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XICöATL: Ausgabe 59
INHALT:
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Kulturbrücke Österreich - Kuba
Liebe Freunde,
die technischen Mittel, die uns die moderne Gesellschaft bereitstellt, lassen eine grenzenlose Entfaltung der Phantasie zu, nicht nur zugunsten des einzelnen Menschen, sondern im Besonderen zugunsten eines gemeinsamen, dynamischen und harmonischen Wachstums, sowohl innerhalb einer einzelnen Gesellschaft als auch von verschiedenen Gesellschaften gemeinsam. Dieses Wachstum und diese Harmonie haben weder etwas mit der von den Monopolen verfochtenen Einseitigkeit und Eingleisigkeit zu tun, noch mit der Vermarktung von intellektuellen und kulturellen Gütern, sei es von individuellen wie die Kunst oder sozialen wie kulturelle Traditionen. Es ist daher unerläßlich, institutionelle Arbeitsalternativen zu finden, die den schöpferischen Geist und die wesentlichen Werte der Völker stärken und die Fenster öffnen, nicht nur aus kommerzieller Sicht, sondern besonders aus Wissen, Respekt, Verständnis, Solidarität und kritischer und ästhetischer Wertschätzung. Das sind einige der Ziele, die sich YAGE mit der Errichtung der Kulturbrücken gesetzt hat. In der heutigen Zeit, in der die Wirtschaft und die Kulturen unserer Völker durch die verschärfte Abhängigkeit von den großen Wirtschaftszentren und durch den Druck der Angebote und der Forderungen der Monopole eingedämmt sind, ist es angemessen und notwendig, mit dem letzten Zufluchtsort der Würde des mestizischen Amerikas in Kontakt zu treten: mit der glorreichen Sozialistischen Republik Kuba. Mit Begeisterung begrüßen wir diesen vielversprechenden Austausch durch die Revista Artesanal de Poesía ARIQUE (www.arique.iespana.es), gedruckt und im Internet, sowie mit anderen kubanischen Institutionen. Dr. Luis Alfredo Duarte Herrera Leiter von YAGE und XICöATL
Matanzas, eine Stadt an der Nordküste Kubas, ca 100 km von Havanna entfernt, ist seit dem 19. Jahrhundert aufgrund seiner künstlerischen und speziell literarischen Bedeutung auch unter dem Namen Das Athen Kubas bekannt. Die Stadt hat aber auch andere Namen, so Stadt der Brücken, da drei Flüsse durch sie hindurchfließen, deren Ufer durch mehrere Brücken miteinander verbunden sind. Unverdient aber nicht zufällig konnte durch diese Ausgabe des XICöATL eine neue Kulturbrücke zwischen Kuba und Österreich errichtet werden. In diesen Zeiten der Dunkelheit, des Extremismus, der Globalisierung, der Transkulturalisierung und der Identitäts- und Werteverluste sind die Kunst und die Literatur ein Weg des Widerstandes, - mit den Worten eines Freundes - eine Möglichkeit, uns einer besseren Zukunft zuzuwenden... Kulturbrücken wie diese zeigen uns, daß die Utopie - wie es einige bezeichnen, Hoffnung wie ich es gerne nenne -, nach einer besseren Welt zu streben, immer noch möglich ist. Als Bekräftigung der Partnerschaft von Kuba und Österreich durch die Kultur und die Kunst widmet Arique, die lyrische Kunstzeitung, die im Athen Kubas herausgegeben wird, ihre gesamte nächste Ausgabe den Werken der vom Verein YAGE geförderten österreichischen Dichter und Maler. Möge die Sonne und die Schönheit Kubas mit euch sein.
Raúl Tápanes López Leiter von Arique
Übersetzungen: Miriam Eberherr
Gedichte - Carilda Oliver Labra
Carilda Oliver Labra (Matanzas, 1922) ist sowohl in Kuba als auch im Ausland eine bekannte Dichterin, die auf ein umfassendes Werk zurückblicken kann. Sie hat mehr als ein Dutzend Gedichtbände verfasst. 1950 erhielt sie den Nationalen Preis für Poesie für ihr Werk "Al sur de mi garganta". 1997 erhielt sie den Nationalen Literaturpreis. "Calzada de Tirry 81" (Anthologie) und "Se me ha perdido un hombre" sind zwei ihrer neuesten Werke. Ihr letzter Gedichtband trägt den Titel "Sombra seré que no dama".
Elegie für Mercedes
Ihr Name war Mercedes. Und sie war ein guter Mensch. Man sagt, die ganze Welt habe sie geliebt. Mit ihrem fremden Lächeln ähnelte sie einer Statue im Nebel.
