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Leseprobe (XICöATL Nr. 61):
DAS BÖSE OMEN
Kurz vor seinem Tod, ließ sich 4-Venado im hohen Alter von 114 Jahren, von seinen Nachkommen zur verlassenen Stadt Teotihuacán bringen. Auf dem Weg dorthin, kurz bevor sie ihr Ziel erreichten, erinnerte er sich im Geiste an die prächtige Stadt, die Teotihuacán beim Festival del Nuevo Fuego (Fest des Neuen Feuers), dem letzten ruhmreichen Tag dieser großen Stadt einst gewesen war. Damals war er gerade 10 Jahre alt. An diesem nun schon weit zurückliegenden Tag erschien Das Omen, das den Beginn des Untergangs der stolzen und reichen Stadt der Götter vorhersagte.
An diesem fernen, unvergeßlichen Morgen feierte 4-Venado, erfüllt von kindlicher Freude und Enthusiasmus wie alle anderen Bewohner Teotihuacáns, das große Festival del Nuevo Fuego (Fest des Neuen Feuers), so wie sie es jeden heiligen Jahreszyklus taten. Die Priester behaupteten, daß die Zahlen 4, 13 und 20 heilig seien, wobei ihnen die letzte Zahl als Grundlage für all ihre mathematischen und astrologischen Berechnungen diente. Multiplizierte man 4 mit 13, so erhielt man die heilige Zahl, die das Ende eines Zyklus oder eines Jahresbündels bezeichnete. – Ein gefährlicher Zyklus, bei dem die Welt ein Ende haben und aufhören könnte, sich zu drehen, um in die ewige Finsternis einzutauchen. Für alle Bewohner Teotihuacáns bedeutete das Feuer, das in dieser Nacht auf der großen, dem Sonnengott Tonatiuzacualli geweihten Pyramide entfacht wurde, daß die Große Gefahr gebannt war und daß die Sonne am nächsten Morgen wieder im Osten aufgehen würde. Die Welt würde erneut ein weiteres Jahresbündel in Frieden leben können.
Auf der Spitze der großen Stufenpyramide erhob sich der steinerne Tempel mit einer Statue, die den Sonnengott symbolisierte und aus gleichem Material gemeißelt war. Vor ihrer Brust trug die Statue ein großes, goldenes Schild, das die ersten Sonnenstrahlen des anbrechenden Morgens reflektierte. Auf ihrer Rückseite begannen die großen Freitreppen, die bis zur breiten, ausgedehnten Calzada de los Dioses (Calzada der Götter) reichten. Die Calzada de los Dioses (Calzada der Götter) durchquerte ganz Teotihuacán in Richtung Süden zum funkelnden Stern, der den Händlern, die aus dem weit entfernten Tikal kamen, als Wegweiser diente. – Die Calzada, von der die Priester versicherten, sie sei deshalb so gerade und breit gebaut worden, damit die Götter – die Gründer der Stadt – sie bei ihrer Rückkehr deutlich vom Himmel aus sehen konnten.
4-Venado konnte nicht ganz verstehen, wie die Götter zurückkehren könnten ... Aber zweifelsohne war Teotihuacán gebaut worden, um deutlich vom Himmel aus sichtbar zu sein. All jene, die die Stadt gesehen und sie von einer der Anhöhen, die das Tal säumten, bewundert hatten, bestätigten ihre großartige Symmetrie. Als er noch keine 10 Jahre alt gewesen war, hatte 4-Venado gemeinsam mit einigen Freunden die Stadt sogar vom Gipfel des großen Vulkans, der sich hinter der Pyramide von Meztlicualli erhob, bewundern können. Diese Pyramide war dem Mond geweiht, der in der Nacht oft von den hohen Flammen des Vulkankraters beleuchtet wurde. Zeitweise stiegen auch große Rauchschwaden gen Himmel.
