XICÖATL 60

 

XICöATL

XICöATL: Ausgabe 60

XICöATL Nr. 60, Juli/September 2002
XICöATL 60

INHALT:

  • Leitartikel: Kulturbrücke Österreich-Costa Rica. Luis Alfredo Duarte Herrera und José Jacinto Brenes Molina
  • Erzählkunst: Zwei Alte unterwegs. Jorge Luis Ramirez Caro
  • Erzählkunst: Der blaue Vogel. Vicente Alvarenga
  • Lyrik: Gedichte. Gerardo Contreras
  • Lyrik: Gedichte. Brauny Bogantes Arias
  • Essay: Borges und das Zeugnis. Rafael Lara-Martínez
  • Essay: Gedanken über die aktuelle Krise Argentiniens. Juan María Solare
  • Österreich: Gedichte. Angelika Moser

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Leitartikel 

Kulturbrücke Österreich - Costa Rica

Liebe Freunde:

Itzarú, die Tochter des Kaziken Coo, ließ alle Völker, die Nolpopocayán (Mittelamerika) bewohnten, ihre große Wut spüren, indem sie die ganze Erde explodieren ließ und mit dieser den großen Berg, auf dem sie ihrem Gott geopfert worden war, um so den Zorn des Kaziken Guarco, dem Herrn über Purrupura, zu bremsen. Guarco, der große Guarco, weinte bitterlich, als er seine schönen Länder von Asche bedeckt und die Bewohner seines Reiches im Schlamm versunken sah. Daraufhin versprach Guarco Frieden und hielt sich auch daran. Seither stehen das Leben, die Schönheit und die Liebe in Nicoya, Guanacaste, Chicagres, Burica, Churruca, Diriá, Tempisqué, Aquitiva, Caiay, Quiribrí, und Chumazara in Tatiscú immer in Blüte.

Für YAGE ist es natürlich eine große Freude, diese für beide Kontinente so aussichtsreiche und wirkungsvolle Brücke zwischen dieser schönen Region, die heute Costa Rica heißt, und Österreich errichten zu können, wobei uns die Mitarbeiter der Zeitschrift COMUNICACIÓN (im Internet unter www.itcr.ac.cr/revistacomunicacion), die im Instituto Tecnológico de Costa Rica in Cartago, der alten Hauptstadt Costa Ricas, erstellt wird, maßgeblich unterstützen.

Dazu muß gesagt werden, daß unsere Verbindung zu Costa Rica nichts Neues ist: unser lateinamerikanisches Kulturmagazin XICöATL steht bereits seit 1993 in den Regalen der Bibliothek der Universidad Central von Costa Rica und auch sind wir mit der Revista Repertorio Americano befreundet, die 1919 gegründet wurde und damit zu den ältesten kulturellen Publikationen von Amerika gehört. Diese ist, neben COMUNICACIÓN und andere Publikationen der Universidad Central wie die Revista Herencia und die Revista Escena, in der Bibliothek von YAGE León de Greiff zu finden.

Ich bin sicher, daß diese Kulturbrücke, die eine neue Art des Kulturaustauschs begründet, die Freundschaft zu diesen und anderen Institutionen zum Nutzen aller Künstler beider Länder, durch eine neue Dimension stärken wird.

Dr. Luis Alfredo Duarte Herrera
Leiter von YAGE und XICóATL

Mit großer Freude gründen wir die Kulturbrücke zwischen Costa Rica und Österreich. Die Idee ist, diese beiden Staaten durch die Kultur zu verbrüdern. Und welchen besseren Weg gäbe es, als dies durch Künstler und ihre Werke zu realisieren. Diese sind zweifellos die wahre Seele unserer Länder.

Costa Rica ist ein Staat in Mittelamerika mit nur 54.000 Km2 und einer Bevölkerung von kaum vier Millionen Einwohnern. Es ist ein Land, das in Demokratie lebt und vor 40 Jahren freiwillig sein Heer abgeschafft hat, was ihm einen dauerhaften Frieden gesichert hat. Wir sind in Amerika eine Oase des Friedens und haben dadurch einen Index humanitärer Entwicklung erreicht, der dem reicher Länder in vielem ähnlich ist.

Auf ein gutes Gelingen dieses Kulturaustauschs zwischen Costa Rica und Österreich, der zweifellos für unsere Länder von großem Nutzen sein wird!

Mag. José Jacinto Brenes Molina
Leiter der Zeitschrift COMUNICACIÓN

Mail: jacbrenes@itcr.ac.cr

Übersetzung: Miriam EBERHERR

Erzählkunst 
Jorge Luis Ramírez Car

Zwei Alte unterwegs - Jorge Luis Ramírez Caro

Jorge Luis Ramírez Caro. Dichter und Schriftsteller aus Kolumbien, lebt seit 1983 in Costa Rica. Professor an der Universidad de Costa Rica und der Universidad Nacional de Costa Rica. Zu seinen Werken zählen: Las sombras de la noche (1983), La máquina de los recuerdos (UNA-Palabra-Preis, 1992), Sombras de antes (UNA-Palabra-Preis, 1997), Las cenizas del sentido (Preis Premio Editorial Costa Rica, 1999). Los rituales del poder (1997), Guía de razonamiento verbal (2000), Los juegos del duende (2002) und zahlreiche Artikel in heimischen und internationalen Fachzeitschriften.

Zwei Alte unterwegs

Diese beiden Alten, die da gehen, sind das Kind, das wir sein werden, wenn wir so geworden sind wie sie. Wenn du ihnen folgst, wirst du sehen, dass sie so gehen, als ob sie nirgends hingehen würden. Sie heben die Füße so, als ob sie Angst hätten, sie von der Erde zu lösen, und setzen sie wieder auf mit der Angst, den Boden unter ihren Füßen nicht wieder anzutreffen. Aber da gehen sie. Und reiben sich zufrieden die Hände, so als ob sie im Voraus irgendeinen Streich geplant hätten und ihn nun Punkt für Punkt ausführen würden. Sie grüßen fast alle Leute und fragen einander, und wer ist das, kennst du ihn, weiß nicht, sagt der andere. Aber sie grüßen die Leute, aus Hunger nach einer neuen Stimme, einem Lächeln, der Geste einer sich bewegenden Hand. Sie drehen sich um und schauen dem nach, der sich entfernt und sagt, diese beiden Alten auf der Straße, wer weiß wo die wohl hinirren mögen.