Ihr Name war Mercedes. Und ohne ihre Sonne gibt es nicht einen Hauch von Freude. Herr, natürlich ist es traurig, da ich sie doch immer noch so sehr liebe...!
Aber ich werde sie niemals alleine lassen können; hier unter dem Licht bin ich weiter bei ihr, sie begrüßt meine Haut mit jeder Welle und von jedem Stern aus sieht sie mich an...
Sogar das Wehklagen, das sich auf meinen Wangen niederlässt, ist beinahe notwendig... Weißt du: ich bin auf ihren Knien groß geworden und sie hat mir das ABC beigebracht...
Was vielleicht in dieser Morgenröte schmerzt, was meine Stimme bluten lässt und mich niederschmettert, ist das Gefühl, dass sie sich jede Stunde ein bisschen mehr in Erde verwandelt!
Ich erinnere mich an sie, wie sie in ihrem Lehnstuhl schläft im vergangenen Sommer; Sie war noch sehr sensibel, manchmal seufzte sie mit der Hand...
Ihr Blick kam vom Meer, ich weiß es nicht, alle Augenblicke schaute sie wie die Orangenblüte schaut: ein bisschen ängstlich und zurückhaltend...
Ihr Name war Mercedes. Und sie war rein wie das müde Weiß ihrer Haare. Mit ihrer Sanftmut wird sie ins Jenseits gehen und vom Himmel herabsteigen...
Hier ist ihre Uhr, ihr Schrank, ihre Kleider aus Wolle gegen die Kälte; hier liegt ein Fingerhut, hier ein Rosenkranz. Herr, das dritte Zimmer ist leer!
Die Ameise
Plötzlich warst du da, fleißige Arbeiterin, und warst sehr beschäftigt mit einer Ähre; später sah ich dich mit den Brotkrumen, die übrig geblieben sind. Was für ein Frühling
begann mit der grünen Kletterpflanze! Und ich, die immer nach Liebe bettelt, konnte nicht deine Mutter sein, arme Ameise, ich wußte nicht, dass mein Körper dein Gehsteig war.
Als du über meine Arme spaziert bist, bist du ins Gras gefallen, in einem letzten abenteuerlichen Versuch.
Ich habe dich zertreten, ohne es zu wollen, mein dunkles Kind; doch wissen alle, dass eine wie du kleine Stücke aus mir machen wird ... im Grab.
Übersetzung: Angelika Moser
Adresse: Calzada de Tirry 81, Matanzas 40200 - KUBA
Gedichte - Juan Luis Hernández
Juan Luis Hernández Milián (Matanzas, 1938) ist Dichter und Übersetzer. Er veröffentlichte zahlreiche Gedichtbände, unter anderem "De buenas a primeras" (1986) und "Perfección del imposible" (1998). Er übersetzte und veröffentlichte neben weiteren russischen Autoren Pasternak, Esenin und Ajmátova. Die hier veröffentlichten Texte gehören zum unveröffentlichten Gedichtband "Este poco tiempo" und wurden vom Autor selbst nicht betitelt.
Zum Schluss ist deine Anwesenheit reines Fleisch, erstarrter Schatten der Vergänglichkeit, während das Leben unabänderlich weiter geht und jemand herzhaft hysterisch lacht
mit einem unehrerbietigen Heiligenschein... Die Zeit möge als klarer Tod über mich fallen, als ob jenes Licht noch leuchten würde; die Erinnerung, das zahme Raubtier, würde genügen,
um zumindest ein Wort zu retten... Mit Sternenankündigungen aus der Unendlichkeit wird sich mein letzter Wunsch erfüllen.
Werde ich zu genüge, gefangen zwischen Geist und Körper, strafbar mit dem Kreuz Menschlichkeit gelebt haben?
Oktober 99 / Mai 2000
Ich bin Teil des Schicksals. Irgendjemand bereitet in meiner Kohle seinen strahlenden Fisch zu, jemand, der glücklich in ärmlichen Verhältnissen lebt und an alle seine Gräten verteilt.
Ich bin Teil des Schicksals; in jeder Ecke vermische ich mich regnerisch mit den Menschen. (Habe ich schon zu genüge gelebt, um den Tod zur Routine werden zu lassen?)
In der Schwebe auf der leidenden Seite murmelt irgendeine zusammenhangslose Litanei noch immer das Echo (Wer kann sich vorstellen,
dass, wenn ich sie wieder zum Leben erwecke, das Schicksal an mir hängt und plötzlich alles erhellt?)
