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XICöATL: Ausgabe 56/57
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Gedichte - Raúl Tápanes López
Raúl Tápanes López (Matanzas, Kuba, 1953). Er hat in verschiedenen Zeitschriften in Amerika und Europa publiziert. Sein Gedichtband "Von der Verzweiflung und andere Gedichte" wurde im Jahre 1999 in Mexiko von der "Front hispanistischer Bejahung" herausgegeben. In Kuba gibt er die Lyrikzeitschrift "Arique" heraus (www.arique.aztecaonline.net).
nocturno II
in der nach alten balsamen duftenden nacht summen die insekten ein schon vergessenes lied - ein stern fällt - und der mond nimmt sich die stütze weg: siehe da, sein körper im vergänglichen licht der ewigkeit ohne feierlichkeiten, die behaglichkeit seiner offenen brust - der wind streift die haut wie die geliebte haut - bist du es der die nächte macht?
hinter den unheimlichen hügeln und dem unmöglichen morgen liegt die graue linie die uns von der welt trennt nebelige grenze und silhouette mit deinem körper der sogar namensentblößt ist - riff in der zeit - und dein lächeln, die nächtlichen riten und die zwischenzeiten der verrückheit
lamm gottes das mit dem regen wächst ich ergieße mich in vergessene liebschaften auf dem feuchten gras - deine weißen brüste machen die runde um meinem mund - im nichts tanzen die toten schatten der mauern und es erhitzen sich deine brustwarzen aus marmelade in der halboffenen bluse der nacht: deinem namen werde ich in einen dunklen wald widmen* - jenseits verkauft man träume von schmuggel die furchtlosen gehen durch die straßen und es verbrauchen uns die abgenutzten spiegel der jahre die verschwommene grenze - die tiefe nacht ist eine dunkle, nackte frau
die überlebenden
der grundlegende verlust der wesenheit ist der unaufhörliche hunger desjenigen der immer hunger hatte: niemand reicht uns das licht, außer die zeit: nur der tägliche tod uns gewährt wurde
wird uns der nerv retten? die pupille bevor sie ausgeht? die mit kieselsteinen angefüllten taschen, das schubladenwesen? wer wird meinen namen sagen? in welchem inneren wird ein anderes mir gleiches pochen das es gab?
jene die sprechen für jene die schweigen denken "vielleicht ist es einen verewigten kuß teilen" oder ist sex der rausch, überdrüssigerweise das liebesvorspiel (so alt sind wir wie die wiederaufbereitete erde)
vielleicht dumme zauberdinge, der kopakbaum, der schnee, die vollkommenen grenzen der politik und die kartographie. aber die liebe? nicht der duft sondern die erinnerung an seinen wohlgeruch, die haut, die man schon nicht mehr betastet
wir, die beim stein dort überleben, wir empfinden die liebe wie einen schiffbruch und es ertränkt uns die zwischen dem flüsternden oberkörper aufgehängte silbe im licht und in der begrenztheit eines vertrauten körpers
und welches ist das haus, kurzum, wenn nicht sein liebliches wort und seine stimme die von der bordwand aus innig ersehnte behaglichkeit und die kälte eines seufzers christus´wäßrige wunde wohin schifft der bettelarme vers?
XXVII (theater der verstorbenen)
offen ist am ende von allem das theater das die feuchte oberfläche des sommers verkauft
ave cäsar, jene die weinen werden die tasche voll gleicher spielkarten (die uhr ist eine parenthese) und mein eigener engel der stirbt sind eine schwelle die ich schwebend überschreite bis zum bereich des traumes und des verbotenen. etwas geschieht immer, wer weiß wo
der schauplatz und sein spiel oder das fließen in der bestürzung des kusses
kreaturen richtiger, genauer umfänge - kleine dinge, kleinliche gegenstände - es treibt die traurige schar. ich setze meinen namen wie jemand der ein kreuz setzt an die wand und seinen preis und ich werde auf die erde zurückkommen: eindringen werde ich wie eine wurzel (wir werden die gräber schließen die toten mögen nicht zurückkehren) bis zum plakat des sagt es ist verboten an den regenbogen zu glauben wenn es regnet
das publikum fordert das unmögliche.