Wenn sie ein Mädchen sehen, lüpfen sie den Hut und neigen den Kopf wie bei einer Zeremonie. Immer mit vollstem Respekt. "Sie ist eine Königin", sagen sie. "Weißt du zu wem sie gehört?", fragt der eine den anderen. "Keine Ahnung. Aber sie ist schön." Sie bleiben stehen und schauen dem Mädchen nach, das sagt, senile Lustgreise. Aber diese Worte berühren die beiden nicht. Sie sind glücklich, aus ihren Höhlen herausgekommen zu sein, aus dem Winkel, in dem sie die ganze Woche lang sitzen. Und auf einen Feiertag warten, einen Sonntag, ein Fest. Aber vor allem auf jemanden warten, der sie daran erinnert, was für ein Tag heute ist.

Sie bleiben vor den Haustüren stehen, als ob sie jemanden suchen würden, als ob sie nach einem Bekannten fragen wollten. Niemand kommt heraus, um sie zu fragen wie er ihnen behilflich sein kann, weil alle wissen, dass die beiden jeden Sonntag zur Plaza gehen oder auch nur herumspazieren und sich das Viertel anschauen, als ob sie darauf warteten dass etwas Neues sich ereignete oder sich ereignet hätte, damit sie nach Hause zurückkehren und es ihren Enkeln erzählen können, als ob diese es noch nicht gesehen hätten oder sich noch nicht daran gewöhnt hätten, an das neue Haus, die neue Nachbarin, das neue Wort das jemand in das taube, bodenlose Ohr der Großväter fallengelassen hat.

Sie gehen langsam. Sie haben es nicht eilig, weil sie wissen, dass die Welt weiterhin besteht und auch noch für ihre Urenkel bestehen wird. Sie wissen, dass sie ankommen werden, weil sie den Weg schon kennen von so vielen anderen Sonntagen, so vielen anderen Malen, als sie an einem Tag das Viertel verlassen haben und an einem anderen zurückgekommen sind, egal wie spät es ist, was soll´s, viva la mondá, die schlafenden Damen schockiert haben, aufgewacht vom Gebell der Hunde, die erschrocken sind vor diesen beiden einander umarmenden Schatten, die im Morgengrauen betrunken in ihre Häuser zurückkehren und sich fragen Compa, ist es hier oder wo sollen wir gehen. "Es muss hier sein, weil der Mond sich dort drüben versteckt". Und sie wanken in ihre Häuser, während die Hunde sie ablecken und die Katzen ihnen zwischen den Beinen durchhuschen. "Wenn es Hühner wären, könnten wir uns aus ihnen ein Süppchen kochen", sagen sie.

Jene Zeit der Großväter, die heute zahm wie Lämmchen sind, und kein Haar mehr auf dem Kopf haben. Erinnern wir uns hier besser nicht an das, was man sich von diesen beiden netten und durch die Schicksalsschläge des Lebens ruhig gewordenen Alten erzählt. Mögen andere sich damit befassen, den Staub von jenen Jahren abzuklopfen, die auch süß sind für die Erinnerung derer, die sie selbst nie erlebt haben. Jetzt schlendern die beiden dahin wie zwei Schnüffler, wer weiß welchen Spuren folgend, wer weiß welches Gesicht suchend. Das Gedächtnis führt sie alleine mit sich. Aus irgendeinem Teil von ihm entspringen ihnen diese Wege, die sich kreuzen, diese Erinnerungen, die verfolgen. Sie gehen diese Straße entlang die sie selbst gebaut haben, in die Richtung die ihnen gefällt, damit wir ihnen folgen.

Wenn jemand sie ansieht, ihnen direkt ins Gesicht blickt, bleiben die beiden Alten stehen, und man kann das Schnaufen von müden Männern hören und in ihren Augen sieht man ein ewiges Kommen und Gehen von Sonnen und Monden, die schon in ein anderes Leben hinübergleiten. Die Seele führt sie spazieren, damit sie diese staubigen Wege nicht vergessen, damit sie die Gesichter nicht vergessen, die Häuser, die Bäume dieser Erde, wenn sie einmal auf der anderen Seite sind. Wenn jemand sie sprechen hören will, muß er die Ohren gut spitzen und versuchen, die schwammigen Bewegungen ihrer Lippen zu lesen, die die Laute nicht kontrollieren können: die Gitarre ihrer Stimme ist gebrochen und kaum dass sie einander verstehen, mit Hilfe von Gesten. Sie sind mehr Wesen der Gesten als der Worte. Man sieht sie in ihren Häusern sitzen, einsam in eine lange Rede vertieft. Und kann jene Weisheit nicht mehr nehmen und sie in sein Ohr hineinfließen lassen, weil ihnen die Worte verlorengegangen sind und die Großväter einen nicht mehr erkennen; was sie stattdessen sehen ist ein verschwommener Schatten, der hierhin und dorthin flattert, wie ein Schmetterling, der sich auf einer Blume niederlassen will, die vom Wind des Todes bewacht wird.

Wenn einer mit ihnen gehen will, muss er viel Geduld haben, denn sie haben sich den ganzen Tag genommen, um in den Park zu gehen, sich unter einen Lorbeerbaum zu setzen, sich einen Guajavensaft zu kaufen und dann einen Mispelsaft und zwei Empanadas und dort im Schatten sitzen zu bleiben, um mit jedem zu plaudern der sich ihnen nähert, egal über was. Sie erinnern sich noch, wie diese Dörfer waren, bevor es Elektrizität gab, vor dem Fahrrad, vor dem Automobil, vor dem Flugzeug, vor der Bennenung der Dinge. Sie erzählen dir, wer das erste Haus gebaut hat, wer das erste Geschäft aufgemacht hat, wie die Frau hieß, die die besten Empanadas machte, die besten Kuchen, die besten Chicharrones. Sie erzählen dir, wie sich das Leben bis hierher abgespult hat. "Wir haben gesehen, wie es vorwärts drängt", sagen sie zu dir. "Denn hier hat sich niemand getraut, bei all den Tigern, die es hier gab." Viele lachen darüber, als ob das Unsinn wäre. Dabei nehmen die Großväter dich mit auf einen Spaziergang durch jene anderen Tage, die es in ihrem Leben gab.

