lehrt uns, dass das Problem der Unabhängigkeit nicht die Veränderung der Formen sondern diejenige der Geisteshaltung ist, Martí fordert die Bildung des Geistes unserer Völker von uns ein und betont sie (5). Martí schenkt uns sein tiefes Verständnis bezüglich der großen Gefahr, die die USA für die Freiheit und den Fortschritt der lateinamerikanischen Nationen darstellen: Von unserer Soziologie weiß man wenig und von diesen Gesetzen, so nötig wie dieses andere: die Völker Amerikas sind umso freier und blühender je mehr sie sich die Vereinigten Staaten fernhalten (6). Zu Martís Zeiten machten die USA einen Vorstoß zur Schaffung etwas Ähnlichen wie der ALCA (Amerikanische Freihandelsallianz), die sie heute in aller Eile dem ganzen Kontinent aufzwingen will. Niemals, von der Unabhängigkeit bis heute, gab es in Amerika eine Angelegenheit, die mehr Besonnenheit erfordert, zu noch mehr Wachsamkeit gezwungen, eine klarere und minutiösere Prüfung erfordert hätte als der Vorstoß, den die mächtigen USA, randvoll von unverkäuflichen Produkten und entschlossen, ihre Herrschaft in Amerika auszuweiten, in Richtung weniger mächtiger amerikanischer Nationen machen - die durch den freien und nützlichen Handel mit den Völkern Europas verbunden sind - um eine Liga gegen Europa zu errichten und Beziehungen zum Rest der Welt zu unterbinden (7). Die Gefahren soll man nicht erst sehen, wenn sie einen schon bedrohen, sondern wenn man sie noch verhindern kann. Das Vorrangige in der Politik ist klären und vorher zu sehen. Nur eine einstimmige und mannhafte Antwort... kann die spanischsprachigen Völker Amerikas ein für alle Mal von der Beunruhigung und Störung befreien, die für ihre Entwicklung so fatal sind... (von) der Jahrhunderte alten Politik, die sich zur Vorherrschaft eines ehrgeizigen Nachbarn bekennt, der sie nie zu fördern beabsichtigte, und sich auch nie an ihrer annahm außer um ihre Ausdehnung zu verhindern, wie in Panama, oder um sich ihres Gebiets zu bemächtigen wie in Mexiko, Nicaragua, Santo Domingo, Haiti oder Kuba, oder um durch Einschüchterung ihre Kontakte mit dem Rest des Universums zu unterbinden wie in Kolumbien, oder - so wie jetzt gerade - um sie zu zwingen zu kaufen, was er selbst nicht verkaufen kann und sich zwecks ihrer Beherrschung zusammenzuschließen... Ein Volk, das die Freiheit, welche das universelle und ewige Bestreben des Menschen ist, als sein persönliches Privileg anzusehen und sie heraufzubeschwören beginnt, um die Völker ihrer zu berauben (8).
DER DICHTER MARTÍ
Sehr wenigen Politikern Amerikas wurde es zuteil, derart poetisch, mitreißend, leidenschaftlich, glänzend und tiefgründig zu schreiben; umgekehrt haben nur wenige Dichter die politische Fähigkeit, die Überzeugungskraft und den scharfen Blick Martís besessen, sei es im Ausdruck oder beim Handeln. Das Geheimnis seines sowohl politischen wie auch literarischen Talents, glaube ich, war die Erforschung der Liebe und der Wahrheit in ihren höchsten möglichen Dimensionen. Bei Martí hat der politische und journalistische Diskurs einen Ton, der entflammt und überzeugt und der Schlüssel zu seinem Zauber ist ein lyrischer, natürlicher, einfacher und belehrender Ton, der so erhabene Ebenen der Spiritualität in sich trägt, dass er den Geist - den plumpsten wie den erlesensten - emporhebt auf unerforschte Stufen intellektueller Reflexion und Genusses. Andererseits sind seine Verse ein erhabener Ausdruck der größten Sensibilität, die Poesie Martís entsteht aus dem menschlichen Wesen und kehrt zu ihm zurück, voll der Meditationen und Wahrheiten, sie ist ein geläuterter Ausdruck der tiefsten menschlichen Gefühle und Sehnsüchte. Die Poesie Martís geht von der Natur aus und kehrt zu ihr zurück, seine Verse durchdringen ihre Geheimnisse, ihre Weisheit, ihre Gerüche, Geschmack und Farben. Martí fordert die - nicht nur politische sondern auch kulturelle - Emanzipation der lateinamerikanischen Länder und ruft sie aus; zu diesem Zweck trägt er eines der - für denjenigen, der diese komplexe Verbindung des amerikanischen Bodens mit den vielfältigen menschlichen und kulturellen Verquickungen, die aus ihm entsprossen sind - großartigsten und beispielhaftesten poetischen Werke bei. Die Kunst um der Kunst willen ist nicht Martís Sache, für ihn ist Kunst eine richtige Mischung aus tiefem Inhalt und Raffinement, eine Mischung aus Liebe, Schönheit und Gefühl, ausgedrückt durch eine erleuchtete Ästhetik.
