Carlos Aránguiz Zúñiga
KULTURBRÜCKE ÖSTERREICH-LATEINAMERIKA: LITERATUR
Eine Frage der Grenzziehung
Fast die ganze Nacht hatte er in Argentinien geschlafen, aber als sein Hahn lauthals krähte bewegte Lindor Vargas seinen breiten Körper mit einem behäbigen Ruck in der düsteren Miststatt, die ihm als Bett diente, auf chilenisches Territorium. Die Decke aus grober Wolle verhedderte sich in seinen Beinen, aber sein einziges Laken aus Jute, das die Vliesmatratze überzog, blieb großteils auf argentinischem Gebiet liegen Um Punkt sechs erhob er sich auf die chilenische Seite und näherte sich danach argentinischem Territorium, um den Teekessel auf das Feuer zu stellen, das dank der guten Qualität des Ñirre Holzes noch immer glühte. Sein Haus stand genau auf der Grenze zwischen den beiden Ländern, und das war sicher nicht seine schrullige Idee gewesen. Er war viele Jahre vor diesen Typen von der gemischten Grenzkommission hierher gekommen und hatte nicht den geringsten Anteil daran gehabt, dass hier eine Trennungslinie errichtet wurde, überragt von einem Grenzstein aus Zement und Bronze, genau am Eingang zu seiner Hütte. Und seine Auflehnung dagegen war so gut wie vorprogrammiert; seine Geduld riss, als sie in sein Anwesen eindrangen, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen, und aus dem Brunnen Wasser holten, um das Material für das symbolische Machwerk anzumischen. Also beschloss Lindor Vargas, sein Bett in der Mitte des Zimmers aufzustellen, da, wo die unsichtbare Grenzlinie verlaufen musste, und genau dorthin bewegte er in der Folge alle seine notwendigsten Möbel. Nun konnte er mit absoluter Sicherheit behaupten, dass er über der Grenzlinie, die ihm diese Herren in Hemd und Kragen verpasst hatten, - die in sorg-fäl-tig ge-trenn-ten Silben zu ihm sprachen, als verstünde er die Sprache nicht, vielleicht dachten sie, in der Pampa siedelten sich nur Ignoranten an -, dass er genau dort aß, schiss und schlief. Die Gendarmen und die Carabinieri hatten jahrelang erfolglose Wetten darüber abgeschlossen, wer ihn wohl überzeugen könnte, sich zu einer oder der anderen Seite zu bekennen, so dass er der entsprechenden Nationalität zuzuordnen wäre; vor einiger Zeit hatte man dann beschlossen, er möge beiden Ländern angehören. Indes: Er war ein einsamer Mann mit einem singendem Ton in seiner Stimme, er konnte also genauso gut auf einer entvölkerten Insel von Chiloé wie in der grimmigen Kälte des Río Gallegos geboren sein. Sein breiter kleiner Körper, der von schlanken Armen flankiert wurde, verlieh ihm das Aussehen einer Keramikpfanne aus Portoibaña und ließ auf direkte indigene Vorfahren schließen, die er gerne hervorkehrte, indem er die Sprache der Indigenas durch kurze gehauchte Worte nachahmte, eine Sprache, die nicht aus der Pampa kommen konnte, aber auch nicht aus Feuerland, so wie es die Männer von der Grenzkommission letztlich vermutet hatten, worauf sie sich in der Eile leichtfertig dafür entschieden, mit ihm in abgehackten Silben und mit Gesten zu kommunizieren. Das Wasser im Kessel auf der Feuerstelle kochte, da hörte man von ferne Stimmen. - He! Du da, im Haus! Lindor machte weiter seine Handgriffe, als habe er nichts gehört. Er ging zum chilenischen Schrank, der auf argentinischem Boden stand und nahm aus einem Steinguttopf eine Handvoll Kräuter heraus, die er mit einem Rohr in die Mate-Schale drückte. Er zog den Ärmel über die Hand, um den Kessel vom Feuer zu nehmen und ging bis zum Tisch, der genau auf der Grenze stand; dort setzte er sich hin, auf chilenischer Seite. Die Schritte der Pferde verstummten am Zaun vor dem Eingang. Die drei Reiter murmelten einige Worte, bevor sie von den Pferden stiegen. Einer von ihnen schlug mit der Peitsche