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René Poppe, geboren 1943 in La Paz, Bolivien, nimmt uns in den hier vorliegenden Erzählungen mit in das Leben Unter Tage, von dem eine Faszination ausgeht, der sich der Mensch - in welcher Zeit auch immer - noch nie entziehen konnte. Abgesehen von den für die heutige Zeit unvorstellbaren Arbeits- und Lebensbedingungen des Bergmanns in den Zinnminen Boliviens, gewährt uns der Autor Einblick in eine Welt, in der noch mächtige Gottheiten und Geister herrschen und in der es, trotz allen Elends, auch Platz für Humor und Zuversicht gibt. In eine Welt, in der die Unter Tage arbeitenden Menschen bei vordergründiger Grobheit behutsam, sogar liebevoll, miteinander umgehen, und in der der Tod zwar oft, aber nicht immer gewinnt. René Poppe hat in seiner Jugend selbst in den berüchtigten Bergwerken gearbeitet und weiß deshalb sehr genau, wovon er spricht. Seine Erzählungen sind daher auch ein politisch-soziales Zeitdokument. Außer anderen literarischen Arbeiten hat René Poppe ebenfalls Anthologien zum Thema der Bolivianischen Bergarbeiterliteratur verfasst. René Poppe lebt in La Paz, Bolivien, und arbeitet als Bibliothekar an einer der dortigen Universitäten.
E-Mail: poppe@ucb.edu.bo
>> Leseprobe (XICöATL Nr. 82):
DIE ERZDIEBE (1)
Nachdem sie die halbe Schicht lang ihre Loren geschoben hatten, begannen die beiden Schlepper, als sie im Schutzraum saßen und ihre Kokablätter kauten, miteinander zu reden.
"Man sagt, dass in diesem Stollen viel Erz liegt."
"Ob es wohl rein ist?"
"So heißt es."
Schon seit vielen Wochen hatten die Kinder keine Schuhe mehr. Sie gingen mit alten Schuhen, die keine Sohlen mehr hatten, in die Schule. In der übrigen Zeit gingen sie barfuss.
"Der Winter kommt. Vor allem ist es schon kalt", sagten die Frauen der Arbeiter. "Wir müssen ihnen Schuhe kaufen, wenigstens gebrauchte."
Der Laden versorgte sie schon seit Monaten nicht mehr mit Fleisch, mit Brot und Milch. An Schuhe war nicht zu denken. Auch auf dem Altkleidermarkt der Calle Federico Escóbar waren keine aufzutreiben.
"Die Bevölkerung ist wirklich arm. Sie hat nicht mal gebrauchte Sachen zu verkaufen", meinten die Männer.
"Irgend etwas muss geschehen", sagten die Frauen. "Dann müssen wir uns eben welche in Oruro besorgen lassen, von denen, die hinfahren."
"Das kostet viel. Und Geld? Wir haben kein Geld."
"Ob das wohl stimmt?", fragte er den anderen Schlepper.
"So heißt es jedenfalls. Rein soll es sein."
Nachdenklich blieben sie sitzen. Der penetrante Geruch der Gase wurde durch den Rauch ihrer Glimmstengel gemildert. Die Hitze dagegen schien im Halbdunkel der nur schwach leuchtenden Lampen stärker zu sein.
"Zum Anziehen gibt es auch nichts", sagten ihre Frauen.
Jedes Wort aus ihren Mündern war zur Gewohnheit gewordene Not.
"Und das Schlimmste ist, dass es keinen Mais mehr gibt, keine Bohnen und keine Hirse. Was sollen wir bloßer tun?"
"Hast du Dynamit?", fragte er den anderen Schlepper.
"Es ist mir ausgegangen."
"Nicht mal ein halbes Stängelchen?"
Die anderen, immer zu zweit arbeitenden Bergleute befanden sich Vorort, Hunderte von Stollen von ihnen entfernt.
"Alles ist mir ausgegangen."
"Der für das Dynamit zuständige Chef, ob der wohl jetzt im Sprengstofflager ist?"