Haikús
Wunderschöner Regen dieser Nacktheit, die noch herabfällt.
Zart bedeckte das Gras den Hof bis hin zu deinen Füßen.
Vielleicht bringt uns das Warten einander näher als die eigentliche Begegnung. Der Herbst war etwas, das uns fremd war, in mir erblüht er schon.
Welch unendliches Treffen wird es sein, wenn du dich schließlich mit dir selbst in mir findest.
Ohne Poesie stürzt der Mensch von seinem Ahnenflug ab.
Ich höre auf zu sein, wenn die Realität den Traum verstümmelt.
Als der Mond für den Menschen unerreichbar war, war es der wahre Mond.
Ein toter Baum treibt auf dem Fluss hinaus ins Meer und erwacht zu neuem Leben.
Adresse: Paseo de Martí Edificio 28 (Apto. D, 2do. Piso) sowie Glorieta y Santa Matilde, Versalles. 40300 Matanzas - KUBA
Apropos Ernesto Che Guevara und das Kino - Nicolás Cosío Sierra
Prof. Dr. Nicolás Cosío Sierra ist Doktor der Rechtswissenschaft, Master der Sozialwissenschaften und Magister der Publizistik. Er war viele Jahre lang Professor der Universität Havanna, Direktor der Bibliothek der selben Universität, er ist Kunstkritiker, besonders des Kinos und der ernsten Musik und hat Hunderte Arbeiten auf dem Gebiet des Essays und des Journalismus in und außerhalb Kubas veröffentlicht.
Apropos Ernest Che Guevara und das Kino
Erinnerungen an einen US-amerikanischen Film
Die Kapitalisten und im besonderen das nordamerikanische Kino haben es immer als unter einem finanziellen Gesichtspunkt interessant betrachtet, Filme über den Che zu machen. Ein schändlicher war der von der multinationalen Twentieth Century Fox produzierte. Es begann damit, dass sie den Namen abkürzten, indem sie ein schlichtes Ch übrig ließen; aber das Wichtigste, das hervorgehoben werden muss, ist, dass sie versuchten, die Botschaft seines Lebens zu neutralisieren, um über das Bild eines Menschen, der sein Leben im Kampf gegen Institutionen wie die Twentieth Century Fox gab, Gewinne zu erzielen. Und wie es so üblich ist, gab man für diesen Film mehr Geld aus, als Ch ausgab, um die kubanische Revolution gegen das tyrannische Regime Batistas zu machen. Die Geschichte wurde im Stil der Erzählungen und Geschichtchen der Readers' Digest Auswahlbücher behandelt, und um die Unverschämtheit zu erhöhen, verwendeten die Drehbuchautoren Michel Wilson und Sy Barlett bei der Verteilung der Rollen Omar Sharif als Ernesto Guevara, Jack Palance als Fidel Castro, Cesare Danova als Ramón Valdés, Robert Loggia als Faustino Morales, Bárbara Luna als Anita Márquez und Frank Silvera als Goatherd. In Puerto Rico gedreht, ist es unfassbar, dass die bolivianische Natur irgend etwas mit der Natur Puerto Ricos gemeinsam haben könnte. Aber sehen wir, was die nordamerikanische Wochenzeitung Guardian über den Film schrieb: Eines ist sicher: Che wird niemandem konvenieren. Wenn einige der Ideologen des Systems dachten, sie könnten die Revolution mit Che anhalten, so wurde diese Idee von der unbeschreiblichen Unfähigkeit der Schreiberlinge zerschmettert, die mit diesem Unterfangen betraut wurden... Das Drehbuch für die Verfilmung des Che hätte sehr gut ausgewählt worden sein, um die Art und Weise zu studieren, wie man einen Film nicht machen soll. Die Dialoge sind so hochtrabend, die Situationen so willkürlich, die Handlungen so dumm, die Regie so undurchschaubar und der Film in seiner Gesamtheit so ungeschickt ausgeführt, dass es schwierig ist, sich ein Publikum vorzustellen, das diesen Film ernst nimmt.