an die Eingangstür, aber da drangen die beiden anderen schon in die Wohnung ein, ohne eine Antwort abzuwarten. Lindor zerbröselte ein Brot und begann es zu verschlingen, täuschte dabei großen Hunger vor. - "Guten Tag! Ist es erlaubt?", rief einer der Männer zum Gruß und ging durch die Tür, ohne eine Einladung abzuwarten. Lindor konnte im Halbdunkel den hellen Dunst des Atems seiner Besucher ausnehmen, ohne sich von der Stelle zu rühren. "Wir sind vom SAG", teilte der zweite Mann mit, der nun auch eingedrungen war; er war in einen Poncho gehüllt und trug einen Filzhut. - "Von der staatlichen Rinderbehörde, dem Servicio Agricultor y Ganadero", klärte ihn der andere auf, während er die Tür hinter sich schloss. Lindor sah sie unbeteiligt durch den Dampf der Teekanne an und stieß ein Grunzen aus, das die Besucher für die Einladung hielten, sich an den Tisch zu setzen. Einer setzte sich zum Hausbesitzer, auf chilenisches Territorium, und die anderen zwei ihm gegenüber, auf argentinischen Boden. -"Darf ich", fragte der erste, der hereingekommen war, nahm dabei eine Tasse und füllte sie mit Mate. Die anderen beiden blickten sich an und wussten nicht recht, wie sie anfangen sollten. "Wir haben den Auftrag, Ihre Kühe zu schlachten", hob der eine mit gebrochener Stimme an, die ihm in der Brust stecken zu bleiben schien. "Wegen der Maul- und Klauenseuche, Sie wissen schon", fügte der mit dem Filzhut hinzu. In Argentinien ist eine Epidemie ausgebrochen und jedes Risiko muss eliminiert werden. Lindor blickte sie abwechselnd an, als begutachtete er ein dürres Rind, das sie ihm verkaufen wollten. "Wissen Sie,
wie viel es kostet, hier eine Kuh groß zu ziehen?", fragte er plötzlich, strich dabei sanft über seine leere Mateschale. "Natürlich wissen wir das... aber es ist zum Wohle des" - "Und welchen Landes?" fragte erzürnt der Besuchte. Die Beamten sahen sich einen Augenblick an und schwiegen. Sie merkten, dass der Bauer zornig war und wollten die Situation nicht noch verschlimmern. Der eine, der ihm gegenüber saß und der einen schmalen, gepflegten Schnurrbart trug, stand auf, zog den Parka zurecht und ging zur Tür. Lindor richtete sich ebenfalls auf, flink wie ein Reh, und noch bevor der Mann hinaustreten konnte, hatte er sein Gewehr gezogen und zielte auf ihn. Er stieß ein paar Rufe aus, die Besucher konnten sie nicht verstehen, sehr wohl aber seine Gesten. Sie standen langsam auf, streckten ihm ihre Hände entgegen, um anzuzeigen, dass sie unbewaffnet waren und verließen lauten Schrittes die Hütte. Als sie sich ihren Pferden näherten, hörten sie drei trockene und lange Schüsse. Und sie sahen, wie die Pferde nacheinander zu Boden stürzten, sie hatten je eine Kugel treffsicher zwischen den Augen. Die Präzision des Bauern ließ die Männer mit offenen Mündern und erstarrt dastehen. -"Das nächste Mal, wenn so ein Scheißkerl kommt und sich mit meinen Tieren anlegt, fange ich bei ihm an!", brüllte Lindor und ging in die Hütte zurück. Einer der Beamten wagte es, ihn zu beschimpfen: -"Das wird Sie teuer zu stehen kommen! Die Pferde waren Staatseigentum!" Lindor wandte sich zu ihnen um, und die Männer wichen zurück, bis sie mit dem Rücken am Zaun anstießen. -" Das Verbrechen geschah in Argentinien. Sie werden viele Formalitäten erledigen müssen", gab er zurück und drehte sich sogleich auf seinen Fersen um; und seine breite, dunkle Gestalt verlor sich im Dunkel der Tür. Er hörte sie weggehen, zu Fuß, sie kamen auf dem schlechten Weg kaum vorwärts, während über den toten Tieren schon die ersten Aasgeier flatterten. Der Tag öffnete seine Helle und seinen Duft in einem Fächer, der von Gottes Hand gehalten wurde. Der nächste Tag erwachte hingegen düster und unheilvoll, als