XICÖATL 54

 

XICöATL

XICöATL: Ausgabe 54

XICöATL Nr. 54, Mai/Juni 2001
XICöATL 54

INHALT:

  • Leitartikel: Kulturbrücke. José E. Kameniecki und Luis Alfredo Duarte Herrera
  • Lyrik: Gedichte. Liliana Díaz Mindurry
  • Österreich: Zwei Texte. Kurt F. Svatek
  • Erzählkunst: Drei Erzählungen. Jorge Kattán Zablah
  • Erzählkunst: Eine Frage der Grenzziehnung. Carlos Aránguiz Zúñiga
  • Essay: Nietzsche in Freuds Wien. José E. Kameniecki

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Leitartikel 

Kulturbrücke - José E. Kameniecki und Luis Alfredo Duarte Herrera

Diejenigen, die glauben, dass ein Zusammenschluss zwischen den einzelnen Völkern möglich ist, sind davon überzeugt, dass eine offene Integration ihren Mittelpunkt in der Kultur haben und auf der Akzeptanz der Unterschiede jedes Volkes basieren muß. Für uns stimmt die Vorstellung der Integration damit überein, was Nietzsche so treffend als Große Politik bezeichnete. In Zeiten, in denen sich die Macht wie eine Amöbe aus gigantischen Scheinfüßlern, die sich überall breit machen, ausdehnt und die Forderung an die Menschen stellt, gleich und austauschbar zu sein, möchten wir unsere Brücke in diese Große Politik einfügen, als wirkungsvolle Antwort zugunsten einer Kultur, die auf der künstlerischen Schaffenskraft als Lebensinhalt basiert. Das bedeutet die Möglichkeit, eine bessere Zukunft für uns zu schaffen, die sich auf das Andersartige und Einzigartige stützt.

In der Antike galten Brücken als Heiligtümer. Das Land, das von den Göttern (durch Flüsse, Berge oder Meere) getrennt worden war, durfte nicht von Menschenhand verbunden werden. Um die Gottheiten zu beschwichtigen, bedurfte der Bau einer Brücke bestimmter Rituale. Deshalb trug in Rom der oberste Priester den Titel Sumo Pontifix (Oberster Brückenbauer). Interessant ist auch, dass das Wort Religion aus dem lateinischen religio abzustammen scheint, das eine bestimme Knotenart bezeichnete, die zum Brückenbau verwendet wurde.

FRANCACHELA (www.francachela.org), eine iberoamerikanische Zeitschrift für kulturelle Integration, geht eine Zusammenarbeit mit YAGE, Vereinigung für lateinamerikanische Kunst, Wissenschaft und Kultur, und dem lateinamerikanischen Kulturmagazin XICöATL ein, um die Grundpfeiler einer Brücke der Kultur zwischen Österreich und Iberoamerika zu legen, die alle Mitglieder durch Freundschaft, gemeinsame Träume und Leidenschaft für die Kunst miteinander verbindet. Ausgabe 21/22 von FRANCACHELA (die ersten beiden Trimester 2001) ist unter anderem auch österreichischen Künstlern gewidmet, deren Werke zweisprachig veröffentlicht werden. Dies ist der erste Schritt unserer Zusammenarbeit. Ohne schriftliche Vereinbarung, aber mit unserem Ehrenwort besiegeln wir das erste Stück dieser Brücke.

Lic. José E. Kameniecki, Herausgeber von FRANCACHELA

Während ich dieses Vorwort schreibe, verspüre ich eine Freude, die dem Gefühl ähnelt, das ich vor ein paar Jahren empfunden habe, als ich ein Kuvert öffnete, in dem sich die Ausgabe Nr. 14 der damaligen Revista Trinacional de Literatura y Arte FRANCACHELA befand, die ich durch Vermittlung von Cristina Pizzaro bekam, wenn ich mich recht erinnere. Ein ähnliches Gefühl der Freude verspürte ich auch, als die kulturelle Brücke zwischen Buenos Aires und Salzburg zustande kam, die von den Mitgliedern des Portal Cultural EL MURO (www.elmurocultural.com) geschlagen wurde.
Manchmal frage ich mich, wie sich unsere Erde entwickelt hätte, wären die verschiedenen Völker nicht durch Eroberung, Plünderung, Unterdrückung, Habgier und Abwertung anderer Kulturen miteinander in Berührung gekommen, sondern durch Neugier, Respekt, Unterricht, Lehre und gegenseitige Hilfe.
Aber lassen wir die Sehnsucht beiseite; schlußendlich ist jede Geschichte einzigartig und wir – EL MURO, FRANCACHELA und YAGE (XICöATL) – beginnen damit, unsere eigene Geschichte zu schreiben, mit Hilfe dieser neuen kulturellen Brücken, die wir jetzt bauen und mit der Literatur einweihen, und über die wir unsere eigene Richtung einschlagen wollen, unseren Kriterien für Integration und Austausch folgend: Neugier, Respekt, Unterricht, Lehre und gegenseitige Hilfe.

Dr. Luis Alfredo DUARTE HERRERA
Übersetzung: Angelika MOSER

Lyrik 
Liliana

Gedichte - Liliana Díaz Mindurry

Liliana Díaz Mindurry wurde 1953 in Buenos Aires geboren. Sie hat 14 Bücher veröffentlicht: Gedichte, Romane und Erzählungen. Ihr literarisches Werk wurde in verschiedenen Ländern ausgezeichnet. Sie ist Mitarbeiterin der Argentinischen Arbeitsgruppe der Zeitschrift Francachela.