"Ein Arschloch ist das, was der uns schon geben wird. Nicht mal geliehen. Außerdem geht er um diese Zeit immer runter auf die Strecke. Er speist so gern mit den hohen Herren, in ihren Büros."
Die Kinder gingen ohne Frühstück in die Schule. Der Hunger stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Da es nichts zu essen gab, sagten die Frauen zu ihnen:
"Ihr werdet sicher Schulspeisung bekommen. Geht lieber schön früh in die Schule."
Wenn sie zurückkamen, sahen sie noch schlechter aus, hatten noch größeren Hunger.
"Nichts hat es gegeben, Mamilein."
"Und wenn wir ins Sprengstofflager gehen? Wir nehmen uns ein oder zwei Stangen Dynamit, mit den Zündern. Was wird er schon davon merken."
Die beiden Schlepper verließen den Schutzraum. Sie nahmen nicht den Förderkorb zu den unteren Sohlen, sondern stiegen über die engen Leitern des Nebenschachts. Es war menschenleer unter Tage, feucht und stickig.
"He, wo geht's denn lang?"
"Hier, hier."
Sie kamen dem Sprengstofflager näher.
Die Frau verließ die Unterkunft. In ein Tuch gewickelt hatte sie zwei Löffel, eine Gabel und den Deckel von einem kleinen Topf dabei. Sie ging in das Dorf, klopfte an die Türen und bot die Sachen zum Tausch an:
"Wenigstens für ein bisschen Brot. Oder gib mir, was du eben zu essen hast. Es ist für meine Kinder."
Selten kehrte sie lächelnd nach Hause zurück.
Das Neonlicht, das aus dem Sprengstofflager drang, wies ihnen den Weg und zeigte an, dass sie schon in der Nähe waren.
"Und der Chef, he, ob der uns was pumpen will?"
"Er wird schon wollen."
Nach der Schicht kamen auch sie hungrig nach Hause. Man sah es ihren Gesichtern an.
"So schicken wir sie in die Grube, Herr Direktor", sagten die Frauen, wenn sie auf den Versammlungen mit dem Vorstand des
Unternehmens ums Wort baten.
"Und wir sehen, wie sie noch hungriger wieder herauskommen. Ihr müsst den Laden bestücken, damit wir wenigstens unseren Männern zu essen geben können. Sehen Sie denn nicht, Herr Direktor, dass sie es sind, die das Land ernähren."
Sie gingen an das Tor des Sprengstofflagers und dann hinein, bis an die Tür zum Büro. Niemand war zu sehen.
"Chef", rief der eine Schlepper.
"Chefchen, du Scheißkerl", sagte der andere Schlepper.
In der ganzen Strecke herrschte Stille. Nur das Tropfen der Bergfeuchte klang wie ein Teil der Stille selbst.
"Hungrig gehen sie weg, und wir wissen nicht, ob sie lebendig wiederkommen werden. Uns zieht sich das Herz vor Schmerz zusammen jedes Mal, wenn wir sie verabschieden, und sie unter Tage gehen, Herr Direktor. Wir sollten sie wenigstens satt in die Grube schicken, damit sie zufrieden sterben."
Niemand antwortete auf ihre Rufe.
"Chefchen, du Scheißkerl, bist du da?", wiederholte der Schlepper.
"Er wird wohl gerade mit den hohen Herren unten auf der Strecke speisen."
Sie betraten das Büro. Es war angenehm hier, weil der Ventilator die Luft mit kühlen Windstößen erfrischte. Sie suchten nach dem Schlüssel für das Lager und fanden in den Schubladen des Schreibtischs Flaschen mit Schnaps, Tüten mit Kokablättern und bündelweise Zigaretten.
"Dieser Scheißkerl hat schon gewusst, wie man sich verwöhnt", flüsterte der Schlepper. "Wir nehmen das Zeug mit, einverstanden?".
"Nein. Wir werden etwas Besseres tun."
Der Schlepper ging zu dem Tisch mit dem Telefon. Er kurbelte lange und nahm dann den Hörer ab.