Einer der sie vorbeigehen sieht und sagt, da gehen die beiden Großväter, sieht, dass sie sich beugen wie zwei Ähren, dass sie welken wie Rosen, die keinen weiteren Tag erleben werden. Beinahe bucklig, als ob sie sich bücken würden um zu sehen wie ein Fuß den anderen um Erlaubnis fragt, sich zu bewegen. Die zitternden Hände. Die Kleidung voller Flicken, aber sauber und gebügelt, als ob sie auf dem Weg in die Kirche wären. Sie gehen und stützen sich dabei auf ihre über achzigjährigen Schatten. Manchmal verschwinden sie in der Staubwolke, die ein Auto hinterläßt.

Sie halten den Hut fest, damit der Wind ihn nicht davonbläst und stolpern dahin, bis sie den Weg wieder erkennen können. "So ist das heutzutage, Cristóbal", sagt der eine. "Man kann fast nicht mehr auf der Straße gehen", antwortet ihm der andere.

Man weiß, dass diese beiden Alten wieder nach Hause gehen werden, wenn die Sonne einen anderen Horizont gesucht hat und der Mond und die Sterne hell am Himmel leuchten. Sie kehren zurück, keuchend wie Fohlen nach einem langen Ausritt, mit den gleichen Gesten wie vorher, den Hut vor einem Mädchen lüpfend, in die Hauseingänge spähend, den Schatten derer nachschauend, die vorbeigehen und sie mit Adiós Großväter grüßen. Sie werden vor dem gleichen Haus stehen bleiben, als ob sie sich erinnerten dass hier früher die Frau wohnte, die sie eingeweiht hat und als ob sie eintreten wollten. Sie blicken nach innen, aber sehen nur Schatten und gehen weiter ihren Nachhauseweg. Fast dem Geruchssinn folgend, fast dem Instinkt.

Sie werden heimkommen, um sich neben die Tür ihres Hauses zu setzen oder in irgendeine Ecke, wo die Traurigkeit der nicht enden wollenden Tage sie wieder befällt, bis ihre Enkel ihnen wieder ein paar Pesos geben und ihnen sagen, heute ist Sonntag, geh einen draufmachen, Großvater Chema. Dann werden sie wieder die gleichen Kinder sein wie wir, wenn wir alt geworden sind.

(aus Deudas de olvido, unveröffentlicht)

Übersetzung: Anna Fuchs

E-Mail: caronauta@hotmail.com

Erzählkunst 
Vicente Alvarenga

Der blaue Vogel - Vicente Alvarenga

Vicente Alvarenga. Poet und Erzähler aus El Salvador, ist Vorstand der Zeitschrift "Círculo", die in Vallejo, Kalifornien, herausgegeben wird.
Adresse: 222 Carousel Drive, Vallejo CA 94587, USA.

Der blaue Vogel

Wir waren etwa sechs Jahre alt, manche vielleicht auch jünger, als uns die jede Nacht von der Spitze des Hügels heruntergleitenden Lichter von unseren leidenschaftlichen kindlichen Gesprächen ablenkten. Wie große glänzende Sterne begannen die eigenartigen Lichter Abend für Abend ihren Abstieg über die dunkle Silhouette des imposanten Hügels. Mit weit geöffneten Augen folgten wir ihrem absteigenden Schlängeln bis wir sie über unserem Hausdach aus den Augen verloren.

Jeden Abend bevor sich die Sonne versteckte trafen wir uns auf dem unserem Haus gegenüberliegenden Gehsteig - ich habe mich immer gefragt, warum wir uns auf dem Gehsteig gegenüber trafen und nicht auf jenem direkt bei unserem Haus; obwohl ich dem keine größere Wichtigkeit beimaß schien mir dieses Verhalten seltsam, aber ich denke, dass es den meisten nicht so wichtig erschien - und wir setzten uns, um über unser Lieblingsthema zu plaudern: die Angst.

Nachdem wir herumgetollt und gespielt hatten, waren wir erschöpft und verschwitzt und setzten uns nach Eintritt der Dunkelheit nieder, jeder an seinen Lieblingsplatz und neben seinen besten Freund, um die mysteriösen Lichter zu betrachten, die begannen in der Dunkelheit herunterzugleiten. Eines Tages beschlossen wir herauszufinden, was denn diese Lichter waren und woher sie kamen. Wir bildeten eine Gruppe von sechs Buben und setzten den Tag fest, an dem wir dieses tollkühne Unternehmen starten würden. Während dieser Tag immer näher rückte, erfanden wir jeden Abend Geschichten darüber, was diese Lichter sein könnten und wir überlegten uns was wir machen würden falls unsere Geschichten wahr wären. Ich wurde als Führer des Forschungsabenteuers auserkoren, und zwar aus dem einfachen Grund weil ich der einzige war, der den Hügel schon weiter bestiegen hatte als bis dort wo uns üblicherweise unsere Wochenendwanderungen hinbrachten und außerdem kannte ich den Weg wie meine Westentasche.

Der Tag unseres Forschungsabenteuers war bald gekommen. Schon um sechs Uhr morgens überprüften wir unsere Ausrüstung: Kompass, Uhr, Stricke, Handlampen, Feldflaschen mit Wasser, Rucksäcke mit Essen und Süßigkeiten, Alkohol, Quecksilber, Pflaster und Kopfschmerztabletten. Holzstecken würden wir unterwegs finden und zurechtschneiden. Als wir überprüft hatten, dass wir alles beisammen hatten was wir brauchen würden, machten wir uns auf den Weg. Eine Gruppe von Freunden kam um uns zu verabschieden uns sie bestärkten uns mit ihren Rettungsplänen, die sie für den Fall gemacht hatten, dass wir nicht zur vereinbarten Zeit zurückkehrten. Sie wünschten uns viel Glück und gleichzeitig äußerten sie überschwängliche Beweise ihrer großen Bewunderung für unseren Mut.