Beharrlichkeit der Erinnerung

Von Salvador Dalí

Sie spricht über
sie weiß nicht worüber sie spricht
vielleicht über die Traurigkeit
oder über die Erinnerung die tropfenweise von der Zimmerdecke fällt,
und also
wie jemand der versucht denjenigen zum Atmen zu bringen der gerade stirbt
wie jemand der die Tintenflecken mit Wasser auswäscht, wie jemand der auf/den Steinen des Mondes
aus dem Inneren der Augen geht,
die Erinnerung
die Ameisen der Erinnerung
ihre flüssigen Uhren
ihre Alpträume.
Und schon nach der Erinnerung kann sie damit aufhören sich Greisenalter ins Haar zu geben, schauen
wie das Gras in den Händen der Kinder wächst im Hintergrund der Fotografien
den kalten Engel sehen den die Großmutter morgens nähte.
Sie spricht über
sie weiß nicht worüber sie spricht
über tropfende Uhren sie macht kaum das Geräusch einer Küchenschabe die man auf dem Boden zertritt
sie hört den Tod an sich, die einfache Reinheit des Todes
sie macht die Zigarette auf dem Boden der Tasse aus
und sie geht schlafen, eingehüllt in diese Fetzen die man Bettlaken nennt
sie trinkt das letzte Licht der Erinnerung.
(Im Bett hat sie keinen Platz langsam
brechen ihre Beine.)
Aus derartigen Gründen sterben die Menschen,
aus derartigen Gründen.
Leben ist nur eine Form von Ruchlosigkeit.

Übersetzung: Renato Vecellio

La Gioconda

von Leonardo Da Vinci

Sie lacht aus dem Hintergrund der Erinnerungen,
sie lacht aus dem Hintergrund der Hoffnungen
über das Blut dieser Katzen die niemand einfängt, über den letzten Glanz/den niemand in den Augen
der Fische sieht,
sie lacht über die Möbel der Schlafzimmer die unaussprechliche/Begierden
haben, über Hände die niemals dem Besitzer gehorchen,
sie lacht über die Tiger in der Ruhe des Meeres,
über die Rückseite der Gesichter.
Sie lacht über die Freude die der Kehle schadet, da sie Schmerz ist der/die Zunge versüßt,
sie lacht über die Vormittage,
über die Nachmittage,
über die verheißene Liebe und über die gefürchtete Hölle,
über diejenigen die die Zukunft auftrennen und eine Vergangenheit weben die nicht existierte/niemals
um auf den Balkonen zu hängen,
sie lacht über die Behaglichkeit der Säle wo das Wort Samt/und Seide ist, Durchsichtigkeit und Duft,
über trübes Kristall im Auge, über die letzte Wärme des Körpers
vor dem Tod. Sie lacht über das Herz wie eine erklingende Glocke, über das Netz das/zittert, über Gott, verborgen in den Opferstöcken der Kirchen, sie lacht über die dichten Wälder bis zum Rand anderer Wälder/dichte,
bis zum Rand anderer dichter Wälder.
Sie lacht,
sie lächelt,
sie weiß, daß kein in der Traurigkeit verlorener Tag wiederauferwacht
und daß Stein auf Stein nur eine Gewebe von Steinen ist.
(Die Diener waschen die Spiegel damit ihr Lächeln nicht/die Zukunft besudelt.)

Übersetzung: Renato Vecellio

Geheimnis und Schwermut einer Straße

von Giorgio de Chirico

Es gibt keinen Ort der nicht bedroht: das weiß man
es gibt keinen Ort durch den sie nicht kommt
jene Schattenlose.
(Kein Auge schläft)
Es gibt keine Schachtel des Schweigens, eine kleine Schachtel, kaum/halboffen
es gibt keine rosenrote Wind
um diese Zeit.
Um diese Zeit, in dieser Straße, im stöhnenden Wasser dieser Welt
Hat sie sie nicht gesehen. Sie hat sie nicht gesehen, jene Beohrringete,
jene Schattenlose.
Die Schönheit macht sie von Zeit zu Zeit erröten. Sie löscht die letzte Liebe aus/in den Knochen.
Kein Auge schläft.
Um diese Zeit, in dieser Straße, hat sie sie nicht gesehen.
Sie sagt nicht das Traurige, das Traurigste von allem.
Sie hat sie nicht gesehen. In der Ruine des Gefühls,
spricht sie und schweigt.
Sie hat sie nicht gesehen. Weil sie nicht gesehen hat. Weil sie nicht
jene Schattenlose ist. Die Hunde des Tagesanbruchs nähern sich nicht, sie trinken auch nicht das harte Wasser des/
Bachbettes das sie betritt
jene die der Geometrie der Straßen folgt,
jene die man weder begreifen noch ertragen kann,
jene die Samt im Inneren der Dinge ist
das Federkleid der Leere.
Sie hat sie eben nicht gesehen. Oder ist es nicht sie. Oder gibt es weder Straße noch Welt.
Die Worte fallen hinab
das Wunder öffnet Falten auf der Haut. Hiebe in der Luft. Sie bewahrt den/Wunsch zwischen den Lippen.
Null bedeutet nichts.
Null.
Sie hat sie nicht gesehen und es gibt kein Wunder, und sie ist es nicht.
Die Worte haben aufgehört übereinzustimmen.
Ein Schuß in der kleinen Schachtel des Schweigens die Worte fallen hinab.
Gott
lästert
draußen.