"Hallo", antwortete jemand.
"Das Chefbüro, bitte. Es ist dringend."
Er wartete eine ganze Weile und hörte nur Geräusche wie das Kratzen auf feinen Drähten.
"Das fordern wir als Mindestes", sagten die Frauen. "Damit sie wenigstens etwas im Magen haben, wenn sie in die Grube einfahren, und damit der Tod sie nicht hungrig überrascht. Damit es reicht für ein Süppchen, ein Brühchen, danach ein richtiges kleines Essen vielleicht."
Aber die Situation blieb von Zahltag zu Zahltag dieselbe.
"Jetzt wirst du gleich sehen, wie ich diesen Scheißkerl von Chef erschrecke", sagte der Schlepper.
"Hallo", meldete sich jetzt jemand am Telefon.
"Den Chef vom Sprengstofflager, bitte!", drängte der Schlepper.
"Wer will ihn denn sprechen?"
"Es ist dringend."
"Moment mal."
Erstaunt über eine solche Verwegenheit, schaute der andere Schlepper seinen Kumpel an.
"Du wirst schon sehen, dass ich ihn erschrecke."
"Hallo!"
"Chef! Chefchen? Schönen guten Tag."
"Wer ist da? Jetzt ist Mittagessenszeit, verstanden? Die lassen einen weder essen noch ausruhen. Wer ist da?"
"Wir, Chef. Ein paar Erzdiebe. Wir rufen dich aus deinem Büro an. Wir wollen dich um einen Gefallen bitten. Sag uns, wo du den Schlüssel für das Schloss zum Sprengstofflager aufbewahrt hast."
"Was, du Scheißkerl? Wer seid ihr?"
"Erzdiebe, Chefchen. Sag uns bloß, wo der Schlüssel ist, wenn du nicht willst, dass wir deine Schnapsflaschen kaputtschlagen. Schön verwöhnst du für dich, he."
"Verdammte Erzdiebe! Wozu wollt ihr den Schlüssel?"
"Wir brauchen Dynamit, Chef. Bloß ein paar Stangen."
"Scheißkerle. Ich komme auf der Stelle rauf! Ich werde dafür sorgen, dass ihr entlassen werdet!"
"Reg dich nicht auf, Chef. Lass uns wie vernünftige Leute miteinander reden. Zuerst einmal, du wirst so schnell nicht herkommen können. Du weißt doch, dass du weit weg bist."
"Wer seid ihr?"
".....und falls du doch kommen willst, werden wir dir deine Schnapsflaschen kaputtschlagen, deine Kokablätter und deine Zigaretten mitnehmen. Viele Erzdiebe sind hier, Chef.
Wo hast du also den Schlüssel hingelegt? Sag's lieber schnell."
Es war nicht so, dass er nicht geschwitzt hätte, der Schlepper.
Er lachte, aber man sah, dass sein Gesicht ganz feucht war. Er nahm den Helm ab und wühlte in den schweißnassen Haaren, während er redete.
"Wer seid ihr bloß, ihr Scheißkerle?"
"Mach schnell, Chef, denn wir haben es eilig. Die Kumpel hier werden langsam nervös und wollen deine Flaschen aufmachen. Es ist besser, du sagst uns, wo der Schlüssel ist. Wir versprechen dir, dass wir bloß ein paar Stangen Dynamit mitnehmen."
"Einbrecher, was wollt ihr in meinem Büro?"
"Nicht Einbrecher, Chef. Erzdiebe, was etwas anderes ist. Sie sind schon dabei, deine Flaschen aufzumachen, Chef. Einigen wir uns lieber."
"Der Schlüssel?"
"Ja, Chef. Der Schlüssel. He, hört mal, lasst die Flaschen in Ruhe! Hier wollen ziemlich viele deine Flaschen aufmachen. He, rührt sie nicht an! Ich bin gerade dabei, mich mit dem Chef zu einigen. Chefchen, wo hast du den Schlüssel aufbewahrt?"
