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Nr. 63: >> Das Gewitter zwischen den Händen:
Das Gewitter zwischen den Händen
Anlässlich des 68. Jahrestags von Roque Daltons Geburt
¡Roque Dalton lebt! Entlang des gesamten Camino Real hallen diese Worte wider. Es ist ein langer Weg. Mit einer Litanei aus Biegungen und Krümmungen. Felsen aus Wasser, schwarz, sprechend. Markieren den Verlauf des Weges. Er führt vom Norden, vom kolonialen Nueva España -dem Aztlán der Indígenas- südwärts bis nach Cuzcatlán in Mittelamerika. Der schwarze Christus von Esquipulas (1) zeigt uns im Süden, im Trifinio -wo Guatemala, El Salvador und Honduras einander die Hände reichen- wie im Norden, in Chimayó (New Mexico), das gleiche Bild. Ein einziges Symbol leitet den Wandernden, der Grenzen (†) überquert. Hier in New Mexico, dort in Mittelamerika.
Dalton. Sein Nachname erinnert an die Raubzüge der Dalton Gang im Südwesten der USA. Vor einiger Zeit sähte ein beschwerlicher Tag, ohne Regen und ohne Feuchtigkeit, seinen Samen der Zwietracht in den Wendekreis. Roque wird aus la roca geboren, aus the rock, dem Felsen. Davon leitet sich sein Name ab. Mögen seine Anhänger sich Rockers nennen. Der Name beinhaltet auch eine Vereinigung von Gegensätzen: die des Südens mit dem Norden, des Angloamerikanischen mit dem Hispanischen, Cuzcatlán mit Aztlán, und umgekehrt. In ihm vereinen sich die Widersprüche: Liebe, Politik, Leidenschaft, Poesie, Boheme, Reisen, Mitgefühl, ... Und Staub. Das auch, aber es ist "verliebter Staub".
Dibújeseme la tormenta entre las manos
para saciar esta diaria sed de estruendos
como el caminante que se agacha a refrescar la suya de agua
en esas fuentes que de la piedra brotan
para vergüenza del polvo.
Man male mir das Gewitter zwischen den Händen
Um diesen täglichen Durst nach Donner zu stillen
Wie der Wandernde der sich bückt um sich mit Wasser zu erfrischen
An diesen Quellen die aus dem Stein sprudeln
Um den Staub zu beschämen.
Einen "täglichen Durst nach Donner (The Clash)", Im "Gewitter zwischen den Händen" hört man die Stimme des Dichters in ihrer Leidenschaft, die widersprüchlichsten Aspekte des Lebens auszudrücken.
Er wird im Mai 1935 in San Salvador, El Salvador, als Sohn eines irischstämmigen Nordamerikaners und einer Salvadorianerin geboren. Er besucht die Jesuitenschule von San José. Dort entdeckt er
seine Liebe zur Poesie. Seit früher Jugend hält ihn sein Literatur-Lehrer, Alfonso de María Landarech, für den "besten Lyriker des Landes". Dank der finanziellen Unterstützung seines Vaters und eines Stipendiums der Jesuiten kann er im Jahr 1953 nach Chile reisen und verbringt fast ein ganzes Jahr dort. Er beginnt Jus zu studieren und lernt zwei Persönlichkeiten kennen, die seinem Leben eine künstlerische und politische Wendung geben werden: den chilenischen Dichter Pablo Neruda und den mexikanischen Mural-Maler Diego Rivera.
1954 kehrt er nach El Salvador zurück, mit einer enormen dichterischen und politischen Bibliothek unter dem Arm. In seinem Gedächtnis. Er schreib sich an der juridischen Fakultät der Universidad de El Salvador (UES) ein. In dieser Umgebung schließt er sich mit anderen Dichtern zum Círculo Literario Universitario (CLU), dem literarischen Zirkel der Universität, zusammen. Er liest marxistische Theorie in Gedichtform.
Die Rolle des Zirkels besteht darin, Kunst und Leben zu vereinen, auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Der Zirkel fordert, dass der Poesie tiefe ethische Inhalte zugrundeliegen sollen. Um dies zu erreichen, veröffentlicht er die Arbeiten seiner Mitglieder in den meistgelesenen Zeitungen des Landes. Sie organisieren Festivals, spaßhafte Paraden und gründen mehrere Zeitschriften, die an den Zeitungskiosken verkauft werden. Sie schreiben eine murale Poesie, die allen täglich zugänglich ist. Die Poesie muss sich sowohl vom überheblichen Akademikertum als auch vom komplexen Elitedenken lösen. Beide Strömungen betrügen den Zugang zur breiten Masse, indem sie sich selbst einsperren und nur mehr Minderheiten dienen.
