XICÖATL 58

 

XICöATL

XICöATL: Ausgabe 58

XICöATL Nr. 58, Jänner/März 2002
XICöATL 58

INHALT:

  • Leitartikel: Kulturbrücke Salzburg - Antioquia. Luis Alfredo Duarte Herrera / Rubén López
  • Essay: Manuel Mejía Vallejo in der Werkstatt der Bibliothek Piloto. Rubén Darío López
  • Erzählkunst: Tote haben immer Recht. Cyl Gallindo
  • Erzählkunst: Ungewissheit in der Nacht. Óscar Castro García
  • Lyrik: Gedichte. Luz Helena Vélez de Posada
  • Lyrik: Gedichte. Everardo Rendón Colorado

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Leitartikel 

Kulturbrücke Salzburg - Antioquia

Oh Freiheit, die du deinen Duft
durch die Berge meines Landes verströmst
laß auch noch meine Kinder
deinen süßen Wohlgeruch atmen
Oh Freiheit, oh Freiheit!

Chorus der Hymne von Antioquia

Liebe Mitglieder und Freunde von YAGE und XICöATL,

Antioquia in Kolumbien hat eine Fläche, die mehr als drei Viertel des österreichischen Staatsgebietes entspricht. Seine Hauptstadt ist Medellín, das früher aufgrund der vorbildlichen Sauberkeit seiner Straßen und Plätze "die Blitzsaubere" genannt wurde, einen Namen, den es leider nicht bewahren konnte. Medellín besitzt eine Eigenschaft, die jenen (un)menschlichen Ballungsgebieten eigen ist, die man Metropolen nennt und die den Kapitalismus begünstigt: Man kann darüber das Beste aber auch das Schlechteste sagen.
Eines ist jedenfalls sicher: Kolumbien verdankt der Bevölkerung von Antioquia die dichteste Besiedelung und die Schaffung und Erhaltung der wichtigsten Produktionsniederlassungen des Landes. Denn "el paisa", wie man den Bewohner von Antioquia nennt, ist der Prototyp eines fleißigen, ehrenhaften und idealistischen Menschen, wie ihn jede Nation braucht, um als solche entstehen, wachsen und reifen zu können. Es war der Bewohner von Antioquia, der dem sogenannten Fortschritt Kolumbiens mittels Axt und Saatgut - und nicht durch Plünderungen, politischen Ausreden oder Börsenspekulationen- auf sicherer und dauerhafter Basis den Weg bahnte. Medellín war die wichtigste wirtschaftliche Säule des Landes - besonders auf dem industriellem Sektor - lange bevor es auch zur Heimat des berühmten Kokain-Kartells wurde.

Durch die Kulturbrücke, die wir zwischen Salzburg und Antioquia errichten, werden wir die Facetten darstellen, die uns an den Gesellschaften, die wir verbinden möchten, interessieren: die der Kunst, der Wissenschaft und der Kultur. Und bei dieser Entwicklung hoffen wir auf die Integration der Personen und Vereine der beiden Regionen, die bei der Verwirklichung der gesteckten Ziele zusammenarbeiten. Wir - YAGE, Verein für lateinamerikanische Kunst, Wissenschaft und Kultur und die Zeitschrift RAMPA - wollen heute in den betreffenden Gebieten den Grundstein legen.

Dr. Luis Alfredo Duarte Herrera
Leiter von YAGE

Ich bin sehr froh darüber, einen Kulturaustausch zwischen dem Bundesland Salzburg und dem Bezirk Antioquia in Kolumbien in die Wege leiten zu können. Ziel dieses Austausches ist es, Grenzen zum Verschwinden zu bringen, die Identität der Völker wieder zum Vorschein zu bringen und diese in ihren aktuellsten kulturellen Manifestationen darzustellen. Das Bild, das sich die Welt von Antioquia und insbesondere der Stadt Medellín macht, ist das eines Zentrums der Gewalt, des Drogenhandels und vieler anderer Probleme. Kolumbien ist von einer unaufhaltsamen Spirale unglücklicher Ereignisse erschüttert und sogar gelähmt worden. Dadurch hat das Ausland den Eindruck bekommen, dass Kolumbien das gewalttätigste Land der Welt ist. Diese Wahrnehmung entspricht nicht ganz der Wirklichkeit. Durch das Bild, das Länder voneinander haben, treten sie zueinander in Beziehung. Aber inwiefern entspricht dieses Bild, das wir projizieren, der Wirklichkeit? In diesem Austausch mit deutschsprachigen Ländern und anderen lateinamerikanischen Staaten möchten wir aufzeigen, dass Antioquia über ein bemerkenswertes Potential von Phantasie und Kreativität verfügt, das unsere wahre Identität ausmacht und sich -wenn auch manchmal im Verborgenen- tagtäglich entfaltet.

Rubén López
Herausgeber der Kulturzeitschrift RAMPA

Übersetzung: Miriam Eberherr

Essay 
Rubén Dario López

Manuel Mejía Vallejo in der Werkstatt der Bibliothek Piloto - Rubén Dario López

Rubén López wurde 1956 in Santa Rosa de Cabal (Kolumbien) geboren. Zur Zeit betätigt er sich als Herausgeber der Kulturzeitschrift RAMPA und arbeitet in einem Buchversand. Psychoanalyse-beflissen, hat er veröffentlicht: La concepción freudiana sobre el mundo exterior (Die Auffassung Freuds von der Außenwelt), Momentos de psicoanálisis en Colombia (Momente der Psychoanalyse in Kolumbien), La luciérnaga psicoanalítica (Der psychoanalytische Leuchtkäfer), Hacia una estética psicoanalítica (Zu einer psychoanalytischen Ästhetik).