Übersetzung: Renato Vecellio

Gestalten in der Nacht

von Joan Miró

Was ich sage ist nicht das.
Es gab zwei.
Das ist nicht sicher.
War es einer und ein Spiegel, war es keiner?
Es gab zwei einer Tee- oder Kaffeetasse gegenüber oder war es ein/Trinkglas
oder nur ein Gefäß um ausgetrunken zu werden,
damit er und sie ausgetrunken werden,
will ich sagen,
gegenüber einem kleinen Chaos,
eine Öffnung,
ein Glanz der die/Gegenstände magnetisierte,
eine blaubeinige Spinne die Augenbrauen, Wimpern haben könnte,
die Lende aus Samt und Tanzbewegungen,
eine rosenrote Maus mit einem grünen Auge, eine Verzückung, die Öffnungen der Zeit, eine verstoßene
Katze auf Zehenspitzen in der Diele, die Süße des Todes auf der Zunge und auf den geschlossenen Augenlidern,
der graue Sirup der die Erinnerungen verunreinigte.
Die Nacht war nahe, will ich sagen,
die Nacht in der er und sie
getrunken wurden in einer Tee- oder Kaffeetasse oder in einem Trinkglas,
die Nacht war nahe, will ich sagen.
Einer sah und sagte.
Ein anderer konnte sehen und sagen, daß es etwas gab oder daß die Nacht nahe war oder daß der
Gedanke sich dehnte, zerbrochen, krampfhaft,
vor der Rückseite der Dinge, die Seide der Verrücktheit,
das andere Ufer will ich sagen,
was ich sage ist nicht das. Das weiß man schon. Und niemals wird es das sein. Weder vor noch/danach.
Es gab zwei, es ist nicht sicher,
die Nacht war nahe, das ist nicht sicher,
nichts von dem was ich sage ist sicher, aber die Nacht war nahe.
Es gab zwei und jene vergangene Nacht in der die Dinge umgekehrt liefen.
Der Mann ist schon tot.
Die Frau liebkost die Lende der Spinnen und küßt das grünliche Auge der Mäuse und umarmt die Dielenkatzen,
sie schläft in den Öffnungen der Zeit und erwacht verzückt
sie trägt ein zerrissenes Kleid mit Taschen in denen Chaos und Glanz/gemeinsam ruhen,
sie bewahrt den Sirup der Tage zwischen Düften und Giftfläschchen auf, und in den Schubladen, den Tod.
Die Frau schminkt sich das Gesicht mit Resten dieser Nacht und einige/deuten auf sie hin,
daß das was sie sagt nicht das ist.
(Es könnte ein jäher Abgrund von sehr fernen Ufern sein,
ein jäher Abgrund der Zeit die beim Stürzen Traurigkeit hervorbringt.
Es könnte eine der Formen von Haß, die älteste sein.)
Jetzt ist es schon
Angst.

Übersetzung: Renato Vecellio

Adresse: Rosario 841 1° 6, (1424) Buenos Aires - ARGENTINIEN
E-mail: idimi@infovia.com.ar

Österreich 
Kurt

Zwei Texte - Kurt F. Svatek

Kurt F. Svatek, Jahrgang 1949, lebt seit fast 30 Jahre seiner Familie im südlichen Niederösterreich. Der Pädagoge und Autor veröffentlichte bisher 14 Bücher (Haiku, Lyrik, Aphorismen, Essays, einen Roman). Etliche seiner Gedichte wurden bisher in 8 Sprachen übersetzt, daunter Japanisch und Hindi. Er erhielt zahlreiche Preise und ist Mitglied verschiedenster in- und ausländischer literarischer Vereinigungen, etwa des P.E.N.-Clubs oder der International Writer Association.

Ein Theaterstück

Es ist Geschichte und Fiktion, Rationales und Irrationales, Logisches und Unlogisches, Realität und Wahnsinn.

Es sprengt die Grenzen der Individualität und der Toleranz, von falschen Glauben und von falschen Zweifeln sowie der Gültigkeit der Gesetze.

Es vermittelt die Verletzlichkeit des Menschen und seiner Kultur, die Unfähigkeit sich zu verständigen, aber auch Augenblicke großer Kraft und Momente heiliger Stille.

Es zeigt wilden Fanatismus und zerstörerischen Haß, den Mißbrauch von Macht; es zeigt Verrat und Treue, den Drang zur Freiheit und die oft übergroße Sehnsucht nach ihr.

Es legt Zeugnis ab von Leidenschaft und aufopfernder Liebe, von Sinnenfreude und Verzicht.

Es vereinigt die verschiedensten Künste, darstellende und bildende Kunst, Literatur, Musik und Tanz zu einem harmonischen Ganzen.

In der Umgangssprache bezeichnen die Menschen als Theater auch Gezeter, Geschrei, Lärm und Getue. In manchen Zeiten haben Minister sogar das Parlament als Theater bezeichnet, aber damals war die Politik eben wirklich ein Trauerspiel. Nur konnte aus dieser Tragödie niemand nach zwei Stunden so ohne weiteres heimgehen.

Nun ist das alles auch noch ein Schauspiel oder nicht doch schon unsere alltägliche Welt?

Trotz alledem

Die österreichische Sprachmelodie
ist auch die deine,
wie Dichtung und Musik
und wie skurrile Lebensart,
mit all den Tragikomödien,

genauso wie die Schwermut
und der schwarze Humor.
Das ganze Wesen wurde eigentlich nur
aus längst vergangenen Zeiten
sorgsam herübergerettet.

Doch trotz all dieser Nähe
und Seelenverwandtschaft
würdest du nur allzugerne recht weit fortsein.
Oder vielleicht nicht trotz alledem,
sondern gerade deshalb.

Adresse: Villa Camena, Schwarzauerstr. 24a, 2624 Breitenau - ÖSTERREICH

Erzählkunst 
Jorge

3 Erzählungen - Jorge Kattán Zablah

Erzähler und Essayist aus Salvador (1939). Jurist (Chile) Literaturdoktorat der kalifornischen Universität (USA). Verlagsdirektor von Francachela in den USA, Kanada und Zentralamerika. Direktor der spanischen Abteilung des Defense Language Institute in Monterrey Kalifornien.