"In meiner Windjacke, du Scheißkerl."
"In deiner Windjacke? He, er sagt, in seiner Windjacke! In welcher Tasche, Chefchen?"
"Sucht halt, was weiß ich."
"Ist recht, Chefchen. He, sucht mal, seid nicht so faul! Ganz schön faul sind diese Erzdiebe, Chef."
"Scheißkerle!"
Der andere Schlepper holte die Jacke herunter. Er steckte die Hände in die Jackentaschen und zog den großen und schweren Schlüssel zu dem alten Vorhängeschloss heraus. Er ging damit zu der Tür und öffnete sie nach kurzem Hantieren.
"Warte mal, Chef. Sie machen schon gerade die Tür auf. Zwei Zünder werden wir auch noch mitnehmen."
"Auch noch zwei Zünder?"
"Ja, Chef. Nur Dynamit, was sollen wir damit anfangen? Wir brauchen auch Zünder. Ein ganz schönes Arschloch bist du, Chef. Du scheinst gar kein richtiger Bergmann zu sein, was? Weißt du vielleicht nicht, dass Dynamit ohne Zünder nicht explodiert?"
"Scheißkerle, wartet nur, bis ich euch erwische. Ich werde dafür sorgen, dass ihr entlassen werdet!"
"Lass dir nicht die Galle hochkommen, Chef. Sonst werden wir dir deine Flaschen kaputtmachen."
"....."
"Ist schon alles erledigt, Chef. Die Tür haben wir wieder zugemacht. Das Schloss ist richtig eingeschnappt. Sollen wir den Schlüssel wieder in deine Jacke stecken?"
"Wohin denn sonst, ihr Scheißkerle!"
"Ja, Chef, nicht dass noch Einbrecher kommen. Reg dich nicht mehr auf, Chef. Wir gehen ja gleich."
"Wartet nur, bis ich euch erwische. Ich werde dafür sorgen, dass ihr entlassen werdet."
"Chef."
"....."
"Chefchen, bist du noch da?"
"Rede!"
"Chef, ein Fläschchen Schnaps nehmen wir auch noch mit. Du wirst nicht merken, dass es dir fehlt, Chef. Du hast ja noch ganz viele."
"Scheißkerle, ich weiß schon, wer ihr seid. Ich hab euch an der Stimme erkannt."
"Wer sind wir denn, Chef?"
"Ich hab euch an der Stimme erkannt!"
"Nein, Chef. Bist du jetzt auch noch ein verlogenes Arschloch, Chef?"
"....."
"Chef? Alles andere lassen wir dir da."
Der Chef vom Sprengstofflager antwortete nicht mehr. Man hörte, dass das Telefon aufgelegt wurde. Die beiden Schlepper rannten im Eiltempo aus dem Büro. Die Mittagspause war gleich vorbei. Sie stiegen durch dieselben Nebenschächte, durch die sie gekommen waren, wieder auf ihre Sohle. Noch waren die Strecken der Grube menschenleer und still. Die anderen Arbeiter hörten allmählich auf, in den Schutzräumen ihre Kokablätter zu kauen.
"Und jetzt gehen wir Erz klauen?"
"Nein, jetzt nicht. Das wäre eine schlechte Taktik. Besser morgen, in der Mittagszeit. Wir verstecken jetzt lieber das Dynamit und die Zünder."
"Ja, aber nur das Dynamit und die Zünder", sagte er und entkorkte die Flasche.
"Ah, Donnerwetter, ist der weich. Komm, probier einen Schluck. Weich, nicht wahr?"
"Ja, he. Weich. Was für ein Arschloch, dieser Chef. Weicher Schnaps schmeckt ihm also."
Sie gingen in den Schutzraum, um Kokablätter zu kauen. Vom Klettern in den Schächten mit den engen Leitern waren sie nassgeschwitzt.
Hundertzwanzig Meter unter ihnen betrat der Chef das Büro des Sprengstofflagers.