XXV
die hoffnung (wenn sie es ist) muß weiß sein in ihrer ungewohnten nacktheit: ab heute werde ich nur die jungfräuliche seite lesen die nicht geschriebene. wie das weiße und den stein machen, gott, ohne zu atmen?
ich werde gut sein wenn ich einmal tot bin jetzt bin ich nur und ich kratze und schreie und ich argwöhne des wassers das kommt und sich entschuldigt wegen der abwesenheit der so traurigen knochen wie sie von innen her sich wiederholend sind wenn man meinen kopf über den bürgersteig fortreißt und den baum durch die erinnerung
ein alter schmerz
ist der innere balsam der wolken
einzig und allein die balken sollten auf den gewässern schwimmen fern der Knauserei und dieses rechten, fast blinden auges
Übersetzung: Renato Vecellio
Adresse: Apartado Postal 334, Matanzas 40100 - KUBA E-Mail: raultapanes@yahoo.es
Erkennst du mich? - Beatriz Gómez-Pablos
Dr. Beatriz Gómez-Pablos (Las Palmas de Gran Canaria, Spanien), studierte in Wien spanische Philologie und Philosophie. Promotion im Jahr 1998, Doktorarbeit zum Thema "La cuestión de la alteridad en las crónicas de América". Lehrtätigkeitserfahrung in der Erwachsenenbildung in Österreich, Deutschland und der Slowakei. Mitarbeit am bilateralen Forschungsprojekt (Österreich-Spanien) "Acciones integradas" zum Thema "Die administrative Terminologie in Österreich und Spanien: eine komparatistische Untersuchung". Seit 1998 Assistentin am Institut für Romanistik an der Universität Salzburg. Zahlreiche wissenschaftliche Artikel, Übersetzungstätigkeit in Wien und Salzburg.
Erkennst du mich?
Für Jorge, einen Kindheitsfreund, und für andere Freunde aus der Rawsonstraße in Mar del Plata.
Das Buch gehörte Jorge Marcelo Maier - ein sehr argentinischer Name - wie wir alle wissen. Die Maiers emigrierten aus Deutschland in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Suche nach größerem Glück. Sie waren Bauern, heute sind sie Unternehmer. Das Buch heißt "Der Dumme" , von Leon Tolstoi, welches manche mit dem "Idioten" von Fedor Dostojevsky, ein Zeitgenosse, verwechseln. Für die Spezialisten dieses Autors, ist der Dumme nicht gerade die berühmteste Geschichte von Tolstoi. Ich las sie vor Jahren und einige Passagen gruben sich in mein Gedächtnis ein. Die Zeit hat sie nur ein bißchen gelöscht. Das Buch hat schon braune Seiten. In der Nachkriegszeit gab es kein Geld für besseres Material, aber sie sind vor allem wegen der Feuchtigkeit in Mar del Plata braun. Es riecht nach 2 Dingen: nach alt und nach Feuchtigkeit, und besitzt den Zauber vergangener Zeiten.