Manuel Mejía Vallejo in der Werkstatt der Bibliothek Piloto

Obwohl er von seinem "Ziruma" genannten Bauernhof kam, was in der Sprache der Guajiros "nahe am Himmel" heißt, kam Manuel Mejía Vallejo donnerstags in die Werkstatt der Öffentlichen Bücherei Piloto, gut gekleidet, mit seinem jovialen Aussehen und seinem partriarchalischen Gehabe (gleich wie Carrasquilla war er ein Lehrer aus den Bergen und roch nach Sattel) und teilte mit uns von der Werkstatt seine literarische Erfahrung. An diesen Nachmittagen von halb fünf bis sechs schenkte er uns seine Sicht der Literatur: "Wenn man die Regeln der Literatur nicht kennt, ist es schwierig, gut zu schreiben"... "Die schönen Sätze machen noch keine Literatur"... "Es gibt nichts Neues unter der Sonne, fast alles wurde bereits gesagt und was gefunden werden muss, ist eine neue Art, es zu sagen"... "Die Literatur ist unverantwortlich: sie kann alles sagen, es gibt keine verbotenen Themen"... Und er riet, uns davor in Acht zu nehmen, der Literatur gegenüber eine moralistische Haltung einzunehmen.
Wir von der Werkstatt waren vereint in seiner Großzügigkeit und seiner absoluten literarischen Berufung. Aber Vorsicht, der dornenfreie und mühelose Weg seiner Großzügigkeit hatte durch seinen unerbittlichen kritischen Geist klare Grenzen. Begleitet von Sprüchen wie "Niemand hat das Recht, den Leser mit Pfusch zu belästigen", "man darf sich nicht allzu ernst nehmen" oder "man muss immer dem misstrauen, was man schreibt", sagte er jenen, die ihm Texte ohne größeren Wert in die Werkstatt brachten, sie sollten besser Teigtaschen und Blutwurst verkaufen, Yucca und Kartoffeln anbauen oder sonst einer anderen Tätigkeit als der Literatur nachgehen.
Als Held tausender Schlachten trat er auch die peinlichste Diskussion bewaffnet mit Kritik vom Gewicht einer Planierraupe und manchmal etwas überschäumend durch die vom Glas Rum-Cola, das er in der eineinhalb-stündigen Dauer der Werkstatt zu sich nahm, hervorgerufene Enthemmung an. Angesichts der eitlen Pfaue, die im Piloto auftauchten und giftige Pfeile gegen seine Person oder seine Literatur schleuderten, und die sofort wieder gingen, um ihren mit leerem Geschwätz gepflasterten Weg fortzusetzen, nahm er eine nachdenkliche und von den vielen Jahren der Erfahrung abgehärtete Haltung ein, wie diejenige, zu sagen, dass die Rebellion weit herkommt und nicht von der Eitelkeit, immer "nein" zu sagen, alles abzulehnen. Er machte sich lustig über diejenigen, welche sich für verkannte Genies hielten, oder über diejenigen, welche dachten, "Ich wurde kein Genie, weil meine Tante mich keines werden ließ", denn sie waren nichts weiter als aufgeblasene Luftballone wie die Redner unseres Volkes (nicht unserer Nation, da wir keine haben). Und wenn einer dieser grundlosen Rebellen brüsk auf seine harte Kritik reagierte, besänftigte er die Gemüter, indem er die Hand hob und gleichzeitig "Ruhe, mein Volk!" sprach.
Es fehlte auch nicht an jenen, die bald vom Widerschein seines Ruhms mitnaschen wollten. Ihnen erklärte er, dass sofort glänzen zu wollen der beste Weg sei, um überhaupt nie zu glänzen. Man musste abwarten, in die Dinge eindringen können. Und er empfahl, einen Text eine Zeit ruhen zu lassen, so dass er reifen könne, um dann wieder auf ihn zurück zu kommen und ihn zu dekantieren, ihn von seinem Ballast zu befreien: "Die Zeit dekantiert viel mehr als die Ungeduld", sagte er.
Viele derjenigen, welche Mitglieder der Werkstatt waren oder gewesen waren, hatten Literaturwettbewerbe gewonnen. Aber er, der bei vielen Juror war, war gegenüber solchen Wettbewerben ebenso skeptisch wie gegenüber einem so abgedroschenen Weg wie es die Liebe in der Dichtung ist. Er war der Meinung, die Literaturwettbewerbe seien eine Lotterie und garantierten die Qualität des Siegers nicht. Außerdem können sie viel Schaden anrichten, da der Weihrauch vielen Gewinnern zu Kopf steige und sie schwindelig mache, besser gesagt, dumm.
In der Literaturwerkstatt hinterfragte er, wo es zu hinterfragen galt und anerkannte, wo es galt, anzuerkennen. Ein "Überarbeiten Sie es noch besser" bedeutete immer, dass es nötig war, noch einen Kilometer weiter zu gehen. Ein "Das ist gut geschrieben" hieß, gut abzufassen sei eine Pflicht. Ein "Es hat gute Stellen" beinhaltete, es bestehe die Möglichkeit, der Text würde noch gut werden. Ein "Das ist sehr schön!" bedeutete einen Höhenflug des Gedichts. Und dies mit gewissen akademisierenden Zügen durch die Bewertung von eins bis fünf, die er den Schriften gab, die ihm seit Wochen die Werkstättler ausgehändigt hatten und die er auf seinem Gut "Ziruma" las.
Trotzdem war seine Einfachheit ein klares Zeichen, dass er keiner dieser akademischen Professoren war, die mit einem tauben, toten, in einer Glasurne - gleich einer Larve in ihrem Kokon - verdörrten Wissen prahlten, fernab der sehr kritischen Realität der Landes. Auch wenn es für einen Schriftsteller keine Pflicht ist, über die Gewalt in Kolumbien zu schreiben.
Eines Abends nach der Werkstatt trank ich in Gesellschaft anderer Leute einige Gläschen mit ihm in der Bolero Bar. Mir fiel seine stete Schweigsamkeit auf, die nichts mit Gleichgültigkeit gegenüber den Tangosängern zu tun hatte, welche an jenem Abend an diesem Ort auftraten. Und ich dachte, die Schriftsteller müssen tatsächlich, wie dies Sábato sagt, die Sprache der Wolken sprechen: ein rätselhaftes Stillschweigen bewahren und beim Schreiben donnern. Seine Haltung war gewiss derjenigen der Nachmittagsrunde in der Werkstatt entgegen gesetzt, in der er Anekdoten aus seinem persönlichen und Familienleben erzählte, wie etwa von seiner Freundschaft mit Miguel Ángel Asturias, als Manuel in Guatemala lebte.
Die Tricks und literarischen Techniken verkündete er manchmal verschlüsselt und immer mit der Pipette dosiert, das heißt strategisch angebracht für die, welche sie in dem Moment im Flug erfassen konnten, als er seine Einschätzung eines Textes eines Werkstattmitglieds abgab. Es konnte vorkommen, und das war auch das Häufigste, dass das vom Werkstättler Vorgelegte noch sehr roh war und dann fragte er, wen er gelesen hatte und verwies auf die Quellen der großen Schriftsteller, je nach der Gattung, um welche es sich handelte: Roman, Erzählung, Essay, Bericht, Dichtung.
Sein Wissen über Schriftsteller und literarische Strömungen war beeindruckend. Er empfahl dringend, die Dichter zu lesen, um in der Prosa besser zu werden und um ihr eine größere literarische Schönheit zu verleihen. Und à propos Dichter: er las auf dem Weg seines Gedächtnisses vollständige Gedichte von José Asunción Silva, Guillermo Valencia, Gabriela Mistral, Aurelio Arturo, Carlos Castro Saavedra, Barba Jacob (den er von ihnen allen am meisten bewunderte) oder León de Greiff, für dessen Fragment eines Gedichts er eine große Vorliebe zeigte:
Ich setze mein Leben aufs Spiel, ich tausche mein Leben ein,
Verloren habe ich es in jedem Fall.
So zeigt er seine Hochachtung vor den Qualitäten einiger unserer Dichter. Aber kein Dichter ergriff ihn so wie der Peruaner César Vallejo.
Das reichte vom Tiefgründigsten (Beispiel: "Ich glaube nicht an die literarische Wahrheit") bis zum Elementarsten, wie die Pflicht, bei den Titeln der Texte origineller zu sein, oder, dass man den gereimten Vers oder Prosa in der Art der Troubadours immer vermeiden solle. Ebenso war er radikal gegen das Adjektiv, da es das Substantiv beschreibe und diese Arbeit müsse der Leser erbringen.