Dennoch waren die Investoren nicht dumm und versuchten, alle Konzepte um ihrer Gewinne willen zu verdrehen; so stellte der Film durch gelegentliches Einfließen-Lassen von Szenen, die den Eindruck vermitteln sollten, es würden verschiedene Facetten des Che gezeigt, einen vagen Versuch von Objektivität an. Ein kubanischer Lehrer sagt, Ernesto Guevara habe ihn lesen und schreiben gelehrt, wir sehen das Heldentum des Che im Kampf, seine Hingabe für die revolutionäre Reinheit in der Oktoberkrise... Doch sind diese Sequenzen mit so viel schlechter Absicht beladen wie jene anderen, welche die Vorstellung zu untermauern helfen, dass der Che an fataler Arroganz litt, die eventuell sein Ende bewirkte. Mit deutlicher Unaufrichtigkeit zeichnet der Film Ches Guerilla in Bolivien als eine Bande von Plünderern und Vergewaltigern. Die größte Beleidigung kommt am Schluss des Films: ein bolivianischer Ziegenhirt (dargestellt von Frank Silvera) wird gefangen genommen und dem Che vorgeführt. Der bolivianische Hauptmann zeigt ihm den Che und sagt ihm: Dieser Mann ist hierher gekommen, um dich zu befreien. Der Ziegenhirt sieht den Che verächtlich an und antwortet: Mich zu befreien, wovon? Seit Sie in diese Berge kamen, geben meine Ziegen keine Milch mehr.
Ein großer Film über Ernesto Guevara muss erst noch gemacht werden. Es ist schade, dass ein großer Regisseur wie der Italiener Francesco Rosi seinen großen Traum nicht kristallisieren konnte, das Epos des Comandante Ernesto Guevara zu verfilmen. Er meinte diesbezüglich einmal: Ich würde gerne überall auf der Welt sein Leben verfilmen, besonders in Kuba. Die Figur Guevaras ist mitreißend, wen interessierte es nicht, sein Leben zu verfilmen! Mich interessiert nicht nur seine Figur als Schriftsteller, sondern auch als Denker. Er ist ein großer Mensch, da er nicht nur große Ideen hatte, sondern auch die Konsequenz desjenigen, der die Dinge, die er erdachte auch ausführte, sogar unter Aufopferung seines Lebens. Bei der Lektüre der Arbeiten des Che entdeckte ich, dass die Ideen oft größer als die Menschen sind, aber es gibt Menschen, die so groß wie die Ideen sind, die sie verfechten. In der heutigen Welt ist es sehr selten, dass man Menschen von solcher Größe findet. Er war ein Mann von großer Statur, ich hörte ihn in Nachrichtensendungen und Dokumentationen sprechen und war von der Klarheit und Gelassenheit mit welcher er sich ausdrückte tief beeindruckt. Er besaß eine Art zu sprechen, die mir den Eindruck vermittelte, er sage die Dinge gleichsam zu sich selbst, bevor er sie den Leuten sagte. Er war ein Mensch, der sprach, weil er eine Wahrheit in sich suchte und sie den anderen weitergeben wollte. Er war weder rhetorisch noch demagogisch. Er wollte der Welt zeigen, wie man im Einklang mit seinen eigenen Ideen stehen kann.
Übersetzung: Ulrike Zomorrodian-Santner
Adresse: Av. 1a # 3607 entre 36 y 36A, Apto. 6, Miramar, Playa, La Habana - KUBA
Schuberts Präsenz in der Kammermusik - Ñola Sahig
Ñola Sahig stammt von arabischen Eltern ab, sie war die wichtigste Pianistin und Musikkritikerin Kubas im vergangenen Jahrhundert. Sie hatte ein Wissenschaftsdoktorat der Universität von Havanna, war auch Master in Musik der Juilliard-Schule der Stadt New York. Ñola Sahig war eine wahre Diplomatin kultivierter Musik und die erste Kubanerin, die als Solistin mit erlesenen Orchestern in vielen wichtigen Kulturzentren der Welt spielte. Sie war auch als Lehrerin für Klavier und Musikgeschichte am Instituto Superior de Arte in Havanna tätig, und das bis zu ihrem Ableben im Jahre 1988.
Notizen für den Unterricht zum Quintett "Die Forelle", op. 114
In seiner Kammermusik glich Franz Schubert den starken Einfluß Beethovens an. Nichtsdestoweniger drückte er einigen Meisterwerken seine persönliche, ausdrucksvolle Note auf, wie zum Beispiel im Quartett op. 29, im Quartett Der Tod der Jungfrau, im Trio op. 99, im Oktett und zweifellos im Quintett Die Forelle.