EPILOG
Ich glaube, Gabriela Mistral übertrieb nicht, als sie sagte, José Martí sei der reinste Mann der Rasse gewesen. Und diese Behauptung gilt für seine Tugenden genau so wie für seine Schwächen. Seine Tugenden heben sich wie ein klarer Gebirgsbach ab, der sein gesamtes literarisches Werk, sein beispielhaftes Leben - das er hingab, um die Freiheit Kubas zu erreichen und die Freiheit Lateinamerikas zu verteidigen - durchzieht. Seine größte Schwäche war es meiner Ansicht nach, dass auch er von der Macht der Gewalt, welche die gesamte Geschichte des Westens befleckt, gezeichnet war, ohne dass er sie überwinden konnte, was ihn im Krieg das Leben kostete, als er gerade erst 42 Jahre alt war. Trotz seiner tiefen Kenntnisse all des Besten, das unser amerikanischer Boden hervorbringt, war Martí die Gnade nicht beschieden, die pazifistische Spiritualität vieler unserer alten indigenen Gemeinschaften zu erleben und zu praktizieren, so bedrängt war er durch die historischen Gegebenheiten einer schrecklichen Gewalt und Ungerechtigkeit. Manchmal, wenn ich irgendeine der Schriften Martís lese, so mit tiefer Spiritualtiät behaftet wie sie es sind, befällt mich die Unruhe, zu welchen Überlegungen ihn die politischen, ethischen und religiösen Lehren Mahatma Gandhis inspiriert hätten, dieses großen Führers, dessen Denken so eng verbunden ist mit etwas, das ich als zutiefst unser Eigenes empfinde. Dann erinnere ich mich an diesen erleuchtenden Satz Martís Die Freiheit kann für die Völker, die eine blutbedeckte Stirn haben, nicht fruchtbar sein, welcher mir die geistige Verbundenheit bestätigt, die zwischen diesen zwei großen Meistern besteht.
Luis Alfredo DUARTE HERRERA Übersetzung: Ulrike ZOMORRODIAN-SANTNER
1. Die Daten entstammen der Rede Fidel Castros am 1. Mai 2001 anlässlich des Internationalen Tages der ArbeiterInnen, veröffentlicht in der Zeitschrift Casa de las Américas Nr. 223, April - Juni 2001, Havanna, Cuba, Seiten 23 ff. 2. In: La República Española ante la Revolución Cubana, 1873 in Heftform in Madrid veröffentlicht. Alle Textzitate dieser Arbeit wurden der "Edición Digital de las Obras Completas de José Martí" entnommen, veröffentlicht vom Centro de Estudios Martianos, Calzada 807 esq. A 4, Vedado, CP 10400 Havanna, E-Mail: amarti@cubarte.cult.cu; Tel. (++537) 55 22 97; Fax (++537) 33 37 21. 3. ebd. 4. ebd. 5. "Das Land zu kennen und es entsprechend der Kenntnis zu regieren, ist die einzige Art, es von Tyrannei zu befreien. Die europäische Universität muss der amerikanischen Universität Platz machen. Die Geschichte Amerikas seit der Inkas muss in- und auswendig gelehrt werden, auch wenn die der griechischen Herrscher nicht gelehrt wird. Unser Griechenland ist dem Griechenland vorzuziehen, das nicht unseres ist. Wir brauchen es dringender. Die nationalen Politiker müssen die exotischen Politiker ersetzen. Die Welt möge unseren Republiken eingepflanzt werden, aber der Stamm muss der unserer Republiken sein." In Nuestra América, veröffentlicht in El Partido Liberal, Mexiko, 30. Jänner 1891. 6: In Las Guerras Civiles en Sudamérica, veröffentlicht in Patria, New York, 22. Dezember 1894, zitiertes Werk. 7: In Congreso Internacional de Washington, su historia, sus elementos y sus tendencias, veröffentlicht in La Nación, Buenos Aires, vom 19. und 20. Dezember 1889, zitiertes Werk. 8: In Congreso Internacional de Washington, su historia, sus elementos y sus tendencias, veröffentlicht in La Nación, Buenos Aires, vom 19. und 20. Dezember 1889, zitiertes Werk.