Er glaubte nicht an die Inspiration oder besser gesagt glaubte er nicht an das Märchen von der poetischen Inspiration in der nach Plato "vom Göttlichen besuchten Seele". Und es war selbstverständlich, dass er nicht an sie glaubte, er, dem der simplifizierende Weg des Wartens auf die Muse, um schreiben zu können, fremd war. Denn auf die Musen zu warten, diente nur als Ausrede, um nicht beharrlich zu arbeiten. Und ein Schriftsteller musste täglich schreiben.
Andererseits musste man einen weinerlichen, klebrigen Ton vermeiden, der die Zärtlichkeit mit Gefühlsduselei verwechselt, besonders im Falle von Verniedlichungsformen in Geschichten für Kinder. Mejía Vallejo empfahl die Natürlichkeit beim Schreiben, da er gegen die gekünstelte, süßliche, erzwungene Form war, die man bei jenen, die sich auf dem dunklen Weg des nicht selbst Erlebten bewegen, bis zum Überdruss hört.
Es waren einfache Aussagen, welche es mit einschlossen, mit dem anderen Schritt zu halten, mit dem anderen zu fühlen, und das, ohne aus den Augen zu verlieren, dass die Literatur eine Frage des Details ist. Denn gleich den Handbüchern des Schreibens und der Orthographie halfen seine Hinweise, genügten aber nicht. Außerdem war es ziemlich schwierig, Normen für eine gute Schreibweise zu geben. "Was man sehr wohl vermeiden muss, ist, dass das Eigene dem der anderen zu sehr ähnelt", sagte er eines vom milden und angenehmen Glanz des Lichtes durchdrungenen Nachmittags.
Er wusste genau, dass man, um die Realität einzufangen, eine gute Vorstellungskraft braucht, wie Rulfo sagte, den er persönlich in Mittelamerika kennengelernt hatte. Oft begann er die Werkstatt mit der Frage, ob wir einen neuen Einfall hatten und im Bewusstsein dessen, wie schwierig dies war: "Wer in der Literatur einen neuen Einfall hat, ist gerettet. Ihn zu entwickeln, ist leicht".
Die Kunst des Schreibens bestand im Reduzieren, wie der Bildhauer den Stein behaut. Den Text so oft zu korrigieren, wie dies nötig war, war Pflicht, besonders wo es Schriftsteller wie einen Shakespeare gab, die innerlich korrigierten, bevor sie schrieben. Mit dem Bewusstsein, dass zwischen dem korrekt Geschriebenen und dem sehr gut Geschriebenen ein großer Unterschied besteht.
Ein interessanter Charakterzug bei Manuel Mejía Vallejo war, dass ihm jeder unwiderstehliche intellektuelle Stolz fehlte. Trotz seiner Bedeutung als Schriftsteller zögerte er nicht, seine großzügige Hand über alle zu breiten. Selbst Personen, die zum ersten Mal kamen (es bedurfte keiner Voraussetzungen, um in der Werkstatt Aufnahme zu finden), konnten angehört und beurteilt werden. All dies stellte einen enormen Ansporn für uns alle dar, die wir in den Wald der literarischen Schöpfung eindrangen.
Seine Kultiviertheit schloss nicht aus, dass er glaubte, es müsse eine höhere Ordnung geben, welche die ganze himmlische Navigation leitete (man verstand, dass ein Gott gemeint war). Aber er stellte sich nicht die Existenz eines "Jenseits" vor und bekräftigte mit seinem feinen Humor, der Himmel oder das Paradies erschienen ihm sehr langweilig, während er in der Hölle glücklich wäre und mit Brigitte Bardot, Sofia Loren und Marilyn Rum tränke.
Sein Narzissmus (eine für die Existenz eines Künstlers unerlässliche Bedingung) ließ sich verführen, als er von Schmeicheleien überschüttet wurde. Ebenso war seine - bei Schriftstellern so häufige - Idealisierung der Frau greifbar, wenn er zum wiederholten Mal auf die Freundinnen anspielte, die er hatte, als er in Mittelamerika als Journalist arbeitete.
Zweifellos impliziert das Schreiben eine Vorphase: die Subjektivierung, das erlebt oder sich zu eigen gemacht zu haben, was man schreibt. Denn wie könnte ich tatsächlich über Paris, London oder Madrid schreiben, wenn ich keine dieser Städte kennen gelernt habe? Um ein Beispiel zu geben, Mejía Vallejo erkrankte in Mittelamerika und es wurde Krebs diagnostiziert. Wieder in Kolumbien und auf der Durchreise durch Panama schrieb er eine Erzählung mit einem schmerzlichen Titel: "Angst". Oder dieses andere Beispiel, das seine Persönlichkeit umfasst: "Es ist unmöglich, einen Rebellen zu malen, wenn man keine immense Rebellion in sich selbst trägt".
Von rund vierzig Personen, die wir ständig an der Werkstatt teilnahmen (andere kamen und gingen wie die Zugvögel), war mindestens die Hälfte Literaturfans, las sie mit Genuss. Die anderen versuchten zu schreiben und gerade zwei oder drei profilierten sich als wahre Schriftsteller, da sie über Füße verfügten, um viele Kilometer zu gehen. Deshalb sagte er, die Schriftstellerwerkstatt sei (da sie weiter besteht, jetzt von Jairo Morales geleitet) in Wirklichkeit eine Literaturwerkstatt. Und alles, weil einer, wenn er sich als Schriftsteller fühlt, sich in die Lüfte erhebt, um zu beginnen, seinen eigenen Stil zu definieren und wenn er ein Vogel von hohem Flug sein will, endgültig auf die Werkstätten verzichtet und so vermeidet, sich mit den Mängeln und Wahnvorstellungen derer zu identifizieren, die sie koordinieren. (Die große Mehrheit derer, die zu Mejía Vallejos Werkstatt kamen, blieben, zumindest in den Jahren, als ich dort war, nur, um ihn zu bewundern). Und vor allem weil, wie er sagte, um keine falschen Illusionen zu erwecken: "hier niemandem das Schreiben beigebracht wird". Und tatsächlich kann uns niemand den Weg aufzeigen, den wir gehen müssen, da jeder einzigartig ist, verschieden, anders, seine eigene Welt hat, und das dehne ich auf alle Aspekte des Lebens aus.
Diese seine gelassene und gemütliche Art, vermischt mit städtischer Unruhe, aber vor allem seine Liebe zum Land und seiner vielschichtigen Landschaft brachten ihn eines Werkstattnachmittags dazu, dass man "Que pase el aserrador" ("Der Holzfäller möge vorbeigehen") des Schriftstellers Jesús del Corral aus Antioquia las, und zu behaupten, dies sei die beste Erzählung Amerikas, ein Urteil, das ich nicht teile und das vielleicht von Regionalismus beeinflusst war. Und er merkte an, dass es umso besser sei, je mehr Sinne angesprochen würden, eine literarische Produktion müsse Geruch, Geschmack, Farbe, Musik und Tastgefühl haben.
Ich las die wunderbaren Cuentos de zona tórrida (Erzählungen heißer Zone), viele davon wurden in Mittelamerika großartig fabriziert und Otras historias de Balandú (Andere Geschichten von Balandú), und ich stellte fest, dass Mejía Vallejo präzise wie eine Waage war und exakt das zu Papier brachte, was er immer in der Literaturwerkstatt predigte: "Die Erzählung ist wie eine geballte Faust", "eine sich in den Schwanz beißende Schlange", "sie hat nichts zu viel und nichts zu wenig", und "wie ihr Name sagt, muss man etwas erzählen". Aber etwas erzählen, das interessiert und er akzeptierte nicht die Tintenergüsse, in denen nichts geschah, wie es der Fall war, wenn es um eine Anekdotensammlung ging.
Ich habe alle diese aufgehäuften Erinnerungen herauf gerufen, ohne den Anspruch, sie in die umfassende und universelle Auffassung zu verwandeln, die der Meister aus Antioquia über Literatur hatte. Die, die wir uns in der Werkstatt trafen, waren Privilegierte und umso mehr, wenn wir davon Zeugnis ablegen dürfen. Es ist ein Privileg, das wir auch noch in der Zukunft teilen werden und das uns der Weg des Lebens mit seinen verkrusteten Steinen nicht mehr wegnehmen kann.