Marcelo Maier beschloß, sich nicht wie seine 4 Brüder den Geschäften zu widmen. Statt dessen kaufte er sich eine kleine Farm in der Pampa und versuchte es mit der Landwirtschaft. Er hatte nicht die Absicht Land für einen Großgrundbesitz zu erwirtschaften um am nationalen Markt konkurrieren zu können., er wollte nur gerade sich selbst erhalten. Ein paar Hühner, eine Kuh, ein kleiner Gemüsegarten und gut, auch ein Ferkel, denn immer schon hatten ihm die Ferkel gefallen. Es vergingen 3 Jahre harter Arbeit, der Anpassung ans Land für einen Menschen aus der Stadt, 3 Jahre bäuerliche Umgebung. Eine Nierenschwäche veranlasste ihn, diese Art Leben aufzugeben und er beschloß in die nächstgelegene Stadt Mar del Plata, die er schon von der Sommerurlauben seiner Kindheit kannte, umzuziehen. Dort hatte er einen anderen Jorge kennengelernt. Ein Einzelkind, ein oder zwei Jahre älter als er. Er spielte am Strand mit einer Schaufel, einem Rechen, einem Kübel und einem Sieb, das ihm seine Mutter gekauft hatte. Er siebte den Sand auf der Suche nach großen Schätzen. Einmal fand er sogar eine kaputte Uhr ohne Armband und ein anderes Mal eine Münze mit dem Bild von San Martin, was dazu beitrug, seine Sammlung zu vergrößern; meisten jedoch handelte es sich um einfache Zigarettenstummel. Jorge war schüchtern und eher ruhig. Am Anfang beobachtete er uns aus der Ferne und es unterhielt ihn, uns beim Bauen von Sandschlössern zuzuschauen. 4 Seitentüren und ein Graben hatten eine Verbindung zum Ufer, sodaß die Flut beim Steigen hinein- und bei den 4 Öffnungen hinausfließen konnte. Oben eine Menge Zinnen und an den Wänden Steine und Muscheln, die wir am Strand bei den Felsen gefunden hatten. Schließlich wagte er eines Tages sich uns zu nähern. Er sagte nichts. Wir schenkten ihm nicht viel Beachtung. Nach einem Weilchen nahm er seinen Kübel und seine Schaufel und kehrte zu seinem Sonnenschirm zurück. Mein älterer Bruder war aufmerksamer und beschloß ihn einzuladen mit uns eine neue Burg zu bauen. Ich erinnere mich, daß er mit leuchtendem Gesicht kam, mit dem Kübel voller Dinge, die beim Bau helfen konnten. Seitdem waren keine Förmlichkeiten mehr notwendig, kaum war er am Strand, kam er zu uns.
Am Strand gab es viele Unterhaltungsmöglichkeiten. Von jemanden bis zum Hals eingraben, und Zeit messen, die er zum Ausgraben brauchte bis zum Versteckenspielen, Sandtorten formen oder dem Feind den Krieg zu erklären: Er erzählte uns, daß er mit seinen Eltern in die Schweiz zurückkehren würde. Nach diesem Sommer sahen wir uns nicht wieder. Wir kehrten in die Schule nach Buenos Aires zurück. Viele Jahre später trafen wir uns wieder in Mar del Plata, aber nicht am Strand sondern in der Buchhandlung, die meine Frau und ich aufgebaut hatten. Eingehängt am Arm einer etwas jüngeren Frau trat er ein. Damals begannen schon seine Schwierigkeiten mit der Sehkraft. Er näherte sich dem Verkaufspult und verlangte einige Exemplare englischer Literatur. Meine Frau bediente sie, da ich gerade mit einem anderen Kunden beschäftigt war. Als ich fertig war, näherte ich mich der Kassa und von dort aus bemerkte ich eine Handbewegung und ein Lächeln, das mir bekannt vorkam. Ich konnte meinen Blick von dem Paar nicht abwenden. Als sie fertig waren, wollten sie zahlen. Der Mann steckte die Hand in die Jackentasche und zog eine Geldtasche heraus. Ich las den Preis vor, und daraufhin hob er seinen Blick, als würde er mehr Licht suchen um sich zu erinnern, woher er diese Stimme kannte. Aber das wunderbare Gedächtnis Borges brauchte nicht lange um zu sagen: " Erkennst du mich? Als wir klein waren, trafen wir uns eines Sommers am Strand, ich hatte einen Kübel, eine Schaufel und ein rotgestreiftes Badetrikot." - Ich erinnerte mich. - "Jorge, nicht wahr, aber ich erinnere mich nicht an den Familiennamen" - sagte ich, "in diesem Alter zählt der Familienname nicht." "Borges" - antwortete er. "Jorge Luis Borges. Was für eine Überraschung, sich nach so vielen Jahren zu treffen!" fügte er hinzu. " Wie gut ging es mir jenen Sommer in Mar del Plata." Meine Frau kam aus dem Staunen nicht heraus, ich muß zugeben, ich auch nicht. Wir luden ihn zum Essen ein, doch er hatte an diesem Abend schon eine Verabredung. "Frau Ocampo hat ein Treffen in ihrem Haus und ich darf schon aus Freundschaft nicht fehlen", erzählte er uns. Wir verschoben es auf den nächsten Abend. Es lohnt nicht die Mühe zu beschreiben, wie nervös meine Frau, meine 6 Kinder und ich waren. Meine Kinder vor allem aus Ansteckung und mein Ältester, weil ich sagte, es käme ein Herr, der in seinem Literaturbuch vorkomme. Wir verteilten Bücher für den Fall, daß es eine Möglichkeit geben würde, eine Widmung zu bekommen. Meine Frau kaufte Blumen und bereitete Steaks zu, wie sie niemand besser machen könnte. Es wurde spät. Sie kamen nicht zum Abendessen. Das Telefon klingelte auch nicht. Wir entschieden, daß die Kleineren den Pyjama anziehen sollten. Es vergingen 2 Stunden. Meine Größeren entschieden, daß mein berühmter Freund entweder zu beschäftigt sei oder das Haus nicht gefunden hätte, oder sich nicht gut gefühlt oder die Adresse und die Telefonnummer verloren hätte. Mit so vielen "oder" schliefen sie im Sessel ein und wir mußten sie ins Bett tragen. Meine Frau und ich aßen die Beefsteaks, stießen mit den Weingläsern an und lächelten während immer wieder einer von uns wiederholte: "Wie war der Nachname?"
