XICÖATL 51

 

XICöATL

XICöATL: Ausgabe 51

XICöATL Nr. 51, November/Dezember 2000
XICöATL 51

INHALT:

  • Lyrik: Gedichte. Juan Carlos Galeano
  • Erzählkunst: Juanita, die Garantie. Ernesto Amezcua Arceo
  • Erzählkunst: Napoleon.Carl Cullas Skrijinskaia
  • Bücher: Reduktion und Vertiefung. P.P. Wiplinger: "Splitter". Wolfgang Ratz
  • Essay: Das Studium der afrikanischen Literaturen in portugiesischer Sprache (1. Teil). Pires Laranjeira

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Lyrik

Gedichte - Juan Carlos Galeano

Gedichte (Teil 1) von Juan Carlos Galeano

TIKUNA

Für meine Tikuna Freunde
Der Junge des Tikuna Volks geht nicht gerne ins Dorf. Wenn er die Straßen entlang
geht,
fahren die Motorräder und Autos an ihm vorbei und erschrecken ihn.

An Heiligabend trifft er sich mit den Kindern der Motorräder und Autos in einem Spielwarengeschäft. Er gibt alles, was er hat, für sie aus und steckt sie in einen Sack.

Am nächsten Morgen legt er die Kinder in sein Kanu. Er vergewissert sich, daß der Sack gut verschlossen ist, bevor er ihn in den Fluß wirft.

Nach Art der Tikuna Geschichten

DER TISCH

Für Luiz Moro
Der Tisch träumt oft davon, ein Tier geworden zu sein.
Aber wenn er ein Tier geworden wäre, wäre er kein Tisch.

Wenn er ein Tier geworden wäre, wäre er wie die anderen davongelaufen,
als die Motorsägen kamen und die Bäume fällten, aus denen einmal Tische werden
würden.

Jeden Abend kommt eine Frau ins Haus
und fährt ihm mit einem Tuch behaglich über die Lende als wäre er ein Tier.

Mit seinen vier Beinen könnte der Tisch das Haus verlassen.
Aber er denkt an die Stühle, die ihn umgeben. Ein Tier würde seine Kinder nicht
verlassen.

Was dem Tisch am meisten gefällt, ist, daß die Frau ihn kitzelt,
wenn sie die Brotkrumen aufhebt, die die Kinder fallen gelassen haben.

DAS SPIEL

Für Valliere und Georg Auzenne
Die Brüder Berg und Meer verwenden den Fluß, der sie verbindet, als Band zum
spielen.

Eines Tages benutzt das Meer den Fluß, um den Berg an sich heranzuziehen. Der Berg stürzt mit seinen unzähligen Vulkanen auf die Erde, die Häuser und die Menschen.

Als es das Meer am wenigsten erwartet, zieht der Berg am Fluß
und das Meer ertränkt Hunderte von Tieren und Fischern, die am Ufer leben.

"Das Schlimmste ist, daß der größte Fluß das beste Spielzeug ist" sagt eine alte Frau.

Die Menschen bitten das Universum und die Sterne,
daß sie diesen ungezogenen Brüdern Manieren beibringen.

Das Universum und die Sterne erwidern, daß sie sich nicht in Familienangelegenheiten einmischen möchten.

Diejenigen, die glaubten, der Fluß wäre ein Band, mit dem man spielen kann,
haben sich getäuscht.

Der Fluß ist eine zarte Ader im Gesicht der Erde.

"Ein zartes Seil, daß reißen und die Sterne auslöschen könnte"
sagt das Universum zu denjenigen, die mit dem Fluß spielen.

Der Fluß ist ein Seil, an das sich die kleinen Tiere und Bäume klammern.

Wenn sie sehr stark daran ziehen, könnte der Fluß reißen.

Er könnte reißen und unser Gesicht mit Wasser und Blut waschen.

DIE ANAKONDA

In der Nacht schläft eine Anakonda glücklich und zufrieden,
eingerollt auf dem Körper eines Mannes.

Warum legst du dich nicht gerade hin, wie ich? beschwert sich der Mann am Tag.

Die Anakonda sagt ihm, daß er mehr Wärme ausstrahlt als alle Bäume, die sie kennt. "Außer-dem träume ich von meinen Wasserstrudeln und Flüssen, wenn ich so schlafe."

"Also wäre es besser, wenn du träumen würdest, du wärst ein Kanal"
(denkt der Mann, denn er möchte die Schlange nicht mit Worten verletzen)

Aber er kann nicht schlafen und beschließt, der Anakonda ein Bett zu kaufen.
Die Schlange wacht morgens mit Kreuzschmerzen auf.

Der arme Mann massiert sie kräftig und bittet sie, doch zu versuchen,
alleine zu schlafen und zu bedenken, daß auch er seinen Schlaf braucht.

"Eine Schlange braucht ihren Schlaf" sagt die Anakonda weinend zu ihm.
"Eine Schlange braucht ihren Schlaf. Eine Schlange braucht ihren Schlaf."