hätte der Wind, der über die sanften Hügel der Pampa fegte, denselben Fächer brüsk geschlossen. In der Luft vernahm man das Lärmen aufgescheuchter Tiere, die Windstöße im Bartgras, das Geschrei raufender Vögel. Lindor hörte nicht, wie sich die Gefolgschaft derselben drei Männer und vier Carabinieri zur Mittagsstunde der Ranch näherten. Er war damit beschäftigt, die prallen Schafe zu scheren. Unteroffizier Lira vom Militärposten Coyhaique Alto fand ihn im Hof vor. Sie kannten sich nur zu gut, schon oft hatten sie gemeinsam Mate getrunken, gespielt oder gegessen, auch teilten sie gemeinsame Erinnerungen an tückische Schneegestöber und an weite Entfernungen. Wie auch der Unterleutnant Fuentealba, vom drei Kilometer entfernten Gendarmerieposten, fühlte sich der Unteroffizier dem bedrängten Ansiedler solidarisch verbunden, obwohl noch nie ein klares Zeichen von Freundschaft an ihm zu erkennen gewesen wäre. Die drei trafen einander üblicherweise auf der angrenzenden Ranch, tauschten dort ihre Männersorgen und Freuden aus. -"Jetzt haben Sie es zu weit getrieben, nicht wahr, Lindor!", beteuerte der Polizist und hob seine Hand zum Gruß an die Mütze. Der Bauer prüfte einen Moment lang die Klinge seines Messers und arbeitete weiter. Doch nach einiger Zeit, als er die schwarzen Lederstiefel nur mehr einen Meter entfernt sah, fühlte er sich zur Antwort genötigt: -" Sie wissen wie viel es kostet, hier eine Kuh groß zu ziehen" Der Polizist hob den Schirm seiner Mütze etwas an. Seine Stimme war sanft und versöhnlich. -"Ja, aber Sie hatten kein Recht, die Tiere der SAG Beamten zu töten...". Lindor richtete sich in ganzer knapper Größe auf. Er streckte sich, um die Wirbelsäule zu entspannen, wobei seine Wirbel krachten. Er drehte sich zum Polizisten um, und da bemerkte er, dass eine ganze Gefolgschaft in den Hof eindrang. -"Das war auf argentinischem Boden", erklärte er regungslos. Der Unteroffizier Lira sah den Bauern an, dessen Gesicht diese Region verkörperte, und er glaubte, zu bemerken, wie sich seine zusammengekniffenen Augen mit Tränen füllten. Tiefe Besorgnis legte sich wie ein bleierner Poncho um ihn, niemals hatte er in seinem Leben so tiefe Trauer an einem Menschen gesehen. In seinen Gedanken zogen die Tage der Grenzkommission vorbei, die er hunderte Kilometer weit eskortieren musste und deren einziges Hindernis das Haus des Bauern gewesen war, das genau in der Mitte des Grenzverlaufs stand. Er erinnerte sich an die Bitten dieses kleinen breiten Mannes, sie mögen ihre Streitigkeiten einige Meter oberhalb oder unterhalb von jenem Platz austragen, der seine Hoffnungen so vieler Jahre beherbergt hatte. Und nicht einmal damals hatte er dieses Wasser in seinen maulbeerfarbenen Augen bemerkt. Die Besucher starrten einander mit verzerrten Gesichtern an. Sie hatten ein fulminanteres und effektvolleres Ende erwartet, nicht dieses lange Schweigen, das ihnen so unbequem wurde wie ein gelockerter Sattel. Der Mann mit dem schmalen Schnurrbart wollte etwas sagen, aber Unteroffizier Lira hinderte ihn daran: -"Die Herren vom SAG... haben Sie die Pferde gesehen?" -"Ja!", riefen alle drei gleichzeitig. -"Und sind ihre Überreste auf derselben Stelle, wo sie gestern zurückgeblieben waren?" -"Ja", antworteten sie abermals. Der Polizist wandte sich zum Gehen, ließ die Peitsche knallen. -"Dann kann man nichts machen. Der Vorfall passierte auf argentinischem Boden..." Und er ging zu seinem verschreckten Grauschimmel, der sich aufbäumte beim Anblick dutzender Aasgeier die sich über die seit dem Vortage aufgerissenen Pferdeleiber hergemacht halten. ˜
Aus dem Buch "Cuentos Bioceánicos", Verlag Universidad de Los Lagos, Chile, 1997.
Übersetzung von Ulrike Hofmann und Christian Fuchs