Übersetzung: Theki Schirz
Adresse: Universität Salzburg, Akademiestraße 24, 5020 Salzburg - AUSTRIA E-Mail: beatriz.gomez@sbg.ac.at
Cortázar und seine onthologische Suche - Yolanda Westphalen
Yolanda Westphalen ist Doktorin der Literatur an der Universidad Nacional Mayor von San Marcos in Lima, sie erhielt zwei internationale Preise: der erste ist der für Literatur Lateinamerikas und der Karibik "Gabriela Mistral 1999", in Paris von Indigo Côté - Femme Editions verliehen und der zweite Preis wurde ihr vom Instituto Literario y Cultural Hispánico für ihren wertvollen Beitrag zur Literatur der Hispanischen Welt im August 2000 in Lima, Peru, überreicht. Sie ist Dichterin, Erzählerin, Essayistin, Verfasserin bibliografischer Arbeiten und Kulturjournalistin.
Cortázar und seine onthologische Suche
Nachdem ich wieder einmal die Lektüre des Romans Rayuela von Julio Cortázar beendet habe, muss ich anerkennen, dass das Gesamtwerk dieses argentinischen Autors ihn als einen der bedeutendsten Schriftsteller der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts bestätigt. Die Erlebens- und Ausdruckswelt Cortázars versucht mit Intelligenz und vernichtender Ironie, die Welt voll des wissenschaftlichen Optimismus unserer Zivilisation aufs Korn zu nehmen, sie zerstört diese blinde Bewunderung für die fortschreitende technische Entwicklung, auf die wir im 20. Jahrhundert so stolz sind, ein Ballast, den wir seit dem 18. Jhdt. mit uns schleppen. Hier hakt Cortázar seinen beißenden Stachel mit der Begabung eines geschickten Künstlers ein und stiftet damit Verwirrung in der bürgerlichen Welt des Alltagsmenschen, er verteidigt einen integralen Humanismus und den höchsten Wert des Lebens über dem mathematischen und präzisen einer Gleichung. Cortázar schafft ein existentielles Klima in seinen Erzählungen und Romanen, er versinkt in eine ontologische Suche, durch welche er die radikale Wahrheit des Universums erlangen und das innerste Wesen des Menschen enthüllen möchte. In seinen Werken wird das Gesellschaftsproblem und die metaphysische Unruhe greifbar. Cortázar sucht, über seine Person, für sich und seine Doubles (Olivera, Jhony Carter) usw., die eigene menschliche, immanente und transzendente Verwirklichung, daher rührt die Schwierigkeit seiner Lektüre, aber der Schriftsteller fährt in seinen Büchern unerbittlich fort, dieses Chaos zu schaffen, das in seinem Bewusstsein lebt, ein Chaos, das uns direkt ins Absurde führt, indem er legitim Gebrauch von einem authentischen Surrealismus macht, ohne Übertreibungen noch Schüchternheiten, dann wiederum zieht er uns mit einem Salto zum anderen Rand des Feststellbaren, auf eine neue Realität zu, wie er sie vorher empfindet, sie aber noch nicht in EINER objektiv festgestellten Possession gefasst ist, ein Faktor, der für ihn überhaupt keine Bedeutung hat. In seinen Erzählungen und Romanen zerstört Cortázar die traditionelle Vorstellung, die wir von der Realität haben und er stellt sich den Problemen der ewigen Fragen des Menschen: Zeit, Ewigkeit, Wahrheit, Gott, Schmerz, gut und schlecht. Er zerstört auch die traditionelle Vorstellung der literarischen Genres in ihrer Exklusivität und er schafft eine scheinbare Zusammenhanglosigkeit, eine Diskontinuität ohne genaue Chronologie, eine Unordnung, in der das Chaos die Wurzel einer erspähten Wahrheit ist und die man nur schwer erreicht, nach einer grausamen Schlacht im Kampf mit der Erneuerung der Sprache, die das eine Mal elegant und gelehrt und dann wieder vulgär ist und argentinische Gaunersprache oder das Lunfardo aus Buenos Aires gebraucht, je nachdem, ob