Er veröffentlichte ein Buch mit Essays und 4 Bücher mit Erzählungen. Seine Texte sind in Anthologien, Zeitschriften und anderen Publikationen Iberoamerikas erschienen. Über sein erzählerisches Werk wurden zahlreiche Essays herausgegeben und Vorträge an mehreren Universitäten Nord- und Zentralamerikas gehalten.

Die Unfehlbarkeit der Sybille

Sehr überrascht war die Sybille von Cojontepeque, Ña Tomasa Barillas, als sie auf der Schwelle ihrer bescheidenen Behausung den stolzen Besucher erblickte. Berücksichtigt man, daß man aufgrund ihrer Begabung als Weissagerin annehmen kann, daß sie alles weiß und deshalb jeglichem Schrecken gegenüber gefeit sein müßte, impliziert eben jene Überraschung einen verblüffenden Widerspruch. Aber man muß von den Dingen so Zeugnis geben wie sie geschahen und so sind sie in diesem Dokument erhalten. Ña Tomasa machte einen nichtigen Versuch ihre Verwirrung zu verbergen und nachdem sie ihm durch eine kurze Geste mit ihrer knochigen Hand einen Stuhl angeboten hatte, warf sie einen schiefen Blick, der das Mißtrauen, das ihr der ungewöhnliche Gast einflößte, offenbarte, auf den Staatspräsidenten. - Altes Weib, dein Ruhm hat bereits die engen Grenzen dieses Landes überschritten und in allen Winkeln des Planeten wird die Genauigkeit deiner Vorhersagen gerühmt. Es gibt welche, die dein Heim mit nichts Geringerem als dem Orakel von Delphi vergleichen. Und nach einer kurzen Pause fuhr er mit seiner einschüchternden Stimme fort: - Ich bin gekommen um deinen Rat zu erbitten, denn ich will eine benachbarte Nation überfallen. Mal sehen, alte Schelmin, was sagt deine Kristallkugel? Nachdem sie ihre mysteriöse Kugel einige Minuten, die sich für den ungeduldigen Besucher unendlich dehnten, erforscht hatte, gab sie mit ausgeprägtem Lakonismus ihr Gutachten ab. - Wenn Sie das machen, Exzellenz, zerstören Sie ein großes Land! Nachdem sie das gesagt hatte, schloss sie die Augen und fiel in einen unbeherrschbaren Schlaf. Worauf ihr Gast erwiderte: - Genau das ist es, was ich hören wollte! Und der Präsident griff mit all seiner militärischen Kraft die benachbarte Nation an, und, wie die Sybille vorausgesagt hatte, zerstörte er ein großes Land: sein eigenes.

Noch ein Selbstmord

Eusebio Padilla hatte diesen unseligen Entschluß die Nacht zuvor gefaßt. Er konnte nicht mehr zurück. Das wußte er sehr gut. Das geölte Getriebe und Räderwerk seiner Vorstellungskraft, das diesen Entschluß unterstützte, drehte sich ohne Unterlaß. Heute war er soweit, bei jenem Ritual die Hauptrolle zu spielen, der Kleidung entledigt, den ganzen Körper im Schlafzimmerspiegel betrachtend, in der rechten Hand den verchromten Revolver haltend. Der Schweiß, der die Wangen durchfurchte, bedeutete Verrat an der scheinbaren Gelassenheit. Plötzlich hob er die Waffe. Auf die Stirnmitte zielen und abdrücken waren ein einziger Akt. Die Splitter seines zersprungenen Kopfes flogen wie Pfeile durch das Zimmer. Aber es wurde kein Tropfen Blut vergossen. Um die Wahrheit zu sagen, es gab auch keinen Grund dafür, denn Eusebio, ängstlich von Geburt an, glaubte mit ganzem Herzen und zum eigenen Vorteil, daß die einzige Wirklichkeit, die von den Spiegeln reflektierte sei. Und so hatte er seinen 5. Selbstmord im übertragenen Sinne durchgeführt.

Seltsame Bitte

Seit jenem Tag, an dem der berühmte atheistische Philosoph Juan Álvarez Burgos auf geheimnisvolle Weise, ohne eine Spur zu hinterlassen, verschwand, waren genau 60 volle Tage vergangen. Seine verzweifelte Frau bat, in der Absicht, die Chancen auf das Wunder, ihn wieder ganz gesund und heil zurückkehren zu sehen, zu erhöhen, die Menschen der ganzen Welt, inständig, über alle für sie verfügbaren Kommunikationsmedien, daß sie bitte um des Allerheiligsten willen, davon Abstand nehmen mögen, für ihn zu beten.

Übersetzung: Klasse 8GA/2001 BG Hallein

Adresse: 3150 Sycamore Place, Carmel, Ca. 93923 - USA
E-mail: lasiguanaba1@altavista.com

Erzählkunst
Carlos

Eine Frage der Grenzziehung - Carlos Aránguiz Zúñiga

Carlos Aránguiz Zúñiga (Antofagasta 1953) ist Rechtsanwalt und Universitätslektor. Er wurde mit nationalen und internationalen Poesie- und Literaturpreisen ausgezeichnet. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht.

Er ist Gründer der Zeitschrift FRANCACHELA und im nördlichen Patagonien hat er seit 1989 eine Kulturbewegung aufgebaut, aufgrund der diese karge Region jetzt an der kulturellen Landschaft Lateinamerikas Anteil nimmt.