Sie kritisieren den staatlichen Modernisierungsprozess in El Salvador. Es herrscht eine eiserne Militärdiktatur. Der politischen Opposition sind alle Wege verschlossen. Der Staat schmückt sich mit wirtschaftlicher Modernisierung, die aber nicht jene große Mehrheit der Bevölkerung mit einbezieht, die in Armut lebt. Die Poesie dient als politische Stütze der Anklage: Mangel an Demokratie und große Armut breiter Bevölkerungsschichten. Die Poesie erfüllt ihre ethische Pflicht in der Politik. Für den Zirkel bedeutet Poesie (poética), das Symbol des moralisch Guten zu erreichen, und das moralisch Gute bedeutet den sozialen Wohlstand der Mehrheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung.
Wegen seiner offenen Kritik an der Diktatur und der Armut in der Bevölkerung muß er ins Exil gehen. 1961 führt ihn sein Weg nach Mexiko. Dort veröffentlicht er seine erste Gedichtsammlung: La ventana en el rostro… Später, im Jahr 1962, reist er nach Kuba. Er arbeitet in Havanna in der Casa de las Américas (2). In Kuba veröffentlicht er mehrere Gedichtsammlungen, die ihm zu hohem Ansehen verhelfen: El mar (1962), El turno del ofendido (1962), Los testimonios (1964). Was an jenen Gedichten auffällt, ist ihre Lebenskraft. Er verbindet die Politik mit der Liebe, den Alltag mit der Anklage, die volkstümliche Überlieferung mit der persönlichen Erfahrung, die dichterische Sprache mit der Ironie. Die Leidenschaft, zu leben; "Die Quelle des Genusses" der psychoaktiven Stoffe. Er lebt mit seiner Schwester zusammen, "Margarita emocionante", die verführt wird von dem "künstlichen Paradies" aus "Lucy in the Sky with Diamonds".
Seine Reisen und das Exil dauern an. 1964 kehrt er kurz nach El Salvador zurück und wird sofort eingesperrt. Seine legendäre Flucht -die unter dem paradoxen Zeichen des Argentiniers Jorge Luis Borges steht- erzählt er im letzten Kapitel seiner posthum erschienenen Biografie, Pobrecito poeta que era yo… (1976). Er vertritt die Meinung, dass politische und künstlerische Avantgarde Hand in Hand gehen. Von 1965 bis 1967 wohnt er in Prag. Er arbeitet bei einer internationalen Zeitschrift. Er analysiert die Probleme zwischen Marxismus und Frieden. "Sozalismus oder Barbarei?", vielleicht. Er besucht den Argentinier Julio Cortázar in Paris. Tanzt Cancan mit einer Unbekannten.
Zufällig lernt er an seinem einunddreissigsten Geburtstag in einem luxuriösen Prager Restaurant Miguel Mármol kennen. Mármol ist eine sagenumwobene Persönlichkeit. Er hat eine Lehre als
Flickschuster gemacht und später die Kommunistische Partei von El Salvador, Partido Comunista Salvadoreño (PCS), gegründet. Er ist einziger Überlebender des Indígena-Aufstandes von 1932. Er besitzt die Gabe der wiederholten Wiederauferstehung. Der Uruguayer Eduardo Galeano bezeichnet ihn im dritten Band von Memorias del fuego (1984) als den Meister des "Magischen Marxismus". Mármol verbindet die marxistischen Lehren mit frommer Heiligenverehrung. Plaudert mit der Siguanaba (3). Er erzählt ihr sein Leben und eine Alternativversion über einen Aufstand, der im Westen von El Salvador eine Bilanz der Vernichtung -ethnic cleansing- von zwischen Zehn- und Dreissigtausend Indígenas hinterließ.
Zurück in Havanna gewinnt er den Preis der Casa de las Américas mit seiner Gedichtsammlung Taberna y otros lugares (1969). Er beginnt eine Poesie der Persönlichkeiten zu verfassen. Verbindet Drama, Dialog und Lyrik mit Sozialkritik. Er ahnt, was kommen wird: Prag 68. Aber er hat eine noch viel klarere Vorahnung von der Tragödie, die sich in seinem Heimatland abzeichnet.