die Situation die eine oder andere erfordert. Cortázar bricht die mentalen Schemata des Durchschnittslesers auf, in seinem Werk spaltet sich die Realität in multiple Realitäten auf, aber sein Anspruch ist es, diesen Pluralismus, sei es das Irrationale, das Konkrete, das Intuitive, das Wissenschaftliche und das Poetische in eine einzige Wahrheit zu fusionieren, die existiert und die ums Wörter-Eck auf uns wartet. Diese neue Realität ist menschlicher, weniger konventionell, geht jenseits der Grenze des Gegebenen. Unter seinen berühmtesten Werken ist Der Verfolger, für mich die beste Erzählung in spanischer Sprache und der Roman Rayuela einer der besten aller in der heutigen Zeit verfassten. Cortázar ist der Meister des Paradoxen. Seine Personen leben in Schweiß und Tränen, in Fleisch und Geist, aber er spielt auch mit dem schwarzen Humor und zwingt uns manchmal, einen Salto mortale außerhalb der Zeit zu machen und schafft so Ewigkeit. Die Worte haben einen beinahe zeremoniellen Sinn, er weiß, dass er mit ihnen die ganze eigene und fremde Realität ausspielt, sie sind wie Exorzismen, die es uns erlauben, eine hermetisch ferne, für Cortázar aber in Besitz zu nehmende Perspektive zu erspähen. Hierin liegt der Kern seiner Schöpfung. Die Kraft seiner Erzählungen und Romane ist durchschlagend, ihre Worte leidenschaftlich gespannt, höchst nachdrücklich und gültig. Seine Erzählkunst erfordert ein Maximum an Strenge und auch ein Maximum an Freiheit. Er ist der große Sehende, der ständige Schöpfer des Absoluten. Er fühlt, dass er durch diesen Anspruch gebunden ist und drückt dieses Problem mit einer Sprache aus, die eine Dynamik der Intellektualität, Ironie und Kunst hervorbringt. Einige Male schafft er in Rayuela das große Paradoxon des Schriftstellers, der mit dem Wort lebt und gegen es kämpft. Bei seiner Lektüre gibt es wertvollste Momente, die zur Stille zwingen. Cortázars Anspruch ist es, die logischen Strukturen der Sprache abzuändern, um das Denken und Schätzen des Menschen zu verändern. Es fehlte ihm die Zeit, sein Werk zu vollenden. Cortázar schätzt den Begriff der Figur sehr, die eine Reihe von Wesen umfasst, wenn sie sich in bestimmte Situationen begibt. Er schafft Kohärenzen in einem ontologischen Umfeld, indem er Pläne schmiedet, die von anderen Gesetzen, von anderen Strukturen geleitet werden, die die tägliche Realität des Menschen durchbrechen und dadurch für ihn die allgemeinen Auffassungen von Raum und Zeit zerstören. Das Thema des Doubles (eine Person, die gleichzeitig sie selbst und ihr "alter ego" ist) ist eine Konstante im Werk Cortázars und verbindet sich manchmal mit dem der Figuren in einigen seiner Erzählungen, wodurch eine Beziehung zwischen den verschiedenen Elementen hergestellt wird, die, unter einer rationalen Lupe betrachtet, ein unzulässiges Geschehen hervorbringen, das aber für den vom Werk des Autors durchdrungenen Leser von undurchdringbarem Wert ist. So bezeugen wir diesem vorzüglichen argentinischen Autor unsere Ehrerbietung, der den Bereich des konkreten Realen übertrat und sich in der Ewigkeit des Absoluten eingerichtet hat und wir werden sein diskursives, inquisitorisches und chaotisches Werk immer wieder lesen, das uns in die Innerlichkeit der Welt Julio Cortázars setzt, welcher das Zeitalter der Vernunft ablehnt, weil er eine neue Theorie der Erkenntnis hat, die er lebt und die er uns als eine brennende Frage erleben läßt, die uns von der technologischen Materialität als einzigem Objekt des Glaubens entfernt und die uns das Leben bruchstückhaft übergibt, damit der Leser es annehme und neu schaffe.