Eine Frage der Grenzziehung

Fast die ganze Nacht hatte er in Argentinien geschlafen, aber als sein Hahn lauthals krähte bewegte Lindor Vargas seinen breiten Körper mit einem behäbigen Ruck in der düsteren Miststatt, die ihm als Bett diente, auf chilenisches Territorium. Die Decke aus grober Wolle verhedderte sich in seinen Beinen, aber sein einziges Laken aus Jute, das die Vliesmatratze überzog, blieb großteils auf argentinischem Gebiet liegen Um Punkt sechs erhob er sich auf die chilenische Seite und näherte sich danach argentinischem Territorium, um den Teekessel auf das Feuer zu stellen, das dank der guten Qualität des Ñirre Holzes noch immer glühte. Sein Haus stand genau auf der Grenze zwischen den beiden Ländern, und das war sicher nicht seine schrullige Idee gewesen. Er war viele Jahre vor diesen Typen von der gemischten Grenzkommission hierher gekommen und hatte nicht den geringsten Anteil daran gehabt, dass hier eine Trennungslinie errichtet wurde, überragt von einem Grenzstein aus Zement und Bronze, genau am Eingang zu seiner Hütte. Und seine Auflehnung dagegen war so gut wie vorprogrammiert; seine Geduld riss, als sie in sein Anwesen eindrangen, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen, und aus dem Brunnen Wasser holten, um das Material für das symbolische Machwerk anzumischen. Also beschloss Lindor Vargas, sein Bett in der Mitte des Zimmers aufzustellen, da, wo die unsichtbare Grenzlinie verlaufen musste, und genau dorthin bewegte er in der Folge alle seine notwendigsten Möbel. Nun konnte er mit absoluter Sicherheit behaupten, daß er über der Grenzlinie, die ihm diese Herren in Hemd und Kragen verpasst hatten, - die in sorg-fäl-tig ge-trenn-ten Silben zu ihm sprachen, als verstünde er die Sprache nicht, vielleicht dachten sie, in der Pampa siedelten sich nur Ignoranten an -, daß er genau dort aß, schiss und schlief. Die Gendarmen und die Carabinieri hatten jahrelang erfolglose Wetten darüber abgeschlossen, wer ihn wohl überzeugen könnte, sich zu einer oder der anderen Seite zu bekennen, so dass er der entsprechenden Nationalität zuzuordnen wäre; vor einiger Zeit hatte man dann beschlossen, er möge beiden Ländern angehören. Indes: Er war ein einsamer Mann mit einem singendem Ton in seiner Stimme, er konnte also genauso gut auf einer entvölkerten Insel von Chiloé wie in der grimmigen Kälte des Río Gallegos geboren sein. Sein breiter kleiner Körper, der von schlanken Armen flankiert wurde, verlieh ihm das Aussehen einer Keramikpfanne aus Portoibaña und ließ auf direkte indigene Vorfahren schließen, die er gerne hervorkehrte, indem er die Sprache der Indigenas durch kurze gehauchte Worte nachahmte, eine Sprache, die nicht aus der Pampa kommen konnte, aber auch nicht aus Feuerland, so wie es die Männer von der Grenzkommission letztlich vermutet hatten, worauf sie sich in der Eile leichtfertig dafür entschieden, mit ihm in abgehackten Silben und mit Gesten zu kommunizieren. Das Wasser im Kessel auf der Feuerstelle kochte, da hörte man von ferne Stimmen. - He! Du da, im Haus! Lindor machte weiter seine Handgriffe, als habe er nichts gehört. Er ging zum chilenischen Schrank, der auf argentinischem Boden stand und nahm aus einem Steinguttopf eine Handvoll Kräuter heraus, die er mit einem Rohr in die Mate-Schale drückte. Er zog den Ärmel über die Hand, um den Kessel vom Feuer zu nehmen und ging bis zum Tisch, der genau auf der Grenze stand; dort setzte er sich hin, auf chilenischer Seite. Die Schritte der Pferde verstummten am Zaun vor dem Eingang. Die drei Reiter murmelten einige Worte, bevor sie von den Pferden stiegen. Einer von ihnen schlug mit der Peitsche an die Eingangstür, aber da drangen die beiden anderen schon in die Wohnung ein, ohne eine Antwort abzuwarten. Lindor zerbröselte ein Brot und begann es zu verschlingen, täuschte dabei großen Hunger vor. - Guten Tag! Ist es erlaubt?, rief einer der Männer zum Gruß und ging durch die Tür, ohne eine Einladung abzuwarten. Lindor konnte im Halbdunkel den hellen Dunst des Atems seiner Besucher ausnehmen, ohne sich von der Stelle zu rühren. Wir sind vom SAG, teilte der zweite Mann mit, der nun auch eingedrungen war; er war in einen Poncho gehüllt und trug einen Filzhut. - Von der staatlichen Rinderbehörde, dem Servicio Agricultor y Ganadero, klärte ihn der andere auf, während er die Tür hinter sich schloss. Lindor sah sie unbeteiligt durch den Dampf der Teekanne an und stieß ein Grunzen aus, das die Besucher für die Einladung hielten, sich an den Tisch zu setzen. Einer setzte sich zum Hausbesitzer, auf chilenisches Territorium, und die anderen zwei ihm gegenüber, auf argentinischen Boden. -Darf ich, fragte der erste, der hereingekommen war, nahm dabei eine Tasse und füllte sie mit Mate. Die anderen beiden blickten sich an und wussten nicht recht, wie sie anfangen sollten. Wir haben den Auftrag, Ihre Kühe zu schlachten, hob der eine mit gebrochener Stimme an, die ihm in der Brust stecken zu bleiben schien. Wegen der Maul- und Klauenseuche, Sie wissen schon, fügte der mit dem Filzhut hinzu. In Argentinien ist eine Epidemie ausgebrochen und jedes Risiko muß eliminiert werden. Lindor blickte sie abwechselnd an, als begutachtete er ein dürres Rind, das sie ihm verkaufen wollten. Wissen Sie, wie viel es kostet, hier eine Kuh groß zu ziehen?, fragte er plötzlich, strich dabei sanft über seine leere Mateschale. Natürlich wissen wir das... aber es ist zum Wohle des - Und welchen