Das Quintett in A-Dur, op.114, für Klavier, Geige, Bratsche, Violoncello und Kontrabaß verdankt seinen Namen Die Forelle dem Umstand daß seine vierte Bewegung auf der Melodie des gleichmnamigen Liedes fußt, das Schubert zuvor komponiert hatte. Dieses Quintett wurde 1819 vollendet und zehn Jahre später, nach dem Ableben des Komponisten, zum ersten Mal veröffentlicht. Es handelt sich nicht nur um eines der bekanntesten Kammermusikwerke Schuberts, sonders auch um eines der geschätztesten innerhalb der Produktion von Kammermusik der ersten, romantischen Komponisten. Sein Ansehen verdankt es den allgemeinen Eigenschaften von Schuberts Schaffen: Einfachheit in der Gestaltung, äußerst liebliche und singende Melodie, Unbefangenheit und Reinheit im Ausdruck innerhalb eines linden und gefühlvollen lyrischen Stils, der in einer klangvollen Ausdrucksweise von weitem tonalen und modulatorischen Reichtum entwickelt wurde, immer mit bemerkenswerter Leichtigkeit von organischer Entfaltung und hervorragender Klarstellung der Hauptthemen.
Aber auch der Ruf des Werkes Die Forelle hat viel mit der Echtheit seines Stiles zu tun, da es eines der repräsentativen Werke dieses großen Wieners ist. Analysieren wir einmal seine Tempi:
I. ALLEGRO VIVACE. Die anfängliche Präsentation des ersten thematischen Einfalles wird mit seltsamen, tonalen Erwägungen ausgeführt, bis man am Ende die Tonart A-Dur definiert - der Grundton des Tempo und des ganzen Werkes. Es verlängert sich, wie bei fast allen Themen Schuberts, durch die Wiederholung. Der zweite Einfall setzt den passenden Kontrast fest und man schließt die Darlegung mit einem sehr weiten, folgernden Teil. Die zentrale Entwicklung entspringt einem Fragment des ersten Einfalles. In der Rekapitulation klingt der erste Einfall seltsamerweise in D-Dur, aber den Grundton erreicht man beim zweiten Einfall. Es endet mit einem weiten, folgernden und bekannten Teil, der nun in A klingt.
II. ANDANTE (Andante, bei halber Geschwindigkeit). Mit dieser sehr symmetrischen Form zeigt dieses Andante einen zufriedeneren Schubert in verschwommenen, tonalen Modulationen. In großen Zügen entwickelt er auf diese Art und Weise das Folgende: Erster Teil, in F-Dur, lyrisch und vielstimmig: bewegte Verknüpfung; zweiter Teil, in F-Moll erhöht, unruhigerer Ausdruck; folgernder Teil in D-Dur, Wiederholung des ersten Teiles in As-Dur, bewegte Verknüpfung; zweiter Teil noch einmal wiederholt jetzt in A-Moll, nochmals der folgernde Teil in F-Dur.
III SCHERZO: PRESTO (sehr lebhaft und fröhlich). Es ist ein sehr flinkes, einfaches und diaphanes Stück, in dreigeteilter Form: scherzo-trio-scherzo (Scherzo bedeutet Scherz, Spaß, so ist scherzend gleichbedeutend mit scherzend, spassend und scherzoso heißt scherzhaft, lustig).
IV. THEMA UND VARIATIONEN: ANDANTINO ( Andantino gibt eine leichtere Geschwindigkeit als Andante an). Das Thema, wie ich bereits sagte, ist die Melodie des Liedes Die Forelle, die sich durch Wohlklang und Einfachheit charakterisiert. Es folgen fünf Variationen von sehr leichtem thematischen Verständnis. Das Tempo endet mit der Rekapitulation des Originalthemas in D-Dur, bereits mit wirklich folgernder Bedeutung.
V. FINALE: ALLEGRO GIUSTO (schnelles und richtiges Finale). Das Finale läuft in ähnlicher Form wie das Andante ab, jedoch mit einer fließenderen, tonalen Entwicklung: erster Einfall in A-Dur; Modulation; Wiederholung des ersten Einfalles in A- und dann in E-Dur; Modulation; zweiter Einfall in A-Dur; Wiederholung des folgernden Teiles in A-Dur, um dann alles auf der tonalen Grundlage des Quintettes zu krönen.
Übersetzung: Renato Vecellio
Der Bin Laden-Clan beißt nicht oder ein neuer Anselmo aus Kabul - Jorge Antunes
Jorge Antunes ist Philosoph (er dissertierte über Ästhetik), Komponist, Dirigent und ordentlicher Professor an der Universität von Brasília.
Der Bin Laden-Clan beißt nicht oder ein neuer Anselmo aus Kabul (1)
In Hamburg wurden Ende vergangenen Jahres vier Konzerte von Werken Karlheinz Stockhausens abgesagt. Der Komponist gehört, wie bekannt, zu den bedeutendsten Musikschaffenden der Gegenwart, seit er sich um 1950 als Initiator einer künstlerischen Revolution auf dem Gebiet der elektronischen Experimentalmusik profilierte. Bis heute blieb der in Deutschland geborene Stockhausen, der nächsten August 74 Jahre alt wird, einer der wesentlichen Exponenten der zeitgenössischen Tonkunst.