Übersetzung: Ulrike Zomorrodian-Santner

Adresse: Apartado: 52783 Medellín - KOLUMBIEN
E-Mail: rdlr@epm.net.co

Erzählkunst 
Cyl Gallindo

Tote haben immer Recht - Cyl Gallindo

Cyl Gallindo, Erzähler, Lyriker und Journalist, Mitglied der Academia de Letras do Brasil, der brasilianischen Schriftstellervereinigungen ANE (Associação Nacional de Escritores) und UBE (União Brasileira de Escritores, Sektion Pernambuco), weiters des Instituto Histórico e Geográfico des Bundesdistrikts. Er war Senatssachverständiger für den Bereich Publizistik und Soziales, darüberhinaus arbeitete er für die Zeitungen Jornal do Commercio, Diário de Pernambuco und Jornal da Cidade sowie den Fernsehkanal der Universität von Recife (TV-Universitária). Außerdem war er tätig als Korrespondent des Jornal de Letras (Rio de Janeiro), als Mitarbeiter der Gazeta do Povo (Paraná) und Gründungsmitglied des Kulturbeirats der Stadtverwaltung von Recife. Er hat bisher elf Bücher mit Prosa und Poesie sowie zuletzt auch einen Roman veröffentlicht. Neben seiner schriftstellerischen und sonstigen Tätigkeiten befaßt er sich mit der regionalen Kultur des brasilianischen Nordostens und war maßgeblich an der Reorganisation der Casa de Pernambuco in Brasília beteiligt.

