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LESEPROBE (aus XICöATL Nr. 69)
Gedichte aus „DAS LODERNDE WORT“(1):
MAYAR I
Ich bin der andere Raum, den ich nicht finde,
der Fall des höhenlosen Wassers,
stimmloser Mythos
eines erdlosen Weges;
ich bin derjenige, der nichts von Schweigen weiß
auf dieser Wegstrecke meiner selbst,
die Müdigkeit und das Werden
des zu Ende Gehenden um von neuem zu beginnen,
derjenige, der jetzt kommt um zu gehen.
Der gibt einen Ort, den ich nicht erreiche,
alles genieße ich äußerlich,
und ohne Schatten zu hinterlassen,
geht das Licht vor der Zeit weg.
MAYAR II
Die Füße enden
und ich komme nicht einmal bis zur Tür,
schon werde ich nicht sagen können
ob ich bei der Schenke vorbeikam
wo ich meinen Mund mit Bier füllte;
viele Augen ruhen auf mir
und ich kann niemanden erkennen.
Ich komme Sterne teilend
um einen Weg zurückzulegen, der verbrennt,
sterben werde ich zwischen Grillen
alles hingebend,
im Glauben, wie eine Sonne erfüllt zu haben
die sich raumlos nicht ergeben kann.
MAYAR III
Es ist schrecklich zu sterben wenn man geboren wird,
jeden Tag weinen,
sich im eigenen Haus verlieren,
sich suchen,
und bei der Begegnung,
den erhängten Schatten entdecken
von jemandem der vorbeikam
als alle schliefen.
Allem überdrüssig
kehre ich zum anderen Extrem zurück,
ich gehe zurück
ohne auch nur einen Schritt zu vergeuden.
MAYAR IV
Ich habe mein Wort weiß gemalt
um die Häuser meines Dorfes naß zu machen;
ich bin an der Reihe
und ich will mich nicht fragen weshalb
in diesem Rot das ich in den Taschen trage
habe ich nur Antworten.
Ich ertrage es nicht Karnevalslieder zu hören,
ich werde damit beginnen
Lachsalven aus Feuer zu verteilen
obwohl die Fenster mir die kalte Schulter zeigen.
Jetzt,
wer kann mir sagen
ob diese Farbe nicht weiß ist?
MAYAR V
Bruder,
Dichter der ersten Jahre
in denen dich eine Illusion blendete
die Angst zu sterben
unter Tannen und Spanischem Rohr.
Ein Nußbaum verwertete deinen Atem
und du gingst zur anderen Dimension der Welt
wie eine kleine Narde
die ihre Düfte verlor,
wie ein Gewehr
ohne abzufeuern,
wie eine Stimme die das Leben dir raubt,
wie ein stiller Vulkan
auf dem Weg zu deiner Heimat.
MAYAR VI
Der Fluß kreuzt durch dein Fenster
mit seiner Feuerwoge
und hinter dem Glas,
errötest du,
schaltest du die Lichter des Lebens ein.
Ich kreuze den halben Nachmittag
wie ein Echo von Erinnerungen,
wie ein trauriger, eingeschlafener Gott
der seine Hoffnungen nährt.
Ich umarme mich an deinen Schenkeln aus Opal
um das Echo der Jahreszeiten zu hören,
aber dieses Jahrhundert vergeht langsam
wie ein Traum in deinem Mund.
Morgen, angelehnt an meine Füße
wirst du meine goldene Ähre mitnehmen
und dein Haar aus Regen,
morgen, deine gesegneten Augen aus Reif
werden schon nicht im Wasser versinken.
AZTECAL VI
Sich verloren fühlen in einer Stadt ohne Einwohner,
- von den Göttern verlassenes Dorf -,
sich als einen Körper fühlen
an einer Schnur aufgehängt,
an der anderen Fensterseite,
zwischen Lichtern,
als Flug von in der Luft angehaltenen Lerchen.
Hier gibt es niemanden,
ich bin das Zeichen eines Wehklagens,
sieben Schweigen
in den Ohren eines Tauben.
Eines Tages werde ich wieder atmen
wie ein Lebewesen,
ich werde mich sicher fühlen,
und werde das überwinden was niemals weitergeht.
AZTECAL VII
Jemand sagte mir gestern,
daß die Rose traurig war,
daß sie eine große Traurigkeit in sich hatte,
wie von hier zu deiner Abwesenheit.
Ich weiß, daß es sicher ist, daß sie weint,
obwohl man das nicht sagt
und in diesem Fall,
hat niemand Recht,
das Herz ist ein roter Stein.
Warum schmerzt mich die Rose so sehr?
Eines Tages werde ich meine Hände aus Licht benetzen
und werde dich lieben
auf meinem solidarischen Übergang zu dir.
AZTECAL IX
Wir betreten ein lichtloses Zimmer
mit erhobenen Armen,
und die Furcht
einen Schlag ins Gesicht zu bekommen,
- einen trockenen Schlag und ohne Schall -,
es war schrecklich,
weil du und ich,
Angst hatten,
Angst in der Dunkelheit zu sterben,
trotz der Schatten,
befreundete, unermeßliche Schatten.
AZTECAL X
Sie gab mir ihr Blut
und wir besuchten
den Mann im dunklen Anzug
der uns seine Schatten schenkte
um dem schweren Weg zu folgen.
Wir traten durch die große Friedhofspforte ein
und zwischen Blumen suchten wir
den Namen ihrer Mutter.
So,
vergingen hunderte Jahre,
und sie, im Gras sitzend,
warf Lieder auf den kalten Grabstein
auf dem Grund der Erde klebend.
Dann weinte sie,
und sagte mir mit einem Wort
all ihr Schweigen,
und sie sagte mir
all ihre Liebe mit einem Wort.
(1) AZUELA ESPINOZA, Francisco: "La palabra ardiente“, zweisprachige Ausgabe (Spanisch-
Französisch) der "Colección Autores de América", Editorial Centro Cultural Internacional El Cóndor de los
Andes – Aguila Azteca, A.C. Cochabamba, Bolivien, 2002.
Übersetzung: Renato Vecellio
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