Die Absetzung seiner Konzerte vom Spielplan des Oktobers 2001 hatte indes nichts mit dem sattsam bekannten Phänomen der Starallüren zu tun, aus welchen sich alle möglichen Mythen speisen, die sich um den Kulturbetrieb ranken. Die Veranstaltungen wurden von den Organisatoren und gegen den Willen des Künstlers abgesagt. In einem Interview für den Spiegel hatte Stockhausen kurz zuvor erklärt, daß der folgenschwere Angriff auf das World Trade Center am 11. September "das größte Kunstwerk , das es je gegeben hat" gewesen sei. Diese Aussage führte zu heftigen ablehnenden Reaktionen, und der Meister sah sich Attacken von allen Seiten ausgesetzt. Die Presse und zahlreiche führende Stimmen im Bereich der Massenmedien fühlten sich bemüßigt, den Komponisten öffentlich an den Pranger zu stellen.
Schon der Interviewer des Spiegel hatte heftig reagiert: "Aber war denn das kein Verbrechen?" Der Künstler antwortete mit der Erklärung: "Es war ein Sprung hinaus aus der Realität, aus der Sicherheit, dem Offensichtlichen, aus dem Alltag; genau das, was in der Kunst passiert ...". Ich finde, Stockhausen hat recht. Doch die Angst und Panik, welche nordamerikanische Drohungen und "Vergeltungsmaßnahmen" hervorrufen, ließen es nicht zu, daß Künstler und Ästhetiker den Mut aufbrachten, das zu vertreten, was auch ich jetzt behaupte: das apokalyptische Attentat, welches die Twin Towers in Schutt und Asche legte, war das größte Schauspiel, das die Welt je gesehen hat. Jedes Mal, wenn ich diese Szenen sehe, gerate ich unwillkürlich in Begeisterung und muß mir eingestehen: das ist Schönheit!" Wohlgemerkt: Ich bin kein Verfechter des Auslebens von Aggressionen, im Gegenteil, mein Standpunkt ist jener der unbedingten Gewaltlosigkeit aus Prinzip. Und doch wurde meine künstlerische Sensibilität von diesem Schauspiel tief berührt. Ästhetiker und Kunstphilosophen sollten dieses Ereignis einer eingehenden Analyse unterziehen. Die Äußerungen von Musikern und Künstlern sonstiger Sparten - in Brasilien und anderswo -, welche ich in den letzten drei Monaten hörte und ihre intuitiven Reaktionen - auch sie sagten ohne Worte, manchmal verhüllt, dasselbe - glichen einander aufs Haar. Alle empfanden die visuelle Aufzeichnung der Tat als Vergnügen, Höhepunkt, Ekstase, Überraschungseffekt und ästhetischen Genuß. Genau diese Ausdrücke beschreiben auch meine Empfindungen jenes 11. September, die ich mit vielen Menschen rund um den Erdball teile.
Natürlich bin ich angesichts meiner emotionalen Reaktion einigermaßen bestürzt und erschrocken, ich frage mich, wie diese möglich ist. Wie kann ein umweltbewußter Humanist in seinen - ästhetisierenden - Urteilen dermaßen gefühlskalt sein? Wenn meine emotionale Seite nach einer Rechtfertigung verlangt, dann ringe ich mich stotternd zur halbherzigen Feststellung durch, es habe bei diesem Ereignis keine Unschuldigen gegeben. Auch ich bin nicht unschuldig. Niemand ist unschuldig in dieser ungerechten globalisierten Welt, die nach dem Sieg des nordamerikanischen Kapitalismus über die Sowjetunion, mit Ende des Kalten Krieges, der unumschränkten US-Herrschaft zum Opfer zu fallen droht. Die historische Neuauflage des römischen Imperiums, diesmal unter dem Sternenbanner, steht unmittelbar bevor. Und wir alle sind Komplizen, durch Passivität und Verantwortungslosigkeit, oder zumindest nützliche, naiv-unschuldige Idioten.