Jegliche Hoffnungen auf politische oder wirtschaftliche Reformen zerplatzen. Reformen werden als "kommunistisch" bezeichnet. 1969 zerbricht die nationale Einheit an der Agrarreform. Die wirtschaftliche Achse, die auch auf dem Land eine Mittelklasse schaffen will, hat keinen Erfolg. Auch der Gemeinsame Zentralamerikanische Markt, das Exportmodell der mittelamerikanischen Gesellschaft, scheitert. Ein Bruderkrieg bricht aus. Die Wirtschaft rutscht in die Krise. Die Einschränkungen des Modernisierungsmodells werden deutlich sichtbar.
Einige Jahre später, 1972, kommt es zu einem beispiellosen Wahlbetrug von seiten des Militärs. Sogar manche politisch Gemäßigte gelangen zu dem Schluß, dass die formelle Demokratie nicht durch Wahlen erreicht werden kann. Jene beiden Ereignisse -das Scheitern der Agrarreform und der Wahlbetrug- stürzen das Land in den Bürgerkrieg. In Mittelamerika wird das Wahlrecht durch Waffengewalt ersetzt. Das Recht des Stärkeren ist stärker als das Recht an sich.
Aus dieser Zeit datieren auch die ersten ländlichen Gemeinden, die den Einfluss des "utopischen" Sozialismus zu spüren bekommen. Durch eine historisch orientierte Lektüre der Bibel kann sich der durch die katholische Kirche und die winzige Hippie-Bewegung im Dorf La Palma verbreitete "utopische" Sozialismus stark an das alltägliche Leben auf dem Land annähern. Die kunsthandwerkliche Produktion wird wiederaufgenommen, und in noch höherem Maße auch die Kooperativen und die gegenseitige Hilfe. Die Repression nimmt zu.
Roque Dalton gelangt zu der Überzeugung, dass nur der Guerrillakampf einen Wandel in El Salvador herbeiführen kann. Deshalb schreibt er mit noch mehr Ehrgeiz und läßt sich militärisch ausbilden. Denkt an Ketzerei. In seinem Gedichtband Los hongos (1966-1971) mischt er Marxismus mit Christentum. Dieses Buch nimmt die soziale Erneuerung der katholischen Kirche und die Befreiungstheologie seiner früheren Jesuiten-Lehrer vorweg. Ihnen vertraut sich der Aktivist an. Er schreibt von der Notwendigkeit, den "wissenschaftlichen", den marxistischen Sozalismus durch den "utopischen" Sozialismus zu ergänzen. Er reist nach Hanoi, wo er, von Lachkrämpfen geschüttelt, zum wiederholten Mal den Roman Rayuela seines Freundes Cortázar liest, während der US-amerikanischen Bombenangriffe.
Im Chile Salvador Allendes wird das Experiment des demokratischen Sozialismus greifbar, bis zum Putsch von General Augusto Pinochet 1973. Das überzeugt ihn nur noch mehr davon, dass nationale Souveränität und Demokratie dem großen Kapital unterworfen sind. Es ist die Funktion der Militärregimes, die Märkte freizugeben; mit Hilfe einer kompromisslosen Diktatur. Während das Kapital nun ungestört und frei zirkulieren kann werden die Arbeitskräfte unterdrückt.
In El amor me cae más mal que la primavera (1973) schlägt er einen surrealistischen Blick auf Liebe und Erotik vor. Er proklamiert "gewohnte neue Liebe". Der Dichter schöpft aus den "Musen" ebenso wie aus dem politischen Kampf. Immer in der Nähe der Vögel. In Un libro levemente odioso (1973) untermauert er auch seine Überzeugung, dass es notwendig ist, die künstlerische mit der politischen Avantgarde zu vereinen. Dieses Ideal der Vereinigung setzt er in Historias prohibidas del Pulgarcito (1974) in einer alternativen Version der Geschichte und Kultur seines Landes in die Praxis um.