Übersetzung: Ulrike Zomorrodian-Santner
Adresse: Batallón Libre de Trujillo 180, Surco, Lima 33 - PERU
Gedichte - Lisa Mayer
Lisa Mayer, geboren 1954 in Nassereith/Tirol. Lebt seit 1977 in Puch, Salzburg. Schreibt vorwiegend Lyrik und Kurzprosa. Zahlreiche veröffentlichungen in Literaturzeitschriften. Salzburger Lyrikpreis 1998. "Auf dem Dächern wird wieder getrommelt" ist ihr erstes Buch (Haymon Verlag, Innsbruck, 1999).
Vor der Reise
streif den Weg von den Füßen
steh auf nimm die senkrechte Schleuse laß dich waschen vom Feuer und fortschicken, auf nie mehr
Wiedersehen
nimm aus Versehen den allseits gefürchteten Umweg
verirre dich gründlich
das Gekreisch unterm hut laß frei und auffliegen
offensichtlich wie zärtlich der Tag aus dem Feld bricht die Hügel sich aufmachen verstockte Mauern das Haus verlassen
am großen verlorenen Fenster erkennst du dich wieder
du riefst dich aus jeglicher Richtung beim eigenen Namen
WIR TRETEN EIN IN DIESEN AUGENBLICK IN DIE UNVERMEIDLICH LETZTE ENGE DES SAMENKORNS
Memento
das Buch ohne Anfang
auf der dünnen Schicht Tag die Zeilen entlanggehen ohne Geländer
unter den Schritten löst sich der Strang des Geschriebenen auf
an den Fußsohlen brennen die Farben
die Inschrift im Weiß der Knochen erinnern das unter die Haut genähte Bild
an der Innenseite der Arme die kleinen Gesichter der Kinder im Ohr ihre Schritte auf den Treppen fremder Kontinente
zwischen den Brüsten das Jüngerwerden der Stimmen das Zurückkriechen der Schreie in die warmen Falten des Schlafs
Morgengabe
Ein weißes Geviert durch das die Wolken eine Handvoll Blau schieben, an das Fußende der Träume
Dein Elfenbein, liegt zwischen den Laken leicht, eine Muschel hin und hergetragen zwischen Tag und Nacht
Das Meer rollt sich ein, ins Pflaumenblaue wo nachts die Namen fallen uns steigen geschaukelt im Netz deiner hauchdünnen Blicke
Draußen die Singstimme der Zeit, über den Dächern kichern die Pappelblätter
Hellhörig schläft das Wort auf der Zunge, ohne Bitternis noch
Das Herz im weißen Hermelin kämmt aus deinem Schlaf die zerbrochenen Bilder fügt Augenblick an Augenblick doch lose, mit feinen Sprüngen dazwischen
Ohne Gewähr
Auf den Dächern reichen die Vögel mit breitem Gelächter den Tag weiter
In den warmen Bäuchen der Häuser drehen Kinder sich in ihren Träumen nach Osten
Einer schlägt der Nacht die Tür zu
Wieder das Dunkel in Schränke verstaut der Drossel geglaubt
Von weither lügt die Sonne
Adresse: Mühlbachsiedlung 568, 4512 Puch - ÖSTERREICH