Wenn mein Durchschnittsmenschen-Ich hört, was das Künstler-Ich da spricht, möchte ich mir selbst eine Ohrfeige versetzen. Doch dann fällt mir ein, daß auch Hiebe zur sprichwörtlichen Farbpalette bedingungsloser revolutionärer Künstler gehören. In seinem Futuristischen Manifest von 1909 schrieb Marinetti folgendes: "Wir wollen die aggressive Bewegung, die fiebernde Schlaflosigkeit, den rasenden Lauf, den Todessprung, die Ohrfeige und den Faustschlag feiern". Meine Beklemmung wird nur noch größer, wenn ich daran denke, daß Filippo Tommaso Marinetti Faschist war. Im selben Manifest erklärt er pathetisch: "Wir wollen den Krieg verherrlichen - die einzige Hygiene der Welt - den Militarismus, den Patriotismus, den zerstörerischen Akt der absoluten Freiheit und die großen Ideale, für die es sich zu sterben lohnt". Meine Verwirrung steigt weiter, denn genau darin besteht die Theorie und Praxis der nordamerikanischen Patrioten von heute, keineswegs bloß die der sogenannten Terroristen. Will sagen: die Terroristen auf beiden Seiten denken und handeln in Befolgung der Thesen Marinettis. In einem Artikel, der am 21. Dezember 2001 im Correio Braziliense erschien, erklärt der Philosophieprofessor Denis Lerrer Rosenfield, daß die militärische Überlegenheit der USA, welche den Sturz des Taliban-Regimes herbeiführte, "eine neue Kriegskunst repräsentiert, deren Lehren die Militärstrategen weltweit übernehmen werden". Sein Beitrag erinnert daran, daß der Ausdruck "Kriegskunst", erstmals belegt beim chinesischen Militärtheoretiker Sun Tsu, der im 6. Jh. v. Chr. lebte, von Macchiavelli aufgegriffen und schließlich auch von Napoléon Bonaparte verwendet wurde, als dieser die strategische Kriegsführung eine "Kunst" nannte. Im übrigen sollten all diese approximativen Überlegungen niemanden überraschen - man braucht sich nur vor Augen zu halten, daß das (vulgär)lateinische Wort für schön (bellus) und der Ausdruck für kriegerisch (bellicus) dieselbe etymologische Wurzel haben. Unter positiven moralischen Vorzeichen wurden bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Völkern und Religionsgemeinschaften im Mittelalter bellum justum, gerechter Krieg, genannt. Auch Heilige, die Philosophie betrieben, widmeten dem Krieg theoretische Überlegungen: die ersten, welche zwischen gerechtem und ungerechtem Krieg unterschieden, waren Augustinus und Thomas von Aquin.
Doch machen wir uns keine Illusionen: die Künstler der Gegenwart werden noch viel weiter gehen.
Bin Laden wird unauffindbar bleiben, Bush wird ihn nicht fassen. Er ist ein nützlicher Trumpf, den man auch bei anderen Gelegenheiten aus dem Ärmel ziehen kann, wann immer die Interessen der nordamerikanischen Kriegsartisten auf dem Spiel stehen. Wir von der brasilianischen 60er-Jahre-Generation, die unter dem Militärputsch von 1964, einer Initiative der CIA, zu leiden hatten, kennen die bewährte imperialistische Strategie nur zu gut. Sie hat sich keinen Deut verändert. Was derzeit im Szenario USA-Afghanistan abläuft, ist die José-Anselmisierung Asiens. Ich bin der festen Überzeugung, daß Osama Bin Laden der neue "Kabul" Anselmo ist, der quasi auf Bestellung Vorwände für "Vergeltungsschläge" der führenden Militärmacht unserer Zeit liefert. Ein erster großer Erfolg ist bereits zu verzeichnen: für die Pipeline, welche das Öl des Kaspischen Meeres über afghanisches Territorium seiner weiteren Bestimmung zuführt - wohin ist wohl klar - besteht keine Gefahr mehr, der Weg ist frei.
Eine Familie, die einig Kunst schafft - oder vereint für Ordnung sorgt - bleibt geeint. Es ist hinlänglich bekannt, daß die Familien Bin Laden und Bush alte und starke Bande - man kann sie durchaus als Clan-Beziehungen bezeichnen - in jenen Regionen des Kampfes und des Erdöls pflegen. Es ließen sich also, in parodistischer Abwandlung eines bekannten Sprichworts, ihre Clans, die bellen und beißen, ausmachen.
Neue Kunstwerke, die mich ebenso faszinieren werden wie Stockhausen, müssen zuvor noch in Pakistan, New York, in Somalia und Amazonien entstehen (die Reihenfolge ist beliebig), ehe die krönende Aufführung des totalen Gesamtkunstwerks in China stattfinden kann.