Wir hatten eine Landkarte entworfen, die eine Art Leiter zum Himmel bildete. Wir begannen den Aufstieg mit Kurs Richtung Westen; nach etwa 50 Metern bogen wir Richtung Süden, danach gingen wir einen halben Kilometer nach Osten, wir bogen abermals in Richtung Süden ab und von dort aus begannen wir in Schlangenlinie zu gehen: wir bogen ab, wir gingen hinauf und hinunter. Wir spielten und lachten auf dem Weg. Wir kamen bei der Eisenbahn an und betrachteten lange die glänzenden Schienen, die sich - erleuchtet von der Frühsonne - zum Horizont erstreckten bis sie in der Entfernung verschwanden. Die Schienen gingen quer durch Zuckerrohrfelder und diese bewegten sich sanft im Takt mit der Morgenbrise, die die spitzen Ähren liebkoste und die ihre Blüten in einer einzigen Richtung schaukelte. Wir gingen einige Minuten lang auf den Geleisen, wir balancierten darauf, und dann setzten wir unseren Marsch fort.

Schon waren wir nahe des Hügels. Wir hatten einen Vorteil: wenn wir umkehren wollten, würden wir von jedem Punkt zurückkehren können, von dem wir wollten. Die Neugierde jedoch, oder vielmehr noch das Abenteuer, trieben uns dazu an, unseren wagemutigen, ja unüberlegten Plan fortzuführen.

So kamen wir zu den Berghängen, wo das Gestrüpp immer dichter wurde. Die Häuser waren schon sehr weit weg und außerdem war es so dunkel, dass wir Gebrauch von unseren Lampen machen mussten, da die Sonnenstrahlen bis dorthin praktisch nicht durchkamen. Das Gestrüpp verursachte bei uns eine Kälte, die uns in die Knochen fuhr; aber wir wussten, dass dies aufhören würde sobald wir an einen kleinen Brunnen mit Quellwasser kämen und dass wir ab da keinen Schutz vor der Sonne haben würden. Dann würden wir extrem zu schwitzen anfangen. So hielten wir durch.

Wir kamen schnell voran, waren wir doch davon besessen, den Ursprung der mysteriösen Lichter zu entdecken, die uns dazu bewegt hatten, unser wagemutiges Abenteuer zu unternehmen. Das Gestrüpp wurde langsam lichter und wir begannen die heißen Sonnenstrahlen zu spüren. Um neun Uhr morgens hatten wir den ersten Hügel erklommen: das Gras dort war gelb und die Bäume schienen Skelette, erstickt von den Schlingpflanzen. Wir machten eine kurze Rast und betrachteten die Strecke, die wir zurückgelegt hatten. Wir versuchten, in der Ferne den Ort ausfindig zu machen, von dem wir losgegangen waren und wir diskutierten heftigst über die genaue Lage.

Den nächsten Hang vor den Augen setzten wir unseren Weg fort. Der Schweiß strömte uns über den ganzen Körper, immerfort tranken wir Wasser um die Hitze zu lindern; wir wanderten über Fußwege, welche von jenem "Bergmenschen" ausgetreten worden waren, der Tag für Tag mit seiner Fracht in die Stadt herunterging. Jeder einzelne von uns hatte sich einen Stock zurechtgeschnitzt um sich abzustützen oder ganz einfach darum, um etwas in der Hand zu halten und um durch den Stock die Nähe zur Natur zu fühlen. Die Sonne stand fast schon direkt über uns als wir die Spitze des zweiten Hügels erreichten, mit welchem wir alle vertraut waren. Dann gelangten wir an eine Stelle, wo eine staubige Landstraße den Weg abschnitt; ab dort kannte nur ich die Gegend. Ich war stolz darauf, dass meine Forschungskollegen auf meine topographischen Kenntnisse angewiesen waren.

Wir wanderten durch Maisfelder, Kürbisfelder und andere Äcker, die wir nie zuvor gesehen hatten. Die Wege waren unendlich lang, meine Beine waren müde, mein Herz schlug schnell, mein Kopf pulsierte unaufhörlich: ich war erschöpft. Wir waren zu dem Ort gekommen wo die meisten Kaffeeplantagen waren und ich machte den Weg aus, der zur Finca meines Onkels führte; das war die Stelle bis zu der ich mich auskannte. Ich wusste, dass wir unserem Ziel schon nahe waren und dass wir von nun an auf der staubigen Landstraße weitergehen würden, welche wir während unseres entkräftigenden Aufstiegs schon des öfteren gekreuzt hatten. Die Sonne stand genau über uns...es war die Stunde des Teufels. Wir setzten uns zum Eingang der Finca meines Onkels um etwas zu essen. Don Evaristo, der Aufseher der Finca, kam genau in diesem Moment aus der Stadt zurück. Er saß auf einem Pferd, dessen Flanken mit Netztaschen beladen waren. Als er uns auf der anderen Seite des Hoftores sitzen sah, kam er auf uns zu und als er mich erkannte, fragte er mich was ich denn hier zu suchen hätte. Ich antwortete ihm, dass wir einen Spaziergang machten. Er hörte meine Antwort und setzte er mit einem "Passt auf euch auf!" seinen Weg fort. Nach dem Essen machten wir eine lange Rast. Wir betrachteten den See zwischen den Bergen, den Flughafen und die in der Ferne liegende Stadt. Ich prahlte mit falschem Wissen, denn ich ließ meine Freunde glauben, dass wir nur mehr eine halbe Stunde von unserem Ziel entfernt waren und ich fragte sie, ob sie weitergehen wollten. Die Antwort war ein einstimmiges "ja".