José Martí - Walkala
Am 28. Januar 1853 wird José Julián Martí Pérez, Sohn von Mariano Martí (spanischer Unteroffizier) und Leonor Pérez in der Calle Paula, 41 in Alt-Havanna, Kuba, geboren. 1860 lernt er seinen späteren Freund Fermín Valdés Domínguez kennen, mit dem er 1869 "El diablo cojuelo" (Der hinkende Teufel) und "La patria libre" (Das freie Vaterland) redigiert, wo seine ersten politischen Abhandlungen erscheinen. Im selben Jahr und im Alter von nur 17 Jahren wird Martí inhaftiert und des Treuebruchs angeklagt. 1870 verurteilt ihn ein Kriegsrat zu sechs Jahren Gefängnis. Martí kommt in die Strafanstalt des Verwaltungsbezirkes von Havanna und arbeitet dort mit einem Trupp Weißer in Steinbrüchen. Nach Betreibungen von seiten seiner Eltern, wird die Strafe in Aufenthaltsverbot und Landesverweisung auf die Isla de Pinos umgewandelt. 1871 erlaubt man ihm, nach neuerlichen Betreibungen von seiten seiner Mutter, als des Landes Verwiesener nach Spanien zu reisen, wo er verschiedene Artikel in der spanischen Presse veröffentlicht und seinen Essay "El Presidio Político en Cuba" verfaßt, in welchem er die Schrecken, die er während der Zwangsarbeit in den Steinbrüchen gesehen hat, beschreibt. Um finanziell zu überleben, unterrichtet er. 1873, vor der Ausrufung der Ersten Spanischen Republik, schreibt er seinen polemischen Essay "La República Española Ante La Revolución Cubana", in welchem er keinen Zweifel über seine separatistische Überzeugung läßt. Martí und Fermín Valdés studieren an der "Universidad Literaria" in Zaragoza. 1874 beendet er sein Drama "Adúltera" und macht sein Abitur. Er erlangt den Magistertitel in Zivil- und Kanonischem Recht und einen weiteren in Philosophie und Literatur. Er reist nach Madrid und Paris. 1875 landet er in New York und von da geht es nach Mexiko, wo er seine zukünftige Ehefrau, Carmen Zayas Bazán, kennenlernt. 1876 arbeitet er bei "El Socialista" mit, einem Organ der Gewerkschaftsbewegung "Gran Círculo de Obreros de México". 1877 schifft er sich unter dem Namen Julián Pérez Richtung Havanna ein, um die Mindestbedingungen zu schaffen, die es seiner Familie erlauben, nach Kuba zurückzukehren. Dann geht es via Guatemala nach Mexiko. In Mexiko heiratet er Carmen und in Guatemala arbeitet er als Hochschullehrer für französische, englische, italienische und deutsche Literatur und für Philosophiegeschichte. 1878 kehrt er nach Havanna zurück und sucht um die Bewilligung an, als Rechtsanwalt tätig zu sein, was ihm aber verwehrt wird. Er tut sich mit revolutionären Vereinigungen zusammen und beginnt mit dem Schreiben seiner "Versos Libres", eines der bedeutendsten Gedichtbände spanischer Sprache. Darüber sagt Martí selbst: "Das sind meine Gedichte, sie sind wie sie sind. Bei niemandem habe ich Anleihen genommen.. Ich liebe die schwierigen Wohlklänge, das plastische, begeisternde Gedicht, klangvoll wie Porzellan, fliegend wie ein Vogel, brennend und unaufhaltsam wie eine Lavazunge. Das Gedicht muß wie ein glänzendes Schwert sein, das bei den Zuhörern die Erinnerung an einen Krieger hinterläßt, der zum Himmel fährt und beim Hineinstecken in die Sonne, zerfällt er in Flügel... Hiebe sind jene meiner eigenen Eingeweide, meine Krieger -.... sie dürfen nicht mit akademischer Tinte, sondern mit meinem eigenen Blut geschrieben werden." 1879 wird er zum Vizepräsidenten des "Club Central Revolucionario" ernannt und zu Beginn des sogenannten "Kleinen Krieges" festgenommen und angeklagt sich zu Gunsten der Unabhängigkeit verschwört zu haben. Er wird wiederum des Landes, nach Spanien, verwiesen. Von dort aus reist er heimlich nach Paris und 1880 nach New York, wo er zum stimmberechtigten Mitglied des "Comité Revolucionario Cubano de Nueva York" ernannt wird. 1881 übersiedelt er nach Venezuela, wo er die Zeitschrift "Revista Venezolana" ins Leben ruft und leitet und bei "La Opinión Nacional" mitarbeitet. Dort schreibt er fast den ganzen Gedichtband, den er "Ismaelillo" betitelt und seinem Sohn widmet. "Sohn, durch alles erschreckt, ich flüchte mich in dich. Ich vertraue auf die menschliche Besserung, auf die Nützlichkeit der Tugend und auf dich". 1882 erscheint "Ismaelillo" und er verfaßt seine erste Korrespondenz für die Tageszeitung "La Nación" aus Buenos Aires. 