Übersetzung: Angelika Moser

Gedichte (Teil 2) von Juan Carlos Galeano

DRACHEN

Wir hatten kein Papier, um Drachen zu basteln und deshalb ließen wir unsere Fenster
steigen.
Die Fenster mit ihren weißen Rahmen erzählten uns, was sie sahen.

Aber die Indios, die unsere Fenster fliegen sahen,
hatten weder Häuser noch Fenster, um Drachen steigen zu lassen.

Es war ganz normal, daß die Indios irgendetwas fliegen lassen wollten.

Die Geier, die im Kreis herumflogen, ließen sich für ein paar verfaulte Fische
eine Schnur um den Hals binden und dienten so den Indios als Drachen.

REIBEND

Die Frau die Yucca reibt um Getränke für das Fest zuzubereiten,
bemerkt nicht, daß sie die Bäume, den grünen Mond und die Sterne reibt.

Sie denkt, daß sie die Yucca reibt, wenn sie in Wirklichkeit ihren Körper reibt.
Sie bemerkt auch nicht, daß sie ihre Kinder reibt und sehr vieles ringsumher.

Einige Maispflänzchen spitzen die Ohren um die Geräusche zu hören die die Sterne
machen.
Die reifenden Yuccastämme bewegen ihre Zweige um sie zu begrüßen. Es ist schwer
möglich, daß die Frau sich ablenkt,
wenngleich sich die Erde mit Gerüchen, mit alkoholischem Maisgetränk, Gelächter
und Streitereien auf dem Fest füllt ...

Einige Schmetterlinge fliegen durch das Kleid und durch ihren Körper ohne daß sie es
bemerkt,
sehr beschäftigt um sich durch anderes abzulenken, mit Arbeit zu sehr überhäuft,
um nur an sich zu denken ...

WÄSCHEREI

Bei den Wäscheleinen versammelt sich die Familie wieder.

Die Taschentücher und die kurzen Hosen meiner Geschwister
sie bewahren noch den Morgen und den Fluß auf.

Neben meinen Strümpfen bewegen sich
die Hemden meines Vaters wie Tauben im Wind.

In der Stille trocknen die Blumen des Kleides meiner Mutter
im Wind und an der Sonne.

ZEDER

Die Zeder flieht vor den Menschen und jede Nacht schickt sie sich an zu weinen.

Viele Bäume möchten auch wandern.

Eines Tages fragen die Menschen die Tiere, die Bäume und den Fluß
ob sie des Nachts eine Zeder weinen sahen.
Die Tiere, die Bäume und der Fluß dürfen nicht sagen, daß sie sie weinen sahen.

Die Bäume indes mögen die Zeder nicht sehr
und sie erzählen den Menschen, daß sie sie weinen sahen.

Die Zeder müßte tapferer als ein Mann sein und nicht jede Nacht weinen.

SAMMLER

Für Charles Simic

Der Junge der Kieselsteine und Glühwürmchen sammelt
träumt von Planeten und Sternen.

Die Planeten haben ihren Mond, Dörfer, Tiere und Menschen.
Vielleicht das Haus und den Hund.

In seinem Zimmer ähneln die in den Fläschchen eingeschlossenen Glühwürmchen
einer Handvoll Sterne am Himmel.

Die Kieselsteine sind Planeten deren Geschichte er jeden Tag in der Schule vergißt.

HEXEN

Für Harry Rosser

Die Schiffgäste die als Touristen von Liverpool nach Iquitos reisen
fühlen sich belästigt von den beiden Hexen auf dem Schiff.

Was machen diese Hexen auf dem Schiff? Es gibt keine Hexen im Amazonasgebiet,
wundert sich der Kapitän und schlägt im Konversationslexikon nach.

"Sie entstiegen einigen Büchern über Burgen die wir lasen",
gestehen zwei erschrockene Kinder.

Das Ehepaar aus Antwerpen rügt seine Kinder
und bittet den Kapitän um Entschuldigung.

Die Hexen werden auch gescholten und der Kapitän befiehlt ihnen sofort
zurückzukehren auf ihre mittelalterliche Burg.

Die Kinder warfen indes die Bücher in den Fluß.

"Die Hitze und die Feuchte des Amazonas zwangen uns, die Burg fluchtartig zu
verlassen"
erklären die Hexen dem Kapitän mit bebender Stimme.

Die Schiffsgäste ersuchen den Kapitän, er möge sie wieder nach Europa bringen.

Der Kapitän berät sich mit dem Reisebüro in Liverpool und beschließt, sie zurückzu-
bringen
unter der Bedingung, daß die Hexen ihm helfen, das Deck des Schiffes zu fegen.