Schließlich erreichten wir den Gipfel des Hügels, wo der Wind die Pinienwälder pfeifen ließ und die Brise frisch und schmeichelnd war. Ein großes Eisentor, dessen silbrig glänzende Flügel sperrangelweit geöffnet waren , lud uns zum Weitergehen ein. Wir marschierten auf einer gepflasterten Straße. Noch nie zuvor hatten wir ein Pflaster wie dieses gesehen - mit so dicht geordneten, fein bearbeiteten Steinen; es war schwer, zwischen ihnen eine Spalte zu finden. Als ich meinen Blick hob bemerkte ich, dass wir uns vor einem riesigen Haus befanden, das von grünen Rasen und Gärten mit gelben Rosen umgeben war. Ein kleiner Rondeau, in dessen Mitte sich ein Brunnen befand, gab dem Haus ein imposantes Erscheinungsbild. Plötzlich fühlte ich eine schwere Hand auf meiner Schulter und als ich mich umdrehte, sah ich Don Apolonio, den ehemaligen Aufseher der Finca meines Onkels und gleichzeitig Vater von Don Evaristo. Er fragte mich, was wir denn hier im Herrenhaus machen würden; ich antwortete ihm, dass wir wissen wollten, was es hier gab. Er lächelte und sagte mir, dass wir doch hereinkommen sollten und dass wir Glück hätten, weil nämlich die Hausherrin in die Stadt verreist war. Er fügte hinzu, dass nur er mit seinen Töchtern hier wäre. Ich fragte ihn nach dem Namen dieses Ortes und er antwortete mir, "Der Blaue Vogel".

Wir traten nicht in das Haus ein, wir wollten lieber darum herumlaufen. Im Hinterhof des Hauses gab es ein Schwimmbecken dessen Wasser so blau war wie ein wolkenloser Himmel. Um das Becken herum standen Tische mit Sonnenschirmen und Sessel, auf denen nackte und halbnackte Frauen saßen, welche sich angeregt unterhielten während sie ihren natürlichen Zauber zur Schau stellten. Auf den Rasenflächen standen einige Liegestühle auf denen andere nackte Frauen ruhten: einige rücklings, andere auf dem Bauch...und auch jene stellten ihre unerlaubte Ware zur Schau. Im Schwimmbecken tummelten sich noch mehr Frauen; auch aus dem Haus kamen fröhliche, halbangezogene Frauen, die Getränke und Teller mit kleinen Happen trugen. Man konnte sehen, dass alle in diesem Paradies auf dem Gipfel des Hügels sehr glücklich waren. Sie betrachteten uns ohne Interesse während wir uns wahnsinnig anstrengten, unsere Verwirrung zu verbergen. Ich weiß nicht, wie viele Frauen dort waren...ich konnte sie nicht zählen. Wir alle waren überrascht, nicht das zu finden was wir suchten oder was wir zu finden hofften.

Um zwei Uhr nachmittags begannen wir den Abstieg. Enttäuscht besprachen wir, was wir gesehen hatten und wir überlegten was wir den anderen sagen sollten. Ich merkte, dass wir sehr schnell unterwegs waren. Es war sechs Uhr abends als wir zu unserem Ausgangspunkt zurückkehrten. Unsere Freunde hatten sich schon auf dem Gehsteig gegenüber meines Elternhauses versammelt und sie hatten sogar schon gespielt und herumgetollt- sie waren alle verschwitzt. Als sie uns ankommen sahen rannten sie uns entgegen und baten uns voller Neugierde all das zu schildern, was mit unserer gerade vollbrachten Heldentat zu tun habe.

Gleich darauf setzten sie sich um uns herum und ich begann ihnen das zu erzählen was wir gesehen hatten: "Genau auf der Spitze des Hügels ist eine Höhle, die so tief ist, dass sie bis mitten in die Hölle führt. Und dort raucht der Teufel jeden Abend eine riesige Zigarre, die von Stecknadeln durchbohrt ist. Der geschwefelte Rauch verwandelt sich in Wolken, die am Tag sichtbar werden. Die Funken, die aus den Teufelszigarren sprühen, verwandeln sich in Lichter, die in der Nacht über die Kanten des Hügels nach unten gleiten. Die Funken kommen immer heraus; bei Tageslicht sind sie unsichtbar, aber man spürt die Hitze, die sie bewirken, wenn sie aus der Höhle herauskommen.

Übersetzung: Maria Leitner

E-Mail: sfcirculo@yahoo.com

Lyrik
Gerardo Contreras

Gedichte - Gerardo Contreras

Gerardo Contreras, (25. 8. 1954) ist Lehrer an der Universität von Costa Rica. Er war Leiter des Programmes "Freie Kurse" an dieser Universität. Er lehrt Kulturgeschichte an der Escuela de Estudios Generales. Contreras hat viele Abhandlungen über costaricanische Geschichte, Gewerkschaftsbewegungen, Nationales, costaricanische Schriftsteller und höhere Ausbildung verfaßt.

Und die Liebe?

Die Liebe
ist aufregend und sehnsuchtsvoll
Leidenschaft und Geheimnis
vernünftig unvernünftig

Was werden wohl jene über die Liebe denken,
die die Menschenrechte verletzen?

Mit welchem Argument werden jene über die
Liebe sprechen die die Natur zerstören?

Welches Zwiegspräch über die Liebe können
Rassenfanatiker, Fremdenfeindliche und Menschenfeindliche führen?

Welche Liebe predigen jene die
im Namen des freien Marktes
Mädchen und Jungen
zur Prostitution führen?

Von welcher Liebe kann uns überzeugen
der Ankläger, der Vergewaltiger, der Mörder?

Trotz des Menschlichen und Göttlichen,
ist die Liebe immer da
bereit alles beizubringen

man sagt uns, daß es Liebe gibt die tötet
daß es gerechtigkeitsliebende Liebe gibt
daß es unmögliche Liebe gibt

Wir müssen ergründen,
welche Liebe im
Inneren jedes einzelnen von uns ist
und sie schlendern lassen, ja,
auf daß sie sich
mit Riesenschritten ausbreite
um sie nicht zu vergeuden
und sie verschwinde
wie die Kobolde des Gartens.