1883 arbeitet er bei der Zeitschrift "La América" mit, deren Leitung er 1884 übernimmt. Er arbeitet als Interimskonsul der Republik Uruguay in New York; diese Tätigkeit gibt er auf, um an den Verschwörungsplänen von Máximo Gómez und Antonio Maceo teilzunehmen, aber es kommt zu Unstimmigkeiten mit den militaristischen Methoden, die von der Bewegungsleitung angewendet werden. Damals schreibt er: " ... Ein Volk gründet man nicht, Herr General, wie man ein Lager befehligt..." (Brief vom 20. Oktober). 1886 schickt er seine erste Korrespondenz an die mexikanische Tageszeitung " El Partido Liberal". Im folgenden Jahr stirbt sein Vater, er arbeitet bei "El Economista Americano", und im "El Partido Liberal" schreibt er: "Wer ist der Ignorant, der behauptet, das Gedicht sei für die Völker nicht unerläßlich ? .... Das Gedicht, das versammelt und trennt, das stärkt oder ängstigt, das die Seelen stützt und entkräftet, das den Menschen Glauben und Kraft gibt oder nimmt, ist für die Völker nötiger als die Industrie selbst, zwar verschafft sie ihnen die Art und Weise das Leben zu fristen, während ihnen die Poesie Wunsch und Kraft für das Leben gibt. Wohin wird ein Volk sich bewegen, das die Gewohnheit verloren hat, mit Vertrauen an Sinn und Tragweite seiner Taten zu denken ?" 1889 veröffentlicht er "Vindicación a Cuba" (Verteidigung Kubas) und schreibt "La edad de Oro", eine Monatszeitschrift für Unterhaltung und Unterweisung, die den Kindern Amerikas gewidmet ist. "Damit die amerikanischen Kinder wissen, wie man einst lebte und heute lebt, in Amerika und in den übrigen Kontinenten; und wie man so viele Dinge aus Kristall und aus Eisen macht, und die Dampfmaschinen und die Hängebrücken und das elektrische Licht, damit das Kind beim Anblick eines Steines weiß, weshalb er farbig ist und was jede Farbe bedeutet; damit die Jungen die berühmten Bücher kennenlernen in denen man von Kämpfen und Religionen der alten Völker erzählt ... die Mädchen müssen dasselbe wissen wie die Jungen, damit sie im Heranwachsen als Freunde miteinander reden können ..." Am 19. September 1889 hält er einen Vortrag mit dem Titel "Madre América" in welchem er die Kämpfe unserer Völker, von der Eroberung bis in die heutige Zeit, zusammenfaßt und Nordamerika (die Vereinigten Staaten) unserem Amerika gegenüberstellt. 1890 gründet er "La Liga", eine Gesellschaft zur Unterweisung farbiger, kubanischer und puertoricanischer Auswanderer. Sein kulturelles und politisches Ansehen bewirkt die Ernennung zum Konsul für Argentinien und Paraguay in New York. Er beginnt mit dem Schreiben seiner "Versos Sencillos", die im darauffolgenden Jahr erscheinen. Von Uruguay wird er zum Abgeordneten bei der Internationalen Amerikanischen Währungskommission in Washington ernannt. 1891 veröffentlicht er sein Essay "Nuestra América" in der "Revista Ilustrada de Nueva York", in welchem er die lateinamerikanische Spezifikation und ein kulturelles Entkolonisierungsprogramm mittels Bewußtwerdung nationaler Werte darstellt:" ...und der gute Regierende Amerikas ist nicht derjenige, der weiß, wie man Deutsch oder Französisch beherrscht, sondern jener, der weiß mit welchen Fundamenten sein Land gemacht ist, und wie er sie im ganzen führen kann, um durch die Methoden und den im Land selbst entstandenen Institutionen zu jenem wünschenswerten Zustand zu gelangen, in welchem jeder Mensch den anderen kennt und handelt, und alle den Überfluß genießen, welchen die Natur für all jene im Volk zur Verfügung stellte, die mit ihrer Arbeit befruchten und mit ihrem Leben verteidigen ... Wie können Regierende Universitätsabgänger sein, wenn es in Amerika keine Universität gibt, an der man das Rudimentäre der Kunst des Regierens lehrt, was ist die Analyse der eigenen Elemente der Völker Amerikas ? ...Schaffen ist die Devise dieser Generation. Der Bananenwein; und wenn er herb ist, ist er unser Wein! Darunter versteht man, daß die Regierungsformen eines Landes sich in dessen natürliche Elemente sich fügen müssen ... Die Seele, gleich und ewig , geht aus den verschiedenen Körpern in Form und Farbe hervor. Es sündigt gegen die Menschheit wer den Widerstand und den Haß der Rassen fördert und bekanntmacht." (aus Letras Fieras). Im Oktober desselben Jahres, gibt er die Konsulate von Argentinien, Uruguay und Paraguay auf, um sich völlig dem Krieg zu widmen. Am 27. November, anläßlich der huldigenden Nachwache für die 1871 erschossenen Studenten weist er bei seinem Vortrag, der als "Los Pinos Nuevos" bekannt ist, auf folgendes hin: "Hört schon auf, da für sie das Vaterland reiner und schöner ist, mit dem Gejammer, das nur nutzlose Tote begleiten muß! Die Völker leben vom heldenhaften Katalysator. Das viele Heldentum muß