Landes? fragte erzürnt der Besuchte. Die Beamten sahen sich einen Augenblick an und schwiegen. Sie merkten, daß der Bauer zornig war und wollten die Situation nicht noch verschlimmern. Der eine, der ihm gegenüber saß und der einen schmalen, gepflegten Schnurrbart trug, stand auf, zog den Parka zurecht und ging zur Tür. Lindor richtete sich ebenfalls auf, flink wie ein Reh, und noch bevor der Mann hinaustreten konnte, hatte er sein Gewehr gezogen und zielte auf ihn. Er stieß ein paar Rufe aus, die Besucher konnten sie nicht verstehen, sehr wohl aber seine Gesten. Sie standen langsam auf, streckten ihm ihre Hände entgegen, um anzuzeigen, dass sie unbewaffnet waren und verließen lauten Schrittes die Hütte. Als sie sich ihren Pferden näherten, hörten sie drei trockene und lange Schüsse. Und sie sahen, wie die Pferde nacheinander zu Boden stürzten, sie hatten je eine Kugel treffsicher zwischen den Augen. Die Präzision des Bauern ließ die Männer mit offenen Mündern und erstarrt dastehen. -Das nächste Mal, wenn so ein Scheißkerl kommt und sich mit meinen Tieren anlegt, fange ich bei ihm an!, brüllte Lindor und ging in die Hütte zurück. Einer der Beamten wagte es, ihn zu beschimpfen: -Das wird Sie teuer zu stehen kommen! Die Pferde waren Staatseigentum! Lindor wandte sich zu ihnen um, und die Männer wichen zurück, bis sie mit dem Rücken am Zaun anstießen. - Das Verbrechen geschah in Argentinien. Sie werden viele Formalitäten erledigen müssen, gab er zurück und drehte sich sogleich auf seinen Fersen um; und seine breite, dunkle Gestalt verlor sich im Dunkel der Tür. Er hörte sie weggehen, zu Fuß, sie kamen auf dem schlechten Weg kaum vorwärts, während über den toten Tieren schon die ersten Aasgeier flatterten. Der Tag öffnete seine Helle und seinen Duft in einem Fächer, der von Gottes Hand gehalten wurde. Der nächste Tag erwachte hingegen düster und unheilvoll, als hätte der Wind, der über die sanften Hügel der Pampa fegte, denselben Fächer brüsk geschlossen. In der Luft vernahm man das Lärmen aufgescheuchter Tiere, die Windstöße im Bartgras, das Geschrei raufender Vögel. Lindor hörte nicht, wie sich die Gefolgschaft derselben drei Männer und vier Carabinieri zur Mittagsstunde der Ranch näherten. Er war damit beschäftigt, die prallen Schafe zu scheren. Unteroffizier Lira vom Militärposten Coyhaique Alto fand ihn im Hof vor. Sie kannten sich nur zu gut, schon oft hatten sie gemeinsam Mate getrunken, gespielt oder gegessen, auch teilten sie gemeinsame Erinnerungen an tückische Schneegestöber und an weite Entfernungen. Wie auch der Unterleutnant Fuentealba, vom drei Kilometer entfernten Gendarmerieposten, fühlte sich der Unteroffizier dem bedrängten Ansiedler solidarisch verbunden, obwohl noch nie ein klares Zeichen von Freundschaft an ihm zu erkennen gewesen wäre. Die drei trafen einander üblicherweise auf der angrenzenden Ranch, tauschten dort ihre Männersorgen und Freuden aus. -Jetzt haben Sie es zu weit getrieben, nicht wahr, Lindor!, beteuerte der Polizist und hob seine Hand zum Gruß an die Mütze. Der Bauer prüfte einen Moment lang die Klinge seines Messers und arbeitete weiter. Doch nach einiger Zeit, als er die schwarzen Lederstiefel nur mehr einen Meter entfernt sah, fühlte er sich zur Antwort genötigt: - Sie wissen wie viel es kostet, hier eine Kuh groß zu ziehen Der Polizist hob den Schirm seiner Mütze etwas an. Seine Stimme war sanft und versöhnlich. -Ja, aber Sie hatten kein Recht, die Tiere der SAG Beamten zu töten.... Lindor richtete sich in ganzer knapper Größe auf. Er streckte sich, um die Wirbelsäule zu entspannen, wobei seine Wirbel krachten. Er drehte sich zum Polizisten um, und da bemerkte er, daß eine ganze Gefolgschaft in den Hof eindrang. -Das war auf argentinischem Boden, erklärte er regungslos. Der Unteroffizier Lira sah den Bauern an, dessen Gesicht diese Region verkörperte, und er glaubte, zu bemerken, wie sich seine zusammengekniffenen Augen mit Tränen füllten. Tiefe Besorgnis legte sich wie ein bleierner Poncho um ihn, niemals hatte er in seinem Leben so tiefe Trauer an einem Menschen gesehen. In seinen Gedanken zogen die Tage der Grenzkommission vorbei, die er hunderte Kilometer weit eskortieren musste und deren einziges Hindernis das Haus des Bauern gewesen war, das genau in der Mitte des Grenzverlaufs stand. Er erinnerte sich an die Bitten dieses kleinen breiten Mannes, sie mögen ihre Streitigkeiten einige Meter oberhalb oder unterhalb von jenem Platz austragen, der seine Hoffnungen so vieler Jahre beherbergt hatte. Und nicht einmal damals hatte er dieses Wasser in seinen maulbeerfarbenen Augen bemerkt. Die Besucher starrten einander mit verzerrten Gesichtern an. Sie hatten ein fulminanteres und effektvolleres Ende erwartet, nicht dieses lange Schweigen, das ihnen so unbequem wurde wie ein gelockerter Sattel. Der Mann mit dem schmalen Schnurrbart wollte etwas sagen, aber Unteroffizier Lira hinderte ihn daran: -Die Herren vom SAG... haben Sie die Pferde gesehen? -Ja!, riefen alle drei gleichzeitig. -Und sind ihre Überreste auf derselben Stelle, wo sie gestern zurückgeblieben waren? -Ja, antworteten sie abermals. Der Polizist wandte sich zum Gehen, ließ die Peitsche knallen. -Dann kann man nichts machen. Der Vorfall passierte auf argentinischem Boden... Und er ging zu seinem verschreckten Grauschimmel, der sich aufbäumte beim Anblick dutzender Aasgeier die sich über die seit dem Vortage aufgerissenen Pferdeleiber hergemacht halten.