"Scheißkerle, meine gute Flasche", murmelte er schmerzerfüllt und hatte keine Ahnung, auf welcher Sohle oder in welchem Stollen er nach ihnen suchen sollte.
"Scheißkerle, das sind keine Erzdiebe, Einbrecher sind das."
Drei Sohlen weiter oben, im Schutzraum der Nordstollen, sagte der eine Schlepper zu dem anderen:
"Jetzt ist alles gut versteckt. Komm, gib mir noch einen Schluck."
Sie fingen an zu lachen.
"Was für ein Arschloch", sagten sie.
Ihr Gelächter wurde lauter.
"Was für ein kleines Arschloch, dieser Chef. Er bricht jetzt sicher in Tränen aus."
Sie tranken die halbe Flasche aus und machten sie dann zu. Den Korken drückten sie tief in den Flaschenhals hinein.
"Nicht, dass der Tío sie austrinken will, he."
Dann verließen sie den Schutzraum, um wieder ihre Loren zu schieben. Morgen würden sie die Flasche austrinken, in der Mittagszeit, der Stunde der Erzdiebe. Erzdiebe, die in den Gängen mit gutem Erz, mit reicher Ader, zu finden sind.
"Wir werden Geld haben für ein bisschen Kleidung, he."
"Für ein bisschen Brot."
"Ob es wohl eine gute Ader ist?"
"So heißt es, he. Total brutal."
BERGARBEITERKIND
Nach dem Unglück unter Tage, bei dem sein Vater umgekommen war, der Besetzung der Bergarbeitersiedlung durch das Militär, bei der sie auch seine Mutter ermordet hatten, dem großen Hunger, der endlosen Entfernung zwischen dem Bergwerk und der Stadt La Paz, nach mehreren Wochen, in denen es nicht wusste, wohin es gehen sollte, tauchte das Kind an einem der Karnevalstage in den Straßen der Stadt auf und wurde Opfer eines ungewöhnlichen Vorfalls, der aber von niemandem beachtet wurde. Nur der eine oder andere Passant, der im Morgen-grauen vorüberging - ein Säufer oder Nachtschwärmer - hätte etwas bemerken können, maß der Sache aber keine Bedeutung bei.
Ob das vielleicht daher kam, dass das Kind in seinem Tod keinen spektakulären Anblick bot? Es saß zusammengekauert in der Tür eines Hauses an der belebten Straßenecke von Tumusla und Buenos Aires. Es war bleich, hatte den Kopf auf die Brust gesenkt und seine Glieder hingen wie nutzlose, dünne und rostige Drähte an ihm herab. Alleine an seiner schäbigen Kleidung aus grob gewebtem erdigem Stoff, an dem strengen Geruch nach Gestein und Zinn hätte man seine Herkunft aus den Minen erkennen können. Wenn man auch aufgrund seines Aussehens nicht gewusst hätte, ob es ein Junge oder ein Mädchen war, hätte man es doch wegen seiner Größe und dem Leidenszug auf dem Gesicht eindeutig als ein Kind aus dem Volk erkannt.
Eine Straßenkehrerin war es, die das Kind fand. Eine von jenen Frauen, die mit dem Morgengrauen auftauchen, die den Müll und den Säugling auf dem Rücken, bis zur Erschöpfung Straße um Straße die Gehsteige und Rinnsteine etlicher Zonen der Stadt kehren müssen. Diese arme Frau, die glaubte, dass das Kind schlief und verlassen worden war, legte es, um es vor der Kälte und möglichem Regen zu schützen, sanft in einen mittelgroßen Pappkarton, wie sie die fliegenden Händler, die mit Waren von der Grenze kommen, häufig in den Straßen vergessen.
Derart vor den Blicken verborgen, blieb das Kind stundenlang liegen, bis der Wagen von der Müllabfuhr kam.
