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Beiträge aus XICöATL 62:
VERTEIDIGUNG KUBAS (Auszüge) (1)
An Herrn Direktor der “Evening Post”
Sehr geehrter Herr!
Bitte gestatten Sie mir, daß ich mich Ihrer Zeitung auf den kritischen Angriff der Kubaner beziehe, den der „Manufacturer“ aus Philadelphia veröffentliche und der mit Ihrer Erlaubnis in Ihrer gestrigen Nummer nachgedruckt wurde.
Dies ist nicht der geeignete Moment, die Angelegenheit der Annexion Kubas zu diskutieren. Es ist wahrscheinlich, daß kein Kubaner, der auch nur einen Funken Ehrgefühl besitzt, sein Land vereint sehen möchte mit einem anderen, wo diejenigen, die die öffentliche Meinung bestimmen, Vorurteile über es verbreiten, die nur einer so prahlerischen Politik oder so verworrenen Unwissenheit nachgesehen werden können. Kein ehrbarer Kubaner wird sich, zum bloßen Vorteil seines Landes, jemals so weit erniedrigen, daß er sich, wie ein moralisch Verdorbener, von einem Volk empfangen läßt, das seine Fähigkeiten ignoriert, seine Rechtschaffenheit beleidigt und seinen Charakter verachtet.
Es gibt Kubaner, die (...) dort, wo die Vereinigten Staaten auf einem öden Felseneiland früher nicht mehr als einige Hütten hatten, mit ihren geringen, dafür nicht vorgesehenen Mitteln eine Stadt der Arbeiter gründeten; sie alle, die zahlreicher sind als die anderen, wünschen nicht die Annexion Kubas durch die Vereinigten Staaten. Sie brauchen sie nicht. Sie bewundern diese Nation, die größte all jener, die je die Freiheit erlangten, aber sie mißtrauen den todbringenden Elementen, die, wie Würmer im Blut, in dieser herrlichen Republik ihr zerstörerisches Werk begonnen haben. Sie haben die Helden dieses Landes zu ihren eigenen Helden gemacht und streben nach dem endgültigen Erfolg der Nordamerikanischen Union wie nach dem höchsten Ruhm der Menschheit; aber sie können nicht ehrlich glauben, daß der übertriebene Individualismus, die Anbetung des Reichtums und der anhaltende Jubel über einen schrecklichen Sieg die Vereinigten Staaten dazu bestimmen sollen, die für die Freiheit typische Nation zu sein, wo es weder eine Meinung geben darf, die sich auf das unmäßige Verlangen nach Macht gründet, noch Erweb oder Sieg, die Güte und Gerechtigkeit widersprechen. Wir lieben die Heimat von Lincoln so, wie wir die Heimat von Cutting fürchten.
Wir Kubaner sind nicht dieses Volk von elenden Vagabunden oder sittenlosen Zwergen, das der „Manufacturer“ beschreibt; und auch nicht das Land der zum Handeln unfähigen geschwätzigen Nichtsnutze, der Feinde harter Arbeit, das, ebenso wie anderen Völker des spanischen Amerika, gewöhnlich von hochmütigen Reisenden und Schriftstellern geschildert wird. Wir haben ungeduldig unter der Tyrannei gelitten; wir haben wie Männer und manchmal wie Giganten, gekämpft, um frei zu sein; wir sind dabei, jene Periode trügerischer Ruhe hinter uns zu lassen, die in Wahrheit voller Keime des Aufruhrs gewesen ist (...)