Himmelsrichtungen

Ich weiß nicht ob ich in den Norden deines Schicksals gehen, oder meinenWeg nehmen soll
in den Süden meiner Ahnungen

Manchmal glaube ich, daß ich im Osten
den Horizont meiner beunruhingenden
Träume finden könnte
und im Westen
schlummert die Ruhe
meines überfließenden Geistes
vollsaftiger Wünsche

Humus

Im Dunst des Waldes,
über die Staubfäden von Orchideen aufsteigend
begegnete ich deiner Seele
sie war so rein wie die Erde aus der sie sprossen

Was für eine großzügige Erde!

Übersetzung: Renato Vecellio

E-Mail: gcontreras25@yahoo.com

Lyrik
Brauny Bogantes Arias

Gedichte - Brauny Bogantes Arias

Brauny Bogantes Arias, wurde 1948 in Costa Rica geboren, er ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Bogantes ist staatlich geprüfter Sozialarbeiter, Master im Fach "Menschliche Entwicklung" und in Kulturpolitik spezialisiert. Seit 26 Jahre arbeitet er am "Technologischen Institut" von Costa Rica, wo er als Lehrer tätig ist; in der Vergangenheit hat er verschiedene Funktionen an diesem Institut bekleidet.

All jene Eingeborenen von Kachabli

An jenem Tag
besuchten wir andere indigene
Räume
sie waren dort
wir trafen sie
ihre Wahrnehmung
im Einklang
immer mit der Natur
mit sich selber

Wer sind wir
Entdecker
ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft?
Unsere
nur unsere
um Ketten
zu sprengen
die nicht zu uns gehören
und die wir auch nicht begreifen

Heute
inmitten menschlicher Grausamkeit
können wir mit ihnen
stolz
über die Macht sprechen, die wir besitzen
um uns selber zu zerstören

Sie werden begreifen
ja, sie werden begreifen
daß die Grausamkeit
immer
woanders
außerhalb von ihnen war

Flugzeuge die mit Zementmassen zusammenstoßen
aus reinem Zufall, Ungenauigkeit, Spiel oder Vergnügen
um das Leben
in der Luft hängen zu lassen
und zu fliegen
wo ich nicht bin
Weil ich niemals
anders unterschiedlich
als der Krieg sein wollte

Geh´zum Treffen
mit Menschen
die das Leben
jenseits ihres Körpers
respektieren und schätzen
um einander zu berühren
und so die tiefe, bestehende Bedeutung
wahrzunehmen

Oh! Eingeborener
was kann ich dir erklären
wie werde ich es anstellen
was andere Menschen tun
Stolz einleitend
Rache und Haß umarmend
um sich zu inspirieren
und die Liebe auszurotten!

Übersetzung: Renato Vecellio

Adresse: 300 mts. este, 100 norte, 75 oeste de la Municipalidad de Oreamuno, Cartago - COSTA RICA
E-Mail
: bbogantes@itcr.ac.cr

Essay
Rafael Lara-Martínez

Borges und das Zeugnis - Rafael Lara-Martínez

Rafael Lara-Martínez wurde in El Salvador geboren. Er studierte Linguistik in Mexiko und Frankreich, dem Land wo er sein Doktorat machte. Er absolvierte in North Carolina ein Post-Graduate-Studium in lateinamerikanischer Literatur. Er veröffentlichte zahlreiche Artikel und Bücher über mittelamerikanische Literatur und über indigene Sprachen in mehreren Ländern. Zur Zeit ist er als Assistent für Fremdsprachen am Technologie- und Bergbauinstitut New Mexicos beschäftigt.

Borges und das Zeugnis

"Mein Zeugnis wird vielleicht das kürzeste und zweifellos das ärmste sein"
Jorge Luis

Borges Nur die vergesslichsten Menschen erinnern sich nicht an Ireneo Funes. Aber noch vergesslicher sind diejenigen, welche dieser kurzen Erzählung den Charakter eines Zeugnisses absprechen. Hier streiten sich zwei Schulen. Auf der einen Seite stehen wir, die wir das zeugnishafte Erbe des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges verteidigen; auf der anderen Seite die, welche ihn verleumden, zu korrigieren versuchen und seine Schriften durch den äußerst schlechten Gebrauch eines Terminus verurteilen.

Letztere haben ein Appellationsurteil bei der Königlichen Akademie der Sprache und beim Obersten Gerichtshof angestrengt. Sie argumentieren damit, dass der Mann aus Buenos Aires nie ein einziges Zeugnis bearbeitete. Daher schlagen sie eine minuziöse Überarbeitung des Werks vor. Jedes Mal, wenn dieses Konzept auftaucht, oder ein Synonym dafür (bezeugen, etwa), wird die Erzählung oder das Gedicht verstümmelt wenn nicht gar geächtet. Noch schwerwiegender, urteilen sie, sei die Täuschung, der uns die Schriften aussetzen, die die Gattung des Zeugnisses in der ersten Person imitieren.

So verbissen sind sie in ihrer Position, dass in vielen der großen Bibliotheken der USA kein einziges Exemplar mehr zu finden ist, das den betreffenden Terminus anführt. Pedantisch haben sie das Wort ausgestrichen oder mit einem spitzen Taschenmesser ausgeschnitten. Es gibt Bücher, die ganze weiß übermalte Seiten haben und man spricht sogar von leeren Regalen.

Ich habe die Auslassungen rekonstruieren können; ich verfüge zum Glück vielleicht über das einzige Gesamtwerk, das dieses Desaster überleben durfte. Dieses hüte ich eifersüchtig, trotz der Konflikte, die es mir mit meinen Kollegen bereitet hat, unter anderem dem, genötigt zu sein, in der abgelegensten und einsamsten Einöde leben zu müssen. Seit undenkbaren Jahren bin ich dem Gremium des Sands und des Staubs beigetreten: dem Internet. Ich unterhalte mich mit fast niemandem mehr, es sei denn über e-Mail.