die vielen Verbrechen bessern. Wo man sehr treulos war, muß man sehr groß sein." 1882 gründet und leitet er die Tageszeitung "Patria". In Cayo Hueso diskutiert er die Grundlagen und die Statuten der Kubanischen Revolutionären Partei. Am 10. April wird die Partei für die Revolte gegründet, sie ist antiimperialistisch und internationalistisch und bricht mit den traditionellen Mustern der Parteien jener Zeit. Máximo Gómez wird zum Befehlshaber der Befreiungsarmee. Im Dezember 1894 wird der Fernandina-Plan umgesetzt, der darin besteht, drei Schiffe zu mieten, um von drei verschiedenen Seiten in Kuba einzufallen. Im Januar 1895 verfügen die nordamerikanischen Behörden die Beschlagnahme der Waffen und das Aufhalten der Schiffe. Nach diesem Mißerfolg reist Martí nach Montecristi, Santo Domingo. Er verfaßt das Tagebuch "De Montecristi a Cabo Haitiano". Am 24. Februar ereignet sich der Aufstand des kubanischen Volkes und er unterzeichnet gemeinsam mit Máximo Gómez das Manifest von Montecristi. Im April reist er von Montecristi in Richtung Kuba, wo er am 11. mit Gómez ausschifft. Er wird zum Generalmajor der Befreiungsarmee ernannt. Mit Gómez entwirft er die Kriegspolitik und tut sich mit Maceo zusammen. Am 18. Mai schreibt er seinem Freund Manuel Mercado einen Brief, der durch das Einlagen von Nachrichten, welche die Nähe des Feindes mitteilen, unvollendet bleibt: " Ich befinde mich schon täglich in Gefahr, mein Leben für mein Land zu opfern und meine Pflicht ist - angenommen, daß ich sie begreife und die Absicht habe sie zu verwirklichen - rechtzeitig durch die Unabhängigkeit Kubas zu verhindern, daß die Vereinigten Staaten sich auf die Antillen ausdehnen und mit dieser zusätzlichen Kraft auf unsere Länder Amerikas fallen. Was ich heute tat und tun werde, dafür ist es." Am, 19. Mai fällt Martí tödlich verletzt, nachdem er die Befehle des Generals Máximo Gómez nicht befolgt hatte, der ihn ersucht hat, am Kampf nicht teilzunehmen. Den Gnadenschuß bekommt er von einem Angehörigen des spanischen Bataillons. Die Bemühungen, seinen Leichnam durch die Befreiungsarmee wiederzubekommen, sind fruchtlos. Er wurde im Friedhof von Santa Ifigenia in Santiago de Cuba beerdigt.
WALKALA
Übersetzung: Renato VECELLIO
Verteidigung Kubas - José Martí
An Herrn Direktor der "Evening Post"
Sehr geehrter Herr! Bitte gestatten Sie mir, daß ich mich Ihrer Zeitung auf den kritischen Angriff der Kubaner beziehe, den der "Manufacturer" aus Philadelphia veröffentliche und der mit Ihrer Erlaubnis in Ihrer gestrigen Nummer nachgedruckt wurde.
Dies ist nicht der geeignete Moment, die Angelegenheit der Annexion Kubas zu diskutieren. Es ist wahrscheinlich, daß kein Kubaner, der auch nur einen Funken Ehrgefühl besitzt, sein Land vereint sehen möchte mit einem anderen, wo diejenigen, die die öffentliche Meinung bestimmen, Vorurteile über es verbreiten, die nur einer so prahlerischen Politik oder so verworrenen Unwissenheit nachgesehen werden können. Kein ehrbarer Kubaner wird sich, zum bloßen Vorteil seines Landes, jemals so weit erniedrigen, daß er sich, wie ein moralisch Verdorbener, von einem Volk empfangen läßt, das seine Fähigkeiten ignoriert, seine Rechtschaffenheit beleidigt und seinen Charakter verachtet.
Es gibt Kubaner, die (...) dort, wo die Vereinigten Staaten auf einem öden Felseneiland früher nicht mehr als einige Hütten hatten, mit ihren geringen, dafür nicht vorgesehenen Mitteln eine Stadt der Arbeiter gründeten; sie alle, die zahlreicher sind als die anderen, wünschen nicht die Annexion Kubas durch die Vereinigten Staaten. Sie brauchen sie nicht. Sie bewundern diese Nation, die größte all jener, die je die Freiheit erlangten, aber sie mißtrauen den todbringenden Elementen, die, wie Würmer im Blut, in dieser herrlichen Republik ihr zerstörerisches Werk begonnen haben. Sie haben die Helden dieses Landes zu ihren eigenen Helden gemacht und streben nach dem endgültigen Erfolg der Nordamerikanischen Union wie nach dem höchsten Ruhm der Menschheit; aber sie können nicht ehrlich glauben, daß der übertriebene Individualismus, die Anbetung des Reichtums und der anhaltende Jubel über einen schrecklichen Sieg die Vereinigten Staaten dazu bestimmen sollen, die für die Freiheit typische Nation zu sein, wo es weder eine Meinung geben darf, die sich auf das unmäßige Verlangen nach Macht gründet, noch Erweb oder Sieg, die Güte und Gerechtigkeit widersprechen. Wir lieben die Heimat von Lincoln so, wie wir die Heimat von Cutting fürchten.