Das eine Mal, an dem sie sich entschlossen hatten, das große Abenteuer zu wagen, hatte der Vulkan leicht gebebt, aber furchtlos waren sie fast bis zum Kraterrand hinaufgestiegen ... Ihre Furchtlosigkeit war reich belohnt worden, denn der Blick auf die Stadt war viel schöner gewesen, als sie es sich jemals hätten träumen lassen. Knapp unter ihnen, fast zu ihren Füßen, konnten sie die große Pyramide des Mondes sehen, von der aus die große Calzada de los Dioses (Calzada der Götter) begann oder an der sie endete, je nachdem, wie man es sah ... Ungefähr auf halber Höhe, konnten sie auf der linken Seite die Große Pyramide der Sonne sehen, die höchste und größte der ganzen Stadt. Entlang der gesamten Calzada leuchteten auf beiden Seiten kleine Pyramiden, die anderen Göttern geweiht und mit kräftigen Farben – vor allem rot und blau – bemalt waren. Durch sie bekam die breite Straße etwas Belebtes und Schönes. Etwas weiter, im Süden, kreuzte sie den großen Bewässerungskanal, der den Bauern und Haushalten von Teotihuacán Wasser und Leben spendete. Ein Stück weiter vom großen Bewässerungskanal entfernt, und schon fast am Ende der Calzada, erhob sich der Tempel des Quetzalcoatl, dem großen Gott, der wegen seiner Gestalt als gefiederte Schlange durch Raum und Zeit reisen konnte. Dieser Tempel bestand aus 7 Ebenen, die mit Reliefs, steinernen Schlangenköpfen und Abbildungen des Gottes Tláloc, dem Gott des Regens und des Wassers, geschmückt waren. Man erzählte sich, daß so viele Köpfe an den Seiten der Pyramide versteckt seien, wie das Jahr Tage habe. Die Reliefs, die die Ebenen markierten, leuchteten in Rot-, Gelb- und Blautönen. Vom Gipfel aus, wo 4-Venado und seine Freunden standen, konnten sie dank der klaren und reinen Luft, in welche die Stadt und das Tal gehüllt waren, sogar die kleinsten Details des kleinen Tempels erkennen, den viele auch unter dem Namen Abendstern kannten. Das Plateau dieses quadratisch angelegten Tempels in Rot- und Blautönen war mit kleinen, zinnenförmigen Quadraten aus ebenfalls rotem Stein, geschmückt.
Hier, am Rande des Vulkans, hatten sie vergeblich versucht, die zahlreichen Tempel und Pyramiden der Stadt – von denen die weisen Priester versicherten, es seien mehr als 600 – die großen Stadtviertel und über 2000 Wohnstätten zu erkennen.
– Ebenso wie es schwer gewesen war, jeden einzelnen der schönen Paläste wahrzunehmen: den des Tetitla, von dem gesagt wurde, er habe über 100 bemalte Mauern; den der Caracoles Emplumados; den der Mariposas und den des Quetzal Papalot, der, wenn man den Gerüchten Glauben schenkte, der Schönste von allen war. Auf Grund all dieser Gebäude und wegen der langen Calzada de los Dioses (Calzada der Götter), die mehr als 5000 Schritte maß, bot das prächtige Teotihuacán einen unvergeßlichen Anblick. – Doch unverhofft sollte diese Stadt ihr Leben aushauchen.
An diesem denkwürdigen Morgen, an dem wieder das Ende eines Xiuhmulpilli, eines Jahresbündels, gefeiert wurde, brodelte die ganze Stadt vor Leben und Glanz. Nur mit einem weißen Lendenschurz aus Baumwolle, der seine dünne Taille bedeckte, bekleidet, und einer Kette aus Jade um den Hals, ging 4-Venado zum Marktplatz der Stadt, während er alles um sich genau beobachtete. Die Kette, die er trug, wies darauf hin, daß er der Sohn von einem der reichen Händler war, die Baumwolle und Tee, aus dem die Priester die Zukunft lasen, von entfernten Ländern brachten.
Diese Zeichnungen im Tee erzählten die Geschichte der Stadt und ihrer Götter. Sie handelten auch von erfundenen Regionen, von einer Schlange und von kostbaren Adlerfedern ... 4-Venado hatte von seinem Vater einmal gehört, daß ihre Ahnen aus der abgelegenen Region von Macatapán stammten, wo das unendliche Meer begann, einer Region mit Sandstränden, die von hohen Palmen übersäht waren ... Andere Händler kamen aber aus noch entlegeneren Orten, wie Montalbán, Kaminal Juyú und das mythische Tikal, wo Menschen einer anderen Rasse, mit unterschiedlichen Traditionen lebten und andere Götter verehrten. Menschen, die zwar auch große Pyramiden und Steinpaläste erbauten, jedoch von ganz anderer Art als hierzulande ...