Brasília, 11. Januar 2002
Übersetzung: Friedrich Frosch
(1) José Anselmo dos Santos, ein Korporal der Seestreitkräfte, brachte es kurzzeitig zu zweifelhaftem nationalem Ruhm, als er am 25. März 1964 zu Anlaß der Jubiläumsfeiern der Vereinigung der brasilianischen Matrosen und Marineinfanteristen (Associação dos Marinheiros e Fuzileiros Navais do Brasil AMFNB), eine flammende Protestrede hielt, welche als Vorwand für das Eingreifen der Militärs diente und so entscheidend zum Sturz des damaligen Präsidenten João Goulart und der gewählten Regierung beitrug. Der Autor spielt hier und weiter unten mit der phonetischen Ähnlichkeit zwischen cabo (Korporal) und Kabul, die im Deutschen nicht wiederzugeben ist (Anm. des Übersetzers). Da mir das Interview mit Stockhausen nicht im Originalwortlaut vorliegt, erfolgte eine Rückübersetzung der zitierten Passagen ins Deutsche, basierend auf der portugiesischen Fassung des Beitrags (Anm. des Übersetzers). (2) Auch hier arbeitet Antunes mit einem unübersetzbaren Wortspiel: im Portugiesischen ähneln sich "clã" (Clan) und "cão" (Hund). Das Sprichwort "Hunde die bellen, beißen nicht", welches der Passage zugrunde liegt, ist beiden Sprachen gemein.
Internet: www.americasnet.com.br/antunes/ E-Mail: antunes@unb.br
Gedichte - Wolfgang Mayer-König
Wolfgang Mayer-König, geb. am 28. März 1946 in Wien. Seit 1963 Publikationstätigkeit (Lyrik, Essay, Prosa, Apercus, literarisches, wissenschaftliches und politisches Feuilleton); ab 1965 auch graphische Arbeiten, späterer mehrere Ausstellungen. Gründer und Leiter des österreichischen Hochschulforums "Literarische Situation". Intensives schriftstellerisches Wirken; mehrere Buchveröffentlichungen in deutscher Sprache (Sichtbare Pavillons, Wien 1968; Stichmarken, Bern 1969; Psychologie der Literatursprache, Kentucky 1974; Texte und Zeichnungen, Wien 1976; Karl Kraus als Theaterkritiker, Wien 1978; Robert Musils Möglichkeitsstil, Wien 1979;Johann Caspar Goethe´s und Johann Wolfgang Goethes Italienreisen, ein Vergleich, Wien 1979; In der Armen unseres Wärters, Marburg an der Lahn 1980; Schreibverantwortung, Wien 1985; Vorlaufige Versagung, Wien 1985; Chagrin non dechiffré, Paris 1986; Colloqui nella stanza, Trento 1986; u. a.) sowie in anders sprachigen Übersetzungen.
In der Tiefe deines Gartens verborgenes Haus
voll einklang mit dir selbst selbstgenügsam liegend in deinem erschundenen besitz enthältst du eine fülle von bäumen und blumen palmen und sykomoren bist umgeben von laubengängen die wieder von weinstöcken umstanden sind zeigst die blume die auf einem stück erde blüht wie den reichtum deines besitzers wie den überfluß der garten schafft
aber trotzdem unschuldiger garten auf eine grabwand in theben gemalt ein garten projiziert in das grab seines besitzers der den tod nicht als biologisches gesetz gesehen haben mochte wie das fischbassin dessen ufer mit vögeln belebt sind mit baumgruppen und ziersträuchern
und so entziffern wir das vermutlich an hator der herrin der südlichen sykomore zu richtende totengebet
gewähre daß ich ein und aus gehe in meinem garten daß ich mich kühle in seinem schatten daß ich wasser trinke aus seinem teich alle tage daß ich am ufer meines teiches schlendere ohne unterlaß daß meine seele sich niederlasse auf bäumen die ich gepflanzt habe und daß ich mich erquicke unter meinem sykomoren
Bruchstücke einer Hysterieanaylse Bruchstück einer großen Konfession
irdische opfergänge von schweizern ohne morphium zelebriert die rücken wäscht uns eine blinde vom gesinde
ins hohe alter unverbesserlicher mensch der es vorzog das zu werden was man gesellschaftlich wahnsinnig nennt um eine gewisse überlegene auffassung von menschlicher ehre nicht aufgeben zu müssen weil eine bösartige gesellschaft für sich das kreuz und die psychiatrie erfand die rivalität zwischen kreuzigern und gekreuzigten
die kreuze grünen an den wegen rom wird nicht päpstlicher im tod
Adresse: Hernalser Gürtel 41, 1170 Wien - ÖSTERREICH