Tote haben immer Recht

Ich bin also tot. Dies ist das Ergebnis meiner Anstrengungen, um herauszufinden, ob ich noch lebe oder nicht. Abgesehen davon kann man sich natürlich alles mögliche andere denken. Ich brauchte aber Gewißheit. Allerdings spürte ich, daß meine Versuche kraftlos, wie verschwommen, waren. Ganz sicher hat sich dabei kein einziges Haar an mir bewegt, um genauer zu sein: nicht eine Zelle.
Mein Körper liegt reglos, starr, auf einer Tischplatte aus Stein oder Metall - genau kann ich das nicht sagen. Außerdem muß ich mich von Beginn an damit abfinden, daß für Tote keine Details mehr existieren. Alles wird zu einer absoluten Einheit. Für die es auch keine Ausdrücke gibt. Und doch verwende ich jetzt Worte. Wörter sind angesichts des Todes auch nur Details.
Nicht daß ich zu Lebzeiten so gedacht hätte. Manchmal, nicht oft, kam mir in diesen fünfundzwanzig Jahren, die ich auf der Welt bin, der Tod in den Sinn. Ohne daß ich je gestorben wäre, klar. Ich dachte, wie alle Lebenden denken. Nur daß dabei mein eigener Tod nicht eingeplant war: ich glaubte, mich könnte es nie erwischen.
Ich meinte, im Tod sei das Leben inbegriffen, aber nie wäre mir eingefallen, das Leben könnte ein Ganzes sein, das den Tod einschloß. Selbstverständlich glaubte ich dabei nicht an das ganze Brimborium der Göttlichen Komödie. Für mich war dieses Getue um das Ewige Leben, um Himmel und Hölle, nichts als eine Komödie. Und zur besseren logischen Trennung, zum Hausgebrauch, unterschied ich zwischen Seele und Geist. Schließlich muß man ja an etwas glauben, und sei es, daß man daran glaubt, daß man nicht glaubt.
Meiner Theorie nach entstanden die Religionen wegen der Seele. Sie ist schuld daran, daß man das Ewige Leben, das Mysterium und die Unsterblichkeit der Seele erfand. Seele heißt Furcht. Furcht.
Der Geist hingegen ist dynamisch, wie ein Funke, der aus einem Brand auffliegt. Reißt man ein Streichholz, so ein Stäbchen mit einem Kopf aus entflammbarem Material, auf einem rauhen Untergrund an, dann sieht man das Wunder des Feuers Gestalt annehmen. Nur ist dieser Geist, im Unterschied zur Seele, nicht dazu bestimmt, gerettet oder verdammt zu werden, je nachdem wie seine Taten waren. Er ist da, ist einfach da. Genauso wie es ein potenzielles Fluidum zwischen dem Streichholzkopf und der Oberfläche gibt, das sich bei gegenseitiger Reibung manifestiert. Niemand kann mit gutem Recht behaupten, da oben im Himmel gäbe es einen Gott, der wartet, bis das Feuer heruntergebrannt ist, um dann über unsere Taten zu richten und uns zu verdammen oder zu retten. Kein Gott interessiert sich für die Seele des Feuers. Ich stellte mir auch vor, wie der Mensch aus der Erde Erz schürfte, aus dem gewonnenen Eisen ein Stück ums andere schmiedete und schließlich daraus ein Ding schuf, das Treibstoff verbrauchte und umwandelte, das ein individuelles, autonomes Leben hatte, wenn auch nicht auf die Art wie wir, wie die Tiere und Pflanzen. Das Ding heißt Automobil. Und kein Gott wartet darauf, daß es sein metallisches Leben aushaucht und daß er als Richter es aufgrund seiner Taten erretten oder verdammen kann. Indessen liege ich hier, auf diesem Tisch, in der Gewißheit, allmählich ein Teil seiner Kälte zu werden. Ich möchte schreien. Zumindest irgend etwas sagen, aber ich kann nicht. Ich höre Stimmen. Einige sogar sehr deutlich. Weinen und Klagen. Wie kann er das tun? So jung, so voller Leben, und macht eine solche Dummheit?!
Ich weiß auch nicht, wie er das tun konnte. Wenn man es genau überlegt, bestand mein ganzes Leben aus Dummheiten. Immer war ich für alle der "Un". Unpolitisch, ungläubig, unchristlich, unbarmherzig, unnormal. Unnormal, genau, das bringt es auf den Punkt. Für meine Familie war ich ein Egoist, für meine Freundinnen ein Perverser. Für die Mächtigen ein Kriecher, für die kleinen Leute ein eingebildeter Schnösel. Für die Lehrerin ein Versager. Ach! Die Lehrerin hatte, nebenbei gesagt, als erste entdeckt, welche Null ich eigentlich war. Dann kamen die Mitschüler und die Buben auf der Straße, die mir Namen wie Nudelauge, Schwedenbombe oder Stotterdolm verpaßten.
Ich lebte wie ein Fötus in einer Plazenta aus Anormalität. Mein Fruchtwasser war die Anormalität. In diesem Augenblick allerdings höre ich, wie sich mein Lebenslauf nachträglich verändert. Unter jenes Weinen und Gezeter und die Sätze, in denen sie ihre Fassungslosigkeit, was meinen derzeitigen Zustand angeht, ausdrücken, mischen sich doch tatsächlich lobende Worte zu meiner Person. Sie würdigen meine Umgänglichkeit, meine fröhliche Art, meine untadeligen Manieren, meine Gutherzigkeit und anderes mehr. Und ich kann nicht mehr reagieren. Eigenartig: sie benutzen den Tod als posthume Rechtfertigung des Lebens.
Wenn ein Haus nicht wirklich auch ein Heim ist, werden wir schwerlich seine ganze innere Schönheit empfinden: in der Zimmerecke, wo heute eine Spinne ihr Netz hat, suchte ein weinendes Kind Zuflucht. Gerade eben tue ich allen leid. Sie klagen um mich. Von außen sehen sie jetzt meine innere Schönheit. Früher nie. Auf der Straße, in irgendwelchen Bars, redeten Leute, die ich nie gesehen hatte, über mich. Überall begegnete ich Augen voller stummem Tadel, sah ich spöttisches Lächeln. Die Menschheit ist eben von Natur aus grausam und bösartig. Keiner mag den anderen. In der Stunde des Triumphes erhält man Beifall, im Unglück wird man angespuckt. Meine Haut ist gebrannt von fremden Speichelflecken. Und jetzt stehen sie um mich und jammern. Eigentlich applaudieren sie damit meinem Ende. Mit tragischen Mienen, wie sie zu einem tragischen Ende passen. Sogar noch darin sind die Menschen unerträglich: sie halten die entsprechenden Mienen für jede Gelegenheit und jede Umgebung bereit, auch wenn ihre Masken mit dem, was in den Herzen vorgeht, nichts zu tun hat. "Leb wohl du Dreckschwein" denkt jeder bei sich, angesichts meines Körpers auf dem kalten Tisch.
"Lebt wohl, ihr Dreckschweine!" antworte ich ihnen, während sie sich abwenden. Sie müssen sich um ihr LEBEN kümmern.
Ich habe ein unbändiges Bedürfnis danach, selbst zu leben. Mit dem brennenden Wunsch, ihnen allen zumindest das nachzurufen, daß ich nicht sterben will. Dabei ist es mir völlig unmöglich, zu irgend jemandem Kontakt aufzunehmen. Ich kann nicht einmal beschwören, daß es andere Menschen gibt. Ich weiß nur, daß ich Stimmen höre. Und spüre, wie außerhalb von mir Leben pulsiert. Von mir selbst weiß ich nicht, ob ich innerhalb oder außerhalb meines Körpers bin. Gern würde ich meinen Leib auf dem kalten Tisch sehen.
"Wie ist es passiert? ..."
"Ich weiß nicht, mein Kind. Wir haben einen Schuß gehört ... Die Jungen sind in sein Zimmer gelaufen und haben ihn in einer Blutlache liegen gefunden."
Ich weiß, sie reden von mir. Ich weiß, wie alles geschah. Ich habe mich umgebracht.
Der Selbstmord ist ein heftiges Aufeinandertreffen zweier entgegengesetzter Impulse von gleicher Stärke: von Mut und Feigheit. Ohne jedes Geheimnis. Eine Frage von Sekunden. Ein Rausch. Es ist, wie wenn ein Krieg ausbricht: wir leben alle in Frieden, wir wollen den Frieden, wir lieben ihn, aber der Friede ist etwas Künstliches, Vorsätzliches. Der Friede existiert nicht wirklich. Von einem Moment zum anderen zerreißt die schwache Membran unseres Instinkts, und aus unserem Inneren bricht der Krieg hervor. "Der Krieg ist die Mutter aller Dinge!" Niemand unternimmt etwas für den Frieden, der Krieg aber setzt alle in Bewegung.
Genau das tat ich: ich setzte mich in Bewegung: kaufte einen Revolver und legte ihn in die Lade meines Kleiderschranks.
Alle hatten vor mir Respekt, im Amt, wo ich beschäftigt war. Dort gingen große Tiere ein und aus, Abgeordnete von Land und Bund, und alle debattierten sie über wichtige Themen: Politik, Wirtschaft, Import, Export, nationale Sicherheit. Das Amt ist so etwas wie ein lokales Ministerium. Ich war für die PR zuständig, machte Interviewtermine aus. Konnte diese gewähren, verweigern, intrigieren. Schalten und walten nach Gutdünken. Ich hatte einflußreiche Freunde, war mit Gott und der Welt bekannt, wußte alles über alle.