Die Kubaner, so schreibt der „Manufacturer“, haben eine „Abneigung gegen alle Anstrengungen“, „besitzen kein Selbstwertgefühl“, „sind faul“. Diese „Faulen“, die „kein Selbstwertgefühl besitzen“, kamen vor zwanzig Jahren fast ausnahmslos mit leeren Händen hier an; sie kämpften mit dem Klima; sie eigneten sich die Fremde Sprache an; sie lebten von ihrer ehrlichen Arbeit, einige in Wohlhabenheit, andere in Reichtum, nur wenige im Elend; sie liebten den Luxus und arbeiteten für ihn; man sah sie nicht oft auf den dunklen Pfaden des Leben; unabhängig und sich selbst genügend, fürchteten sie nicht, in ihren Fähigkeiten oder in ihrem Tun unterlegen zu sein; Tausende sind zurückgekehrt, um in ihrer Heimat zu sterben; Tausende bleiben an dem Ort, wo sie schließlich ohne Hilfe der vertrauten Sprache, der religiösen Gemeinschaft oder der russischen Zusammengehörigkeit über die Härten des Lebens gesiegt haben. Eine Handvoll kubanischer Arbeiter errichtete Cayo Hueso. In Panama haben sich die Kubaner hervorgetan durch ihre Verdienste als Handwerker in den edelsten Gewerben, als Beamte, Ärzte und Unternehmer. Ein Kubaner, Cisneros, hat gewaltigen Anteil am Fortschritt des Eisenbahnverkehrs und der Flußschiffahrt in Kolumbien. Márquez, ein anderer Kubaner, erwarb sich, wie viele seiner Landsleute, als ausgezeichneter Geschäftsmann die Achtung Perus. Überall leben Kubaner, die als Bauern arbeiten, als Ingenieure, als Feldvermesser, als Handwerker, als Lehrer, als Journalisten. In Phliladelphia hat der „Manufacturer“ täglich Gelegenheit, hundert Kubaner zu sehen, (...)
Und die Frauen dieser „Faulen“, die „kein Selbstwertgefühl besitzen“, diese Feinde „jeglicher Anstrengungen“, gaben ihre luxuriöse Lebensweise auf und kammen mitten in harten Winter hierher; ihre Männer waren im Krieg, zugrunde gerichtet, gefangen, tot; die „Señora“ begann zu arbeiten; die Herrin der Sklaven wurde selbst zur Sklavin; (...)
Wir seien „von Natur aus und erfahrungsgemäß unfähig, die sich aus der Staatsbürgerschaft in einem großen freien Land ergebenden Pflichten zu erfüllen“. Es ist unrecht, dies von einem Volk zu behaupten, das – neben der Energie, mit der es die erste Eisenbahn in den von Spanien beherrschten Gebieten baute und gegen eine tyrannische Regierung alle Grundlagen für eine Zivilisation schuf – eine wirklich beachtliche Kenntnis des politischen Apparates besitzt sowie eine erprobte Fähigkeit, sich an dessen jeweils höhere Formen anzupassen, und die in den tropischen Gegenden seltenere Kraft, sein Denken zu stählen und seine Sprache zu beschneiden. (...)
„Manufacturer“ schreibt abschließend, „Daß unsere Mangel an männlicher Kraft und Selbstachtung sich in der Apathie zeigt, mit der wir uns so lange der spanischen Unterdrückung unterworfen haben“, und „daß unsere Versuche der Rebellion leider so unwirksam gewesen sind, daß sie sich kaum von einer Farce unterscheiden“. Nirgends haben sich größere geschichtliche Ignoranz und Charakter so deutlich offenbart wie in dieser leichtfertigen Behauptung. Um nicht mit Bitterkeit zu antworten, sollte man daran erinnern, daß mehr als nur ein Amerikaner sein Blut an unsere Seite in einem Krieg vergoß, den ein anderer Amerikaner als „Farce“ bezeichnen zu müssen meinte. ¡Eine Farce! Der Krieg, der von den ausländischen Beobachtern mit einer Epoche verglichen wurde, die Empörung eines ganzen Volkes, der freiwillige Verzicht auf den Reichtum, die Abschaffung der Sklaverei im ersten Moment unserer Freiheit, das Inbrandsetzen unserer Städte mit unseren eigenen Händen, das Entstehen von Dörfern und Fabriken in den unberührten Wäldern, das bekleiden unserer Frauen mit den Blättern der Bäume, das zehn Jahre währende Inschachhalten eines mächtigen Gegners, der zweihunderttausend Männer im Kampf mit einem kleinen Heer von Patrioten verlor, deren einzige Hilfe die Natur war! Wir hatten weder Hessen noch Franzosen, weder Lafayette noch von Steuben, noch königliche Rivalitäten, die uns hätten helfen können; wir hatten nur einen Nachbarn, der „den Einflußbereich seiner Macht erweiterte und gegen den Willen des Volkes handelte“, um die Feinde jener zu begünstigen, die für dieselbe Freiheitscharta kämpften, auf die er seine Unabhängigkeit gründete; wir würden Opfer ebender Leidenschaften werden, die den Fall der dreizehn Staaten verursacht hätten, wären diese nicht durch den gemeinsamen Sieg miteinander verbunden gewesen, während uns das Zögern schwächte, nicht das Zögern aus Abscheu vor dem Blutvergießen; die dem Feind anfänglich eine unantastbare Überlegenheit sicherte, und das Zögern aus einem kindlichen Vertrauen in die unzweifelhafte Hilfe der Vereinigten Staaten. “Sie werden uns nicht vor ihren eigenen Toren für Freiheit sterben sehen, ohne eine Hand zu heben oder Wort zu sagen, um der Welt ein neues freies Volk zu geben. Sie erweiterten den Einflußbereich ihrer Macht mit Rücksicht auf Spanien”. Sie hoben nicht die Hand. Sie sagten nicht das Wort.