Aus dem Buch Cuentos Bioceánicos. Verlag Universidad de Los Lagos, Chile, 1997.

Übersetzung: Ulrike Hofmann und Christian Fuchs

Adresse: Casilla 34-D, Coyhaique - CHILE
E-mail: aranguizgonzalez@entelchile.net

Essay 
José E. Kameniecki

Nietzsche in Freuds Wien - José E. Kameniecki

José Ezequiel KAMENIECKI wurde in Buenos Aires geboren. Er ist Psychologe und Spezialist für klinische Psychologie. Seine Essays und Erzählungen erschienen in verschiedenen argentinischen und ausländischen Publikationen. Er erhielt mehrere Preise und Erwähnungen bei Literaturwettbewerben. Zur Zeit ist er Herausgeber und Direktor der Revista Internacional de Arte y Literatura FRANCACHELA. Er hat viele Vorträge über Literatur, Philosophie und Psychoanalyse im In- und Ausland gehalten.

Nietzsche in Freuds Wien

Beinahe ein Jahrhundert nach den Ereignissen, von welchen in der Folge die Rede sein wird, haben zwei Positionen, welche die Begründung der Psychoanalyse kennzeichneten, noch immer ihre Gültigkeit. Eine, die man wohl wissenschaftlich oder substantialistisch nennen sollte, postuliert eine scheinbar und im Wesen gespaltene Welt, mit einer Unbekannten, dem Kantianischen "X" oder der letzten und universellen, grundlegenden Wahrheit, die in dem Maße ergründet werden würde, in welchem die Wissenschaft und die Technik voranschreiten; kurz, eine Psychoanalyse, die von Historizismus und, warum sollte man es nicht sagen, von Moralin durchtränkt ist. Die andere, ein vom Epochalen umschriebenes Wissen, nihilistisch und das Göttliche verleugnend, die nicht an ein Jenseits glaubt, an eine Realität an sich hinter der Maske, die lineare Sicht der Zeitlichkeit abbauend, den "Fortschritt" und den "Humanismus" negierend: die Welt als ethisch-ästhetische Interpretation; kurz, eine Auffassung, welcher der Einfluss Nietzsches nicht abgesprochen werden kann. Bei zwei Gelegenheiten wurde das Thema "Nietzsche" von der Wiener Psychoanalytischen Gesellschaft angesprochen, einer Gruppe von Schülern, welche seit dem Herbst des Jahres 1902 Freud umgaben, um sich im neuen Wissen fortzubilden. Die Treffen fanden einmal pro Woche statt (jeden Mittwoch um 20.30) und wurden von Otto Rank festgehalten, der als Sekretär fungierte. Hier beziehen wir uns auf das, was am Abend des 1. April 1908, wenige Wochen vor dem Psychoanalytischen Kongress in Salzburg, geschah.

EIN FRÜHLINGSABEND

Wenige Minuten bevor die Pendeluhr acht schlug, erklärte er die Sitzung für geschlossen, nicht ohne vorher die Zeit mit der Taschenuhr seines Gilets zu vergleichen. Er begleitete den Patienten bis zur Haustür, und während er sich von Dr. Lorenz mit einem Händedruck verabschiedete - von jenem jungen Anwalt, der an schweren Symptomen obsessiver Neurose litt und als der "Fall des Mannes mit den Ratten" in die Geschichte eingehen sollte - atmete Freud tief die duftende Abendluft ein. Nach fast zehn Stunden des Eingesperrtseins brauchte er Entspannung. Er blickte in den Sternenhimmel, während er den Mund öffnete und schloss und sich die Brise mitten ins Gesicht blasen ließ; er versuchte, die unangenehmen Vorzeichen einer Krankheit, die ein Jahrzehnt später ausbrechen sollte, zu mildern. Er suchte eine bequeme Haltung, die Beine auseinander und die Hände, welche die Ärmel seines Sakkos nicht vollständig bedeckten, in die Seiten gestemmt. Im Geiste ging er einige Assoziationen des Patienten hinsichtlich einer nicht zurückzahlbaren Schuld durch, als ihn die Lust zu rauchen in die Wirklichkeit zurückholte. Er zündete sich eine seiner teuren kubanischen Zigarren "Romeo y Julieta" an und ging, ohne sich weit von der Tür fortzubewegen, wobei er nervöse Züge machte. Er schickte sich schon wieder an, das Haus zu betreten, als er die Figur eines Mannes sah, der in von ferne grüßte, wobei er mit dem Arm winkte. Es war Otto Rank, der eine halbe Stunde früher gekommen war, um ihm zu helfen, die Stühle um den imposanten, gerade erst angeschafften Tisch anzuordnen, den der Herr Professor eigens für die Treffen der Gesellschaft aufgestellt hatte. So gab er ein Zeichen, dass er sich nähern solle und beschloss, das Überdenken seiner letzten Sitzung auf einen anderen Zeitpunkt zu verschieben.