-- 2 --
Mein Chef kannte mich wirklich gut. Ich war ihm sympathisch. Er hielt große Stücke auf mich. Ich weiß nicht, ob sie ihn jetzt in meine Nähe lassen werden. Vielleicht kommt er und sagt, "Armer Kerl", und kehrt wieder hinter seinen Schreibtisch zurück, auf seinen Posten, der dauernde Anwesenheit verlangt. Ich bleibe hier, allein mit meinem unsagbaren Schmerz. Ich fühle mich von einer betäubenden Agonie umgeben, obwohl ich, so absurd das klingt, völlig klar bin. Was um mich vorgeht, höre ich alles. Nur weiß ich nicht, wo ich bin, ob es Tag oder Nacht ist, was sie mit mir tun. Ich ver ... ste ... he .... ni ...
"... giert"
"Gott sei Dank, Herr Doktor. Er hat reagiert?" sagte jemand, ich hörte es ganz deutlich.
Das verstehe ich nicht. Plötzlich setzte alles in mir aus. Die Stimmen verschwanden auf einmal, die Agonie gefror, wie ich selbst.
Immer mehr komme ich zur Überzeugung, daß meine Gedanken keine Halluzinationen sind. Sie sind überaus wirklich. Aber es ist schwer zu erklären, warum ich mir eine Kugel in den Kopf, eigentlich war es ja ins Ohr, gejagt habe. Egal, ich bin klar bei Sinnen, kann logisch denken und höre alles in meiner Umgebung. Ich bin tot, aber ich denke. Ich bin nicht verwirrt: auch wenn ich jetzt die ganze Zeit behaupte: tot, alles aus, so hat es doch den Anschein, als wäre es nicht vorbei, als sei ich nicht das Nicht-Sein. Ich bin weiter ich, bloß kann ich den Lebenden keinerlei Zeichen übermitteln. Nur empfangen.
Ich werde meine Lage jetzt nicht dramatisieren. Mir fällt wieder diese einschneidende Erfahrung ein, wie ich, mitten in meiner Erzählung, plötzlich stockte. Jetzt kehre ich wieder zurück, höre Wortfetzen, diese entfernten Stimmen, die wiederholen: er kommt zu sich, er reagiert, Gott sei Dank.
Wer da zu sich kommt und reagiert, bin ich.
Das klingt nach Wahnsinn. Also gut, es war zugegebenermaßen Wahnsinn. Aber um nichts in der Welt würde ich mir nochmals diese erniedrigenden Vorhaltungen anhören, wie sie mir der Abteilungsleiter vorigen Freitag an den Kopf warf. Nicht nur der Krieg, auch die Vernunft wohnt in uns allen. Übrigens ist es die Vernunft jedes Einzelnen, welche, ohne zu einer gemeinsamen Vernunft zu verschmelzen, zum Krieg führt. Und im selben Menschen können zwei oder auch mehrere Arten von Vernunft miteinander in Konflikt geraten, so wie in einer Familie Streit ausbricht, eine Gesellschaft sich zerfleischt, so wie Völker und Nationen gegeneinander kämpfen.
Ich bin gleichzeitig bei und von Sinnen. Ein Kollege machte eine lange Dienstreise und schlug mich, während seiner Abwesenheit, als seinen Vertreter vor. Ich ließ indessen sein Gehalt auf mein Konto überweisen. In letzter Zeit hatte ich das meiste davon aufgebraucht. Hatte eben einige nette Mädchen kennengelernt, ging viel in Nachtclubs, auf Parties ... Wären meine finanziellen Verhältnisse andere gewesen, hätte ich das alles natürlich aus eigener Tasche bezahlt.
Da brach das Unglück über mich herein: der Mensch kam unerwartet zurück. Ich erzählte ihm den Sachverhalt, aber meine Entschuldigungen blieben ohne Erfolg. Er machte dem Chef Meldung. Unter Drohungen gaben mir die beiden achtundvierzig Stunden Zeit, um die Summe zurückzuerstatten. Ich beschloß, per Zeitungsannonce ein Grundstück zu verkaufen. Wartete Samstag, wartete Sonntag. Kein einziger Interessent meldete sich.
Wie sollte ich im Amt erscheinen?
Montag. Ich wachte auf, nahm ein Badetuch und stellte mich unter die Dusche, putzte meine Zähne, zog Hose, Socken und Schuhe an, kämmte die nassen Haare und parfümierte mich. Als ich auf der Suche nach einem passenden Hemd die Schublade öffnete, fiel mein Blick auf den Revolver. Vor meinem inneren Auge ging eine Tür auf: eine Erleichterung. Sie erschien mir wie eine endlose Landstraße, und wo sie am Horizont verschwand, verschmolz sie mit dem entscheidenden Schritt. Zu diesem brauchte ich den Revolver. Er war ein Schwert, eine Lanze, ein Kreuz, ein Licht. Den Schritt mußte ich mir nicht weiter überlegen. In ihm trafen sich das Endliche und das Unendliche, das Alpha und das Omega. Das war die Lösung: der Anfang und das Ende fielen zusammen, die absolute Gleichzeitigkeit, das Eine.
Wie in einem Spiegel sah ich mich darin reflektiert, und es spiegelte sich in mir. "Der Krieg ist die Mutter aller Dinge".
Den Weg säumen riesige Bäume, das Sonnenlicht dringt gefiltert durch die Blätter, es ergießt sich über den Körper der Frau, die in Zeitlupe läuft. Sie lächelt, ihre Haare wehen wie ein Feuerbrand im Wind. Ihr Schicksal erfüllt sich, wenn sie den Fluchtpunkt erreicht. Ich muß ihr folgen!