An diesem Tag sprudelte die Calzada nur so vor Leben. 4-Venado schlenderte inmitten stolzer Krieger, die Schilder trugen und deren Helme mit Federn geschmückt waren, inmitten lärmender Händler und Verkäufer und vieler Handwerker. Viele hatten sich diesen Tag frei genommen, um gemeinsam mit der Menschenmenge zum großen Marktplatz auf einem weitläufigen Flachstück am anderen Ende der Prachtstraße zu gehen, um zu feilschen und sich zu amüsieren; inmitten lärmender Frauen, die ihre Kinder auf den Schultern trugen oder fest an der Hand hielten; und inmitten edler Damen, deren Diener seltsam geformte Stäbe aus Holz trugen und ihnen einen Weg durch die Menschenmenge bahnten. 4-Venado hatte Zeit, alle Produkte zu bewundern, die sich den Blicken der Bewohner Teotihuacáns boten und sie zum Tauschhandel einluden: Berge an Mais, schwarze Bohnen und [acoyotes], die auf makellosen Palmenmatten serviert wurden; kleine, zarte Kürbisse, Chilischoten, Tomaten und wertvolle Amaranten, von deren Samenkörner man sagte, daß sie die Speise der Götter seien; appetitliches Gemüse, reife Kaktusfeigen, glänzende [capulines], [tejocotes] und Sapoten (Breiäpfel), genauso wie große Bündel [tule], Portulaks und Akazien, deren Grün sich mit den unterschiedlichen Rot-, Violett- und Gelbtönen und anderen Farben der Produkte mischte, die aus der Erde gewonnen wurden. Daneben hingen zarte Kaninchen und sogar einige Hirsche, die mit großer Mühe in den nahe gelegenen Bergen erlegt worden waren. Man konnte auch frische Süßwasserfische sehen, die in großen, bauchigen Tonkrügen von der nahegelegenen Texcoco-Lagune hergebracht worden waren. Ein Stück weiter entfernt gab es große, mit strahlenden Farben bemalte Decken aus Baumwolle, Anhänger und Ketten für die schönen Mädchen der Region, Töpferarbeiten, Kochtöpfe, [comales y magníficos incensarios], in denen die Priester während der religiösen Zeremonien Kopal und Gewürze brannten. Diese [incensarios] waren mit den Figuren von Göttern oder Kriegern geschmückt, die große Federbuschen und Schilder mit Federschmuck trugen.
Etwas weiter vom Marktplatz entfernt, in den Handwerkerbuden, von denen es laut der letzten städtischen Volkszählung mehr als 500 gab, konnte man gegenüber der Tür der Besitzer sowohl alle Arten von modellierten Keramikfiguren sehen, als auch Götterstatuen und -statuetten aus Ton oder Stein und Obsidian, und schöne Skulpturen, die die Palästen und die Häuser höher stehender Bürger schmückten.
Am darauffolgenden Tag, wenn man es schaffte, das Neue Feuer zu entfachen und alles wieder seinen alltäglichen Lauf nahm, würden die Handwerker und Händler große Gewinne erzielen, denn an den letzten Tagen des Xiuhmulpilli war es üblich alle Öfen auszumachen und alle Back- und Kochutensilien kaputtzuschlagen. Man würde sie am nächsten Tag erneuern – gemeinsam mit dem Neuen Feuer.
... Obwohl man dieses Mal deutlich merkte, daß die Hoffnung auf einen weiteren Zyklus im Gegensatz zu den vergangenen Zyklen nicht wirklich bestand. Es gab bereits einige Anzeichen, die auf das Gegenteil hinwiesen: ... Aus irgendeinem unerklärlichen Grund hatte eine Mine, in der Feuerstein abgetragen wurde, geschlossen werden müssen, denn die Steine waren so feucht, daß auch durch starkes Aneinanderreiben keine Funken sprühte ... In einigen benachbarten Regionen hatte es schon geraume Zeit nicht mehr geregnet. Aus diesem Grund hatten die Bewohner dieser Gebiete in der reichen Stadt Teotihuacán Zuflucht gesucht. Nun waren erstmals verarmte Leute zu sehen, in deren Gesichter sich Hunger widerspiegelte.