ERSTER ABEND

Freud, der im darauffolgenden Monat 52 Jahre alt werden sollte, war auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Berühmte Ärzte, sowohl aus Österreich als auch aus dem Ausland, wandten sich an ihn, um sich in der neuen Kunst, im neuen Wissen, fortzubilden. Er hatte sich auch große Feinde geschaffen, Konservative und Moralisten, die im Schöpfer der Psychoanalyse die Personifizierung allen Übels sahen. Aber in Wien, im Haus Berggasse 19, vormaligem Schauplatz hitziger Diskussionen um Nietzsche, sollte an jenem Abend ein weiteres Mal der "Dämon" des Philosophen angerufen werden. Eduard Hitschmann, der eine kommentierte Lesung über Die Genealogie der Moral vorbereitet hatte, traf als zweiter ein. Unter dem Arm trug er ein Exemplar, aufgebläht durch eine Menge von Lesezeichen in den Seiten mit Zitaten, die er vorzulesen gedachte, und ein Manuskript. Zur festgesetzten Zeit saßen der Meister und seine zwölf Schüler um den Tisch. Hitschmann las eine Reihe von Fragmenten aus Was bedeuten die asketischen Ideale? drittes Traktat des besagten Textes. Mittels des Verfahrens, das als "angewandte Psychoanalyse" bekannt ist - einer unter jedem Gesichtspunkt an sich zu hinterfragenden Methode - verknüpfte er die biographischen Daten Nietzsches mit den ausgewählten Absätzen, sodass sie zwangsläufig mit den Vorstellungen Freuds vereinbar wurden. Nachdem er Nietzsche als Philosophen herabgemindert hatte, und ihn in die Kategorie eines Moralisten verbannte, zeigte er den Widerspruch zwischen der Kritik des asketischen Ideals, welche der Autor vorgenommen hatte und der sexuellen Askese, die er gelebt hatte, auf (es sei angemerkt, dass bezüglich Nietzsches Sexualität die unsinnigsten Gerüchte in die Welt gesetzt wurden, während in Wahrheit sehr wenig über diesen Aspekt seines Intimlebens bekannt ist). Die Schlüsse, mit welchen Hitschmann sein Referat bezüglich der psychosexuellen Verfassung des Philosophen beendete, wurden von jenen nicht gut aufgenommen, die in ihm Vorstellungen gewahrten, welche den Theorien des Meisters ähnlich waren. Es folgte Isidor Sadger, der auf der gleichen Linie wie Hitschmann, wenngleich auf arrogante Art, meinte, dass die Symptome, unter welchen der Denker litt - Verdauungsschwäche, Migräne, Depressionen - auf Hysterie hindeuten. Er sprach von "epileptoiden Zuständen ohne Verlust des Bewusstseins" was ihn Nietzsche als ein "typisches Beispiel eines erkranken Subjekts" betrachten ließ. Dieser letzte Satz entfesselte den sofortigen Protest Adlers, Grafs, Federns und anderer, die sich entrüstet von ihren Stühlen erhoben, entschlossen, sich zurückzuziehen. Freud griff nun ein und konnte die Gemüter besänftigen, sodass sie blieben, um frei ihre Meinung auszudrücken.

VERTEIDIGUNG NIETZSCHES

Die Darstellung der Verteidigung begann mit einer Anerkennung des Philosophen seitens Max Grafs dafür, dass dieser viele der Freudschen Konzepte intuitiv bereits vorweg genommen hatte. Er verglich Nietzsche mit einem Patienten, der nach vielen Jahren der Psychotherapie mutig die tiefsten Aspekte seiner Seele analysieren kann. Ihm folgte Alfred Adler, der auf die Affinität zwischen der Philosophie des Autors der Genealogie und der Psychoanalyse hinwies. Und Paul Federn ging noch weiter: "Nietzsche steht unseren Ideen so nah, dass uns nur zu fragen bleibt, was es ist, das ihm entgangen ist". Als Freud an der Reihe war, das Treffen zu beenden, machte er dies auf folgende Art: er beglückwünschte Hitschmann dafür, dass dieser den Einfluss frühkindlicher Erfahrungen auf die großen Werke hervorgehoben und die Bedeutung der psychosexuellen Befindlichkeit unterstrichen hatte, diesmal bei den Philosophen, deren augenscheinlich so objektive Systeme in letzter Instanz von subjektiven Faktoren bestimmt seien. Dies gab ihm Anlass, seine Position hinsichtlich der Philosophie zu bekräftigen (die er "spekulatives Denken" nannte), deren abstrakte Natur - so hält es Rank fest - ihm so unsympathisch ist, dass er aufgehört hat, sie zu studieren. Abschließend erklärte er, das Werk Nietzsches nicht zu kennen, und dass seine Versuche, ihn zu lesen "von einem Überfluss an Interesse erstickt worden waren". Wenige Tage später sollten die Wiener Psychoanalytiker ihre ausländischen Kollegen im Hotel Bristol in Salzburg zu Besuch empfangen.

NACHWORT

Nietzsche und Freud präsentieren sich uns als Alternativen angesichts einer Welt, die von illusorischer Wiederholung desjenigen beherrscht wird, das nichts mit dem Leben zu tun hat. Philosophie und Psychoanalyse: ein Denken, das auf dem Unterschied begründet ist, das danach dürstet, wieder den Verdacht auf die Fahne zu schreiben und das Spekulieren, das uns einengt, ausbrechen zu lassen, um so den Widerspruchsgeist und die für die Kunst und die Phantasie nötige Dosis Randdasein wieder zu gewinnen.˜ * Dieser Artikel ist Teil einer Serie, die der Beziehung zwischen der Philosophie und der Psychoanalyse gewidmet ist; einige davon wurden in der Berufsbeilage der Tageszeitung La Prensa von Buenos Aires abgedruckt. Sie werden als Kapitel des noch unveröffentlichten Buches Nietzsche und Freud: Maske und Phantasie erscheinen.

Übersetzung: Ulrike Zomorrodian-Santner

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