Übersetzung: Renato Vecellio

Adresse: Departament of Modern Languages, Florida State University, Tallahasse, FL 32306 - USA
e-mail: jgaleano@mailer.fsu.edu

Erzählkunst

Juanito, die Garantie - Ernesto Amezcua Arceo

Der vorliegende Text wurde uns von unserem Freund Jorge Martínez Martínez, Redaktionsmitglied der Wochenzeitschrift LA VERDAD (semanario_la_verdad@ hotmail.com), als Beitrag zur kulturellen Brücke zugeschickt die YAGE, Verein für lateinamerikanischen Kunst, Wissenschaft und Kultur und jene angesehene Wochenzeitung zwischen den Städten Salz-burg und Sahuayo begünstigen.

Don Juan Mireles, nahm wie jeder brave Bewohner von Sahuayo natürlich seinen uner-läßlichen Spitznamen La Garantía auf sich und da er bereits an seinen Namen gebunden ist, war und ist er bekannt als Juanito La Garantía und so ist er durch die Welt gezogen. Er ging zum Arbeiten in die Vereinigten Staaten, kehrte zurück, als er bereits pensioniert war, und sowohl hier als auch dort, wurde er von seinem zweiten Namen begleitet.
Es schien keine Bedeutung zu haben, daß man ihm einen derartigen Spitznamen verpaßt hatte, aber die Anekdote, die ich Ihnen erzählen werde, wird Ihnen vor Augen führen, daß jegliche Spekulation falsch oder richtig sein kann, je nach den Umständen ...
Nun, ich wechsle den Zeitraum und greife sehr weit zurück ... sagen wir einmal 50 Jahre, als unsere Hauptfigur jung war und in Sahuayo der Brauch noch verwurzelt war, Spaziergänge zu unternehmen zu Rincón und La Barranca. Die Familie, die Freunde, gingen vor allem an den Wochenenden, gern spazieren, essen, wobei sie die Gegend und je nach Jahreszeit unsere lateinamerikanischen Früchte genossen. Schon damals war Juanito La Garantía, vor allem unter Freunden und bekannten populär und dieser Umstand war es, der das Abenteuer herbeiführte, das ich Ihnen erzählen werde.
Es war Mitte Mai, eine Zeit, in der die Hitze zunahm. Trotzdem nahm der Zustrom von Besuchern zu La Barranca, El Rincón und La Cabaña nahm sie nicht ab, denn die Saison der roten Pflaumen, der Guamúchiles und im besonderen der frischen und schmackhaften Pitahayas war auf dem Höhepunkt und wir die Bewohner von Sahuayo waren immer schon geneigt, uns an solchen Früchten zu ergötzen.
Eine vielköpfige Gruppe von Freunden hatte an einem Montag frühzeitig den Weg über die Amezcua-Schaussee aufgenommen. Die Mehrzahl davon waren Sandalen - und Schuhma-cher aus dem Stadtviertel Salsipuedes, die, wie es der Arbeitsbrauch war, an jenem Wochen-tag, übereinkamen zufrieden zu wandern, ausgestattet mit Essen und Trinken, zwischen dem felsigen Gelände am Ufer des Flusses Sahuayo in Richtung seiner Bestimmung, die in einigen Gemüsegärten in der Nähe des Datil liegt, unter dem Schatten, den auf einen großen Raum die unermeßlichen Ubalanos warfen und andere dichtbelaubte Camichines, Mangos und Guamúchiles.
Der sonnige Tag, die reine Luft, das Einwiegen der sich schlängelnden Gewässer begünstigten einen bezaubernden Spaziergang, den alle gleichermaßen genossen und bereits am Abend, machten sie sich daran, zurückzukehren, damit die Nacht sie nicht auf dem Weg überraschte. Ungefähr um jene Zeit kehrte Celedonio Buenaventa aus Sahuayo nach La Barranca del Rincón zurück, nachdem er den Tag damit zugebracht hatte, seine Pitahayas anzubieten. An jenem Tag hatte er nur die Hälfte verkauft ... auf seinem Pferd sitzend wiegte er sich im Rhythmus seines Schrittes. Übelgelaunt, überlegte er, was er mit dem übriggebliebenen Obst anfangen sollte: am nächsten Tag würde man es ihm noch weniger abkaufen ... und er war so gedankenverloren, als auf der anderen Wegseite Richtung Sahuayo eine dynamische Gruppe von Jungen vom Spaziergang zurückkehrte. Sie hatten die andere Gruppe überholt, in der überaus zufrieden Juanito La Garantía mit drei oder vier anderen mitmarschierte. Von weitem sah er wie seine vorangegangenen Kumpanen einen auf seinem Pferd sitzenden Herrn umringten, der unter ihnen emsig Obst verteilte.
Tatsächlich sah sich Celedonio von den Jungen umringt, welche ihn baten, er möge ihnen Obst verkaufen, aber da sie kein Geld hatten um es zu bezahlen, ersuchten sie darum auf Borg, man würde es ihm am nächsten Tag, wenn er nach Sahuayo zurückkehrte, bezahlen.
Argwöhnisch befand sich der Landbewohner (Besitzer eines Rancho) in einem Dilemma: wenn er es ihnen auf Borg verkaufte, würde er sein Geld riskieren; wenn er es ihnen nicht auf Borg verkaufte, würde das Obst verfaulen ... in beiden Fällen würde es für ihn schlecht aus-gehen ... so entschied er sich, sein Glück aufs Spiel zu setzen:
- Nun gut, ich gebe es Euch auf Borg, aber ich möchte, daß jemand dafür verantwortlich ist, der mir garantiert, daß es mir bezahlt wird.
Also, auf Juanito zeigend, der gerade daherkam, sagte einer von ihnen zu ihm:
- Derjenige der von dort hinten kommt, ist unsere Garantie, und wenn Sie ihm nicht glauben, fragen Sie ihn selbst.
Aus jener Entfernung schrie Celedonio Juanito zu:
- Hallo, Freund, sind Sie die Garantie?
Und als er ihn hörte, antwortete der Obenerwähnte ebenfalls schreiend - ja.
Weitweg von dem, was am Vortag geschehen war, befand sich unsere Hauptfigur im Haus und bereitete sich darauf vor, die Arbeit zu beginnen, als man an die Tür klopfte. Es war Don Celedonio, der bei seinem Anblick zu ihm sagte:
- Ich komme, damit Sie mir die Pitahayas bezahlen.
Überrascht antwortete Juanito, welche Pitahayas?
- Haben Sie schon vergessen, daß Sie gestern meine Garantie waren?
Er überlegte und dann erinnerte sich Juanito an die gebrüllte Frage des Vortages, durch den Reiter, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als aus der Not eine Tugend zu machen und die Schuld abzudecken, in die er auf so ungewöhnliche Art und Weise geraten war.
Anm. d. Ü.: Die botanischen Namen wurden großteils im Original belassen, da es im Deutschen keine Entsprechungen dafür gibt.