Wir Kubaner sind nicht dieses Volk von elenden Vagabunden oder sittenlosen Zwergen, das der "Manufacturer" beschreibt; und auch nicht das Land der zum Handeln unfähigen geschwätzigen Nichtsnutze, der Feinde harter Arbeit, das, ebenso wie anderen Völker des spanischen Amerika, gewöhnlich von hochmütigen Reisenden und Schriftstellern geschildert wird. Wir haben ungeduldig unter der Tyrannei gelitten; wir haben wie Männer und manchmal wie Giganten, gekämpft, um frei zu sein; wir sind dabei, jene Periode trügerischer Ruhe hinter uns zu lassen, die in Wahrheit voller Keime des Aufruhrs gewesen ist (...)
Die Kubaner, so schreibt der "Manufacturer", haben eine "Abneigung gegen alle Anstrengungen", "besitzen kein Selbstwertgefühl", "sind faul". Diese "Faulen", die "kein Selbstwertgefühl besitzen", kamen vor zwanzig Jahren fast ausnahmslos mit leeren Händen hier an; sie kämpften mit dem Klima; sie eigneten sich die Fremde Sprache an; sie lebten von ihrer ehrlichen Arbeit, einige in Wohlhabenheit, andere in Reichtum, nur wenige im Elend; sie liebten den Luxus und arbeiteten für ihn; man sah sie nicht oft auf den dunklen Pfaden des Leben; unabhängig und sich selbst genügend, fürchteten sie nicht, in ihren Fähigkeiten oder in ihrem Tun unterlegen zu sein; Tausende sind zurückgekehrt, um in ihrer Heimat zu sterben; Tausende bleiben an dem Ort, wo sie schließlich ohne Hilfe der vertrauten Sprache, der religiösen Gemeinschaft oder der russischen Zusammengehörigkeit über die Härten des Lebens gesiegt haben. Eine Handvoll kubanischer Arbeiter errichtete Cayo Hueso. In Panama haben sich die Kubaner hervorgetan durch ihre Verdienste als Handwerker in den edelsten Gewerben, als Beamte, Ärzte und Unternehmer. Ein Kubaner, Cisneros, hat gewaltigen Anteil am Fortschritt des Eisenbahnverkehrs und der Flußschiffahrt in Kolumbien. Márquez, ein anderer Kubaner, erwarb sich, wie viele seiner Landsleute, als ausgezeichneter Geschäftsmann die Achtung Perus. Überall leben Kubaner, die als Bauern arbeiten, als Ingenieure, als Feldvermesser, als Handwerker, als Lehrer, als Journalisten. In Phliladelphia hat der "Manufacturer" täglich Gelegenheit, hundert Kubaner zu sehen, (...)
Und die Frauen dieser "Faulen", die "kein Selbstwertgefühl besitzen", diese Feinde "jeglicher Anstrengungen", gaben ihre luxuriöse Lebensweise auf und kammen mitten in harten Winter hierher; ihre Männer waren im Krieg, zugrunde gerichtet, gefangen, tot; die "Señora" begann zu arbeiten; die Herrin der Sklaven wurde selbst zur Sklavin; (...)
Wir seien "von Natur aus und erfahrungsgemäß unfähig, die sich aus der Staatsbürgerschaft in einem großen freien Land ergebenden Pflichten zu erfüllen". Es ist unrecht, dies von einem Volk zu behaupten, das - neben der Energie, mit der es die erste Eisenbahn in den von Spanien beherrschten Gebieten baute und gegen eine tyrannische Regierung alle Grundlagen für eine Zivilisation schuf - eine wirklich beachtliche Kenntnis des politischen Apparates besitzt sowie eine erprobte Fähigkeit, sich an dessen jeweils höhere Formen anzupassen, und die in den tropischen Gegenden seltenere Kraft, sein Denken zu stählen und seine Sprache zu beschneiden. (...)