Das Feuer des Kampfes ist noch nicht erloschen. Die Vertriebenen wollen nicht zurückkehren. Die neue Generation erweist sich ihrer Väter würdig. Hunderte von Männern starben nach dem Krieg im Dunkel der Gefängnisse. Erst mit unserem Leben geht auch die Schlacht für die Freiheit zu Ende. Und es ist die traurige Wahrheit, daß sich unsere Kraft höchstwahrscheinlich erfolgreich erneuert hätte, wenn nicht einigen von uns die wenig männliche Hoffnung der Annexionisten gewesen wäre, die Freiheit zu erringen, ohne sie bezahlen zu müssen, und wenn nicht andere zu Recht fürchteten, daß unsere Toten, unsere heiligen Erinnerungen unsere mit Blut getränkten Ruinen schließlich nicht mehr sein werden als der Dünger für Boden, in dem eine Fremde Pflanze wächst, oder der Anlaß zum Spott für “Manufacturer” von Philadelphia.
New York, 21. März 1889
JOSÉ MARTÍ
LYRIK
EINFACHE VERSE (2)
I
Ich bin ein Mensch, aufrecht und wahr,
unter Palmen bin ich zu Haus,
und ich werf meiner Verse Schar,
eh ich sterbe, aus mir heraus.
Ich komme von überallher
und gehe überallhin,
ich bin Kunst unter Künsten so sehr,
wie ich Berg in den Berge bin.
Seltsame Namen genug
weiß ich von Blumen und Gras
und von Tödlich bösem Betrug
und von Schmerzen im Übermaß.
Nachts sah ich herniederfallen
und über mein Haupt sich ergießen
das reinen Lichtes Strahlen,
die aus göttlicher Schönheit fließen.
Ich sah, wie den Schultern der Frauen
schwellende Flügel entstiegen,
ich sah aus Ruinen, den grauen,
Schmetterlinge auffliegen.
Ich sah einen Menschen leben,
in der Seite den Dolch, blutgerötet,
ohne je preiszugeben
die Liebe die ihn getötet.
Wie einen flüchtigen Hauch,
sah ich zweimal die Seele hier,
beim Tode des Alten und auch,
als sie Abschied nahm von mir.
Dort am Zaun, wo der Weinberg beginnt,
wurde ich einmal sehr schwach,
als die grausame Biene mein Kind
jäh in die Stirne stach.
Und eines genoß ich einmal,
mehr als alles genoß ich das:
Als der Richter weinend im Saal
mein Todesurteil verlas.
Ich hör einen seufzenden Ton
über Länder und Meere im Wind –
kein Seufzer! Es ist mein Sohn,
der zu erwachen beginnt.
Laß sie sagen: Beim Juwelier
liegt der schönste Stein dir bereit!
Einen ehrlichen Freund nehm ich mir
und lasse die Liebe beiseite.
Des verwundeten Adlers Drift
sah ich hoch im heiteren Blau
und sterben am eigenen Gift
die Viper in ihrem Bau.
Wohl weiß ich, wenn sich die Welt
ermattet zum Schlaf niederlegt,
daß unter der Stille Zelt
sich murmelnd der Bach bewegt.
Die kühne Hand legt ich gern –
sie erstarrte vor Jubel und Schreck –
auf den erloschenen Stern,
der stürzte auf meinen Weg.
Tief im Herzen verberge ich schon
die Qual, die mein Leben verdirbt:
Des versklavten Volkes Sohn
lebt für sein Land, schweigt und stirbt.
Alles hat Schönheit, Bestand,
ist Vernunft, Musik und Gedicht,
und alles ist wie der Diamant,
Kohle erst und dann Licht.
In deiner Torheit verlangst
mit Pomp du begraben zu werden,
und so groß wie die Friedhofsangst
ist keine andere auf Erden.
Ich schweig und versteh – den Prunk
des Reimeschmieds lege ich ab
und hol vom verdorrten Strunk
meinen Doktormantel herab.