Übersetzung: Renato Vecellio

Adresse: Federico Higareda # 8, Sahuayo - Mich. - 59000 - MEXIKO

Erzählkunst

Napoleon - Carl Cullas Skrijinskaia

Ich bin von Geburt an taubstumm. Mein Leben verläuft in einer ohrenbetäubenden Stille, ohne jegliche Art von Kommunikation, mit Ausnahme der visuellen. Mit meinen Augen, die als Ausgleich sehr groß sind, beobachte ich das Leben, das sich vor mir abspielt, ohne daß ich daran teilnehme, wie ein Fels am Ufer, der den Fluß in wenigen Metern Entfernung vorbeifließen sieht, ohne daß das Wasser ihn je berührt hätte.
Zu sehen ohne sprechen oder hören zu können! Wenn meine Familie Besuch erhält, se-he ich, wie die Leute den Mund aufmachen und gestikulieren, aber ihre Gespräche und ihre Worte bleiben ein Geheimnis. Genauso wie meine Gedanken für sie.
In der Nacht, wenn ich alleine bin, begebe ich mich in meine Welt und spreche mit mir selbst. Das Schreckliche daran ist, daß es nur eine einzige Stimme gibt, die ich für die meine halte. Mein Geist ist nicht in der Lage, andere Stimmen zu erschaffen, so daß ich keinerlei Bezug zu anderen Tonlagen habe.
Manchmal glaube ich, daß die Stimme, mit der ich in meinem Innern spreche, gar keine Stimme ist. In Wirklichkeit sind es Bilder, die ich gesehen habe und in die ich mein eigenes Bild hineinversetze und so verschiedene Situationen wieder zum Leben erwecke oder Töne erfinde, die ich niemals gehört habe und auch nicht weiß, wie sie klingen.
So erfinde ich eine Stimme und Töne. Manchmal denke ich, daß es sogar besser gewe-sen wäre, wenn ich blind auf die Welt gekommen wäre. Blind und taubstumm zu sein, würden den Wunsch nach Sprache auslöschen, weil ich ja keinerlei Bezug zu all dem hätte. Trotzdem würde immer noch das Gefühl der Bewegung bleiben und ich stelle mir vor, daß es furchtbar wäre, sich zu bewegen, ohne zu wissen, wohin einen diese Bewegung führt.
Also sehe ich und versuche so viel als möglich zu sehen. All das speichere ich, obwohl ich weiß, daß ich es wahrscheinlich niemals zum Ausdruck bringen kann. Am liebsten sammle ich Bilder von Gesichtern. Während mein eigenes gefühllos scheint (zumindest beobachte ich das in meinem Spiegelbild), reflektieren die anderen Gesichter eine Unmenge von Emotionen. Kinder sind offener, während die Erwachsenen versuchen, ihre Gefühle zu verstecken. Aber in ihren Augen spiegelt sich vieles wider. Meine Augen entdecken in den ihren viele unausge-sprochene Dinge und das obwohl sie die Fähigkeit haben, sie auszudrücken.
Zuerst löste dies in mir ein leichtes Gefühl der Zufriedenheit aus. Ich sagte zu mir selbst (oder stellte es mir vor), daß die Gabe des Sprechens nicht unbedingt bedeutet, daß man auch die Möglichkeit hat, sich auszudrücken. Aber dann dachte ich, daß - wenn es so ist, wie ich es mir vorstelle - mein Schicksal eigentlich doppelt tragisch ist, da ich mich weder ausdrücken noch sprechen kann.
Auch bemerkte ich, wenn ich in ihre Augen sah, daß sie, wenn sie miteinander sprechen, oft auch nicht hören und das auch, obwohl sie die Fähigkeit dazu hätten. Ich fragte mich, wie sie es schafften, taub zu sein, obwohl sie hören konnten.
Also fragte ich mich, ob, wenn die Menschen ihre inneren Gefühl nicht ausdrücken, ob-wohl sie es könnten und nicht hören, obwohl sie auch das könnten, es dann nicht so ist, daß sie bei meinem Anblick versuchen, wie ich zu sein, nämlich taubstumm? Ist es dann nicht so, daß sie versuchen, den Zustand zu erreichen, den ich beklage und dem ich entfliehen möchte?
Diese Entdeckung bereitete mir große Freude und linderte auch meine Verzweiflung. Trotzdem würde ich es mir von ganzem Herzen wünschen, eines Tages hören und sprechen zu können, nur um meine eigene Stimme zu hören!
-Papa, schau wie komisch! Sein Gesicht sieht aus, wie das eines Menschen! Wie heißt er?
Der große Mann beugte sich über das Plastikschild, spähte über seine Brille und las laut vor: Fisch Napoleon. Er lebt im Roten Meer und Gewässern, in denen dieselben klimati-schen Bedingungen vorherrschen"...