Er ändert seine Identität und seinen Namen. Mit Hilfe der plastischen Chirurgie kehrt er nach El Salvador zurück, um sich der eben entstehenden Guerrillabewegung anzuschließen. Er kommt, um seiner Heimat "Ohrfeigen/Elektroschocks/Psychoanalyse" zu verabreichen. Er lebt versteckt und veröffentlicht Poemas clandestinos (1974). Seine Poesie beschäftigt sich mit dem sozialen Problem in Mittelamerika, mit unterschiedlichen Stimmen und verschiedenen Blickwinkeln. Weiterhin strebt er danach, Poesie und Leben mit Hilfe einer poética: zu vereinen. "Poesie/verzeihe mir dass ich dich verstehen gemacht habe/dass du nicht nur aus Worten bestehst". Im Mai 1975 wird er ermordet. Seine eigenen Waffenbrüder verraten ihn. Der Feind ist auf beiden Seiten: innerhalb und außerhalb des Ideals des Wandels.
Sein Leben, Werk und tragisches Ende werden zum Symbol. Zum Symbol dafür, dass das ganze Land einen ähnlichen Weg verfolgen sollte. Man mußt die globale Annäherung aller Länder in Gang setzen. Eine globale Gesellschaft, formelle Demokratie und freie Marktwirtschaft, die heutige Welt, in der wir alle leben, kann auf militärischem Wege erreicht werden. Vielleicht ist es das, was die siebzehn Jahre Bürgerkrieg in El Salvador -von seinem Tod 1975 bis zur Unterzeichnung des Friedensabkommens 1992- wirklich sind: ein Erbe des Krieges.
Und ebenso die Menschenrechtsverletzungen, die Schwierigkeiten bei der freien Meinungsäußerung (worunter sein Sohn Juan José immer noch zu leiden hat), der Krieg ohne Waffenstillstand (das Bandenwesen), die politische Straffreiheit, Korruption, Geldwäsche und Unterschlagungen, der Mangel an Gerechtigkeit. All das ist das Vorstadium der Befreiung, aber nicht der nationalen Befreiung sondern der Befreiung der Märkte. Die Arbeitskraft einschränken -sie verstaatlichen?- um Kapital und Waren zu globalisieren. Gewalttätige Ursprünge. Dorniges Präludium. Die gewählte Demokratie ist stolz darauf, sie zu vergessen ...
Sein Name, so wie viele anderen - Monseñor Arnulfo Romero, Ignacio Ellacuría, S. J., etc. - hallt in den Straßen von San Salvador wider: Roque Dalton lebt!
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(1) Die Christus-Statue aus dunklem Holz in Esquipulas (im Osten Guatemalas gelegen) ist ein bekanntes Ziel von Pilgerreisen, ähnlich der Jungfrau von Guadalupe. Anm. d. Übers.
(2) Die Casa de las Américas wurde 1959 von Haydee Santamaría gegründet und versteht sich als Ort des Zusammentreffens und Dialogs für Vertreter innovativer Ideen aus den Bereichen Literatur, Bildende Kunst, Musik, Theater, etc. www.casa.cult.cu
(3) Weibliche Dämonengestalt aus einer salvadorianischen Legende, mit verhülltem Gesicht, weißen Armen und langen Fingern mit scharfen Krallen. Anm. d. Übers.
Übersetzung von Anna Fuchs
Nr. 60: >> Borges und das Zeugnis:
Borges und das Zeugnis
"Mein Zeugnis wird vielleicht das kürzeste und zweifellos das ärmste sein"
Jorge Luis Borges
Borges Nur die vergesslichsten Menschen erinnern sich nicht an Ireneo Funes. Aber noch vergesslicher sind diejenigen, welche dieser kurzen Erzählung den Charakter eines Zeugnisses absprechen. Hier streiten sich zwei Schulen. Auf der einen Seite stehen wir, die wir das zeugnishafte Erbe des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges verteidigen; auf der anderen Seite die, welche ihn verleumden, zu korrigieren versuchen und seine Schriften durch den äußerst schlechten Gebrauch eines Terminus verurteilen.
Letztere haben ein Appellationsurteil bei der Königlichen Akademie der Sprache und beim Obersten Gerichtshof angestrengt. Sie argumentieren damit, dass der Mann aus Buenos Aires nie ein einziges Zeugnis bearbeitete. Daher schlagen sie eine minuziöse Überarbeitung des Werks vor. Jedes Mal, wenn dieses Konzept auftaucht, oder ein Synonym dafür (bezeugen, etwa), wird die Erzählung oder das Gedicht verstümmelt wenn nicht gar geächtet. Noch schwerwiegender, urteilen sie, sei die Täuschung, der uns die Schriften aussetzen, die die Gattung des Zeugnisses in der ersten Person imitieren.