Gleichzeitig – und auch das war schon längere Zeit her - waren auch Neuankömmlinge aus dem Norden angereist. – Massen an fremde Völker, Krieger und Barbaren, die auf ihrem Weg alles abbrannten und zerstörten. Daher hatten die Bewohner der einst so friedlichen Stadt die stärksten und mutigsten jungen Männer bewaffnen müssen und ein Heer bilden müssen. In regelmäßigen Zeitabständen schwärmte dieses Heer aus, um die wilden Eindringlinge, die in kleineren Gruppen versuchten, in das Tal vorzudringen, zurückzudrängen. Es wurde aber erzählt, daß diese kleineren Gruppen nur die Vorhut einer riesigen Anzahl von Barbaren war, die sich ganz langsam voranbewegten, da sie sich des leichtes Sieges über die Dörfer auf ihrem Weg sicher waren.
Was die Bewohner Teotihuacáns jedoch am meisten ängstigte und beunruhigte, war die Behauptung der Priester, man sei bereits an der Schwelle zum 1000. Jubiläum der Stadt angelangt. Und 1000 galt als unheilverkündende Zahl, da sie das Nahen der Prophezeiung und dessen Verwirklichung ankündigte. Da die Priester nichts anderes tun konnten, als das Omen zu erwähnen, taten sie dies in einem unverständlichen Murmeln. Niemand wußte hundertprozentig was in der Prophezeiung wirklich gesagt worden war, denn die Hüter des Geheimnisses, die Ältesten unter den Priestern, hatten es nicht enthüllen wollen. Sie war sogar so geheim, daß sie nicht einmal in den schönen, bemalten heiligen Büchern aus Papier [amate] oder feinem Leder aufschien ... Es wurde behauptet, daß die ältesten Priester ihren Nachfolgern die Bedeutung dieses Omens ausschließlich mündlich überliefert hatten. Nun murmelten sie, die Zeit sei gekommen ... Eine Katastrophe braute sich über der reichen Stadt Teotihuacán zusammen ...
Mit seinen 10 Jahren kamen 4-Venado diese Prophezeiungen, die mit unhörbaren Stimmen ausgesprochen wurden wie in den müden Köpfen der Priester entstandene Halluzinationen vor. Mehr noch, als diese versicherten, daß „die Rückkehr der Götter bevorstehe“ und die Priester ihnen dann die Stadt zurückgeben müßten.
Während er so durch die Straßen der Stadt schlenderte, erinnerte sich 4-Venado nicht ohne leichtes Erschauern daran, wie – vielleicht auf Grund der großen Not durch die Dürre – neue Götter nach Teotihuacán gekommen waren und den Göttern Tláloc und Chalchiuhtlicue, den Göttern des Wassers, Huehuehotl, dem Feuergott, und Mariposa, denen beiden die Bewohner immer Blumen und Früchte als Opfergaben brachten, die Vorrangstellung streitig gemacht hatten. An ihrer Stelle wurden nun Xipe Totec, der Gott der Pflanzen, und Xochiquetzal, die Fruchtbarkeitsgöttin, verehrt. Zu Beginn bestanden die Opfergaben aus Früchten und Samenkörnern, die mitten in Nebelschwaden an Kopal zu den Füßen der Götter gelegt wurden. Doch seit kurzem – vielleicht wegen der Dürreperioden – hatte man angefangen kräftige Sklaven und tapfere Krieger aus Teotihuacán zu opfern, in der Hoffnung, ihr Blut möge die Götter besänftigen. Die Ältesten der Priester hatten ohne Erfolg versucht, sich gegen diese Art von Opfergaben aufzulehnen. Sie prophezeiten, daß diese neue Schmach nichts Gutes für die Stadt bringen würde ...
An diesem Morgen schien es, als ob alle 100 000 Einwohner von Teotihuacán ihre Häuser verlassen hätten, denn die Hauptstraßen waren voll Leben. Viele nahmen an der Hochzeit Ocals, dem Sohn eines der nobelsten Führer der Stadt, mit der schönen Ixcy teil. Die beiden hatten es schließlich – trotz vieler Tragödien – geschafft, sich wiederzufinden, um ihre große Liebe zu verwirklichen. Ihre unglaubliche Geschichte hatte viele gleich begeistert und diese erzählten sie jenen, die sie noch nicht kannten. Auf einer seiner Reisen als junger Krieger hatte Ocal Ixcy vor den Grausamkeiten der „ñusabi“, den Bewohnern aus dem fernen Land der Wolken, gerettet. Die „ñusabi“ hatten sie für einen ihrer Götter opfern wollen. In dem Augenblick, als er sie so jung, schön und hilflos vor sich sah, hatte sich Ocals Herz entflammt und er hatte sie durch den Gebrauch von Waffen vor dem Tod gerettet.