Übersetzung: Angelika Moser

Adresse: Zimmerstr. 12, 10969 Berlin - DEUTSCHLAND

Bücher

Reduktion und Vertiefung. P.P. Wiplinger: "Splitter" - Wolfgang Ratz

Reduktion und Vertiefung. P.P. Wiplinger: "Splitter"

Soeben halte ich das neue Buch von Peter Paul Wiplinger in meinen Händen: "Splitter", Gedichte 1966-1998, Teil 3 der bei Roetzer Edition erscheinenden vierbändigen Werkausgabe.
Vielen der Gedichte gemeinsam ist eine äußerste Reduktion. Die Sprache wird beim Wort genommen, allen Dekors entkleidet. Nackt steht die Wirklichkeit vor uns und weckt gerade dadurch - je nach Thema - Zärtlichkeit, Wehmut, Trauer oder Zorn.
Der vielfach preisgekrönte Dichter scheut sich nicht davor, seinem Engagement für Menschenrechte, Völkerverständigung und gegen jede Form von Intoleranz und Rassismus auch in seiner Lyrik Ausdruck zu verleihen. Es gibt wohl wenige Autoren, auf die das böse Wort vom Gutmenschen besser zutrifft, und hier wird diese zynische Wortschöpfung mit einem Inhalt erfüllt: Gutmensch in diesem positiven Sinne ist nicht wer sich für besser hält oder von der heilen Welt träumt, sondern wer im Bewußtsein des Unerträglichen dennoch an das Gute im Menschen glaubt und auf dieser Grundlage sein Leben und sein Wort in den Dienst der Menschen stellt.
Dennoch, mögen die politischen Gedichte auch diesem Engagement am besten dienen, die liebsten sind mir die ganz persönlichen, wo Wiplingers schmucklose Sprache die Dinge des Alltags, die stillen Landschaften auf ganz besondere Weise zum Leuchten bringt. In diesen Landschaftsgedichten liest man immer den Betrachter mit. Berührend die Wintergedichte.

FROST

über nacht
der frost

am morgen
liegen

tote amseln
im schnee

Oder die Abendgedichte:

SPÄTE STUNDE

spiegelbilder
zerbrechen

das licht wirft
schattenzeichen

Einen wichtigen Platz nimmt in diesem Band (wie auch in anderen Werken des Autors) das Erinnern ein. Im Persönlichen ist es die Auseinandersetzung mit dem Tod von Angehörigen und Freunden. Auch hier finden wir keine Spekulationen, keine Metaphernflut, keine Sinnstiftung auf Kosten der Wahrhaftigkeit. Ratlosigkeit an der Grenze zum Verstummen macht diese Gedichte so erschütternd. Nur selten ein Zeichen der Hoffnung:

STERBEN

alle schatten
in die ferne
streuen

hinein
ins licht

(zum Tod meiner Mutter
Haslach, 11.1.1983)

Doch das Erinnern schließt auch das geschichtliche Erinnern mit ein. Eine Reihe von Gedichten widmet sich den jüdischen Friedhöfen in Österreich. Verfallen, oft schon aufgelassen, meist aus dem Gedächtnis gelöscht, sagen diese Stätten mehr über Österreichs Umgang mit seiner Geschichte aus als antifaschistische Lippenbekenntnisse und Monumente.