"Manufacturer" schreibt abschließend, "Daß unsere Mangel an männlicher Kraft und Selbstachtung sich in der Apathie zeigt, mit der wir uns so lange der spanischen Unterdrückung unterworfen haben", und "daß unsere Versuche der Rebellion leider so unwirksam gewesen sind, daß sie sich kaum von einer Farce unterscheiden". Nirgends haben sich größere geschichtliche Ignoranz und Charakter so deutlich offenbart wie in dieser leichtfertigen Behauptung. Um nicht mit Bitterkeit zu antworten, sollte man daran erinnern, daß mehr als nur ein Amerikaner sein Blut an unsere Seite in einem Krieg vergoß, den ein anderer Amerikaner als "Farce" bezeichnen zu müssen meinte. ¡Eine Farce! Der Krieg, der von den ausländischen Beobachtern mit einer Epoche verglichen wurde, die Empörung eines ganzen Volkes, der freiwillige Verzicht auf den Reichtum, die Abschaffung der Sklaverei im ersten Moment unserer Freiheit, das Inbrandsetzen unserer Städte mit unseren eigenen Händen, das Entstehen von Dörfern und Fabriken in den unberührten Wäldern, das bekleiden unserer Frauen mit den Blättern der Bäume, das zehn Jahre währende Inschachhalten eines mächtigen Gegners, der zweihunderttausend Männer im Kampf mit einem kleinen Heer von Patrioten verlor, deren einzige Hilfe die Natur war! Wir hatten weder Hessen noch Franzosen, weder Lafayette noch von Steuben, noch königliche Rivalitäten, die uns hätten helfen können; wir hatten nur einen Nachbarn, der "den Einflußbereich seiner Macht erweiterte und gegen den Willen des Volkes handelte", um die Feinde jener zu begünstigen, die für dieselbe Freiheitscharta kämpften, auf die er seine Unabhängigkeit gründete; wir würden Opfer ebender Leidenschaften werden, die den Fall der dreizehn Staaten verursacht hätten, wären diese nicht durch den gemeinsamen Sieg miteinander verbunden gewesen, während uns das Zögern schwächte, nicht das Zögern aus Abscheu vor dem Blutvergießen; die dem Feind anfänglich eine unantastbare Überlegenheit sicherte, und das Zögern aus einem kindlichen Vertrauen in die unzweifelhafte Hilfe der Vereinigten Staaten. "Sie werden uns nicht vor ihren eigenen Toren für Freiheit sterben sehen, ohne eine Hand zu heben oder Wort zu sagen, um der Welt ein neues freies Volk zu geben. Sie erweiterten den Einflußbereich ihrer Macht mit Rücksicht auf Spanien". Sie hoben nicht die Hand. Sie sagten nicht das Wort.
Das Feuer des Kampfes ist noch nicht erloschen. Die Vertriebenen wollen nicht zurückkehren. Die neue Generation erweist sich ihrer Väter würdig. Hunderte von Männern starben nach dem Krieg im Dunkel der Gefängnisse. Erst mit unserem Leben geht auch die Schlacht für die Freiheit zu Ende. Und es ist die traurige Wahrheit, daß sich unsere Kraft höchstwahrscheinlich erfolgreich erneuert hätte, wenn nicht einigen von uns die wenig männliche Hoffnung der Annexionisten gewesen wäre, die Freiheit zu erringen, ohne sie bezahlen zu müssen, und wenn nicht andere zu Recht fürchteten, daß unsere Toten, unsere heiligen Erinnerungen unsere mit Blut getränkten Ruinen schließlich nicht mehr sein werden als der Dünger für Boden, in dem eine Fremde Pflanze wächst, oder der Anlaß zum Spott für "Manufacturer" von Philadelphia.
José Martí
New York, 21. März 1889
Anmerkung: Übersetzung entnommen dem Buch "José Martí, zum 100. Todestag" Herausgegeben durch die Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba e. V., Autoren: Eva Hacker, Clemens Messerschmid, Oliver Sack und Ulli Weinzierl, 2. Auflage, Sept. 1995, Seiten 83 bis 85.
Einfache Verse - José Martí
Übersetzungen entnommen dem Buch: "José Martí, zum 100. Todestag" Herausgegeben durch die Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba e. V, Autoren: Eva Hacker, Clemens Messerschmid, Oliver Sack und Ulli Weinzierl, 2. Auflage, Sept. 1995, Seiten 39 bis 43 und 51 bis 53.
Ich bin ein Mensch, aufrecht und wahr, unter Palmen bin ich zu Haus, und ich werf meiner Verse Schar, eh ich sterbe, aus mir heraus.
Ich komme von überallher und gehe überallhin, ich bin Kunst unter Künsten so sehr, wie ich Berg in den Berge bin.
Seltsame Namen genug weiß ich von Blumen und Gras und von Tödlich bösem Betrug und von Schmerzen im Übermaß.
Nachts sah ich herniederfallen und über mein Haupt sich ergießen das reinen Lichtes Strahlen, die aus göttlicher Schönheit fließen.
Ich sah, wie den Schultern der Frauen schwellende Flügel entstiegen, ich sah aus Ruinen, den grauen, Schmetterlinge auffliegen.
Ich sah einen Menschen leben, in der Seite den Dolch, blutgerötet, ohne je preiszugeben die Liebe die ihn getötet.
Wie einen flüchtigen Hauch, sah ich zweimal die Seele hier, beim Tode des Alten und auch, als sie Abschied nahm von mir.
Dort am Zaun, wo der Weinberg beginnt, wurde ich einmal sehr schwach, als die grausame Biene mein Kind jäh in die Stirne stach.
Und eines genoß ich einmal, mehr als alles genoß ich das: Als der Richter weinend im Saal mein Todesurteil verlas.
Ich hör einen seufzenden Ton über Länder und Meere im Wind - kein Seufzer! Es ist mein Sohn, der zu erwachen beginnt.