Später hatten sie gemeinsam auf geheimen Pfaden fliehen müssen bis sie endlich den Zorn der Bewohner von Ñuñuma hinter sich gelassen hatten. Auf ihrem Weg durch Tilantongo hatte sie der Herrscher des Gebietes königlich untergebracht und hatte sich selbst unsterblich in die schöne Ixcy verliebt. Diese hatte jedoch nur Augen für ihren Lebensretter und räumte somit die Annäherungsversuche des Herrschers diplomatisch aus dem Weg. Kurze Zeit später, als sie schon beinahe in Teotihuacán angelangt waren, waren sie in einen Hinterhalt gekommen und der junge Krieger und sein Heer verloren die Schlacht. Man hatte ihn für tot gehalten. Als er jedoch wieder zu sich gekommen war, sah er, daß Ixcy, seine große Liebe, verschwunden war. Zorn und Verzweiflung waren über ihn gekommen, mehr noch, da er die Identität der Entführer und das Schicksal, das seiner gefangengehaltenen Geliebten blühte, nicht kannte.
So waren einige Wochen erfolglosen Suchens vergangen, bis der junge Mann über einen Händler, einen Freund seines Vaters, eine seltsame Zeichnung erhalten hatte, die von einem „huisitacú“ aus dem Gebiet der Ñuñumas angefertigt worden war. In dieser Zeichnung teilte ihm Ixcy mit, daß sie in einem fernen Dorf, im Gebiet des Herrschers von Tilantongo, gefangengehalten wurde. Mit den besten Lanzen und Knüppeln bewaffnet und begleitet von einem riesigen Heer hatte sich Ocal sofort auf den Weg gemacht, um Ixcy zu retten. Trotz großer Not und Gefahren hatte er den Herrscher von Tilantongo und seine Anhänger besiegt und sie getötet. Ixcys Freude war groß, als sie Ocal sah, denn man hatte ihr eingeredet, er sei in der Schlacht gefallen. Sie hatte jedoch die Heiratsanträge des Herrschers von Tilantongo weiterhin abgeschlagen, denn ihr Herz flüsterte ihr zu, daß Ocal nicht tot sei. Wütend hatte ihr der Herrscher von Tilantongo einen Monat Aufschub gegeben, um alles noch einmal zu überdenken. Wenn sie bis zum nächsten Vollmond noch immer seine Anträge abschlug, würde er sie wieder zu den Priestern von Ñuñuma zurückbringen, damit diese sie den Göttern opfern konnten. Zum Glück hatte ein Schreiber Mitleid mit ihr und ihren Bitten gehabt, und so schaffte sie es, ihrem Geliebten die Nachricht zu schicken, damit dieser sie erneut vor den Klauen des Todes retten könne.
Ihr triumphierender Einzug in Teotihuacán, nur einige Tage zuvor, hatte das Volk begeistert und nun hatten beide beschlossen, ihr Schicksal im großen Palast, der im Besitz von Ocals Familie war, in einer prächtigen Zeremonie zu vereinen. Zu dieser Zeremonie war nicht nur die gesamte Noblesse von Teotihuacán eingeladen worden, sondern auch 4-Venados Vater und dessen Freund, der Händler, der Ocal die Nachricht der schönen Ixcy überbracht hatte und damit zu ihrer Befreiung verholfen hatte. Als spezielles Privileg war es 4-Venado auch erlaubt, an der Zeremonie teilzunehmen. Auf sie würden die Festivitäten der Hochzeit folgen, die bis zum Einbruch der Dunkelheit dauern würden. Ihren Höhepunkt würde die Hochzeit im Aufstieg zur Sonnenpyramide finden, von der aus der Oberste Priester gemeinsam mit den Adeligen der Stadt dem Volk von Teotihuacán die Große Fackel mit dem Neuen Feuer zeigen würde. Mit ihr würde man alle Herde der Stadt wieder anfachen, nachdem ein schneller Bote die Fackel den Berg hinabgebracht hatte.