JÜDISCHER FRIEDHOF
KOBERSDORF II

im totenhaus
steht noch die bahre

die seit jahrzehnten
niemanden trug
daneben ein spruch
in aschgrauem holz

zeichen des lebens
verlöschen im tod

die erde fiel schwer
auf den leichnam

die steine fielen
ins offene grab

naziparolen jetzt
an den wänden

stören den frieden
hier und in mir

Wehmut und verhaltener Zorn sind ein immer wiederkehrender Grundton in Wiplingers lyrischem Werk. Wer bereit ist, auf Wortgeklingel zu verzichten und sich auf den Ernst dieser Dichtung einzulassen, wird von Peter Paul Wiplinger mit einer tiefen Erfahrung beschenkt, die nicht konsumiert sondern mit- und nacherlebt werden will.

Adresse: Wiedner-Hauptstr. 63, 1045 Wien - ÖSTERREICH
e-mail: ratz@fms.at

Essay

Das Studium der afrikanischen Literaturen in portugiesischer Sprache - Pires Laranjeira

Die Anfänge der lusophonen afrikanischen Literatur decken sich großteils - dies gilt mutatis mutandis auch im Fall Brasiliens - mit der portugiesischen Reiseliteratur, mit historiographischen, chronikhaften Werken oder mit solchen, welche die Erforschung des Kontinents zum Inhalt haben.
Erst im 19. und 20. Jh. kristallisieren sich neue Literaturen im heutigen Sprachgebrauch und entsprechend der Definition, wie sie, ohne nennenswerte Diskrepanzen in Wissenschaft, Kulturkunde und einschlägiger Kritik aller Länder, Brasilien und Portugal miteingeschlossen, existiert. Diese Tatsache gilt nicht in gleicher Weise für alle afrikanischen Kolonien Portugals, so etwa setzte dieser Prozeß in Guiné-Bissau mit einiger Verzögerung ein.
Der Umstand, daß diese Nationalliteraturen- oder "Literaturen der aufstrebenden Länder", wie sie in Italien bezeichnet werden - sehr neuen Datums sind, bringt es mit sich, daß ihre eigentlichen Begründer vielfach noch am Leben sind. Auch wurde in zahlreichen Fällen ein be-trächtlicher Teil ihrer Werke noch nicht in Buchform publiziert, was etwa auf José Luandino Vieira, Pepetela, José Craveirinha, Baltasar Lopes oder Agostinho Neto, aber auch viele andere, die nach ihnen zu veröffentlichen begannen, zutrifft. Mehr als bei anderen Literaturen hat man es hier mit einer weitgehend unerschlossenen Literatur zu tun, deren Texte und die daran sich knüpfenden theoretischen Überlegungen sich nach wie vor in ihrer Entstehungsphase befinden.
Seit der formalen politischen Unabhängigkeit der afrikanischen Länder erfuhr das jeweilige sprachliche und literarische Panorama einschneidende Veränderungen, ohne daß sich dadurch sein Wesen geändert hätte. Die portugiesischbasierte Alphabetisierung erfaßte weitere Bevölkerungsschichten. Doch war es in Angola und Moçambique, aufgrund der schrecklichen Bürgerkriege, die auf die Unabhängigkeit folgten und über zwanzig Jahre wüteten, nicht möglich, das Bildungssystem auszubauen und den Unterricht und die Verschriftung afrikanischer Sprachen zu fördern.
Gegenwärtig läßt sich das Wiedererstarken von Ethno-Regionalismen beobachten, die außerhalb der existierenden politischen Bewegungen agieren. Sie erhalten Unterstützung von außen, von Südafrika und vom europäisierten Westen sowie den USA, wobei das Ziel die Beseitigung der Unabhängigkeit Angolas und Moçambiques ist. Aus der afrikanischen Geschichte des 20. Jh. wissen wir, daß regionale und ethnische Spannungen weiterbestehen werden. Wie lassen sich diese lokalen Bedürfnisse, das Streben nach besserer lokalpolitischer Vertretung und die durch den Staat verordnete Institution einer gemeinsamen offiziellen Sprache, des Portugiesischen, miteinander vereinbaren? Angesichts der eben erwähnten Bedingungen und der Einbindung der neuen Staaten in regionale, kontinentale und kulturelle Kontexte, die nicht ausschließlich portugiesisch sind, wie die SADC, die UNO, die Sahelgruppe, wie CILSS, OCI, CDEAO, die Coopération Francophone (Guiné-Bissau) und die Anglophonie (Moçambique) etc., besteht die Gefahr, daß die Produktion der auf portugiesisch schreibenden Autoren in Afrika die am wenigsten repräsentative Literatur der neuen Staaten wird. Es gibt vereinzelte Anzei-chen für andere Entwicklungen, wie die sprachlichen Experimente des moçambicanischen Schriftstellers Bento Sitoe oder die immer zahlreicheren Texte im Kreol von Kap Verde.