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Nie versuchte ich die Struktur der vollkommenen Wahrheit zu ergründen, ich wollte lediglich eine behelfsmäßige Wahrheit finden, die mir als Struktur dienen könnte. Doch wo sollte ich dieser begegnen, im Staatsdienst, in der Gesellschaft, der Familie, bei den Freunden? Nun bot sie sich endlich in dieser Tat, die keinen Bettler und keinen König gleichgültig läßt. Ich konnte zwar nicht meinen Geist durch die Welt sehen, aber durch meinen Geist sehe ich jetzt die Welt. Und diese Welt begeht heute in mir Selbstmord. Der Selbstmörder verwundet die gesamte Menschheit. Vergleicht man das Leben mit einem Meer, dann ist mein Bereich irgendwo ganz an der Oberfläche. Es hätten andere früher, lange vor meiner Zeit, in die Tiefen hinabtauchen müssen, um diese Tat zu vermeiden, denn der Mensch, welcher denkt, ist ein Gott: die Folter kann seinem Geist nichts anhaben, der physische Schmerz ihn nicht seiner Weisheit berauben. Die Waffe übte eine hypnotisierende Wirkung auf mich aus. Ich brauchte nicht weiter zu überlegen. Das einzige, was in diesem Augenblick existierte, war mein Vorsatz, und mit ihm würde ich mir Zutritt zu einem Hamam der Entschlossenheit verschaffen. Ich badete in Entschlossenheit. Fühlte mich überlegen und zerbrechlich. Der Schuß löste sich. Mein Körper erhob sich in die Luft. Leicht, ohne Kontrolle über meine Bewegungen, sank ich daraufhin schlaff und langsam auf mich selbst zurück. Ich spürte keinerlei Schmerz. Ich hörte und fühlte den Knall, einen Lärm, ein Geräusch, das sich wie eine Halluzination des Körpers bemächtigte. Ein vergiftetes Summen dauert noch fort. Es summt summt summt summt summt summt summt summt summt.
Das Summen verletzt mich, es reißt mir Stück um Stück ab von meinem Geist. Wenn es nicht aufhört, werde ich noch an die Existenz der Hölle glauben. Dann bin ich zweifellos im Hades. Meine ewige Verdammnis ist dieser Lärm, als Zeichen meiner Tat. Vergebt mir. Vergebt mir alle und alles. Laßt mich an Gott glauben, laßt Gott an mich glauben. Ich flehe um Verzeihung. Ich werde Buße tun. Auch wenn ich nicht darauf hoffe, vom Höllenfeuer und dem Anblick der Medusa verschont zu bleiben. Ich möchte nur von diesem grauenhaften Summen und den Klagen rund um meinen Körper erlöst werden.
Begrabt mich. Bitte, begrabt mich, vielleicht entkomme ich ihm dadurch.
"Wie sieht es aus, Herr Doktor?"
"Er ist außer Gefahr. Sehen Sie sich das Röntgenbild an: das Geschoß drang nicht ins Gehirn ein, es sitzt hier, in der Nähe des Unterkiefers."

Übersetzung: Frederich Frosch

Adresse: Avenida Boa Viagem, 5858 apto. 602, 51030 - 000 - Recife/PE - BRASILIEN
E-Mail: cylgallindo@bol.com.br

Erzählkunst
Oscar Castro García

Ungewissheit in der Nacht - Oscar Castro García

Óscar Castro García wurde am 23. 3. 1950 in Medellín geboren. Er ist Magister der Literaturwissenschaften (Iberoamerikanische Literatur) der Universidad Nacional Autónoma de México, 1993. Derzeit ist er Dozent für kolumbianische Literatur an der Universität von Antioquia. Óscar hat folgendes veröffentlich: Sola en esta nube (Erzählungen), Señales de humo (Erzählungen), ¡Ah mar amargo! (Roman), No hay llamas, todo arde (Erzählungen), Un día en Tramontana (Erzählungen), Necrónicas y Oración (Erzählungen und Gedicht), Los informes escritos. Er hat verschiedene Literaturpreise in Kolumbien und im Ausland bekommen.

Ungewissheit in der Nacht

Er schickt sich an, an der Tür zu läuten.
Sie hoffte, jemand würde um Mitternacht anrufen.
Die Katze rekelt sich, und Boshaftigkeit ist die Gegenwart eines Raubzeuges im Haus.
Die Stille hat ihre Wünsche an der Tür des Sommerwohnsitzes hinterlegt.
Jemand hustet in den frühen Morgen ...
Aus der Uhr tritt der Kuckuck der die Mitternacht besingt.
Man hört das leichte, fast nicht wahrnehmbare Knarren eines Tisches.
Auf dem Fußboden bereiten die Ameisen einen tausendjährigen Ritus vor.
Ein paar Schritte davon entfernt geht das chinesische Porzellan zu Bruch.
Auf dem Bett versucht sie ihre Seelenangst zu beruhigen, daran denkend, daß in der Nacht alles möglich ist, wenn man in einsamen Wohnsilos lebt, vor allem wenn sie in der Einöde stehen.
Die Katze hält die Mittagsruhe und der Kuckuck hat sich in seinem kleinen Holzhaus eingesperrt.
Die Ameisen haben in strengen und unendlichen Reihen das Tor durchschritten und mit außerordentlicher Anstrengung versuchen sie einen Kadaver hineinzubringen, der am Hauseingang zum Vorschein gekommen ist.
Jemand hustet bei Tagesanbruch ...
Ein leichtes, fast unmerkbares Knarren hört man an der Eingangstür.
Im Schlafzimmer, ein lautes Schnarchen, während der leichte Wind des Tagesanbruchs mit List jedes Geheimnis des Hauses überflutet und in jede Spur dringt, alle Wesen weckend und die Helligkeit bis dorthin bringend, wo sie weiterschläft.
Jemand schnarcht beim Aufgang der Sonne ...
Das leichte Knarren einer sich schließenden Tür unterbricht den Tanz des Windes, der das Haus bei Tagesanbruch zu überfluten begann.