An gewissen Orten hat der Boykott solche Ausmaße angenommen, dass jeder Student, der begierig ist, das Werk durchzusehen, sofort als Revisionist ausgeschlossen wird. Die politische Mission ist unfehlbar. Sie wollen einem die Vorstellung aufzwingen, dass nur die romanhafte Anklage einer unterdrückten Gemeinschaft das Recht hat, als Zeugnis bezeichnet zu werden. Alle anderen, Borges eingeschlossen, haben dieses Recht usurpiert und verdienen eine unbarmherzige Strafe. Die Ungläubigen mögen in der modernsten Suchmaschine nachprüfen, im FirstSearch/WorldCat; hier gibt es keinen einzigen Eintrag, der dem Zeugnis Borges' gälte.

Wenige sind wir, die wir aufrecht bleiben in der harten Wüste. Ohne zu desertieren unterhalten wir uns weiterhin und umarmen dabei die Kakteen; sie haben uns nahegelegt, spitzere Kritik zu schreiben, näher an der uns einhüllenden Umwelt. Wir bleiben aufrecht und bestätigen die zeugnishafte Natur des großen Werkes Borges'. Aus diesem breit angelegten Zeugnis retten wir nun dasjenige eines Sohnes einer einfachen Büglerin: Ireneo Funes. Viele von uns haben von ihm gelernt, was die Kunst der Poesie bedeutet.

Das stille Projekt Ireneos ist das der Balance. Man muss einen Mittelpunkt zwischen den Gegenpolen suchen. Weder absolutes Erinnern noch totales Vergessen; beide Extreme sind Synonyme von Demenz. Die Mitte. Aber die Mitte ist zweideutig; sie ist gleichzeitig die Trennung (entre/ between) und dasjenige, was beiden Termini gemeinsam ist (milieu/ midst). Was die Enden verbindet und trennt, ist die Poesie, Ursprung und Ziel der Sprache. Erinnerung und Amnesie, die sich eine gemeinsame Materie in Dissonanz teilen: das Wort.

Ein zugleich hohles und volles Wort. Es behält in seiner Helle einen dunklen Anteil; es rät, dass die Fülle sich auf die Leere stützen möge. Es ist hohl, weil jede neue Entdeckung von einem Verlust ausgeht; voll, weil es die Übereinstimmung umarmt, ohne die Meinungsverschiedenheit zu verwerfen. Wir lösen die Erinnerung vom Unmittelbaren her; vom konkretesten Erlebten erhalten wir die Wiederkehr des Ziels. Auch wenn unser Aufenthalt das Vermögen ohne Handeln ist, das Studium, so wissen wir doch, dass wir auch Vergessen vermitteln. In jedem Wort gibt es etwas Ungesagtes; etwas Ungelebtes in jedem Leben.

Einige, die mich staubig aus dem Ausland besucht haben - ich bekenne, ich weiß nicht, ob es noch ein Territorium außerhalb dieser riesigen Wüste gibt - teilen mir mit, dass die Poesie die Arbeit des Pflugs imitiert. Sie ist Vers und Rückvers. Landwirtschaft und Poesie, meinen sie, haben eine gleiche doppelte Bedeutung. Kreuzung, wiederhole ich, aber die Sachverständigen nennen es enjambement. Andere bevorzugen die Verwendung eines ausländischen Terminus: versura. Sie versichern, dass das Wenden des Pflugs, das Stück vom Ende einer Furche bis zu einer neuen, der Poesie eine unharmonische Note verleiht.

Der Vers und sein Rückvers kreuzen sich auch an einem Mittelpunkt. Eine Mitte, die die unendliche Spannung zwischen dem metrischen Maß und der Syntax, zwischen dem rhythmischen Klang und dem Sinn ausdrückt. Nur wer sich streng daran hält, hat die Lehren Ireneos aufgenommen. Das war sein bescheidenes Zeugnis. Wenn die Berufung die Erinnerung und das Vergessen umfasst, so enthält die Inspiration das Verborgene und die Enthüllung, die Fülle und das Nichts.

Diese kurze Schrift möge dazu dienen, vom Unwahrscheinlichen zu berichten. Ich habe noch immer das Gesamtwerk des Mannes aus Buenos Aires in Händen. Vielleicht wagt es einer meiner Leser, Abenteurer und nicht von sehr ängstlicher Natur, mich in diesem Grenzgebiet von Atzlán zu besuchen; vielleicht getraut er sich, eine exakte Transkription des Werkes ohne Verstümmelungen zu schreiben; nur die sehr Mutigen werden sie dem Rest der Welt zur Kenntnis bringen, all jenen, die nur einen zensurierten Ausschnitt ohne Zeugnisse erhielten (Kabbala). "Ich habe die Welt bezeugt; ich habe die Seltsamkeit der Welt bekannt / ich habe Erstaunen gesagt, wo andere nur Gewohnheit sagen".

Ich allein, ehrlich gesagt, kann nicht mehr; meine Hände sind zu zerfurcht, um die Ratschläge des Nopalkaktus zu befühlen ...

Übersetzung: Ulrike Zomorrodian-Santner

Adresse: Humanities, New Mexico Tech, Socorro NM 87802 - USA
E-Mail: soter@nmt.edu

Essay
Juan María Solare

Gedanken über die aktuelle Krise Argentiniens - Juan María Solare

Juan María Solare wurde 1966 in Buenos Aires geboren. Er ist Pianist und Komponist, lebt in Deutschland seit 1993.

Gedanken über die aktuelle Krise Argentiniens

Wie kann man die aktuelle Krise Argentiniens erklären ? Für gewöhnlich ergibt Bankrott in einem reichen Land keinen Sinn. Weder erweisen sich gravierende Administrationsmängel als stichhaltige Erklärung, noch die galoppierende Korruption, weil, trotz alledem, niemand einen Ast, auf dem er sitzt, absägen würde. Das Klischee, dem zufolge "Lateinamerikaner unfähig sich zu regieren, faul und ein Desaster als Gesellschaft sind", wäre nur lächerlich, wenn es nicht beleidigend und ein gefährliches, faschistisches Argument wäre, jedoch rechtfertigt es Staatsstreiche und "rettende" Eingriffe ausländischer Regierungen. Klarerweise hat dieses Denken auch einen bestimmten Vertreter, Mr. Paul O'Neill, der zwischen anderen wunderlichen Dingen behauptete, dass "die Argentinier eine desorganisierte Gesellschaft darstellen." Ersetzen Sie das Wort Argentinier durch Jude, Schwarzer oder irgendeine andere Gruppierung und Sie werden verstehen, warum ich es als Neo-Nazi Gedankengut betrachte.