Laß sie sagen: Beim Juwelier liegt der schönste Stein dir bereit! Einen ehrlichen Freund nehm ich mir und lasse die Liebe beiseite.
Des verwundeten Adlers Drift sah ich hoch im heiteren Blau und sterben am eigenen Gift die Viper in ihrem Bau.
Wohl weiß ich, wenn sich die Welt ermattet zum Schlaf niederlegt, daß unter der Stille Zelt sich murmelnd der Bach bewegt.
Die kühne Hand legt ich gern - sie erstarrte vor Jubel und Schreck - auf den erloschenen Stern, der stürzte auf meinen Weg.
Tief im Herzen verberge ich schon die Qual, die mein Leben verdirbt: Des versklavten Volkes Sohn lebt für sein Land, schweigt und stirbt.
Alles hat Schönheit, Bestand, ist Vernunft, Musik und Gedicht, und alles ist wie der Diamant, Kohle erst und dann Licht.
In deiner Torheit verlangst mit Pomp du begraben zu werden, und so groß wie die Friedhofsangst ist keine andere auf Erden.
Ich schweig und versteh - den Prunk des Reimeschmieds lege ich ab und hol vom verdorrten Strunk meinen Doktormantel herab.
Festmahl der Tyrannen - José Martí
Es gibt eine schändliche Rasse von steifnackigen Männern, aufgebläht vom Selbstgefühl, und sie bestehen alle, ja alle, von Kopf bis Fuß, aus Klauen und Zähnen; und es gibt andere wie Blumen, die hauchen in den Wind in der Liebe zum Menschen ihre Duft; so, wie es im Wald Turteltauben gibt und Raubtiere, und fleischfressende Pflanzen und die reine Mimose und die Nelken in den Gärten. Von der Seele der Menschen ernähren sich die einen, die andern geben ihre Seele her, damit sich davon nähren die Vielfraße und ihre Zähne zum Duften bringen. So wie das kalte Eisen wird Innern der Jungfrau, die es tötet.
Zu einem Festmahl setzen sich die Tyrannen, wo man Menschen auftischt: und jene Niederträchtigen, die die Tyrannen lieben, verschlingen eifrig Hirn und Herz der Menschen: aber wenn sie ihre blutverschmierte Hand in die Speise versenken, strahlt aus dem toten Märtyrer ein Licht hervor, das sie entsetzt; Blumen, so groß wie ein Kreuz, steigen plötzlich auf, und es flüchten, rot ihre Mäuler und in Schrecken versetzt im tiefsten Innern, die Tyrannen.
Die sich selbst lieben: die voll Stolz, ihrem Geiz und ihrer Gier Recht geben; die nicht auf ehrlicher Stirn jenes Band aus Licht zeigen, welches das Joch einbrennt, wie die riesige Sonne in der Asche die Sterne zerbricht, die sich an ihre Brust stürzen: die nicht die Würde des Menschen als Schmuck an der heilen Brust tragen: sie sind die Kleinen und Zweitrangigen des Leben, nur bedacht auf ihr eigenes Wohl und Wehe und nicht auf das Konzert der Welt.
Tänze, Speisen, Musik, Harems, nie die Anerkennung eines ehrlichen Mannes. Und wenn man es vielleicht ohne Blutvergießen machen kann, macht es so - nagelt sie, an den höchsten Galgen des Weges, mitten durch ihre niederträchtige Stirn, nagelt sie, die Verräter der großartigen Menschheit, wie ein unerschütterlicher Arbeiter, der einen Sarg aus Bronze zunagelt, sie, die mit dir mit Zähnen und Klauen um die Aufteilung der Nation kämpfen.
10. Oktober - José Martí
Ein Traum erfüllt sich, es ist wahr, das Volk der Insel läßt den Kriegsruf klingen. Das Volk, das keine Knechtschaft konnte zwingen, das Qualen litt dreihundert Jahr.
Vom Cauto bis zu Escambray dröhnt streitbar Kanonendonner, und im kriegerischen Ringen legt man den fremden Peiniger in Schlingen, furchtzitternd klagt und stöhnt der Feinde Schar.
Kampfgeist und heldenhafter Mut macht aus den Feldern Gräber, und Feigheit zollt der Kriegerwürde den Tribut.
Mit uns ist Gott, die Zeit, sie ist nicht weit, da Kuba aus dem Meer von Blut sein Haupt erhebt, stolz und befreit.
Es wird bestätig, dass dieses Sonett zum ersten Mal in der Studentenzeitung des "Instituto de Segunda Enseñanza de La Habana El Siboney", im Jahre 1869 veröffentlicht wurde. Text und Anmerkung sind dem Buch "En mi pecho bravo" ("In meiner tapferen Brust"), José Martí, Auswahl, Einführung und Anmerkungen von Esteban Llorach Ramos, Editorial Gente Nueva, Havanna, Kuba, 1996, Seiten 22 und 329.