FESTMAHL DER TYRANNEN
Es gibt eine schändliche Rasse von steifnackigen Männern,
aufgebläht vom Selbstgefühl, und sie bestehen alle,
ja alle, von Kopf bis Fuß, aus Klauen und Zähnen;
und es gibt andere wie Blumen, die hauchen in den Wind
in der Liebe zum Menschen ihre Duft;
so, wie es im Wald Turteltauben gibt und Raubtiere,
und fleischfressende Pflanzen und die reine
Mimose und die Nelken in den Gärten.
Von der Seele der Menschen ernähren sich die einen,
die andern geben ihre Seele her, damit sich davon nähren
die Vielfraße und ihre Zähne zum Duften bringen.
So wie das kalte Eisen wird Innern
der Jungfrau, die es tötet.
Zu einem Festmahl setzen sich die Tyrannen,
wo man Menschen auftischt: und jene Niederträchtigen,
die die Tyrannen lieben, verschlingen eifrig
Hirn und Herz der Menschen:
aber wenn sie ihre blutverschmierte Hand
in die Speise versenken, strahlt aus dem toten Märtyrer
ein Licht hervor, das sie entsetzt; Blumen,
so groß wie ein Kreuz, steigen plötzlich auf,
und es flüchten, rot ihre Mäuler und in Schrecken
versetzt im tiefsten Innern, die Tyrannen.
Die sich selbst lieben: die voll Stolz,
ihrem Geiz und ihrer Gier Recht geben;
die nicht auf ehrlicher Stirn
jenes Band aus Licht zeigen, welches das Joch einbrennt,
wie die riesige Sonne in der Asche
die Sterne zerbricht, die sich an ihre Brust stürzen:
die nicht die Würde des Menschen als Schmuck
an der heilen Brust tragen: sie sind die Kleinen
und Zweitrangigen des Leben, nur bedacht
auf ihr eigenes Wohl und Wehe
und nicht auf das Konzert der Welt.
Tänze, Speisen, Musik, Harems,
nie die Anerkennung eines ehrlichen Mannes.
Und wenn man es vielleicht ohne Blutvergießen machen kann,
macht es so – nagelt sie,
an den höchsten Galgen des Weges,
mitten durch ihre niederträchtige Stirn,
nagelt sie, die Verräter der großartigen Menschheit,
wie ein unerschütterlicher Arbeiter,
der einen Sarg aus Bronze zunagelt,
sie, die mit dir mit Zähnen und Klauen
um die Aufteilung der Nation kämpfen.
10. OKTOBER (3)
Ein Traum erfüllt sich, es ist wahr,
das Volk der Insel läßt den Kriegsruf klingen.
Das Volk, das keine Knechtschaft konnte zwingen,
das Qualen litt dreihundert Jahr.
Vom Cauto bis zu Escambray dröhnt streitbar
Kanonendonner, und im kriegerischen Ringen
legt man den fremden Peiniger in Schlingen,
furchtzitternd klagt und stöhnt der Feinde Schar.
Kampfgeist und heldenhafter Mut
macht aus den Feldern Gräber, und Feigheit
zollt der Kriegerwürde den Tribut.
Mit uns ist Gott, die Zeit, sie ist nicht weit,
da Kuba aus dem Meer von Blut
sein Haupt erhebt, stolz und befreit.
JOSÉ MARTÍ
(1) Übersetzung entnommen dem Buch “José Martí, zum 100. Todestag” Herausgegeben durch die Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba e. V., Autoren: Eva Hacker, Clemens Messerschmid, Oliver Sack und Ulli Weinzierl, 2. Auflage, Sept. 1995, Seiten 83 bis 85.
(2) Übersetzungen entnommen dem Buch: “José Martí, zum 100. Todestag” Herausgegeben durch die Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba e. V, Autoren: Eva Hacker, Clemens Messerschmid, Oliver Sack und Ulli Weinzierl, 2. Auflage, Sept. 1995, Seiten 39 bis 43 und 51 bis 53.
(3) Es wird bestätig, daß dieses Sonett zum ersten Mal in der Studentenzeitung des “Instituto de Segunda Enseñanza de La Habana El Siboney”, im Jahre 1869 veröffentlicht wurde. Text und Anmerkung sind dem Buch „En mi pecho bravo“ („In meiner tapferen Brust“), José Martí, Auswahl, Einführung und Anmerkungen von Esteban Llorach Ramos, Editorial Gente Nueva, Havanna, Kuba, 1996, Seiten 22 und 329.
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