Insbesondere für den Fachmann wird es schwierig, auf diesem Gebiet zu arbeiten, das gekennzeichnet ist durch das Fehlen von grundlegenden Materialien, wie Literaturgeschichten, Monographien über Autoren oder Werke (um nur einige der bestehenden Lücken zu nennen). Auch existiert keine Definition eines Korpus und eines Kanons, woraus Instabilität und ein Mangel an wissenschaflich nutzbaren Konzepten resultiert. Dem Lehrenden fällt deshalb die - zyklopische, aber auch reizvolle - Aufgabe zu, nicht auf der Basis eines bestehenden und relativ konsistenten literarischen Systems zu operieren, sondern dieses durchwegs selbst entdecken zu müssen. Das bedeutet wiederholte Lektüre, und zwar Text für Text, als wäre der Forscher der erste Rezipient, der versuchen muß, bibliographische Lücken zu schließen, die für die Analyse, Auslegung und Hermeneutik relevant sind. Andererseits läßt sich der Mangel an Kenntnissen vieler Aspekte von Leben und Werk der fraglichen Autoren nur sehr langsam beheben, gerade weil diese uns zeitlich und lebensweltlich so nahe sind. Dieser Umstand führt erfahrungsgemäß zur Perpetuierung von Irrtümern, welche aufgrund der illusorischen Nähe offenbar unkorrigiert bleiben.
Im Umgang mit neuen Nationalliteraturen, zu einer Zeit großer historischer, politischer, wirtschaftlicher und ideologischer Umwälzungen, denen niemand entgeht (Schriftsteller, Politiker, Forscher, Theoretiker und Studenten sowie insbesondere die Bürger jener überaus un-terschiedlichen Staaten und Kulturen sind davon betroffen), wird vom Spezialisten für afrikanische Literaturen vor allem seitens der Afrikanisten verlangt, er möge hellsichtig, objektiv und unparteiisch sein. Ohne daß er dadurch auf seine natürliche persönliche Perspektive verzichten müßte, sollen ihn diese Eigenschaften in den Stand versetzen, Probleme zu formu-lieren und auf die zahlreichen dem Material inhärenten Fragen erklärende Antworten zu geben. Nur unter großen Schwierigkeiten und institutionellen wie auch persönlichen Opfern war es dem Kreis derer, die sich mit afrikanischen Literaturen und ihrer Vermittlung im Bildungs-bereich befassen, bislang möglich, zu einem eingermaßen gesicherten Wissen und einer distanzierten Annäherung zu gelangen. Diese kommt den Studierenden zugute und trägt gleichzeitig entscheidend dazu bei, die afrikanischen Studien in Portugal zu etablieren.
Andererseits fehlt, im Unterschied zu den europäischen Literaturen, in den afrikanischen eine klare zeitliche Periodisierung, und zwar von Anfang an. Die afrikanischen Schriftsteller lebten, fern von Europa, in wenig entwickelten Kolonien; sie nahmen begierig auf, was von au-ßen kam, vor allem bis zur Mitte des 20. Jh., und nutzten diese Anregungen für eigene Schreiberfahrungen. Unweigerlich wurden die ersten literarischen Zeugnisse afrikanischer Autoren häufig aufgrund kontextueller und historischer Gegebenheiten als Ausdruck von Pe-rioden eines tiefgreifenden Mangels betrachtet, sowohl in qualitativer als auch quantitativer Hinsicht. Alles in allem absorbierte der afrikanische Schriftsteller die literarische Tradition der Mutterländer oder jener Länder, die eine Kunst und Literatur schufen, welche für ihn von Interesse war (Brasilien, Mexiko, USA, Kuba, Italien, sowie - aufgrund anderer Faktoren und in spezifischer Weise - Rußland, die Sowjetunion, China, Bulgarien, Tschechoslowakei etc.). Er paßte sie an seine Ausdrucksbedürfnisse an und war kaum je darum bemüht, sich selbst, sein Werk oder seine Positionen strikt von den verwendeten Ausgangsmaterialien abzugrenzen. Er handelte im Sinne eines kulturellen Kannibalismus, um eine Metapher der Manifeste des brasilianischen Modernismus zu gebrauchen. Infolgedessen finden wir in der provisorischen Litera-turgeschichte der afrikanischen Länder keine chronologischen, ästhetisch-literarischen oder sonstigen Einteilungen, wie sie in anderen Ländern durchaus üblich sind.
Die literarische Produktion der afrikanischen Staaten im und vor dem 19. Jh. gilt als spärlich und weist zahlreiche weiße Flecken auf. Man denke nur daran, daß es keine auch nur einigermaßen befriedigende Dokumentation des literarischen Lebens Angolas und Kap Verdes zwischen 1870 und 1900 gibt.
Wenn schon ein klarer Begriff vom Umfang der literarischen und überhaupt kulturellen Akti-vitäten in den Hauptzentren der Kolonien (Luanda, Lourenço Marques, Praia, Mindelo) während des 19. Jh. fehlt, so gilt dies umso eher für weniger bedeutsame Städte (Sá de Bandeira, Beira, São Tomé).