Es ist bekannt, dass neue Medikamente zuerst in armen Ländern getestet werden, und dass Nukleartests in eher "entlegenen" Gebieten durchgeführt werden. Und, so wie die aktuelle Krise Argentiniens zeigt, werden Wirtschaftsrezepte in Ländern mit geringerer Wichtigkeit ausprobiert. Also gut, das "Medikament", das in Argentinien ausprobiert wurde, ist die neoliberale Lehre. So wie in einem Labor mit Ratten experimentiert wird, hat man dort mit Latinos experimentiert, um zu sehen was passiert, wenn man systematisch und ohne Bremsen ökonomische Formeln des Neoliberalismus und die Soziallehre der Globalisierung anwendet. Das eine bezieht sich auf den finanziellen Bereich, das andere auf die Ideologie. Es handelt sich um ein wissenschaftliches Experiment um zu beweisen wieviel ein Mensch aushalten kann. Die Experimente von Mengele & Co erinnern uns daran, dass die Idee an sich nicht neu ist, nur das Anwendungsgebiet. Früher war man der Meinung, dass es im Gebiet der soziologischen Forschung nicht möglich sei Laborexperimente zu planen, da es sich um Menschen handelt, jedoch widerspricht diese naive Hypothese der Erfahrung der "Dritten-Welt".

Was in Argentinien geschieht ist nicht - bzw. darf nicht - eine reine Glosse am Rande in den Nachrichten darstellen (im Gegensatz zu dem was mir der Direktor der "Musiktexte", eine angesehene Zeitung aus Köln, geschrieben hat: "Sie sehen, das Thema ist aus mitteleuropäischer Sicht eher eine Glosse wert als einen Bericht).Unter anderem und ohne weitere ethische Argumente anzuwenden, ist das "Argentinische Debakel" nicht nur eine Anekdote am Rande, da ähnliche Formeln und Ideologien beginnen, das europäische Sozialsystem zu demontieren und die sozialen Errungenschaften, die durch jahrzehntelange Arbeit geschaffen wurden, zu annullieren. Arbeiterrechte, Gewerkschaften, Arbeitslosenversicherungen, Pensionierungen. Merken Sie sich diese Wörter gut, da sie bald Geschichte sein werden. Sie werden durch Arbeitsflexibilität, befristete Arbeitsverträge und andere Ausdrücke, die Sie bereits in Ihrer Umgebung hören, ersetzt werden.

Erinnern Sie sich an das Gedicht von Bertolt Brecht ?:"Zuerst nahmen sie die Kommunisten mit, aber da ich kein Kommunist war, interessierte es mich nicht, etc., etc., "Jetzt kommen sie wegen mir, aber es ist bereits zu spät".

Daher passen Sie auf, welche Modelle Sie akzeptieren, denn was heute Argentinien, mein Land, trifft, könnte morgen schon Ihres treffen.

Übersetzung: Kathrin Tiefenböck und Martin Papistock

E-Mail: Solare@surfeu.de

Österreich 
Angelika Moser

Gedichte - Angelika Moser

Angelika Moser, geboren am 5. Dezember 1968, studierte an der Universität Innsbruck Italienisch und Spanisch (Studienrichtung Übersetzer). Zu ihren Werken zählen "Beinahe ein Roman", die Gedichtesammlung "Zeitgeister" und zahlreiche Kurzgeschichten. Die Hörfunksendung des Radio Tirol "Wort für Wort" widmete eine Ausgabe ihren Gedichten und Kurzgeschichten. Die Fotografie ist ihre Leidenschaft und neben einer Ausstellung wurden ihre Fotos auch in der größten Tiroler Tageszeitung veröffentlicht.

Darüberhinaus hat sie eine Ausbildung zum Webdesigner gemacht und ist auch auf diesem Gebiet tätig (siehe auch ihre Homepage www.pepperweb.net).

Sie übersetzt Literatur (vor allem Gedichte und Kurztexte) aus dem Italienischen und Spanischen. Seit 1996 arbeitet sie mit YAGE zusammen und übersetzt für XICóATL.

I

Du willst mich
anschmiegsam, süßlich,
nicht aufmüpfig, gar unterwürfig,
flauschig, wiederverwendbar.

Du willst mich
anzüglich, sittsam,
auswaschbar, selbstreinigend,
fusselfrei, wortstumm.

Du willst mich
ausschließlich, einschließlich,
matt, glänzend,
üppig, angeformt.

Du willst nicht mich.

II

Vom Grasen der Zeit
ist mein Gedächtnis
ganz leer.
Irgendwo in einem Winkel
hast du Unterschlupf gefunden.
Wie konntest du dort überleben,
wenn meine Erinnerungen an dich
längst abgestorben.
Schienen.

III

Abends um halb fünf
im Dickicht des Großstadttreibens
trifft mich
ein Sonnenstrahl,
den ich pflücke
wie ein am Rande vergessenes Vergiß-mein-nicht
zwischen verstaubtem Kopfsteinpflaster. In meiner Tasche
ist noch Platz
für eine Handvoll Glück.

IV

Nicht wählerisch
ist die Form deine Worte,
die aus dir heraustropfen,
wie Regen
über eine verrostete Dachrinne.
Sie klatschen auf dem Boden
diener Wahrheit auf
und verpuffen
in der Hitze meiner Augenblicke.

V

Wärst du nicht in der Ferne,
müßte ich dir kein Gedicht schreiben. Keine Worte hervorzaubern
aus dem Zylinder,
der meine schlaflosen Nächte beherbergt.

Wärst du hier, in meiner Nähe,
würde ein Blick genügen.
Aber so hoffe ich,
daß dich meine Worte erreichen
und nicht unter der Last des Poststempels erdrückt werden.

Adresse: Bettelwurfstr. 11/22, 6020 Innsbruck - ÖSTERREICH
E-Mail: info@pepperweb.net