Auf Grund der Position der Sonne – sie hatte bereits den Schatten der ihr geweihten Pyramide stark verkürzt – wußte 4-Venado, daß es für ihn an der Zeit war, sich zum nahegelegenen Palast zu begeben, wo in Kürze die Hochzeitszeremonie stattfinden sollte. Während er dorthin ging, erinnerte er sich ohne es zu wollen an die Legende der 4 Sonnen und an die Pyramide, die diesen Namen trug. Eine Legende, die die Priester allen Kindern – und somit auch ihm – erzählten und auch den Jugendlichen, die sie ausbildeten. Laut dieser Legende sei die große Sonnenpyramide der ursprüngliche Mittelpunkt der Welt gewesen, denn in ihr war die fünfte Sonne geboren worden, die nun auf die Menschen herabschien. In einer Periode voll Dunkelheit war die Sonne durch Nanahuatzin, einem ihrer Götter, über der Pyramide aufgegangen. Dieser Gott hatte ein Opfer gebracht und sich in das Feuer gestürzt. Durch seinen heldenhaften Tod – seinen Sprung ins Feuer – war er in eine Sonne verwandelt worden, die einen anderen Kurs eingeschlagen hatte und im Osten aufging, um auf die Menschen herabzuscheinen.
Die Priester versicherten, daß es früher 4 Sonnen gegeben hatte, die von verschiedenen Göttern gelenkt worden waren. Jede Sonne hatte einer anderen Umlaufbahn im Universum entsprochen. Der Gott Tezcatlipoca Rojo war für den Osten verantwortlich; die entgegengesetzte, weiße Umlaufbahn gehörte dem Gott Quetzalcoatl ... Die Bahn des Nordsterns war dem Gott Tezcatlipoca Negro gegeben worden; diese war auch gleichzeitig die Umlaufbahn des gefürchteten Gott Mictlán. Es war der ferne Ort der Toten, wo ewige Kälte herrschte ... Im Gegensatz dazu war die gegenüberliegende, grüne Umlaufbahn die des Huitzilopochtli, dem Vogelgott. Sie befand sich beim Tempel des Quetzalcoatl.
Die Priester erzählten ebenfalls, daß im Zentrum der Großen Pyramide der Gott Xiuhtecutli, der Gott des Feuers, der gleichzeitig auch der Alte Gott war, wohnte. Von diesem Ort aus konnte er zum Himmel hinauf- oder zur Unterwelt herabsteigen. Diese Unterwelt betrat man durch eine Höhle, von der gesagt wurde, sie sei die Vorhalle zum Innersten der Erde. Die Priester versicherten auch, daß sich genau hier vor langer Zeit der kleine Bau erhoben hatte, der später die Basis für die große Sonnenpyramide gebildet hatte. Diese Stelle galt nun als der heiligste Ort von Teotihuacán, der Heiligen Stadt der Götter.
In seine Grübeleien vertieft, bemerkte 4-Venado, daß er schon bei der breiten Steintreppe des majestätischen Palastes von Ocals Familie angekommen war. Dieser Palast hatte große Ähnlichkeit mit dem des Tetitla und war ganz aus gravierten, rechteckigen Steinen gebaut. Er enthielt weite Innenhöfe mit Fußböden aus Steinplatten, die von langen Korridoren umgeben waren. Die steinernen Zimmerdecken wurden von quadratischen Säulen, ebenfalls aus Stein, gestützt. An den Mauern leuchteten die Farben Rot, Gelb, Grün, Blau, Rosa und Schwarz, mit denen die prächtigen Wandmalereien angefertigt worden waren. Diese stellten die Götter und phantastische Tiere in lüsternen Szenen dar, in denen reichlich Wasser in Form von Wasserfällen, wallenden Flüssen oder sprudelnden Quellen vorhanden war. Sie waren von dichten Pflanzen mit seltsamen, herrlichen Blüten und exotischen Früchten aller Formen und Farben umgeben.