Übersetzung: Renato Vecellio

Adresse: Carrera 45 D No. 58-37 Apto. 501, Edificio Torres de San Antonio, Medellín - KOLUMBIEN
E-Mail: ocas@epm.net.co

Lyrik
Luz Helena Vélez de Posada

Gedichte - Luz Helena Vélez de Posada

Luz Helena Vélez de Posada wurde in Venecia; Antioquia geboren. Sie ist Magistra der Literaturwissenschaften der Universität La Gran Colombia; sie hat an Literaturwerkstätten von Manuel Mejía Vallejo und Jaime Jaramillo Escobar teilgenommen. Luz gehört zu den Herausgebern der Zeitschrift Rampa aus Medellín, und sie gehörte auch zu den Herausgebern der Zeitschrift Mascaluna. Luz hat den Gedichtband Metáforas del Tiempo veröffentlicht.

Gedichte aus dem Gedichtband Metáforas del tiempo, Colección Susurros, Medellín, Juni 1997.

Unermesslichkeit

Als Kind fuhr ich ans Meer
ich glaubte der Himmel wäre heruntergefallen.
Danach sah ich die Ebene
und lernte die Einsamkeit kennen.

Später betrachtete ich die Sterne
und entdeckte das Staunen.
Sodann empfand ich Traurigkeit
für die drei,
die so allein sind in der Unermeßlichkeit.

Metarmophose

Schmetterling der du trunken bist
vom Frühjahrsnektar
nachdem du
dein altes Äußeres hinterlassen hast.
Was für ein merkwürdiges Geheimnis
drängt dich zum Tanzen in der Flamme,
welches Spiel suchst du im Feuer?

Worte und Träume

Ein feiner Tintenstrahl
zeichnet eine Strecke,
nachdem das von Träumen
durchdrungene Wort
im Unbewußten
Form angenommen hat.
Der Dichter spaltet seine Feder
und befreit seinen Geist.

Ein Bild malend

Willkommen Stille
im Bild meiner Einsamkeit.
Ich lade dich diesen Nachmittag ein
um zu sehen wie welke Blätter
in meine Seele fallen.
Durch die Fensterscheiben
hat der Regen
ins Gedicht gefunden
und diesen Faden der Beklemmung
spinnt die Schwermut
in mein Bild

Übersetzung: Renato Vecellio

Adresse: Calle 29 No. 70-24 Unidad Residencial La Candelaria, Medellín - KOLUMBIEN
E-Mail: rdlr@epm.net.co

Lyrik
Everardo Rendón Colorado

Gedichte - Everardo Rendón Colorado

Everado Rendón Colorado wurde in Támesis, Antioquia geboren. Er ist Dichter und Erzähler. Zu seinen Veröffentlichungen zählen "La ciudad sonámubula" (1987), "Memorias de la sangre" (1989) und "Umbrales del ausente" (1997). Colorado gründete die kolumbianische Zeitschrift für Kunst und Literatur "Mascaluna". Er nahm am Internationalen Festival für Poesie teil, das jedes Jahr in Medellín stattfindet. Außerdem arbeitet er an nationalen Kulturbeilagen und Literaturzeitschriften mit.

Aus "La ciudad sonámbula", Verlag Universidad Pontificia Bolivariana, Medellín, Juni 1999.

Worte für Don Juan Rulfo

Sag ihm, dass ich noch in Comala bin
und die von den unzähligen leidenden Seelen heiße Luft ausdehne.
Ich laufe die Straßen entlang,
die vom Abschied schmal geworden sind
und in denen sich abgemagerte Hunde
mit Gespenstern in Trauer und einem Umhang ein Stelldichein geben
und um die Gnade eines Vaterunsers bitten.

Sag ihm, dass in den Mauern dieser Häuser
kein Platz für weitere Löcher ist.
Es drängen sich die Gespenster,
für Erinnerungen ist kein Platz
und das Gemurmel sticht in der Haut
wie Armeen von Ameisen,
die Bruchstücke von Worten hinter sich herziehen.

Im halbmondbesetzten Himmel
kündigen kreisende Geier den plötzlichen Regen an,
sie lassen sich bereits auf dem aufgedunsenen Kadaver eines Stück Viehs nieder.
Die Glocken der alten Dorfkirche läuten
während der Pfarrer Gebete und Schuld unter seiner Soutane versteckt.
Nachtvögel fliegen aufgeschreckt herum
und aus den zahnlosen Mündern alter Frauen in ihrer Mantille
kommt ein heftiges Flehen.
Die Kamaldulenser wiederholen ein Requiem
für diese Erde, die von Toten, Glanz und Gebirgszügen überschwemmt wird.

Sag ihm, dass ich nach Comala gekommen bin,
um den Ursprung meines Durstes kennen zu lernen.
Diese Hitze, die durch meine Adern fließt
und meine Geschichte verlor sich auf den staubigen Wegen.
Sag ihm, dass ich den Herausforderungen im Galopp entgegentrat,
dass ich die Stille des frühen Morgens
in der Hintertür berührte und dass ich in einem Winkel der Nacht
bei den Susanas blieb, um Vergiß-mein-nicht zu spielen.
Sag ihm, dass dieses Land bitter aber süß ist
und die Liebe wieder zum Vorschein bringt
und dass der Tod nur eine Ausrede ist, um zu bleiben.

Der Fluss

In den Gewässern
des im Spiegel gefangenen Flusses
spielt eine alte Frau
mit einem Mädchen mit blauen Augen.

Die Liebe

Die Liebe, dieses fröhliche Gespenst,
das gestern lebte
und in unserem Garten tanzte,
ist heute ein Bettler,
der sich durch die vertrockneten Blumen
seiner Erinnerungen schleppt.

Übersetzung: Angelika Moser

Adresse: Carrera 38 N 59A-26 Apt. 201 Barrio Boston, Medellín, Colombia bzw. Apartado Aéreo 7472 Medellín - KOLUMBIEN
E-Mail: mascaluna@yahoo.com