Mario MARKUS

Kulturbrücke Österreich-Kuba Literaturhaus Salzburg

KULTURBRÜCKE ÖSTERREICH-LATEINAMERIKA: LITERATUR

 

Mario MARKUS 

Mario Markus


Mario Markus (Santiago de Chile,1944), Physiker, Dichter, literarischer Übersetzer, Rezitator und bildender Künstler. Promotion in Heidelberg. Zurzeit leitet er eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe am Max-Planck-Institut in Dortmund, und ist Professor an der dortigen Universität. Er veröffentlichte über 150 wissenschaftliche Artikel in internationalen Zeitschriften. In seinem Buch "Charts for prediction and chance" (Imperial College Press, Londres, 2007) fließen bildende Kunst und Naturwissenschaft zusammen; es wurde in England zum Buch des Monats nominiert. Sein Zukunftsroman "Bilis Negra" wurde zu einem erfolgreichen Comic adaptiert (J.C. Sáez, Chile, 2006). Gedichtsbände: Poemas de Invierno (Betania, Madrid, 1990) und Punzadas (LOM, Chile, 2007). Die CD "Poesía latinoamericana" (Sello Alerce, Chile, 2004) wurde von ihm in zahlreichen Rezitationen in Mexico, Spanien, Perú, Ecuador, Argentinien, Bolivien und Chile vorgestellt. Er gewann einen Wettbewerb der chilenischen Regierung; daraus entstand ein zweisprachiges CD-Buch (Gedichte aus Chile - Poesía chilena, DIRAC, Chile, 2005) mit seinen Übersetzungen.

Website: www.mariomarkus.com
E-Mail
: mario.markus@mpi-dortmund.mpg.de

 

>> Leseprobe (XICöATL Nr. 83):

 

DER SCHNEE IST MEIN LEHRER

Ein Meter Schnee auf der Strasse:
festes Hindernis auf dem Weg.
Nun scheint die Sonne:
es war bloss
Wasser.
Auf Jupiter werden wir zu Eis,
und die Luft wird zu Eis.
Auf der Venus sind wir Luft.
Was sind wir wo?
Der Schnee ist mein Lehrer.


ICH BRAUCHE EINEN NOTAR

Ich vergesse Träume.
Ich vergesse Verse.
Und ich werde mein Leben
vergessen.
Wie kann ich dies alles fest halten?
Ich brauche einen Notar. Einer, der wenn ich tot bin,
mir den Wein vorliest,
der jetzt meine Kehle
streichelt.


GOTT UND SELBSTMÖRDER

Übermenschlicher Henker
meiner Stunden, meiner Habe.
Schicksal, treu und fortgeschoben,
das mich tötet und beschützt.
Sei dir sicher: du bist ich.
Du bist noch da, weil ich es will.


ARS POETICA II

Siehe da den Dichter.
Siehe da die Amsel.
Sie spüren Zeichen der Erde,
ergreifen Spitzen, zieh'n sie heraus, holen
den versteckten Universalwurm,
lebend und wallend,
aus dem Grase hervor.
Als wäre es das einfachste auf der Welt.


ARS POETICA III

Sein Alzheimer entwickelt sich.
Seine Dichtkunst entwickelt sich.
Es schwinden die funktionellen ängste,
der Roboter-Faden,
in der Schule eingenäht.
Am Tage seines Todes
wird sein Hirn
ausgereift zu Boden fallen
- passende Marmelade für das große Preisgericht.
Dann wird man
in jener eben genannten Schule
das Lernen seiner Verse erzwingen.


AUF DER FAHRT NACH SPANIEN

Zugwechsel in Avignon,
zwei Stunden zwischen Norden und Süden.
Pflichtgang zum päpstlichen Schloss, ein riesiges Grab,
gelb und leer.
Ein Kaffee am Boulevard: Zucker, Milch, traurige Miene.
Riesengroß erscheint die Sonne. Und kühl.
Ein Betrunkener schreit auf der Straße:
Die Einsamkeit, die gibt es nicht!


JENSEITS DER BIBEL

Es gibt ein Geheimnis, das größer ist
als das menschliche Bewusstsein,
größer als das tausendjährige Charisma
des Aristoteles oder Christus,
größer als der Stolz, Dinge zu besitzen
angesichts des wartenden Todes.
Es gibt ein größeres Geheimnis:
es ist das des Mannes hinter mir im Bus, Kaugummi kauend.
Denn es gibt nichts Absurderes
als ein Wiederkäuen ohne Grund,
nicht einmal mit dem Bewusstsein einer Kuh,
ohne Botschaft, ohne Nutzen, ohne Ideal
und nicht einmal aus Dummheit:
es gibt Genies
und Philosophen und Heilige, die Kaugummi kauen.
Es gibt kein größeres Geheimnis!
Der Mann hinter mir im Bus
wirft seinen Schatten
über alle Geheimnisse dieser Erde.
Er besiegt sie, er hebt sie auf.
Er triumphiert über Christus und Aristoteles
und über mich.
Ich gebe mich geschlagen
und steige aus dem Bus.