Die Hochzeitsgesellschaft hatte sich bereits in einem der größten Innenhöfe des Palastes eingefunden. Indem er sich einen Weg durch die Menschenmenge bahnte, konnte 4-Venado schließlich Ocal und Ixcy sehen, die gegenüber eines Tores des Palastes standen. Sie hielten sich an den Händen, die mit Blumen geschmückt waren, und warteten auf den Höhepunkt der Vermählung. Inmitten der Rauchschwaden von Kopal und duftender Kräuter, bekleidet mit ihren besten Kleidern, bildeten die beiden ein wunderschönes Paar. Ocal trug einen Kopfschmuck aus Quetzalfedern, dem Symbol für seine adelige Herkunft, große Armreifen aus Metall, die mit kostbaren Steinen und grünen Smaragden geschmückt waren und mit dem scharlachroten Umhang aus feiner Baumwolle, den er auf seinen Schultern trug, kontrastierte. Ixcy war in ein langes, weißes Kleid aus feiner Baumwolle gehüllt, das mit wunderschönen Farben bestickt war. Sie trug lange Ohrringe und Ketten aus Gold und Jade und ihre Augen glänzten vor Freude, im Wissen, bald inmitten glücklichen Raunens der Hochzeitsgäste vom Priester getraut zu werden. Dies war für 4-Venado ein unvergeßlicher Augenblick gewesen.
Danach war seine Erinnerung etwas verschwommen. 4-Venado glaubte, die Feierlichkeiten wie alle anderen Gäste genossen zu haben. Er kam erst wieder wirklich zu sich, als es schon dämmerte und alle sich am Fuße der großen Sonnenpyramide versammelten, während der Oberste Priester, Ocal und Ixcy und der Rest der adeligen Einwohner Teotihuacáns langsam die steilen Treppen erklommen, um zur Spitze zu gelangen.
Der Moment, auf den sie schon so lange gewartet hatten, war endlich gekommen: sie sahen, wie sich der betagte Geistliche dem kleinen Tempel des Sonnengottes näherte ... In wenigen Sekunden würde er mit der strahlenden Fackel in der Hand herauskommen, um zu zeigen, daß der alte Jahreszyklus beendet war und ein neuer gerade begonnen hatte. Mitten im Jubelgeschrei sahen sie ihn, den Träger der leuchtenden Kienfackel, aus dem Tempel heraustreten. Plötzlich hörte der Jubel langsam auf, denn alle starrten auf etwas hinter dem Priester, das aussah wie eine kleine Sternschnuppe, die immer größer und strahlender wurde. Als sie knapp über dem Priester war, sah es aus, als ob der Mond ohne Vorwarnung seinen fixen Standort am Himmel verlassen hätte, um mit hoher Geschwindigkeit kopfüber herunterzufallen. Als der Priester die Sternschnuppe ebenfalls bemerkte, schrie er: „Das Omen!“ Es war ein rauher Schrei, der nur schwach am unteren Ende der Treppe zu hören war und dennoch deutlich von allen Anwesenden wahrgenommen wurde.
Einen Moment lang konnten alle angsterfüllt zusehen, wie sich die leuchtende Scheibe, in die sich die Sternschnuppe verwandelt hatte, sehr rasch der Pyramide näherte – als wolle sie sie vernichten. Vor Schreck stürzte der Oberste Priester die Treppen hinab, als er schnell einen Schritt zurücktreten wollte. Dabei fiel ihm die Fackel mit dem Neuen Feuer aus der Hand und erlosch abrupt, als sie am Abhang abprallte. Dies war das schlimmste Zeichen von allen!
In diesem Augenblick hatte Ocal sofort reagiert: er hatte Ixcy in seine Arme geschlossen und war überstürzt über die Stufen hinabgeflüchtet. Die anderen verängstigten Adeligen hatten es ihm gleichgetan. Währenddessen war die große, leuchtende Scheibe mit hoher Geschwindigkeit langsam und sanft gefallen, als ob sie in der Luft schweben würde, und hatte beinahe das Dach des Sonnentempels erreicht. Alle Bewohner Teotihuacáns flohen bei diesem furchteinflößenden Omen aus der Stadt ohne auch nur im Geringsten an ihr Hab und Gut zu denken. Der Beginn des Endes der Stadt war gekommen.
Unerklärlicherweise war 4-Venado starr stehen geblieben und hatte wie im Traum gesehen, wie alle rund um ihn geflüchtet waren bis das große Plateau und die Calzada vollkommen menschenleer waren. Die große, leuchtende Scheibe, die nun wie eine riesige Linse mit eigener Leuchtkraft aussah, hatte sich sanft auf die Spitze der Pyramide gesetzt. Ungläubig und verblüfft hatte 4-Venado zusehen können wie sich an einer Seite der Scheibe langsam eine Tür geöffnet hatte. Aus dieser Tür strömte ein noch helleres Licht. In diesem Licht bemerkte 4-Venado einige hohe Gestalten, die ihn nur vage an Menschen erinnerte. In diesem Moment erinnerte er sich voll Schrecken daran, daß derjenige, der es wagte, einem Gott von Angesicht zu Angesicht zu stehen für immer blind oder tot sein würde. Wieder Herr über seinen Körper drehte er der schrecklichen Vision den Rücken zu, um sein Volk zu suchen, das die Stadt verlassen hatte und niemals zurückkehren würde.