Gegen sieben Uhr früh, als sich dieser belebte Teil der Stadt wie jeden Morgen mit seinen Menschenmassen bewegte und mit Geschrei, Gehupe und Geschiebe füllte, beförderte der Mann der Städtischen Müllabfuhr - bei seiner gewohnten täglichen Arbeit, die Mülltonnen zu entleeren und Plastiktüten und Pappkartons wegzuräumen - in der Meinung, bei dem Gewicht des Kinderkörpers handle es sich um einen toten Hund, den Karton mit einem einzigen schnellen Schwung vom Gehsteig bis auf den Grund des stinkenden Fahrzeugs, um ihn dann später, wenn er zum Choqueyapu fuhr, endgültig in den schnellen und schmutzigen Fluten zu entsorgen.
BENANCIO VICUÑA
"Ist Benancio Vicuña hier?", erkundigte sich der Tod.
Die Arbeiter, die auf den Balken des Schutzraums saßen, kauten Kokablätter, bevor die Schicht begann.
"Nein", entgegnete ihm der Chuspi. "Er muss auf Sohle Drei-zwanzig sein."
Der Tod schaute auf seine Uhr. In fünf Minuten sollte er Benancio Vicuña finden.
"Um wieviel Uhr kommt er denn?", wollte der Tod wissen.
"Eigentlich müsste er schon hier sein", bemerkte der Choquecallata. "Sicher dauert es noch, bis er kommt. Er hat Versammlung."
Der Tod setzte eine besorgte Miene auf. Fünf Minuten genügten nicht, um zur Sohle Dreizwanzig zu gelangen.
"Wozu brauchst du ihn denn?"
"Ich habe eine Verabredung mit ihm", gab der Tod Auskunft.
"Such ihn auf der Dreizwanzig, dort findest du ihn."
"Er wird doch nicht schon auf dem Weg sein?"
"Das glaube ich nicht", bestätigte der Trocis. "Er hat Versammlung der Grubenvertreter. Es dauert sicher noch, bis er kommt."
Unzufrieden nahm der Tod den Schutzhelm ab. Der Lichtstrahl seiner Lampe hüpfte im Halbdunkel und beleuchtete die Wände und das Gewölbe aus Fels. Die Arbeiter, die ihn für einen der ihren hielten, kümmerten sich bald nicht mehr um ihn.
"Ich muss ihn schnell suchen", sagte der Tod.
Die Arbeiter beachteten ihn nicht mehr, und er setzte seinen Schutzhelm wieder auf.
"Wie komme ich denn wohl am schnellsten hin?"
"Geh durch den Nebenschacht", riet ihm der Choquecallata. "Steig den Nebenschacht zum Abbau vom Ulloa runter."
Der Tod verließ den Schutzraum, der wie eine Höhle in den Fels gehauen war. Er lenkte seine Schritte durch die Strecke, die zum Förderkorb führt, ging an das Gitter des tiefen, senkrechten Grubenschachts heran und schrie:
"Kumpel! Abwärts!"
Er wartete ein paar Sekunden und als er sah, dass das Seil des Förderkorbs straff und unbeweglich war, wandte er sich ungeduldig zu dem Nebenschacht hin, der zum Abbau vom Ulloa führen sollte.
Die Zeit war bald um, und unter Tage war alles still. In den Strecken, die er durchquerte, begegnete er keinem einzigen Arbeiter. Alle saßen jetzt in den Schutzräumen, kauten Kokablätter und tranken das gewohnte Feuerwasser, um sich zu betäuben und die tägliche Schicht durchhalten zu können.
Da die Arbeit des Menschen für eine Weile ausgesetzt hatte, breiteten sich in den mittleren Abschnitten der Strecken die Gase wie dichte Wolken aus.
"Kumpel! Kumpel!", schrie der Tod in der Hoffnung, einen Arbeiter zu finden, der ihm den richtigen Weg zum Schacht vom Ulloa zeigen konnte.
Niemand antwortete ihm. Nur die Bergfeuchte tropfte in regelmäßigen Abständen in einigen Strecken.
Der Tod sah wieder auf die Uhr. Die Minuten waren beinahe verstrichen, es blieb ihm fast keine Zeit mehr. Er ging in Richtung Norden weiter und schrie eindringlich:
"Kumpel! Kumpel!"