DAS ENDE

Diese Motte
fliegt herum,
als hätte sie die Welt entdeckt.
Ich bewege mich,
als wollte ich sagen:
es ist spät, es ist Zeit zu sterben.
Sie lässt sich auf den Seiten des geöffneten Buches nieder.
Ich schließe es.
Ihr Körper, verunstaltet,
zeigt sich nun im Buch
als letzter Vers.


DER ZWIEBELPENIS

Die Frau, über die ich hier berichte,
begab sich auf die Halbinsel.
Der Traum hatte ihr erzählt,
der Gelobte Penis
sei in jenem Land zu finden.
Der Mann, den sie erwählte,
umarmte sie nackt.
Sie nahm seinen Penis
und zog
die Vorhaut zurück.
Ihr Herz zitterte.
Unter der Vorhaut
war noch eine
und noch eine
und noch eine weitere.
Bis sie vom Erb-Traum
erwachte.
In der gierigen Hand
blieb nichts.


CHILE

Es gibt Länder wie Tee:
es schwimmt eine Fliege drauf
und sofort wird man böse.
In diesem Land, dagegen, gibt es so viele Fliegen,
Wespen, Schmetterlinge,
hundert Gesellschaftsschichten,
die welche sind oder auch nicht. Wie das Blut,
jener Dschungel aus schwimmenden Zellen.
Antigene. Antikörper.
Taxifahrer, die Bach hören.
Unternehmer, die auf dem Gehsteig spucken.
Es ist ein steiniges Land, verworren.
Aber es ist auch verträglich.
Wie der Tee
und die Fliege.


DIE SPINNWEBERIN

Aus der Einsamkeit kommen manchmal schwarze Fäden hervor.
Folgt man ihnen in den Gassen,
vermengen sie sich mit der Nacht.
Man sagt, es sei besser, nicht mit ihnen zu spielen,
denn an einem Ende tragen sie Gift
und am anderen
den blinden Schwanz der Schlange.
Man sagt auch, es gäbe eine Spinnweberin.
Sie spinnt weiße Fäden, aus Seide,
und lebt nicht in den Gassen,
wo die Huren wohnen.
Ich ging hinaus, die Spinnweberin zu suchen,
doch gleich, wie ich suche und suche,
ich finde nur schwarze Fäden.


IN DER NÄHE VON TSCHERNOBYL (MINSK, 1999)

Die Spinne in der Ecke
des Zimmers im Hotel,
sie fordert ihren Platz im Kosmos.
Selbstbeherrscht, geduldig,
holt sie die Sterne herbei,
ins Zimmer, zu uns, in die Welt,
in den bösartigen Knoten Inessas.
Dort.
Dort in jenem Zimmer
fordert der Krebs
seinen Platz im Kosmos,
so ungeduldig,
dass er in diesen Raum nicht passt
und nicht in uns hinein,
und wirft die Sterne zurück
an den Ort, den man nicht versteht.


GLEICHUNG

Die Einwohner der Insel
pflegten ihre eigenen Gräber
bevor sie starben.
So lösten sie die Gleichung
des Todes davor und des Lebens danach.


EVANGELIUM

Diese Katze
hat Notausgänge:
Röhrchen, die sie zur nicht-Katze führen,
die Unterschiede zu meinem Haus überwindend.
Sie entspringen meinem Gebet:
"Röhrchen unser, der du bist in der Katze."
Dieses Wunder hat keiner gesehen,
- eine riesige Brücke nur wenige Meter lang
aber ich glaube daran
und das rettet uns:
mich und die Katze.


TABULA RASA

Ich sage: - Bitte zahlen!
Man wischt den Tisch ab. Mit routinierter Miene.
Ich habe gerade 'viande vie'
geschlemmert.
Ich suche nach meinem Gehstock.
Mit der gleichen Miene
wird man mich abwischen:
so ist halt der Tod.


BLUMEN

Überreichliche Stauden
hängend von den Balkonen.
Aufleuchtende Gestalten
von allen Regionen der Erde.
Berauschender Wohlgeruch.
Unten, auf der Strasse,
gehen die Blumen vorbei,
Hand in Hand,
und staunen:
Wie schön sind diese Pimmelmänner
hängend von den Balkonen.


KAISERSCHNITT

Und Gott kam herunter
mit einer Axt,
um Fernseher zu zerschlagen.
Aus jedem Apparat kam
echtes, weinendes Blut.
Und es begann das Leben auf der Erde
zum zweiten Mal.

Mario MARKUS