Viele Tage später war er mit seinen Eltern und einer kleinen Gruppe von Teotihuacanos am Ufer einer ruhigen Lagune angelangt, deren Name Culhuacán war. Dort hatten sie ein neues Leben begonnen. Im Laufe der Zeit waren einige besessene junge Männer – unter ihnen auch 4-Venado – zur verlassenen Stadt zurückgegangen, um die Götter zu suchen. Doch die Suche war erfolglos geblieben. Es schien, als wäre sie nun endgültig von den Göttern verlassen worden oder als würden sie nie wieder einen Fuß in diese Stadt setzen. Obwohl sie mit derartigen Neuigkeiten zurückkamen, konnten sich dennoch nur wenige ehemalige Bewohner Teotihuacáns dazu aufraffen, in die Stadt zurückzukehren. Diejenigen, die sich dort wieder niedergelassen hatten, waren bald reuevoll zurückgekommen ... Es gab dort weder Handel noch Leben, die Dürre hatte die Ernten vernichtet und die kriegerischen Barbaren aus dem Norden hatten es sich, als sie die Stadt so verlassen sahen, zum Ziel gemacht, auf ihrem Plünderungszug alle Häuser anzuzünden und die wenigen verbliebenen Bewohner zu foltern.
Und so kam es, daß 4-Venado – obwohl er im Laufe seines langen Lebens, so Vieles erlebt hatte, daß er damit über 10 Leben hätte füllen können – als er seinen Tod nahe wußte, wieder nach Teotihuacán zurückkehren hatte wollen, um zu sehen, was von der Schönheit der Stadt übriggeblieben war. Schließlich waren die Träger, die sanft seine Trage hielten, bei der Stadt angekommen. Die Sonne stand schon tief und durch die Farben Rot, Gelb und Orange wurden die Umrisse der Pyramiden und Gebäude zu neuem Leben erweckt. Doch als sie langsam durch die Straßen der Stadt gingen, sahen sie, daß die Gebäude völlig zerstört waren. Einige der Köpfe in Schlangenform des Tempels, der dem Quetzalcoatl geweiht war, waren aus ihrer Basis herausgerissen und lagen jämmerlich am Boden. Die eingestürzten Dächer der Häuser und der Steinpaläste und das hohe Gras, das sich nur noch beim Vorbeischleichen eines Skorpions oder einer Mauereidechse bewegte ... Der Vollmond, der herauskam und die verlassenen Ruinen mit seinem Licht in Trostlosigkeit badete ... Und das unheilverkündende Heulen eines Kojoten, das er von der Spitze der großen Pyramide des Mondes hörte, deren versteckter Vulkan auch nicht mehr aktiv war ... Als er all dies wahrnahm, begriff 4-Venado schließlich, daß die Stadt für immer tot war. Sie war nichts anderes als ein einziger, in Ruinen liegender Grabstein, der die Geister der verschwundenen Götter beherbergte. Er begriff, daß die vergangene Größe Teotihuacáns nun nichts weiter als Staub war.
Und dann, unter der Last der bitteren Realität, hörte sein Herz langsam auf zu schlagen. Im letzten, flüchtigen Augenblick des Bewußtseins fühlte er, wie er die Barriere der Jahre überschritt und wieder jung war. Er war wieder 10 Jahre alt und betrachtete die Schönheit und Pracht seiner großen Stadt. Danach war nur noch das mitleiderregende Schluchzen der Träger zu hören, als sie den Tod des ehrwürdigen, alten Mannes bestätigten, vermischt mit dem Geheul der Kojoten, dessen Lautstärke sich verdoppelt hatte. – Die letzte Ehre an die melancholischen und verlassenen Ruinen der Stadt Teotihuacán.
Jorge MARTÍNEZ VILLASEÑOR
Jiquilpan - MEXIKO
Übersetzung: Laurianne HONZAK
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