So verbissen sind sie in ihrer Position, dass in vielen der großen Bibliotheken der USA kein einziges Exemplar mehr zu finden ist, das den betreffenden Terminus anführt. Pedantisch haben sie das Wort ausgestrichen oder mit einem spitzen Taschenmesser ausgeschnitten. Es gibt Bücher, die ganze weiß übermalte Seiten haben und man spricht sogar von leeren Regalen.
Ich habe die Auslassungen rekonstruieren können; ich verfüge zum Glück vielleicht über das einzige Gesamtwerk, das dieses Desaster überleben durfte. Dieses hüte ich eifersüchtig, trotz der Konflikte, die es mir mit meinen Kollegen bereitet hat, unter anderem dem, genötigt zu sein, in der abgelegensten und einsamsten Einöde leben zu müssen. Seit undenkbaren Jahren bin ich dem Gremium des Sands und des Staubs beigetreten: dem Internet. Ich unterhalte mich mit fast niemandem mehr, es sei denn über e-Mail.
An gewissen Orten hat der Boykott solche Ausmaße angenommen, dass jeder Student, der begierig ist, das Werk durchzusehen, sofort als Revisionist ausgeschlossen wird. Die politische Mission ist unfehlbar. Sie wollen einem die Vorstellung aufzwingen, dass nur die romanhafte Anklage einer unterdrückten Gemeinschaft das Recht hat, als Zeugnis bezeichnet zu werden. Alle anderen, Borges eingeschlossen, haben dieses Recht usurpiert und verdienen eine unbarmherzige Strafe. Die Ungläubigen mögen in der modernsten Suchmaschine nachprüfen, im FirstSearch/WorldCat; hier gibt es keinen einzigen Eintrag, der dem Zeugnis Borges' gälte.
Wenige sind wir, die wir aufrecht bleiben in der harten Wüste. Ohne zu desertieren unterhalten wir uns weiterhin und umarmen dabei die Kakteen; sie haben uns nahegelegt, spitzere Kritik zu schreiben, näher an der uns einhüllenden Umwelt. Wir bleiben aufrecht und bestätigen die zeugnishafte Natur des großen Werkes Borges'. Aus diesem breit angelegten Zeugnis retten wir nun dasjenige eines
Sohnes einer einfachen Büglerin: Ireneo Funes. Viele von uns haben von ihm gelernt, was die Kunst der Poesie bedeutet.
Das stille Projekt Ireneos ist das der Balance. Man muss einen Mittelpunkt zwischen den Gegenpolen suchen. Weder absolutes Erinnern noch totales Vergessen; beide Extreme sind Synonyme von Demenz. Die Mitte. Aber die Mitte ist zweideutig; sie ist gleichzeitig die Trennung (entre/ between) und dasjenige, was beiden Termini gemeinsam ist (milieu/ midst). Was die Enden verbindet und trennt, ist die Poesie, Ursprung und Ziel der Sprache. Erinnerung und Amnesie, die sich eine gemeinsame Materie in Dissonanz teilen: das Wort.
Ein zugleich hohles und volles Wort. Es behält in seiner Helle einen dunklen Anteil; es rät, dass die Fülle sich auf die Leere stützen möge. Es ist hohl, weil jede neue Entdeckung von einem Verlust ausgeht; voll, weil es die Übereinstimmung umarmt, ohne die Meinungsverschiedenheit zu verwerfen. Wir lösen die Erinnerung vom Unmittelbaren her; vom konkretesten Erlebten erhalten wir die Wiederkehr des Ziels. Auch wenn unser Aufenthalt das Vermögen ohne Handeln ist, das Studium, so wissen wir doch, dass wir auch Vergessen vermitteln. In jedem Wort gibt es etwas Ungesagtes; etwas Ungelebtes in jedem Leben.
Einige, die mich staubig aus dem Ausland besucht haben - ich bekenne, ich weiß nicht, ob es noch ein Territorium außerhalb dieser riesigen Wüste gibt - teilen mir mit, dass die Poesie die Arbeit des Pflugs imitiert. Sie ist Vers und Rückvers. Landwirtschaft und Poesie, meinen sie, haben eine gleiche doppelte Bedeutung. Kreuzung, wiederhole ich, aber die Sachverständigen nennen es enjambement. Andere bevorzugen die Verwendung eines ausländischen Terminus: versura. Sie versichern, dass das Wenden des Pflugs, das Stück vom Ende einer Furche bis zu einer neuen, der Poesie eine unharmonische Note verleiht.