Erst in jüngster Zeit wurden Fakten betreffend die literarischen, intellektuellen oder politischen Aktivitäten etwa eines Campos Oliveira (aufgrund des Buches von Manuel Ferreira), eines Maia Ferreira oder eines Pompílio do Carmo (durch Bücher und Artikel von Carlos Pa-checo), die Beiträge im Almanach der Erinnerungen (durch ein Buch von Gerald Moser), sowie - etwas weiter zurückliegend, doch auch dies ist nicht länger als dreißig Jahre her - eines Alfredo Troni (durch die Aufsätze von Gerald Moser und Mário António F. de Oliveira) und eines Cordeiro da Matta (durch einen Artikel von Mário António) zugänglich. Darüberhinaus gibt es Autoren und Texte oder Gegenden wie Huíla, die nach wie vor kaum bearbeitet sind und die einer Erforschung würdig wären. Auch im Leben und Werk der erwähnten Schriftsteller sind zahlreiche Aspekte weiterhin klärungsbedürftig. Das zeigt die Ausgabe der beiden einander ergänzenden Bücher von Carlos Pacheco, die innerhalb eines kurzen Zeitraums erschienen.
Nach wie vor gibt es beispielsweise keine Literaturgeschichten für Angola und Moçambique, auch fehlen grundlegende Monographien zu Themen wie Kolonialliteratur, Theater, Lesegewohnheiten und intellektueller Werdegang gewisser Autoren oder die Rezeption der meisten literarischen Werke. Dies gilt unbenommen der wichtigen Untersuchungen, welche unter anderen Manuel Ferreira, Russel Hamilton, Alfredo Margarido, Mário de Andrade, Maria Apare-cida Santilli, Salvato Trigo leisteten, wie auch der Magisterarbeiten und Dissertationen zahl-reicher Literaturwissenschaftler portugiesischer, brasilianischer oder sonstiger Nationalität.
Trotz der Tatsache, daß die Sekundärliteratur zur afrikanischen Literatur zwar mittlerweile umfangreich ist, harren viele Themen, geographische Räume und zeitliche Abschnitte noch ihrer eingehenden Untersuchung. So etwa ist die Klärung des Zusammenwirkens von Reise- und Erkundungsberichten, Kolonialliteratur und eigentlicher afrikanischer Literatur weiterhin ein bloßes Desiderat. Daran ändern nichts die vereinzelten Beiträge, vor allem theoretischer und allgemeiner Natur, von Salvato Trigo oder Manuel Ferreira.
Zur Zeit verfügen wir über keine systematische Studie, wie in Afrika der Neorealismus, die Negritude, die afroamerikanischen kulturellen Bewegungen oder - im Fall von Moçambique - die für die 50er und 60er Jahre überaus wichtigen anglophonen Literaturen, besonders aus Großbritannien und den USA, rezipiert wurden. In dieser Hinsicht existieren lediglich einige Arbeiten von Fernando J. B. Martinho oder Benjamin Abdala Junior.
Bis auf spärliche Ansätze fehlen Forschungen zur Rezeption der afrikanischen Literatur vor Ort, in Presse, Kritik, Schulbüchern oder in der Entwicklung von Studienplänen etc., auch wenn man hier die Pionierleistungen von Marie-Françoise Bidault oder Fernanda Cavacas bezüglich Moçambique berücksichtigen muß.
Obgleich die Beiträge zum Internationalen Kolloquium von Paris (1984), neben wenigen sonsti-gen Arbeiten, wichtige Elemente zur Erforschung der Identität und Verselbständigung der afrikanischen Literaturen liefern, ist die Lage im Bereich von Studien zu den angeführten und sonstigen einschlägigen Themen generell unbefriedigend. Hält man sich diese Situation vor Augen, verwundert es nicht, daß sogar einige fundamentale Fragen, welche die afrikanischen Literaturen betreffen, noch ihrer Erhellung harren.
Dem Universitätslehrer stellt sich ein grundlegendes Problem: soll er einen panoramaartigen historischen Überblick geben, wobei die Vertiefung spezieller Themen, Autoren, Werke und theoretischer Fragen zu kurz kommen muß? Die Ausbildunges-erfordernisse scheinen dies zu verlangen, da nur in der Schlußphase des Curriculums ein diesbezügliches Lehrangebot zu einer den Studierenden weitestgehend unbekannten Materie erfolgen kann. Besteht dieses Angebot nicht, gehen sie von der Universität ab, ohne die afrikanischen Literaturen kennenzu-lernen, ja sogar, ohne etwas über die Länder selbst und ihre Kulturen erfahren zu haben. Verständlicherweise haben deshalb die Lehrveranstaltungen zur afrikanischen Literatur einen schweren Stand, mit spezifischen Problemen, die sich für die portugiesische, französische, italienische oder brasilianische Literatur nicht stellen, da diese im Kontext von Ländern behandelt werden, die den Studenten um einiges vertrauter sind.

Übersetzung: Friedrich FROSCH

Adresse: Instituto de Língua e Literatura Portuguesas, Facultade de Letras, 3049-Coimbra Codex - PORTUGAL