Weit entfernt bemerkte er im dichten Schatten der Grube ein schwaches Licht. Er beschleunigte seine Schritte und eilte durch Gase, Schwaden und Bergfeuchte. Als er näher kam, sah er einen Arbeiter dasitzen, der seine Kokablätter kaute und einen Glimmstengel rauchte.
"Kumpel", sagte er. "Der Schacht zum Abbau vom Ulloa?"
Ohne ihn anzuleuchten, streckte der Arbeiter die Hand aus und zeigte auf ein Loch vor ihm.
"Es sind acht Leitern", bemerkte er. "Sie führen zur Drei-zwanzig."
Wie ein geflügelter Schatten ging der Tod auf den Schacht zu und kletterte die Leitern hinunter. Wieder schaute er auf die Uhr. Der Zeitpunkt, zu dem er Benancio Vicuña treffen musste, war schon gleich gekommen. Er beschleunigte seinen Abstieg und gelangte zu der Strecke. Dort waren die Arbeiter, die Vertreter der Abteilungen, die sich gerade auf dem Weg zu ihrer Schicht in die verschiedenen Stollen zerstreuten.
"Kumpel", sagte der Tod. "Habt ihr Benancio Vicuña gesehen?"
"Ja", antworteten sie. "Er geht gerade weg."
"Wo denn?", fragte der Tod und sah auf die Uhr. Die Zeit war vorbei.
"Dort", zeigten sie ihm. "Der da, der hinter der Schachtfalle steht."
Die Schachtfalle, ein riesiges, offenes und tiefes Loch, das dazu dient, die Tonnen erzhaltigen Gesteins in die Tiefe zu befördern, trennte sie von einander wie eine Grenze.
"Welcher denn?", hakte der Tod nach.
"Der da", sagten sie. "Der mit dem roten Pullover."
Der Tod ging auf ihn zu. Mit den Ellbogen verschaffte er sich einen Durchgang zwischen den Arbeitern.
"Benancio Vicuña!", schrie er und rief ihn zu sich.
Benancio Vicuña ging langsam in Richtung Anschlag, wo er den Förderkorb nehmen musste, der ihn auf seine Sohle, die Zweinullfünf, bringen würde. Als er das Rufen hörte, schrie er zurück:
"Was denn? Was ist denn los, du Scheißer?"
Der Tod wusste, dass seine Stunde vorbei war, und um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, tat er einen gewaltigen Sprung nach vorn.
"Benancio Vicuña!", schrie er noch einmal.
Benancio Vicuña drehte sich halb um und tat zwei Schritte auf den harten Fels der Sohle, um festzustellen, wer da etwas von ihm wollte.
"Was ist denn los, du Scheißer?", wiederholte er.
Der Tod, der wegen der bereits überschrittenen Zeit in großer Eile war, befand sich haarscharf am Rand der Schachtfalle, diesem riesigen Loch, und wollte sich auf Benancio Vicuna stürzen.
"Komm einen Moment her, Kumpel", sagte der Tod zu ihm.
Benancio Vicuña trat ebenfalls an den Rand der Schachtfalle.
"Was ist denn los?", fragte er.
"Komm mal einen Moment her!", bat der Tod.
Aber die Zeit war bereits vorbei. Er ging noch zwei Schritte nach vorn und fiel in das tiefe Loch der Schachtfalle, der Tod.
(1) Die Erzählungen von René Poppe, die wir hier unseren Lesern vorstellen, erschienen in erster Ausgabe 1985 bei Ediciones Isla, La Paz - Bolivien, unter dem Titel "Cuentos Mineros", später auch in anderen Ausgaben. Die hier vorgestellte Textversion wurde 2007 von Autor René Poppe für die Kulturzeitschrift XICöATL, "Ziehender Stern", neu bearbeitet und von der Übersetzerin Helga Castellanos auch neu übersetzt.
René POPPE
La Paz - BOLIVIEN
Übersetzung: Helga Castellanos
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