Der Vers und sein Rückvers kreuzen sich auch an einem Mittelpunkt. Eine Mitte, die die unendliche Spannung zwischen dem metrischen Maß und der Syntax, zwischen dem rhythmischen Klang und dem Sinn ausdrückt. Nur wer sich streng daran hält, hat die Lehren Ireneos aufgenommen. Das war sein bescheidenes Zeugnis. Wenn die Berufung die Erinnerung und das Vergessen umfasst, so enthält die Inspiration das Verborgene und die Enthüllung, die Fülle und das Nichts.
Diese kurze Schrift möge dazu dienen, vom Unwahrscheinlichen zu berichten. Ich habe noch immer das Gesamtwerk des Mannes aus Buenos Aires in Händen. Vielleicht wagt es einer meiner Leser, Abenteurer und nicht von sehr ängstlicher Natur, mich in diesem Grenzgebiet von Atzlán zu besuchen; vielleicht getraut er sich, eine exakte Transkription des Werkes ohne Verstümmelungen zu schreiben; nur die sehr Mutigen werden sie dem Rest der Welt zur Kenntnis bringen, all jenen, die nur einen zensurierten Ausschnitt ohne Zeugnisse erhielten (Kabbala). "Ich habe die Welt bezeugt; ich habe die Seltsamkeit der Welt bekannt / ich habe Erstaunen gesagt, wo andere nur Gewohnheit sagen".
Ich allein, ehrlich gesagt, kann nicht mehr; meine Hände sind zu zerfurcht, um die Ratschläge des Nopalkaktus zu befühlen ... genossen betrachten...
Übersetzung: Ulrike ZOMORRODIAN-SANTNER
Nr. 55: >> Die Politik der Philosophen:
Die Politik der Philosophen
Die Uneinigkeit zwischen Politik und Philosophie gemäß Jacques Rancière
Sokrates ist der einzige Athener, der sich um die Angelegenheiten der Politik kümmert. Platon. Dass die Philosophie und die Kunst miteinander im Streit liegen, sollte uns nicht verwundern. Selbst ohne je Platon gelesen zu haben, kennt fast jeder durch Überlieferung jene falsche völlige Verbannung der Poesie außerhalb der Grenzen der idealen Republik. Ohne diese einfache Lektüre in Abrede zu stellen, da die platonische Erziehung der politischen Anführer durch ein strenges Studium der Poesie ergänzt wird, beschäftigen wir uns nun damit, eine andere Meinungsverschiedenheit zu untersuchen. Wir beziehen uns nicht auf den klassischen Gegensatz zwischen der Beweiskraft der Wissenschaft und der subjektiven Kraft der Poesie, zwischen dem Logos und dem Mythos; vielmehr interessiert es uns, den Unterschied zwischen der Art, in der die Philosophie und die Politik den Beginn der Politik betrachten, nachzuvollziehen. Es gibt zwei Arten, um ein und den selben Begriff zu definieren und daher wird es auch mindestens zwei Arten geben, Politik zu machen: die Politik der Politiker und die Politik der Philosophen. Wir finden in der zweiten die Lösung der ersten und die Richtigstellung eines "Fehlers".
Die Philosophie beginnt, wenn wir bemerken, dass es ein Unbehagen in der Politik gibt, einen "Fehler". Die Politik der Politiker stellt eine Sackgasse dar. Anstatt sich um das Wohlbefinden und die Gleichheit der Gemeinschaft zu kümmern, konzentriert sie sich eher darauf, die geeignetste Art zu finden, die in der öffentlichen Verwaltung verfügbaren Plätze zu verteilen. Die Postenvergabe, dieses Herstellen eines kollektiven Konsens, die Organisation der Macht und ideologische Legitimierung öffentlicher Entscheidungen nennt man "politisches Handeln" im philosophischen Sinne. Das "politische Handeln" reguliert die Schaffung von Posten und definiert die Besetzung jedes einzelnen dieser Plätze. Das "politische Handeln" ist es, was man gemeinhin unter Politik versteht; mit einer alten Bezeichnung wollen wir sie die Politik der Politiker nennen.
Jedoch ist dies nicht die einzig mögliche Bestimmung. Der Philosoph, der den "Fehler" bemerkt, auf dem die Politik der Politiker aufbaut, versucht, wenn schon nicht ihn zu berichtigen, ihn wenigstens aufzuzeigen. Die politische Philosophie beginnt an dem Punkt, da der Philosoph die Übel aufzuzählen beginnt, die die Republik plagen. Es geht uns nicht darum, die Fehler einer speziellen Republik aufzuzeigen, sondern wir wollen eine Verallgemeinerung bezüglich der Anfänge der Politik der Philosophen machen. Das Erstaunlichste an diesen Anfängen ist, dass wir sie in einen in Zentralamerika und besonders in der Lehre des Erzbischofs Monsignore Oscar Arnulfo Romero (1917-1980) weitverbreiteten Ausdruck übersetzen können: Die Politik beginnt "mit der Stimme jener, die keine Stimme haben", das heißt, wenn man zugibt, dass diejenigen, die nichts besitzen, die Armen, das Recht haben, an der Ausübung und der Kontrolle der öffentlichen Angelegenheiten und der Justiz mitzuwirken. Solange das nicht anerkannt wird, gibt es keine Politik, nur "politisches Handeln". Der diese Maxime darlegte, der Grieche Aristoteles, setzt in seiner Politik fest, dass sich die Gesellschaften in drei beziehungsweise in zwei Klassen aufteilen: die Reichen (oligoi), die Guten (aristoi) und die Armen (demos), oder besser gesagt, die Reichen und die Armen. Die Herrschaft der ersteren nennt er Oligarchie (oligoi), selbst wenn sie die Mehrheit darstellen; die der letzteren Demokratie (demos). Die Demokratie ist die Herrschaft der freien Menschen, der Armen. Die Oligarchen definieren sich durch eine positive und greifbare Eigenschaft: den Reichtum; das Volk (demos) durch eine Eigenschaft von philosophischem, abstrakten und leeren Charakter: der Freiheit. Doch auch wenn das Volk nur einen Teil des sozialen Gefüges ausmacht, so ist es doch seine philosophische Eigenschaft der "Freiheit", die der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit die Fundamente der Gleichheit und der Freiheit gibt, die den Beginn der Politik der Philosophen darstellen. Diese Anfänge hat das "politische Handeln" nicht, sondern die Philosophie der Sackgasse, welche die Politik
der Politiker ist, nimmt sie auf. Die Gleichheit und Freiheit des Volkes setzt der natürlichen Herrschaft der Mächtigen (oligoi) Grenzen. Sie wandelt die natürliche faktische Ungleichheit in die soziale und kulturelle Gleichheit des Rechts um. Mehr denn mit einem Konsens beginnt die Politik mit einem Rechtsstreit und einer Debatte um einen "Fehler". Die Berichtigung des "Fehlers" stellt den Ausgangspunkt der Politik dar; dieser Fehler ist es, der dem Volk eine Teilnahme, eine "Stimme für die, die keine Stimme haben" verwehrt. Die Politik beginnt, wenn eine Gesellschaft zustimmt, denen "die keine Stimme haben, eine Stimme zu geben", das heißt, einen Platz in der Kontrolle der öffentlichen Angelegenheiten.
Die alten Griechen entdeckten den Klassenkampf vor K. Marx. Aber anstatt in diesem Kampf das Prinzip zu sehen, das die Politik leitet, glaubten sie, dass es ein Rechtsstreit über die Gleichheit vor dem Gesetz sei, der den Ursprung der Politik darstelle. Es gibt nur Politik, wenn die natürliche Ordnung der Herrschaft von einer Institution durchbrochen wird, die denen, die "keine Stimme haben, eine Stimme gibt". In diesem Augenblick beginnt die Logik des Handels, des Geldes, gegenüber der Logik der philosophischen Prinzipien der Freiheit zurückzuweichen. Diese Freiheit ist kein Attribut derer, die über Reichtum verfügen (oligoi), auch nicht derer, die eine Tugend aufrecht erhalten (aristoi); die Freiheit ist vielmehr das mögliche Attribut der Masse des Volkes (demos), derer, die nichts besitzen, weder Kapital noch Tugend. Darin besteht vielleicht die Aktualität von Aristoteles und Monsignore Romero, die wir auch heute noch als unsere Zeitgenossen betrachten...
Übersetzung: Ulrike ZOMORRODIAN-SANTNER
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